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Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 05.08.1900
- Erscheinungsdatum
- 1900-08-05
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-190008053
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-19000805
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-19000805
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-08
- Tag 1900-08-05
-
Monat
1900-08
-
Jahr
1900
- Titel
- Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 05.08.1900
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384 Die Morgen-AuSgabe erscheint um '/,7 Uhr, die Abend-Ausgabe Wochentags um 5 Uhr. Redaktion und Expedition: Johannisgasfe 8. DieTxvedition ist Wochentag» ununterbrochen grössuet von früh 8 bi» Abend» 7 Uhr. Filialen: Alfred Hahn vorm. v. Kien««'» Torttn». UniversitätSstraße 3 (Paulinum), Lau iS Lösche, Latharineustr. 14, pari, und Königsplatz 7. BezugS-PreiS in der Hauptexvedition oder den im Stadt» bezirk und den Bororten errichteten Aus gabestellen ab geholt: vierteljährlich^ 4.50, bei zweimaliger täglicher Zustellung in» Hau» 5.50. Durch die Post bezogen für Deutschland und Oesterreich: vierteljährlich 6.—. Direkte tägliche Kreuzbandiendung r»» Ausland: monatlich 7.50. KiP)igcr TagÄatt Anzeiger. Amtsblatt des Hömgkichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, -es Aathes und Noüzei-Ämtes der Ltadt Leipzig. Sonntag den 5. August 190Ü, Anzeigen-Prei- die L gespaltene Petitzeile 20 Psg. Neclamen unter dem Redactionsstrick (4gw spalten) 50 ij, vor den Familirunachrichten (6 gespalten) 40 Größere Schriften laut unserem PreiS- verzrichniß. Tabellarischer und Ziffernjatz nach höherem Tarts. «ptra-Beilagen (gesalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbefördrrung 60.—, m u Postbesörderung ^il 70.—. —-Ö-Ö-— Ännahmeschluß für Anzeigen: Abend-Ausgabe: Vormittag» 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je eine halbe Stunde früher. Anzeige« sind stet- an die Expedition zu richten. Druck und Verlag von L. Polz in Leipzig — - -- V 94. Jahrgang. Rus der Woche. Mit dem gestrigen 4. August sind wir in die Neibe der dreißigjährigen Krieg»- und Siegeserinnerungen der Jahre 1 87 0 und 71 eingetreten. Die Weltlage mit ihrer eigenartigen Gruppirung der Mächte hat e» der deut schen Presse erleichtert, die kurz« diplomatische Vor geschichte wie die tief liegenden eigentlichen Ursachen jene» gewaltigen Zusammenstoßes nur mit wenigen Worten oder gar nicht zu berühren. Aber weder Courtoisie noch politische Berechnung verbieten das öffentliche Gedenken an die Ereignisse, die das deutsche Reich ge boren haben, und die Vergegenwärtigung der Voraus setzungen des Fortbestände» unseres jungen Nationalstaates. Außer den Vorgängen in Cbina haben andere ältere Ein wirkungen, darunter künstliche, hat die Weltausstellung in Paris manchen Deutschen vergehen lassen, daß Frankreich nicht verzichtet, daß für die Franzosen Faschoda ein Nichts ist im Vergleich zu Sedan, und daß die kleinen Auf rnerksamkeiten, die man den mit hinreichendem Reisegeld auSgestattelen Landsleuten in Paris erweist, nichts weiter sind, als die Höflichkeiten, die der Verkäufer dem besten Kunden nickt versagen darf, so lange sich dieser im Laden befindet. Dennoch ist es so leicht zu erkennen, daß beute wie vor neunundzwanzig Jahren die Revanche für Frankreich die Frage aller Fragen ist. Der Ton der Racke und der Revindication in den der französischen Jugend in die Hand gegebenen Lehrbüchern verschärft sich, anstatt Milderung zu erfahren, und das will denn doch mehr besagen, als die Festhaltung von Schleifen mit den vereinigten Nationalfarben beider Länder durch Boulevard-Hausirer; die „Asfaire" war