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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 25.10.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-10-25
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19001025022
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900102502
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900102502
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-10
- Tag 1900-10-25
-
Monat
1900-10
-
Jahr
1900
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Amtsblatt des Königlichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, des Aathes und Nolizei-Ämtes der Ltadt Leipzig. 545. Donnerstag den 25. October 1900. Anzeigen »Preis die 6gespaltene Petitzeile 25 H. Reelame» unter dem RedactionSstrich (4 gespalten) 75 L,, vor den Familiennach richten (6 gespalten) 50 H. Tabellarischer und Ziffernsatz entsprechend höher. — Gebühren für Nachweisungen und Offertenannahme 25 H (excl. Porto). Extra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbeförderung 60.—, mit Postbesörderung 70.—. . Annahmeschluß für Anzeigen: Abend-Ausgabe: Vormittags 10 Uhr. Margen-AuSgabe: Nachmittag» 4 Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je eine halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Die Expedition ist Wochentag- ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis Abends 7 Uhr. Druck uud Verlag von E. Polz in Leipzig. 94. Jahrgang. Die Wirren in China. AuS Haokau wird nach Tokio berichtet, daß der Kaiser van China am 20. October auf dem Wege nach Singanfu in Toukan eingetroffen ist. Seine Ankunft in Singanfu werde am 25. oder 26. October erwartet. — Vielleicht ist Tung-Kwan, 75 Irm von Singanfu, gemeint. Die Forderungen der Mächte. Einer Washingtoner Meldung deS „Laffan'schen Bureaus" zufolge sollen sämmtlicke Großmächte den Vorschlag der Gesandten in Peking angenommen haben, daß das Tsung li Aamen abgeschafft und durch eine einzige ver antwortliche Persönlichkeit ersetzt werden soll. Nach In formationen der „Post" ist an unterrichteter Stelle in Berlin nichts davon bekannt, daß Deutschland einem derartigen Vor schlag zugestimmt habe. Rußland und das deutsch-englische Abkommen. Daß sich die gesammte Presse fortgesetzt mit dem deutsch-engliscken Abkommen beschäftigt, ist natürlich. Nach dem man erfahren hat, daß es gleich den anderen Mächten auch Rußland mitgetheilt und die Aus lassung Rußlands in der ersten Depesche durch ein Ver sehen der „Agence Havas" verschulvet ward, erörtert man die Frage, wann die Mittbeilung an Rußland erfolgte: Es liegen drei Versionen darüber vor. Die erste geht dahin, daß Rußland gleichzeitig mit allen anderen Mächten verständigt worden sei. Die zweite will wissen, die Ver ständigung Rußlands sei zuerst, aber erst nach Abschluß de- Abkommens erfolgt. Die dritte behauptet, das Ab kommen habe schon vor der Veröffentlichung die Zu stimmung des ZarS gefunden. Sollte das Letzte richtig sein, dann begreift man nickt, warum die russische Presse einen so gereizten Ton anscklug. Allerdings bat dieser schon nachgelassen. Die „Petersburgskfia Wjedomosti" geben sogar schon zu, daß das Abkommen nicht gegen Rußland gerichtet sei, aber sie betonen, daß Norb-Cbina aus schließlich in die russische Einflußsphäre sollen müsse. An der Mandschurei hängt trotz aller entsagungsvollen Er klärungen deS „Regierungsboten" das Herz Rußlands Wie Rußland in der Mandschurei vorzugehen beabsichtigt, will die Londoner „Daily Mail" ganz genau erfahren haben. Die Mandschurei werde von russischen Truppen so lange besetzt bleiben, bis eine haltbare chinesische Regierung am Ruder sein werde, mit der sich die russische über folgende Puncte verständigen könne: 1) China darf in der Mandschurei keinen einzigen Soldaten stehen lassen. Auch dürfen ohne russische Erlaubniß keine chinesischen Truppen den Liaofluß überschreiten. 