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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 01.05.1896
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1896-05-01
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-18960501021
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1896050102
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1896050102
- Sammlungen
- LDP: Zeitungen
- Saxonica
- Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1896
-
Monat
1896-05
- Tag 1896-05-01
-
Monat
1896-05
-
Jahr
1896
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Die Herren Reichsboten werden daher ihre Unlust, noch lange in Berlin zu bleiben, überwinden und sich an den Gedanken gewöhnen müssen, nach Pfingsten noch einige Wochen der Arbeit zu widmen. Dem Gerede, als ob noch vor Himmelfahrt, d. h. vor Mitte Mai, die Vertagung der Session bis zum Herbst eintreten werde, ist durch eine officiöse Kundgebung bereits der Boden entzogen worden. Aber auch der in der CentrumSpresse mit großer Ent schiedenheit verfochtene Plan, alles Wichtige, mit Ausnahme natürlich des Bürgerlichen Gesetzbuchs, bis Pfingsten zu erledigen, wird sich nicht verwirklichen lasten. Wer für einen solchen Plan ernstlich Stimmung macht, kann nur den Hintergedanken hegen, daß man eben unfertig liegen lassen werbe, was bis dahin nicht zur end- giltigen Entscheidung gekommen ist. Es müßte auf das Aeußerste befremden, wenn ein solches AuökunftSmittel gerade von der Seite betrieben würbe, welche die gegenwärtige Tagung nicht laut genug als eine der fruchtbarsten, wenn nicht gar die fruchtbarste, ankündigen konnte. Wir hallen es mit dem „Schwäb. Merk." für schlechterdings aus geschloffen, daß in den knapp 3>/r Wochen, welche bis Pfingsten noch zur Verfügung stehen, sich auch nur entfernt ein Ergebniß erzielen ließe, welches diese Verheißung zu rechtfertigen vermöchte. Selbst die in der Berathung am weitesten vorgeschrittenen, d. h. nur noch der dritten Lesung im Plenum harrenden Gesetzentwürfe, nämlich die Novellen zur Gewerbeordnung und zum Genossenschaftsgesetz, sowie das Gesetz zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs, werden die Zeit des Reichstags noch in Anspruch nehmen; namentlich bei der Gewerbeordnungsnovelle wird eS über das Verbot deS Detailreisens und über die weitere Einschränkung des HausirgewerbeS zu neuen Kämpfen kommen. Da« Börsengesetz sodann befindet sich soeben in der zweiten Lesung und für das Bankdepotgesetz, die Margarine vorlage und die Justiz- und Strafproceßnovelle steht dieselbe noch aus. Das Depotgesetz wird keine Schwierig keiten machen, dagegen werden bei der Margarinevorlage die agrarische und die antiagrarische Richtung sehr heftig auf- «inanderplatzen, und waS die Debatte über die Justiznovelle anlangt, so kann man nach den in der zweijährigen Com- missionsberathung gemachten Erfahrungen nur mit einem leisen Schauder an sie denken. ES macht denn auch den Eindruck, als ob man sich besonders gerne gerade um diese letztere Aufgabe Herumdrücken, d. h. ihre Erledigung noch einmal hinausschieben möchte. Gerade hier empfiehlt sich das aber am allerwenigsten. ES wäre für die Förderung der Plenar- derathung des Bürgerlichen Gesetzbuchs höchst unerwünscht, wenn im nächsten Herbst das Interesse der Juristen sich zwischen ihr und derjenigen der Justiznovelle theilte. Außer dem ist eS auch an sich