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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 04.12.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-12-04
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19001204020
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900120402
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900120402
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-12
- Tag 1900-12-04
-
Monat
1900-12
-
Jahr
1900
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ö17. Vez»gS-Pret- 1« d« -«pt-rvedilt-« oder de« im Stadl» b«trk mid deu Bororte« errichtete« Lus- aabefirlle» abgeholt: vierteljährlich 4.50, bei zweimaliger täglicher Zustellung ins Haug LckiO. Durch die Post bezöge« für Deutschland u. Oesterreich: Vierteljahr«, 6. Ma» abomrirt ferner mit entsprechenden! Postaufschlag bei den Postanstalten in der Schwei», Italien, Belgien, Holland, Luxem burg, Dänemark, Schwede» und Norwegen, Rußland, deu Donaustaatrn, der Europäischen Türkei, Egnpteu. Für alle übrigen Staaten ist der Bezug nur unter Kreuzband durch die Expedition diese» Blatte» möglich. Die Morgen-LuSgabe erscheint um '/,? Uhr, die Abend-AuSgabe Wochentag» um 5 Uhr. Redaktion und Expedition: Johanni-gaffe 8. Filiale«: Tlstüd Hahn vorm. O. Klemm » Sortim. UmversitätSstraße 3 (Paulinum), Loul» Lösche, Katharinenstr. 14, Part, und Königsplatz 7. Abend-Ausgabe. UchMr TlWtM Anzeiger. ÄmlsAatt -es königlichen Land- nnd Amtsgerichtes Leipzig, -es Aathes nn- Notizei-Ämtes -er Lta-1 Leipzig. Anzeigen-^Zrers die 6gespaltene Petitzeile L5 Reclamen unter dem Redactionsslrich (4 gespalten) 75 H, vor den Familicnnach» richten (8 gespalten) SO Tabellarischer und Ziffernsatz entsprechend höher. — Gebühren für Nachweisungen und Offertenannahme 25 H (excl. Porto). Ertra - Beilagen (gesalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbeförderung ./L 60.—, mit Postbeförderung .XL 70.—, Annahmeschluß für Anzeigen: Abend-AuSgabe: Bormittags 10 Uhr. Morgen-AuSgabe: Nachmittags 4 Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je ein halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Die Expeditton ist Wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis Abends 7 Uhr. Druck und Verlag von L. Polz in Leipzig. Dienstag den December 1900. 94. Jahrgang. Die Wirren in China. Die Betheiliguug der Marine an den Kämpfen in und um Tientfln. Jetzt liegt auch der amtliche Bericht über die Bctheiligung der Marine an den Kämpfen in und um Tientsin vor. Selbstverständlich kann Neues nicht mehr mitgethcilt wer den, aber es sei noch darauf hingewiesen, wie groß artig sich die kleine deutsche Truppe mit Capitänleutnant Kühne gehalten hat. Es waren 60 Mann („Kaiserin Auguste") mit Capitänleutnant Kopp und Leutnant zur See Franzius, 30 Mann („Irene") unter Leutnant z. S. Mönch und 25 (3. Seebataillon) unter Leutnant Wenzel. Leut nant z. S- von Gilgenheimb unternimmt mit einer Dampfpinasse eine Recognoscirung; die Dampfpinaffe wird durch einen Schuß zerstört. Ein Theil der Besatzung geht unter dem dichtesten Kugelregen an den Strand, Leutnant von Gilgenheimb bleibt mit 2 Mann über eine Stunde bis zum Dunkelwerden auf der Steuerbordseite im Wasser, und dann entfernen sie sich erst. Niemand wurde verletzt; das kleine Boot ist wieder ge brauchsfähig gemacht worden. Die O f f i c i c r e n n d M a n n- schaften in Tientsin waren während der ganzen Zeit der Belagerung nicht aus ihren Vertheidigungsstellcn wegge kommen, sie verließen sie nur, um an andere' Stellen zur Unter stützung zu eilen. Auf den Wällen nahmen sie ihre Mahl zeiten ein, und in ruhigen Stunden schliefen sie hälftcnweise. Da wegen der dicht vorgcbauten Dörfer u. s. w. der Feind un bemerkt an die Stellungen gelangen konnte, so war eine stete äußerste Wachsamkeit geboten. Eine große Hilfe leistete den Truppen das aus etwa 