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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 22.09.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-09-22
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000922018
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900092201
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900092201
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-09
- Tag 1900-09-22
-
Monat
1900-09
-
Jahr
1900
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Anzeigen-PreiS die 6 gespaltene Petitzeile 20 Pfg. « Rrctamea unter dem Redactionsstrich (4ao- spalten) LO/ij, vor den Familtennachrichte» (6 gespalten) 40^. Gröbere Schriften laut unserem Preis« vrrzeichniß. Tabellarischer und Ziffernjatz nach höherem Tarif. Erptra-Veilaaen (gesalzt), nur mit der Morgen »Ausgabe, ohne Postbesörderung 60.—, mit Postbesörderung 70.—. Annahmeschluß für Anzeigen: Abend-Ausgabe: Bormittags 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittag» 4Uhr. Lei den Filialen und Annahmestelle» je eiu« halbe Stunde früher. knretgea sind stet» a» di« Expeottloa , zu richte». Druck und Verlag vou L. Polz k» LeiZzl^ 9L Jahrgang. Eine Gefährdung der deutschen Liindniffe durch den klerikalismus. /S. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß für Deutschland und insonderheit für die Leitung der auswärtigen Politik des Reiches gerade gegenwärtig ein sicherer Verlaß auf die Bündnisse mit Oesterreich und Jt-a-lien nöthig ist; sind doch die Feinde Deutschlands schon seit geraumer Zeit thätig, Deutschland in der Chinafrage zu isoliren. Sie werden bei ihren Bestrebungen um so eher Erfolg Haden können, je weniger der Bestand des Dreibundes gesichert erscheint. Cs ist daher gerade gegenwärtig ganz unverzeihlich, wenn von deutscher Seite «ine der Dreibundmächte auf das Brutalste angegriffen wird. Das Hauptorgan der größten Partei des größten katholischen Staates in Deutschland, die „Neue Bayer. Ztg.", macht sich dieses Ver- gehens schuldig, indem sie zur 30. Wiederkehr des Tages des Einzugs der italienischen Trup Penin Rom un ter der Ueberschrift „Die Beraubung des heiligen Stuhles" einen Artikel bringt, der an Verunglimpfung der italienischen Nation und der savoyischen Dynastie alles bisher Geleistete weit in den Schatten stellt. Im Eingänge des Artikels heißt es u. A.: „Dreißig Jahre sind es her, daß die krummen Schleich wege der italienischen Politik endlich zum Ziele ge langten und die weltliche Herrschaft des Papstes der Revolution zum Opfer fiel, eine Gewaltthat, die Alles übertrifft, was bis dahin geleistet worden ist." Diese Einleitung wird aber bei Weitem übertroffen durch die brutale Verhöhnung des italienischen Kö nigshauses am Schluffe. Aus den mannigfachsten Grün den verdient dieser Schluß wörtlich citirt zu werden. Er lautet: „Mögen die Freigeister darüber spottens wie sie wollen, s i e werden nicht aus der Geschichte leugnen können, daß Keiner glücklich endete, auf dem der Fluch des Papstes geruht, und wennnicht am Vater, so rächte sich das Unrecht am Sohne. Victor Emanuel ge noß seinen Raub nicht lange, er hatte viel Verdruß mit seinen ungerathcncn Söhnen aus zweiter luncbenbürligcr) Ehe und starb nach schwerem Leiden. Sein einer legitimer Sohn Humbert fiel jüngst von Mörderhand, sein anderer, Amadeus, starb im Exil, vom Throne Spaniens vertrieben. Dem auSge- sogenen Lande droht die Revolution in absehbarer Zeit, und diese wird die Dynastie vom Throne stürzen. So wird das Wort Pius IX. in Erfüllung gehen: „In Rom werdet ihr nicht bleiben" und die Kirche wird dereinst, wie schon so oft, über ihre Feinde triumphiren, denn sie ist