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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 25.08.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-08-25
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000825013
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900082501
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900082501
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-08
- Tag 1900-08-25
-
Monat
1900-08
-
Jahr
1900
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Wir haben uns bisher aus die Mittheilung des Thatsächlickcn beschränkt, weil wir der Meinung waren und sind, daß es im heutigen Preußen schon ein Fortschritt sei, wenn in Sachen der Bestätigung oder Nichtbestätigung eines politisch nicht völlig genehmen Candidaten für ein Selbstverwaltungs amt überhaupt eine Entscheidung fällt. Und das war geschehen. Herr Or. Dullo wurde in verhältnißmäßig kurzer Zeit nicht bestätigt. Daß die Königsberger Stadtverord neten hierauf wegen der Verweigerung der Bestätigung ver geblich beim Minister des Innern vorstellig geworden waren, erschien beinahe selbstverständlich, und auch daß der Minister wie sein „Nachgeordneter" College im Königsberger Negierungspräsidium sich nicht zur Bezeichnung der Gründe für die Nichtbestätignng herbeiließ, konnte man zu dem Uebrigcn legen. Nun aber wird bekannt, daß gegen Herrn I>r. Dullo in einer Weise verfahren worden ist, die, wenn eingebürgert, die Rechtssicherheit der Beamten in Preußen derart verschlechtern würde, daß namentlich in der heutigen Zeit der Anziehungskraft der Technik, die Folgen sehr bald an der Qualität des zur Verfügung stehenden Beamtenmaterials sich bemerkbar machen müßten. Herr Or. Dullo gehört zur freisinnigen VolkSpartci und soll deren Grundsatz und Taktik mit einigem Geräusch vertreten haben. Erwägt man, daß diese Partei in Landcsvertheidigungssachen immer, und in der Polenfrage zumeist auch, eine Politik verfolgt, die alles eher als staats erhaltend ist, so braucht man die Nichtbcstätigung nicht unbegreiflich zu finden, ohne sie billigen zn müssen. Aller dings hat auch die Minderheit der Königsberger Stadt verordneten, die bei der Wahl Dullo'S überstimmt worden war, die Nichtbestätigung nicht begriffen, und seit Dienstag liegt sogar eine einmüthig beschlossene Kundgebung dieses, auch Conservative und Nationalliberale einschließenden, Colle giums vor, in der vie Verweigerung der Bestätigung nach drücklich bedauert wird. Dieser Erfolg ist dem Verfahren der Königsberger Regierung zuzuschreiben, das hockst eigen- thümlich ist. In der letzten Sitzung der Königsberger Stadt verordneten wurde darüber Folgendes berichtet: Der Herr Regierungspräsident v. Waldow hat Herrn Iw. Dullo zum 23. Juli vorgeladrn behufs einer ihm zu machenden mündlichen Eröffnung. In dieser mündl.chcn Eröffnung ist ihm die Nichtbcstätigung initgctheilt worden. ES ist ihm ferner eine Ministerialverfügung vorqelesen worden, in der das politische Auftreten des Herrn vr. Dullo scharf gemißbilligt und ihm verwiesen ist. Er ist dann schließlich verwarnt worden, daß er, falls er in derselben Art sortsahre wie bisher, disciplinarisch zur Verantwortung gezogen werden würde. In dieser Verfügung ist nicht eine einzige Thatjache über Las politische Auftreten des Herrn vr. Dullo enthalten, nicht ein einziger bestimmter Fall ist bezeichnet worden, es hieß in der Ver- fügung nur ganz allgemein, „daß Herr vr. Dullo sich bei seiner öffentlichen Thätigkeit nicht innerhalb der durch sein Amt gezogenen Grenzen gehalten habe". Herr