30 Mann bestehende deutsche Frei willige ncorps unter Leitung des Postassistcnten Küche n- b e ißer, die jungen Leute waren vorzüglich eincxercirt und unter zogen sich mit Lust dem anstrengenden Dienste als Meldereiter und Radfahrer. Der Freiwillige Bock, der als Radfahrer an einem der Tage zu den Russen gesandt wurde, nm Erkundigungen über den Gefechtsstand einzuziehen, fuhr im heftigsten Kugelregen bis an die vorderste Linie am Bahnhofe vor, sein Rad wurde ihm dabei durch eine Granate unter den Beinen weggeschoffcn. Werth volle Aufschlüffe über die Lage und Verhältnisse der chinesischen Arsenale und Militärschule erth-ilten dem Capitänleutnant Kühne die beiden deutschen Jnstructeure, die früheren Leutnants Lenner und Kuhn. * London, 4. December. (Telegramm.) „Standard" berichtet aus Tientsin unter dem 2. December: Neuerdings wird hier durch öffentliche Anschläge auf einen drohenden neuen Ausbruch des Fremden hass es aufmerksam ge macht. Es heißt, inganz China sei die Bildung von Frei willigencorps im Gange, die die chinesische Regierung mit Waffen und Munition versehe, die sich aber im Ucbrigen selbst unterhalten. Der Krieg in Südafrika. Krüger s Abweisung. Wie die „Frkf. Zrg." von bolländischer Seite zuver lässig erfährt, hat der Kaiser dein Präsidenten Krüger durch den Gesandten von Tschirschlh nickt nur mit theilen lassen, daß er zu seinem Bedauern nicht in der Lage sei, ihn jetzt zu empfangen, sondern er hat auch ausdrück lich sagen lassen, er wünsche, daßKrüger jetztvon seiner Reise nach Berlin Abstand nebme. Das wäre wenigstens offener und männlicher als die ossiciösen, sich noch dazu widersprechenden, Aufklärungs- und BegrüntungSversuche, ganz abgesehen davon, daß die Ant wort des Kaisers die Möglichkeit eines späteren Empfanges nicht ausschließt. Darüber, daß der Besuch „jetzt" nicht stattfindeu könne, macht der „Verl. Local-Anz." folgende, ebenfalls als zuverlässig bezeicknete Mittkeilungen: „Als der greise Präsident, der sich sowobl beim Kaiser wie beim Reichskanzler nach wie vor der größten persönlichen Sympathieen erfreut, vor einigen Wecken nach Europa einschiffte, galt cö als fest stehend, daß er in Frankreich landen und sich zunächst »ach den: Haag begeben werde, um der Königin Wilhelmina seine» Dank dafür anszusprecken, Laß ihm das holländische Kriegsschiff „Gelterland" zur Verfügung gestellt worden war. Vom Haag ans wollte dann der Präsident je nach Lage der Dinge andere Hauptstädte, darunter auch Berlin, besuchen. Der Präsident Krüger kam in Frank reich an, war dort Gegenstand großer Demonstrationen, und plötzlich wurde die ganze politische Welt mit der An kündigung überrascht, daß der Präsident beschlossen babe, statt nach dem Haag sofort nach Berlin zu reisen. Auch den für diesen Besuch in allererster Linie maßgebenden Berliner Kreisen kam Lieser SinrnS- wechsel Les Präsidenten vollständig unerwartet, und es lag daber die Vermutbung nur zu nabe, Laß der Präsident zu diesem seinen Entschluß durch gewisse Vorgänge in Paris veranlaßt worden sei. Daß Lurch riesen Umstand der Besuch in Berlin einen ganz anderen Eharakler annedmen mußte, liegt auf der Hand. Was m einigen Wochen ein politisch e i nwa n d s f r e ie r Höflichkeitsact gewesen wäre, tonnte jetzt nur allzu leicht als beabsichtigte politische Demonstration gedeutet werden und dadurch die Kreise der deutschen aus wärtigen Politik empfindlich stören. Außerdm konnte der Umstand, Laß Präsident Krüger gerade in Paris um gestimmt worden ist, dock gewiß nickt dazu beitragen, der deutschen Reicksregicrnng die Sacke sympathischer zu machen. Der in Paris gegebene Rath erinnert ein wenig an jene edlen Menschenfreunde, die in Fällen, wo sie selbst nickt belfen können oder wollen, nur allzu bereit sind, Empfehlung n an andere zu geben. Dazu kam die völlige Aussichtslosigkeit, daß der Bestick Krüger's in