Suche löschen...
01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 20.09.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-09-20
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000920013
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900092001
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900092001
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-09
- Tag 1900-09-20
-
Monat
1900-09
-
Jahr
1900
- Links
- Downloads
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
Bezugs-PreiS Ht der hauptexvedition oder den im Stadt, bexirk und den Vororten errichteten Au«, oavestellen abgeholt: vierteljährlich ^4.50, bei zweimaliger täglicher Zustellung in» Han- ^.50. Durch die Post bezogen für Lentschland und Oesterreich: vierteljährlich »/l 6.—. DIrecte tünche Kreuzbandiendung in» Ausland: monatlich 7.b0. Die Morgcn-AuSgabe erscheint um '/.? Uhr, die Abend-Ausgabe Wochentags um b Uhr. Nedaction und LrpeLition: JohanntSgqffe 8. Die Expedition ist Wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bi» Abends 7 Uhr. Filialen: Alfred Hahn vorm. v. Klemm'» Tvrtim. Unlversitär-strabe 8 (Paulinum), Louis Lösche, KatLarinenstr. 1< »art. und König-Platz 7. Morgen-Ausgabe. KiDigcr TtUlMM Anzeiger. AmLsksatt des Höttigkichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, -es Rathes nnd Vokizei-Ämtes der Ltadt Leipzig. Anzeigeu-Prer- die S gespaltene Petitzeile L0 Pfg. Reclamen unter demRrdaction-strich (4a- spalten) bO^j, vor den Familiennachrichtea (6 gespalten) 40-h. Gröbere Schriften laut unserem Preis« verzeichniß. Tabellarischer und Ziffrrnsatz nach höherem Tarif. Axtra-Veilaaen lgefalzt), aur mit der Morgen»Ausgabe, ohne Postbrförderung 60.—, mit Postbeforderung ^tz 70.—. Innahmeschluß für Anzeigen: Ab end »Ausgabe: Bormittag- 10 Uhe. Morgen-Au-gabe: Nachmittags »Uhr. Lei den Filialen und Annahmestelle» je eiu» halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an di» Erpebttto» zu richten. Druck und Lerlag von L. Polj la Leipzig H ^79. Donnerstag den 20. September 1900. 94. Jahrgang. von der Selbstbestenerung. Wer IN -er letzten Zeit die bewegten Klagen über den Mangel der Nationaljocicrlen an politischer Opferwilligkeit in Naumann's „Hilfe" vernommen hat, wird es verständlich finden, daß in diesem Blatt« den socialdemokratischen Gewerkschaften ein Loblied gesungen wird, weil die finanzielle Selbstbesteuerung ungeahnte Fortschritte gemacht habe. „Die Statistik 'der Ham burger Generalcommission", so heißt es, „ist ein erfreuliches Zeichen für 'den wachsenden Ernst und die zunehmende Einsicht dieser organisirten Arbeiterschicht in «die finanziellen Pflichten, die der moderne Kampf um die Existenz auferlegt. Wir ersehen aus den umfangreichen Tabellen, daß Vie Jahreseinnah men der Gewerkschaften feit 1891 ständig und ganz erheblich gestiegen sind, seit 1895 sich nahezu verdreifacht haben! Im Jahre 1899 brachten die 580 473 centralorganisirten Ge werkschafter Deutschlands zusammen 7 687154 für Organi sationszwecke auf." Auf den Kopf des Gewerkschaftlers würden hiernach jährlich 13,25 entfallen. Die Beiträge bewegen "sich innerhalb der Grenzen 4,68 <-// (Bergarbeiter) und' 20,80 c/( (Lithographen und Steindrucker). Letzteren Satz erreichen großentheils auch die Porzellanarbeiter, demselben nahe kommen die Kupferschmiede, die Maurer, die Zimmerer und 