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Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 10.06.1900
- Erscheinungsdatum
- 1900-06-10
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-190006102
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-19000610
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-19000610
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-06
- Tag 1900-06-10
-
Monat
1900-06
-
Jahr
1900
- Titel
- Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 10.06.1900
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Größere Schriften laut unserem Preis verzeichnis. Tabellarischer und Ziffernsatz nach höherem Taris. Extra-Beilagen (gesalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbefürderung 60.—, mit Postbefürderung 70.—. Annahmeschlvß für Anzeigen: Ab end-Ausgabe: Vormittag» 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittag» »Uhr- Bei den Filialen und Annahmestellen je eine halbe Stunde früher. Anzeige» sind stet» an die Expedition zu richte«. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig. 29«. Sonntag den 10. Juni 1900. 91. Jahrgang. Aus -er Woche. Noch wenige Tage und die Flottenvorlage wird Gesetz sein. Der Reichstag hat seine Schuldigkeit gethan und das deutsche Volk desgleichen; denn die Mehrheit für einen von der Regierungsvorlage nicht allzusehr abweichenden Entwurf ist nicht durchweg ohne Rücksicht auf daS, was bei einer Parlamentsauflösung zu befürchten gewesen wäre, zu Stande gebracht worden. In der Rede, die die Flotten- vermehrungSaction einleitete, waren dem Reichstage und der Nation herbe Vorwürfe wegen zu geringer Opferwilligkeit für die Seewehr gemacht worden. Es war nicht leicht, den bitteren Tadel mit der Geschichte der Marinevorlagen der Negierungen und der Marinebewilligungen des Reichstages in Einklang zu bringen. Mag daS Mißverständniß der Ver gessenheit anbeimfallen; heute kann der gewählten Vertretung des deutschen Volkes die Anerkennung ihres Ver ständnisses für die Nothwendigkeiten der Zeit jeden falls nicht versagt werden. Der Reichstag bietet, so viel an ihm liegt, die Mittel für eine, wir wollen nicht sagen Weltpolitik, denn dies Wort ist der Mißdeutung ausgesetzt, aber sicher für die Betätigung einer nationalen Politik über See. An der Negierung ist es, das Ihrige zu thun. Zweifel, daß dies geschehe und geschehen werde, sind im Reiche viel weiter verbreitet, als die Presse und der jetzige Reichstag, diese cimmbrs iutrouvabls für lvbbedürftige Diplomaten, errathen lassen. Es soll mit dieser Bemerkung keineswegs auf die mit dem Boerenkrieg im Zusammenhang stehenden Vorgänge angespielt werde», beispielsweise also an die letzte England reise des Kaisers und das Beglückwünschungstelegramm an die endlich siegreich gewordene Königin Victoria, daS trotz eine» gefälligen aber gänzlich unbeglaubigten Dementis der „Magdeb. Ztg." existireu dürst.. ? : s Dinge spielen Sympathien und Antipathien hinein,, die vielleicht auch realpolitisch durchaus das Richtige treffen, mit denen man aber auch in diesem Falle die zünftige Diplo matie schon aus dem Grunde nicht behelligen darf, weil eS ihr gar zu leicht fällt, sie vermöge ihres wirklichen oder behaupteten oder angedeuteteu besseren Wissens abzuthun. Aber wir haben in der allerneuesteu Zeit einen Fall zu beklagen, der die entschiedene Abkehr von einer politischen Gesammtauffassung, wie sie zur Unbrauchbarmachung des ostafrikanischen Besitzes geführt hat, nicht erkennen läßt und wegen dessen man die Negierung zur Rechenschaft ziehen darf, weil sie einen schreienden und bezeichnenden Mißstand erst unter dem Drucke der öffentlichen Meinung beseitigt hat. Herr vr. Focke ist nicht mehr Generalconsul in Capstadt. Aber