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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 24.10.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-10-24
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19001024021
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900102402
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900102402
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-10
- Tag 1900-10-24
-
Monat
1900-10
-
Jahr
1900
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Ämlsklaü des Königlichen Land- nnd Amtsgerichtes Leipzig, des Rathes und Notizei-Ämtes der Ltadt Leipzig. Mittwoch den 24. Octobcr 1900 Anzeigen-Preis die 6 gespaltene Petitzeile 25 H. Reklamen unter dem RedactionSstrich (4 gespalten) 75 H, vor den Familiennach- richten (6 gespalten) 50 H. Tabellarischer und Zifferniotz entsprechend höher. — Gebühren für Nachmessungen und Ossrrtenannahme 25 H (excl. Porto). Ertra Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgeo-AuSgabe, ohne Postbesörderung 60.—, mit Postbesörderung .ei 70.—. Ännahmeschluß für Anzeigen: Abend-AuSgabe: Vormittags 10 Uhr. Morgen-AuSgabe: Nachmittags 4 Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je eine halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Die Expedition ist Wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis Abends 7 Uhr. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig. 94. Jahrgang. Die Wirren in China. Die militärischen Lperationen. Mit der Besetzung von Paotingfu scheinen die militärischen Operationen der fremden Truppen in Cbina vorläufig beendet zu sein, zumal die Chinesen selbst alle Zusammenstöße mit den Fremden zu vermeiden suchen. Für den Oberbefehlshaber giebt eS also nicht viel zu thun und ans englischer Quelle wird auS Peking gemeldet, Graf Waldersee habe selbst gesagt, er sehe den Feldzug als beendigt an und erwarte, bald zurückbcrufen zu werden. Erkrankung Waldersce'S. Der Correspondent der „Daily Mail" in Peking tele- arapbirt, daß Gras Waldersee an einem leichten Dysenterieanfall leide, doch sei Hoffnung auf seine baldige Genesung vorhanden. Der Obcrstcommandirende habe sich durch seine zuvorkommende, aber dabei doch feste Haltung an der Elsüllung seiner Pflichten „goldene Meinungen" gewonnen. Da nun auch der neue deutsche Gesandte in Peking eingetroffen ist, wird die diplomatische Vertretung Deutschlands vollständig von diesem besorgt werben. Wieder ein Brief Kaiser Kwangsü'S. Die „Agenzia Slefani" meldet: Der auch in Rom be glaubigte chinesische Gesandte in London ist vom Kaiser von China beauftragt worden, dem König von Italien eine Botschaft zugcben zu lassen, in welcher der Kaiser sich zunächst nach der Gesundheit des Königs von Italien erkun digt, und dann sagt, Cbina habe den befreundeten Mächten gegenüber durch eine unbesonnene Bewegung Schuld auf sich geladen. Der Kaiser hege die Zuversicht, daß die Strafe hierfür keine übertriebene sein werde, und bitte den König von Italien, sich zum Zweck' der Beseitigung der Schwierig keiten und des schnellen Abschlusses eines Friedensocrtrages mit den übrigen Mächten ins Einvernehmen zu setzen. Schließlich versichert der Kaiser den König von Italien seiner unbegrenzten Dankbarkeit. Tie Fricvensverhandlungen. Eine in New Dock eingelroffene Depesche des „Reuter'schen BureauS" aus Peking vom 2l. October meldet: Das Dalum der Conferenz der Gesandten mit Tsching und