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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 24.12.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-12-24
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19001224015
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900122401
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900122401
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-12
- Tag 1900-12-24
-
Monat
1900-12
-
Jahr
1900
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Amtsblatt des Königlichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, des Nathes und Nolizei-Ämtes der Ltadt Leipzig. Anzeige»-Preis die 6gespaltene Petitzeile 25 H. Reclamen unter dem Redactionsstrich (»gespalten) 7b H, vor den Familiennach richten («gespalten) 50 ,H. Tabellarischer und Ziffernsatz entsprechend höher. — Gebühren für Nachweisungen und Offertenannahme 25 (excl. Porto). Ertra-Beilagen (gesalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbeförderung .ck «0.—, mit Postbesürderung .M 70. Ännahmeschluß für Anzeigen: Ab end-Ausgabe: Bormittags 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4 Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je eine halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an di« Expedition zu richten. Die Expedition ist Wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bi» Abends 7 Uhr. Druck und Verlag von E. Volz tu Leipzig. K53. Aus -er Zeit -er Postkutsche. Vor mir liegt ein „Neuer und alter Schreib-Kalender auf das Schaltjahr 1820. Für das Königreich Sachsen und für andere benachbarte Länder. Mit König!. Sachs, allergnädigstem Privi legium, und unter der Universität Aufsicht (!). Leipzig, in der Sommer'schen Buchhandlung." Auf den letzten Seiten dieses nahe an achtzig Jahre alten Büchleins in kleinem Octavformate befinden sich Fahrpläne als „Neuester Dresdner Hof-Postamts-Bericht" und „Neuester Leipziger Ober-Postamts- Bericht." In jenem lauten die ersten Abschnitte wörtlich: „Die Berliner fahrende, (ein bedeckter Wagen) geht ab Dienstags und Sonnabends, Vormittags 9 Uhr, über Großen- hayn, Elsterwerde, Dobrilugk, Sonnewalde, Luckau, Baruth, Mittenwalde, nach Berlin, Pommern, Preußen, Curland, Lief- land, Rußland; ferner, von Luckau, nach Lübben, Lieberose, nach Dahme, und nach Jüterbog!; desgleichen nach Hohenbucko, Schwe den, und nach Calau, Altdöbern, Vetschau, u. s. w. Kommt an Montags und Donnerstags Nachmittags. Die Berliner reitende, geht ab Montags Nachm. 4 Uhr, und Donnerst. Abends 7 Uhr, über Großenhayn, und Elsterwerde nach Lieben werde, Cosdorf, Herzberg, Dahme, Baruth, Mittenwalde, nach Berlin, Pommern, Preußen, Curland, Liesland und Rußland; auch können mit derselben, Donnerst., Briefe, nach Torgau, be fördert werden. Kommt an Dienst, und Sonnab. früh." Fahrende und reitende Posten gingen ferner von Dresden ab nach Breslau, .Kamenz, Leipzig, Nürnberg und Pirna. Nur fahrende und nicht auch noch reitende Posten Lingen von Dresden nach Guben, Neustadt, nach der Oberlausitz (Buddisin!) und Wittenberg. Von Dresden aus vermittelte noch als dritte Art den Verkehr mit anderen Orten die Postkutsche; solche gingen z. B. nach Leipzig und Prag (Wien). Leipzig stand gleichfalls auf verschiedene Weise in Verbindung mit anderen Orten: fahrende Posten gingen nach Annaberg, Cassel, Coburg, Crossen, Frankfurt, Dessau, Dresden, Freiberg, Jena, Köthen, Schnee berg (Eger), Stollberg (Nordhausen) und Weimar. Fahrende und reitende Posten verkehrten zwischen Leipzig und Bautzen, Breslau, Chemnitz, Dresden, Frankfurt a. M., Gera (Schleiz), Hamburg (Lübeck), Nürnberg (Eger), Prag (Wien). Post