nothwendig, daß die von der letzteren behandelten, nun schon so lange schwebenden Fragen endlich einmal zur Entscheidung kommen. Das Gleiche gilt vom Börsengesetz, von der Margarinevorlage, von der Gewerbe novelle. Freunde wie Gegner dieser Maßregeln müssen gleichmäßig wünschen, daß sie endlich von der Tagesordnung der parlamentarischen Erörterung verschwinden. Wenn es aber gilt, abgesehen vom Bürgerlichen Gesetzbuch und von der todtgeborenen Handwerkerkammervorlage, reinen Tisch zu machen, so darf man doch wobl auch fragen, was dann aus den über drei Dutzend Initiativanträgen und den zwei Dutzend Berichten der Petitionscommission werden soll, die noch unberührt auf der Negistrande des Reichstags liegen. Die Väter von Initiativanträgen pflegen es freilich meistens gar nicht so eilig zu haben. Es kommt ihnen vor Allem darauf an, mit der Einbringung ihrer in der Regel obnehin aussichtslosen Anträge chiligsntlam prä- stirt zu haben, und so kann es ihnen jetzt, wenn die Initiativanträge bei bloßer Vertagung der Session auf den nächsten Winter übernommen werden, nur angenehm sein, daß sie sich alsdann die Mühe, die nur zu be kannten alten Ladenhüter von Neuem einzubringen, sparen können. Den Personen aber, welche sich mit Petitionen an den Reichstag wenden, wird eS doch wohl nicht gleicb- giltig sein, ob sie noch in diesem Frühling oder, wenn'S gut gebt, erst nach Jahresfrist einen Bescheid auf ihre Eingaben erhalten. Nach alledem ist es ganz selbstverständlich, daß die Regierung, ganz abgesehen von der allem Anschein nach noch zu erwartenden Vorlage betreffs der vierten Bataillone, nicht geneigt sein kann, die Vertagung schon zu Pfingsten eintreten zu lasten. Man sagt, nach Pfingsten könne auf ein beschluß fähiges Haus nicht mehr gerechnet werden. Aber wie oft ist denn der Reichstag in dieser Session beschlußfähig gewesen? Wenn's hoch kommt, in 10 von seinen 80 Sitzungen! Möge man also die nervöse Ungeduld ablegen! Man wird sich schon bequemen müssen, die Verheißung von der „Fruchtbarkeit" wahr zu machen. Die Meldung, daß der preußische Handelsminister die Haridelskammcrvorlage, nachdem die Commission des preußi schen Abgeordnetenhauses den H 1 derselben abgclehnt hatte, zurückgezogen habe, stellt sich als verfrüht heraus. Herr v. Berlepsch bat der Commission mitgetbeilt, daß die Zurück ziehung in Erwägung gezogen werde. Man kann nur wünschen, daß diese Erwägung zur Zurückziehung führt; ge schieht dies, so kann dieser Entschluß als ein Zeichen dafür, daß die Politik deS staatlichen Reglementirens pm jeden Preis und unter allen Umständen ihren Höhepunkt überschritten hat, nicht nur in Preußen, sondern auch im ganzen Reiche mit Freuden begrüßt werden. Wir möchten zwar in die kürzlich in mebreren großen Preßorganen laut gewordenen Klagen über die „Gesetzmacherei" deshalb nicht ohne Vorbehalt einstimmen, weil die zur Zeit den Reichs tag beschäftigenden Gesetzesvorlagen zum Mindesten ihrer Tendenz nach Billigung verdienen. Aber der allgemeine Zug der Zeit, alles Erdenkliche im wirthschaftlichen Leben zu „ordnen", wird mehr und mehr als ein ungesunder empfunden. Der Staat ist allmählich zu einem Arzt ge worden, der Jedem, der sich krank meldet, ein Recept verschreibt, und neuerdings auch dem, der sich nicht krank meldet. Die Vorlegung des Entwurfs über die Handels kammern wenigstens kann nicht mit einem ohne fremdes