'die Buchbinder. Die Beiträge werden wöchentlich eingezogcn. Der Zahl nach am stärksten ist die Gewerkschaft der Metallarbeiter mit rund 85 000 Mit gliedern; diejenige der Maurer umfaßt 74 500, die der Holz arbeiter 62 500, die der Bergarbeiter 33 000, die der Zimmerer 23 700, die der Fabrikarbeiter 22 600 Mitglieder; die kleinste Gewerkschaft, die der Gärtner, besteht aus 300, die dec Bureau- Angestellten aus 344 Mitgliedern. Die Mitgliederzahl im Jahre 1899 weist bei fast allen Gewerkschaften gegenüber dem Jahre 1895 ganz beträchtliche Steigerungen auf. Bei den Bau arbeitern beträgt sie sogar über 500 Procent; über 400 Procent ferner bei den Stuckateuren und den Maurern, über 300 Pro cent bei den Bergarbeitern und den Hafenarbeitern, zwischen 100 und 200 Procent dei den Metallarbeitern, den Zimmereien, den Schmieden, den Holzarbeitern, den Bäckern, den Conditoren und den Bureau-Angestellten. Unverändert geblieben ist die Mitgliederzahl seit 1895 bei den Gärtnern, nahezu unverändert bei den Müllern und den Kupferschmieden. Eine Abnahme verzeichnet keine Gewerkschaft. Vergleicht man diese Zahlen untereinander, so muß man zu gestehen, daß di« Gewerkschaften große Fortschritte gemacht haben; sie zählen mehr Mitglieder, als alle anderen beruflichen Vereinigungen. Diese Fortschritte verdanken sie in weit höherem Maße der geschickten, verschleierten Agitation, die in der Wahl der Mittel nicht scrupulös ist, als dem Drange der Arbeiter, sich zu organischen. Als Herr Bebel die Parole ausgab, die Ge werkschaften sollten unpolitisch und unconfessionell bleiben, wußte er sehr w-ohl, daß ein zu vorlautes Betonen der socialdemo kratischen Tendenzen sehr viele Arbeiter vom Eintritt in die Ge werkschaften abschrecken würde. Auf der anderen Seite konnte er aber auch mit Sicherheit annehmen, daß diese Gewerkschaften, welche durchgehends von socialdemokratischen Führern geleitet werden, niemals anderen Zwecken, als der socialdemokratischen Parteipropaganda, dienstbar gemacht werden würden. Das Leit motiv bei der Ausgabe der Neutralitätsparol« für die Gewerk schaftsbewegung war daher zweifellos Mitgliederfang; daran, daß diese Mitglieder in den Gewerkschaften zu zielbewußten Ge nossen bekehrt werden würden, zweifelte Bebel keinen Augenblick. Was die Beiträge an sich betrifft, so muß man über ihre Höhe staunen. Sie sollen statutenmäßig freilich für ine mate riellen Interessen der Mitglieder verwendet werden, z. B. für Rechtsschutz, Unterstützung für Gemaßregelte, Reise-, Arbeits losen-, Kranken-, Invaliden-, Streikunterstützung u. A. In wieweit diese Zwecke wirklich erfüllt werden, soll hier nicht unter sucht, sondern nur darauf hingewiesen weiden, wie ungeheuer leistungsfähig unsere Arbeiter in Bezug auf Besteuerung ge worden sind. Eine Selbstbesteuerung von mehr als 20 jähr lich neben der gesetzlichen Steuerpflicht könnte darauf schließen lassen, daß wir noch lange nicht am Ende unserer Steuerkraft angelangt seien, daß vielmehr das Prinoip der Allgemeinheit der staatlichen Besteuerung einen weiteren Ausbau erfahren könne. Die preußische Gesetzgebung hat bekanntlich die Niederen Einkommen von der geringfügigen direkten Besteuerung befreit. Wenn es 'sich Herausstellen sollte, daß dies« Steuerbefreiung schließlich dazu führt, Wasser auf die socialdemokratischen Mühlen zu schaffen, so wär« nichts