ein Werk Gottes, und Gott läßt seiner nicht spotten. Er ist ein langer Borger, aber ein gewisser Zahler." Wie stellen zunächst fest, daß das fromme Blatt den Mör der des K ö n -i g s H u mbe rt d i r e c t zueinem Werk zeug G o t t e s macht uns daß es sich -damit einerseits einer gröblichen Blasphemie, andererseits einer schlimmeren Verherr lichung -anarchistischer Frevelthat schuldig macht, als man sie selbst in socialistischen Blättern finden kann. Wir stellen ferner fest, daß dies „christliche" Blatt mit seiner Schlußfolgerung die durch -das Christenthum überwundene Lehre proclamirt, daß Gott die Frevelthaten der Eltern an den Kindern Heimsuche. „Gott ist ein langer Borger, aber ein gewisser Zahler": diesen Satz des ultramon'tanen Blattes wollen wir acceptiren, ab«c wir behaupten an der Hand der historischen That fach en, daß dieser Satz nicht auf das gegenwärtige Königreich Italien, sondern auf den Kirchenstaat anzu wenden ist. Ueberblickt man das der Auflösung des Kirchen staates vorangegangene halbe Jahrhundert, so wird man finden, daß die in diesem Staate herrschende unerhörte Mißwirth - schäft das Fortbestehen zu einer Unmöglich keit ma cht e. Schon 40 Jahre vor dem Einzuge der italieni schen Truppen in Rom mußte -der Papst österreichische und französische Truppen zu Hilfe rufen, um sich im Kirchenstaate behaupten zu können. Nicht eine fremde Macht ^drohte ihn, sondern -seine eigenen Unter- thanen wollten -von der Priesterherrschaft nichts mehr wissen. Sie hatten gute Gründe -dazu. Oskar Jaeger schildert di« damaligen Zustände im Kirchenstaate kurz folgendermaßen: „Unerträglicher Steuerdruck bei völliger Unwissenheit und Unfähigkeit der regierenden Priester in Allem, was den Volkswohlstand zu heben geeignet -ist; ein Gewirr von Gesetzen aus allen Jahrhunderten; geistliche und weltliche Ge richte und Gerichtsbarkeit durcheinander; unzählige Priester und dabei Verfall der Religion; Späher und Angeber überall, denen dann wieder der Dolch und die Kugel begegneten." Charakte ristisch für die unerhörte Mißwirtschaft ist es, daß damals, als die päpstlichen Truppen den revoltirenden Ort Forli unterworfen hatten, diese Truppen derart hausten, daß der apostolische Commiffar, Cardinal Albani, sich genöthigt sah, gegen seine eigenen Truppen die Oesterreicher zur Hilfe herbeizurufen. Wie schlimm die päpstliche Mißwirth- schaft damals war, ergiebt sich auch daraus, daß dieauswär - tigen Mächte sich veranlaßt sahen, der Regierung des Kir chenstaates ein Memorandum zu unterbreiten, in dem eine Besserung der Zu stände mit Entschiedenheit ver langt wurde. Aber auch das Menetekel der Revolution von 1831/32 ging an den Machthabern im Kirchenstaate spurlos vorüber. So kam es denn abermals im Jahre 1849 zur Revo- lu-tiou und der Papst mußte aus seinem Lande flüchten. Wie derum waren es fremde Bajonette, die seine Herrschaft wieder aufrichteten. Unter -dem Schuhe französischer Truppen zog Papst Pius IX. am 12. April 1850 wieder in Rom ein. Auch diese erneut« Warnung durch das Schicksal frucht«te nichts. Statt Reformen «inzuführen, sperrte man alle Ver- dächtigen «in. In der Mitte der 50er Jahre sollen nicht weniger als 13 000 politisch« Gefangene die römischen Kerker gefüllt haben. So war schließlich der Einzug der italieni schen Truppen und damit das Ende der weltlichen Macht des Papstthums nur di« Durchführung jenes historischen Gesetzes, daß andauernd« -Mißwirthschaft schließlich das Ende eines Staates herbeiführen muß. Nicht «in«m Raube fiel der Kirchenstaat zum Opfer, sondern jener Nemesis, die das alt römische Reich, di« das Königreich Polen, die die spanische Colonialmacht