Suche löschen...
02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 10.02.1905
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1905-02-10
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19050210025
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1905021002
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1905021002
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1905
-
Monat
1905-02
- Tag 1905-02-10
-
Monat
1905-02
-
Jahr
1905
- Links
- Downloads
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
BezuaS-PreiS ki der Hauptrxpedition oder deren AuSqake« stellen abgeholt: vierteljährlich 3.—, bei zweimaliger täglicher Zustellung InS Hau» 3.7b. Durch die Post bezogen für Deutsch. land u. Oesterreich vierteljährlich 4.Ü0, sür dir übrigen Länder laut Zeitung-vreisliste. riest Rnmmer kostet aus allen Bahnhöfen und III bei den Zeitungs-Berkäufern I * Revattion und s-r»e»tttoiu 1Ü3 Fernsprecher LLL Jobanntsgasse 8. Hau-t-Ftltale Dresden: Marienstraße 34 (Fernsprecher Amt I Nr. 1713). Haii-t-Filtale Berlin: CarlDuncker, Hrrza l.Bayr.Hosbuchbandlg^ Lützawslraße lO (Fernsprecher Amt VI Nr. 46O3>. Nr. 75. Abend-Ausgabe. KtWiger Tageblatt Amtsblatt des Königl. Land- und des H'önigl. Amtsgerichtes Leipzig, -es Nates und des Nolizeiamtes der Ltadt Leipzig. --'--.-7- . -- - -15-.—-- - Freitag den 10. Februar 1905. Anzetgen-PreiS die t-gespaltene Pctitzeile 25 Familien- und Stellen-Anzeigen 20 Finanzielle Anzeigen, Geschäst-anzeigen unter Text ober an besonderer Stelle nach Tarif. Die 4 gespaltene Reklamezeile 76^- Annahme,chluh sür Nnieigen. Abend-Ausgabe: vormittag» 10 Uhr. Morgen-AuSgabe: nachmMag» 4 Uhr. Anzeigen sind stet» an dir Expedition zu richten. Extra-Beilagen (nur mit der Morgen- Ausgabe- nach besonderer Bereiubarung. rte Expedition ist wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bi» abends 7 Uhr. Truck und Verlag von G. Polz in Leipzig (Inh. Ur. B.. R. <L W. Kliukhardt). 98. Jahrgang. Va» Wcdtigm vom Lage. * Tie Pacht der Leipziger städtischen Theater ist nun mehr bis zum Jahre 1909 der Witwe des verstorbenen (Zeh. Hofvats Staegemann überlassen worden. Die Oper wird Professor Ni lisch, das Schau- spiel Direktor Volkner leiten. (S. Leipz. Angel.) * Bei dem großen Crimmitschauer Textil- arbeiterstreik hat die Streikkasse einen Ueber - schuh von 77 645 Mark erzielt. (S. Deutsches Reich.) * Ter Ausstand der Pariser Elektrizität s- arbeiter, den man für beendigt hielt, nimmt an Ausdehnung zu. (Siehe Ausland.) 'In Petersburg haben die Verhandlungen des Direktors üerPutilowwerke mit den Arbeitern zu keiner Einigung geführt. Infolgedessen begann heute morgen 9 Uhr abermals der Ausstand, der sich auf andere Fabriken ausdehnen dürfte. * Aus Sosnowice wird uns gemeldet, daß die Zahl der gestern durch Militär getöteten Per sonen gegen 50 betrage. Lur Lsnätagrvsbl in Leiprig-Magmir-llinckrnau. Auf konservativer Seite hatte man es in Leipzig mit einer Kandidatur für den Wahlkreis des Herrn Geheim rat Schobers sehr eilig. Schon nu Dezember rief man Herrn Reihmann-Plagwitz zum Kandidaten aus. Tas geschah allerdings nicht ohne Widerspruch, denn ein Teil der konservativen Gesolgsckastler, namentlich die „Deutsch-sozialen Reformparteiler" murrten, iveil sie bei der Kandidatensache nicht nach ihrer Meinung gesragt worden ivaren. Auch die Tatsache, daß Herr Rrißma -.n j bis vor kurzem noch zum nationalliberalcn Landesvereiu ' gehörte, nar bekannt geworden und erregte einige Vcr- j stimmung, frug man sich doch, ob die Eröffnung der Aus sicht auf eine Kandidatur nicht etwa die Ursache zu diesem Wechsel der politischen Marke gewesen sein könnte. Eine Verständigung mit den Nationcüliberalen war von l«m Führer der Konservativen, Herrn