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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 13.03.1905
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1905-03-13
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19050313020
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1905031302
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1905031302
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1905
-
Monat
1905-03
- Tag 1905-03-13
-
Monat
1905-03
-
Jahr
1905
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VezugS-Vrett 1» der Ha»ptqp«dUtmi »der der« A»D-ai*» stell«, abgeholt: virrteljLhrltch 8.—, bet rwednaltg« tägltch« 8»ft«ll„g tu« hxm« -4! 8.78. Durch die Vost b«««-« für Deutsch» laud u. Oesterreich oirrteltührlich ^tl 4^0, für die übrig«, Lüuder laut Arttu»,«Preisliste. Diese «»»»er lüftet 4^ ML aus alle» vahohbf«, uud I II ^1 bet deu LettungL-verkäuferu-^v s * «edaktta» »u» Erftestttta« 188 tzerusprecha ivLi Johauuilgafs« 8, H«ftt»Sllt«le Dre»»e»r M-rteustrahe 84 (Fernsprecher «ml I Nr. 171H. dauZt-Atltale verltu: LarlDuucker, tzerjgi-Bayr.tzoftuchbaudlL, Lützownratzr 10 (Fernsprecher Amt Vl Nr. 46081 Nr. 132. Abend-Ausgabe. MpMer Tag MM Amtsblatt -es Lönigl. Land- und des Aänigl. Amtsgerichtes Leipzig, -es Mates und des Molizeiamtes der Ltadt Leipzig. Montag den 13. März 1905. Un zeigen-Preis die 6 gespaltene Petitzeile 28 Familien- und Stellen-Anzeigen 20 Fiaanjtrlle Anzeigen, LeschSsl-auzeigen unter Text oder an besonderer Stell« nach Tarif. Di« «gespaltene Rrklamezeile 78/H. Annatzmeschluß für An« eigen: Abend-Ausgabe: vormittag» 10 Uhr. Morgeu-AuSgabe: nachmittag« 4 Uhr. Anzeigen sind stet« au die Expedition zu richte«. Extra-Beilage« luur mit der Morge» «»«gab«) nach besonderer Leretobaruag. Die Expeditta« sst wocheutag« uuuutrrbrochru geöffnet do» früh 8 bi« abeud« 7 Uhr. Druck «ud Verlag von G. Pali in Leipzig (Inh. Dr. B„ R. L W. Sltukhardt). SS. Jahrgang. Var Mchtigrte vom Lage. * Aus P est wird gemeldet, daß der Berliner Bot schafter Szögyenh wegen der parlamentarischen An nahme der deutschen Handelsvertrages intervenieren wird. (S. Ausland.) * Die Millionenschwindlerin Chadwick ist in New Aork zu vierzehn Jahren Zucht haus und 70 O0O Dollars Geldstrafe verurteilt worden. (S. Aus aller Welt.) * Nach einer Petersburger Meldung soll 'der im Hotel Bristol von einer Bombe zerrissene Lullon. in Wahrheit Russe und Mitglied der Kampforgani- iation sein. (S. den Artikel.) * Die Petersburger Telegravbenagentur meldet: Die russischen Truppen nähern sichdenSte Hunnen bei Tieltng. Die Japaner rücken in Abtei lungen langsam nördlich vonMukden vor. „Srrimae fteimalrpolitilk." Die „Sächs. Natlib. Korresp." schreibt: Wer eben im Begriffe ist, sich an einer gut gedeckten Tafel niederzulassen, wird sich gern zu der beliebten menschenfreundlichen Losung bekennen: „Leben und leben lassens" Das tat auch die Lieser Tage in Dresden abgehaltene sächsische Landesversammlung -es Bundes der Landwirte. Nicht in schnöder Selbstsucht gab man sich der Freude hin über den großen Erfolg, den man mit den Handelsverträgen zu Gunsten der notleidenden Landwirtschaft errungen — man fand auch schöne Worte der Ermunterung und des Trostes für die Industrie. Der konservative Landtagsabgeordnete Andrä führte ihr zu Gemüte, daß die nunmehr einge schlagene „gesunde Heimatspolitik" gewiß auch 'der in dustriellen Entwickelung