Li-hung-lschang ist noch unbestimmt. Einige Gesandten sind noch ohne In structionen, zwei Gesandten sind abwesend und einer ist krank. Mit dem Letzteren ist wohl der französische Gesandte Plchon gemeint. Trutsch-englisches Abkommen. Die „Pol. Corr." berichtet aus Petersburg, man sei erstaunt über das Mißtrauen der englischen und amerika nischen Organe gegen Rußland, daS stets an seinem Programm festgehalten habe. Dieses Programm sei: Mög lichste Begrenzung und rasche Beendigung der chinesischen Wirren unter Erkaltung der territorialen Inte grität Chinas und Ausschluß von Experimenten, die dem Bestände der Dynastie oder dem Reichszusammen- hanz gefährlich werden könnten. Die Rückkehr des russischen Gesandten v. Giers nach Peking bekunde, daß Rußland nicht daran denke, seinen Platz im Concerte der intervenirenden, Mächte zu räumen. Nach der kaiserlichen Kundgebung dürfe > auch bezüglich der Mandschurei niemand bezweifeln, daß I Rußland nicht über die gemeinsamen Ziele, nämlich die I Sicherung der factisch schon vorhandenen Interessen binauS- gehen werde. Demgemäß sehe man in den Grundsätzen des englisch-deutschen Abkommens nur die Bekräftigung der russischen Grundsätze und werde e» mit Befriedigung be grüßen, wenn durch den Beitritt aller Mächte das Mißtrauen des chinesischen HofeS gegen die Absichten Europas gebannt und dadurch den friedlichen Einflüssen in China eine sehr nützliche Verstärkung verschafft würde. Auch anderweitige Nachforschungen der „Pol. Corr." bekunden einen günstigen Verlauf der lebhaft gefübrten Verhandlungen der Mächte, sodaß der Beitritt aller Mächte zu den deutsch-englischen Abmachungen und als praktische» Ergebniß die Ertheilang übereinstimmender Weisungen an die Vertreter in Peking zu erwarten sei. Unrichtig ist jedoch, wenn gemeldet wirb, der Beitritt Rußlands zu dem deutsch-englischen Abkommen sei bereits erfolgt. AuS London wird uns berichtet: Ein angesehenes Mit glied der hiesigen japanischen Colonie machte einem Londoner Berichterstatter folgende Mittheilung: Man darf als sicher annebmen, daß die japanische Negierung auf eine Einladung Deutschlands hin sofort dieser Abmachung beitreten wird; aber nur deshalb, weil Deutschland augenblicklich in China über die Machtmittel verfügt, eine Verletzung der in dem Uebereinkommen ausgesprochenen Grundsätze auck that säch lich zu verhindern. Dagegen hatte die japanische Re gierung vor zwei Monaten abgclehnt, eine fast gleichlautende Vereinbarung mit der englischen Regierung zu treffen, da sich die Letztere nickt dazu versieben tonnte, genau anzugeben, welches Machtaufgebot sie nöthigenfallS zum Schutze der Convention zur Verfügung stellen werde. Von englisckcn Blättern beurtheilt die „Times" da» Ab kommen am Nüchternsten. Sie mackt in ihrem leitenden Artikel den ihr von ihrem Berliner Vertreter telegraphirten Titel, den die „Nordd. Allg. Ztg." ihrer Veröffentlichung des Abkommens gegeben bat, nämlich „Deutsch-Englischer Noten wechsel" zum Grundmotiv ihrer Kritik, und argumentirt sehr richtig, daß durch das Abkommen keinerlei Aenderung dec politischen Lage gegeben wird, uno daß insoe,andere die traditionellePolitikdeSKaisers gegen Rußland auch nicht im Gedanken eine Aenderung erfahren werde. Weiterhin warnt die „Times" davor, dem Abkommen mehr Bedeutung beiznlegen, als es besitzt, und erklärt, nicht zu verstehen, wie eS mit solchem Erstaunen und solcher Ucber- raschung ausgenommen