Vr. Dullo fragte hierauf den Herrn Regierungspräsidenten, ob diese Minislerialversügung im Sinne deS Disciplinargejetzes aufzufassen sei, erwürbe in diesem Falle das Rechtsmittel derBeschwerde dagegen ergreifen. Darauf wurde ihm erwidert, daß in der Ministerialversügung ausdrücklich gesagt sei, sie solle kein Verweis im Sinne des Disciplinargesctzes sein, es gebe auch kein Rechtsmittel dagegen. Darauf hin hat Herr vr. Dullo beantragt, daß ihm eine Abschrift dieser ihm nur verlesenen ministeriellen Verfügung mitgetheilt werde, damit er auf Grund der Abschrift in der Lage sei, weitere Schritte zu ergreifen. Diese Abschrift ist ohne Angabe von Gründen unter dem 9. August verweigert worden und plötzlich die ganze Ministerialversügung, was vorher nicht der Fall war, als vertraulich bezeichnet worden. Nun vergegenwärtigen Sie sich den Thatbesland: man klagt einen Mann an, man verurtheilt ihn, man vollstreckt das Urtheil, ohne ihn gehört zn haben, ohne ihm Gelegenheit zur Bertbeidigung zu geben, und dann will man ihm auch noch Schweigen auferlegen über das, was ihm geschehen. Das ist in der Thal ein merkwürdiges Verhalten und das ihm anscheinend zu Grunde liegende Princip ist neu. Man kann eS ja nicht mit gewissen Executionen vergleichen, die in der Dunkelheit manchmal vorgenommen werden, in welchen Fällen der Betroffene allerdings auch kein Rechtsmittel hat und es vorkommen kann, daß man ihn für ein Opfer von Sinnestäuschungen erklärt, wenn er zwischen der Luft und seinen Knochen fremde Fäuste verspürt haben will. Der Vergleich paßt um so weniger als der Herr Regierungspräsident v. Waldow sich zu feinen Vorhaltungen, die keinen Verweis darstellen sollen und dürfen, ohne Zweifel bekennen wird. Aber für die Beamten eröffnet der Vorfall dennoch eine unerfreuliche Perspective. Es scheint etwas wie eine „trockene Guillotine" für sie errichtet worden zu sein. Man sucht vergeblich nach Beweggründen zu einem Ver balten, das die Bevölkerung bewegt und jedenfalls auch im Abgeordnetenhaus« zur Sprache gebracht werden wird. Die betheiligten Behörden werden dort wohl die Ueberzeugung auösprechen hören, daß, wenn sie Tbatsachen gekannt hätten, die einen ordentlichen, das Kraft einer Berufungsinstanz ver tragenden Verweis rechtfertigten, sie damit nicht hinter dem Berge gehalten haben würden. Herr v. Rheinbaben ist in diesem Falle nicht glücklicher gewesen als sein Vorgänger in ähnlichen Fällen. Die Spuren des Frhn. v. d. Recke scheinen ihn allerdings aber auch nicht im Mindesten zu erschrecken, denn nur noch eine kleine Spanne Zeit, und die Entscheidung über die Be stätigung deS Berliner zweiten Bürgermeisters Brinkmann wird ebenso lange ausgesetzt gewesen sein wie die über die Zulassung des Oberbürgermeisters Kirschner. Auch Herr Brinkmann ist Königsberger, und in der Preffe wird angedeutet, gesellschaftliche Gegensätze zwischen Beamten und Nichtbeamtrn in Königsberg könnten möglicherweise nickt ohne Einfluß auf die beklagte Verzögerung gewesen sein. Ist dem so, so wäre die Ursache noch erstaunlicher al» di« Wirkung. Die Wirren in China. * Auch heute sind weitere Einzelmeldunge» über die Erstürmung Pekings nachzuholen. Der Director der Russisch-Chinesischen Bankabtheilung in Peking berichtet unter dem 14. August: Nach einer zweimonatigen Belagerung sind wir heute befreit worden. Im Ganzen sind 75 Mann ge fallen und 120 verwundet, darunter 7 Russen. Die Russisch-Chinesische Bank ist von den Boxern zerstört worden. Nachträglich wird berichtet, daß sich unler den bei der Ein nahme von Peking