eine zur Sckürung deS Deutschenhasses unternommene, unterhaltene und eben deswegen von neun Zehnteln der Franzosen unterstützte Action, für deren Urheber die KräftigungdesAntisemilisuius nur als eine Willkommene Nebenwirkung galt und gilt, und erst in den letzten Tagen zeigte cs sich, wie beiß unter der dünnen Ober fläche der Tagesereignisse die Frankreich noch beherrschende Leidenschaft lodert: König Humbert war noch nickt einen Tag todt, als französische Blätter die Frage in den Vordergrund rückten, ob die Verwandtsckaft seines Sohnes und Nachfolgers mit dem Zaren der Stärkung des Zweibundes und dem einzigen Zweck, dem die Franzosen dieses Bündniß weiden, dienlich sein werde oder nicht. Nichts, auch nicht eine Welt- krisiS, wird Frankreick Vergessen lehren. Darüber dürfen wir uns nicht täuschen, und wenn wir das Nichtige erkennen, warum sollte Deutschland Unklarheit bestehen lassen, Laß eS weiß, wie es mit dem Nachbar daran ist? Im Gegen- tbeile, gerade desbalb, und ganz abgesehen davon, daß der 2. September 1870 der Geburtstag des ReickeS ist, stebt zu hoffen, daß das sechste Lustrum seit Sedan nicht ohne Feier absckließe. Voraussichtlich wird Deutschland an diesem Tage noch in ernste militärische Unternehmungen verwickelt sein, werden deutsche Söhne im fernen Asien kämpfen oder des Kampfes gewärtig sein müssen. Ein Grund, die Feier ernst zu ge stalten, nicht aber, auf sie zu verzichten. Die Erinnerung an 1870 könnte zu manchem ersprießlichen Vergleick zwischen damals und beute anregen. Ein Berliner Blatt findet als den markantesten Unterschied daS Emporkommen der mate riellen Interessen. Aber diese Entwickelung bat Deutsch land mit allen civilisirten und vielen balbcivilisirten Län dern gemeinsam. Eine andere Frage wäre cS, ob das deutsche Volk in einer Schicksalsstunde nock jene mit entschlossenem Enthusiasmus gepaarte innere Demuth zu zeigen im Stande wäre, die vor dreißig Jahren die Be wunderung einer Welt berauSforderte, ob wir, die wir seitdem ohne Zweifel lauter geworden, auch noch der echten Begeisterung jener ernsten Zeil vollauf fähig geblieben sind. Die DiScontirung von Siegen wurde 1870 den Franzosen überlassen, beute angesichts einer kleineren, aber nickt minder schwer übersehbaren Aufgabe stellt man sich daS Horoskop etwas übermüthiger, und obwohl der Herr der Schlachten stärker in Anspruch genommen wird als bei dem AuSmarsch an die französische Grenze, so scheint mau doch zu glauben, ihm in einer Weise vorgreifen zu dürfen, wie sie 1870 nickt gekannt war. Vorläufig scheinen die Vorbereitungen zum Entsätze Pekings nickt recht vom Flecke zu kommen. Der Hoffnung also, daß die ausgerüsteten und in der Ausreise begriffenen deutschen Mannschaften getbane Arbeit vorfinden werden, wird man sich nicht hingeben dürfen. Die inneren Verbältniffe des ost astatischen RiesenreickeS spotten jeder Berechnung, und, wenn überhaupt eine Vermuthung zulässig ist, so geht sie dahin, daß die chinesischen Machthaber e» auf eine Probe ankommen lassen werden, ob ihre numerische Uebermacht, die ihnen wohlbekannte sittliche und militärische Urbrrlegenheit der Gegner nicht dock auSgleicken werde. Ob sie dabei auf die moralische Unterstützung der deutschen Socialdemokratie rechnen, steht dabin. Diese ist bereits dahin gelangt, die Greuelthat von Monza und den Angriff auf den Schab von Persien direct und augenblicklich auf die chinesischen Wirren zurückzufübren. DaS Blut, da» in Tientsin floß — wobl- gemerkt in einem Abwrhrkampf der Weißen und Japaner — bat, nein mußte in BreSci und Saison die Mord lust aufstacheln. So zu lesen in fast allen socialdemokratischen Blättern, die mit solchen Narrrtbrirn ihre geistig« Repu tation in di« Schanze