vernichtet hat, und di« bereits ihre Knallen in da chinesische Riesenreich zu -bohren beginnt. Wir haben diese Ausführungen für nothwendig gehalten, damit unsere italienischen Bundesgenoffen erkennen, daß es in Deutschland nicht an Leuten fehlt, welche Vie durch die Einnahme Roms vollendete Einigung Italiens nicht als eine Zufälligkeit oder eine -Ungerechtigkeit, sondern als eine geschichtliche Noth- wendigkeit anerkennen. Gerade darum -aber, weil die Entstehung des neu geeinten italienischen Reiches in der geschichtlichen Noth- wendigkeit -beruht, darf -man auch darauf vertrauen, daß -das junge Reich sowohl die rot he, wie die schwarze Gefahr überwinde und daß das Wort Pio Nono's: „In Rom werdet Ihr nicht bleiben", sich nicht erfüllen werde. Die Wirren in China. Ein chinesischer BcrsöhiittiinSvcrsuch.' Die Berliner chinesische Gesandtschaft machte, wie rem Berliner Corresponkeaten der „N. Fr. Pr." mit- getbeilt wird, dem deutschen Auswärtigen Amte die Mit- tbeilung, daß die chinesische Negierung bereit sei, einen Special-Gesandten nach Berlin zu schicken, um der deutschen Regierung das Bedauern über die Ermordung des Freiherr« v. Ketteler auszudrücken. Ter Mandarin Mngtchaug, der jetzt die Militärschule in Tientsin leitet und der in Berlin und Wien feine militärische Ausbildung er kalten hat, soll diese Mission übernehmen. Daß Auswärtige Amt antwortete, daß der Zeitpunct, wo ein solcher Special- Gesandter in Berlin empfangen werden könne, noch nicht gekommen sei. Zu der Note des (vrafcn Bülow bemerkt Valfrcy im „Figaro": Ich zögere nicht zu erklären, daß dieser Vorschlag ernsthafte Aussichten hat, von allen be- tbeiligten Mächten angenommen zu werden und so deren Einvernehmen, daS stark erschüttert war, wieder zu kräftigen. Wenn ter Vorschlag angenommen wird, so nimmt er auch den Schleier weg, der die Sendung des Grafen Walkersee bedeckte, und er wird dieser den internationalen Charakter geben, der ihr bis jetzt zu fehlen schien. Valfrcy nimmt an, daß, bevor dieser Vorschlag den Mächten zugestcllt wu ce, die deutsche Negierung zuerst mit Rußland allein bic- oer sich verständigt habe. Der Vorschlag sei ein kalter Wasser- strahl für die Begehrlichkeit Euglands. Ganz anders ist die Schlußfolgerung des „Echo de Paris". Es schreibt: Diese Note ist ein hartes Ultimatum für die chinesische Negierung. Das Programm ist schwer durckzusübren, cs gebt gegen die Absichten Rußlands. Rußland kennt China besser als der deutsche Kaiser und ist der Ansicht, daß Entschlossenheit mit Nachsicht und Geschmeidigkeit nicht nnverträglich ist, und daß man besser zum Ziele gelangen würde mit Nachsicht denn mit einer brutalen Strenge, die überdies den Man darinen und den Manschuprinzen Schrecken einjagen würde. Der Vorschlag widerspricht den Bestrebungen Rußlands und ist England erwünscht. Der nationalistische Gesinnungsgenosse des „Echo de Paris", der „GauloiS", ist wieder anderer Ansicht. Er sagt: Es ist schwer zu bestreiten, daß der deutsche Vorschlag vollbegrüntet ist und zur reckten Zeit kommt. Die deutschen Forderungen haben das Verdienst, klar gefaßt zu sein und den sehr schlecht angebrachten An maßungen Li-Hung-Tschang's ein Ende zu setzen. Die Note empfiehlt sich der Diplomatie aber auch deswegen, weil sie Europa, den Vereinigten Staaten und Japan wieder ihre Pflichten veranschaulicht. Wir sehen nickt ein, waS die Mächte gegen diesen Vorschlag vorbringen könnten, umsomehr, als dieser Vorschlag in die Friedenspräliminarien wieder etwas Methode bringt, die ihnen bisher abging. Tic Haltung der Bereinigten Staaten ist immer und immer noch schwankend und zweifelhaft. So wird der „Mgdb. Ztg." aus New