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12. Jahrgang Mittwoch, 2. Mai 1900 Nr. 99 Militärbehörde eine- Wohn- Streichhölzern .. A u 4 la n d 8 Wien, 28. April. Gras und Gräfin Lonyay ! kamen heute Abend aus Nom in GrieS bei Bozen Verantwortlicher Redakteur: Ernst Annk«, Aue jErzgebirg» Redaktion u. Expedition: An«, Marktstraße. 8 Berlin, 28. April. Der Ausschuß der preußischen Aerztekammer ist heute zu einer Beratung zusammen getreten, um zur Frage der Zulässigkeit der Realschul- Atirurienten zum Studium der Medicin, sowie auch zum Reichs - Seuchengesetze Stellung zu nehmen. 8 Berlin, 28. April. Eine aufregende Szene spielte sich heute Vormittag an der Lichtensteinbrücke ab. Eine bejahrte Frau hatte sich dort in selbstmörderischer Absicht in das Wasser gestürzt. Der zufällig vor überreitende Generalleutnant Graf von Wartensleben stürzte in voller Uniform der Frau nach, und rettete sie unter eigener Lebensgefahr. Die Frau wurde nach der Charites gebracht, wo sie jedoch nach zehn Minu ten, wahrscheinlich in Folge der großen Aufregung verstarb. 8 Berlin, 28. April. Wie dem „Berl. Lokal-Anz." aus Könitz gemeldet wird, wurde in der ?onitzer Mordsache ein neuer wichtiger Fund gemacht. Bei Mewe, unweit Dtrschau, wurde heute ein menschlicher linker Arm gefund-n, der mit großer Wahrscheinlichkeit derjenige Winters ist. 8 Berlin, 27. April. Ueber einen vierzehnjährigen Ausbrecher wird berichtet: Der 14jährige Lausbursche Otto, der in einer Zelle des Untersuchungsgefängnisses zu Moabit untergebracht war, zwängte sich Abends nach dem Einschluß durch das Gitter seines hochge legenen Fensters und machte dann, anscheinend weil er sich in Unkenntniß der Höhe befand, den verzweifelten Sprung aus der vierten Etage in den Hof und blieb besinnungslos liegen. Der Militärposten, welcher in dem verschlossenen, von hohen Mauern umgebenen Raum zur Bewachung steht,-alärmirte sofort die Nacht aufseher, die dann die Ueberführung des verunglückten Ausbrechers in das Lazareth bewirkten. Hier stellte der herbeigeeilte Arzt nur einen leichten Bruch des linken Beines fest, der voraussichtlich nachtheilige Wirkungen nicht haben dürfte. 8 Berlin, 28 April. Wegen angeblicher Mißhand lung eines schwarzen Leibeigenen ist gegen den Leut nant Förster von der deutschen Schutztruppe in Ost« Afrika bei der hiesigen Staatsanwaltschaft eine Denun« cation eingereicht worden. Der Leutnant, welcher nach Berlin abcommandirt worden ist, brachte aus Dar-es- Salaam einen 20jährigen Boy mit. Der Neger führte sich in Berlin alsbald schlecht aus, ließ sich angeblich von vornehmen Damen verführen ft!) und blieb des Nichts außer dem Hause, weshalb Leutnant Förster von seinem Züchtigungsrecht Gebrauch machte. Als! Hau« 20 Psg., abgeholt 15 Psg. — Mit der Sonntagsbeilage: „Der Zeihpiegel" Bei der Post abgeholl pro Vierteljahr 1 Mk. — Durch den Briefträger 1.40 Mark. Bekanntmachung. Gemäß der in § 46 des Ewkvmmen- -****** steuergesetzes vom 2. Juli 1878 enthalte, nen Bestimmungen werden alle Personen, welche am hie sigen Orte ihre Beiiragspflicht zu erfüllen haben, denen aber die erlassene Znsertigung nicht hak behändigt wer« den können, hiermit ausgesordert, wegen Mittheilimg des Einschätzungsergebiilsses sich bei der hiesigen Steuer« rinnahme zu melden. Dabei machen wir hiermit bekannt, daß der 1. Ker- Mn der Einkommensteuer am 3V. dieses Monats fäMgist und die Beitreibung desselben nach Ablauf von 14 Tagen erfolgen wird. Aue, den 27. April 1900. Der Rath-er Stadt. Dr. Kretzschmar V e v in i f «tz t e s Deutschland. 