schlagen, weil sie fürchten, di, all gemein« Empörung Über di« schändlich« Ermordung de» edlen Königs werde sich auch gegen sie und ihre auf den gewalt samen Umsturz basirte Zukuoft-staatSpolitik richten. Die Partriprofitsuckt hat da den schlummernden Rest eine» Gewissen» erwachen lassen. Schade, daß die Anarchisten selbst den ganzen Schwindel nickt unterstützen. E» sind bisher genug Aeußerungrn au« dem Mördrrlaaer bekannt geworden, dir auf da» Bestehen «ine» von den chinesischen Wirren gänzlich unabhängigen Eomplot» hiodeuten. Die Wirren in China. Ueber die militärische Situation in Tientsin und den Vormarsch nach Peking herrscht nach einer Berliner Correspondenz der „Frkf. Ztg." wieder einmal vollständige Unklarhest, nachdem man schon geglaubt batte, der Vormarsch habe begonnen. Es liegen keinerlei Nachrichten aus Tientsin vor, und da die militärischen Entschließungen durchaus in den Händen der dortigen Befehls haber liegen, die allein über die Möglichkeit und die Aus sichten eines Vormarsches iirtbeilrn können, so ist man auch in den Hauptstädten zur Zeil im Unklaren darüber, was ge schieht. Die Wahl eines gemeinsamen Oberbefehls habers scheint wieder al- nothwendige Voraussetzung an gesehen zu werden, nachdem man sich sckon mit dem Gedanken vertraut gemacht batte, daß nur Verabredungen Iber eine Cooperation slattsinden sollten. Die „Kreuz- eitung- bemerkt: „Wenn überhaupt auS einem baldig geplanten Vormärsche etwa» werden soll, müßte, wie jeder Laie weiß, erst ein Einvernehmen über die Wahl eines Führers, dem sich die anderen Armee- Abtheilungen unterzuordnen haben, erzielt werden. W.nu sich jetzt einzelne Abtheilungen gar schlagen Neuen, su wäre dies für den Fortgang der Expedition von gar nicht abzuseheuder Bedeutung, indem bekanntlich der Chinese durch die geringsten eigenen Wasjeu- erfolge im höchsten Grade exaltirt wird." Weitere Nachrichten. ' Kopenhagen, 4. August. (Telegramm.) „Nitzau's Bureau" meldet: Pastor Loegstrup in Fredericia erhielt heute ein Telegramm au» Tjchifu, daß r« auch dem dänischen Missionar Bolwig geluugen ist, sich nach Korea zu retten, und Laß somit alle dänischen Missionare gerettet sind. * London, 4. August. (Telegramm.) Ten „Daily News" wird au» Tientsin vom 2b. V. M. gemeldet: Ein dort au» Tebaodiesee, einer zehn Meilen von Tientsin entfernten christlichen Ortschaft ein getroffener Flüchtling berichtete, von den kaiserlichen Truppen seien 10000 bi» IbOOO Lonvertitrn hingemordet worden. * Petersburg, 4. August. (Telegramm.) General Grode- ! ow meldet dem Krieg-Minister au» Chabarowsk vom 3. d. M.: Um 3 Uhr Morgens setzten bei BlagowjejchtjchenLk die Lolonnen des Obersten Schwerin undServianow aus da- rechte Amurufer über, warfen die chinesischen Truppen mit großen Verlusten zurück und nahmen Sachalin. Biel Waffen, Maufergewehre, Patronen und ein Geschütz wurden erbeutet. Der Dampfer „Solanga" litt sehr unter dem Gewehrfeuer. Das TranSreisker Detachement unter Oberst Psotenhauer beschoß Aigun mit 12Feldmörsern. TieChinesen erwiderten >aS Feuer. Die Russen verloren 6 Osficiere, b Mann an Tobten und 1L Mann an Verwundeten.— Ein Telegramm Grodekow's aus Chabarowsk vom 2. d. M. an den LommunicationSminister meldet, daß die zum LocomotivtranSport eingerichteten Amur -Dampfer sich als ausgezeichnet geeignet erwiesen haben, Geschütze aufzunehmen, und daß ie zugleich den Dienst al» Kriegsdainpfer leisten. Besonders bewährten ich die Dampfer „Selenga", „Michael" und „Sungari". — Eine Depesche de- Ingenieur» Ossenberg au» Kawykutjcht am Gasimur in Tran-baikalirn vom 1. d. M. berichtet, daß die auf dem Rück zug nach der Grenze befindlichen Agenten und Arbeiter nebst einer Schutzwach« in den