Verwundeten der Flottenjunker v. Giers, ein Sohn des Gesandten, befindet. Zu wiederholen ist folgende Depesche des „Neuter'schen BureauS" aus Peking, 16. d. Mts.: Gestern griffen die Amerikaner die kaiserliche Stadt an und nahmen fünf Thore. Hierauf hielten die Generale eine Conferenz ab. Die Truppen wurden zurückgezogen. Ein Officier und 5 Mann waren gefallen, 18 verwundet. Heute früh wurde die Peiang-Katbcdrale im Norden der Stadt, in der sich eine Besatzung von 30 Franzosen und 10 Italienern befand, die seit dem Beginn der Belagerung mit den übrigen Fremden keine Verbindung mehr hatten, von Japanern und Franzosen ent setzt. Die Vertbeidigung der Kathedrale war höchst heldcn- ninthig. Die kaiserliche Stadt wurde von combinirlen Streitkräften angegriffen, die jetzt die Stadt vom Feinde säubern und das Palastgcbäude mit internationalen Wachen besetzen, um Plünderungen zu verhindern. Es ist noch nicht bekannt, wohin die Kaiserin-W ittwe geflohen ist. Man glaubt, daß sie sich nach Sinangfu begeben habe. Wiederholt sei gleichfalls, was das „Wolsf'sche Telegraphcn- Bureau" aus Tientsin unterm 21. August verbreitet: Capitän Pohl ist mit dem deutschen Matrosen detachement am 18. August in Peking eingetrofsen. Gestern befand sich daS deutsche Seebataillon in Hosiwu. — Dasselbe Bureau berichtet aus Tientsin unter dem 22. August aus japanischer Quelle: In Peking ist eine militärische Verwaltung eingerichtet worden, die aus je einem Ver treter der verbündeten Mächte besteht. Am 12. August ist die kaiserliche Familie mit den Ministern aus Peking geflohen. General Tung begleitet mit 3000 Mann die Flüchtlinge. Aus Wilhelmshöhe telegraphirte Kaiser Wilhelm an den Sekretär der Gesandtschaft v. Below: „Es freut Mich zn erfahren, daß Sie die schwere Zeit, welche hinter Ihnen liegt, mit GotteS Hilfe glücklich überstanden haben. Ich spreche Ihnen und den überlebenden Mitgliedern der Gesandtschaft Meinen herzlichen Glückwunsch zur Er rettung aus den großen Gefahren aus, in denen Sie Alle geschwebt, und zu deren Abwendung Sie Alle mnthig mitgewirkt haben. Zur Belohnung für Ihr tapferes Aus barren verleihe Ich Ihnen den Rothen Adler-Orden vierter Classe mit Schwertern und bitte Sie, Anträge zur Decorirung der übrigen Mitglieder der Gesandtschaft einzu reichen." „Daily News" berichten aus Washington: General Cbaffee hat geäußert, daß sich die Nothwendigkeit Herausstellen konnte, die VesatzungStruppc» den ganzen Winter über in China zn belassen. Die Verbündeten seien verpflichret, das Werk der Sicherung des Friedens zu unternehmen. „Le Soir" tbeilt mit, das Organisations-Comito der belgischen Expedition nach China habe infolge der Mittheilung deS Ministers des Aeußcrn beschlossen, den Abgang des Expeditionskorps zu vertagen; alle in den letzten Tagen bestellten Lieferungen seien rückgängig gemacht worden. — Dem gegenüber erklärt das „Havas-Reuter'sche Bureau" auf Grund von Er kundigungen an zuständiger Quelle. eS sei unzutreffend, daß der Minister des Acußern die Weisung ertheilt habe, die Abreise der chinesischen Expedition zu verschieben. Ueber die Flucht derkaiserin-Wittwe auS Peking schreibt die „Pall Mall Gazette": „Der Bericht, daß die Kaiserin-Wittwe Peking verlassen hat, beruht allem Anschein nach auf Wahrheit. Es ist äußerst unwahrscheinlich, daß sie angesichts des Einzugs der verbündeten Truppen in der Hauptstadt geblieben sein sollte. Ihre eigenen Be fürchtungen mußten sie zur Flucht treiben und ihre Minister und der Hof mußten diese Absicht noch bestärken. Sie hat zweifellos den