Prof. Stessen nicht versucht worden. Man freute sich offenbar daluuf, das Mandat aus dem Zusammenbruch des Kartells als wert- volles Erbstück ohne weiteres in Beschlag nehmen zu können und machte sich keine Gedanken darüber, daß vor der Wahl des Herrn Schober der .kreis zu dem liberalen Besitzstand gehörte. Wenn neuerdings der Vorstand des konservativen Vereins ferne Politik im Gegensatz zu dem Verhalten der Nationalliberalen als besonders maß- voll und friedfertig hinstellt, so stimmt das also mit dem Vorgehen in Leipzig-Plagwitz nicht gut überein, denn wenn auch von feiten der nationalliberalen Parteifüh rung nach dem Verfall des Kartells selbständiges Vor gehen bei den Land tag strahlen empfohlen wurde, so ist doch in dem offiziellen Organ der Partei, in der „Lächs. Nat.-lib. Korresp." ausgeführt worden, daß diese Lösung da, wo die politische Einsicht eine Verständigung gebiete, freie Vereinbarungen nicht hindern solle. Tatsächlich ist es auch diesmal in einzelnen Wahlkreisen zu solchen Ver einbarungen gekommen. Hiernach hat es die nationalliberale Partei ihrerseits nicht an Friedfertigkeit fehlen lassen, und wenn sich in der letzten Zeit in den Auseinandersetzungen mit der konservativen Presse der Ton verschärfte, so liegt dies einfach daran, daß die nationalliberale Partei Selbst erhaltungstrieb genug besitzt, um sich ihrer Haut zu weh ren. Es ist das doch das Mindeste, was sie sich selbst schul dig ist. Aus diesem Grunde war sie auch verpflichtet, t ihren Anspruch auf das Rkandat von Leipzig-Plagwitz durch eine eigene Kandidatur zu erneuern. Dock, dieser i Grund war nicht allein entscheidend. Aus dem Wahl kreise selbst erging an sie die Aufforderung, eine Kandi datur aufzustellen, und zwar ivaren es in erster Linie dortige I n d u st r i e l l e, die gegen eine konservative Vertretung Einspruch erhoben und eine Persönlichkeit verlangten, die eine Gewähr für praktische politische Arbeit biete. Die konservative Partei behauptet nun zwar, sie verstehe es vortrefflich, ihr volles Herz den Liebesansprüchen der Landwirtschaft und den Forde rungen der Industrie in gleicher Weise zuzurvenden, sa sie hat erst jüngst die industriellen Mitglieder der kon- servativen Fraktion zur Beseitigung jedes Zweitels ver anlaßt, „vor dein Lande" laut zu bezeugen, daß die In dustrie bei ihr nicht zu kurz gekommen sei, dennoch hat sich nun einmal in industriellen Kreisen ein deutlick>es Mißtrauen trotz aller Beteuerungen festgesetzt, und wenn jemals eine politische Botschaft schon durch die Schwächlichkeit ihrer Form ihren Zweck verfehlen mußte, so gilt dies von dieser papiernen Selbstbelobigung der konservativen Partei. Diese merkwürdige Erklärung, die so ungeschickt verriet, daß sie von der Sorge um ein paar Mandate diktiert war, konnte der nationalliberaleu Partei umso weniger Abbruch tun, als sie säuberlich jedes bestimmte Wort über die nächsten an den Landtag zu stellenden Forderungen umging — Forderungen, die gerade von der nationalliberalen Partei zuerst formuliert wordeu sind und zwar nicht weil sie einseitig für die In- dustrie Partei nahm, sondern weil sie notwendig sind zur Gesundung unserer ganzen Verhält- uisse: also vor allem gesetzliche Vertretung von Handel und Industrie in der 1. Kammer und Wahlrechtsreform mit Beseitigung der jetzigen Bevorzugung des platten Landes. Solange die konservative Partei die Scheu vor die sen Forderungen und ihren Konsequenzen nicht über- windet, wird sie mit den heißesten Versicherungen ihrer Jndustricfreuudlichkeit nichts ausrichten. Ihr Plag- wider Kandidat, der selbst Industrieller ist, wird vermut- lich über diese Unannehmlichkeiten des politischen Lebens nicht le'wt binwegkominen, umsoweniger als der von national übe ralel