2) Die Gouverneure, Beamten uud der ganz« Regierungsstab in der Mandschurei bleiben so lange unter russischer Aufsicht, als Rußland es im Interesse deS Friedens für geboten erachtet. 3) Die Zahl der russischen Truppen in der Mandschurei bleibt un beschränkt, so lange China nicht die bündigsten Bürgschaften für die Zahlung der Kriegsentschädigung geleistet hat und Rußland nicht vollkommen überzeugt ist, daß eine Wieder holung der jüngsten Wirren ausgeschlossen bleibt. 4) Alle chinesischen Festungen in der Mandschurei und an der Grenze «erden geschleift und alle Arsenale zerstört. Dagegen werden russische Festungen an verschiedenen, von den Russen zu wählenden Punkten angelegt, am rechten Amur-Ufer, am Sungari und an der mandschurischen Bahnlinie. So weit die „Daily Mail". Allzu glaubwürdig ist die Onelle nickt» aber die aufgezäblten Bedingungen haben eine gewisse Wahr scheinlichkeit für sich. Die „Nowoje Wrem ja" meint, daß Rußland keinen fremden Einfluß nördlich vom Peibo (also in der ganzen Mandschurei bis tief in die Provinz Tschili hinein) dulden dürfe, denn nur die friedlichen Russen verstünden mit den Chinesen umzugeben; wo Fremde dazu kämen, gebe es end lose Wirren. Dann sagt das Blatt wörtlich: Wir wünschen keine neuen Erwerbungen und unternehmen nichts gegen die territoriale Integrität Chinas. Wir brauchen weder fremde „Unternehmer", noch deren Missionare, um feindliche Be- wegungen an Orten hervormrusen, die mit unserer Besitzung un mittelbar verknüpst sind. Tas ist unser Recht. Möge man unter allen Umständen die Tbüren von dem ganzen südlichen China öffnen. Beutet es aus, predigt das Evangelium mit Hilse des Schwertes. Das ist euere Sache. Aber wir können nicht die Thüren des nörd lichen China öffnen. Die „Birsbewyja Wjedomosti" erwartet von dem deutsch-engliscken Abkommen nickts Gutes. Cbina brauchte durch Deutschland nicht vertheidigt zu werden und Rußland werde schon wissen, wie es seine eigenen Interessen vertheidige — ohne irgend welche Abmachungen. Nordamerika und das deutsch-englische China-Abkommen. Die New Iorker „Tribüne" erklärt, Lord Salisbury habe dem Präsidenten Mac Kinley von der Vereinbarung ebenso vorher Mittheilung gemacht, wie dies von deutscher Seite gegenüber Rußland geschehen sei. Mac Kinley habe den Vorschlag aufrichtigst begrüßt, und jedenfalls habe die Hal tung des Präsidenten die Verständigung zwischen Deutschland und England wesentlich erleichtert. Beschreibung des Kriegsschauplatzes für den Bormarsch auf Paotingsu. Das Land zwischen Peking—Tientsin—Paotingsu gehört der außerorventlick fruchtbaren und dicht bevölkerten chinesischen Tiefebene an, deren Bewohner Ackerbauern sind. — Die Dichtigkeit der Bevölkerung weist auf eine Bodenbenutzung intensivster Art hin. Im Sommer gleicht das ganze Land einem Garten, und kein Fleckchen Erde außerhalb der Wege bleibt unbenutzt. — Neben Weizen, Gerste, Rüben, Kar toffeln, Buchweizen und fast allen unseren