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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 09.03.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-03-09
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000309022
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900030902
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900030902
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-03
- Tag 1900-03-09
-
Monat
1900-03
-
Jahr
1900
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Größere Schriften laut unserem Preis- verzeichnlß. Tabellarischer und Ziffernsatz nach höherem Tarif. t-xtra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen »Ausgabe, ohne Postbeförderung 60.—, mn Postbesörderung .N! 70.—. ^nnahmeschluß für Anzeigen: Abend-AuSgave: Vormittags 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4 Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je ei» halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Druck und Verlag von E. Polz tn Leipzig Z 125. Freitag den 9. März 1900. 91. Jahrgang, Politische Tagesschau. * Leipzig, 9. März. Da- Schicksal des KleischbcschaugefctzeS bat der gestrige erste Tag der zweiten Pienarberathung des Reichstags des halb noch nicht voraussehen lassen, weil die „ausschlaggebende Partei", das Centrum, eS für zweckmäßig hält, noch nicht Farve zu bekennen, und weil die Vertreter des Bundes- ratbS sich in Schweigen hüllten. Augenscheinlich ist diese Hobe Körperschaft selbst noch nicht zu einem Beschlüsse darüber gekommen, wie sie sich zu den weit über die Vorlage hinaus- gehenden Vorschlägen der Commission und besonders zu dem vielbesprochenen, das Fleischeinsuhrverbot enthaltenden tz 14 stellen soll. UnS wird hierüber geschrieben: „Die Anwesen heit des königl. sächsischen Ministers v. Metzsch dürfte mit um so größerem Rechte mit dem Fleischbeschangesctz in Ver bindung gebracht werden, als in Sachsen durch Gesetz vom l. Juni 1898 eine Fleischbeschau staatlich eingeführt worden ist. Außer Sachsen erfreuen sich, was hervorgehoben zu werden verdient, die südlichen und südwestlichen Gebiete des deutschen Reiches, nämlich Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen, einer geordneten Fleischbeschau, wenngleich letztere für Bayern und Elsaß- Lotbringen nicht einheitlich, sondern für jede» größeren Verwaltungsbezirk durch polizeiliche Vorschriften geregelt ist. Auch in einzelnen thüringischen Staaten, wie Sachsen- Meiningen, Sachsen-Coburg-Gotha, Schwarzburg-Sonders hausen, Schwarzburg-Rudolstadt, und in Len drei Hanse städten findet schon jetzt eine Fleischbeschau statt. Im führenden deutschen Staate dagegen haben bis zur Vorlegung des jetzt im Reichstage berathenen Gesetzentwurfs allgemein giltige Verordnungen zum Schutze für das Fleisch genießende Publicum gefehlt, wenn auch hier und da ortspolizciliche Vorschriften zu dem gedachten Zwecke ergangen waren; nur ein Zweig der Fleischbeschau, die mikroskopische Trichinenschau, ist während der letzten Jahrzehnte in fast allen preußischen Regierungsbezirken eingeführt worden, weil alle Warnungen vor dem Genüsse rohen oder Halbgaren Schweinefleisches bei der Masse des Volkes nichts nützten. Diese thatsächlichen Mittheiluugen über die im Reiche bisher getroffenen Maß nahmen betreffs der Fleischbeschau sind aus dem Grunde von Bedeutung, weil sie einen Maßstab für die Beurtheilung der im Gegensätze zur Regierungsvorlage gefaßten Com- missionSbeschlüsse