kutschen gingen von Leipzig nach Berlin, Braunschweig, Dresden und Nürnberg. Außer diesen Verbindungen verkehrten zwischen Leipzig und Dresden und Leipzig und Erfurt sogenannte Dili gencen, z. Z. der Messe kamen ferner von Halle nach Leipzig bedeckte Postwagen, welche Journaliere genannte wurden. Wie es auf den Reisen in der Postkutsche zuzugehen pflegte, dafür nunmehr einige Belege. Ein bekannter Professor in Zürich erzählte einst darüber: „Ich besitze den handschriftlichen Bericht Jahrgang. Montag den 24. December 1900. über die Fährlichkeiten der Reise eines Bürgers von Schwäbisch- Gmünd nach Ellwangen, welche in den Spätherbst 1712 fiel. Dir Entfernung der genannten Städte von einander beträgt etwa acht Poststunden. Der Reisende, ein wohlhabender Mann, ging in Gesellschaft seiner Frau und ihrer Magd am Montag Morgen, nachdem er am Tage zuvor in der Johanniskirche „für glückliche Erledigung vorhabender Reise" eine Messe hatte lesen lassen, aus seiner Vaterstadt ab. Er bediente sich eines zweispännigen „Plan wägelchens." Noch bevor er eine Wegstunde zurückgelegt und das Dorf Hussenhofen erreicht hatte, blieb das Fuhrwerk im Kothe stecken, daß die ganze Gesellschaft aussteigen und, „bis über's Knie im Schmutz patschend", den Wagen vorwärts schieben mußte. Mitten im Dorfe Bübingen fuhr der Knecht „mit dem linken Vorderrad unversehendlich in eine Pfütze, daß die Frau Eheliebste sich Nase und Backen an dem Planreifen jämmerlich zerschund." Von Mögglingen bis Aalen mußte man drei Pferde Vorspann nehmen, und dennoch brauchte man sechs volle Stun den, um letztgenannten Ort zu erreichen, wo übernachtet wurde. Am anderen Morgen brachen die Reisenden in aller Frühe auf und gelangten glücklich beim Dorfe Hofen an. Hier aber hatte die Reise einstweilen ein Ende, denn hundert Schritte vor dem Dorfe fiel der Wagen um und in einen „Gumpcn" (Pfütze), daß alle „garstig beschmutzt wurden, die Magd die rechte Achsel aus einanderbrach und der Knecht sich die Hand zerstauchte". Zugleich zeigte sich, daß eine Radachse gebrochen und das Pferd am linken Vorderfuß „vollständig gelähmt worden". Man mußte also zum zweiten Male unterwegs übernachten, in Hofen Pferde und Wagen, Knecht und Magd zurllcklassen und einen Leiterwagen miethen, auf welchem die Reisenden endlich „ganz erbärmiglich zusammcngcschllttelt" am Mittwoch ums Vesperläuten vor dem Thore von Ellwangen anlangtcn." Aehnliche Zustände herrschten auch in der nächsten Nähe Leip zigs. Die Wolfram'sche Chronik der Stadt Borna erzählt über die Poststraße zwischen Borna, Witznitz, Kleinzöffcn und Hayn, daß sie „mit keiner Feder zu beschreiben sei und Menschen und Vieh leichter in Gefahr kommen, auch die Pferde auf dem Witz- nitzer Damm häufig stecken bleiben und man oft die Räder der Wagen nicht mehr sieht, weshalb die Passagiere lieber aussteigen, um die Reise zu Fuße fortzusetzen." Mangelten in Borna Postpferde, so nahm der Postmeister der Reihe nach die Pferde der Bürger in Anspruch. Die Bürger meister der Stadt unterstützten das Postamt stets in der Auf forderung zur Pferdebestellung; im Jahre 1806 zeiaten sich aber einzelne Bürger dazu nicht geneigt, und der zweite Bürgermeister erklärte in Abwesenheit seines Kollegen dem Postmeister unum wunden: „Wenn die Bürger zum Einspannen in die Post ge zwungen werden können, so sollen alle meine Bürger ihre Pferde ab- und Ochsen anschaffen!" Das Postamt zu Borna war eine der ersten Postanstalten, welche für bessere Wagen und über haupt für angenehmes Fortkommen der Reisenden sorgte. Der eifrig erstrebten Verbesserungen ungeachtet, kam es doch auch ein mal mit vor, daß ein