Seite auf den bringenden Wunsch dortiger Industrieller ausgestellte Kandidat Franz Gontard sofort aus freien Stücken zu diesen wichtig- sten Punkten mit aller nur wünschenswerten Entschieden- heit Stellung genommen hat. Seine Kandidatur ist aber nicht nur von Industriellen freudig begrüßt worden — auch zahlreiche Vertreter des Mittelstandes und der Be- amteusctxüt l-aben, wie in der im Rosenthalkasino abge haltenen Vcrtrauensmännerversammlung berichtet wer- den konnte, mündlich oder schriftlich ihr Einverständnis bekundet. Ebenso l)at sich bei dieser Kandidatur erfreu- licherweise berausgestellt, daß trotz der Wählerarbeit der Sozialdemokratie auch in Arbeiterkreisen noch Verstand- ins zu finden ist für eine maßvolle liberale Politik. Ihr wird Rechnung getragen durch die offene Anerkennung des Anspruchs auf ein Wahlgesetz, das nach Maß ihrer Bedeutung einfach weil es gerecht ist, allen Volks- schichten, also auch der Arbeiterschaft die politische Be tätigung ermöglicht. Wenn wir diese Gesichtspunkte hier hervorheben, so täuschen wir uns darüber nicht, daß nur ein Teil der Wählerschaft darauf Gewicht legen wird. Ein großer Teil, vielleicht der ausschlaggebende, urteilt bei den Landtagswahlen weniger nach dem Programm als nach der Persönlichkeit. Man fragt sich, ob der zu wählende Mann die Eigenschaften und die Stellung hat, sein Amt wirklich zu erfüllen. Denn der gute Wille allein ist noch keine gute Empfehlung. Tie Stellung eines Abgeordneten verlangt ein großes Opfer, eine Hintansetzung persönlicher und geschäftlicher Rück sichten, die nur wenige sich gestatten können. Die beste Empfehlung liegt aber in erwiesenem Verdienst. Herr Goutard hat viele Jahre der Kammer angehört und er war einer der fleißigsten Arbeiter. Er ist im Finanzwesen zu Hause wie kaum ein anderer, und wenn endlich nach jahrzehntelanger Mißwirtsckiaft ernstlickie Anstalten getroffen worden sind durch eine vom Landtage selbst geübte Kontrolle der Staatsausgaben wenigstens an einem der schlimmsten Punkte Wandel zu sckiaffen, so ist dies auf die von ihm freimütig geübte Kritik und seine Vorschläge zurllckzuführen. Wie viel mehr wiegt eine solche positive Leistung als Dutzende von schönen Versprechungen, wie sie zur Empfehlung eines Kandi daten üblich sind?! Man kann es den einzelnen Jnteressentengruppen nicht verdenken, wenn sie ihren Wunschzettel zusammen stellen, das ist ihr gutes Recht, aber die politische Ein- sicht gebietet auch sich klar zu macken, wie viel wichtiger als die Verfechtung kleiner Forderungen die poli- tische Arbeit ist, die auf das große Ganze ausgeht. Der still einem Berufe nachgehende Staatsbürger inter essiert sich in der Regel für die staatliche Finanzwirtschaft gar nicht. Erst dann, wenn er das Anziehen der Steuer- schraube am eigenen Leibe spürt, forscht er unwirsch nach den Ursack^en dieser unangenehmen Empfindung und verlangt Schonung. Mit seinem Einspruch kommt er aber dann in der Regel zu spät. Die wachsenden An- sorderungen an die Staatskasse im Einklang zu halten mit den zum größten Teil aus den Steuerleistungen auf- zubringenden Einnahmen —, das ist die schwere Aufgabe, die nicht allein der Negierung, sondern auch der parla mentarischen Vertretung zufällt. Man weiß, wie sehr es in diesen Dingen bei uns au kluger Voraussicht ge- fehlt hat. Darum gilt es aber auch dieser Vertretung Männer zuzusühren, die durch ihre Sachkenntnis im- stände sind, ein Wort mitzureden. Der Leute, die mit mehr oder minder großer Würde ihren bequemen Sessel in der Kammer ausfüllen, gibt es genug — Männer, die ihr Amt aussüllen, nur wenige. Nun sagt das Sprichwort: „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu" — das mag sein, sicherer ist es aber für die Wähler, wenn