enthalten, welche die Einfuhr von eingc- pökeltem oder ähnlich zubereiletem Fleisch (mit Ausnahme von Schweineschinken, Speck und Därmen), von Büchsenfleisch, von Würsten und sonstigen Gemengen aus zerkleinertem Fleisch verbieten. Ein solches Verbot kennt die in weiten Gebieten des deutschen Reiches durchgefübrte Fleischbeschau nicht. Trotzdem wird eben diese Fleischbeschau, wie sie in den oben namhaft gemachten Bundes staaten besteht, von sachkundiger Seite als ausreichend anerkannt, vr. RahtS z. B., Geh. Regierungörath und Mitglied des Gesundheitsamtes, nennt im „Handwörterbuch der Staatswisseuschaften" die im Königreich Sachsen bestehende gesetzliche Fleischbeschau „sachgemäß" und die Fleischbeschau, wie sie in Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß- Lothringen vorhanden ist, „geordnet". ES ist nickt abzu sehen, weshalb die weitgehenden Commissionsbeschlüsse die Zustimmung Les BundeSrathS finden sollten, obgleich von keiner Regierung Lcr Bundesstaaten, die schon jetzt der Fleischbeschau sich erfreuen, ein Bedürfniß nach Einsuhroer boten der genannten Art empfunden worden ist." — In der I gestrigen Reichstagssitzung hat der agrarische CentrumS-1 abgeordnete Gersten berger behauptet, hohe Fleisch- preise lägen nicht am Viehmanzel, sondern am Zwischen handel. Eine andere Ausfassung kommt in einer Untersuchung zu Worte, die von einem dem wirthsckaftlickcn Interessen streite fernstehende» Manne, Professor vr. Otto Gerlach in Königsberg, verfaßt ist. Gerlach schreibt im „Handwörter buch der Staatswisseuschaften" in dieser Beziehung u. A. das Nachstehende: „In Len letzten Teceunien ist der relative Flcijchevnsuni erheblich gewachsen, also trotz steigender Preise. Da die Fleischpreise be deutender als die Waarenpreise bis Mitte der 70er Jahre gestiegen sind, so muß bei ihnen ein besonderes Moment einwirken: der steigende Begehr in Europa, welchem die europäische Landwirthschast nicht folgen konnte. Von Mitte der 70er bis zu Beginn der 80 er Jahre haben die Fleischpreise an dem all gemeinen Rückgang der Preise nicht Theil; erst dann beginne» sie und auch dann nicht allgemein und nicht anhaltend zu weiche». Tie Ursachen deS allgemeinen Preisrückganges sind also für das Fleisch nicht wirksam gewesen oder erst zu Beginn des 9. Jahrzehnts wirksam geworden: der Anreiz zur Ausdehnung der Production, welchen die Jahre 1872 bis 74 brachten, die Verbesserung Lcr Transportmittel und die Erschließung neuer Pcoductionsgebiete wirkten auf den Preissall der Maaren seit 1874 hin; für die Fleischproduction und Fleischversorgung kamen diese Momente in den 70er Jahren noch nicht zu: Geltung." Für die Gegenwart gilt unseres Erachtens Las Gleiche. Die im heutigen Morgenblatte mitgetheilte Meldung unseres Berliner Ll-Correspondenten, daß Lieser Tage eine Versamm lung von Notabilitätcu des CentrumS cinmütbig über die Unzulässigkeit der principicllen Bekämpfung der Flottcuvorlage sich verständigt, die die Deckungsfrage sachlich zu behandeln unv eine Dividenden-, sowie eine O.uittuugs- steuer vorzuschlagen beschlossen habe, wird zwar noch von keinem klerikalen Blatte bestätigt, aber andere Anzeichen lassen erkennen, daß die CentrumSfiihrer die Folgen der Agitation eines Theiles ihrer Presse gegen die Flotten verstärkung fürchten, auf eine allmähliche Einstellung dieser Agitation hinzuwirken suchen und gleichzeitig mit der Negierung eine Verständigung über die Deckungsfrage