schlechter, unbequemer Wagen gebraucht wurde. Dies beklagte einst der Satyriker Saphir nach seiner Fahrt von Borna nach Penig in einem „Eingesandt an das lönigl. sächs. Ober-Postamt zu Leipzig in folgenden ergötzlichen Zeilen: „Menschenfreundliche Warnung an alle Unglücklichen, die durch Gottes Zorn verurtheilt sind, auf einer sachsilchen Post beichaise zu fahren. — Versammelt Euch um mich, Ihr Alle, die Ihr je in die unglückliche Lage kommen konntet, auf einer Schnells Postfahrt in -ine säcks. Postbeichaise zu gerathcn; versammelt Euch um mich, Ihr Leidensgenossen und Jammergefährten! Hort meine Leiden und kehrt heim in Eure stillen Hütten, verzichtet auf alle Eure Geschäfte und stimmt ein Ts vemn an, daß Euch mein schauderhaftes Beispiel von der endlosen Pein einer sachs. Post- bcichaise abschreckte und befreite. — Sächsische Postbeichaise! Er habenes Marterinstrument menschlicher Gebeine, holperndes, eng- gleisiges, weithin klapperndes, beinverrenkendes, rippenzer schmetterndes Kleinod postamtlicher Geister. Sächsische Post beichaise! Du mit mir und der Welt zerfallenes Gemüth: „Wo sind die Kräfte, die dich zeugten? Wo die Brüste, die dich säugten? Du Ungeheuer, das der Nord Ausgespien hat zum Mord! Sächsische Postbeichaise! Vierte Grazie? Zehnte Muse! Achtes Wunderwerk der Welt! Du Beinhaus der Lebendigen! Du knochen- und nüsseknackendes Wesen der Vorwelt! Sächsische Postbeichaise, leb' wohl! — Leb' auf ewig wohl! Wir sehen uns nie mehr wieder! Bosheit habe ich dulden lernen, Falschheit kann ich ertragen; aber wenn eine Chaise aus ihren Fugen tritt, wenn eine Postbeichaise zur Megäre wird, dann fahre hin, menschliche Geduld, und jede Faser recke sich zu Gram und Ver derben! Die geistigen Annehmlichkeiten, welche eine 24stündige Fahrt auf einer sächsischen Postbeichaise gewährt, sind ungefähr folgende: Kopfweh, Schulterschmerz, Rückendarre, Rippenbruch, Wadenkrampf, Kniegicht, Seitenstechen, Bluthusten, Schenkel verrenkung und andere ähnliche, des Leichtsinns und der schwär merischen Umarmung mit ihr. Zu den Nebengeschäften gehören: zerrissene Mäntel, verlorene Felleisen, zerknickte Hüte, abgetretene Stiefeln, zerbrochene Pfeifen und dergleichen. Auf der höchsten Stufe knrchenzermaimendcr Vollkommenheit steht die sächsische Postbeichaise in Borna; diese Maschinerie ist gewiß eine Erfin dung der Tungusen, hartnäckige Verbrecher zum Geständniß zu bringen. Das Acußere der Bornaer Mordmaschine ist einfach und bescheiden, aber die Kraft des Innern, die innewohnende Genialität, diese ist einzig: binnen fünf Minuten wird in ihr der roheste Mensch windelweich. Friedliebender Wanderer, ver meide den näßeren Umgang mit der sächsischen Postbeichaise; geh' zu Fuße, Du fährst besser! So geschehen zu Stuttgart, nach überstandenem Kopfschmerz und anderen durch die sächsische Post beichaise herbeigeführten Leiden. M. G. Saphir." Während des Winters wurden die meisten Posten eingezogen, im Frühjahre aber wieder eingerichtet. Das Befördern der Passa giere durch Lohn- und Landkutscher wurde sehr erschwert. Jeder Lohnkutscher hatte an das Postamt für jede von ihm weiter be förderte Person 2 Groschen zu zahlen und einen Paflagierzettet zu lösen, ohne welchen ihn die Thorschreiber und Visitatoren durch's Thor der Stadt weder ein- noch auslassen durften. Die Visitatoren untersuchten auch die Botenweiber und zeigten sie zur Bestrafung an, wenn sic versiegelte Briefe bei sich trugen. 