Aork, 20. September, gemeldet: Die Meldung, daß die Negierung die Antwort auf das Circulartelegramm des Grafen Bülow bereits festgestellt habe, ist verfrüht. Die Politik Mac Kinley'S ist die des Hinziebens. Auf die Frage Rußlands, WaS die Ver einigten Staaten tbun würden, wenn die Russen sich aus Peking zurückziehen, ist bis jetzt noch keine endgiltige Antwort gegeben worden. Ebenso wird man die Beantwortung der deutschen Note hinzuziehen suchen. Mittlerweile macht (wie schon mitgetbeilt) der chinesische Gesandte Wu-Tin g-Fanz die größten Anstrengungen, Mac Kinley zu bewegen, daß Amerika sofort die Eröffnung der FriedenSunterbandlungen anrcge und damit ein Beispiel gebe, dem, wie der Gesandte sagt, alle Mächte folgen müßten. Aber der große Einfluß der kirchlichen Kreise ist gegen jede Politik, die von Li-Hung-Tschang und Wu- Ting-Fang befürwortet wird. Dem Standpunkte dieser Kreise giebt die „Newyork Tribüne" Ausdruck, indem sie sagt: Die Harmoniederenglischenun oberdeutschen Politik ist beute die bestimmende Erscheinung. Des Kaisers erster lauter Ruf nach Rache, der mit Un recht viel getadelt worden ist, bleibt der rechte Grundton für die Politik der beiden größten europäischen Mächte, wenn er auch gemäßigt und in diplomatische Formen gefaßt worden ist. Der Unterschied zwischen der Stellung Rußlands einerseits und der Deutschlands und Englands andererseits ist damit klar und fundamental markirt; er schließt die Frage des Rückzuges auS Peking in sich, da ja die deutsche Note auch besagt, daß Graf Waldcrsce und die deutschen Truppen in Peking bleiben sollen, bis die Be strafung der schuldigen Chinesen vollzogen ist. DaS deutsche Heer pflegt die Aufgaben, die eS übernommen hat, auch durchzuführen, und die anderen Mächte müssen nun zwijchen Deutschland und Rußland die Wahl treffen oder ein Compromiß finden. Die „New Aork Times" erklären die Forderung Deutschlands für unannehmbar, da sie darauf binanslaufe, China zu zwingen, daß es seine Souveränetät aufgebe. DaS Blatt bekämpft auch die russische Politik und beschränkt sich darauf, sein Bedauern darüber auszusprechen, daß die Mitglieder deS Washingtoner Cabinet» wegen des WahlfelvzugeS von Washington abwesend sind. „New Uork Sun" bespricht da» deutsche Rundtele gramm und sagt, die Gesabr eine» neuen Krieges mit Cbina zwinge die Bereinigten Staaten, unabhängig von den ankeren Mächten Verhandlungen mit Cbina zu führen. Aork Herald" bemerkt, Rußland habe seinen ursprüng lichen Vorschlag abgeändert und wolle jetzt eine russische Truppenablkeilung in Peking belassen. Dies sei annehmbar sür eie Vereinigten Staaten. Ein New Aorker Telegramm der „Köln. Ztg." besagt: Tie Note des Staatssekretärs Grafen v. Bülow bat in den Washingtoner Regierungskreisen Bestürzung bervorgerufen. Es ist bereits bekannt, daß das Cabinet in Bezug auf den russischen Vorschlag gespalten ist; das Staatsdeparte ment ist ratblos, Staatssekretär Hey ist noch abwesend. Es gehen Gerüchte von seinem Rücktritt. Der stellver tretende Sekretär Hill versuchte vergebens, die Einigkeit im Cabinet wieder berzustellcn und begab sich mißvergnügt nach Hause, doch berief ihn Mac Kinley heute zurück. Alle Mit glieder des CabinetS sind bis auf eines jetzt von Washington abwesend. * Washington, 21. September. (Telegramm.) s„Neuter's Burcau.j Man glaubt, die amerikanische Antwort auf die deutsche Note werde die Form eines Rundschreibens an die Mächte erhalten, das, ohne den deutschen Vorschlag be- dingnngolos anzunehmen oder zu verwerfen, den Zweck verfolgt, den amerikanischen Anschauungen die Unterstützung der Mächte zu sichern. (Wiederholt.) Tic Frage der Räumung Pekings kommt