8 Die bayerische Regierung beschloß, gegen Pro. sefsor Lipps von jeglichem gerichtlichen wie diszipli narischen Vorgehen abzusehen. 8 Die Entdeckung des Krebserregers ist anscheinend - dem Professor Dr. Müller gelungen. Nach seinen Untersuchungen ist es wahrscheinlich ein tierischer Or ganismus. 8 Ein Streik war in den letzten Lagen in Jo- achimsthal ausgebrochen — ein Streik der Biertrinker. Die Ursache des Streiks war eine Preissteigerung des Bieres durch die Gastwirte. 8 Der Großherzog von Hessen hat das Begnadi gungsgesuch des zum Tode verurteilten Lustmörders Link aus Lauda abgelehnt. Die Hinrichtung wurde in Mannheim vollzogen. 8 Gera, 27. April Der Buchdrucker Brutus Eck stein, der vor einigen Tagen einen Selbstmordversuch ' unternahm, hat einen größer« n Posten Gewerkschaft-- gelber unterschlagen und ist jetzt 'vermuthlich nach Oesterreich geflohen. Eckstein war Führer der hiesigen Opposition und trank mehr, als ihm zuträglick war, weshalb er mehrfach seine Stellung wechseln mußte. 8 Berlin, 28. April. Die Opernsängerin Frau Herzog wurde von einem Radfahrer so heftig über« fahren, daß sie eine Gehirnerschütterung davontrug. die Wtrthtn deshalb tnteroeniren wollte, verbaler sich jede Einmischung. Die Frau brachte ihn hierauf zur Anzeige, die Behörde lehnte jedoch ein Einschreiten ab. 8 Berlin, 28. April. Zur Verhaftung rineS OffiziM» der Kaiserlichen Schutztruppe wird berichtet: Derv«r- haftete Offizier ist der Hauptmann Kanncnbexg, welch/r der Schutztruppe in Deutsch-Ostasrika angehöxte. Do/t soll er sich schwere Mißhandlungen, von Untergebenen haben zu Schulden kommen lassen. Infolge dessen erfolgte eine Anzeige beim Bezirksgericht in Dar-eS- Salaam, welches die Sache weitwgab. Der Offizier wurde Anfangs Januar nach Deulschland zurückverufen und in Folge Voruntersuchung erfolgte seine Jyhafti- rung. 8 Kassel, 28. Apnl. Ein schauerlicher Mädchen« mord ist dicht vor den Thoren Kassels in einem Ge büsch bei Harleshausen verübt worden. Furchtbar zu gerichtet wurde die blutüberströmte Leiche eines gut gekleideten. erwa 20jährigen unbekannten Fräulein» mit eingeschlagenemSchädel und durchschnittenem Halse aufgefunden. Von dem Mörder hat man noch keine Spur, doch wurde die Mordwaffe, ein blutbesudeltes Taschenmesser, ausgefunden. , 8 Köln, 28. April. Wie die „Köln. Ztg" aus Johannesburg von gestern meldet, fielen der Explosion im dortigen Arsenale ungefähr 70 Personen zum Opfer. Unter den Verwundeten soll sich ein Berliner, Namens Otto Oldenburg, befinden. Die Arbeit im Arsenale wird, ungeachtet der bedeutenden Be schädigungen, in kurzer Zeit wieder ausgenommen werden. 8 Hamburg, 28. April. Nicht weniger als zehn desertirte deutsche Fremdenlegionäre sind gestern hier eirgetroffen. Dieselben sind wegen erlittener Miß handlungen aus der französischen Fremdenlegion ge flüchtet und haben die Hilfe des deutschen ConsulS in Anspruch genommen. Die ehemaligen Freindenlegio« näre wurden, da sie sich seiner Zeit der Militärpflicht in Deutschland entzogen harten, der überg-ben. 8 Posen, 28. April. Beim Brande Hauses in Stralkowo, der durch mit spielende Kinder verursacht wurte, sind ein drei- und fünfjähriger Knabe vervrannt. vro Zeile 20 Pfg. Bei 4 maliger Aufnahm. Rabatt. — Bei gröberen Inserat« ,. mehrmaliger Aufnahme wird entfpreck end höherer Rabatt gewährt. Alle Postaiistalit» und Landbriesträger nehmen Bestellungen an.'