'Nahmen Postillone uneingeschriebene Personen in die Postkutsche auf und wurden sie darüber ertappt, so mußten sie wohl das vier fache Postgeld oder auch 5 Thaler Geldbuße zahlen, nicht selten auch noch vier bis acht, ja sogar vierzehn Tage im Gefängnisse 'sitzen. An Zwistigkeiten zwischen Postillonen und Privatkutschern fehlte es nicht; cs kam zuweilen zwischen .hnen auf den Straßen sogar zu Thätlichkciten. 1776, den 27. Juli, fuhr der Postillon Stein mit der „ordinären" Schneeberger Post nach Leipzig, be gegnete „auf dem halben Steinwege" dem sechsspännigen Wagen Sr. Durchlaucht des Fürsten von Jablonowsky, stieß mehrere Male in das Horn, sah aber die Herrschaft nicht ausweichen, vielmehr wurde er aufgefordert, es zu thun. Da er hierzu nicht bereit war, so fielen zwei Diener des Fürsten den Postpferden in die Zügel, dränglen sie in den Graben, und der Postillon mußte seine Calescbe nachlaufen lassen, um nicht die Deichsel zu zerbrechen. Zugleich ergriffen die fürstlichen Diener den Postillon am Haarzopfe, faßten ihn an der Kehle und zogen ihn, wobei ec sich mit der Peitsche wehrte, vom Wagen. Nachdem ihm die Peitsche zerbrochen worden war, holte er von seiner Calesche „die Pritsche", um mit ihr sich zu verthcidigen; doch die Bedienten des Fürsten ließen jetzt von ihm ab, bestiegen ihren Wagen und fuhren weiter. Jablonowsky ist bekanntlich der unvergeßliche Gründer der nach ihm benannten gelehrten Gesellschaft i» Leip zig und war damals Rittergutsbesitzer auf Kitzscher bei Borna. Trotz dieser Unfälle war die Postkutsche sehr beliebt, und wahr haftig, in lichter Maiennacht zwischen blühenden Bäumen über Berg und Thal dahinfahren, dabei den sanften Tönen des Post Horns, das dem zu früh Heimgegangenen Kameraden im Fried Hofe drüben am Bergesrande einen Herzensgruß brachte, lauschen zu können, das war auch eine Gottesgabe. Mit der Verbesserung der Straßen im dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, ins besondere mit der Einführung der Eilpost im Jahre 1823, glaubte Feuilleton. Der Weihnachtshase. Von Hans Siegelt. Nachdruck vcrLoim. „Lieber Herr Teumer, — bemühen Sie sich doch, bitte, um einen oder zwei Hasen! Meine Frau kann sich den zweiten Feiertag ohne Hasenbraten nicht denken; wenn Sie sich darum bei ihr einen Stein im Brett verschaffen wollen, so liefern Sie die Thiere. Nur bitte ich Sie, nicht gerade auf einen krumm zu machen, der sich in der Pfanne auSnimmt wie eine ausrangirte Wurzelbürste. Theilen Sie auch dem Waldwärter Barthel meinen Wunsch mit. Aber er soll seine Lichter aufmachen und sein Bissel Pulver nicht auf die Tellerhäuser Katzen verschwenden. Im Uebrigen fröhliche Weihnachten. Mit aufrichtigem Waidmannsheil! Ihr Forstinspector H." Ein Waldarbeiter hatte dem Förster den Brief gebracht. Zehn Minuten später erhielt Barthel den gemessenen Befehl, sofort bei seinem Vorgesetzten zu erscheinen. In solchen Fällen kannte Barthel keinen Aufenthalt. „Mor ka nett wissen, zewos 's gut is!" pflegte er zu sagen. „Hot mor dor Harr Farschter awos Bies' ze soong, do ward die Supp awink kälter, wenn ich fix do die; gibt's oder taa Dunnerwatter, nu do fraht er sich erscht rächt, wenn ich geleich komm'." Diese Tactik Barthel's hatte sich bis jetzt stets bewährt. Und so stampfte er auch heute so rasch wie möglich durch den tiefen Schnee hinauf nach dem Forsthaus. Der Förster empfing ihn mit einem besonders feierlichen Gesicht. „Aha", dachte Barthel, „heit is de Supp nett haaß un nett kalt, heit is se amtlich!" „Barthel", begann der Förster, „der Herr Forstinspector möchte gern für die Feiertage einen oder zwei Hasen haben. Ich habe den Auftrag, Ihm das mitzutbeilen; denn der Herr Forst, inspector will auch Ihm einmal Gelegenheit zum Schüsse geben. Aber der Herr Forstinspector schreibt ausdrücklich, daß dem Waldwärter Barthel 99 kurländische