Kaiser, die drei jungen Kaiserinnen und den neuerwählten Thronerben mit sich genommen und die „ver botene Stadt" war daher leer. Ueber die Frage, wohin sie sich gewendet hat, lauten die Nachrichten verschieden. Aber man kann ihre Zufluchtsstätten auf zwei Orte begrenzen — Siang und Iehol. Siang ist die Hauptstadt der Provinz Shensi und war ehemals die Hauptstadt deS Reiches. Siang liegt ungefähr 883 Meilen südwestlich von Peking, ist eine große Stadt und hat immer noch Anzeichen seines einstigen Glanzes. Es ist indessen nicht wahrscheinlich, daß die Kaiserin vorläufig jenen weit entfernt gelegenen Ort als Zufluchtsort aufsuchen wird, oder daß sie sich so weit von der Heimath ihrer Raffe entfernen wird, ehe nicht die dringende Nothwendigkeit eintritt. Wahrscheinlich ist sie nach Iehol, dem „warmen Fluß", ungefähr 40 Meilen außerhalb der großen Mauer und 140 Meilen nordöstlich von Peking geflüchtet. Iebol ist eine mongolische Stadt ohne Umwallung, die von den Chinesen Chengkg genannt wird und liegt sehr malerisch in einem kleinen Thal. Der Weg von Peking ist meist raub und hügelig und ein großer Theil desselben ist in massiven Fels eingebauen. In dieser Stadt befindet sich ein kaiserliche- Jagdschloß oder ein von einem großen Park umgebener Palast. Der Park wird von einer hohen Mauer von der selben Stärke eingeschlossen wie der Palast in Peking. In dem Park werden alle Arten von wilden Thieren gehalten, u.A. auch Löwen für Iagdzwecke. ES haben aber in den letzten vierzig Jahren keine Löwcnjagdcn stattaefunden. ES ist dies das zweite Mal, daß dir Kaiserin daselbst vor fremden Truppen Schutz gesucht bat. Im Jahre 1880, al» die Engländer und Franzosen auf Peking marschirten, um den Verratb von Taku zu rächen und die Einhaltung de» Vertrage» von 1858 zu erzwingen, floh der Manschuhof schnell nach Iehol. Die Kaiserin-Wittwe war damals 26 Jahre alt und eine Frau im Harem des Kaisers Hien-seng und unter dem Namen Nala bekannt. Sie war die Einzige, die ihm einen Sohn geboren hatte, der damals fünf Jahre alt war. Hien-seng starb im Jahre 1861 zu Iebol und Nala's Sobn wurde Kaiser, und zwar unter dem Namen Tung-cbib. Sie wurde zum Rang einer Kaiserin erhoben und zur Mitregentin des Reiches zusammen mit der Kaiserin Tsz-an gemacht. Diese neue Flucht nach Iebol wird ihr wohl keine neue Macht und keinen neuen Ruhm bringen, ihr aber wahrscheinlich Beides rauben." Es werden jetzt Mittheilungen gemacht über den ToS drS Gesandten v. Kettclcr, die mit den bisherigen in einigem Widerspruch stehen. Nach denselben geschah die Ermordung auf „höheren" Wunsch durch Polizisten; Ketteler erhielt einen Schuß in den Hinter kopf, als er in einer Sänfte nach dem Tsung li Damen unterwegs war. Seitdem war seine Leiche verschwunden. Am Tage nach der Einnahme von Peking verrieth nun ein Chinese einem Deutschen die Stelle, wo Ketteler begraben worden war. Es war ein chinesischer Grabhügel in der Nähe der Mordstclle. Unsere Seesoldaten deckten den Hügel ab und stießen bald auf einen chinesischen Sarg, den sie öffneten. Er enthielt in der That die Leiche Les ermordeten deutschen Gesandten. Nach Pariser Meldungen ward der Gesandte gleich den anderen Vertretern der Mächte nach dem Tsung li Damen geladen, um einer Berathung beizuwohnen, wie man daS Leben der Gesandten und ihrer Familien angesichts der zunehmenden Boxerbewegnng am besten schützen könne. Nach Ermordung des Gesandten bemächtigten sich zwanzig Deutsche mit vier Kanonen, von denen sie zwei vom Hose des Tsung li Damen weggenommen hatten, des Mittelthores