einheimischen Ge- müsesorten werden vorwiegend Mais uud Sorghum (Hirse) gebaut. Die beiden letztgenannten Fruchtarten stehen vor der Ernte so dicht, daß sich ein einzelner Mensch nur müh sam zwischen den bis zu 3 in hohen Stauden hindurch zwängen kann. Jetzt nach der Ernte, die im Juni und Julr stattgefur.den hat, stehen auf diesen Feldern 5 bis 10 cm hohe, starke und spitze Stoppeln, welche die Be wegungen, besonders die der berittenen Waffen, wesentlich behindern. Wälder giebt es nicht. DaS Jahrhunderte lang fort gesetzte Abbolzen, ohne für Nachwuchs zu sorgen, hat den Walvbestand vernichtet. Außer Obstbäumen in oer Nähe der Ortschaften finden sich nur Cypressen, welche die chinesischen Grabhügel beschatten. Wiesen und Weiden fehlen ebenfalls unv können auch entbehrt werden, da die Zug- und Lasttbiere der Chinesen — Maulthiere, Esel und kleine mongolische PonnieS — mit schwarzen Bohnen, zerquetschtem MaiS, sowie den Früchten und Blättern der Kauliangpflanze vorlieb nehmen und dabei vortrefflich gedeihen. Die Flüsse, welche die Tiefebene durckströmen, führen zur Regenzeit bedeutende Wassermasseu mit sich. Sie durch brechen dann vielfach die ihre User begleitenden Dämme und überschwemmen weithin das Land. Der wasserreichste der selben ist der sich in den Pei-Ho ergießende Hun-bo, der im Verein mit seinem Nebenflüsse, dem Pai-kou-bo, alljährlich das Gelände westlich Tientsin in eine fast ununterbrochene Kette von Seen und Sümpfen verwandelt. Jetzt ist der Wasserstand der Flüsse ein geringer, und sie sind mit wenigen Ausnahmen zu durckfurtben. Auch die erwähnten Seen und Sümpfe westlich Tientsin pflegen um die jetzige Zeit erheblich zurückzugehen. Brücken über die Flüsse sind nur spärlich vorhanden. Wo eine Durchfurlbung der Wasserläufe nickt möglick, ver mitteln, ebenso wie an wichtigen Verkehrspuncten, Fähren den Ufermechsel. Auch über den durchschnittlich 30—40 m breiten Kaisercanal führen auf der ganzen über 50 Meilen langen Strecke bis zum Hoang-Ho keinerlei Brücken. Die hohen Masten der den Canal befahrenden Segelboote ge stalten den Brückenbau nickt. Die linke Seitencolonne deS Generals Bailloud, die vom engliscken Obersten Campbell geführt wirb und zu ihrem Vormarsch den von Tientsin süvlich des See- und Sumpf geländes über Tu-liu-tshönn nach Hsiung-bsien führenden Weg zugewiesen erkalten hat, wird den Kaisercanal wahr- scheinliclp bei Tu-liu-lshönu auf Booten oder einer Feldbrücke überschritten haben. Die Wege, welche das Land durchziehen, sind einfache Naturweze. Da zu ihrer Bcsserung nichts geschieht, sind die am meisten begangenen, die sogenannten großen Heeres- und Handelsstraßen, häufig die aüerschlechtesten. Die Richtung der Wege bestimmt nur Vie Gewobnheil. Außer vereinzelten Brückenbauten an den Hauptverkehrsstraßen und den mitunter für die Reisenden eingerichteten Wirlbsbäusern und Herbergen ist nichts vorhanden, was an eine bestimmte Richtung bindet. Die zahlreichen Veränderungen, welche die Wege erleiden, sind zum Tbeil die Folge des Kleinkrieges, der beständig zwischen Ackerbauern und Fuhrleuten geführt wird. Der Fuhrmann verlangt überall da zu fahren, wo er durckkommen kann, der Landmann hingegen will jede Scholle deS kostbaren Bodens, der ihn und seine meist zahlreiche Familie ernähren muß, bebauen. Da es eine Wegebaubchörde in Cbina nicht giebt, und der Staat zur Schlichtung des widerstreitenden Interessenconflicts