Donnerwetter in den Schrotbeutel fahren sollen, wenn er etwa sein Bissel Pulver auf irgend eine hungrige Katze verplatzt. Auch muß der Barthel darauf sehen, daß er nicht gleich auf den ersten besten Hunger leider hinhält: Der Herr Forstinspector will einen wirklichen Festbraten haben, und nicht eine Creatur, die sich in der Pfanne ausnimmt, wie a Karbl drackite Aardeppeln — verstanden, Barthel?" „Ei, versteht sich, Harr Farfchter!" „Na, da kann Er gehen — oder hat Er noch etwas?" „Harr Farschter", begann Barthel, „iech hrtt noch enn Fier- schloog vorwang dan Hosne!" „Da bin ich neugierig!" „Wie wär 'sch dä, Harr Farschter, wenn ich geleich do huhm iewern Gartenzaun a Hosenkörr hirmachrn theet? Do kennt dor Harr Farschter de Hosen geleich dun Kammerfanstrr au» schießen." „Da» wollte ich eben nicht, denn der. Kuckuck soll Abend« unterscheiden, ob der Hase stark oder schwäch ist — aber richte Er nur eine Kirre Linau»!" Kartbel schritt sofort an die Ausführung de» Befehls. Ein Büschel duftenden Heues, mittels eines Ttrohbandes an einen Stab gebunden, bildete eine einfache, wenn auch, w e sich leider bald Herausstellen sollte, nicht eben praktische Hasenkirre, die Barthel ungefähr sechzig Schritt vom Hause im weichen Schnee aufrichtete. Wohlgefällig betrachtete er sein Werk. „Wenn do kaa Hoos nachgieht,", sagte er schmunzelnd, „nochert will ich zeitlaams Gäns ruppen un Faadern schließen!" Mittlerweile war es völlig dunkel geworden. Die Sterne, deren flackerndes Licht frostig auf die Erde niederstrahlte, er zielten keine besondere Wirkung, wenn sie auch einen Schrot schuß zur Noth noch ermöglichten. Als der Waldwärter in die Stube trat, war der Förster gerade damit beschäftigt, aus Pappe zwei Ohren zu schneiden, die er dann an der Mündung des Gewehres befestigte, um so das Schußfeld besser zu umgrenzen. Dieses Mittel wandte er immer an, wenn er Nachts schießen wollte. „Fertig?" fragte er den Eintretcnden. „Ei ja, Harr Farschter, un Sie kenne 's fei gelaam: Wenn an die Körr kaa Hoos nahHeht, do will ich zeitlaams Stöck- worzeln rausthu! Ich hätt fei an liebsten geleich salwerscht amol neigebissen in dos schiene Hei —" „Und mir eine Ladung Schrot auf den Balg brennen lassen!" ergänzte der Förster. „Dos gerod nett, Harr Farschter — ober heit ward Butter — asu gewieß, als ich dor Waldwarter Barthel vun Taller- heiser die!" „Dann soll der Barthel nicht umsonst die Kirre gemacht haben — ist Seine Flinte geladen?" „Nu, dos is gewieß!" sagte Barthel selbstbewußt. „Mit Schrot?" „Mit Schrut, Harr Farschter!" „Dann darf der Barthel diese Nacht seinen Hasen von hier aus schießen, den ersten aber schieße ich!" Diese Eröffnung erfüllte den Waldwärter mit gerechtem Stolz. „Do ward's nett lang dauern, ward dor Harr Forscht- inspector paar Hosen hohm — epper nett, Harr Farschter?" Der Förster zuckte mit den Achseln: „Teifel, roth', waar'sch Fingerringe! Hot!" Nachdem im Forsthaus Alles zur Ruhe gegangen war, nah men die beiden Jäger ihre einstweiligen Lagerstätten ein: der Förster das Kanapee, der Waldwärter die Ofenbank. Um sich vor dem Einschlafen zu bewahren, steckten sie ihre Tabakspfeifen in Brand; denn das hatten die Beiden mit ihren Jagdhunden gemein, daß sie überall und zu jeder Tageszeit schlafen konnten, gleichviel, ob auf harter Diele oder halbhartem Strohsack. Abwechselnd erhoben sie sich von ihrem Lager, um nachzu sehen, ob noch kein Hase an dem duftenden Heu der kunstvollen Kirre Gefallen gefunden habe. Die Nacht war empfindlich kalt, und da daS Feuer im Ofen schon lange ausgegangen war, so überzogen sich die Fenster, scheiben allmählich mit glitzernden Blumen, und der