im Süden der Tatarenstadt, wo sie sich bis zum Entsätze helbenmüthig vertheidigtcn. Tie Einnahme von Tientsin. Die „Lübeckischen Anzeigen" entnehmen einem ihnen zur Verfügung gestellten Briefe des Capitänleutnants Kühne folgende lebensvolle Schilderung: S. M. S. „Iltis". Tongku, 7. August 1900. Endlich einen Augenblick Ruhe, ein Aufathmen nach all' den bösen Stunden! — Seit einer Woche bin ich wieder aus Tientsin zurück und habe das Kommando des „Iltis" übernommen. An den vergangenen Monat werde ich ewig zurückdenken! Wir hielten es Alle für ausgeschlossen, daß Tientsin sich so lange würde halten können, und daß ein Entsatz rechtzeitig eintreffen würde. Die ganze Zeit von meinem Einzug in Tientsin am 5. Juni bis zu meinem Fortgang am 29. Juni beschreibe ich später ausführlich in meinem Tagebuche, für heute nur kurz die Belagerungswoche. Die Ereignisse traten völlig unerwartet ein, und auch vor einem Monat glaubte Niemand, daß es so ernst werden würde. Vor allen Dingen hat sich Jeder in den Chinesen gründlich ge täuscht. Wer hätte es denn für möglich gehalten, daß die Kerle europäische Truppen so hartnäckig angreifen würden, daß sie sich so schneidig Vertheidigen und so brillant schießen würden, wie es nachher der Fall war? Als ich am 17. Morgens noch durch Telephon die Nachricht von der Einnahme der Taku-Forts erhielt und zugleich, mit welchen Opfern dieselbe erkauft war, da ahnte ich, was uns in Tientsin blühen würde. — Ueber die Einnahme der Taku-Forts werdet Ihr wohl genug in den Zeitungen gelesen haben und wissen, welche, von allen Nationen unumwunden anerkannten Hclden- thaten der kleine „Iltis" geleistet hat. Leider kostete es uns einen lieben Kameraden, und der tapfere Kommandant wurde schwer verwundet. — Gottlob geht es ihm dauernd besser und erholt er sich in Dokohama. Aber wie sieht unser schönes Schiff aus! 15 Granattreffer von 12 bis 24 Centimeter Caliber haben es furchtbar mit genommen und zerschossen. Ja, Ihr Lieben, so leid es mir thut, das Gefecht an Bord nicht mitgcmacht zu haben, so ist es doch vielleicht eine Fügung Gottes gewesen, denn gerade dort, wo immer mein Hauptaufenthalt während des Gefechts war, sind die meisten Granaten eingeschlagen und haben Alles zer trümmert. Nun, in Tientsin war meine Aufgabe nicht geringer, es gab dort genug zu thun und zu kämpfen. Gleich am selben Mittag fing bereits das bei der khinesenstadt gelegene Fort an, die Stadt mit Granaten und Shrapnells zu beschießen. Gegenüber meiner Vertheidigungslinie am anderen Ufer des Flusses lag die chinesische Militärschule, in welcher 6 neue Krupp'sche Schnellfeuerkanonen und eine Menge Gewehre neuesten Modells lagerten. Da auch noch 80—100 vorzüglich ausgebildete Mandschu-Officierschüler dort sein sollten, so war die Lage des mit Wällen umgebenen großen Komplexes meiner ungeschützten Linie gegenüber äußerst ungemüthlich. Ich beschloß deshalb gleich Vormittags, am Nachmittag die Schule zu nehmen und wenigstens die Waffen unbrauchbar zu machen. Meiner Füh rung schlossen sich noch 50 englische Seesoldaten, 40 Oesterreicher und 20 Italiener an. Gerade um Uhr, als sich die Truppen versammelten, begann ein furchtbares Granatfeuer, und genau bei unserem Platze schlugen die Geschosse ein. Jetzt hieß es schnell machen. Im Laufschritt ging es an den Fluß und mit dort liegenden Booten hinüber! Ohne einen Schuß zu thun, gelangten wir über die Wälle und durch das Thor. Ich ließ sofort die Thore schließen und, dem Plane entsprechend, die Gebäude umstellen. Die Mandschu-Schule war verbarrikadirt, und