werben konnte. Sie erwähnt mit keinem Worte des Umstandes, daß die Situation Englands in Cbina durch daS Uebereinkommen mit Deutschland wesent lich gestärkt ist, dagegen macht ihr Berliner Berichterstatter folgende Bemerkungen über den Eindruck, den der Noten wechsel auf die Beziehungen Deutschlands zu Ruß- land haben würde: „ES ist fast gewiß, daß daS Abkommen diese Beziehungen verbessern wird und daß eS speciell zu diesem Zwecke gemacht wurde." Durch dasselbe werden spanische Erwerbungen in China unmöglich gemacht. Aber, was wichtiger ist, Deutschland» Stellung wird erheblich stärker Rußland gegenüber. Rußland wird, wenn eS seine Zu stimmung zu dem Vertrage, und mutatw mutauäis auch zu zu Absatz 3 giebt, in Bezug auf die Beziehungen Deutsch lands zu England ebensogut abschneiden, als seiner Zeit, wo bei den Beziehungen Deutschlands und Oesterreichs Bismarck s geheimer Rückversicherungsvertrag in Kraft war. Stimmt Rußland dem Abkommen nicht bei, so wird Deutschland doch in Ucbereinstimmung mit der traditionellen Politik, die es immer gegen Rußland befolgt, privatim dafür Sorge tragen, daß Rußland, so lange es sich Deutschland gegenüber gut beträgt, nichts zu fürchten haben wird. Eine Verdächtigung Oesterreichs. Der Wiener Correspondent des „Standard" hat seinem Blatte melden zu müssen geglaubt, Graf Goluckowski fühle sich durch die tbatsächlichen und möglichen Dimensionen der chinesischen Wirren beunruhigt. So sehr er der deutschen Politik jeden Erfolg wünsche, könne er als Minister des Aeußern eS Loch nicht gerne seben, daß die leitende Drei- bundliiacht Tausende von Meile» fern von Europa in einen Conflict verwickelt werde. An dieser Meldung de» eng lischen Blattes ist, wie der „Post" auS Wien berichtet wird, nur das Eine wahr, daß Graf Goluckowski aufricktig den Erfolg der deutschen Politik in China wünscht und durch bundessreundliche Unterstützung zu fördern sucht. Namentlich die letzten Vorschläge ter deutschen Regierung sind vom Grafen GoluchowSki als die besten begrüßt worden und als die einzigen, die zu einer befriedigenden Lötung führen können. Von einer Beunruhigung des Wiener CabinetS wegen der chinesischen Wirren ist nie die Rede gewesen. Wir entnehmen einer uns freundlichst zur Verfügung ge stellten amerikanischen Correspondenz aus Peking folgende Einzelheiten über die Ermordung des Barons von Krittler, welche unsere Mittheilungen zu ergänzen geeignet sind: Die unglücklichste Person von Allen, welche die Drangsale und Schrecken der Belagerung von Peking zu erleiden hatten, war unzweifelhaft die junge Baronin von Ketteler, obgleich ihr die wärmste Theilnahme von allen Seiten zukam. Frauen, deren Männer vom Feinde erschossen waren, Mütter, die ihre Kleinen wegen Mangel an frischer Luft und geeigneter Nahrung dahin- sicchen sahen, Herzen, die in ihrem eigenen Weh brachen. Alle hatten sympathische Thränen für das Weib, welches ihren ge liebten Mann als Opfer für die Belagerten in Peking hergeben mußte. Es wag von Vielen bestritten werden gewisse Diplo maten werden cs emphatisch verneinen, aber die Thatsache stehtfest, daßdieMeisten derAusländer in Peking nicht im Geringsten daran zweifeln, derToddesBaronsv. KettelerseidieRettung Aller gewesen. Am 19. Juni um 4 Uhr Nachmittags erhielten die fremden Gesandtschaften vom Tsung li Namen Anweisung, daß man von ihnen erwartete, sie würden sich unter dem Schutze von chine sischen Militärs