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Amtsblatt der Amtshauptmannschaften Bautzen und Löbau, des Landgerichts Bautzen und aer Amlsqerichre Bautzen. Lämgisivalde, Herrnhut und Bernstadt, deS Hauptzollamts Bautzen, inglcichen der Stadträtc zu Bautzen und Bernstadt, sowie der Stadlgememderate zu Schirgiswalde und Weißenberg. Organ der Handels- und Gewerdekammer zu Zittau. Verantwortlicher Redakteur: Arno Zschuppc (Sprechstunden wochentags von 10—II und von 3—4 Uhr). — Verlag, Redaktion und Expedition: Innere Lauenstratze 4. Telegramm-Adresse: Amtsblatt Bautzen. — Fernsprechanschluß Nr. 51. Die Aaupen« NaLrichUn scheinen, m» Ausnahn.« oer Lonn- und Festlagc, löglich abends Preis deS viertcliährlicheu AdvnnewrniS Z >c JnserlionSgebuhr für den Raum einer PeiN-SpaUM» gewöhnlichen Latzes 15 in geeignelcn Fällen nnler Gcmähning von Rabatt; Ziffern-, Tabellen und anderer schwieriger Satz enlsprechcnd leurer NachwliSgcbubl für jede Anzeige und Insertion 20 Pfz., kür briesiichc Audfuvslder.eilung >0Psg. <u°d Po^ ^ür die Aufnahme von Anzeigen und Neklamcu au bestimmter Stelle wird leine Garantie übernommen. WA" Nur bis früh 19 Uhr eingehende Anseratc finden nach in dem abends erscheinenden Blatte Aufnahme. "HW Jnseraie nehmen die EefckastSstebe des Blattes und die Annvueenbureans an, desgleichen die Herren 4!valde in Lübau, Elauß in Weißeuberg, Lippitsch in Schirgiswalde, Gustav Kröling i» Bernstadt in KönigSbain bei Oittch, Nengner in Ober Cunnersdorf und von Lindenau in PulSnitz 12«. Jahrgang Ar. 34 Sonnabend, den 9. Februar 1997, abends Oöffentliche Zustellung Der Fabrikarbeiter Ernst Heinrich Krause in Zittau Der Kläger ladet die Beklagte zur mündlichen Verhandlung deS Rechtsstreits vor die zweite Zivis« kammer deS Königlichen Landgerichts zu Bautzen aus den 15. April 1907, vormittags ^10 Uhr, mit der Aufforderung, einen bei diesem Gerichte zugelassencn RechtSauwalt zu bestellen. Zum Zwecke der öffentlichen Zustellung nur!) dieser Auszug der Klage bekannt gemacht. Der Gerichtsschreiber des Königlichen Landgerichts Bautzen, am 7. Februar 1907. — ProzcbbevollmSchligler: Rechtsanwalt Justizrat Seyfert in Bautzen — klagt gegen die Wäscherin Anna veredel. Krause geb. Gorsky, zuletzt in Lübben, jetzt unbekannten Aufenthalts, mit dem Anträge auf Grund von HK l 567 h 1568 B.-G. BchS. die Ehe der Parteien zu scheiden. Der „Znkunstsstaat" vor 46« Jahren. Dah cs schon zu allen Zeiten und bei allen Böllern .Weltverbesserer" gegeben hat, welche für „Freiheit, Gleich heit, Brüderlichkeit" schwärmten, ist eine bekannte Tatsache. Die unausrottbare Sehnsucht der Mensche» nach Glück, nach Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Ordnung, in gewissem Sinne auch die Sehnsucht nach Vollkommenheit spricht sich schon seit alters her in den verschiedensten Formen ans. Seine interessante Zusammenstcllnng dieser Schwärmer und ihrer Ideale gibt der bekannte Franksurter Nativnal- ökvnom Professor Or. Andreas Voigt in seinem vor kurzem bei der G. I. Göschcuschen Verlagshandlung in Leipzig erschienenen Buche „Tic sozialen IItvvi e n" (Preis 2.