. Auechal -Zeitung. Lagevlart für -ie Madt Aue «uv Umgevurra Erscheint Inserat» Billigste Tageszeitung im Erzgebirge. ««V-'NMLL" gewohnten,alltäglichen Verhältnissen liegen, in denen meine Eltern und Geschwister leben, sie würden jetzt känm im stände sein, mich al» eine der Ihrigen anzuerkeuuen. Und sollte ich jetzt wieder den Lytzweilerhof betreten, die ein fachen, altertümlichen Wohnrämne, mein Kämmerchen mit den Steinfliesen und dem buntbemalten, schmalen Bettge- stell Wiedersehen, wahrlich es würde mir gar wunderbar Vorkommens Und in meinen Verwandten würde ich vom ersten Augenblick an das Gefühl des Unbehagen» erwecken, wir würden uu» gegenseitig zur Last sein. Meine Schwe stern sind wohl bereits alle verheiratet, Bäuerinnen ge worden und rührige Hausfrauen." „Aber mein Brüderchen: mein hübscher, treuherziger Wilhelm, wa» mag au» ihm geworden sein? De» Knaben dunkle Schelmenaugen schauten gar trotzig und selbständig ihm au» dem kleinen, braunen Gesicht, die Leute sägten ja, daß mir da» Brüderchen so wunderlich gleiche, ah, hoffent lich hat er nicht seiner Minna obstinaten Sinn geerbt. Ob er wohl zuweilen noch an mich denkt? Aber um de» Him mel» willen, ich darf diesen Gedanken nicht weiter nach hängen, es taugt zu nicht», sie machen mir nur da» Herz rebellisch. O) ihr wunderlichen Gewalten ewiger, «über- änderlicher Naturkraft! Wer kann Euch ganz widerstehen, Blut ist dennoch mächtiger al» alle» Willen und Wollen. Seit ich in meine» Kinde» Augen schaue, beginnt sich im« mer lauter «in« Stimme mir im Herzen zu regen, di« mahnend und vorwurfsvoll an mein Gewissen klopft, «er- diene ich den süßen Mutternamen denn wirklich, die ich so unkindlich mich loSretßen konnte von allen Banden de» Blut», der Heimat und de» Elternhauses? Schwere Zwei« f<l steige" täglich in mir auf, ah, fort niit ihnen, und wenn mein Gewissen mir keine Rühe läßt, dann... Man rief mich stürmisch ab von meinem Schreiben und in da» Zimmer meine» Gatten. 72,18* Seitdem sind Wochen vergangen und ich habe dq» Kran kenlager Armand» kaum für Augenblicke verlasst». Er war zufrieden, wenn er meine Hände erfassen konnte, da» Be wußtsein meiner Nähe beruhigt seine aufgeregten Nerven. An -er Iremde Roman von Alexander Blumenberg. <1 Franz ist fort und meine Gemütsruhe kehrt allmälig zurück, meine gereizte, zornmütige Stimmung besänftigt sich, nun ich da» diabolischgrinsende Gesicht meines Schwa ger» nicht mehr um mich zu dulden habe. Wie einsam ist'» um mich her! In dem ganzen großen Schlosse bewoh nen wir nur wenige Zimnrer, wir sehen nie Gäste bei uns, auch die Besuche der Nachbarschaft mußten unterbleiben, sobald Armands Schwächezustand zunahm Seit der Ge hurt unsere» Knaben geht es mit meine» Gatten Gesund heit stark rückwärts. Die große Freude und Hoffnung, daß ihm ein Kind geboren werden sollte, machte ihn so wohl aemut und freudig in die Zukunft schauen, und als man ihm einen Sohn in die Arme legte, kannte sein Glück keine Grenzen