zugute kommen werde, eben weil künftig „die einseitige Begünstigung des Exports" fortfalle. Auch der Vorsitzende des Bundes, Freiherr v. Wangenheim, war mit dem gleichen Trost bei der Hand; sa, er warnte die Industrie vor den Verlockungen des auswärtigen Marktes und verwies sie auf das „treue Zusammenwirken" mit den heimischen Er werbsständen. „Bleibe im Lande und nähre dich redlich" — dies ungefähr war die väterliche Weisheit, die er der grollenden Industrie zuteil werden ließ. Es ist nichts Neues in diesen Gedanken. Ganz gewiß liegt etwas Berechtigtes in der Warnung vor Len Ge fahren des Weltmarktes, ebenso wie es einen guten Sinn hat, wenn auf die wachsende Kaufkraft der einheimischen Bevölkerung verwiesen wird. Gleichwohl liegt in den guten Ratschlägen dieser Herren eine schlimme Ver kennung der heutigen LebenSbsdingungen unseres Er werbslebens. Sie tun so, als ob unsere Exportindustrie lediglich ein Erzeugnis der Spekulation sei, die ein schränken, eine Gesundung unserer Volkswirtschaft? an bahnen heiße. Glauben sie wirklich, daß beispielsweise in Sachsen die von der Industrie beschäftigten IVe Millio nen Arbeiter noch ihr Brot bei uns finden würden, wenn die sächsische Industrie freiwillig oder gezwungen auf die Beteiligung am Weltmärkte verzichtete?! Man sollte sie einladen, sich doch einmal in unseren heimischen Industrie werken in Leipzig, Chemnitz, in der vogtländischen Tuch fabrikation, in der Maschinenindustrie, umzusehen, und sich dann vorrechnen zu lassen, was der Verzicht auf den Absatz im Auslande bedeuten würde. Es wird ihnen klar gemacht werden, warum an einen etwaigen Ersatz auf dem Inlandsmarkte auch unter günstigen Umständen kaum gedacht werden kann. Die Bevölkerung Sachsens hat sich seit 1870 um 64 Prozent vermehrt. Der Land wirtschaft würde es, trotz der Leutenot, unmöglich gewesen sein, den Tausenden nach Arbeit und Brot verlangenden Menschen ein Unterkommen zu gewähren — ohne die Industrie hätte dieser Zuwachs auf heimischen Boden keinen Erwerb gefunden oder doch nur in der aller kümmerlichsten Art. Und waS wir in Sachsen beobachten, vollzieht sich im größten Maßstabe im ganzen Reiche, dessen Bevölkerung jährlich um nahezu 1 Million zu nimmt. Das Wort: „Wenn wir keine Waren expor tieren, müssen wir Menschen ausführen", ist durchaus keine unsinnige Uebertreibung. Es ist sehr wohl möglich, daß uns seine Berechtigung in einiger Zeit durch die an steigende Zahl der Auswanderer klar gemacht wird. Dank der industriellen Entwickelung ist die Zahl der Aus wanderer in dem Zeiträume von 1881 bis 1900 von 220 000 auf 22 300 heruntergegangen. Es mag sein, daß die umgekehrte Erscheinung für unsere Agrarier nichts Schreckhaftes haben würde: vielleicht sehnen sie gar die „gute alte Zeit" herbei, wo der Ueberfluß der Arbeiter auf dem Lande so groß war, daß die Gutsbesitzer, wie z. B. in Mecklenburg, gelegentlich Geld sammelten, um sie nach dem Auslande abzuschieben. Man hielt das damals wohl auch für „gesunde HeimcttSpoftttk", währet wir heute in jedem Auswanderer einen Verlust an natio nalem Wohlstand sehen. Ja, wenn wir das Glück hätten, unsere Auswande rung nach einem großen deutschen überseeischen Gebiet hinlenken zu können, das sich zum gesicherten Absatzmarkts für unsere Industrie entwickeln würde! Dann ließe sich die „gesunde Heimatspolitik", wie sie Herrn Andrä vorschwebt, mit dem neuzeitigen System eines