nichts thut, so bleibt dem Landmann nur die Selbstbilfe übrig. Diese wird dadurch ausgeübt, daß durch Aufbäufung von Steinen, Graben von Löchern u. s. w. Verkehrshindernisse geschaffen werden, die den Fuhrmann zum Ausbiegen auf das Nachbargrundstück veranlassen sollen. Da ferner fast alljährlich ausgedehnte Ueberschwemmungen eintreten und hierdurch auch größere Wegestrecken unbenutz bar werden, ist eS erklärlich, daß die Wege nicht nur Ver änderungen im Kleinen, sondern auch im Großen erleiden und vielfach ganz neue Bahnen einschlagen. Das VorwärtSkommen auf viel befahrenen chinesischen Wegen der Ebene ist namentlich bei Regenwetter außer ordentlich schwierig und für Wagen, deren Näder in dem lehmartigen Lößboden oft bis an die Achsen einsinken, fast unmöglich. Nur der äußerst primitive, aber dauerhaft ge baute zweirädrige Karren vermag auf derartigen Wegen allenfalls noch vorwärts zu kommen. Die gegen Paolinzfu operirenden Truppen werden ihren Proviant aus diesen Gründen auch auf zweirädrigen Karrsn oder Lastthieren mitgeführt haben. Mit einem Troß europäischer Fahrzeuge würden sie voraussichtlich wohl kaum tägliche Marsch leistungen von ungefähr 20 Kilometer, die für chinesische Wegeverbältnisse als sehr hohe zu bezeichnen sind, haben erzielen können. Die Pekinger Colonne, bei der sich bekanntlich auch die beiden deutschen Seebataillone mit ihrer Batterie befinden, bat ihren Vormarsch auf der großen Heerstraße genommen, die in südwestlicher Richtung am Ostbang des Gebirge- nach Paotingsu führt. Sie ist eine der bedeutendsten des ReickeS. Südlich von Paotingsu zweigte sich von ihr die Straße über Taiyuenfu und Tung kwan nach Hsinganfu, dem jetzigen Aufenthaltsort des chinesischen Hofes, ab. In früherer Zeit wurde auf der Straße Peking— Paotingsu—Tscbing-kiang (am Aang-tse) wöchentlich ein bis zwei Mal ein Courier mit der europäischen Post expedirt, wenn der Pei-Ho und die Rhede von Taku zugefroren waren. Er legte die 1000 Kilometer lange Strecke in etwa 10 Tagen zurück. Seit Eröffnung der Koblenbahn, die von Tientsin nach Shan-hai-kwan führt, wird die Post für Peking gewöhnlich in Pei-tai-bo oder Tfing- wan tau — 2 südwestlich Sban-hai-kwan gelegenen kleinen guten Hafenplätzen, die das ganze Jahr über eisfrei sind — ausgeladen. Obwohl die Colonne deS Generals Gaselee auf der großen Handelsstraße von Peking nach Paotingsu marschirt, wird sie mit nicht geringeren Wegeschwierigkeiten zu kämpfen ge habt haben, als die Tientsiner Colonne deS Generals Bailloud, die auf Wege untergeordneter Bedeutung angewiesen war. Nur mit Brücken ist sie reichlicher ausgestattet. 15 Kilometer südwestlich Peking führt die altberübmte, 350 Sckritt lange Buckelbrücke über den Hun-Ho. Sie ist auS Stein erbaut und gut erkalten. Auch der zwei Tagemärsche weiter gelegene Zufluß des Pai-kou-Flusses, der Liu-li-ho, wird von einer Stcinbrücke überspannt, und endlich führt über den Pai-kou-Fluß selbst bei D'bo-tsbou eine Brücke, welche die Colonne des Generals Gaselee wahrscheinlich am 5. Marsch tage passirt haben wird. Paotingsu, bis wobin die Peking — Hankou-Eisenbahn fertig gestellt sein soll, ist eine Bezirksbauptstadt in Petsckili. Sie hat Hobe starke Mauern und außerdem kleine Mauern um die Vorstädte. Am Nordende der Stabt liegt ein Mili tärlager. (Nordd. Allg. Ztg.) Die Ruffen in der Mandschurei. Ein gestern in Petersburg eingetroffener Bericht deS