er den Verstand schon von Hause mitbringt. -r. Nenütrng im brrgarbeilrr-ZlrM. Der vernünftige Beschluß der Bergarbeiterdelegierten, den Streik zu beenden, hat also nur in einem Teil des Ruhr gebiets die Billigung der allgemeinen Bergarbeiterversamin- jungen gefunden. Wir nennen den Beschluß vernünftig, weil er der Sachlage entspricht: in den Kassen ist nicht genügend Geld, um die Streikenden durch eine Unter stützung wenigstens teilweise für den Lohnausfall zu ent schädigen, und zweitens ist nicht abzuleugnen, daß die Streikenden insofern einen wesentlichen Erfolg erzielt haben, als sie es durchgesetzt haben, daß dem preußischen Abgeord- nctenhause in diesen Tagen der Entwurf einer Novelle zum Berggesetz zugkht, durch den die vier Hauptbesckwerden ab- gestclit werden sollen. Wenn wider Erwarten dieser Gesetz entwurf nicht angenommen werden sollte, so ist es den Berg leuten ja unbenommen, von neuem in den Streik einzutreten, und so ist die Aufforderung der Führer, die Arbeit wieder aufzunebmen, auch gemeint. Die Resolution, mit der die Delegierten-Bersammlung ihren Beschluß begründete, läßt darüber keinen Zweifel. Es handelt sich vorerst um einen Waffenstillstand. Um so mehr hätte man annehmen sollen, daß dieser, kühlen Erwägungen entspringende Beschluß auch allgemein von der Gesamtheit der Bergleute gebilligt worden wäre. DaS ist leider nicht der Fall gewesen. In der westlichen Hälfte des Ruhrkohlengebiets (Mülheim, Borbeck, Ober hausen, Altenessen) ist man nicht geneigt, mit der Arbeit zu beginnen, in Bochum hat man einstimmig die Rückkehr zur Arbeit beschlossen, j wenngleich auch dort stürmische Szenen in den Versammlungen nicht gefehlt haben, lieber die Bochumer Versammlung wird der „Rhein.-Westf. Zeitung" berichtet: Reichstagsabgeordneter Sachse legte die Gründe dar, die zu dem Beschluß der Kommission geführt haben, und erwähnt, er sei heute in Essen nach Schluß der Nevkerkonferenz beschimpft und besudelt worden, wie in keiner Stunde seines Lebens. Man habe ihm auf der Straße „Verräter" und „Verleumder" nachgerufen und Vorwürfe erhoben, als wenn er und die übrigen Mitglieder der Siebenerkoinmission vom Bergbaulichen Verein bestochen worden seien. Sachse sprach die Hoffnung aus, daß die in Aus sicht gestellte Gesetzvorlage auch von den Parlamenten angenommen werde. Tie Organisationen hätten keine finanziellen Mittel mehr, um den Streik auch nur eine Woche fortsetzen zu können. Nach der Diskussion, bei der es zu stürmischen Szenen kam, gelang es den beiden Mitgliedern der Siebenerkommission, in der Versammlung die Zustimmung zu der Resolution der Telcgiertrnversammlung durchzusetzen. Aus Essen, 9. Februar wird gemeldet: Tie Abstimmung der Revierkonferenz, die sich mit 162 gegen 5 Stimmen sür die Beendigung des Streiks erklärte, wurde von der Versammlung sehr ruhig ausgenommen. Draußen aber, auf der breiten Schützenbahn, wo seit Stunden eine immer mehr an wachsende Menschenmenge vorwiegend Streikender der Entscheidung harrte, erbob sich ein gewaltiger Entrüslungssturm; die Erregung machte sich in Ausrufen wie „Verräter, wir sind verraten I" Luft. Gleich mit dem Entscheid der Konferenz fuhr ein mit Flugblättern beladener Wagen vor, der von der Menge förmlich gestürmt wurde. Tie Blätter wurden zu Hunderten von der erbitterten Menge zer rißen. Gestern abend fanden verschiedene Protestversammlungen der Bergleute im Essener Revier statt. Die Zechenbesitzer bleiben übrigens hartnäckig dabei, es sei überhaupt kein Grund zu Beschwerden sür die Bergleute vorhanden. Diesen Standpunkt vertritt auch eine unS durch einen eigenen Drahtberickt aus Essen übermittelte Mitteilung des Bergbaulichen Vereins mit folgendem Inhalt: Tas Ergebnis der Untersuchungen auf Zeche Bruchstraße und Herkules hat zur Genüge klargestrllt, (was von den Behauptungen der Ausständischen über Mißstände auf den Zechen zu halten ist. Erfreulicherweise beginnt jetzt der „Reichsanz." mit dem Ab- druck der Protokolle. Ein weiterer Beweis für die Unrichtigkeit der von den Ausständischen ausgestellten Be hauptungen liegt darin, daß gegen die Gelsenkirchener Bergwerks-Akt.