herbei- zufübren trachten. Und Laß die Regierung einer solchen Verständigung geneigt ist, wird heute von den „Berl. Pvlit. Nachr." in einer Weise versichert, die auffallend abstichl von der bisherigen Kühle, mit der dieses Organ die DcckungS- frage behandelte. Selbst von Bedenken gegen die Ver doppelung des Lotteriestempels und von unerläßlichen Vorbedingungen einer solchen Maßregel wissen die „Berl. Polit. Nachr." heute nichts mehr, denn sie schreiben: „Wenn in der Presse darüber geklagt wird, Laß die Regierungen der Bundesstaaten kein Interesse an der Regelung der Deckungs» frage bethätigten, so wird übersehen, daß es den Bundesstaaten und den verantwortlichen Verwaltern ihrer Finanzen nur er» wünscht sein kann, wenn Las Reich durch Vermehrung seiner Ein nahmen selbst der Möglichkeit einer etwaigen starken Spannung zwischen Matricularumlagen und Ueberweisungen bestimmt vor beugt, und es fehlt auch keineswegs an Bereitwilligkeit, in diesem Sinne mit Rath und That mitzuwirken. Die Richtung, iu welcher die Bestrebungen zur Lösung der Teckungsfrage sich zu bewegen habe», ist durch den im 8 8 des Flottengesetzes festgelegte» Grundsatz, wonach bei etwaigem Bedarf an Mehreinnahmen der Verbrauch der großen Massen nicht höher belastet werde» darf, vorgezeichnet. Auch auf dieser Grundlage wird es unschwer gelingen, Mehrein nahmen in der gewünschten Höhe zu erzielen, ohne daß man weit »ach abgelegenen Steuerplänen zu suchen braucht. Tie bereits angeregte Verdoppelung des Lotteriestempels ist durch aus und unabhängig von dem Wunsche gangbar, Mittel und Wege zu finden, um die unleugbaren Mängel in unserem Lotteriewesen abzustellen. Auch die sogenannte Börsensteucr kann unbedenklich noch erheblich ertrag, reicher gestaltet werden. Darüber lassen die seit 1894 gesammelten Erfahrungen keinen Zweifel. Ferner enthält unser Zolltarif eine ganze Reihe von Positionen, welche ausschließlich Gegen- stände des Ge- oder Verbrauchs der reicheren Minderheit uuseres Volkes betreffe». Eine Erhöhung dieser Zollsätze würde nur die stärksten Schultern treffen, daher durchaus mit dem Grundsätze des ß 8 des Flottengesetzes vereinbar und auch sonst ganz unbedenklich sein. Die stärkere Inanspruch nahme dieser Steuerquellen dürfte in wenigen Jahren selbst die Möglichkeit einer lästig hohen Spannung zwischen Matriknlorumlagcn und Ueberweisungen in Folge der Flottenverstärknug ausschließen." Diese Vorschläge scheinen allerdings mehr an die Adresse der conscrvativcn Partei, als an die des CentrumS gerichtet zu sein, aber es ist ja begreiflich, Laß die Negierung sich gleichzeitig mit beiden Parteien einigen möchte, und auch das Centrum dürfte bereit fein, konservativen Wünschen Rechnung zu tragen, wenn sie nicht so ausschweifend sind, wie die vor gestern von uns mitgcthcilteu und besprochenen der „Kreuzztg.", die selbst daS Entzücken Lcr socialLemokratischen Blätter erregen. So wird wahrscheinlich die Dcckungsfrage hinter Len Coulissen schon gelöst sein, wenn die Budgetcommission an die Bcrathung der Flottenvorlage herantrilt. Für selbst verständlich crackten wir eS dabei, raß keine Partei sich daraus einläßt, Steuern auf Vorrath zu bewilligen, sondern die Eröffnung neuer Einnahmequellen nur für den Nothfall vorsieht. Der nunmehr vorliegende Bericht der Commission, welche mit Ausstellung eines Kostenvoranschlages bezüglich der ge planten englischen Arbeiter-Invaliditäts- und Alters versicherung betraut