Hinzuthun zum Bewußtsein der „Interessenten" gelangten ernstlichen Bebürfniß erklärt werden. Und wenn ja, so kann doch nur von einem kleinen Bruchtheil der Interessenten die Rede sein. DaS eben ist aber ein Kennzeichen der modernen wirthschaftlicken Gesetzgebung, daß sie zumeist von Minder beilen verlangt und durchgesetzt wird. Ein anderes ist darin zu finden, daß sie um deS Götzen „Uniform" willen hier bewährte Einrichtungen durch unerprobte ersetzt, dort neue Einrich tungen octroyirt, obgleich man sie nicht braucht uud nickt will. Wenn das Handelskammergesetz einerseits alte, zweck entsprechend functionirende Organisationen beseitigen, anderer seits Handelskammern ins Leben rufen wollte, deren Mit glieder von dem Institut kaum etwas Anderes gehabt hätten, alc die Kosten, so ist mit dem Land Wirth schafts kämme rge setz wenigstens der erstere Effect zum Tbeil erzielt worden. Ja, die Vortreffliches leistenden landwirthschaftlicken Central vereine wären in ganz Preußen verschwunden, wenn es nach dem Willen der Regierung gegangen wäre. Ob die geplante Organisation des Hand werks die besonders in Sachsen und in Süddeutschland blühenden Gewerbevereine ersetzen wird, ist auch nock eine wohl aufznwerfende Frage geblieben. Das Thema ließe fick noch weiter und über sehr verschiedenartige Gebiete aus spinnen. Wir begnügen uns jedoch mit dem Wunsche, die preußische Negierung möge den eclatanten Mißerfolg, den sie in der Angelegenheit der Handelskammern zu verzeichnen hat, zum Anlaß einer Klärung dessen nehmen, was sie für ihr wirthschaftspolitisckes System hält. Vielleicht gelangt sie dabei zu der Muthmaßung, daß die im Kern durchaus ge sunde Neaction gegen bas Manckesterthum, wenn forcirt, ibrerseits eine Reaktion zu Gunsten eines sehr ungesunden Individualismus Hervorrufen wird. Das gestrige Debüt des Ministeriums Möline vor der Dcputirteukammer war fast identisch mit einem Votum für das abgetretene Cabinet Bourgeois! DaS darf nicht Wunder nehmen, da es mit denselben Principien wie dieses am 23. April (wir geben die Regierungserklärung und die daran sich schließende Debatte ausführlich an anderer Stelle) vor die Kammer trat: l) Uebergewicht der auS dem all gemeinen Stimmrecht hervorgeganzenen Depu- tirtenkammer vor dem Senat; 2) demokratische Reformen. Ter Unterschied ist nur der, daß Msline, was den ersteren Punkt betrifft, die Schärfe des Princips wieder umbiegt, indem er biuzusügt: Ohne Mithilfe des Senats ist es aber unmöglich, Gesetze zu geben und zu regieren. Im Laufe der Debatte sprach fick MLline gleich unklar über denselben Punkt dabin aus, „es sei nicht zweifelhaft, daß das Cabinet sich dem Votum der Kammer widersetzen könne; wenn aber der Senat eine Reibe von Mistrauensvoten gegen daS Cabinet abgebe und die Bewilligung von Crediten verweigere, dann sei es klar, daß das Cabinet sich zurückzieben müsse." Offenbar steht Msline auf dem Standpunkt, daß er daS Uebergewicht der Kammer im Princip einräumt,in praxi aber keineConsequenzen daraus ge zogen wissen will, da diese zur Revision der Verfassung führen müssen. Gegen diese hat Mäline principiell auch keine Ein wendungen, aber er hält die Zeit noch nicht gekommen für eine Berathung der wichtigen Angelegenheit „in großem Stil". Ein weiterer Unterschied ist der, daß Msline unter demokratischen Reformen etwas ganz Anderes versteht als Bourgeois uud die Radikalen. Sie