ge schlossenen Wirtschaftsstaates, wie es von der amerika- nischen Union und neuerdings von Chamberlain ange- stvebt wird, vereinigen. Aber wer weiß, uns je dieser große Wurf glücken wird. Wohl rasseln wir dann und wann geräuschvoll mit dem Würfelbecher, aber — es bleibt beim Rasseln. Es fehlt uns der Staatsmann, der für ein großes Ziel große Mittel einzusetzen bereit wäre, und ob er, wenn wir ihn hätten, in unserem Reichstage, wo sich das rote Element und die schwarze Reaktion die Wage halten und keinen neuen Gedanken aufkommen lassen, das nötige Verständnis finden würde, ist höchst fraglich. Es wird also einstweilen dabei bleiben, daß unsere Industrie darauf angewiesen ist, sich den Ab- satz zu suchen, wo sie ihn findet. Sie wäre ganz zufrieden, wenn man sie darin nicht weiter stören wollte. Vielleicht wurden die neuen Handelsverträge unter dem ersten Ein druck der erschwerten Ausfuhrverhältnisse allzu ungünstig beurteilt — Tatsache ist aber, daß darin eine Wirtschafts philosophie zum Ausdruck kommt, die mit der Weisheit der Herren Wangenheim, Oertel Md Andrä beinahe identisch ist und deren Sinn auf eine künstliche Hemmung der industriellen Entwicke lung hinausläuft. Auch für unsere deutsche Landwirt- schäft gab es bekanntlich einmal eine Zeit, wo sie für ihr Getreide Absatz im Auslände suchte und fand. Wie lächerlich würde es den Regierungen und Len Landwirten vorgekommen sein, wenn man der Landwirtschaft damals als „gesunde Heimatspolitik" angeraten hätte, sich doch gefälligst mit dem heimischen Markte zu bescheiden I Wenn man heute der Industrie wohlwollend ausrinander- setzt, daß ihre Ausfuhrproduktton von Nebel sei. so gilt das als eine ernste wirtschaftspolitische Ansicht, ja, man erwartet wohl gar, daß die Industrie diesen Unsinn be herzige! Herr Geh. Rat Mehnert, -er neulich eine Anzahl seiner Lan-tagskollegen zu der bekannten Erklä rung „vor -em Lan-e" veranlaßte, wonach die Interessen -er Industrie nirgends wärmer aufgehoben seien als im Schoße der konservativen Landtagsfraktion, wohnte dieser lehrreichen Versammlung des Bundes der Landwirte bei — weich' schöne Gelegenheit für ihn. gegenüber den Herren Andrä, Wangenheim und Oertel ein größeres Maß von Verständnis für die Lebensfragen der deutschen Industrie zu bekunden, als eS diesen Herren gegeben ist. Warum schwieg er? ES ist unbegreiflich- Vie siltrir i« fturrlan«. Line neue Anslaffnng Lee Lelstei». Vor einigen Monaten batte sich Graf Leo Tolstoi in einem Telegramm an ein amerikanisches Blatt über die Agitation der SemstwoS ungünstig ausgesprochen, worauf er viele Briefe mit Vorwürfen über seine Haltung empfing. Der Gras veröffentlicht nun einen Artikel, in dem er ferne An sichten ausführlicher darlegt. Nach der „Franks. Ztg." ist diesen Aussührungen, welches „fts Oonrier Luropöon", in seiner Nummer vom 10. d. M. veröffentlicht, folgende- zu entnebmen: Für die Besserung des sozialen Leben- gibt eS nur ein einzige« Mittel: Die innere religiöse moralische Vervollkommnung de» einzelnen Menschen. Eine Organisation der russischen Regierung, die Graf Tolstor wieder holt al» „grausam, stupid und lügnerisch* bezeichnet, nach dem Muster anderer Regierungen wäre nutzlos, denn diese Regierungen taugen alle nichts. Die Leute, welche jetzt in Ruß land sich al« Vertreter de» Volke» aufspieleu — die liberalen Mitglieder der SemstwoS, die Aerzte, Advokaten, Schriftsteller, Studenten, Revolutionäre und einige tausend vom Volke abgelöste und durch die Propaganda be einflußte Arbeiter — haben gar kein Recht, sich als Vertreter des Volkes anzuseben. Sie verlangen von der Regierung Freiheit der Presse, deö Gewissens, der Versammlung, Trennung von Staat und Kirche, achtstündigen Arbeitstag, nationale Vertretung usw., allein die 100 Millionen Bauern, das „wahre Volk*, hat für diese Forderungen gar kein Interesse. Die Bauern wollen nur Land, die „Soziali sation deS Landes.