war, begegnet in der Presse einer sehr vorsichtigen Zurückhaltung. Die Kostenberechnung stützt sich aus das dem Schema des Alters- und Invaliditäts- Versicherungsentwurfes zu Grunde gelegte Princip, nack welchem jedes Individuum, das hinsichtlich seiner Berufs- und pecuniären Verhältnisse gewisse Voraussetzungen erfüllt, vom vollendeten 65. Lebensjahre an zum Bezüge einer wöchentlichen Altersrente von mindestens fünf und höchstens sieben Schillingen berechtigt sein soll. Nach dem Unheil der Sachverständigen würde als Folge dieser Maßregel dem Staate eine sofortige Iahresausgabe von über 10 Millionen Pfund erwachsen, die bis zum Jahre 1921 aber schock auf 15 Millionen steigen müßte. Diese Berechnung stützt sich auf amtliches, statistisches Material, aber der Bericht erstatter giebt zu erwägen, Laß, wenn vie Alters- und JnvaliditätSversicherung erst in Kraft stehe, Einflüsse ins Spiel kommen dürften, welche die damit verbundene Belastung der Staatsfinanzen ins Ungemeffene steigern würden, so z. B. daS wahrscheinliche Bestreben vieler Arbeitgeber, bci herannahender Altersgrenze den Arbeitslohn zu reduciren, und die Neigung der Kinder und sonstiger unterstützungS verpflichteter Verwandten alter Arbeiter,sich ihrerAlimentations pflickt zu entziehen. Die Blätter warnen deshalb ziemlich über einstimmend vor einer übereilten Stellungnahme demProjeci gegenüber, daS der Hauptsache nach als ein Sprung ins Dunkle (!) betrachtet werden müsse. Maa wird bemerken, um welch geringfügige Summe es sich hier handelt, im Ver gleich mit den deutschen Einrichtungen, bei denen naö, Verlauf von lO Jahren die InvaliditätSversicherungsanstalt.m allein ein Vermögen von etwa 700 Millionen haben an- sammeln müssen. Gleichwohl erscheinen selbst jene vergleichs weise verschwindenden Aufwendungen der öffentlichen Meinun jenseits Les Canals so bedeutend, daß sie stutzig wird uns Anstand nimmt, dem Plane ihre Zustimmung zu ertheilen. Oer Krieg in Südafrika. —p. Die Strategen an den RedactionS- und anderen Tischen sind sich noch nicht einig über die Bedeutung deS Rückzugs vor Boeren am MoSVcrflust Die Einen sagen: die Boeren sind nicht im Stande, Le» englischen Vormarsch auf Bloemfontein zu Verbindern; das Terrain am Modderslusse ist ungünstig für ihre Fechtweisc, und überdies sind ihnen die englischen Truppen an Zabl sehr überlegen. Die andern — und ihnen möchten wir Recht geben — fragen: wie ist cs nur denkbar, daß die Boeren so ungünstige Stellungen wählten, wie ist es glaublich, daß sie gar nicht mit der Möglichkeit einer Um gehung ihrer Flanken rechneten, und was hat Roberts' Sieg zu bedeuten, wenn er Bloemfontein nicht bereits in seine Hand geliefert hat? Aller Wahrscheinlichkeit nach war eS nicht das Gros der Boeren, das in vollständiger Flucht davon gejagt wurde, sonder» nur ein vorgeschobener Theil der boerischcn Westarmee, der die Aufgabe hatte, die Engländer nur noch weiter ins Innere zu ziehen und so deren Ver- proviantirung aufs Aeußersie zu erschweren. Die Hauptmacht der Boeren unter General Le Wel — dieser, nicht Joubert commandirt am Modder — steht jedenfalls weiter östlich in günstigen Positionen, unter denen der AaSvogel-Kop west nord-westlich von Bloemfontein eine große Rolle jpielen dürfte. In England hatte man sich verschiedentlich von diesem nächsten Zusammenstoß zwischen der britischen Hauptarmec und den Boeren einen durchgreifenden Erfolg versprochen, und wenn man auch nicht geradezu