Berlin irgendwelche politische Resultate bätte zeitigen können. Was hätte es also sür einen Zweck gehabt, auf die unerwarteten Intentionen des Präsidenten Krüger einzugehen und dadurch in ihm vielleicht Hoffnungen zu er wecken, die doch nie erfüllt werden können?" Man spricht vergebens viel, um zu versagen, der Andere hört aus Allem nur taS Nein. Was soll der Aufschub um einige Wochen? Auch dann werden die Wogen der Be geisterung für Krüger und seine Sache nichl minder hock geben wie jetzt, und auch dann kann England sie als Demon stration auffassen, wenn cs will. Es kommt also ganz aus taS Gleiche hinaus. Viel rationeller aber wäre eS gewesen, Krüger schon jetzt in Berlin mit Bedauern, aber mit aller Bestimmtheit zu sagen: wir können dir nicht helfen, denn in diesem Falle wüßte er genau, woran er wäre, während man durch die Andeutung der Möglichkeit eines späteren Besucks, ihn im Ungewissen läßt und vergebliche Hoff nungen nährt, die ihn vielleicht zu weiteren, ebenso vergeblichen Schritten veranlassen. Diese strikte Ab sage würde ohnehin die Kuukgebungen der Volksmassen, ihres politischen Charakters entkleidet haben, der „deutsckc Mob" bätte sich „auSgetobt", wie englische Blätter geschmackvoll sagen, und beute leuchtet die Sonne der deutsch englischen Freundschaft so hell wie je. Nur Eins könnte einigermaßen stichhaltig erscheinen, wenn nämlich die Ablehnung desbalb erfolgte, weil Krüger „gerade in Paris" umgestimmt worden ist. Tbatsächlich soll Krüger von maßgebender französischer Seile zu verstehen gegeben worden sein — wir meldeten dies schon —, daß Frankreich die Initiative nicht ergreifen könne, daß es aber sofort mil- thun werde, wenn Deutschland voranginge. Man erinnert sich, daß Frankreich schon einmal Vie Äoerensache zu dem Versuche benutzt hat, es zwischen Deutschland und England zum Conflict zu treiben. Anläßlich der be kannten Kaiserdepesche an Krüger (unmittelbar nach dem ver unglückten Iamesonritt) ließ man von Paris aus in London vertraulich wissen, daß Frankreich mit England Hand in Hand geben werde, wenn dieses aus der Depesche einen 0LSU5 belli ableite. Es liegt nun nickt außer dem Bereich der Möglichkeit, daß Herr Delcasse Krüger deshalb den Rath gab, nach Berlin zu geben, um den deutschen Kaiser sür die Initiative zu gewinnen, um eS doch noch zu einem Bruch zwischen Deutschland und Eng land zu bringen, was tbatsächlich gekommen wäre, wenn wir uns dazu entschlossen hätten, England in den Arm zu fallen. Alles das ist richtig, doch die Argumentation wird absurd, wenn !man, wie man gar nickt anders kann, die Möglichkeit, daß Krügers Bitten in Berlin Gehör gefunden hätten, vollstäntig eummirt. Im Gezentbeil, sein Besuch beim Kaiser würde England den vollgiltigen Beweis dafür erbracht haben, daß Deutschland nichts ferner liegt, als dem — befreundeten England ein Bein zu stellen. Allerdings die HinauScomplimenlirung an der HauStbür des Reiches wirkt noch drastischer — und das war Wohl auch ihr Zweck. Man wollte sich England besonders gefällig erweisen, man wollte der Welt zeigen, daß man offen für Engjand Partei nebme, eine Politik, von der wir schon sagten, daß sic im deutschen Volke keinen Widerhall sinket. Präsident Krüger in Köln. kllnbcrechtiqter Nachdruck verboten.) 8. u. u. Köln, 3. December. Die Kundgebungen des gestrigen Abends erreichten etwa gegen 10 llhr ihren Höhepunct und die Ausbrüche der Begeisterung waren die gleichen wie am Sonnabend Abend. Daß Krüger schon von 5 Uhr ab sich nicht mebr sehen ließ, verschlug deu Tausenden nicht Las Geringste. Die Schutzmann« fchast hatte von dieser Zeit ab den ungleichen Kampf mit den Massen, die durch einen colossalen Frcmdenzufluß aus dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet, vom Niederrhein und den 'Städten rheinaufwärls bis Mainz her verstärkt worden waren, ausgegeben und beschränkte