natürlicher, als das Princip der Steuerfähigkeit weiterhin auszubauen. Wir erinnern daran, welcher ohrenbetäubende Lärm jedesmal entsteht, wenn gelegent lich staatlicher Forderungen etwa betont wird: Die Durchführung dieser Gesetzesvorlage erfordert einen Mehrbedarf von 50 Mil lionen Mark. Sofort sind die Finanzkünsiler bei der Hand und berechnen, daß die Besteuerung in erschreckender Weise zunehme. Man scheint die Selbstbesteuerung höher einzuschätzen als die Besteuerung von Seiten des Staates, und 'darin liegt ein gründ licher Jrrthum. Die Selbstbesteuerung, und noch dazu eine solche, bei welcher 'dem Betheiligten nicht einmal ein recht licher Anspruch auf Entschädigungen erwächst, kann immer erst dann eintreten, wenn die Pflichten gegenüber dem Staate erfüllt sind. Die Statistik der Gewerkschaften bietet den er freulichen Beweis, daß wir, was die Grundsätze der Besteuerung betrifft, uns in aufstrebender Richtung bewegen. Bedauerlich bleibt es nur, daß so viel Bethörte «xistiren, welche für ihre den Bedarf übersteigenden Mittel kein« bessere Verwendung wissen, als in der Anlage zu socialdemokratischen Kampfesorganisatio- nen, die im letzten Grunde doch hauptsächlich zu dem Jweae ge schaffen sind, den „Arbeitern", welche nicht arbeiten wollen, als Futterkrippe zu dienen. Die Wirren in China. p. vülow'S Nesoltttto«. Die Londoner Blätter besprechen da« von der „Nordd. Allg. Zeitung" veröffentlichte Circular-Telegramm de- Staats sekretär» Grafen Bülow. „Morning Post" führt au», Deutschland» Stellungnahme sei vom logischen Standpunkte au» unangreifbar. — „Daily New«" bemerkt: Die Regierung wird unschwer wie wir denken unv dem Vor schläge Deutschland» zustimmen. — „Standard" schreibt: Wir glauben, daß Deutschland« Haltung die Billigung de» englischen Volke» hat, und wir dürfen die Hand nicht von China wegnehmen, bi» die Strafe vollzogen ist. Der Pariser „Matin" schreibt über die Circular- Note des Staatssekretärs Grafen Bülow, die Note stelle eine ernste Grundlage zu den Vorverhandlungen auf. Die Grundlage sei die Auslieferung der Urheber eines gegen das Völkerrecht verübten Verbrechens. Die Note sei eine un zweideutige Forderung nnd mache allen Prätentionen Li- Hung-Tschang's ein Ende, der mit ungebührlicher An maßung Bürgschaften für die vorerwähnten Anstifter verlange. „Wir wissen noch nicht", sagt daS Blatt, „welche Aufnahme die internationale Diplomatie der Note des Grafen Bülow bereiten wird, aber die Note hat jedenfalls das Verdienst, daß man anfängt, Methode in die Vorverhandlungen zu bringen und die civilisirtcn Nationen auS der bisherigen Unthätigkeit, in der sie noch lange zu beharren schienen, aufznrntteln." — „Figaro" erklärt, man müsse zugeben, daß die in dieser Note geforderten Züchtigungen sehr berechtigte Repressalien gegenüber den mannicbfachcn Verbrechen bilden, die in Peking unter den wohlwollenden Augen der chinesischen Regierung verübt worden sind. Salisbury benachrichtigte der „Mgdb. Ztg." zufolge die Botschafter der Großmächte vertraulich davon, daß Eng land der Forderung Deutschlands beitrete, daß die Bestrafung der Anstifter ver Unruhen nnd der Haupt schuldigen an den Boxergreneln die Vorbedingung des Friedensschlusses sei; ebenso erachte England die Rückkehr des Kaisers von China nach Peking für unumgänglich er forderlich. AuS Shanghai meldet ein