die Hoffnung aussprach, daß es gelingen würde, bei der Gelegenheit eine noch größere Zahl Boeren als bei KoodooSrand gefangen zu nehmen, so meinte man doch: „Jedenfalls werden wir ihnen eine empfind liche Niederlage beibringen und eine große Zahl Gefangene macken." („Standard.") Diese Hoffnung ist nicht ein getroffen. Durchgreifend, so schreibt auch die „Köln.Ztg.", ist der taktisch eErfolg des Lords Roberts keines wegs, Leun er hat den Gegner lediglich zur Aufgebung seiner Stellung veranlaßt, und ein strategischer Vorthcil wäre nur dann errungen, wenn eS in der That den Boeren nicht möglich sein sollte, eine neue Position zur Deckung von Bloemfontein aufzunehmen, falls sie überhaupt, was noch Fenilleton. Hans Eickstedt. Roman in zwei Bänden von Anna Maul (M. Gerhardt). Nachdruck verbalen. Einundzwanzig st es Capitel. Am 23. Januar kündigten die Theaterzettel die Erstauf führung von „Eisenkönig", Schauspiel in fünf Aufzügen von E., an. Unter den Ersten, die Abends den Zuschauerraum des Schau spielhaus betraten, waren Herr und Frau Henning. Wally hatte keine Ruhe gehabt, sie hatte noch nie eine Premiere ge sehen — und nun gar ein Stück, dessen Verfasser ein Ver wandter war. Und er hatte es sich nicht nehmen lassen, ihnen die Eintrittskarten mit einigen artigen Worten zuzusenden. Aus gezeichnete Plätze in der ersten Reihe des ersten Ranges. „Hast Du ihm zugetraut, Philipp, daß ein Dichter in ihm steckte? — Gott, wenn ich denke, wie ich ihn heruntergepudelt habe, es ist noch kein Jahr her!" Das leere Haus flößte Frau Wally Schrecken ein. „Himmel, es sind ja keine zehn Menschen drin! Wird denn da überhaupt gespielt werden?" „Alle können es sich nicht leisten, eine halbe Stunde den Vor hang anzugähnen", erwiderte Philipp, von ihren krausen Reden ungeduldig gemacht. „Herrgott, so früh noch! Aber da wollen wir doch lieber noch in die Thcaterconditorei —" „Nein, jetzt wollen wir lieber sitzen bleiben", entschied der Eheherr. Zu Wally's Trost erschienen einige weitere Gäste, es fehlten auch nur noch zwanzig Minuten an sieben Uhr. Sie zählte die Eintretendcn und fand zu ihrem Kummer, daß die oberen Ränge sich zwar füllten, Parkett und erster Rang aber unbesetzt blieben. Endlich fanden sich auch hier Leute ein. Eine Dame, die den Platz neben Philipp hatte, grüßte, und Wally entsann sich, sie bei Gertrud gesehen zu haben, und erwiderte lebhaft den Gruß. Es war eine ältliche Dame mit freundlichem, gescheidtem Gesicht. Sie trug einen dicken, grauen Shawl, den sie abnahm, zusammen wickelte und unter ihrem Sitz in Sicherheit brachte. „Auf diese Weise erspare ich das Garderobengeld", erklärte sie vertraulich. „Ich bin nämlich sehr oft im Schauspielhaus, da ich als Verfasserin einiger Dramen öfters Freibillets bekomme. Heute danke ich aber mein Billet der Liebenswürdigkeit des Ver fassers. Ich kenne Doctor Eickstedt von dem Alsleben'schen Pensionat her. Er kam öfters zu seiner Cousine, Fräulein Pil grim, wo ich ja auch die Ehre hatte, die Herrschaften zu sehen. Ich glaube — unter uns gesagt — die beiden jungen Leutchen waren einander nicht gleichgiltig." „Das habe ich immer vermuthet!" rief Wally. „Gertrud wohnt aber nicht mehr dort." „Nein, auch ich bin ausgezogen", bestätigte Fräulein Stahmer. „Die Baronin gerieth immer tiefer in Schulden, der Schlächter wollte nicht mehr borgen, die beiden Dienstmädchen hatten in Jahr und Tag keinen Lohn erhalten, sogar Vorschüsse gemacht, man