Generalstabes meldet: Am 28. September wurde in der Nähe der Stadl Kaigi (nördlich von der Station Udimiß an der mandschurischen Eisenbahn) durch eine Abtheilung der Eiscn- babnsckutzwache eine 300 Mann starke Abtheilung Tschunghusen und chinesische Soldaten, die verschiedene Raubzüge ausgeführt batte, angegriffen und gezwungen, die Stadl zu verlassen. Sie nahm hierauf eine starke Stellung gegenüber der Stadt am Maiche-Flusse ein. Die Russen unter dem Commantv des Capiläns Pawlowsky überschritten jedoch den Fluß und verfolgten den geschlagenen Feind, soweit es das sumpfige Gelände erlaubte. ES wurden eine Menge Waffen und zwei Geschütze erbeutet. Die russischen Verluste sind unbedeutend. Aus Omos so wird berichtet, daß die Chinesen aus der Stadt Santachiaku vertrieben und von Kosaken weit verfolgt wurden. Es wurden viele Gewehre und Patronen erbeutet. Frurllcton. i4) Der Lundschuh. Roman von Woldemar Urban. Nachdruck »erbotk«. Als er den Mann ins Auge faßte, sah er, daß es das Läpplin war, den man aus Andrängen der Bürgerschaft wieder aus seiner Haft hatte entlasten müssen. Herr Ulrich wußte wohl, daß der Mensch ein versoffener Lump war, so weit, wie er warm war» und er hätte ihn am liebsten mit der Peitsch« aus den Thoren gejagt. Dazu war aber jetzt nicht die Zeit, im Gegentheil mußt« Herr Ulrich aus dieser Aeußerung auf die unsichere Haltung eines großen Thetles seiner Leute schließen. Es gab im alten Rappoltsweiler — und wohl auch im neuen — eine Menge Leute, die in der urwüchsigen und derben Art des Elsässer Schlages einen guten Trunk wohl zu schätzen wußten, auch einen schlechten im Nothfalle, — wenn es nur naß war, was sie tranken, deshalb mußte Herr Ulrich damit rechnen, daß diese, um sich ein mal recht voll zu saufen, eine große Rolle bei entstehenden Un ruhen spielen würde. An den Thoren war in den ersten Morgenstunden ein furcht bares Gedränge. Von allen Seiten kamen Flüchtig«, die in der festen Stadt Zuflucht suchten, armes Volk, Feldavbeiter, Hörige, Hirten, und was sonst noch im Freien hantirte. Diesen Anlaß benutzte Herr Ulrich, um vor dem Rathhaus zwanzig Fuder Wein aus der Schlohkellerei auffahren zu lasten, — für die Armen, wie eS hieß; aber er hätte nur hinzusehen brauchen, um zu wissen, daß sich die halbe Stadt zu den Armen zählte. Dann wurde da» Zeughaus geöffnet, und an die Bürger vertheilt, was da war: Spieße, Hellebarden, Ledrrkoller, Brustharnische und Blech hauben, Schwerter und Aehnliches. Auf den Mauern und Thürmen entwickelten sich, besonders in der Gegend des niederen Thores, lebhafte Scenen. Dort mußte der erst« Anprall der Bauern erfolgen, dort setzte man sich auch umvilkkirrkch am ersten in Dertheidigungszustand. Aber auch hier gab's Zwist „Ein Hundsfott, wer auf die Bauern, unsere Brüder, schießt", rief Einer von der Miliz und schüttete sein eben erhaltenes Pulver in den Wallgraben. „Go wir ihnen einen Mann niederwcrfen, hat der Bauern- Hauptmann Adolf Wagner gesagt", rief ein Anderer „so wollen sie die Stadt verbrennen und plündern und keinen Stein auf dem ankeren lassen." „Sie haben zu Bercken und Gemar zum Bundschuh ge schworen, und so wollen wir's auch machen", ließ sich ein Dritter vernehmen. Als es vollständig hell geworden war, stand Ulrich von Rappoltstein auf dem Thurme am Niedernthor und sah den An marsch der Bauern. Die Thore wurden geschlossen, die Wächter bliesen vom Thurm. Wer draußen war, blieb