daß er aufgehört hat, es zu sein, ist lediglich der Presse oder den benachtheiligten deutschen Interessenten, die sich der Presse bedienten, zuzuschreiben. Der Mann hat ohne Frage seine Amtspflichten vernachlässigt, er hat versucht, die Deutschen in Capstadt an der Zukunft ihres VolkS- thumS verzweifeln zu lassen, er hat, als der einzige fremde Vertreter in Capstadt, es verabsäumt, sich bedrängter Landsleute anzunehmen. Die Würde Deutschlands lag ihm nicht am Herzen und schließlich schreckte dieser Beamte nicht davor zurück, die von seiner Regierung proclamirte Politik strikter Neutralität im Boerenkriege dadurch zu compromittiren, daß er eine der kriegführenden Parteien, nicht die Engländer, ei» „zusammengelaufenes Räuber- und DiebSgesindel" nannte. Von alledem haben die Berliner Vorgesetzten des Herrn nichts gewußt und erst auf wiederholtes An bringen der Presse fingen sie an, zu ermitteln und zu glauben. DaS ist seltsam. Der hochbesungene Graf v. Bülow kann doch unmöglich des Glaubens sein, gegenüber der Vernachlässigung deutscher Interessen im Auslande durch die zur Wahrnehmung dieser Interessen von ibm bestellten Beamten gelte selbst die im Strafrecht nur nebenher Platz greifende Maxime: „Wo kein Kläger, da kein Richter!" Herr Do. Focke hat schon in einer früheren diplomatischen Stellung das begründete Mißver gnügen der Schutzbefohlenen erregt; er trieb eS in Capstadt lanHe und sichtbar nicht ohne Neigung, die dortigen ReichSan- gehorigen geradezu zu provociren; seine Verhetzungen fielen zum Theil in eine kritische Zeit, in der die Vorgänge in Südafrika die gespannteste Aufmerksamkeit der deutschen Regierung in Anspruch nehmen mußten. Aber das Berliner Auswärtige Amt sah und hörte nicht»; der Mißgriff der Berufung eines ungeeigneten ManneS auf unrichtigen Platz wurde zum größeren Mißgriff einer ärgernißerregenden und schädlichen überlangen Duldung. Wenn den Deutschen in Capstadt geraume Zeit der ihnen gebüh rende „Platz an der Sonne" zum Mindesten düster verhängt war, so trug daran nicht der Mangel an Kriegsschiffen, sondern ein Deficit an Umsicht bei denjenigen die Schuld, die jenes Wort von der überseeischen Gleichberechtigung der Deutschen gemünzt haben. Dadurch gewinnt der Fall Focke erhöhte, all- gemeine Bedeutung in einem Augenblicke, wo daS deutsche Volk sich bereit gezeigt bat, für seine Kriegsmacht zur See neue erhebliche Opfer ^ch aufzuerlegen. Kriegsschiffe sind ein Notbbebelf, daS Walten der wachsamen, sachlich ver fahrenden Diplomatie, wozu eine ordentliche Consularwirth- schaft nicht in letzter Linie gehört, bleibt die Hauptsache. Trotz aller Bedenken dieser Art muß sich der Deutsche der Au-ficht auf eine verstärkte Flotte erfreuen. Daß sie nicht ohne ftnanzielle Garantien gegen starkes Schulden machen zu erreichen war, verkümmert die Genugthuung nicht im Mindesten, und an der Art, wie die Garantien geschaffen wurden, ist nicht» Erhebliche» auSzusetzen. E» ist sehr billig, sich über die Budgetcommisston lustig zu machen, die wohl einmal einen Beschluß faßte, verwarf und nochmal» faßte und wieder verwarf und in der auch ohne Zweifel eine finanz politische Dilettantrnhaftigkeit sich vorübergehend zur Geltung bringen konnte. Diesem Schicksale wird kein Parlaments ausschuß der Welt entaehen, der sich die Aufgabe gesetzt bat, neue Steuern zu ersinnen. Parlamente und ihre Com missionen find zu solcher Arbeit technisch nicht berufen; wenn e» diesmal di, Budgetcommission politisch gewesen ist, so mochten wir glauben, daß etwaige berechtigte Borwürfe nicht sie, sondern die Regierung treffen. Die Flottenvorlage war nun einmal nicht ohne Deckung durchzubringen, die Re- girrimg mußte die» erkennen und erkannte «», und sie hätte danach bester