binnen 24 Stunden aus Peking entfernen. Baron v. Ketteler war der einzige unter den Gesandten, welcher dieser Botschaft mißtraute und sie für keinen Beweis chinesischer Aufrichtigkeit und Auslegung der internationalen Rechte hielt, der französische Gesandt« Pichon, Sir Elaude Macdonald und selbst Conger stimmten für den Auszug, aber Baron von Ketteler be fürchtete chinesischen Verrath und allgemeine Niedermetzelunq, sobald die Fremden außer den Thoren Pekings im freien Lande den blutigen Boxerschaaren und dem ganz unzuverlässigen Militär preisgegeben wären. Denselben Abend sagte er bei Tische: „Ich mag nervös, oder überarbeitet oder sonst etwas sein, aber ich habe eine Vorahnung von Unheil, sollten wir die Stadt verlassen." Am nächsten Morgen, am 20., stand er auf mit dem festen Entschlüsse, beim Tsung li Damen gegen diese Maßregel Protest cinzulegen. Tapfer und unerschrocken wie immer, machte er sich auf den Weg, nur in Begleitung seines Dolmetschers, Herrn Cordes, sie benutzten die Tragstühle, die bei allen officiellen Be suchen zwischen den Gesandten und den Landesbehörden in Gei brauch sind. Ehe er, ungefähr um 10 Uhr Vormittags, das Haus ver ließ, küßte er seine zärtlich geliebte Frau zum Abschied, kam noch einmal zurück zum letzten Lebewohl, und sagte: „Sei nicht bange, wenn ich länger ausbleibe, vertraue darauf, daß ich Erfolg habe und daß die Behörden mir Gehör geben werden." — Er erreichte den Damen nicht, ehe er noch zwei Drittel des Weges zurück gelegt hotte, wurde er von denselben chinesischen Soldaten er schossen, die als Escorte für die nach Tientsin ausziehende Fremdencolonie dienen sollten. Herr Cordes wurde auch am Bein verwundet, trotzdem rannte er vor, blickte in die Sänfte des Barons und fand ihn schon todt mit klaffenden Wunden. Dann floh er zurück unter einem Hagel von Geschossen und ge langte glücklich in eine enge Seitenstraße, er wußte, daß die Methodistenmission dort in der Nähe gelegen war, aber Niemand wollte dem Flüchtling auf seine hastigen Fragen Antwort geben. Ein alter Haussier mit Brodwaaren wagte nicht zu ihm zu sprechen, aber in seinen Brodausrufcn sang der fchlaueAlteihm'dieRichtungnachderMission z u. Cordes wandte sich nördlich anstatt südlich, aber sogleich sang der Alte wieder „südlich". Ganz er schöpft rannte Cordes nun in südlicher Richtung und fiel ohnmächtig an der nordöstlichen Barricade der Methodisten- Mission zusammen, dort hatten sich alle amerikanischen Missio nare aus Peking und Tung Chor, über siebzig Seelen, verschanzt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde der Ermordung des deutschen Gesandten unter der ganzen ausländischen Bevöl kerung. Der amerikanische Gesandte Conger hatte Befehl er- theilt, daß sich die Missionare für den Marsch nach Tientsin am Nachmittag fertig machen sollten, aber die Ermordung des Barons Ketteler hatte mit einem Schlage die Augen der Ge sandten geöffnet, sie schauderten vor dem Gedanken des geplan ten Auszuges, und einstimmig war es beschlossen worden, den Komplex der englischen Gesandtschaft als Rettungsasyl für Alle in Vertheidigungszustand zu setzen. Die Welt hat noch nicht viel davon gehört, aber Ehre, Dank und öffentliche Anerkennung gebührt dem Andenken des Barons v. Ketteler. Jetzt wissen wir Alle, was dazumal nur Wenige ahnten, daß die gesammten Ausländer und die chinesischen Con- vertiten außerhalb der Thore Pekings massacrirt worden