tschinganischen Pässen bei der Station Rocht« von den Chinesen beschossen wurden und erst nach Vorzeigung deS Schreibens deS chinesischen Generals Pao freien Durchzug erhielten. Drei Mann von der Schutzwache und ein Arbeiter wurden getödtet. Die politische Vergangenheit Li-Hung-Tschang's. —ü— Gewisse politische Schlagworte bürgern sich rasch ein, und so hat man sich vielfach daran gewöhnt, den be kannten chinesischen Vicekönig Li-Hung-Tschang als den »chinesischen BiSmarck" zu bezeichnen. Wie herzlich wenig dieser Vergleich paßt, zeigt die zum Mindesten recht zwei deutige Rolle, die der alte Herr — Li ist 78 Jahre all — in den gegenwärtigen Wirren seiner Heimalh spielt. Um die staatsmännische Thäligkeit dieses vielgenannten Manne» zu verstehen, muß man sich einigermaßen die seltsamen chinesischen Verhältnisse überhaupt vergegenwärtigen, vor Allem aber die politische Vergangenheit L>^ inS Auge fassen. Al» zu Anfang der fünfziger Jahre die Taiping-Nebellen der chinesischen Regierung arg zu schaffen machten, da leistete Li nebst einigen anderen unerschrockenen Männern auf eigene Rechnung und Gefahr treu-loyale Dienste; der Lohn blieb nicht auS, Li wurde 1859 zum Taotai, d. h. einer Art Regierungspräsident befördert und rückte drei Jahre später zum Gouverneur von Kiangsu auf. Mit großer Schlauheit verstand er «» hier, Gordon und andere europäische Osficiere als Helfer im weiteren Kampfe gegen di« Rebellen zu gewinnen, dabei aber immer gehörig die eigene Persönlichkeit in den Vordergrund zu schieb«». Daß es L> schon damals mit einem chinesischen Versprechen nicht allzu genau nahm, mußte Gordon bei der Eroberung der Rebellenstadt Suchau erfahren; Gordon batte im Einverständniß mit Li den feindlichen Führern Erlaß der Todr«strafe zugesagt, falls sie freiwillig die Thore öffnen würden. Letzteres geschah, aber gleich wohl veranlaßte Li sofort eine allgemeine Hinrichtung. Der eifrige Gouverneur erhielt hierauf als besondere Auszeichnung die gelbe Jack«. Freilich wurde sie ihm bald wieder abgenommen, da e» ihm trotz mannigfachster Versuche nicht gelingen wollte, der in Nord-China kämpfenden Nienfei-Rebrllen Herr zu werden. So war es eine Straf versetzung, al» «r den Befehl erhielt, in Wuchang den Posten eines Genrralgouverneur» anzutreten, aber Li verlor den Mutb keineswegs. Hatte rr al» Soldat nicht viel erreichen können, so warf er sich jetzt mit doppeltem Eifer auf di« innere Verwaltung seiner Bezirke, indem er imniei mit der nölhigen Reserve europäische Cultursortschrilt. auch für chinesische Verhältnisse nutzbar zu machen suchte; ;c z. B. sorgte er an seinem Theile für die Einrichtung emct Regierungsarsenals in Nanking. 1870 erhielt er das Ami «ine» Bicekönig» über die Provinz Tschili, wo er nunmehr drei Jahrzehnte gewirkt hat. Man erwartete von ihm eine thatkiäslige Unterstützung der Dynastie, und bald konnte er sich des neugewonnenen Vertrauens würdig erweisen. Negentsckaftswirren nach dem Tode des fremdenfcindlichen Kaisers Sien Fung führten zu einer Palastintrigue gegen die beiden Geinablinnen des verstorbenen Herrschers, die, ihres Lebens nicht sicher, in höchster Notb bei Li-Hung-Tsckang um Hilfe baten. Unverzüglich brach Li mit seiner 4000 Mann starken Leibgarde in Eilmärschen gen Peking auf; in 36 Stunden ward der 130 km lange Weg zurückgelegt, ehe man sick's ver sah, war der kaiserliche Palast in Li's Gewalt, und die Dynastie war gerettet. Zumal die dann später großen Einfluß er langende Kaiserin-Wittwe Tsu-tsi bat diesen Liebesdienst deS gewandten VicekönigS niemals vergessen. Schon vor diesem so glücklich inscenirten Staatsstreiche hatte sich die eigenartige Begabung Les Statthalters von Tschibli, drohenden Ereignissen schlau