nvck nicht zar Ruhe. Ter Washingtoner Bericht erstatter der „Morningpost" will Folgendes erfahren haben: Als die russische Negierung die Räumung Pekings Vor schlag, beauftragte Lord Salisbury den britischen Vertreter m Petersburg und in Peking, sich womöglich Ausklärung über die eigentlichen Beweggründe Rußlands zn ver schaffen. Die gewünschten Aufschlüsse gingen zuerst ans Peking ein. Macdonald meldete, der Zar warte nur auf die Räumung Pekings, um sich China gegenüber als einzigen wahren Freund des Reiches zu bekennen, um dann als Belohnung die Mand schurei zu fordern. Macdonald brachte unzwei deutige Beweise für sestie Angaben vor Gleichzeitig meldete er, daß russische ArmeecorpS längs der mongolischen Grenze vertbeitt werken, konnte aber die Gründe für diese Maßregel nickt feststellen. Der britische Botschafter in Petersburg, Scott, meldete, daß nach seinen Infor mationen China nach der etwaigen Räumung Pekings Ruß lands Ansprüche auf passenden Entgelt nicht anerkennen und die Chinesen längs der Grenze angestachelt werden würden, Rußland Aergerniß zn bereiten. Russische Truppen würden alsdann schleunigst über die Grenze nach Peking gesandt werden nud die russische Regierung nach Besetzung der Hauptstadt in der Lage sein, China Be dingungen vorzuschrciben und jede curopäi'che Einmischung zu verhindern. Wie Macdonald, hatte anch Scott absolute Beweise sür seine Angaben. Bekanntlich besteht zwischen dem amerikanischen General Chaffee und dem Gesandten Conger ein ausgesprochener Gegensatz über die Frage vcr Belassung oder Zurückziehung der amerikanischen Truppen in Peking. General Ebaffee, der mit seiner Ansicht den augenblicklich bei der Präsidentschaftscampagne vorwiegenden parteipolitischen Er wägungen näher kommt als der Gesandte, vertritt den Ge danken des Abzuges, und zwar weil der militärische Zweck des chinesischen Feldzugs bereits erreicht sei, wogegen Herr Conger ebenso nachdrücklich dafür eintritt, daß die Truppen weiterhin nothwendig seien sür den Schutz der Gesandtschaft und der ein geborenen Christen. Nach einer Lassan-Meldung hat Herr Conger sich gegenüber seiner Regierung gegen die Anerkennung DungluS als FriedenSunterkändler verwahrt und die Ansicht ausgesprochen, daß keinerlei Verhandlungen vor der Entfernung dieses Mannes zn eröffnen seien. Ueberhaupt tritt der Ge sandte sür eine Politik ein, die den Frieden durch ernsthafte Tbaten Herstellen und für die erlittenen Schädigungen eine ausreichende Sühne erreichen soll. Dieser Zwiespalt in den Anschauungen der leitcndcn Persönlichkeiten in Cbina dürste die Rückkehr des Präsidenten Mac Kinley von seinem Gute in Canron (Ohio) nach seinem Amtssitz in Washington beschleunigt haben, zumal da, wie von anderer Seite gemeldet wird, unter dem diplomatischen Corps in Wasbinglon eine gewisse Verwirrung herrscht, weil gegenwärtig Niemand auf dem Auswärtigen Amt eine maßgebende Auskunft zu geben vermag. Das Gutachten des Specialcommissars Rockdill dürste auch noch eingeholt werden. Mittlerweile verbleiben die amerikanischen Truppen in Peking. Die Anregung von deutscher Seile wird nach der günstigen Ausnahme, die sie bis jetzt überall gefunden bat, hoffentlich auf die envgilligcu Entschließungen der amerikanischen Regierung mitbeslimmeno wirken. Zur internationalen Lage lassen sich die „Times" heute folgende charakteristische Dar stellung aus Wien telegraphiren: „Ter feste Entschluß oer Großmächte, es nicht zu einem Con- flict unter sich lommeiz zu lassen, und Ver frische Beweis, daß alle Mächte noch immer unentwegt auf die Erhaltung des Frie dens hinarbeiten, ist der Hauptzug, welcher aus dem verwirrten Bilde