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Wöchentlich »r,chcin«n drei Nummern. Prinnmerntion»- PreiS 22; Sgr. (j Tdlr.) merttliiibriich, Z Thlr. sür da« ganze Jahr, ohne Er höhung, in allen Theilen der Prenilischen Monarchie. a g a für die Man xrLnumerirt aus diese« Beiblatt der Allg. Pr. Staats- Zeitung in Berlin in der Expedition (Mohren-Straße Nr. 34); in der Provinz s» sie im Ausland« bei den Wohllöbl. Poft - Aemtern. Literatur des Auslandes. 26. Berlin, Mittwoch den I. März 18S7. Frankreich. Der Konsul Bonaparte und die Marquise von Crequy. Die Marquise von Crequy halte, wie die übrigen alladeligen Familien in Frankreich, «ährend der Revolution ihre Güler und Bc- sitzungcn verloren. Nach der Errichlung des Konsulat« im Jahre 1802 zeigte sich der erste Konsul Bonaparte gegen mehrere Damen au« den ältesten Familien in der Zurückgabe der als Eigenlhum der Nation kon- flSzirlen Grundstücke so gefällig, daß sich auch Frau von Crequy nach langem Widerstreben durch den Baron Breteuil bestimmen ließ, in ihren Angelegenheilen an den ersten Konsul zu schreiben. Ei» Adjulanl dessel ben brachle ihr die mündliche Antwort, daß Bonaparle sie zwei Tage darauf um zwei Uhr de« Nachmittag« zu sprechen wünscht. Für die Marquise «ar diese Einladung höchst unangenehm; aber sie überwand endlich alle ihre Bedenklichkeiten und ließ sick am 12. November 1802 in einer Sänfte »ach den Tuilerieen tragen, wo damals die Konsuln ihren Sitz hatten. Sie vergißt dabei nicht, zu bemerken, daß sie in ihrer gewöhnlichen Kleidung war.°) Man meldete, so beginnt sie ihre Erzählung, dem Konsul die Bür gen» Cröquy, und so befand ich mich nun dem Sieger bei den Pyra miden gegenüber. Er belrachlele mich zwei oder drei Minuten lang mit einer nachdenkenden Miene und gab sich den Anschein, gerührt zu seyn. Laiin sagte er mit einem Ausdrucke, den ich fast kindlich nennen möchte: „Ich habe gewünscht, Sie zu sehnn Frau Marschallin"; fuhr aber so gleich in einem anderen und ziemlich unbescheidenen (pagsabloment impertinent) Tone fort: „ich habe Sie sehen «ollen. Sie sind hun dert Jahr alt." — „Vielleicht »och nicht ganz, aber ich bin nahe daran." — „Nun, wie al« sind Sie denn gerade?" Ich gestehe, daß ich über diese desehlshaberische Frage fast Lust batte, zu lachen; indeß ich lächelte nur (wie man in meinem Aller lächeln kann) und sagle ihm : „Mein Herr, ich kann Ihnen mein Aller nichl ganz genau angeden. Ich bin aus einem Schlosse in der Provinz geboren." — „Ja, ja", unterbrach er mich heftig, „zu Ihrer Zeit waren die Civilstand«-Register noch nicht in Ordnung, oder es gab »och gar keine." Daraus sing er sehr trocken, wie ein Untersuchung«-Richler im Verhöre, an zu fragen: „Wo wohnen Sie?" — „Im Holei Crequy." — „Ach, zum Teufel! und in welchem Viertel?" Ich begriff seine Neugierde zwar nichl, doch sagle ich ihm endlich, daß die» das ehemalige Holel Feuquiöre« sey, in der Straße Grtnelle. „Ab so, i» der Straße Grenellc. Nun, da haben Sie gestern und vorgestern in Ihrem Viertel Lärm gehabt. Haben Eie sich gefürchtet? Es «ar wegen der Brodpreise." „Die Unruhestifter waren nicht