die Spitze avzubrechen, in auffallender Weise gezeigt. Als 1870 der französische Ge sandte und eine Anzahl anderer Franzosen, sowie einige Russen in Tientsin ermordet worden waren, krackte es Li fertig, daß man die Haupträdelsführer unbestraft ließ, und daß dennoch die besckwerdefübrenden Mächte sich zufrieden gaben. Aebnlich gestaltete sich infolge von Li's Geriebenheit die Sachlage nach der Ermordung deS englischen Dolmetscher- Margary im Jahre 1875. Mit unverkennbarem Geschick wußte der schlaue Chinese schon damals jeder wirklichen „Genugtbuung" auS dem Wege zu gehen. Manche heikle Mission bat er in diesem Sinne für die chinesische Regierung glücklich dnrchgesührt. 1878, als sich Rußland nicht mit Un recht über eine Menge von Vertrags- und Grenzverletzungen beschwerte, verhinderte Li nicht nur einen verhängnißvollen Krieg, sondern bewerkstelligte sogar den für China gar nicht ungünstigen Vertrag von Petersburg, nachdem die Grenz hauptstadt Kuldja an das himmlische Reick zurücksiel. Groß war der vielbewanderte Vicekönig von jeher in schönen Redensarten, und ost bat er die Europäer durch sein liebenswürdiges Entgegenkommen irre geinackt. Die ausopfernde Thätigkeit christlicher Sendboten, als in den siebziger Jabren die große HuugerSnotb wütbete, mochte dem für seine Provinz verantwortlichen Statthalter gar nicht unwillkommen sein; in schmeichelnden Worten pries er bei einem Diner des englischen Consuls in Tientsin daS woblthätige Walten der Fremden. Ja noch mcbr, er trug wesentlich dazu bei, daß der chinesische Gesandte zu London in den „Times" eine große Danksagung veröffentlichte, wobei eS bieß, „daß das, was England jetzt für ein weit entferntes Land thue, eine Tbat uneigennütziger Liebe sei, für welche das chinesische Volk allezeit sein Schuldner bleiben werde." Die Gegenwart lehrt, daß Li über christliche Missionstbätigkeit und Hremdencultur im Grunde seine« Herzens doch viel chinesischer denken dürfte, als leichtgläubige Idealisten sich jemals träumen ließen. Mehr und mehr sah man in Li den bedeutendsten Be- rather des DrackentbroneS in allen auswärtigen Angelegen heiten. Eine absichtlich unklare Stellung nahm er ein, als die Franzosen 1883 wegen Tongking mit kriegerischen Maß nahmen drohten; der Pekinger Hof wollte diese Stadt nicht ohne Weiteres preisgeben, während Li vor Allein daran lag, durch allerlei Beschwichtigungsversuche die Franzosen von seiner eigenen Provinz fernzuhalten.f Das Ende war, daß Frankreich auSichließllch sein früheres Besitz reckt an Tongking erhielt. Daß Li überhaupt nicht gleich ins Bockshorn zu jagen ist, bat er so reckt deutlich nach Verlauf des großen japanisch-chinesischen Krieges kundgetban. Der gewiegte Herr wußte sehr Wohl, daß Jung-Japans Diplomatie nicht auf einer Höhe stand mit der modernen Kriegs tüchtigkeit dieses aufstrebenden Volkes. Jin Siegestaumcl verlangten die Japaner einen allzugroßrn Sieges preis; Li mochte schmunzelnd das halbe chinesische Reich bewilligen, er sah ;a bereits, wie die fremden Mächte auspaßten, und wie in erster Linie Rußland allen japanischen Großmachtsgelüsten drohend gegenüberstand. Wenn nur die Kriegskosten ermäßigt wurdni, bas war für Li die Haupt sache; von den dreihundert Millionen Taels, die Japan forderte, bandelte er bunvert herunter; wegen der dafür ge machten Länderconcessionen, z. B. der Abtretung der Halb insel Liartung rc. hatten ja doch schließlich Rußland und die anderen das letzte Wort zu reden. Der chinesische Staats mann verstand recht wohl die Chinapolitik deS Weißen Zaren: China den Chinesen! Feinde und Neider waren es, die Li-Hung-Tschang'S große Europareise veranlaßten; man wollte ihn während seiner voraussichtlich längeren Abwesenheit