* Wenn der Bauer Land besetzt, werden seine Kinder nicht in die Fabriken gehen und diejenigen, welche eS doch tun, werden dann selbst für ihre Arbeitszeit sorgen. Von diesen Dingen redet man kaum in den Blättern. WaS die nationale Vertretung betrifft, so ist ru bemerken, daß die Masse des Volkes noch an die Autokratie glaubt, weil sie davon überzeugt ist, daß der Zar, welcher die Leibeigenschaft aufgehoben hat, auch den Gutsbesitzern ihr Land nehmen und eS den Bauern geben kann. Die Aktion der Liberalen ist daher unwirksam, unver nünftig und irregulär, zumal sie die Menschen von ihrer eigenen Vervollkommnung ablenkt. Es ist ein Irr tum zu glauben, daß eine große Form der Regierung die Menschen besser machen könne. Dl« Situation in Petersburg. Aus Petersburg wird gemeldet: In einem 'offenen Brief, der in den schärfsten Ausdrücken abgefaßt ist, greift die Gesellschaft der Ingenieure den Vorsitzenden der Arbeiterschiedskommission, Schid lowSkij, an und beschuldigt ihn, die Verhaftung der Arbeiterdelegierten ver anlaßt zu haben. Die Empörung über diesen unerhörten Recht«- bruch ist besonders in den Arbeiterkreisen ungeheuer. Ein großer Teil der Arbeiter hat Petersburg verlassen, sodaß der Betrieb in vielen Fabriken nicht wieder ausgenommen werden konnte. — Nach einem andern Telegramm wurde unter den Arbeitern und Matrosen von Kronstadt eine Prokla mation verbreitet, worin aufgefordert wird, fall« die Re gierung den Krieg mit Japan fortsetzen werde und weitere Schiffe nach Ostasieu entsenden wolle, diese Schiffe selbst zu zerstören und so Tausende von Menschen von einem sicheren Tode zu retten, der ihnen drohe, wen» die unfähigen Führer weiter ihre Kommando« behielten. Da« Erscheinen der Proklamation hat die Behörden veranlaßt, die Matrosen und Arbeiter einer scharfen Kontrolle zu unterwerfe». Zerr Vombenexplosion wird ferner gemeldet: Die am Sonnabend im Hotel „Bristol" erfolgte Bombenerplosion ist uuumehr soweit aufgeklärt, daß die Bombe ohne Zweifel für ein neue- Attentat bestimmt war. Wie in informierten Kreisen verlautet, war der eng lische Paß de« Unbekannten gefälscht; er ist Russe und ein Mitglied der Kampforaanisatiov, was au« eiuzeloe» bei ihm Vorgefundenen Briefen hervorgeht. Ernennung -er Grafen rvoronzov-Vasehkow. Mit Rücksicht auf die blutigen Vorgänge im Kau kasus hat nach der „N. Fr. Pr.* der Zar den ehemaligen Minister de« kaiserlichen HauseS unter Alexander III., Grafen Woronzow-Daschkow, zum Chef de« Kaukasus mit be sonderen Vollmachten ernannt. Die amtliche Ernennung dürfte in wenigen Tagen verlautbart werden. Graf Woronzow- Daschkow hat im Krukasu« lauge Jahre gedient und gilt al« Kenner de« Laude«. Feuilleton. Die Wehrlosen. Bon Tharlotte Ltler-gaard. S) Autorisierte Übersetzung von Wilhelm Thal. NalpbruS derdete». Merkwürdig genug, daß eS ihr und Helwig so schwer erschienen war, als der Rektor oben in dem großen Fest