streben mit dieser Phrase auf der Fahne die vollständige Demokratisiruna der Republik an, deren Socialisirung nachher die äußerste Linke als noth- wendige Consequenz fordern würde, während Meline'« Programm lediglich eine Art Arbeiterschutzgesetzzebung und Steuerreform nach dem Muster monarchischer Staaten, speciell Deutschlands, aber mit dem entschiedenen Ueberwiegen agrarischer Forderungen in sich begreift. Formell war also der Abgeordnete Ricard vollständig im Recht, als er die am 23. April mit 30S gegen 38 Stimmen angenommene Tagesordnung wiederholte und für dieselbe die Priorität verlangte. Nun ist es außerordentlich bezeichnend, daß dieser Antrag nur mit 28 Stimmen Mehr- SO. Jahrgang. deit (279 gegen 251) bei 39 Stimmenthaltungen abgelebnt wurde. Man konnte also schon nach dieser Abstimmung sagen, daß die Anhänger Meline's nicht zu niedrig gegriffen hatten, als sie vorgestern eine Mehrheit von 40 bis 50 für das Cabinet herausrechneten. Bei der Abstimmung über den ersten Tbeil ver von der Regierung acceptirlen Tagesordnung Bozörien — Vorherrschaft des allgemeinen Stimmrechtes — ergab sich zwar Einstimmigkeit,aber diese galt offenbar nur dem Princip, nickt dem Cabinet Meline, das für sie unklar und schwächlich eintrat, denn für den zweiten, die Regierungserklärungen billigendenTbeil der Tagesordnung fanden sich wieder nur 35 Stimmen Majorität (23l gegen 196) bei der erheblichen Zahl von 142 Stimm enthaltungen, und alsschließlichüberdie gesammteTagesordnung abgestimmt wurde, kam auch nur wieder eine Mehrheit von 43 Stimmen (299 gegen 256) bei nur 14 Stimmentbaltungen zu Stande. Man kann also sagen: für das Cabinet Mäline als solches ist das Vertrauensvotum ziemlich mager aus gefallen, während sich für das von dem vorigen Cabinet ausgespielte demokratische Princip des Uebergewichts des allgemeinen Stimmrechts — und darauf kommt es vor Allem an — Einstimmigkeit ergeben bat. Andere gemäßigte Cabinette debutirten mit bedeutend größeren Mehrheiten, und diese Mehrheiten ließen sie doch schließlich im Stich. So haben sie seit 1893 die Ministerien Dupuy, Casimir-Perier, wieder Dupuy und endlich Ribot nach kurzer Frist fallen gelassen, während die ursprünglich in ihrer Mehrheit überwiegend gemäßigte Kammer das einzige radikale Cabinet, das sie hatte, das Cabinet Bourgeois, uicht gestürzt hat. Schwerlich wird die Kammer Bourgeois und Genossen zurücksehnen, sie halten es als Personen nicht nur bei den Gemäßigten, sondern auch bei den Radikalen verdorben, aber es bat doch den Anschein, daß der Herrschaft radikaler Ideen, welche das Cabinet Bourgeois mit Worten, aber nicht mit Thaten energisch vertrat, in der Kammer der Sieg gesichert ist und daß die nicht kleine Anzahl der Nichtstimmendcn geneigt ist, fick eher aus diese als auf die gemäßigte Seite zu schlagen. Die einzelnen Programmpuncte MsUne's sind zwar mit viel seitigem, lebhaftem Beifall ausgenommen worden und sein Arbeiksprogramm, welches von Sparsamkeit, Schutz der Land wirthschaft, Ablehnung alles unfruchtbaren Parteislreites, Schutz der öffentlichen Ordnung, Arbeiterschutz u. s. w. sprach, ist im großen Ganzen das Programm des gesunden Menschen Verstandes und der politischen Vernunft. Aber von der gegenwärtigen französischen Kammer gilt das Dichterwort: „— Seid Ihr nicht wie die Weiber, Die zurück stets kommen auf ihr erstes Wort, Wenn man Vernunft gesprochen