-Ges., die 24 000 Arbeiter beschäftigt, 1904 bei dem Berggewerbegericht nur 21 Streitfälle anhängig geworden sind, von denen nur ^ner mit Verurteilung ende'r. E? bandelte sich um einen Fall, in dem die Verurteilung vorauszusehen war. Doch sollte aus prinzipiellen Gründen eine Entscheidung herbeigefübrt werden. Bon den anderen 20 Fällen endeten 2 mit Rücknahme der Klage, in 13 wurde die Klage abgewiesen und ö fanden vor dem Termin ihre Erledigung. Nur in diesen 5 Fällen hätte eine teilweise Berech tigung der Klage anerkannt werden können, doch wäre auch in diesen Füllen die Klage überflüssig gewesen, wenn die Kläger den in der Arbeitsordnung vorgeschriebenen Weg der Beschwerde an die dem Betriebssichrer übergeordnete Stelle betreten hätten. Wenn jetzt die Führer die Aussiändischen zur Wiederausnahme der Arbeit zu bewegen suchen, was sie übrigens mit demselben Erfolge auch vor 14 Tagen schon hätten tun können, so mag dafür neben der Leere in den Streikkassen auch der Grund ausschlaggebend sein, daß die Stimmung des Publikums gegenüber den Au<ständischen umzuschlagen beginnt. Nach dem Grundsätze uucliatur et altera par<? geben wir auch dieser Auslassung Raum. — Im übrigen läßt sich jetzt die Situation soweit übersehen, daß man mit Recht von dem Ende des Generalstreiks und — leider — vom Beginn der partiellen Streiks sprechen kann. Wie lange diese neue Periode nun dauert, ist vorläufig nicht abzusehen. Telegraphisch wird uns noch gemeldet: * Esten, 10. Februar. (Eig. Meldg.) Auf der Zeche Zoll- verein stellten heute drei Bergleute als Delegierte Forderungen an die Verwaltung. Diese lehnte Verhandlungen ab, da die Beleg schaft erst wieder ansahren müßte. Vom bergbaulichen Verein wird mitgeteilt, daß eine Statistik der Anfahrenden heute nicht gegeben werden kann. Es werden zwar mehr Leute anfahren als gestern, aber durch die Zerlegung der bisherigen kombinierten Schicht (8—4 Uhr) in zwei gesonderte Feuilleton. Frauchen. Roman von Felix Freiherr von Stenglin. Nachdruck verboten. „Erst gestern", beeilte sich Minna zu antworten. „Aber wie!" Jetzt verlor Minna die Geduld. „Na, ich danke!" sagte sie hestig. „Bei Ihnen möcht' ich auch nicht in Stellung sein!" Tante Lotte lachte aus. „Das glaub ich! Das mögen die wenigsten, denn bei mir müssen sie arbeiten, und wehe! wenn sie ihre Pflicht nicht erfüllen." „Ta ist Gott sei Tank unsere Frau anders." „Gewiß eine sehr ,gute< Herrscbast, wie? Tas merk' ich schon. Aber jetzt wird hier rnal aufgeräumt, ver- standen? Tenn jetzt bin ich da und werde Ordnung im Hause schaffen." Es klingelte, Minna ging hinaus, um zu öffnen, und als Tante Lotte auf den Flur getreten war, sah sie eine schlanke, große, junge Tame vor sich. „Ah — Fräulein Valeska?" „Valeska Bruhn." „Tante Lotte." Einen Augenblick musterten sich beide, dann legte Valeska Hut und Jacke ab und bat Tante Lotte, näher zu treten. „Eigentlich dachte ich Sie nicht zuerst zu treffen", begann Tante Lotte sofort, „aber vielleicht ist es ganz gut, daß es so kommt. Da sollen Sie gleich wissen, was ich will." Sie hielt einen Augenblick inne und sah Valeska gerade an. „Musterung hatten!" fuhr sie dann fort. „Ich hab' ihr geschrieben, aber sie antwortet nur nicht. Was heißt das? Schämt sie sich? Sieht es hier am Ende noch böser aus als ich dachte? Mein Gott, bei der Taufe schienen sie noch «in Herz und eine