widerspruchsvoller Gerücht« über die aus ver Chinakrisis herausgewachsene Lage heraustritk. Wenn «ine Großmacht, ihre Hingebung an den Frieden noch emphatischer als die übrigen proclamirt hat, so ist das zweifellos Rußland. Die russische Regierung thut kaum einen Schritt, welcher nicht das Signal für frische Ver sicherungen des Entschlusses des Zaren wäre, an seiner auf der Cvnferenz im Haag ausgestellten Frievenspocitit seslzuhallen. Noch scheint an irgend «iner Stelle daran gezweifelt zu werden, daß Nicolaus II. aufrichtig ven Friesen wünscht. Trotzdem fährt' Rußland fort, eine actvere Politik al- irgend eine andere Großmacht zu verfolgen, und für seine be sonderen Interessen in einer Weise zu sorgen, welche zu einem Conflict führen sollte, während die übrigen auS persönlichen Gründen nicht so sehr entgegenkvmmen. Die im äußersten Osten England durch seine Engagements in Südafrika auserlegte Re serve ist einer der Umstände, welcher es Rußland gestattet, das, was man seine aggressive Friedenspolitik nennen möchte, fortzu- ' führen. Eine andere Ursache ist die schwierigeStellung Einerseits hat dieses mit 24 russischen Armeecorps und auf der anderen Seite mit den mächtigen fran zösischen Heerschaaren zu rechnen, welche bereit sind, sich gegen Deutschland in Bewegung z-u setzen, sobald nur -der Zar einen Finger erhebt. Wäre die Militärmacht Deutschlands selbst be deutender, als sie ist, so wäre es doch reiner Wahnsinn, die ver einigten Streitkräfte Frankreichs und Rußlands herauszu fordern. Die einzige Macht, welche Rußlands selbstsüchtig« Politik im äußersten Osten in Schach halten kann, ist Großbritannien, das dabei wahrscheinlich nicht allein stehen würde. Der Frieden unter den Großmächten wird gegenwärtig um den Preis häufiger Zugeständnisse an russische Forderungen aufrecht erhalten, Deutschland allein kann diesen nicht widerstehen, während England die Hände bis dahin, durch den Transva-alkrieg gebunden hat. Die Beziehungen zwischen England -und Deutschland sind gegenwärtig vortrefflich und werden zweifellos -die zukünftige Haltung des ersteren beein flussen. Jeder Mangel an Kraft und Festigkeit auf Seiten der britischen Diplomatie würde nothwendiger Weise den Werth unseres Zusammenwirkens mit anderen Mächten vermindern, und voraussichtlich Schwierigkeiten einer gemeinsamen Initia tive in den Weg stellen. Jetzt, wo der Krieg im Transvaal seinem Ende entgegengeht, -darf vernünftiger Weise erwartet werden, daß es möglich befunden wird, britische In ter - essen inanderen T heilen derWelt mit mehr Energie und Entschlossenheit zu fördern." . . . Wir wissen bereits, -daß letztere Aufgabe in England Deutsch land zugewiesen wird. Deshalb auch das Bestreben der englischen Presse, die Dinge so darzustellen, als seien Deutschlands Inter essen und nicht die Englands durch Rußland bedroht, und Deutschland bedürfe deshalb der englischen Hilfe, was noch nicht der Fall ist und hoffentlich auch nie werden wird. Neue Kämpfe. * Peking, 1ö. September. Eine aus Engländern und Ameri kanern bestehende Abtheilung hat heute Peking verlassen, um das Land westlich von Peking auszuklären und die Zufuhr Vo» Nahrungsmitteln sicherzuslellcn. Eine deutsche Truppe geht morgen zur Unterstützung der Engländer und Amerikaner ab und wird mit diesen zusammen Patatschu angreifen, wo sich ein« starke chinesische Trnppenabtheilung befinden soll. (Wiederholt.) * Paris, 21. September. (Telegramm.) Ein Telegramm des französischen Consuls in Canton vom 20. d. M. besagt: In der Uuterpräsectur von Suntai in der Nähe von Canton find Ruhe stör ungen ausgcbrochcn. Mehrere Ortschaften wurden zer stört. Tie Missionare konnten