der chinesischen Ne gierung dauernd entfremden. Doch der Botschafter des eben noch aufs Schimpflichste besiegten China fand eine glänzende Aufnahme in Deutschland, England, Amerika rc., und er wußte durch beredtes Schweigen seinen Bewunderern gegen über einerseits und durch geschickte Berichte nach Peking andererseits die eigene Persönlichkeit als so gewichtig hinzu stellen, daß er auch in China weiterhin als dessen höchster Beamter gelten durfte. Die schwankende Haltung Li'S in neuester Zeit entspricht ganz der durch ihn officiell gewordenen chinesischen Diplo matenkunst, die Dinge zu verschleiern, zu verschleppen und schließlich nach dem tollsten Wirrwarr die Mächte für das europäische und daneben für das chinesische Gleichgewicht sorgen zu lassen. Zugleich kommt für Li die eigenthümliche Anschauung leiner Landsleute in Betracht, wonach ein hoher Beamter schlechthin für Alle« verantwortlich ist, wa« sein Land treffen könnte, mögen es kriegerische Ereignisse, Epidemien, Uedersckweiiiinungen, Mißernten oder sonst etwa« fein. Ditser Umstand läbmt an seinem Theile die Tbätigkeit «ine» an und für sich ziemlich unumschränkt herrschenden Satrapen in China. Trotzaüebem giebl «S, wenigstens nach europäischen Begriffen, keine Entschuldigung für die Schwindelmanöver, in die sich der alte Scklankops neuerdings eingelassen hat. Im Uebrigrn muß die Beamtenlaufbahn dieses Herrn hübsch ein- räglich gewesen sein, hat er'» doch im Laufe der Jahre zum mehr als hundertfachen Millionär gebracht. ZUM Mlttyaer üönigsmord. „Popolo Romano* schreibt, der „Voss. Ztg." zufolge, über die königliche Proklamation: „Sie spiegelt getreulich die Empfindung wieder, die in diesem verhängnißvollen Augenblick das italienische Volk erfüllt, die der Notbwendigkeit, die Bande zwischen Volk und Dynastie noch fester zu knüpfen mittels Herstellung voller Eintracht unter allen monarchisch Gesinnten, welche die ungeheuere Mehrheit des Landes bilden, um wirksam für Ehre und Wohlfahrt der Nation zu arbeiten. In konstitutionellen Staaten könnten die Bestrebungen deS Souveräns nur verwirklicht werden, wenn die übrigen iLtaatS- gewalten das volle Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit haben; leider hat in Italien dieses Gefühl Rückschritte ge macht, die Staatsfunctionen haben darunter gelitten, die öffentliche Stimmung ist gedrückt; Gleichgiltigkeit, Verdrossen heit und Beunruhigung sind die Folge gewesen." Uebcr weitere Kundgebungen wird ans Triest. 4. August gemeldet: Von allen Häusern Triests weben Trauerfahnen anläßlich deS Todes Köniz Humberts. Tie griechischen Kirchen und die Synagogen, auch einzelne katholische Kirchen haben Trauerfahnen gehißt. Zahlreiche Italienerinnen haben Trauerkleider angelegt. Ter Mörder VreSei ist im Zellengefängniß in Mailand in einer Zelle zur ebenen Erde nntergebrackt, mit Händen und Füßen an die Wand gekettet und durch ein Fensterchen in der Thür beständig beobachtet, die Handfesseln werden ihm nur während deS Essens abgenommen. Gestern wurde Bresci mit seinen Mailänder WirthSleuten consrontirt, bei welchen er drei Nächte geschlafen bat. Die Folge des Verhör« war, daß die Frau des Wirthcs in Freiheit gesetzt wurde. Der Triester Polizei ist es gelungen, mehrere anarchistische Zeitschriften, die unter Deckadressen für den Portier des Hotels de la Ville, Namens Mariano Janni, rinlangtcn, aufzufangen. Janni stammt aus der Romagna und ist eine in Triest sehr bekannte Persönlichkeit. Es soll festgestellt worden sein, daß er Anarchist ist; eine in seiner Wobnung vorgenommene Durchsuchung bestätigt den Verdacht. Janni wurde verhaftet. Tas Anarchisten-Hanptqnartier in Amerika. Auf dringendes Ersuchen des italienischen Botschafters