zahlreich, sagte man, und so hab» ich mich auch nichl beunruhigen lassen." „Es werden künftig unter meiner Regierung kein, Pöbel-Unruhen mehr möglich seyn! keine ernsthafte Aufstände, sage ich, vielleicht etwas Geschrei, das thut nicht«. Frankreich ist darum »ich, weniger glücklich und zufrieden! man darf sich darüber nicht lauschen; einige schlechte Mensche» beweisen noch nichts sür die allgemeine Unzufriedenheit. Wenn da« Volk sich wohl befindet, so läßt e« sich nicht daraus ei», in der Straße Lärm zu machen: eine Handvoll Unzufriedener und »edelgesinnter giebt sich da« Ansehen, etwa« zu seyn; aber e« ist nichts, gar nichts. Habe ich nicht Recht?" „Ei, ganz gewiß. Drei Frauen, welche schreien, machen mehr Lärm, als dreitausend Männer, welche schweigen." „Das war vortrefflich gesagt. Wissen Sie w°b>, daß die« ganz vortrefflich war, wa« Sie da gesagt haben?" Und ich anlwortete be scheiden : „Sie sind gar zu gütig, mein Herr." „Sie kennen den Fürsten von B ? Wa« halten Sie von ihm?" „Die Frage ist gar zu delikat und ohne Umschweife, aber zum Glück verwirrt sic mich nicht, denn ich kenne den Fürsten zu wenig, um von ihm eine eigentliche Meinung zu baden." „Man Hal ibn mir sehr gerühmt. Aber das war ohne Grund. Wen» da« beißt, weise seyn, so weiß ich nicht, wa« ein Tbvr ist." „Im Gegentbril", erwiederte ich; „wenn das beißt, lhöricht seyn, so weiß ich sehr wohl, was rin Weiser ist." Hierbei sah er mich mit einem Blicke an, wie er einen Soldaten anseben würde, den er beloben will, und sagte: „Sie wissen sich eben so einsichtig al« treffend aus zudrücken." <ie li> dt»rq«i,« se e-tq»7 V. VII p 2Z2 —rZ7 Hier bemerkt die Marquise, daß sie fast ein spöttische« Wort balle laut werden lassen, al« sie sich von diesem Soldaten (oauvrv «olstst) wegen ihre« Verstände« in demselben Schlofft rübmen horte, wo sie so ost mit den erlauchtesten Personen zusammengelebt hatte und das Bona parte jetzt als da« seinige betrachtete. Ader sie gedachte des Zweck« ihre« HierseynS und schwieg. Da« Wetter war an diesem Tage sehr unangenehm. Der Himmel war finster, Regengüsse und Windstöße wechselten mit einander ab. „Es thut mir leid", sagte Bonaparte, „daß ich Sie heute zum Au«- gehen veranlaßt habe; aber man kann sich ans das Wetter nicht ver lassen, feine Herrschaft ist eine sehr arbilraire", und lächelnd betonte er da« letzte Wort. Dann fuhr er fort: „Wir sehen häufig eine Dame bei un«, die zu Ihrer Verwandtschaft gehört." „Wer wäre den» das?" entgegnete ich ganz verwundert und in einem vertraulichen Tone, den er jedoch nicht ocmerkle. „Nun, das ist Frau von Miranda." „Ich wüßte nicht, daß wir mit einander verwandt wären. Ich bin Herzogin von Miranda in Spanien, und deshalb Hai sie sich vielleicht geirrt." — Aber der erste Konsul nahm hierüber eine so zornige Miene an, daß es mir leid that, so viel gesagt zu haben, denn ich wollte ja weder Gutes noch Böses von jener Abenteurerin sprechen. „Sie haben Ludwig XIV. gesehen?" fuhr er mit sehr belebter Stimme und starker Betonung fort. „Haben Sie auch Peter den Großen gesehen, Frau Marschallin?" „Ich habe diese Ebre nicht gehabt. Ich