mehr. Die Wiege de» Kinde» steht in Armands Zimmer, er will sich Tag und Nacht nicht pon dein Knaben trennen, und der kleine süße Schelm scheint'» zu ahnen, k» lieb und artig beträgt er sich Ich hab« nun auch den früheren Leibeigenen Tom- schick gesehen; er weiß,daß seine TochterPaula gestorben, «er der Mann schweigt. Armand sagt, er sei treu und > von zäher Willenskraft Daß ich einst, wenn auch nur für kurze Zeit, den Namen dieser Tochter de» Leibeigenen ge- trägem muß für un» der Vergessenheit anhetmfallen. In Wahrbett habe ich ja auch nicht» mit jenem Namen zü thun, dennoch könnten durch Aufdeckung desselben «nsäg- > Ach« Mtßhelligleiten entstehen. Einer alten Familien»«« > kund« zufolge ist da» Erbfolgerecht allen depienigen au» Malatossschen Geschlecht abgesprochen worden, die au» dem Lhebünbni» mit einer Unfreien entsprossen sind. Da».Kind einer Paula Tomschick, und wäre ne immer die rechtmä ßige Gemahlin de» Erbherrn, würde demnach dem Majo- M>t zu Gunsten «ine» andern entsagen müsse". Nun, auf -- dem einsamen Grabhügel de» Mädchen», welches in Wahr- heit den Namen Paula Tomschick führt«, wächst da» Gra», Miß «iemand al» der einsame Bat« denkt wohl noch der Verstorbenen. Al» Paula Freiling bin ich meinem Gatten angetraut und in da» Kirchenbuch eingetragen. Vvr der Geburt meine» Kindes trat noch einmal die Frage meines wahren Namen» an mich heran und zwar durch meinen Gatten selbst angeregt. Ich verdenke es ihm nicht. Baron von Malatoff ist Aristokrat genug, um den Vorteil guter Abstammung nicht zu verkennen. Ich brauche mich des Na men» meine» BaterS wahrlich nicht zu schämen, aber ich hatte ihn ja längst abgestreift und mir dafür einen ande ren geben lassen, welcher in der Welt, in welcher ich jetzt lebe, einen aristokratischen Klang hat. Paula Freiling war nicht allein die berühmt gewordene Künstlerin, sie war auch durchdie Adoption die Nichte des hochgeborenen Barons von Malawff geworden, und ohne daß Armand in Worten e» mir auSdrückt, fühle ich heraus, daß e» sein Herzen»- Wunsch ist, den Namen Lutzweiler auch in meinen Gedan ken vollständig zu verlöschen. Er ist ja krank, mein armer, sonst so vorurteilsfreier Gatte, Gedanken, welche seinem klaren, feingebildeten Geist sonst fern liegen, treten an ihn heran, und er hat nicht die Macht mehr, ihnen energisch Widerstand zu leisten; die Existenz seine» Sohne» hat in ihm den Stolz seiner aristokratischen Abkunft wachgerü- fen. Seine fieberheißen Hände preßten nun die meinen, und mit kindischer Angst in Ton und Teberde hat er mich so flehentlich gebeten, gegen niemand meine wahre Abstamm ung zu verraten. Ich hatte nicht den Mut, seine Bitten ihm zu verweigern, Armand aber fühlte sich im Innersten be ruhigt und erleichtert. Und ich selber?! Au» dem siebzehnjährigen Mädchen, da» trotzigen Gin ne» da» Paterhau» verlieL ist «ine Amu geworden, die Welt und Mensche« kennen lernte: Au» dem Baterhause trieb mich mein eigener Wille, da» Recht, e» mein Heim zu nennen, habe ich längst verloren. Wer glaubt e» mir denn, wie oft in einsamen Stunden «»mich mit banger Sehnsucht nach Vater und Mutter zieht, die, ivenn sie noch leben, doch nur in bitteren Gefühlen ihre» undankbaren Kinde» gedenken können. De» Geschicke» wunderbar« Füg ung«» haben »ich in Kreise geleitet, die «eit ab au» den