stundenlang?" Für ein solches ernstes Arbeitsprogramm ist die jetzige Kammer nicht zu haben, wenigstens nicht auf die Dauer, und das scheint Möline vorauszusehen; denn offenbar für den Fall der Kammerauflösung hat er dadurch vorgesehen, daß er auf der einen Seite das fortschrittlich gesinnte Bürgerthum der großen Städte durch, wenn auch unklare, Zugeständnisse an das „demokratische Uebergewicht der Deputirtenkammer" zu beruhigen sucht, andererseits aber an die breite Masse der Wähler auf dem flachen Lande die weitestgehenden Zugeständnisse macht, welche ihm diese Kreise unbedingt sichern. Auffallend war die Be merkung Msline's: „Das Ministerium kann sich auch dem Votum der Deputirtenkammer, nicht bloS dem des Senats widersetzen, muß aber dann sich gefallen lassen, daß es in Anklagezustand versetzt wird." In dieser Aeußerung werden die Radikalen nicht mit Unrecht abermals ein Princip, aber ein mit republi kanischen Anschauungen nicht vereinbares erblicken, dem F-niHetsn. Die Tochter -es Millionärs. Ij Roman au« dem Englischen von L. Bernfrld. (Nachdruck verbot«!.) I. Herrlichste« Wetter zum Rennen in Ascot! Sonnenglanz überstrahlt daS weite Feld; Alles harrt gespannt auf den Anfang deS glänzenden circensischen Schauspiels, welches unter freiem Himmel aufgefübrt wird. Keine Feerie auf der Bühne bietet ein so großartiges farbenprächtiges Bild; die Logen sind dicht gefüllt, die Einfriedung bildet ein reizende-Parterre der elegantesten Toiletten, eS glänzt die Uniform, eS funkeln die Sterne und Brillanten. Plötzlich ging eine Bewegung durch die gewaltige ver- anügensuchende Menge. „Sie kommen!" war der Signalruf. Die Glocke ertönte und in den nächsten Sekunden war kein Laut vernehmbar, athemlose Spannung herrschte in dem weiten Kreise. Jetzt kamen sie in Sicht, die glatten, stark knochigen Renner, mit ihren in bunte schillernde Seide ge kleideten Jockey«. In dichter geschloffener Gruppe näherten sie sich und laute aufgeregte Rufe erhoben sich von allen Seiten. ,„LLeißfuß" gewinnt!" „Nein, „Redpath", „Red- path" geht vor!" „Er ist geschlagen! beim Himmel, „Mayfly" gewinnt!" „Der Favorit ist geschlagen!" „„Mayfly" ge winnt — „Mayfly" — „Mayfly"!" Und dieser Name wurde zu einem vollständigen Brausen, als ein prächtige« kastanien braunes Pferd, welche- bisher das vierte in der Reihe ge wesen war, Plötzlich an den anderen vorbeischoß und mit einer halben Länge den ausgesetzten Preis, emen prächtigen goldenen Becheracwann. Ein junger Mann, welcher dicht an der Einfriedung stand, schob da« Opernglas mit einem plötzlichen Ruck zusammen und steckte eS mechanisch in das Futteral, welches an einem Riemen um seine Schultern hing. Unzweifelhaft war er mit seiner stattlichen Figur, dem kurz geschnittenen krausen Haar und dem kecken Schnurrbärtchen ein hübscher Mann, nur seins Augen hatten keinen angenehmen Ausdruck. In dieser Minute war sein Gesicht aschfahl und sein Mund wie in schmerzlicher Pein zusammengezogen. Mit erhobenem Kopf und anscheinend sorglos um sich blickend, durchschritt Philipp Seudamore jetzt die Menge; einem aufmerksamen Beobachter konnte allerdings der Ausdruck der Verzweiflung, die sich auf seinem Gesicht auöprägte, nicht entgehen, so sehr der junge Mann auch be müht war, seine GemüthSstimmung unter dem Anschein größter Sorglosigkeit zu verbergen. Nachdem er wenige Schritte gegangen war, befand er sich plötzlich