draußen, wer drinnen, blieb drinnen, und immer näher und näher wälzte sich der Heerwurm. Schon konnte man die einzelnen Fähnlein unter scheiden und ihr Geschrei hören. Sie zogen in compacten Masten an der Streng heraus und schienen die Stadt mit sammt den Schlössern einschließen zu wollen. Ulrich von Rappoltstein war noch mit der Beobachtung der von den Baucrnhaufen. ausgeführten Bewegungen beschäftigt, als vom Niedernthor heraus Hornstöße erklangen, mit denen man wahrscheinlich zur Unterhandlung blies, und als sich Ulrich um wandte, gewahrte er vor dem Thor drei Reiter mit ihren Knechten. Er hörte sogar die Unterhaltung, die zwischen der Thorwache und den Bauernhauptleuten geführt wurde. „-Was wollt Ihr?" rief man ihnen vom Thore aus zu, „wozu seid Ihr hier?" Einer der Reiter, der Unterhauptmann Lenz Mayer von Hunawoier, ritt vor. „Theure Freunde und liebe Nachbarn", begann er freundlich und zunedend, „es ist Euch nicht verborgen, daß die Bauern von Ried, von Zellenberg, Bercken, Benweier, Hussen, Horburg und Andere, sich zusammengethan haben, um der ungerechten Unter drückung abzuhclfen. Wir haben unsere Forderungen in zwölf Artikeln formülirt, und sind nun hier, liebe Nachbarn und theure Freunde, unsere Genossen von Rappoltsweiler auszusordern, mit uns gemeinsame Sache zu machen, und unsere zwölf Artikel hand festen zu helfen. Warum schließt Ihr uns also Eure Thore? Wir kommen nicht als Feinde. Es soll Niemandem etwas ge schehen, der sich freundlich zu unserer gerechten Sache stellt. Das schwören wir. Aber wir wünschen und verlangen, daß auch Ihr zum Bundschuh schwört und Euren Theil zum Hausen stellt. Wollt Ihr das thun, so wollen wir mit Euch nähere Berathung in Eurem Rathhause pflegen, wollet Jhr's aber nicht thun, so laffet's mich wissen." Gleich darauf brachte man das Begehren der Bauernhaupt- leutc vor Ulrich von Rappoltstein, damit er seine Entscheidung treffe. Ulrich wußte wohl, was er von den süßen Worten und Versprechungen der Bauern zu halten hatte. Er brauchte ja nur ihre Haufen anzusehen, um zu wissen, daß sich für solche furcht lose, bösartige Massen Niemand verbürgen konnte. Er würde gewiß am liebsten jede Verhandlung abgelehnt haben, aber das stand schon nicht mehr in seiner Macht. Dazu war er seiner Soldaten und Bürger nicht sicher genug. So befahl er denn dem Junker von Hohnack, der ihm die Botschaft überbracht, die Bauernhauptleute, aber nicht mehr als sechs, und ohne jede Be gleitung, nach dem Rathhause zu bringen, wohin er sich ebenfalls sofort mit seiner Begleitung begab. Junker von Hohnack ging nach dem Thor hinunter und ließ es öffnen. Dann rief er von der Zugbrücke aus den Haupt leuten zu: „Schickt Einen von Euch hierher, damit ich mit ihm rede." Sofort ritt Lenz Mayer heran. Dieser stand jenseits der Zugbrücke, der Junker diesseits, keine fünf Schritt von ein ander. , „Seid Jhr's, Junker?" sagte der Bauernhauptmann, als er den Junker von Hohnack erkannt, mit halblauter Stimme. „So haltet Ihr uns Euren Schwur? Mit aufgezogener Zugbrücke und geschlossenen Thoren?" „Was wollt Ihr, das ich thun soll?" „Die Thore öffnen, zum Henker auch, und unsere Haufen hereinlassen." „Kommt näher, damit ich insgeheim mit Euch spreche. Ihr kommt vom Hauptmann Wagner?" Die Zugbrücke fiel Nieder, und die beiden Unterhändler traten auf die Mücke dicht neben einander. „So sagt Eurem Hauptmann, Lenz", fuhr der Junker von