Correspondent des „Daily Expreß", er erfahre aus amtlicher Quelle, daß Li vor seiner Abreise eine Depesche von Salisbury empfing, in der cs beiße, daß die englische Negierung die Rückkehr des Kaisers nach Peking als absolut wesentliche Vorbedingung für die Frievensunterhandlungen betrachte. Die Anwesen heit des Kaisers in der Hauptstadt sei nothwendig, um eine Auslösung des chinesischen Reiches zu verhindern, die sonst unvermeidlich sein würde. Die Mächte würden dem Kaiser denselben Schutz gewähren, der jetzt dem Prinzen Tsching seitens der verbündeten Truppen zu Thcil werde. Der Hauptwunsch der verbündeten Mächte gehe dahin, China zu erhalten, aber nichts lwcrre sie ablenken von ihrer er klärten unwiderruflichen Absicht, Diejenigen zu be strafen, die verantwortlich für die Ausschreitungen seien, die Namens der chinesischen Regierung oder auf andere Weise verübt worden sind. Nötigenfalls würben die Verbündeten die Personen durch ganz China verfolgen lassen. * Washington, 18. September. Tein „Rcutcr'jchen Bureau" ist gemeldet worden, daß jetzt in Berlin über den angeblichen amerikanischen Vorschlag berathen wird, die Occupations- truppen in China auf 1000 in Peking, 2000 außerhalb der Manern der Hauptstadt und 20 000 an anderen Orten zn beschränken. Diesem angeblichen Vorschläge liegt kein vom Staatsdepartement angeregter Plan zu Grunde. Es kann auf das Bestimmteste erklärt werden, daß über einen derartigen Plan keine diplomatischen Ver» Handlungen stattgefunden haben. (Wiederholt.) Weitere Meldungen. * Hongkong, 18. September. (Reutcr's Bureau.) Der deutsche Consul äußerte, Generalseldmarschall Graf Waldersee habe sich, bevor er Hongkong verließ, dahin au-gesprochen, daß er von dem herzlichen Empfange, den ihn sowohl die Coloniol-Regierung wie die Bevölkerung von Hongkong bereitet hat, sehr gerührt ge wesen sei. * Berlin, 19. September. (Telegramm.) Laut telegra phischer Meldung ist S. M. S. „Schwalbe", Commandant Cor» vetten-Capitän Boerner, am 17. September in Shanghai cingetrosfen und am 19. September nach Hankou in See gegangen. * Petersburg, 19. September. (Telegramm.) DaS dritte Sappeur-Bataillon, das aus Wilna in Odessa eingetrofsiu war, um nach Ostasien abzugehen, hat Befehl erhalten, nach Wilna zurückzukehren. — Gestern Abend sind an Bord des englischen Dampfcrs „Sicüian" die combinirten Bataillone der neugebildeten drei sibirischen Schützen-Regimenter nach Ostasien abgegangen. * Petersburg, 18. September. Folgende vom 16. d. M. datirte Nachrichten sind beim Generalstab Angegangen: Tank den Maßregeln deS Generals Fleischer ist die Seestadt Jnkou gegen Angriffe der Chinesen gesichert; Eisenbahn und Telegraph sind aus 16 Werst von Daschizao nach Haitschen hergcstelll, wo bereit- Commandos eingesetzt sind. Wie gerüchtweise verlautet, sind zwischen chinesischen Soldaten und Boxern Uneinigkeiten ausgebrochen. Der sanitäre Zustand der russischen Truppen ist ausgezeichnet, Proviant ist hinreichend vorhanden. — Am 1. September wurde aus -Chardin «in Deiachement nach Tsitsikar abgeschickt; man fand die Eisenbahn unbedeutend, den Telegraph fast gar nicht beschädigt. Am 2. September wurde die russische Cavallerie-Borhnt unerwartet aus chinesischen Ver schanzungen angegriffen, wobei drei Mann verwundet wurden; der Einbruch der Nacht und Regen hinderten die Russen, die Ver- schanzungen