gethan, mit eigenen Vorschlägen an die Commission heranzutreten, als sich dem nun unabweisbaren Zwange auSzusetzen, Beschlüssen, die aus der Initative deS Reichstags hervorgehen, zuzustimmen. Ihr Ansehen ist durch den Verlauf der Dinge nicht gerade gewachsen. Durch den Gang der Canalsache —dies geht freilich nur die preußischen Gewaltigen an, die aber mit den deutschen zum Theil identisch sind — durch diese Unglücksangelegenheit hat daS Ansehen der Regierung sogar schwere Einbuße erlitten. AuS preußischen Blättern ergießen sich über die Führung der Canalpolitik Flutheu von Spott und Hohn, ohne daß der unbetheiligte Zuschauer von Mitleid ergriffen würde. Und in wirthschaftlich durch jene Politik schwer benachtheiligten Landesgebieten frißt sich eine Verbitterung ein, zu der die Socialvcmokratie sich gratuliren darf. In Stettin, das durch den Elbe-Trave-Canal einer neuen Schädigung entgegensiebt, war für den Tag der Eröffnung dieser zum großen Theil aus preußischen Staatsmitteln erbauten Wasserstraße auS allen Fenstern eine Trauerdemonstration durch Flaggen aus Halbmast und dergleichen geplant und ist es vielleicht noch. Herr Broemel, der Vertreter der Stadt in beiden Berliner- Parlamenten, hielt es am Donnerstag für nöthig, von der Tribüne des Abgeordnetenhauses an die Stettiner den Wunsch gelangen zu lassen, die Kundgebung möge unterbleiben; er ließ aber die Regierung nicht im Zweifel darüber, daß am Tage der Eröffnung des Trave-Canals, an dem eine nicht preußische Stadt (Lübeck) Spitzen des preußischen Staates für die ihr zu Theil gewordene Förderung dankend umjubeln werde, die ganze Bevölkerung einer preußischen Stadt mit Trauer und Groll sich fragen werde, ob eS so habe kommen müssen. „Als loyaler Staatsbürger", so setzte der Abgeordnete hinzu, „muß ich eS aussprechen, daß die Minister einen König von Preußen niemals in eine solche Lage hätten bringen dürfen." D'/ 'i <^err ^roeu'el s.. -in Radikaler wie ein pommerjcher ober nur preußffche» Part^ulacist. Ueber die Beschlüffe der Berliner Schulconferenz wird nicht allzuviel Zuverlässiges bekannt. Als sicher kann je doch angenommen werden, daß nicht nur den Realgymnasien, sondern auch den Oberrealschulen die Berechtigung des humanistischen Gymnasiums zuerkannt werden soll. Der nichtpreußische Theil Deutschlands wäre durch eine solche Neuerung insofern direkt berührt, als jeder Mediciner, der an irgend einer deutschen Universität — also künftig auch an Universitäten, an denen ehemalige Obcrrealschüler zur Prüfung zugelassen werden — das Staatsexamen ab gelegt hat, in jedem Bundesstaate sich als praktischer Arzt niederlassen kann. Empfindlicher vielleicht wäre die indirekte Wirkung der „Reform" auf daS deutsche Bildungswesen. Wie Professor Oskar Jäger wohl mit Grund Voraussicht, will sich eine Reihe von Bundesstaaten die preußische Neuerung nicht zu eigen machen, wir laufen also Gefahr, eine kulturelle „Mainlinie" sich ziehen zu sehen, mit dem Unterschiede, daß der gymnasiale Trennungsstrich nördlicher laufen würde als die glücklich weggewischte politische Linie von 1866. Der Krieg in Südafrika. Flüchtlinge; Beira. * Lporto, 2. Juni. Nach Nachrichten aus Loureneo Marques flüchteten sich dorthin von Transvaal mit der Eisenbahn vom 29. September bis 28. October 1899 nicht weniger als 42195 Personen, und zwar 2078 in erster, 9989 in zweiter und 30128 in dritter C laste. Die Tage des größten Verkehrs waren der 9., 14. und 27. October mit 8595, 4859 unk 4362 Personen. Di« Einnahmen der Bahn betrugen im er wähnten Zeitraum 70 Contos. Dagegen erlitten die Zoll- und Steuereinnahmen ein« große Einbuße gegen das Vorjahr, und zwar stehen sich im November 26 und 56 Contos, im December 14 und 46 Contos, im Januar 15 