befand mich gerade da mals auf einem älterlichen Schlosse in her Provinz." „Nun, haben Sie viel uziler der revolutionaircn Gesetzgebung ge litten?" fragte er weiter, ganz trocken und fast mit dem Ansehen einee Zerstreute». Vielleicht wollte er es vermeide», ein langes Klagelied zu hören, also faßte ich mich kurz und war bald bei meinen Forsten, deren Rückgabe ich wünschte. Er animortele mir gar nicht hierauf (es schien, al« ob er ganz an etwa« Anderes dächte, al« mir einen Bescheid zu geben), sondern sprach: „Madame, wer in Revolutionszeiten Gutes thun will, der schreibt auf den Sand am Ufer de« Meeres. Wa« dem Winde entgeht, da« spülen die Wogen weg." Da« waren ungefähr seine Worte, aus die ich nicht« erwiederte. (Hier findet sich nach der Angabe de« Herausgeber« der Crequy« scheu Denkwürdigkeiten eine unleserliche Stelle, wo sich bloß die Jahres zahl 1718 erkennen läßt.) „Da« war", nahm Bonaparle da« Wort, „das Jahr, in welchem D'Agnffeau verbannt wurde? Haben Sie den Kanzler D'Agnffeau ge kannt?" „Ich habe ihn einige Male gesehen, General, er war der Freunb meines Schwiegervaters gewesen." „Haben Sie Dubois und Cartouch» g»tannt?" Dits» Frage kam der alten Dame gar zu überraschend. Sie ant wortete kein Wort und sah dem Konsul so starr und streng in« Gesicht, daß sie sich selbst Hinterher darüber gewundert hat. Er mochte es in deß wohl selbst fühlen (fährt sie fort), daß e« eine große Unschicklichkeit war, die ülarquise stnusiriöre von Crequy nach Neuigkeiten von Car« louche zu fragen (von dem sie übrigen« im ersten Theile ihrer Denk würdigkeiten so viel erzählt hat, daß dem Leser Bonaparte'« Frage gar nicht so wunderlich Vorkommen kann), und er wendete sich daher mit einem so feinen, naiven und sanfte» Lächeln zu ihr, daß sie gänzlich kntwaffnet wurde. „Erlauben Sie mir Ihr» Hand zu küssen", sagte er. Ich wollte also schnell meinen Handschuh (nritaioe) abstreisen. wie e« sich für eine solche Gelegenheit schickte. Aber er setzte mit vieler Gulmü- thigkeit hinzu: „Ziehen Sie Ihren Handschuh nicht au«, mein gute« Müt terchen (nm banne mere)", und drückte nun seine Lipppen mit Heftig keit aus die Spitzen meiner armen hundertjährigen und mageren Finger, die nicht vom Handschuh bedeckt waren. Darauf bewilligte »r mir mit großer Anmuch die Zurückgabe meiner Waldungen und sprach viel von dem edlen und vortrefflichen Betragen de« Herzogs von Crequy-Lesdi« auiere« zu Rom, indem er hinzusctzle, daß Frankreich sehr Unrecht ge habt habe, zu gestatten, daß man di» Säule niederreiß»» durfte, die auf das deutlichst» di» Genuglhuung bezeugt», welche der Römische Hof unserem Botschafter halt» geben müssen. Ach! was hilft mir jetzt dieser schöne Name, den ich al« die Letzte vom Hause Crequy trage, und de» man bald in ein schmutzige« Tobten-Register schreiben wird, wie de» aller gemeinen Leute, und vielleicht gar auf ein Blatt mit den Namen eines Merlin oder Gasparin! Bonaparle wußte übrigens nickt, oder vielleicht erinnerte-er sich nichl daran, daß auf der Säule, deren Zerstörung er bedaurrle, die Korsen al« eine durchaus verwerfliche und von alle» Völkern gehaßte