zu nehmen, und cs gelang den Chinesen, während der Nacht aus den Verschanzungen zu flüchten. Am 5. September kam daS Detachement in Fühlung mit einer Truppenabtheilung Les General- Orlow. Da das Detachement hiermit seinen Zweck er reicht hatte, befahl General Sacharow die Rückkehr nach llharbin. — Eisenbahnarbeiter und Bedienstete, welche die Mandschurei verlassen hatten, kehren zu ihren Arbeiten an der Eisenbahnlinie zurück. Ter Rückzug an» Peking bleibt ein recht bedingter, denn selbst die Russin lassen eine nicht unbedeutende Theil-Garnison zurück, die Japaner richten Winter quartiere, wie alle übrigen Alliirlen, und zwar für 7000 Mann ein (si« ziehen 15 000 von 22 000 zurück) und nach diesen Ab zügen bleiben immer noch 50—60 000 Mann in der chinesischen Hauptstadt. Selbst Vie Amerikaner wollen, wie schon hervor gehoben wurde, nicht- mehr von einer vollständigen Räumung Pekings wissen, und es bleibt General Chaffee überlassen, an der Han'd militärischer Erwägungen das Nöthige zu thun. Auch die Engländer haben übrigens einige Truppen (die Marinesoldaten, welche ihre Gesandtschaft vertheioigten) aus Peking fortgefchickt, so daß die ganze Abzugsbewegung ihren ursprünglichen poli tischen Charakter größtent'heils verloren hat. Wie nöihig übrigens die Verminderung der Pekinger Gar nison war, zeigt das enorme Steigen der 'Korn- und Reispreise in der Stadt, 'deren ä-mere Bewohner 'bereits dem Hunger preiZgegeben sind. Die Ernte in der Provinz Petschili ist gui, aber Niemand da, um sie einzuheimsen. Auch die Russen denken offenbar nicht an einen völligen Abzug, haben sie viel mehr jetzt — etwas plötzlich und unvorhergesehen, — den Wieder bau der Eisenbahn von dem Pekinger Ende derselben aus ge wonnen uns sind davurch gezwungen, mindestens in allernächster Nähe Pekings Truppen zn belassen, und größere Truppenmassen auf der ganzen Bahnlinie Peking-Tientsin zu escheloniren. Der Correspondent der „Morning Post" degleitet das, was er den in Aussicht genommenen Abzug der russischen Truppen nennt, mit für diese wenig schmeichelhaften Abschiedsworten hoher Genuglhuung, welche nach ihm von allen übrigen Natio nalitäten außer den Chinesen getheilt werde: „Man hofft", schließt derselbe, „daß die Abwesenheit der russischen Truppen zu größerer Sicherheit in der Stadt führen werde." Auch die „Times" schreiben: Die Zurückziehung der russischen Truppen wirs für Peking selbst eine allgemeine Wohlthat sein, da in Folge der barbarischen Führung der russischen Soldaten das Leben in Peking unter russischer Jurisdiction für Fremde und Chinesen gleich unerträglich ist. In den anderen Theilcn der Stadt 'herrscht Ruhe. Die Läden sind offen und das Volk kehrt an seine gewöhnlich« Thätigkeit zurück. Aber in dem russischen Viertel (wie erinnerlich ist, hat jede Nation einen Theil der Stadt zur Ordnung besetzt. Red.) sind die Läden leer, die Straßen verlassen und die Leute terrorisirt durch die Grausam keit, die besonders gegen Frauen und Kinder ausgeübt wird. Der Unterschied ist besonders überraschend, wenn man die Ord nung und Zufriedenheit, die in dem japanesischen Viertel herrscht, mit der Verwüstung und dem Schrecken in dem russischen Viertel vergleicht. „Cermnny 1« tbs srout!" Der „Ostasiat. Lloyd" schreibt: „Das war das Wort, mit dem der englische Admiral Seymour, als es galt, nach dem ver geblichen