und 50 Contos einander gegenüber. Von einer Verwickelung zwischen Boeren und Portugiesen oder einem Ultimatum Ersterer an Letztere war, nach einer Erklärung des Ministers des Auswärtigen in der Kammer, der Regierung nichts bekannt. — Ein Besucher von Beira läßt sich folgendermaßen aus: Beira ist eine unver gleichliche Stadt, es giebt keine Droschken, keine Pferde, und doch geht Niemand zu Fuß, denn alle Straßen besitzen Doppel gleise für Tramways, und ein Jeder erhält seinen eigenen Wagen und fährt damit, wohin er wünscht. Nie habe ich etwas diesem Ideale städtischer Fortbewegung näher Kommendes ge sehen. Die Wagen laufm geräuschlos, glatt auf den Schienen, von Negern geschoben, Zusammenstöße kennt man nicht, und di« Schienen können mit aller Leichtigkeit verlassen und wieder be nutzt werden. Vor 15 Jahren hatte Beira zwei öffentliche Ge bäude und einige Wellblechbaracken, heute besitzt es mehr als ein Dutzend Gasthöfe, Club», Banken mit großartigen Räumen, ebensolche Verkaufsläden, einen äußerst belebten Hafen, Eisen bahn nach dem Innern, und überall sieht man Leben und Thätigkeit. Die englischen Truppen bezogen Lager in Maran- delloS, einige Kilometer von der Stadt (Beira) entfernt, in Bambü und in Beira selbst. Die Portugiesen empfingen die Engländer mit offenen Armen, der portugiesische Statthalter gab dem General Carrrngton und den höheren Officieren ein großes Festmahl, di« portugiesischen Truppen empfingen den englischen General in großer Uniform und präsentirten Gewehr, so daß die Engländer sehr zufrieden meinten, „sie befänden sich schon ganz wie zu Hause". Ein „ventleman" in Khaki. Nach dem Falle von Pretoria tritt die Person de- Feldmarschall» Lord Robert» von Kandahar noch mehr in den Vordergrund, und man erzühlt sich natürlich mit Vorliebe klein- charaktenstische Anekdoten von ihm, die dann den Weg durch die Londoner Blätter nehmen, von Interesse ist der Brief eine» Feldcuplan«, der da» Berhältniß de» greisen Feldherr», der übrigen- der kleinste Ossietrr in der englischen Arme« ist, zu seinen Soldaten schildert. Der Eaplan schreibt wie folgt: „Unsere Leute befinden sich olle sehr wohl. Dieser Feldzug hat die teste Seite unseres Volk-charakter- zum Ausdruck gebracht, daS Gefühl der Kameradschaft, welche- durch da» Zusammenleben und durch den Dienst im Felde gezeitigt wird, überwiegt selbst di« Trauer über die großen Verlust«, di« d«r Krieg verursacht hat. Unser Obercommandirender ist aber auch der beste Monn, der je eine Armee geführt hat. Man kann sich kaum einen Begriff von der großen Verehrung mache», die Feldmarschall Roberts bei Hoch und Niedrig in der Armee genießt; es ist aber auch nichts Gejuchtes oder Erkünsteltes in seiner großen Güte und Freundlichkeit, und jene theatralische Affectirtheit, die so manchen anderen mehr oder weniger erfolgreichen General auszeichnet, ist ihm völlig fremd. Jedermann sieht und weiß dies! Selbst der Rauheste und Eyuischsle unter unseren Leuten kann sich drin Zauber seines ruhigen und natürlichen Wesens und seiner offenbaren Selbstlosigkeit nicht entziehen und Jeder sieht in ihm, das was er ist, den geborenen Fcldherrn und berufenen Führer von Kriegern. Seine Stimme ist hell und wohllautend und seine klaren durchdringenden Augen spiegeln Güte und Wohlwollen wieder. Lord Roberts ist frei von jeder Effecthascherei und seine größte Sorge ist die, daß seine Soldaten gut versorgt sind und keinen Mangel leiben, solange noch irgend etwas auszutreiben ist. Nichts macht ihm mehr Freude, als sich unter seine Leute zu mischen, wenn sie irgend welchen Erholungssport betreiben. Ich habe niemals einen thätigeren Mann gesehen als Lord Roberts. Schon bei Tagesanbruch ist er im Sattel und reitet das Lager ab oder