mußte täglich auf das Erscheinen des Gerichts vollziehers gefaßt sein." „Schrecklich, wie auf einem Vulkan!" rief Wally höchlich interessirt. „Mir hat die Baronin eigentlich gefallen, sie sah sehr chic aus. Und solch' ein Schwindelwesen!" „Mir that sie auch leid, sie wußte nicht mehr aus noch ein, Gott weiß, wie es mit ihr endet", meinte Fräulein Stahmer. Wally unterbrach sie: „Glauben Sie, daß es voll wird? Wir sind ja verwandt mit Eickstedt, seine Mutter ist meine intimste Jugendfreundin. Da ist es wohl natürlich, daß man ein lebhaftes Interesse nimmt. Ich habe eine wahre Heidenangst, daß gepfiffen wird. Philipp, was fangen wir blos an, wenn gepfiffen wird?" „Wir klatschen", erwiderte Philipp. „Dann erst recht." „Ja, das ist die Hauptsache, daß recht viele Freunde des Autors zugegen sind", meinte Fräulein Stahmer bedeutungsvoll. „Himmel, ja, wenn der Hans nur gehörig für Claque ge sorgt hat!" rief Wally halblaut, von diesem neuen Gedanken gefaßt. „Die Claque, das ist die Hauptsache bei einem neuen Stück, nicht wahr, Fräulein Stahmer?" „Wenn das Stück nichts taugt, wird die Claque es auch nicht retten, sonst wäre die Sache ja sehr einfach", versetzte Philipp. „Es sind in dieser Spielzeit bereits drei neue Stücke durch gefallen", erzählte die Schriftstellerin mit hochgezogenen Brauen. „Die Intendanz hat keine glückliche Hand. Gute Stücke werden zurückgcwirsen, und schwache —" „Ach, ich wollte nur, Hans hätte lieber einen Schwank ge schrieben!" seufzte Wally. „Eine hübsche, lustige Berliner Posse! Darüber geht mir nichts. Lachen thut Jeder gern, wenn er nachher auch nicht weiß, worüber. Wir gehen auch sonst nie ins Schauspielhaus. Höchstens einmal, wenn Lieble und die Fried auftreten. Das Leben ist ernst genug, wozu soll man noch für sein theures Geld traurige Eindrücke aufsuchen. Ob heute geschossen wird, Philipp? Wenn geschossen wird, laufe ich hinaus." „Es ist ja ein Schauspiel, kein Trauerspiel", beruhigte Fräu lein Stahmer. „Ein modernes Stück, glaube ich, auf die Art wie Jbsen's „Stützen der Gesellschaft". Eickstedt ist ja durch und durch Naturalist. Ich wundere mich nur, daß die Hofbühne sein Stück angenommen hat." „Da kommt Gertrud!" rief Wally. „Und richtig, da ist ja auch Hans! — Wie der aussieht!" murmelte sie. „Wie dem zu Muthe sein mag! Lieber vor einer Reihe Kanonenmündungen stehen! Ob denn seine Mutter nicht hier ist?" Der Eckplatz neben Wally war noch unbesetzt, so konnte Eick stedt herankommen, ihr, ihrem Gatten und Fräulein Stahmer die Hand drücken. Gertrud hatte ihren Platz in der zweiten Reihe hinter Philipp. Eickstedt war gleich darauf zwischen den jetzt zahlreich eintretenden Thcatergästen verschwunden. „Die hat auch Angst", meinte Wally, sich zu Gertrud herum wendend, die ihr guten Abend sagte und allerdings nicht weniger bleich und erregt aussah, als der junge Autor selbst. „Gertrud, Du kennst ja das Stück, ist es hübsch? Gertrud, wie geht es nur zu, daß Constanze Eickstedt nicht hier ist?" „Die weite Reise zur Winterszeit —" „Ach, ei"e Mutter scheut doch keine weite Reise, wenn ihr Sohn vor einer solchen Entscheidung steht. Nein, da muß etwas Besonderes —" „Die Herren von der Presst!" flüsterte die Schriftstellerin. „Da, rechts von uns. . ." Das Glockenzeichen ertönte. Balo darauf ging der Vorhang in die Höhe. Seit Hans damals im Restaurant Landvogt die erste Idee seines neuen Stückes aus einem Zeitungsblatte schöpfte, bis zu seiner heutigen