Versuch, Peking zu entsetzen, den Rückzug nach Tientsin zu erzwingen, in der Stunde der Roth den deutschen Truppen in seinem Corps den gefahrreichsten, aber ehrenvollsten Platz im Kampfe anwies. ., Oormun8 to tiio t'i ont!" hat es aber auch sonst in den letzten Wochen wiederholt geheißen. Immer und immer haben sich die Deutschen nur in der ersten Reihe geschlagen. Mehrfach hat der schneidige Führer des dritten See bataillons, Major Christ, den russischen General Stössel beim Vormarsch auf Tientsin gebeten, ihm die Avantgarde zu über tragen, und mit Ruhm bedeckt konnten unsere braven Truppen unter seiner Führung in die eroberte Stadt einziehen. Un vergeßlich wird es für alle Zeiten bleiben, wie der heldenmüthige Corvettencapitän Lans und seine tapferen Leute vom „Iltis" die Seele des Kampfes von Taku waren. Unbestritten sind die Verdienste Capitäns z. S. Pohl bei dem Sturm auf die Taku- forts von der Landseite. Was Capitän z. S. von Usedom an der Seite Viceadmirals Seymour auf dem Rückzüge nach Tientsin geleistet hat, das wird heute in weiteren Kreisen noch lange nicht in dem Maße gewürdigt, wie es der Fall sein sollte; aber es ist sicher kein Zufall, daß gerade von diesem Rückzug her das ge flügelte, zuerst von einem britischen Seeofficier ausgesprochene Wort stammt: Oormnns tc> rlis krönt,! Der deutsche Soldat hat seine Ueberlegenheit in glänzendster Weise erwies en; er hat sich der ihm ge stellten Aufgaben, mochten sie noch so schwer sein, unter allen Umständen gewachsen gezeigt. Und wo immer deutsche Truppen Seite an Seite mit denen anderer Mächte fochten, da haben sie rückhaltloses Lob von Jenen geerntet; wo man ihnen anfangs vielleicht mißtrauisch begegnete, dort haben sie sich die An erkennung mit Arbeit, mit Ausdauer, mit ihrem Blute errungen." Der „Lloyd" folgert, daß die Anerkennung, die den deutschen Soldaten von Seiten aller Befehlshaber der Truppen anderer Nationen gezollt wurde, nicht wenig dazu bcigetragen habe, die Mächte zur Annahme des deutschen Oberbefehls zu bestimmen. Es liege darin ein Vertrauen, auf das man in Deutschland stolz sein könne. Tie (shinn-Frage vor Sri» Parlament von Ncn-Tnd-Wale». Aus Sydney, 10. August, schreibt man der „Welt-Corr.": Am 25. Juli beantragte im Parlament der Premierminister die Suspension der Geschäftsordnung, um über den Vorschlag, Truppen nach China zu senden, zu berathen. Sofort machte sich eine feindlich-kritische Stimmung im Hause geltend. Die dringliche Behandlung der Sache wurde der Regierung vor geworfen; indiskrete Fragen wurden an sie gestellt: ob die eng lische Regierung um Hilfstruppen gebeten hätte, ob sich die Regierung von Neu-Süd-Wales der englischen gegenüber zur Sendung solcher verpflichtet habe u. s. w. — Fragen, welche der Premierminister Sir William Lyne so tactvoll wie möglich umging, ohne eine gerade Antwort zu geben. Endlich wurde das Amendement zu dem Antrag gestellt: daß dieses Haus, obgleich es loyal gesinnt sei und mit der englischen Regierung in Bezug auf den Schuh britischer Interessen in China sympathisier, der Meinung sei, daß in dem jetzigen Augenblick kein Nothfall vor liege, Truppen von hier nach China abzusenden. Dieses Amen dement wurde von der Negierung als ein Mißtrauensvotum an gesehen; der Attorney-General, Mr. Wise, sagte u. A., die Verwerfung dieses Antrages würde den moralischen