saal ihren Erik unter den Sitzengebliebenen aufgeführt hatte. Kaj hatten sie ja längst aufgegeben. Bei dem konnten sie das verstehen. Aber Erik, ihr fleißiger Musterknabe Und das Schlimmste war, daß er an dem Tage am allermeisten litt. Aber nun war es doch zu Freude und Trost ge worden! Das alte Wort war also Loch wahr: - Was dem Menschen am allerschwersten scheint, kann Gott zum Guten wenden. Frau Helwig wurde ordentlich bewegt und gottes fürchtig ... das war sie nicht immer. Oft lag sie in Streit mit dem lieben Gott, sie hielt ihm vor, die Menschen würden besser sein, wenn sie fröhlich tznd von den vielen Sorgen frei wären. Sie war überzeugt, sie selbst würde ganz gut sein, wenn sie es nur denen, die sie lieb hatte, recht gut ein richten konnte. Jetzt kam es oft vor, daß sie den Kindern und -am Manne gegenüber mürrisch und gereizt war. Allerdings bereute sie das immer hinterher und war dann doppelt liebevoll und zärtlich. Aber die Mißstimmung und die Ungemütlichkeit waren doch vorhanden gewesen. So war eS auch neulich, als Helwig müde und miß mutig aus dem Kontor nach Hause gekommen war. An statt ihn freundlich zu trösten, war sie aufgefahren und hatte höhnisch zu ihm gesagt, er sollte sich lieber eine Stellung als Hafenarbeiter besorgen. Seine Einnahmen würden dann wahrscheinlich größer sein. Auf jeden Fall brauchte er dann nicht das elende, armselig-feine Leben zu führen, das ihm alle Freude nahm. Die Kinder konnten dann als freie Lazaroni Herum streifen, konnten Weihnachten zum Wohttätigkeitsfest zum Baum gehen und im Sommer aufs Land ziehen. Für den Augenblick wäre es ja das feinste, Arbeiter kind zu sein. Die Bauern kokettierten geradezu damit, daß sie Ferienkinder hatten. Sie hatten Gewichte, womit sie sich gegenseitig kontrollierten, wer seinen kleinen Gast am besten fett bekam. Aber wer -achte wohl daran, ihre Kinder einzuladen? Ob Erik daS vielleicht nicht brauchte? — Nein, die Ferien über konnte der überbürdete, abgerackerte Junge weiter hungern. Wenn der Hafenarbeiter mit seinem Lohn nach Hause kam, konnte die Familie gut leben und vergnügt fern. Kamen dann hinterher auch Tage, wo Schmalhans Küchenmeister war, so wurde die augenblickliche Freude dadurch nicht beeinträchtigt. Aber ihr Leben war ja ein ewige- Berechnen und Aufpassen. DaS saugte einem ja die Seele auS dem Körper. — Ob Helwig vielleicht glaubte, eS wäre amüsant, das Brot abzuzirkeln und jeden Tag die Butter abzuwiegen, um aufzupassen, Laß sie auch die bestimmte Zeit aushielt. Sie hätte wohl in dieser Tonart noch lange weiter gesprochen, hätte sie nicht gesehen, daß ihre- Mannes Augen immer trauriger wurden und daß die Gestalt gleichsam einsank. Gleich war sie bei ihm und bat um Verzeihung für all' die bitteren Worte, die sie gesprochen hatte. „Ich weiß ja recht gut, eS kann nicht anders sein*, sagte sie, „wir find nun einmal dazu geboren. Wir taugen auch nicht dazu, Schulden zu machen und leicht- sinnig zu werden.