al» ich die „Jrene"-Mannschaften vorschickte, um die Thore zu öffnen, fiel gleich ein Mann, von einer Kugel durch die Brust getroffen, todt zur Erde. Gleichzeitig erhielten wir von verschiedenen Seiten heftiges Gewehrfeuer. Jetzt ließ ich durch unsere Leute und die Engländer die Mandschu-Schule stürmen, die Thüren und Fenster wurden eingeschlagen, und nachdem ein starkes Schnellfeuer darauf abge geben war, hineingegangen, wo die Kerle von Raum zu Raum zurückgetrieben und rücksichtslos niedergemacht wurden. Die Engländer hatten dabei auch noch einen Tobten und mehrere Verwundete. Al» die» Gebäude genommen war, fand ich bald in einem anderen die Geschütze, von denen ich die Verschlüsse heraus nehmen und in den Fluß werfen ließ. Alle» war nagelneu und in tadellosester Ordnung, alle deutsche Waffen, vergoldete Cavalleriesäbel und Jnfanteriedegen aus Solingen und eine Menge Gewehre ^l/88. — Jeder nahm, so viel er tragen konnte — da erhielt ich Meldung, daß an unserer Front vor den Wällen sich chinesische Truppen zeigten, und da unsere Linie nur sehr schwach besetzt war, mußte ich schleunigst zurück, nachdem wir noch das Gebäude in Brand gesteckt hatten. — Im Laufschritt ging es zu unseren Wällen. Hinter den Dörfern sah ich dort sich größere Truppenmassen bewegen, aber ein Angriff erfolgte nicht. Die Nacht blieb Alles auf den Wällen in gespannter Er wartung, doch es kam nichts. Am nächsten Morgen aber be gann bas Bombardement mit erneuter Heftigkeit, und gleich zeitig erfolgten heiße Angriffe auf die Stellung der Russen am Bahnhofe, den diese mit großen Verlusten tapfer vertheidigten. Nachmittags kam ein Angriff von großen Boxer-Massen auf unsere Seite, der nach einstündigem Kampfe zurückgeschlagen wurde. — Den nächsten Tag folgte ein Angriff mit Geschützen von der Militärschule aus, der mit einem Krupp'schen Schnell feuergeschütz und nach heißem Jnfanteriefeuer wieder zurück geschlagen wurde. Leider hatten wir mehrere Verwundete, und der italienische Leutnant, der sich mit seinen Leuten unter meinem Kommando gestellt hatte, fiel tödtlich getroffen. Die Chinesen schossen brillant. Die nächsten Tage beschossen sie unsere Stel lung auf dem Wall in der Flanke und im Rücken derartig, daß wir sie nicht hätten halten können, wenn gleichzeitig ein Angriff in der Front erfolgt wäre. Glücklicher Weise geschah dieses nicht, und ich ließ Traversen und Rückendeckungen Herstellen, wodurch unsere Stellung befestigt wurde. Andauernd aber kamen Beunruhigungen durch starke Truppenmassen vor unserer Front, so daß die Mannschaften Tag und Nacht nicht von ihrem Platz auf dem Wall herab durften, da wir so gering an Zahl waren, daß kein Mann fehlen durfte. Schlaf kannte Keiner mehr, dabei bei Tage die kolossale Hitze! Es waren furchtbare Stunden! Fortwährend in Spannung und Aufregung unter heftigem Geschütz- und Gewehrfeuer; Munition und Proviant wurden knapp, Fleisch gab es schließlich gar nicht mehr, man lebte von Reis, Erbsen und Bohnen, ab und zu eine Dose Conserven. Dabei keine Nachrichten, weder von Taku noch Peking. Die Stadt brannte an verschiedenen Stellen, Nachts war Alles durch die vielen Brände hell erleuchtet, auch die Dörfer rings herum brannten; — es sah schaurig aus. Die französische Niederlassung, welche zunächst der Chinesenstadt liegt, war nur noch ein Trümmerhaufen. Im Consulat hatten sich die deutschen Familien zusammen geflüchtet; es sah dort wüst aus, dabei die angstvollen Gesichter und, wenn ich mich mal zeigte, die Fragen, mit denen man be stürmt wurde. Ich suchte zu trösten, so