Effect, welchen die Absendung australischer Truppen nach Südafrika hervor^ebracht hätte, zu Nichte machen. Das Ende war, daß, natürlich nach längeren Debatten, das Parlament seine Ein willigung zur Absendung der Truppen gab. Jedenfalls zeigt dieser Vorgang wieder, daß Chamberlain's sogenannter britischer „Imperialismus" vielleicht ebensoviel Gegner wie Anhänger hat; das Komische dabei ist, daß hier die imperialistische Richtung immer von der betreffenden Regierung vertreten wird, während Lie' Opposition antiimperialistischer Meinung ist. Kommt aber diese Opposition ans Ruder, so wird sie ebenso imperialistisch, als sie vorher antiimperialistisch war. ES sollen circa 250 Mann gesendet werden: vier Com pagnien zu je 50 Mann (!) von den Marinetruppen (>'avai ürigaüo und uuvul uitülerz' volunt66r8) und eine Compagnie von 50 Mann von dem sogenannten dritten Contingent. Die Leute sollen mit Lee-Metford-Gewehren von dem hiesigen eng lischen Waffen-Depot (Imporiul diuv/ muguz.ius) bewaffnet werden. Die Officiere und Mannschaften des deutschen Kreuzers „Cormoran", welche soeben ihre Dienstzeit auf der hiesigen Station beendet haben, haben sich sämmtlich für den Dienst in China freiwillig angeboten. Capitän Emsmann, der Kommandeur des Kreuzers, hat diesen Wunsch seiner Be, satzung an den Kaiser gekabelt. Oer Krieg in Südafrika. Präsident Krüger interviewt Ein Berichterstatter des „Daily Telegraph" hat Gelegenheit gehabt, Präsident Krüger zu interviewen, d. h., er hat nicht direct mit ihm gesprochen, aber doch in seiner Gegenwart unv mit Hilfe eines Mittelmannes die Ansichten des Präsidenten über einige Fragen erfahren können. Das Interview ist aus mancherlei Gründen psychologisch außerordentlich interessant. Zunächst geht aus der ganzen Schreibweise des Correspondenten des „Daily Telegraph", der, weit vom Schuß, stets in der insolentesten Weise von Krüger sprach, hervor, daß auch er angesichts eines Mannes wie Krüger doch seinen überlegenen und selbstbewußten Ton etwas verliert, und außerdem läßt sich erkennen, daß Krüger, ob wohl es ihm in Bezug auf seine Gesundheit offenbar sehr schlecht geht, und obwohl die bitteren Leiden und schweren Ent täuschungen der letzten Monate ihn furchtbar angegriffen haben, doch die Hoffnung und den Muth nicht verloren hat. Der Correspondent wandte sich an den portugiesischen Gou verneur mit der Anfrage, ob er dem Präsidenten, oder wie dec Korrespondent sich ausdrllckt, „seinem vornehmen Gaste", einen Besuch machen könne, und nachdem der Gouverneur sich über die Art der Fragen, die der Berichterstatter zu stellen wünsche, verge wisserte, wurde ihm die Erlaubniß, Krüger zu sehen, und in seiner Gegenwart einige Fragen an Mr. Berdell, den Vertrauten Krüger's zu richten. Berdell beantwortete die Fragen, ließ aber ein direktes Gespräch zwischen dem Präsidenten und dem Cor respondenten nicht zu. „Als ich mich dem Zimmer näherte", schreibt der Correspondent, „sah ich den alten Mann in einem Lehnstuhl sitzen; er war ganz schwarz gekleidet und trug eine Brille, deren eines Glas zum Schutze seiner sehr schwachen Augen gefärbt ist. Der Bart des Expräsidenten ist ganz weiß, und er trägt das Kinn nicht mehr ausrasirt wie früher. Er sah be- dauernswerth und doch imponirend aus, als er dort als Flücht ling, wenn nicht als Gefangener, jedenfalls aber als die Verkörpe