—). Wir entnehmen diesem Werke einen kurzen Auszug, der gerade gegenwärtig besonders interessieren dürste. Im Jahre >516, etwa WOOJahre nach Platvs Dialogen vom Staate, erschien ein berühmtes Buch des Engländers Tho mas Morus: „I)o optima roipublioav statu <1oguo uova in- -mla Utopia". Der Name der iu diesem Buche geschilderten Insel Utopia ist heute ein Gattungsname für einen Jdcal- staat geworden. Thomas Morus war eiu Mau» edelster Gesinnung und festesten Eharakters, Gelehrter und Staats mann zugleich, der unter Heinrich VIII. zu hohe» Würden gelangte. Dennoch endete er 1585 infolge barbarischer Un gerechtigkeit des Königs auf dem Schassvtt. In seinem 88. Jahre veröffentlichte er die „Utopia", welche wohl nicht mehr als den Wert eines philosophischen Gedankenbildes haben sollte. Erst in unseren Tagen haben die sozialistischen Parteien sich der Utopia des Morus bemächtigt uud den Kanzler Heinrichs VIII. zu einem der ihrigen gemacht. Morus schildert seinen Jdealstaat folgcndermasten: Diebstahl, Uebcrvorteilung, Verschwendungssucht, Müßig gang und dcrgl. kommen nicht vor, weil es kein Eigentum gibt. Die erste Folge der Abschaffung des Eigentums ist na türlich Arbcitszwang. Denn das sicht auch Morus: Mit Beseitigung der bisherigen Wirtschaftsordnung, welche sür die Besitzlosen das Einkommen an die Arbeit knüpft, fällt ein Hauptantrieb zur Arbeit fort. Alle Einwohner des Staates sollen arbeiten, auch Frauen, welche in jeder Hinsicht den Männern gleichgestellt sind. Sechs Stunden tägliche Arbeit sollen genügen, nm den ganzen Güterbcdarf zn erzeugen. Das zweite große Problem der Volkswirtschaft, die Ver teilung der Güter, löst Morus sehr einfach: jeder Haushalt kann vollauf alles enthalten, wessen er bedarf. Der Staat teilt jeder Familie ihre Arbeit zu, so wie heute die Sol daten ihre Ration angewiesen bekommen. Bon Freiheit der Bedürsnisbesriedigung ist natürlich keine Rede. Ebenso wenig Freiheit herrscht im Punkte Berufswahl. Nachdem die Arbeiten einmal verteilt sind, behält jede Familie ihren festen Berus. Ein anderes Problem, das die modernen Utopisten sehr ost einfach durch phautasicvvllc Zuhilfenahme der modernen Technik, z. B. Erfindung einer Sticselwtchs- maschine, zu lösen vermeinen, nämlich die Frage, wem nun die unangenehmen, gesundheitswidrigen, ekelhafte» und niedrigen Arbeiten zufallcn sollen, bringt Morus in Ver legenheit. Er weiß sich nicht anders zu helfen, als daß er die Sklaverei wieder cinführen will. Wie steht es auf der Insel Utopia nun mit den Fa milien? Weiber- und Kindcrgemcinschaft ist ausgeschlossen. Morus ist für den Gehorsam der Fran, im übrigen wird das gleiche Recht und die gleiche Pflicht beider Geschlechter streng dnrchgcführt, auch bei der unter merkwürdigen Vor sichtsmaßregeln stattfindcndcn Gattcnwahl. Gleichheit für die beiden Geschlechter besteht auch hinsichtlich des Militär dienstes, jedoch erkennt Morus kciucu Zwang zum Kriegs dienst an, cs gibt nur freiwillige „Krieger". Eine Freiheit findet sich in Utopia, die namentlich den modernen Geist ihrer Vcrfassung kennzeichnet, nämlich die Religionsfreiheit. Zwar gibt es eine Art Staatsrcligivn und Priester derselben, doch herrscht trotzdem weitgehendste Toleranz. Alle Religionen sind zugelassen, nnd sie wechseln daher von Provinz zu Provinz. Selbst Verehrung von Himmelskörpern und der Personcnlultus werden geduldet. Die Vernünftigen aber verwerfen jede Götzendienerei und huldigen einer Art natürlichen Religion. Gewisse Grund- vvrstcllungen, wie der Glaube an Gott und eine unvergäng liche Seele, hält man für so selbstverständlich, daß man die jenigen, welche diesen Glauben nicht haben, gar nicht als Menschen betrachtet, ihnen nicht die mindeste Ehre erweist und kein öffentliches Amt anvcrtrant. Bestraft aber wer den selbst die Atheisten nicht. Hierzu bemerkt Professor Dr. Andreas Voigt: Und weshalb hat man diese außerordentlich weitgehende Reli gionsfreiheit in Utopien eingeführt? Zunächst wegen des Friedens unter den Konfessionen, der vordem fortwährend gestört war, besonders aber, weil man sand, daß die wirk liche Religion sich bei der Freiheit am besten