inspicirt in unauffälliger Weise einen Theil der Truppenausstellungen. Niemals sieht man irgend welche Anzeichen, die daraus schließen lassen, daß ihm die Krüste ausgehen oder daß seine Energie erlahmt und dos Wort Müdigkeit scheint nicht in seinem Worterbuche zn finden zu jein. Man sagt, daß das ganze Geheimnis; seiner Elasticität in seiner frugalen Lebensweise und seinem frühen Zubettgehen zu suchen ist. Jeder betrachtet es als ein besonderes Glück, unter dem Feldmarschall zu dienen, und die Strapazen und Gesahren des Feldzuges ertragen sich leicht ange sichts des guten Beispieles von Besonnenheit, Thatkrast uud Sympathie unseres verehrten Oberbefehlshabers". Deutsches Reich« Leipzig, 9. Juni. Die „Deutsche Tagesztg." bat von Anbeginn die Landwirthe gegen die Floltenvorlage ciuzuneb icn gesucht nnd zwar in der perfiden Weise, daß sie, wo sie selbst cine Meinung äußerte, die Marineoerstärkung nicht geradezu bekämpfte, dafür anderen „beachtenSwerthen" Stimmen die aufreizendsten Worte gegen die Vermehrung der Schiffe in den Mund legte. Die „Stimmungsbilder" des Blattes sind noch in bester Erinueruug. Nun, da der nach der sauberen Methode deS Herrn vr. Hahn gegen die „gräßliche Flotte" von dem Blatte ge führte Kampf sich als ein vergebens geführter herauSgestellt hat, möchte die „Deutsche TgSztg." nicht gethan haben, was sie wirklich gethan, und nimmt sie u. A. eine Bemerkung des „Lcipz. Tageblattes" zum Anlaß, sich eiu WohlverbaltunzSzeugniß auszustellen, beiläufig bemerkt mit einer Ungezogenheit deS Tones, die an dem Blatte nicht Wunder nehmen darf. Wir hatten bemerkt, die „Deutsche Tgsztg." habe nach dem Tage deS Beginns der zweiten Lesung des FlottengesetzeS sich unfreundlich über das selbe geäußert, und wir hatten damit vermutbungöweise das ablehnende Votum der bayerischen Bauernbündler in Ver bindung gebracht. Nun, im Bundesblatte war am Mittwoch früh zu lesen, daß „diese Verstärkung (der Flotte) mittelbar und unmittelbar der Landwirthschast schwere Opfer auferlegt, die als Gegengewicht eine kraftvolle Sicherung der landwirth- schaftlichen Interessen fordern". Dann heißt eS weiter: „Der BundeSrath hat die feierliche und ausdrückliche Erklärung abgegeben, daß bei den künftigen Handelsverträgen die Interessen der Landwirthschast eine bessere Vertretung finden sollten als bisher. Wenn wir auch leider daran gewöhnt find, daß Er klärungen der Negierung nachher anders interpretirt werden, al» sie ursprünglich verstanden und aufgesaßt wurden, so ist Loch diese Erklärung des Bundesraths so zweifels frei und so nachdrücklich, daß wir unter allen Umständen uns daraus berufen können und gegebenenfalls mit großer Entschieden heit darauf berufen werden." DaS Vertrauen, daß der Bundesrath sich an seine Erklärungen halten werde, äußerte die „D. Tgsztg." nicht, im Gegentheil, sie hegte, ganz ihrem Brauche gemäß, gelinden Zweifel daran. DaS hier noch einmal genährte Mißtrauen kam am Nachmittag desselben Tages in folgenden, im Reichstage von dem Abg. Hilpert gesprochenen Sätzen zum Ausdruck: „Wenn wir für alle Stände und ErwerbSgruPpen eintreten und nicht für die Landwirthschast, so kann doch dabei für das deutsche Reich nichts Gutes herauSkommen. Die Landwirthschast kommt aber in Deutschland noch immer zu kurz." Herr Hilpert erwies sich als gelehrig, er stimmte gegen die Flotte. Wenn wir etwas zu bedauern haben, so ist eS die Wahl deS zu milden Ausdrucks „unfreundlich". Wir hätten besser „hinterhältig" oder „hetzerisch" gesagt. Berlin, 9. Juni. (Die drei linksliberalen Gruppen in ihrem Verhältnisse zu einander.) Die freisinnige Volkspartei, die sich zwischen der süddeutschen Volk-Partei und der freisinnigen Vereinigung in der Mitte befindet, sieht sich gerade