rung grausamer Enttäuschung und verwehter Hoffnungen da saß. Als ich das Zimmer betrat, hörte ich Krüger's tiefe, sonore Sprache, Ivie er sich mit Mr. Berdell, dem obersten Polizei beamten des Transvaal, unterhielt. Ich fragte Mr. Berdell, mit dem ich von früher bekannt bin, ob ich einige Worte mit dem Präsidenten wechseln könnte, worauf er erwiderte, daß dies unter den Umständen nicht möglich sei, daß er aber beauftragt sei, meine Fragen zu beantworten. Der Präsident selbst saß in Hör weite. Auf die Frage nach der Gesundheit Krüger's erwiderte Berdell, dieselbe sei gut, er leide nur an den Augen. „Hat Herr Krüger die Prockamation Lord Roberts' ge lesen?" „Jo." „Ist es wahr, daß Herr Krüger beabsichtigt, bald nach Europa zu fahren?" „Ja und nein, der Präsident hat Transvaal auf unbestimmte Dauer verlassen." Hier unterdrückte ich, sagte der Correspondent, K ein Lächeln. „Hat Se. Ehren seine Stellung als Präsident der Republik aufgegeben?" „Nein, er hat einen Stellvertreter ernannt, Herrn Schalk Burger." „Glauben die Burghers noch, daß sie Hoffnung haben, oder weshalb setzen sie den Krieg fort?" „Wir fechten für das Recht, in unserem Lande geboren zu werden, und wir werden deshalb bis zu unserem letzten Blutstropfen aushalten. Es ist nicht zwecklos für uns, fortzufahren. Wir müssen bis zum bitteren Ende fechten; wenn wir nachlassen, sehen wir St. Helena und Ceylon vor uns. Wir werden weiter fechten und hoffen. Die Proclamation Lord Roberts' ist nicht ernst zu nehmen, und er hat uns noch lange nicht nirdergezwungen." „Lord Roberts hat offen und ehrlich gefochten?" „Ja, aber Dinge sind geschehen, die Eure Armee schänden." Mr. Berdell erwähnte eine Aiizahl Grausamkeiten, die von Engländern und Kiffern unter englischer Führung geschehen waren. „Dann nehmen Sie den Fall, in dem Lord Roberts die Frauen und Kinder von Pretoria fortschickte, das war gewiß ein Act großer Ungerechtigkeit." Mr. Berdell sagte, daß er persönlich den größten Respect vor Lord Roberts habe, daß er aber in weitere Details nicht eingehen könne. Die Proclamation Roberts' sei durchaus verkehrt und unter ganz falschen Voraussetzungen geschehen. „Die Zeit wird beweisen", sagte er, „daß wir noch lange nicht geschlagen sind; Sie können uns erobern, aber niemals uns unterwerfen." „Werden die beiden Rassen sich jemals assimiliren und die Ver gangenheit vergessen?" — „Der Präsident kann darauf jetzt keine Antwort geben." Es ist nicht wahr, daß Schalk Burger hier war, um Krüger zu sehen. Damit endigte die Unterredung; der Correspondent wollte Krüger die Hand reichen, kam aber nicht dazu. Englische KriegSmüDtgkelt. Die vornehme militärische Fachzeitschrift „The Army and Navy Gazette" schreibt in ihrer letzten Au»gab« wie folgt: „In der letzten Zeit treffen häufig Briefe von Officieren in England ein, welch« nur zu deutlich besagen, daß die Herren längst des Krieges müde sind und em« weitere Fortsetzung desselben nur mit großem Verdruß betrachten. Diese Thatsache kann auch nicht durch officiellr Erklärungen in daS gerade Gegentheil verdreht werden, zumal die Verlustlisten noch andauernd die vielen Fälle von Dysenterie, Fieber rc. verzeichnen, die al» bös« Gäste unsere Truppen begleitet haben, seit die Operationen in Süd-Afrika
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
Erste Seite
10 Seiten zurück
Vorherige Seite