Aufenthalt in den Stuben fing an, ungemüthlich zu werden. „Harr Farschter", sagte Barthel, „'s ward enn dorwaang sauer gemacht, eh mor en fetten, alten Stiefelknacht fiir'sch Rohr kriegt!" „Freilich, freilich", meinte der Förster, „und wir sind olle Beide keine heurigen Häsle mehr — deckt Such nur richtig zu. Barthel!" „Iech will när ärscht noch amol nau« nach dor Körr saah!" „Aber ja recht sachte!" Barthel verschwand. Gleich darauf kam er mit der ihm eigenen Gewandtheit die Treppe herabgepoltert. „Harr Farschter", flüsterte er so läut, daß der Angerufene erschrocken in die Höhe fuhr, „stinne Se auf: draußen sitzt aanei — 's ganze Hei Hot er schu ball waggefrassen!" „Da wollen wir ihm gesegnete Mahlzeit wünschen", sagte der Förster, das Gewehr ergreifend. Leise tappt« er die Treppe hinauf, um vom Fenster der Oberstube aus den Schuß abzu geben. Barthel blieb zurück. Während der Abwesenheit des Försters schlich er spähend von einem Fenster zum andern, war es doch nicht unmöglich, daß er auch von einem der unteren Fenster aus zum Schüsse kam. In den kalten Winternächten wechselten die Hasen kreuz und quer über die verschneiten Fluren von Tellerhäuser, warum sollte nicht auch einmal einer ohne Kirre zu schießen sein? klebrigen» kam es dem gespannt lauschenden Wächter thatsächlich vor, als ob da unten auf der Wiese ein schwarzer Punct sich bewegte. Es gehörten scharfe Augen dazu, bei der herrschenden Dunkelheit irgend etwas zu erkennen. Aber Barthel täuschte sich nicht: Der schwarze Punct kam langsam näher — kein Zweifel: ein Hase, der ahnungslos seinem Schicksal entgegenschnürte. „Kreizsackerwunne! Wenn när dor Harr Farschter nett itze gerod lusdrückt!" sagte Barthel halblaut. Dann spannte er den Hahn und öffnete leise das Fenster. Der Hase kam näher. Plötzlich blieb er sitzen. Barthel s Plan war fertig: Mit dem Gewehr an der Backe, wartete er auf den Schuß des Försters, um sofort nach dem selben die tödtlichcn Schrote hinauszusenden in die friedliche Nacht. Es dauerte lange, ehe die Zeit zum Schießen gekommen war, aber endlich erdröhnte doch der dumpfe Knall durch die Stille. Der überraschte Hase hatte keine Zeit zum Entfliehen: Ehe er sich noch von seinem Schrecken erholt hatte, drang ein Feuer strahl aus Barthel's vorweltlicher Wallbüchse, ein gewaltiger Donner ließ die Fenster der versteckten Waldhütten erzittern, und Lampe war auf die weiße Fläche festgenagelt. „Hahahaha!" lachte Barthel, „do wär doch ne Harrn Forscht inspector sei Feiertogsbroten off aamol geliefert. Daar ward nett garschtig schmunzeln! Nu kimmt's bluß noch drauf ah, daß mor nett gerod ne schwechsten dorwischt Ham!" Teumer droben in der Oberstube ho-chte hoch auf, als nach seinem Schüsse noch ein anderer fiel. Rasch eilte er hinab. Barthel kam ihm eifrig entgegen. „Harr Farschter — fei nischt vor uhgut — iech ho mor aa a paar Pfeng Schußgald vordient!" „In drei Teufels Namen — wos hat Er denn geschossen?" „Jnu denken Se när, Harr Farschter — Sie warn geleich ärscht zum Loch naus, do denk iech bei mir: Willst amol zum Fanster naussaah! Un wie iech asu nausguck, kimmt a HooS 's Ding nochenanner rauf. Wart, denk ich, du kimmst mor gerod rächt! Un nu ho ich gewart, bis ich ne Harrn Farschter senn Schuß härit, un nochert ho ich halt nausqepulvert." „Und getroffen?" „Un wie — Harr Farschkr! Do» Haasel hot's in Schnee nerzammgelaadert, doß iech gedacht ho, 's wär in tausend Stickle zerrissen!" „Da geh' Sr nur raus und hole Er die Dinger rein — mein Hasel hat auch da» Laufen verlernt." Barthel zog die großen Stiefeln an und watete hinaus. Unterdessen zündete der Förster Licht an und reinigte sein