gegenwärtig nach link- wie nach recht» hin verlassen. Bei der württembergischen süddeutschen Volkspartei haben sich schon seit geraumer Zeit agrarische Neigungen bemerklich gemacht. Die Partei, die sich seit einigen Jahren in rinem ständigen Rückgänge befindet, er kennt, daß sie Gefahr lauft, ihre Anhängerschaft in den Städten völlig an die Socialdemvkratie, ihre Anhänger auf dem Platten Lande an den Bund der Landwirthe zu verlieren. Deshalb haben bei der Abstimmung über da» Fleischbeschau gesetz die Abgeordneten der süddeutschen Volk»partei die Vorsicht für den besseren Tbeil der Tapferkeit gehalten und bi« auf einen gefehlt. Dieser Eine aber hat für da» der freisinnigen Volkspartei so verhaßte Gesetz gestimmt. Es ist charakteristisch, daß dieser eine Abgeordnete in einem Wahlkreise gewäblt worden ist, in dem er bei den vorigen Wahlen einen Candidaten de» Bundes der Landwirthe als gefährlichste» Getier hatte, den er mit Noth uud Mühe in der Stichwahl besiegen konnte; zudem gehört der Wahlkreis zu den „agrarischsten" in Deutschland, denn von den l 12 000 Wählern de» Wahlkreise» Gerabronn gehören ca. 100 000 Ortschaften von weniger al» 2000 Einwohnern, ca. 12 000 Ortschaften von 2—10 000 Einwohnern an; im ganzen Wahlkreise befindet sich kein einziger Ort von mehr al« 10 000 Einwohnern. Der Abg. Augst hat also nicht auf die Principien des bürgerlichen Radikalismus, son dern auf die Stimmung feiner Wählerschaft Rücksicht genommen. Damit hat er daS schlimmste Verbrechen be gangen, das man in den Augen de» „unentwegten Fortschritts" begehen kann. Man darf deshalb darauf gespannt sein, wie sich die freisinnige Volkspartei zu der Part« stellen wird, auf die in ihrem Sinne in den wichtigsten wirthschaftlichen Fragen kein Verlaß ist. Gerade diese Fragen werden es ja sein, die dem innerpolitischen Kampfe nächster Jahre das Gepräge aufdrücken werden. Gerade bei diesen Fragen findet aber die freisinnige Volkspartei auch bei der rechtsstehenden Gruppe, der freisinnigen Vereinigung, keine sichere Bundeögenossen- schaft. Nicht als ob die freisinnige Vereinigung etwa ebenso, wie die süddeutsche Volkspart« in sachlicher Hinsicht schwankend würde, aber sie geht in taktischer Hinsicht in ciner Weise vor, die dem Organe deS Herrn Richter keine Freude macht. Die „Freisinnige Zeitung" enthüllt ein schauderhaftes Complott: Die freisinnige Bereinigung bat für den nächsten Freitag eine Versammlung im Interesse der Agitation für die künftigen Handels verträge «»berufen^ und sie hat zu dieser Versammlung Ein ladungen an bekannte Mitglieder dec freisinnigen BolkSpartei ergehen lassen, aber sie hat, wie das Richter'sche Organ klagt, die Abgeordneten der freisinnigen Volkspartei und alle Organisationen derselben „geschnitten". Darüber ist natürlich das Richter'sche Organ empört, denn eS fürchtet, daß bei der Agitation über die künftige Handels vertragspolitik der freisinnigen Volkspartei die Butter vom Brode genommen werben könnte. Gerade auS diesem Grunde aber dürste die Vereinigung so gehandelt haben, wie sie eS gethan hat. Sie fürchtete, daß, wenn sie erst die volksparteilichen Abgeordneten und Organisationen einlüde, diese sich sofort an die Spitze der Bewegung stellen und den Ruhm der energischen Vertrciung der Interessen des Handelsstar' 1 fü sich in Anspruch nehmen würde. Ma» bat ja bei den Wahlen von 1893 und 1898 gesehen, wie rücksichtslos die freisinnige Volkspartei ihre straffere Organisation zum Nachtbeile der freisinnigen Vereinigung auszubeuten versiebt. Auch dürften die Herren Rickert und Genossen in den Jahren 1884 bis >893, wo sie die Ehre hatten, mit Herrn Richter in einer Partei zu sitzen, eingesehen haben, daß ein gemeinsames Arbeite» mit diesem Manne ausgeschlossen