einem Herrn gegenüber, welcher weder schön, noch, trotz der glänzenden Uniform, die er trug, besonder« vornehm erschien, dessen Gesicht jedoch in diesem Augenblick ein Lächeln äußerster Befriedigung zeigte. „Großartig, nicht wahr, Philipp?" rief er, seinem Freunde fröhlich mit der Hand auf die Schulter schlagend. „Natür lich haben Sie auf ihn gehalten. Sagte ich nicht, daß „Mayfly" ohne Frage durchkäme?" „Ich habe Ihren Rath nicht befolgt — schlimm genug für mich!" antwortete Seudamore ernst. „Nachdem Sie mich verlassen, traf ich einige Narren, die mich bestimmten, auf „Weißfuß" zu wetten. Ich wünschte von Herzen, ich hätte eS nicht gethan!" „Mein armer Junge, daS thut mir ja unendlich leid!" und Leonard Hopley, welcher einer der gutherzigsten Menschen war, sah ganz betroffen auS. „Hoffentlich haben Sie nicht viel auf dieses Ungeheuer von „Weißfuß" gesetzt, so daß der Verlust von keiner Bedeutung ist?" ,Ieider nur allzuviel", erwiderte Capitain Seudamore. „Ich wage gar nicht, daran zu denken!" Major Hopley nahm schweigend seine« Freunde« Arm. Er war tief bekümmert, und wußte doch im Augenblick nickt, wie er Helsen sollte. Selbst ein reicher Mann, hatte er stets Glück im Leben gehabt und vermochte sich nicht in die Lage eines Mannes zu versetzen, welcher arm, und dennoch fast sträflich lrichtsinntg war, dabei aber niemals den Muth be saß, gegen da« Unglück anzukämpfen, sondern durch ein weitere- Wagniß immer wieder förmlich beflissen war, seinen gänzlichen Ruin, um nichts Schlimmere« zu sagen, Herbei zufuhren. Er bekam daher einen außerordentlichen Schrecken, al« sein Gefährte in höchster Aufregung fortfubr: „Um des Himmels willen, Leonard, geben Sie mir einen guten Rath für da« nächste Rennen! Ich muß beute noch unbedingt 100 Pfund haben, oder ich bin ruinirt, entehrt, ein Wortbrüchiger!" Er konnte vor Erregung kaum sprechen. „Mein lieber Freund, da« ist ja furchtbar!" rief Major Hopley bekümmert. Nach einem Augenblick der Urberlegung erklärte er aber mit Entschiedenheit: „Nein, Srudamoie, ick werde Ihnen kein« Rathschläge in Bezug auf da« Rennen mebr geben. Sie haben kein Glück und in Ihrem gegen wärtigen Gemüthszustand würden Sie eher verlieren al« gewinnen. Sie sollen nicht verzweifeln, wenn ich eS bindern kann. Ich habe Geld genug und außerdem bei dem heutigen Rennen ein hübsches Sümmchen gewonnen. Sie machen mich zu Ihrem Bankier, ick leihe Ihnen die 100 Pfund, bis Sie die Sache wieder in Ordnung bringen können, es Hal keine Eile!" „O, Sie sind zu gut, zu großmüthig", stammelte der un glückliche junge Mann, „aber ich kann Ihr Anerbieten nicht annehmen, ich weiß nicht, wovon ich daS Geld zurück zahlen soll." „Sicherlich wird Ihr Onkel —" „Mein Onkel bat meine Schulden wieder und wieder be zahlt, er hat geschworen, mich nie wieder seben zu wollen. Ich habe mir unglücklicher Weise Geld aus meine Erbschasts- aussichten hin geliehen und das entdeckte Onkel. Nach dieser Richtung hin läßt sich nicht« mehr machen. Nein, nein, Hopley, eS ist außerordentlich liebenswürdig von Ihnen und ich werde e« Ihnen niemals vergessen, aber ich sehe nicht ein, wie Sie mir helfen können." In diesem Augenblick begegnete Major Hopley dem lächelnden Blick von einem Paar sehr schöner brauner Augen, welche aus einer Loge gerade dicht vor ihnen berabsahen. Die braunen Bugen gehörten zu einem reizenden Gesicht mit einer pikanten, kleinen, leicht