Hohnack leise fort, daß ich ihm heute Nacht die Thore öffnen werde, wenn er mir tausend Leute zur Erstürmung der Veste Hohnack überläßt. Still, kein Wort. Ich werde am Nachmittag vom Jungfernthore aus sehen, ob man den Haufen nach Hohnack abmarschiren läßt. Dann gebe ich Euch die Stadt und Ihr gebt mir die Burg. Verstanden? Jetzt kommt zur Berathung nach dem Rathhaüse." Wenige Minuten später ritt Junker von Hohnack mit einigen Söldnern von der Stadt-Miliz, unter Lenen Wolf Haßflug, als Begleiter der eingelassenen sechs Bauernhauptleute vom nisdern Thor nach dem Rathhaus. Alle Gassen und Plätze, an denen die Rcitergruppe vorüberkam, waren Kopf an Kopf ge drängt, mit Neugierigen überfüllt, Weiber, Kinder, Männer; und der Junker von Hohnack sah mit stolzen Blicken über all' das hilflose Bolt hinweg. Nicht die leiseste Regung von Mitleid und Erbarmen überschlich ihn. Was würde aus all' dem und aus der ganzen Stadt werden, wenn sein Plan gelang? Es war ihm gleichgiltlg. , . > Hinter ihm ritt Wolf Habslug und Lenz Mayer. „Sie haben keine Zeit gehabt, etwas fortzuschaffen", hörte ec Ersteren sagen. „Die Truhen liegen voller blanker Gulden. Ich kann Euch Häuser zeigen, wo sie zu Hunderten aufgestapelt sind. Das Kloster ist reich, und die Juden von Rappoltsweiler sind bekann: im ganzen Elsaß." Und Junker von Hohnack wußte sehr wohl, was von den süßen Worten, mit denen sich die Bauern der Stadt näherten, zu halten war; er wußte es von den Aufständen des Bundschuhs in Schwa ben und im Sundgau, wo man auch mit dem Evangelium in der Hand — zur Plünderung gegangen war. Er wußte, welcv' furchtbares Derhängniß der Stadt bsvorstand, aber es kümmern ihn nicht. Wenn er sich nur in den Besitz der Herrschaft Hohnact setzen konnte. Als Ulrich von Rappoltstein am Rathhaus vom Pferde stieg, drängte sich ein Mann zu ihm durch, athemlos, mit auf geregten, überanstrengten Zügen, zerlumpt und schmutziger Kleidung, als ob er direct aus einer Rauferei käme. „Herr! Herr!" keuchte er. Erschrocken wandte sich Ulrich nach ihm um. „Bartel!" rief er überrascht. „Wo kommst Du her, in solchem Aufzug?" „Von Hohnack, Herr", fuhr Bartel leise fort, indem er näher zu seinem Herrn trat. „Laßt es gut sein. Sie haben mich umstellt und herumgejagt die ganze Nacht wie ein Wiesel. Ein Wunder ist's, daß ich die Stadt erreichte." „Und was willst Du?" „Gilg Martens, Euer Vogt von Hohnack, sendet mich. Ihr sollt Verstärkung nach Hohnack senden, wenn Ihr wünscht, daß man allen Zufällen sicher begegnen kann." „Verstärkung!" „Und wenn es nur dreißig oder vierzig Mann sind, mit einigen guten Büchsen oder Armbrüsten. Herr, Ihr wißt ja, daß Gilg nur siebzehn Leute hat. DaS sind zu wenig in so schlimmer Zeit. Denkt an die Frauen, Herr." „Wo soll ich denn jetzt Verstärkung hernehmen? Siehst Tu nicht, daß ich selbst hier Verstärkung brauche? Alle haben mich im Stich gelassen, wohin ich mich in dieser Noth gewandt. Colmar, Schlettstadt, Straßburg, Kaisersberg — Alle schreiben, daß ich mir selber helfen müßte und sie uns Niemand senden könnten. Gilg muß sich also auch selber helfen." „Nur zwanzig Mann, Herr", bettelte Bartel mit Thränen im Auge. „Nicht einen! Es wäre Verrath an der Stadt." „Es handelt sich um Frau und Kind, um Eure Schwester, Eure ganze Familie — —" „Und hier um die ganze Stadt. Hohnack ist fest. Gilg soll nur auf der Hut sein."
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