ist. So ist also das Vorgeben der freisinnigen Vereinigung durchaus erklär lich. Eine andere Frage ist eS natürlich, ob die geringe Fühlung, die die drei linksliberalen Parteien in den gegen wärtig wichtigsten wirthschaftspolitischen Fragen mit einander habe», Aussicht auf eine erfolgreiche Bekämpfung der ent gegengesetzten wirthschaftlichen Auffassungen gewährt. * Berlin, 9. Juni. Die Nachwehen deS Straßen bahnstreiks sind noch keineswegs verwunden. Wiewohl der Ausstand nur wenige Tage gedauert hat, so ist durch die fortgesetzten Agitationen unter den Beamten der Straßen bahn ein Geist der Unzufriedenheit und Unbotmäßigkeit ge weckt worden, der leider noch immer nicht zur Ruhe kommen kann. Schon früher sind der „Nat.-Ztg." aus Len Kreisen des Publikums Beschwerden zugegangcn über daS Verhalten mancher Schaffner, die in der Unterhaltung mit einzelnen Fahrgästen sich sehr ungenirt über ihre Direktion aussprachen, über diese wie über das Publicum un ziemliche Redensarten machten und darüber ihren Dienst und die Pflicht der Höflichkeit gegen da» Publicum außer Ackt ließen. Andere Beamte sind noch weiter gegangen und haben die während des Ausstandes treu gebliebenen Angestellten fortgesetzt beschimpft und bedroht. Wenngleich die Straßcnbahndirection ihres bei der Einigung gegebenen Versprechens, das Vergangene zu vergessen, ein gedenk ist, so konnte sie doch die später fortgesetzten Wühlereien nicht dulden. Sie hat gestern etwa zehn Beamte entlassen, die trotz Verbotes die agitatorische und aufreizende Tbätigkeit fortgesetzt haben. Der „Vorwärts" sucht diese Entlassungen als Maßregelung der Beamten wegen ihres Verhaltens während deS AuSstandeS hin zustellen und veröffentlicht zum Beweise dafür zwei der Kündigungsschreiben. AuS dem Inhalt derselben geht aber hervor, daß die Kündigungen erfolgt sind wegen Vor kommnissen vom 31. Mai und 2. Juni, also nach der Beendigung des Streiks. In dem einen Schreiben wird ausdrücklich als KündiaungSgrund angegeben, daß der Schaffner I., welcher sich in einer am 31. Mai statt gehabten Versammlung zum Vertrauensmann habe wählen lassen, die College» aufgefordert habe, sich in Beschwerde fälle» an ihn zu wende», er würde schon daS Weitere veranlassen, denn „er nicke nicht wie andere Esel mit dem Kopf, wenn die Direktion spreche, er fürchte sich vor nichts." In dem andern EntlassungSschreiben ist als Grund angegeben, daß der Gekündigte am 2. Iulti Beamte dadurch beleidigte, daß er sie „Streikbrecher" schimpfte und äußerte, er würde schon dafür sorgen, daß sich alle Streikbrecher daS Genick brächen, dieselben würden so lange geärgert werden, bi- sie von selbst abgingen und daß er diese Belästigungen so lange fortsetzte, bi» sich andere Bedienstete in» Mittel legten und ibn zur Ruhe aufforderten. — Frrner bat die Direktion der Großen Berliner Straßenbahn gestern ibrcn Angestellten durch Anschlag an allen Bahnhöfen folgende Warnung zugehen lassen: „Vom Lentralverband d«r Handel»-» Tra«»port- und Verkehr»arb«it«r Deutschland» werden di« Angestellten der Großen Berliner Straßenbahn »a heute Abend »wische« 11 und 2 Uhr zur Teilnahme an 5 Versammlungen für die Bahnhöfe Manteuffelstraße, Schöneberg, Klein« Frankfurter Straße und Lichtenberg, Sesundbronnen, Demminer Straße, Ackerstraße und WeinbergSweg, sowie Rixdors »tngeladen, worin darüber verhandelt werden soll, wie die Direktion ihr Versprechen erfüllt hat, und außerdem di« Wahl «in«r Drpotcommtsfto» vorge nommen werden soll. Da Berhandluugen über «ine derartige Tagesordnung mit der nothwendigrn DiSciplin nicht vereinbar sein würden, warnen wir hiermit uuf«r« «ngrstelltin vor «tn«r B«th«iligung daraa mit d«m Bemerk««, daß
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