wären, entweder auf kaiserliche Ordre oder mit stillschweigender Ge nehmigung der Behörden, und dieses Blutbad ist der Welt nur durch den Tod Les Barons v. Ketteler erspart worden. Warum war ein solches Opfer nöthig nach Monaten von diplomatischen Hinterschlichen und Verschleppungen, ehe die Gesandten zur Ein sicht kamen, daß in einer solchen Krisis chinesischen Worren kein Vertrauen zu schenken ist? Die unglückliche, edle Frau hat Tage und Nächte des tiefsten Jammers, des wildesten Schmerzes verlebt, oft befürchtete sie, daß ihr Mann nur verwundet, als Gefangener in den Händen des Feincds sein möge, eines Feindes, der seine Opfer aufs Scheußlichste martert, und selbst wenn er todt, daß seine Leiche verstümmelt sein würde. Der Schmerz ist ihr erspart, denn außer der Todeswunde ist der Leichnam unversehrt aufgefunden worden. Nicht allein ist ihr trauerndes Herz durch den Ge danken gestärkt, daß ihr Todter christlich beigelegt worden rst, sondern vielen, vielen Anderen ist die ehrenvolle Bestattung des Barons v. Ketteler eine tröstende Genugthuung. Sein Tod durch mörderische Hände der kaiserlichen Soldaten rettete wohl tausend Seelen vor einem schrecklichen Tod-' FenLlletsir» Der Bundschuh. Roman von Woldemar Urban. N-Ldruck »eriot«!. Endlich kam Bartel, und Edelinde setzte ihm so kurz und klar wie möglich die Lage auseinander. Bartel hatte sich früher einmal gerühmt, daß ihn nichts ver blüffen könne, als ihm aber die junge Edeldame jetzt das Ge fährliche ihrer Lage auseinandersetzte, wurde er doch um einen Schein bleicher. Die Verantwortung, die er trug, siel plötzlich schwer auf sein Gewissen. Als er aber gleich darauf wieder in die Schenke trat, hatte er wieder das alte, sorglos vergnügte Gesicht mit den kleinen, weinseligen Augen. Er, der Diplomaticus von Rappoltsweiler, sollte sich von vier halbbetrunkenen Bauern ins Bockshorn jagen lassen? Das war unmöglich. Aber die Lage war zu ernst, um ihn nicht nachdenklich zu machen. Besonders ein Punct machte ihn bedenklich. Er konnte ja die vier Aufpasser festnehmen, in irgend einen Winkel werfen, sie knebeln und weiterziehen, oder er konnte sie mit auf die Burg nehmen — zwangsweise, um jeden Verrath unmöglich zu machen. Aber alles das war ge fährlich. Bartel scheute sich, Gewalt anzuwenden, um nicht Ge walt zu provociren. Schließlich mußte alles das dahin führen, daß der Bauernhaufen erfuhr, was vorgegangen war, und so wenig Bartel das wünschte, so wenig wollte er auch Anstoß oder Ursache zu ferneren Gewaltthätigkeiten geben. Nicht körperlich, sondern geistig wollte Bartel die vier Kundschafter knebeln, so daß die Erinnerung an die Vorgänge in der Klosterschenke in ihnen ausgelöscht war, wenn sie wieder — nüchtern wurden. Als er nach der Schenke zurückkehrte, wollte gerade einer der Bauern fortgehen. „Wohin, Freund?"" rief ihn Bartel an. „Es ist Zeit", antwortete der Mann. „Ich muß gehen." „Ein Glas noch. Ei was, nur keine Redensarten. Du weiß! doch, daß ehrliche Deutsche immer noch ein GlaS trinken, ehe sie gehen. He, Anselm, eine neue Kanne. Kein Wort. Wer weiß, was morgen kommt. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. Ein lustig' Lied noch. He? Wo ist der Wein? Schafft Wein her. Der Kaiser Carolus soll leben. Ein Hundsfott, wer seinen Becher nicht leert." Bartel war voller Muth und Laune. Bier Bauern unter den Tisch zu trinken, war für ihn keine so große Aufgabe. Er hätte dem Bauer eher den Schädel eingeschlagen, als ihn fortgelassen, aber schließlich war eS doch besser, daß dieser den Becher, den ihm Bartel vorhielt, nahm und dieser sich wieder hinsetzte. „Ja wohl, ein lustig' Lied. Wir wollen singen", brummelte einer der übrigen Bauern, „aber was Neues muß eS sein." „Der liebste Buhle, den ich Han, — Der liegt beim Wirth im Keller", — gröhlte ein Anderer. „Das ist nichts", schrie wieder Jemand dazwischen, „das ist alt. Wißt Ihr nichts Neue»? Ei, was treibt Ihr denn die ganze Zeit in Euren Städten drinnen, wenn Ihr keine neuen Liedlein macht?" „Halt", 'sagte Bartel, „aufgepaßt. Ein funkelnagelneues Lied." Wein her, Schwerenoth, und die Becher gefüllt. Und daß Ihr den Schlußreim kräftig mitsingt. Schlaft nicht, Hastolf. Pfui, wer wird beim Wein schlafen. Jetzt still. Die Guitarre her. Ruhe!" Damit stieg Bartel mit komischer Grandezza auf den Tisch und begann mit drolligen, unwiderstehlich komischen Gesten zu singen: Was haben denn die Gäns' gethan, Daß soviel müssen's Leben la'n, Die Gäns' mit ihrem Ladern. Da-da, da-da, da-da, Mit ihrem Geschrei und Schnadern, Da-da, da-da, da-da? Sanct Martin han's verrathen, Darumb thut man sie braten. Unter allgemeinem Geschrei und Johlen und Lachen sang man den Endreim und Bartel fuhr mit wichtig-komischen Grimassen fort: Ist'» wahr, daß die verrathen Han Sanct Martinum, den heiligen Mann, Die Gäns' mit ihrem Ladern, Da-da, da-da, da-da, Mit ihrem Geschrei und Schnadern, ' Da-da, da-da, da-da? Fort mit den Gänsen, hin ist hin. Da» Ladern hat ja keinen Sinn. Beim süßen Most und kühlen Wein, Vertreiben wir ihnen das Ladern fein, Der dummen Gänse Dadern, Da-da, da-da, da-da, Und ihr Geschrei und Schnadern, Da-da, da-da, da-da Und dadern «rst die Gäns' nicht mehr, So dadern wir dann hinterher > Da-da, da-da, da-da. Das Singen machte Durst, und die Bauern, denen es nicht alle Tage so gut gehen mochte, machten von der wohlfeilen Zeche einen Gebrauch, der Bartel seine Mühe verkürzte. Eine allge meine rosige Bezechtheit wurde in der Klosterschenke bemerklich, nur mit dem Unterschiede, daß sie bei Bartel fingirt, bei den Uebrigen aber echt war. Zwei der Bauern nickten schon mit dem weinschweren Kopf auf den Tisch, als Bartel, unermüdlich in allerhand Schwänken und Schnurren, eine jener endlosen Bandwurmgeschichten anfing, wie sie damals zur Kurzweil von Mund zu Mund gingen und denen kein munteres Auge trotzt. „In der Affenzeit", so erzählte Bartel, „lebte zwischen Rom und Neudietendorf ein Mann Namens Kost. Der hatte drei Söhne Namens Post, Lost und Most. Der erste war blind, der zweite lahm, der dritte nackt. Die gingen auf die Reise. Der Blinde sah einen Hasen, der Lahme fing ihn und der Nackte steckte ihn in die Tasche. Dann kamen sie an ein Meer, wo drei Schiffe lagen, das eine war leck, das andere Wrack und das dritte hatte keine Boden. In dieses stiegen sie ein. Der erste versinkt, der zweite ertrinkt und der dritte geht unter und kommt in einen großen Wald. Da findet er einen dicken Baum. In dem Baum ist eine Capelle, in der ein buchsbaumerncr Priester und ein hagenbuchener Küster Weihwasser mit Knüppeln austheilen —" Bis in die Unendlichkeit erzählte Bartel seine Bandwurm geschichte. Von Zeit zu Zeit lachte noch einer der Bauern bei den handgreiflich groben Späßen Bartel's, dann aber wurde es stiller und stiller. Nur ein leise rasselndes Schnarchen klang durch die Schenke. Die Bauern lagen