Fava hat, wie der „Köln. Ztg." aus New Jork, 2. August, telegraphict wird, die amerikanische Regierung den Gouverneur von New- Jersey angewiesen, Beweismaterial gegen die Verschwörer in Paterson zu erlangen. Da die Polizei bisher nichts ge- than hat, so sind jetzt die Untersuchungen in Gemeinschaft mit italienischen Criminalbeamten ausgenommen worden. Es häufte sich das Beweismaterial dafür, daß der Anarchist Sperandio, der seinerzeit den Werkführer Pessina tödtete, einem anarchisti schen Eomplot angehörte, das die Ermordung des Königs Humbert bezweckte. Wenn das bewiesen wird, dann ist es möz- uch, die Anarchisten in Paterson unter der Anklage der Beihilfe bei der Ermordung Pessina's zu verhaften. Das ist der einzige Weg, die Anarchisten in Paterson zu fassen, denn eine Ausliefe rung oder ein Proceß wegen eines Complotts gegen König Humbert ist nach amerikanischen Gesetzen ausgeschloffen. Die Haltung der Anarchisten ist jetzt weniger frech; sie fürchten eine Wiederholung des Chicagoer Processes, auch die Polizei ist auf gerüttelt. Die Geheimpolizei in Washington hat bedeutende Maßnahmen zum Schutze des Präsidenten Mac Kinley getroffen. Nach dem „New Uork Herald" tödtete sich, wie schon kurz er wähnt, Sperandio vor elf Tagen (am 20. Juli), nachdem er drei Tage vorher ein anderes Mitglied der dortigen italienischen Colonie, Peppino Pessina, ermordet hatte. Sperandio war von seinen anarchistischen Genossen durch das Loos für die Er mordung des Königs Humbert auserlesen worden. Er fühlte sich zu der That nicht kräftig genug; da er aber wußte, daß die Verschwörer ihn wegen Eidbruchs mit dem Tode bestrafen würden, zog er es vor, sich selbst umzubringen, vorher aber seine Freunde von Peppino Pejfina zu entledigen, der für einen Anarchistenfeind und für fähig galt, die Verschwörer zu ver- rathen. Bei der Leiche Sperandio's fand man einen Brief, wo in er sich damit brüstete, seinen anarchistischen Anschauungen du ch die Ermordung Pessina's einen großen Dienst erwiesen zu Halen. Er forderte die Anarchisten auf, dem Befehl zum Morde jedes mal, wenn das Loos sie dazu bezeichne, zu gehorchen, und kündigte die demnächstige Ermordung zweier weiterer Italiener aus Paterson, Namens Colorati Romano und Boß Gruni, an, die er als Spione bezeichnete, welche von der italienischen Ge heimpolizei beauftragt seien, die Anarchisten der Colonir zu ver- rathen. In den Vereinigten Staaten neigt man der Ueber- zeugung zu, daß nach Sperandio Bresci mit der Ausführung des Mordes betraut wurde. Nach weiteren New Uorker Telegrammen fuhr der Königs mörder Bresci gemeinsam mit dem Anarchisten Salvadors und dem in Elba verhafteten Quintavalti nach Havre. Die Anarchisten in der Minenstadt Shauer an der Eisenbahn Balti- more-Ohio haben in einer öffentlichen Versammlung die Mord- that Bresci's bis in den Himmel erhoben und ein Huldigungs telegramm für den Meuchelmörder an den italienischen Minister- Präsidenten Saracco geschickt. In Chicago soll nächste Woche ein anarchistisches Massen-Meeting zu Ehren Bre-ci's abgehalten werden. (-) Reu, «ork, 4. (Telegramm.) Dem „Rew A-rk Herold" wir» versichert. Innerhalb weniger Monate vutten 27Anarchisten An,ertka mit »em an»aei»rachrne,i rtweck verlaisen, M»narchenmor»e in «uropa ;n alle seien Italiener, ihr »üvrer sei »er, muthlich Malatrsta, »er sich jetzt in Lon»,n »efin»e. «in Agent »er italienischen Regierung »rsitze »te Ramrn der abgeretften Anarchisten. Snrie» Malatesta, der berüchtigte Anarchistenführer, der auch jetzt wieder al» wahr scheinlicher Auftraggeber Bresci'» viel genannt wird, beschäftigt, so schreibt man dem „Berl. Loe.^llnz. , nun schon seit fast 20
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