befand. Das ist eine feine und tiesvrrstündigc Bemerkung. Daß aber diese Toleranz, wenigstens sür seine Zeit, noch eine Utopie war, mußte Morus später au sich selbst erfahren, als er als Kanzler von England de» Protestantismus bekämpfte nnd dessen Anhänger verfolgte. Er gab hier, nach seiner Mei nung, einer politischen Notwendigkeit nach. Ohne zn diesem besonderen Falle Stellung zu nehmen, muß zugegeben wer den, daß in der Tat von Duldung aller Bekenntnisse als Staatsmaxime erst dann die Rede sein kann, wenn die ein zelnen Religionsgemeinschaften selbst auf dem Standpunkt der gegenseitigen Toleranz stehen. Solange sie einander befehden, und so Harmonie und Frieden im Staate stören, kann dieser nicht mit verschränkten Armen zusehen, sondern muß wohl oder übel sich um des Friedens willen aus die ihm zu Gebote stehende Macht stützen und den Ruhestörer unter drücken. Es ist dies ein lehrreiches Beispiel dafür, wie leicht ein utopischer Bau sich in Gedanken errichten, aber wie schwer er aus dem von der harten Wirklichkeit dem Po litiker dargcbotcnen, ungefügigen Material sich ansführcn läßt. Angriffe aus Rußland und russische Fiuanzinstitute in der französischen Volksvertretung. Anläßlich der Beratung des neuen französischen Ein kommensteuergesetzes ist es in der Dcputicrtcnkammcr zu heftigen Ansfüllen gegen das befreundete und verbündete Rußland gekommen, das cs bekanntlich bisher vortrefflich verstanden hat, de» sogenannten „Zweibund" für seine po litischen und namentlich seine finanziellen Zwecke auszu- nutzen. Für den unbefangenen Beobachter ist es immer ein ergötzliches Schauspiel gewesen, die demokratisch-sozialistische gallische Republik im Schlepptau des absolute» rcußtschen Zarentums marschieren zu sehen. Vor allem war es der französische Sozialistenhäuptling Jan ros, der seine scharfen Pfeile nach dem Lande des „weißen Zaren" abschoß. Im Verlaufe seiner Rede griff er zunächst die Kredit- und Finanzinstitutc an, die sich in die inneren Angelegenheiten Rußlands mischten. Der Redner sprach dann von der russischen Industrie, die sich zu der größ ten der Welt entwickeln könnte, und von der nicht kon trollierten Aktion der russischen Negierung und der Staats bank. Er warf der russischen Regierung vor, daß sie sich durch allerlei Machenschaften Geldmittel verschaffe, und griff die französisch-russische Bank an, die angeblich gegründet worden sei, um russische Eisenbahnen mit französischem Kapital zu bauen, in Wahrheit aber, uni der russischen Regierung, die die Bank beherrsche, Geld vor zustrecken. Jaurös erwähnte dann eine Bank, die am 10. November 1906 für den Bau von Eisenbahnmatcrial ge gründet worden sei, nachdem die betreffenden Verhand lungen zwischen dem Moskauer Finanzier Biskra und einem französischen Fiuanzmanne geführt waren. Diese Gesellschaft werde »ach der Ausgabe von Fonds eine aus ländische werden und ihre Fonds der russischen Negierung zur Verfügung stellen können. (Lärm.) Nedner fuhr fort, er wolle kein Mitglied der Kammer bloßstellen les handelt sich um Rvuvie r), er bedauere aber, daß der Betreffende heimlich eine Anleihe sür die russische Reaktion vorbereite und dabei seinen politischen Einslutz geltend mache. Jaurs« sagte zum Schluß, er wünsche, daß ein freies Rußland der treu ergebene Freund Frankreichs sei. (Beifall.» Man möge die französischen Finanzleute warnen, damit eine Kata strophe vermieden werde. (Beifall auf der äußersten Linken.» Finanzministcr Eaillaux bedauerte, daß man cS manchmal an der nötigen Zurückhaltung gegenüber einem großen Volke habe fehlen lassen, das stets seinen Bcrpflich tungen »achgekommen