Gc> wehr. Bald meldete die knarrende Hausthüre den rückkehrenden Jäger. Teumer öffnete die Stubent'yür, um den dunklen Hausflur zu erleuchten. Da» Helle Licht fiel auf den Waldwärter, der mit langsamem Schritt sich näherte. Gott straf mich, Barthel! Wa» macht Ihr denn für ein Gesicht? DaS sieht doch gerade au», al» wie: Git wag Kinner 's gibt a Uhgeück!" ' „Harr Farschter", besann Barthel, „fei nischt vor uhgut —' „Wo hat Er denn die Hasen?" „Harr Farschter — iech ho doch meitoog gedacht, doß iech a paar gesunde Aaug in Kopp hett —" „Was soll denn das Alles? Nur die Hasen her!" ' „Harr Farschter, iech waß gar nett — dos ka doch de rächte Art Hosen gar nett sei —" „Her damit!" Barthel nahm die Hand, die er bisher auf dein Rücken ver borgen gehalten hatte, hervor und zeigte dem Förster — dessen gemeuchelten Kater. „Gott sei uns genaadig un barmherzig!" murmelte er, wie sonst, wenn ein Gewitter am Himmel stand. Der Förster sagte kein Wort. Aber der Blick, den er dem unglücklichen Schützen zuwarf, versetzte diesen in die unbehag lichste Stimmung. „Und der andre Hase?" „Dan ho ich nett gefunden, ^ech denk när — fei nischt vor uhgut — der Harr Farschter Hot vorbeigeschossen!" „Nicht möglich — hat der Barthel Schweißfährten gesehen?" „Naa, Harr Farschter!" „Dann muß ich selber raus!" Er setzte die Laterne in Brand und ging hinaus nach der Hasenkirre, gefolgt von dem Wald wärter, der den gemordeten Kater trübselig in der Hand schwenkte. Der Förster leuchtete Barthel's Kunstwerk, die wunderbare Hasenkirre, an: Sie war das getreue Abbild eines sitzenden Hasen, die beiden abstehenden Enden des Strohbandes waren die Ohren. „Barthel", sagte Teumer, „ich will Euch etwas sagen: Jcb habe meine Schrote auf Eure vermaledeite Kirre verschossen!" „Harr Farschter, aa Uhqlick kimmt falten allaa!" meinte Barthel; dabei beugte er sich tief nieder in den Schnee und knurkste so eigenthümlich, daß es dem Förster vorkam, als ob Jener mit aller Macht gegen den Lachkrampf ankämpfte. „Was macht Ihr denn da unten, Barthel?" fragte der Förster. „Iech — iech such Schwaaß!" „Ich werde Ihm helfen! Der Barthel hat keine Ursache zum Lachen: Erst setzt Er mir die miserabelste Hasenkirre vor's Haus, dann macht Er mir weiß, ein Hase sähe draußen, und endlich schießt Er mir auch noch meine brave Katze über den Haufen! Der Geyer soll mich holen, wenn ich Ihn noch einmal mit auf die Hasenjagd nehme!" Barthel lenkte ein. „Harr Farschter, fei nischt vor uhgut", meinte er, „oder mir kimmt's sei gar asu putzig für, daß zwec fette alte Gaager — mit Respect ze soong — setts gruß-meeligs Saupach Hom kenne!" „Und der Barthel ist am ganzen Dina schuld!" „Freilich, Harr Farschter, dos stimmt ganz genau — Sie kennes gar nett gelaam, wie mich die uhgelickliche Katz dauert!" Mit dieser Behauptung log Barthel. Denn da dir Katze nicht ihm selbst gehörte, so entdeckte er bei sich wenig Ursache zum Bedauern. Außerdem überwog der Stolz über seinen immerhin guten Schuß jede derartige mildere Regung. „Jedenfalls werde ich künftig mein« Hasen ohne Barthel schießen, und Er kann seine Kunst an feinen eiaenen Katzen probiren. — Für heute ist die Jagd vorbei. Der Barthel kann nach Hause gehen. Das Wildpret schenke ich Ihm, den Balg bringt er gelegentlich wieder — gute Nacht!" „Gute Nacht, Harr Farschter, fei nischt vor uhgut!" Barthel ging, unzufrieden mit sich selbst, mit dem Förster, mit der ganzen Welt. Schließlich siegte der Humor. „IS mir Alle» eegal!" sagte er zu sich selbst, „a guter Schuß blebbt a guter Schuß — un wenn'» ne Farschter sei aanztgt» Katz dorwischt!"
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