Seele, aber da wurde wohl die Sonntagsmiene aufgesetzt. Un glückliche Ehe? Wie?" Valeska zuckte die Achseln. „Wie die meisten", er widerte sie. „Wie die meisten! Sehr richtig! Freue mich, mff Ihnen gleicher Ansicht zu sein." „Es handelt sich um meinen Bruder und meine Schwägerin, aber ich sehe den Tatsachen ins Gesicht." „Ein Feigling, wer's nicht tut!" meinte Tante Lotte. „Was ist denn aber auch heute die Ehe anders als ein bequemes Mittel zur Versorgung!" fuhr Vaileska fort. „Und zur Fortsetzung der Bummelei, an >die man als junges Mädchen gewöhnt war", ergänzte Tante Lotte, erfreut, so vernünftige Worte von derjenigen zu hören, in der sie eine scharfe Widersacherin vermutet hatte. Und Valeska dachte: Bis jetzt geht'S ja ganz gut mit ihr. . .. Sie verlangt wenigstens etwas vom Menschen. .. Noch immer standen sie sich gegenüber. Und wieder ein prüfender Blick von siner zur anderen. Schließlich begann Valeska wieder: - „Ich begreife nicht, wie ein Mädchen, um solch inhaltloses Leben zu führen, sich in diese» Joch begeben rnag —" Lebhaft nickte Tante Lotte. „. . . Während der Mann leichtsinnig einem bodenlosen Abgründe zu- tändÄt —" „Sehr wahr", setzte Valeska hinzu, „wenn ihm ornL der vielen Gänschen zugeflattert ist." „Und er sich vergeblich bemüht, es sür einen Kanarien- vogel anzusehen", spottete Tante Lotte. Valeska lachte vergnügt. Diese Tante Lotte lvcrr doch wirkllich «rne ganz gesinnungstüchtige Frau. Sie forderte den Besuch durch eine Handbeweguing auf, Platz zu nehmen, und beide setzten sich in der dunkleren Ecke des Zimmers einander gegenüber. Tante Lotte legte ihre Hand einen Augenblick aus die des jungen Mädchens. „Ich habe Sie mir ganz anders vor gestellt, liebes Fräulein Valeska. Lange nicht so nett. Ich denke, wir beide werden uns schon ver stehen, wenn wir nur wollen. Derrn anders werden muß es hier im Hause." „Ganz meine Meinung." „Ausgezeichnet! Sehen Sie ich habe viele Ehen beobachtet. Immer dieselbe Geschichte —- „Mit Ausnahmen doch wobl!" „Unter dreihundert Fällen eine! Zuerst findet man das kleine Weibchen allerliebst, sie ist ja ein so süßes, zartes Geschöpf! Sie lieben sich wie die Tauben, er trägt sie auf Händen —" „Und fie blickt zu ihm auff —- „Versteht sich, blickt zu ihnr auf!" Meder stweichÄte Tante Lotte erfreut Valeska» Hand. „BiS dann so allmählich der Verwandlungsprozeß einsetzt", fuhr sie fort. „Eines Tages erwacht man und fragt sich erstaunt, rvarum rnan eigentlich geheiratet hat?" „Die Frauen fragen dos wolst mit mehr Berechtigung als die Männer", meinte Valeska. „Natürlich! Die Männer —" „Nickst wahr? Die Männer . . . „Ein Kapitell für sich, liebes Fräulein Valeska! Im übrigen l-absn die Frauen auch ihre gehörige Schuld an den verfahrenen Ehen." „Natürlich", antwortete Valeska. „Wenn sie nur wollten —" „Das sag ich! Wenn sie nur wollten! ?lber sie wollen nicht. Und warum? Weil sie falsch erzogen sind. Mein Bruder und meine Schwägernn — die kühle Erde deckt sie, und sie mögen saust ruhen! — aber sie baben das Kind gründlich verbildet. Eine Zierpuppe haben sie aus ihr gemacht, der das Fräulein die Schulirmppe nachtragen mußte, und Vie Zoter und Movdio schrie, wenn sie sich die zarten Finger beschmutzen sollte. Jetzt sitzt er da mit dem süßen Geschöpf." Valeska nickte vor sich bin. „Ich gebe die Hoffnung noch nickst aus", sagte sie leise, aber bestimmt. Tante Lotte schwieg. Ein fremder Luftzug schien in dos Gespräch zu weben. Und jetzt bemerkte Valeska so ganz beiläufig, indem fie ihren Aormcl betrachtete und glatt strich: „Ucbcrall fängt das soziale Bewußtsein der Frau cm sich zu regen." Da ist es! dachte Frau Lotte.
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
Erste Seite
10 Seiten zurück
Vorherige Seite