nach oben gewandten Nase, mit Wangen, auf welche Jugend und Gesundheit ihr Siegel gedrückt hatten, eine wahre Rosenknospe von Mund öffnete sich über tadellos Weißen Zähnen. Auf dem lockigen braunen Haar des reizenden kleinen KopfeS saß ein Hütchen, welche- augenscheinlich nicht« weiter war, als ein Kranz von blaß- rothen RosenknoSpen. Dieser Kopf nun nickte Major Hopley bewillkommnend zu, indem er sich eifrig über die kahle Platte eine« älteren Herrn, der vor ihr saß, hinwrgbeugte, eine kleine Hand winkte leb haft, und der lächelnde Mund schien sagen zu wollen: „Komm herauf, Cousin Leonard!" Ein leichte- Zögern und dann dem Impulse des Augen blick- folgend, sagte Major Hopley etwa- zu dem jungen Mann an seiner Seite, wa« er in späteren Jahren bitter bereuen sollte. „Hören Sie, Philipp — ick kann Ihnen keinen Fingerzeig für daS Rennen geben und möchte außerdem auch nicht dir Verantwortung aus mich nehmen, daß Sie noch mehr ver lieren. Aber ich werde Ihnen da- Geld leihen und Cie damit aus der Patsche ziehen. Und nun paffen Sie auf! Ferner werde ich Sie meiner Corssine Beatrix Hopley vor stellen. Sie ist das reizendste Mädchen der Welt und bekommt an ihrem Hochzeitstage fünfzigtausend Pfund mit. Beatrix ist das einzige Kind meine« Onkels, welcher seinen enormen Reichtbum der Erfindung einer neuen Seife ver dankt. Sie haben gewiß schon davon gekört; „Sapavo — unvergleichlich für die Haut!" Mein Vater starb, ehe das Geschäft sich entwickelte und das wurde, was es jetzt ist, ick bin daher nicht so gut davon gekommen. Aber Onkel Josef ist Millionär, Beatrix eine reiche Erbin. Die Familie deS OnkelS bat immer in Manchester gelebt und ist erst jetzt nach London Ubergesiedelt, und da sie hier fast gar keinen Berkel r hat, werden Sie ihr ganz gelegen kommen." „Aber mein lieber Leonard", und trotz seiner verzweifelten Lage mußte Philipp fast lacken, „wie um Alles in ter Weli sollte ein armer Teufel wie ich auch nur die leiseste Aussicht haben, die Tochter eines Millionärs zu gewinnen. Ich könnte doch niemals wagen, mich um sie zu bewerben, ihr Vater würde mir schön die Wege weisen." „Mein guter Freuut, Sie vergessen ganz, daß Sie der Neffe und Erbe des Lord Seudamore sind. Ihr Onkel kann Ihnen Wohl sein Geld entziehen, aber nicht verhindern, daß Sie seinen Titel erben. Und dieser wird bei meinem Onkel Josef sehr in die Wagschale fallen!" „Ah, ich verstehe!" So sprechend hatten die beiden Freunde den Eingang zu den Logenplätzen erreicht, Major Hopley zog Philipp mit sich fort, und dieser folgte ihm nur zu willig. „Eine Erbin" klang dem Obr eines Mannes, welcher soeben seinen letzten Pfennig verspielt hatte, sehr verlockend und noch mehr: Philipp batte auch nach der Loge binaufgesehen und das niedliche Gesicht mit dem holden Lächeln hatte ihm sehr wohl gefallen. Soeben erreichten sie die offene Logenthür. Mr. Josef Hopley war groß und stark, ein Mann in den besten Jahren, MrS. Hopley machte fast den Eindruck, noch stärker zu sein, al- ibr Gatte. Seudamore'« Herz sank ein wenig, al- er des Ehepaares ansichtig wurde, aber zwischen ihnen saß Beatrix im leichten Hellen Musselinkleide und ihren RosenknoSpen — ein reizender Anblick, der ihn über alle- Andere hinweg sehen ließ. Während Philipp an der Thür stehen geblieben war sagte Major Hopley leise zu seinem Onkel:
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