sich in Sicherheit bringen. Ter Vicekönig ist nicht im Stande, die Ruhe wiederberzustellen. Die Consuln verlangen Truppen. Tas Kanonenboot „Avalanche" begleitet die Truppen * Berlin, 21. Sepleiuöcr. (Telegramm.) Tas Truppen- Transportschiss „H. H, Meyer" ist am 19. d. M. in Laku eingctrofsen. Der Krieg in Südafrika. Komati-Poort bildet das -Centrum des letzten geschlossenen Widerstandes der Boeren in ihrem Freiheitskampfe, und nach allen vorliegenden Nachrichten zu rechnen, werden in der Umgegend dieser Stadt noch verschiedene verzweifelte Gefechte stattfinden, da die Trans- vaaler fest entschlossen scheinen, der vorrückenden englischen Armee dort noch einmal die Stirne zu bieten und eine letzte Ent scheidungsschlacht zu schlagen. Die Selati-Eisenbahn ist für die Boeren noch offen, da die Verbindung dieser Zweiglinie mit dem Hauptschienenweg östlich von der Station Komati erfolgt, und wenn ein weiterer Rückzug erforderlich wird, so werden die Boeren immer noch genug Ausdauer und Kriegslust besitzen, um trotz aller bevorstehenden Entbehrungen und Schwierigkeiten einen Guerillakrieg in den Z o u t p a n s - B e r g en einer schmählichen Uebergabe vorzuziehen. General Buller wird aller dings voraussichtlich von Spihkop aus eine Colonne über das Gebirge nach dem Orte Mataffin senden, welcher der tem poräre Endpunct der Eisenbahnlinie war, so lange dieselbe noch nicht bis Leydsdorp ausgebaut werden konnte. Andererseits bedroht auch der rapide Vormarsch der Generale French und Poele-Carew die Stellungen der Boeren in den Flanken, und so wird, wie schon gesagt, der Kampf um und bei Komati-Poort den Boeren wenig oder gar keine Chancen auf irgend welchen Erfolg bieten. General French hat in dem kleinen Orte Avoca, zwischen Barberton und Kaapmuiden, weitere 50 Locomotiven und sonstiges reiches Eisenbahnmaterial erbeutet, während General Buller in und bei Lydenburg neuerdings kolossale Vor- räthe von Lebensmitteln und Munition gefunden hat. Es ist und bleibt auffallend, daß es den Engländern bis jetzt mit ganz verschwindenden Ausnahmen durchaus nicht möglich gewesen ist, den Boeren ihre Artillerie fortzunehmen, und es ist seit der Ein führung von Kanonen kein Feldzug zu verzeichnen, in welchem es dem unterliegenden Theile in so vollendeter Weise gelang, trotz des rapiden Vordringens seines Gegners seinen ganzen, schweren Geschühpark immer wieder in Sicherheit zu bringen, resp. zur Fortsetzung des Widerstandes intact zu halten. — Dies ist eines der vielen und verblüffenden Räthsel, welche die Boeren den Engländern aufgegeben haben, und die von den letzteren ent weder gar nicht oder nur mit großen Opfern und ungeheuren An strengungen gelöst werden können. Nach den letzten Telegrammen vom Kriegsschauplätze scheint der Kampf um Komati-Poort bereits im vollen Gange zu sein. Züge mit verwundeten Boeren kreuzen die portugiesische Grenze, und eine über Lourenyo Marques kommende Meldung besagt sogar, daß die Engländer bereit- in Komati-Poort eingedrungen seien. Wie auch die augenblickliche Position der beiden Gegner sein mag, lan-ge kann der ungleiche Ringkampf keinenfallS mehr dauern, so weit ein geordneter und gemeinsamer Widerstand der Boeren in Betracht kommt. E- heißt, daß Lord Robert- nur darauf wartzt, in die genannte Stadt einzuziehen, um dann officiell zu verkünden, daß in den beiden „eroberten" Ländern wieder „Friedeni-Zustand" herrscht, was allerdings wie ein grausamer Hohn klingen wird. Aber Feldmarschall Robert- hat Eile^ mit Frau und Töchtern nach Hause zu kommen, und außerdem sind nach dieser beabsich. Der „New Deutschlands.
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