Gestaltung auf der Bühne hatte es fast so viele Entwickelungsphasen durchlaufen, wie der menschlich: Embryo vor der Geburt. Die socialen Probleme der Gegenwart hatten stark darauf eingewirkt und wurden in ein neues, interessantes Licht gestellt, das zwar keine Lösung gab, aber doch denkende Köpfe derselben näher bringen mochte. Das tragische Moment lag in dem titanischen Uebermaß der Kraftenfaltung, der ungeheuren Einseitigkeit des Ringens um persönliches Glück und Gelingen, dem die Kräfte e-ner großen Zahl gleicherweise zum Glück erschaffener und danach verlangen der Wesen dienstbar gemacht werden. Der Held steht auf der Höhe des Lebens, auf der Höhe der Erfolg«. Das Geschic hat kein Nein für ihn. Seine industriellen Unternehmungen, mit genialer Kühnheit entworfen, mit Umsicht und Energie Lurcy geführt, schlagen unfehlbar ein, der Reichthum strömt ihm zu, tausende von Existenzen sind von seinem Stern, seinem Willen abhängig. Ein schönes, geliebtes Weib, heranblühende Kinder vollenden den Kreis irdischer Glückseligkeit. Da tritt der Widerspruch in sein Leben. In Gestalt eines verschollenen Jugendfreundes, mit dem er einst — auf der Schule — von den Ideen Lassalle's und Marx' geschwärmt Hai. Das Leben hat die Beiden in entgegengesetzte Richtung geführt. Es hat Erdmann unsanft umhergeschleudert, aber seinen Idealen ist er treu geblieben. Arm und jreundloö durchzieht er die Welt, ein Anwalt und Beschützer der Unterdrückten, Enterbten. Ver lacht und verhöhnt von dem „Eisenkönig", findet er mitleidiges Gehör bei dessen sinniger Gattin Hildegard. Seine hohe, reine Denkweise imponirt ihr, seine entsagungsvolle Beglückung leidenschaft rührt sie tief. Sie kann ihm auch dann ihre Theil- nahme nicht entziehen, als er seine Lehren von Menschen recht und Menschengleichheit ins Volk trägt, als dieselben zum Feuerbrand werden, der ringsum die Arbeiterwelt zur Em pörung gegen ihre Brodherren entflammt. In hartem Kampfe wird der „Eisenkönig" des Aufstandes Herr. Verfolgt und fluch beladen geht der unglückliche Agitator in die Verbannung. Ver dämmt von Allen, nur nicht von Hildegard, seines Besiegers und Todtfeindcs Gattin. Dieser aber steht selbstherrlicher, mächtiger da, als vor dem Streik. Immer ausgedehnter wird der Kreis seiner Unter nehmungen, immer großartiger und bedeutender seine sociale Stellung, immer ergiebiger die Quellen seines Reichthums. Seine Untergebenen schweigen und zittern und trag:» ihr Joch in dumpfer Mutlosigkeit. Aber an seinem Leben nagt der Wurm. Alles beugt sich ihm, Alles unterwirft sich ihm, nur über das Gemüth de? Weibes, das er liebt, vermag er nicht wieder Herr zu werden. Seine Ge - danken sind nicht mehr ihre Gedanken, sein Wille ist nicht länger der ihre. Still und unabwcndlich entfremdet sie sich ihm. Ein unüberwindlicher Gegensatz, ein ewiger stummer Vorwurf wandelt sie an seiner Seite, das neue Evangelium der Bruder liebe, daS der Verbannte in ihr Herz gepflanzt, hegend und pflegend. Lebendiger, als die Anwesenden, weilt der Entfernte in ihrer Nähe, unsichtbar steht er zwischen ihr und ihrem Gatten, ein ewiger, stiller Vorwurf für diesen, ein Maß, an das er mit all' seiner Größe nicht heranreicht. Der Verbannte geht um wie ein Gespenst und schreckt den „Eisenkönig" aus seiner selbstherrlichen Sicherheit auf. Ueberall steht der vertriebene Jugendfreund in seinem Wege, überall wühlt und hetzt er gegen
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