gut es ging, und doch schien auch mir selbst die Lage untröstlich, verzweifelt. Kam nicht schnell Entsatz, so fiel Tientsin und die schrecklichsten Greuelsccnen würden sich abspielen. Am 23. Morgens wurde uns gemeldet, auf unserer Seite, die nach Taku zu lag, wären große Truppenmassen im An marsch. Es kam aber ein heftiger Staubwind auf, der jede Aussicht verhinderte. Ich ließ sofort die Alarmstellungen ein nehmen und schickte zu den Engländern um Verstärkungen, denn ich nahm an, es wären die chinesischen Truppen aus Lubai. Alles lag mit Gewehr im Arm bereit auf dem Wall — da blitzten aus einer Staubwolke im Sonnenlicht Bajonette und Säbel — es waren nur noch wenige hundert Meter. Die Geschosse waren gerichtet und klar zum Feuern, sollte ich feuern lassen? — noch einen Augenblick warten — doch was ist denn das? Weiße Tropenhüte und Strohhüte leuchten plötzlich auf — es sind europäische Truppen! — unsere Entsatztruppen!! Der Trubel, der nun losbrach, ist kaum tu schildern. Die neuen Truppen trieben die Chinesen in die Militärschule zurück, wobei ich mit meinen Leuten die Flanken decken ließ, und nach dreiviertelstündigem, heißem Kampfe war der Platz ge nommen. Durch die ganze Stadt pflanzte sich der Trubel fort, auf den Thllrmen flogen die Flaggen in die Höhe und endlose Hurrahs durchzitterten die Luft. Wir kamen uns vor, wie von den Tobten auferstanden, und konnten das Leben von Neuem genießen! Der Krieg in Südafrika. Ein TobcSurthetl. * Laudon, 24. August. (Telegramm.) Lte Abend blätter berichten aus Pretoria: Feldmarschall Roberts hat das TodeSnrthcil des Kriegsgerichts gegen den Leutnant Eordua wegen Tbeilnahmc an einer Ver schwörung gegen Lord Roberts bestätigt. Eubanische Methoden in Südafrika Unter diesem Titel bringt der „Morning Leader" einen scharf gehaltenen Leitartikel, dem wir Folgendes entnehmen: „Ein Pseudo-Complot, von einem Amateur-Detectiv mit zweifelhaften Antecedentien in Betrieb gesetzt und gefördert, muß als öffentliche Entschuldigung dafür dienen, daß wir unsere Politik im südafrikanischen Kriege seit einigen Tagen geändert haben, nachdem wir bisher wenigstens dem Namen nach einen versöhnlichen Curs innegehalten haben. Allerdings versagten wir den Freistaatlern, die noch unter Waffen sind, die An erkennung als Kombattanten, und tituliren sie Rebellen. Wir haben Farmen und Häuser niedergebrannt, ungezähltes Vieh ohne Bezahlung weggetrieben, wir benutzen hervorragende Burghers als Deckmiitel gegen feindliche Granaten, indem wir sie neben unsere Schildwachen und Vorposten stellen oder sie zwingen, unsere Militärzüge zu besteigen, aber alle derartige Acte, so sehr sie auch der Menschlichkeit und dem internationalen Völkerrecht widersprechen mögen, waren unseren Jingos immer noch nicht scharf genug. Jetzt wird also energischer vorgegangen, und selbst die extremsten Patrioten sind durch Lord Roberts' neueste Proklamation fast völlig zufriedengestellt. In Zukunft werden wir nunmehr überhaupt keine nichtcombattante Bevölkerung mehr anerkennen, sondern einfach die ganze männliche Einwohner schaft gefangen nehmen, die dann nach Ceylon, St. Helena u. s. w. deportirt wird. Was dann aus den Weibern und Kindern weiden soll, die schutzlos dem Elend und vielleicht Schlimmerem unter den Kaffern des Veldts ausgesetzt sind, da» kümmert uns nicht. Im Uebrigen hören wir don Todesstrafen, Vernichtung deS Eigenthums u. s. w., und so erfahren wir, daß die früh:re Proclamation Robert'», worin e» hieß, daß wir nur mit
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