sei und Frankreich oft eine wertvolle Hilse habe znteil werden lassen. (Lebhafter Beifall.) Der gestern von Nouannet ermähnte L sei mit Unrecht beschul digt worden, sür die letzte Anleihe eine große Kommissions gebühr erhalten zu haben. Die Kammer sei für die An legung französischen Kapitals im Auslande mit verantwort lich. Uebrigens habe Frankreich nur 40 Milliarden frem der Werte, von denen 20 Milliarden Staatsfonds seien. Eaillaux ging dgnn auf die von Jaurös erwähnten Gesell schaften ein nnd sagte, die Regierung stehe Gesellschaften, deren Ziel ist, französische Kapitalien für solche industrielle Werke nutzbar zu machen, die die heimische Industrie för dern, wohlwollend gegenüber. Die Negierung übe alle Rechte der Kontrolle aus. Er werde niemals fiir einen finanziellen Nationalismus eintrcten, sei vielmehr der Meinung, daß die Unterbringung französischen Kapitals im Auslände Frankreich eine überlegene Stellung in diplo matischer Beziehung gebe. (Beifall.) Aynnrd »ccintc, die Interpellation Jaurös' fei be denklich, weil sie die Beziehungen zum Auslande und den Kredit Frankreichs in daS Spiel ziehe. Er legte dar, aus welchen Gründen das französische Kapital im Auslande ein träglichere Zinssätze zu erlangen suchen müsse, als eS t« Frankreich bekommen könne, und sagte, an dem Tage, wo in Frankreich wieder völlige Ruhe cingetrcten sei, werde es den besten Gebrauch von seinem Vermögen im Jnlande machen. Hierauf wurde die einfache, von der Regierung gebilligte Tagesordnung angenommen. Bei der Fortsetzung der Besprechung der Interpella tionen über die Finanzoperationen behauptete sodann Willm (Soz.), Rußland biete seinen Gläubigern keinerlei Sicher heit. Minister des Aeußeren Pichon wollte hiergegen Ein spruch erheben, wurde aber von seinen Nachbarn zurückge- halten. Willm sprach über das i n n e r e N e g i m c R u ß- lands. (Beifall aus der äußersten Linken, Widerspruch rechts und im Zentrum.) Als Willm daun von den blutigen Vorgängen in Rußland sprach, machte sich Unruhe im Hause bemerkbar. Minister des Aeußeren Pichon erhob Ein spruch dagegen, daß das Parlament sich in die innere Politik eines anderen Landes mische. (Lebhafter Beifall.) Aus die weitere Bemerkung Pichons, er erfülle seine Pflicht, die alle Mitglieder der Kammer erfüllen sollten, ertönte von neuem auf allen Bänken des Hauses, die der Sozialisten ausge nommen, Beifall. Willm schloß dann seine Ausführungen nnd sagte, die neue russische Anleihe sei eine wahre Gefahr für die französischen Sparer. Jaurös führte darauf aus, man brauche sich über den Rückgang der französischen Rente nicht zu beunruhigen, An laß zur Beunruhigung böten nur die Manöver, die einen weiteren Rückgang der Rente bezweckten, um das Werk de» Parlaments zu bekämpfen. (Zustimmung auf vielen Bänken. Finanzministcr Caillaux ruft dem Redner beifällige Worte zu.) Jaurös fuhr fort und sagte, er seinerseits be kämpfe nicht systematisch die Anlage von Kapital im Aus lande. Er billige Pichons Einspruch gegen eine offizielle Einmischung in die Angelegenheiten eines fremden Landes. Er halte es aber für ein gutes Recht aller Parteien, sich frei über die inneren Zustände eines Landes zu äußern, in dem Frankreich große Interessen habe. Er wolle nicht sagen, daß Rußland eine lebensgefährliche Krisis dnrchmachc, Rußland werde aber untergeben, wenn es nicht eine vom Volke kon trollierte Negierung habe. „Die Verantwortung", sagte der Nedner, „wird ans die Selbstherrschaft und aus Sie sallcn." Minister Pichon erwiderte daraus: „Sie sind von großer Bcrcdtsamkcit, Sie glauben aber nichts vom dem, was Sie sagen." 4 4. 4- HK 4