* Er zog sie in seiner gewöhnlichen, bescheidenen Weise an sich und lächelte schwach. Es tat so wohl, wenn sie so reuevoll zu ihm kam. „Unser Heim erbaut und erhält das Land*, sagte er. „Dann ist es auS sauren Steinen erbaut", mußte sie Labei Lenken. Aber auszusprechen wagte sie das nicht. Und sie gingen wieder jeder an seine Arbeit. XIII. Erik sollte nun konfirmiert werden. Man hoffte auf ein großes Geschenk von der gnädigen Frau. Das heißt, Frau Helwig und die Kinder hofften, Helwig selbst tat das nicht. Es wurde Wohl der gewöhnliche Zehnkronenschein, den die gnädige Frau immer bei der Gelegenheit gab, gleichviel, ob es ein Kind von der Waschfrau oder von einem der ersten Angestellten auS dem Geschäft war. Ja, sogar 'die eigene Familie der gnädigen Frau kam unter diese Taxe, rmd Frau Hösgh trat hier — in dieser Beziehung — rein demokratisch auf. Daß in einer selbst gewählten Gabe größere Liebe liegen konnte, daran dachte sie wohl nicht. In jedem Fall war sie über derartige kleine Rücksichten erhaben. Aber wie gesagt, Frau Helwig und die Kinder phanta- fierten davon. Wenn sie am Abend alle zusammen waren, fingen sie an zu raten. Die Villa war ja da- Märchenschloß, auS dem alles Gute kommen sollte. Helwig wagte nicht, sie zu stören. Warum sollte die Familie nicht auch daö kleine Vergnügen haben? Erik meinte, eS würde eine Uhr. Die wünschte er sich am meisten. Alle seine Schulkameraden hatten ja schon Uhren, schon von ihrem zehnten Jahre an. ES war fast unangenehm für einen so großen Jungen, wie Erik, ohne Uhr in die lateinische Schule zu gehen. Frau Helwig dachte an ein Sparkassenbuch mit Geld, zur Ausbildung de» Sohne». Da» heißt, in ihrem Herzen dachte sie so ungefähr wie ihr Mann. Aber sie wollte nicht gern davon abgehen. ES war so schön, eS sich ander» vorzustellen. All' die Freuden, die sie bi» dahin gehabt, waren ja zunächst Einbildungen gewesen. Aber wenn es auch so war, gerade darum mußte man sie sesshaften. Denn auch die schwanden, wurde da» Leben ja auch zu leer und öd«. Karen meinte, die gnädige Frau würde Erik auf eine ihrer langen Reisen mitnehmen, denn das war ihr immer am allerschönsten erschienen. Aber der Tag kam und mit ihm der Zehnkronen schein. Helwig konnte ihn selbst an -er Kasse erheben. Gleichzeitig stand ein Glückwunsch am Schlüsse eines Geschäftsbriefes: — die gnädige Frau war einige Tage vorher von der Villa abgereist. Der Kassierer war sogar so rücksichtsvoll, daß er Helwig für seinen Sohn ein goldenes Zehnkronen stück gab. Aber diesmal ging die Enttäuschung in all dem vielen unter, was der Konfirmationstag brachte. Und Erik bekam vollen Ersatz. Der Vater gab ihm seine eigene Uhr. Helwig hatte lange überlegt, ob er sie entbehren könnt«, auf jeden Fall für eine Zeit, bis er das Geld hatte, sich eine neue zu kaufen. Und eS war ja auch eine Uhr auf -em Kontor. Sie hatten auch eine in der Wohnstube hängen; also meinte er, ließe es sich wohl machen. Erik war so froh und gerührt, daß er gerade DaterS Uhr bekommen hatte. Er fand, da» war besser und mehr wert al» alles andere. Darin fühlte er ja VaterS gutes, warmes Herz, und -a- machte den Tag erst recht zum wahren Fest. JedeSmal, wenn Erik die Uhr vorhotte, und da geschah oft, nahm er sich vor, ein guter Sohn zu werden, auf die grünen Felder zu verzichten und die Sehnsucht nach der freien Luft mit allen Kräften zu bekämpfen. Er wollte sich bemühen, recht viül Gelehrsamkeit hinein»- zuscylucken. Dom Personal de» Geschäfts bekam Erik rin» Zigarrentasche au» russischem Leder, mit echten Havana«, zugeschickt; — e» waren auf jeden Fall sehr fett» Zigarren. Die Mutter lächelte über da» Geschenk. In -en ersten Jahren würde die» Futteral wohl nicht ost gefüllt werden. Aber e» war doch so nett von Len Latten, doch sie an ihren Sohn gedacht hatten.
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