sammt und sonders unterm Tisch. Da erhob sich Bartel leise und winkte den Landsknechten zu „Auf einen richtigen Elsaßer Bauern gehen vier Rechtsge lehrte", sagte er triumphirend, „aber der Diplomaticus von Rappoltsweiler trinkt vier Bauern untern Tisch. Fort. Der Kitterlin hat seine Schuldigkeit gethan. Sie werden vor nächster Woche nicht wieder nüchtern, und dann wissen sie nichts mehr von dem, was hier passirt." In aller Stille brach man auf. Drei Stunden später hielt man vor der Burg Hohnack, die hoch auf steilem, fast unzugäng lichem Felsen stand. Auf versteckten Felswegen, die Pferde hinter sich herziehend, keuchte man im Schweiße seines Angesicht» die steil« Höhe hinauf und hielt bald darauf vor der Zugbrücke, die eine Schlucht, die sie noch von der Burg trennte, überbrückte. Bartel stieß dreimal ins Horn, und auf dieses verabredete Zeichen rasselte die Brücke hernieder. Edelinde und Friedel athmeten hoch auf. Sie glaubten der Gefahr entronnen und hinter den grauen Mauern der Burg in Sicherheit zu fein. Auch Anna Alexandrina stieg aus der Sänfte aus. Sie hatte auch jetzt noch keine Ahnung von der Gefahr, in der sie geschwebt. „Und Veit?" flüsterte Friedel, sich ängstlich an Bartel heran drängend. „Nur still. Ehe die Nacht sinkt, ist er da", antwortete dieser. Zweites Buch. I. Es war eine stürmische Nacht. Schwere, dunkle Regenwolken jagten wie Wotan's wilde Jagd über den Wasgen-Wald hin. Ein wilder, stoßweiser Südwest fauchte über Berg und Thal, durch den schwarzen Tann, schlug die Wipfel der Bäume aneinanLcr, so daß das dürre Holz krachend und prasselnd zu Boden brach. Von Zeit zu Zeit drang das Geheul hungriger Wölfe durch das Wüthen des Sturmes, und obgleich schon dem Morgen nahe, durch - drang doch noch kein Dämmerschein die dicken Wolkenmaffen des Ostens. Dor der Höhle 'des Einsiedlers, der unter dem Namen Fra Domenico im Volke bekannt war, und seit Jahren im Wald: unter der Giersburg hauste, standen trotz Sturm und Regen zwei Männer. Einer von ihnen war Fra Domenico selbst, der Andere, ein hochgewachsener, breitschulteriger Mann mit grauem Bart und langem, dunkekm Mantel, der fast wie eine Mönchskutte von seinen herkulischen Gliedern herniederfiel. Auf dem Haupte hatte er einen steifen, breitkrämpigcn Filzhut, in der Hand einen langen, oben gekrümmten Stab, an dem eine Trinkflasche befestigt war. „Lebt wohl nun, Bruder Freischöffe, der Tag bricht an, und ich muß weiter", sagte letzterer zu Domenico. „Habt Lawt für die Bewirthung und den Unterschlupf zur Nacht und rechnet in gleicher Weise in meiner Behausung darauf." „Verzieht noch, Bruder Klaus, es ist noch finster, und Euer Weg beschwerlich", erwiderte Domenico, und Beide setzten sich auf eine Steinbank am Eingänge der Höhle. „So sei's. Noch eine kurze Rast, mein Weg ist ohnehin weit und gefährlich genug." „Ihr geht in's Ried hinab?" „Ich gehe, wo das Verbrechen schleicht und die heilig« Fehme mir befiehlt, zu gehen. Haltet auch Ihr wohl Wacht, damit in unserer finsteren Zeit, in der Gewalt und Verbrechen trotziger wie je das Haupt erheben, nicht auch noch der letzte Rest unserer alten Gerechtigkeit zu Grunde geht. Wie ein höllische- Feuer bricht der Bundschuh in allen Theilen deS deutschen Reiches, in Ungarn, im Welschland, auS dem Boden hervor, und es geschieht viel Un recht und Verbrechen." „Es sind die VolkSversiihrer, die —"
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