sich daraus, den Wagen verkehr vom Domplatz abzulenken und ab und zu einen in die Menge geratbenen Radaubruder abzuführen Aber nicht nur vor dem Dombotcl, sondern auch überall in der Stadt, hauptsächlich in Ler .Hochstraße und der Schildergasje wogten riesige Menichen- massen hin und her. Man sang patriotische und Boerenlieder und brachte jedesmal mit stürmischem Beifall aufgenommene Hochs ans Krüger aus. Die Locale waren natürlich ebenfalls überfüllt und in Len Restaurants um dem Tomplatz berum waren die Speise- vorrätbc schon Iheilweise um 8 Uhr ansverkauft. Gegen 2 Uhr Nachts erst verlief sich das Volk. .Heute Morgen waren zahlreiche städtische Gartenarbeitcr damit beschäftigt, die Spuren der Verwüstung auf dem Domplatze und dessen schönen Anlagen zu beseitigen. Auch das Gitlerwerk wurde wieder ausgestellt und der aufgerisseue Mosaikfußboden er neuert. Von 6 Uhr Morgens ab begannen dann schon wieder die Kundgebungen. Als die Morgenblätter die Nachricht brachten, daß dec Kaiser eS abgelehnt habe, Krüger zn empfangen, erschienen wie auf Commando Fahnen in den deutschen und den Boerenfarben an den Häusern. Namentlich die Marzellenstrabe und Komödienstraße prangten im reichsten Flaggenschmuck Desgleichen hatten die Häuser am Domhof mit Ausnahme des Eiienbahndirections- gcbäudes geflaggt. Ja aller Ecke bildeten sich Comuss, um Krüger den durch die Verhältnisse verlängerten Ausenthalt in Köln so angenehm als möglich zu machen. Schon um 12 Uhr Mittags erschienen überall an den Straßenecken gedruckte Mittbeckungen, daß für morgen, Dienstag Abend, eine Serenade mit einer daran anschließender Huldigung sür Krüger vor dem Domhotel geplant sei. Da gerade die Mittagspause in den Bureaus und Fabriken ein getreten war, so benutzte Jedermann die freie Zeit, um vor daS Domhotcl zu ziehen, in der Hoffnung, Krüger zu iehen. Und diese Hoffnung wurde nicht getäuscht. Etwa um '/,1 Uhr zeigte sich der greise Präsident, der bereits um 10 Uhr einmal sich den Massen gezeigt hatte, gelegentlich einer photographischen Aufnahme, die von dem Platze am Domdos aus von ihm und dem Hotel gemacht wurde und erregte damit unbeschreiblichen Jubel. Die Schutzleute zu Fuß und zu Pferde, ca. 40 an der Zahl, welche den schmalen Weg un mittelbar vor dem Hotel absperrlen und die Bürgersteige um die Anlagen berum freizuhalten hatten, wurden einfach bei Seite gedrängt i iid Hüte und Tücher schwenkend eilte Alles unter da» Balconsenster Krüger's, der, sichtlich erfreut, hinunter grüßte. Daan zerstreuten sich die Massen etwas, um gegen Abend wieder zuiammrn- zuströmen. Inzwischen glich das Dom-Hotel in seinem Innern einem Taubenschlage. Depeschenboten. Deputationen, Boten mit Blumen, Kränzen und kostbaren Geschenken gingen ein und aus. Krüger erklärte, daß er vor 10 Uhr für Niemanden zu spreche« sei. Er war bereits um 6 Uhr früh aufgestanden, las dann in der Bibel eiwa eine Stunde und conferirte darauf lange mit deu Herren seines Gefolges und Vr. Leyds. Das Ergebnis dieser Besprechung war, daß beschlossen wurde, erst am Donnerstag nach dem Haag abzureisen, da am Mittwoch in Holland der Sanct Nikolaustag gefeiert wird und man, wir mir vr. Leyd» jagte, das Fest nicht „derangiren" wolle. Nach der Con- fcrenz blieb Krüger wieder eine Zeit lang allein und rauchte, in emem Lehnstuhl sitzend, seine kurze Tabakspfeife. Hier- rauf wurde er sür ein illustrirtes Blatt photographirt und empfing dann die in langer Reihe antretenden Deputationen, darunter Frau Nr. Lehr-Aachen von der „Interoutionnl 1'cckc-ratiou pour I» läbortö cko-i Boers" und eine Anzahl Baronessen, die unter Führung der Barvnin v on Wa ngenheim erschienen. Auch eine Deputation, welcher ein Hauptmann in Galauniform angel örte, erichien vor Krüger. Ferner empfing Lcr Präsident eine Abordnung des Solinger Krieger vereins, die ihm einen künstlerisch ausgesührten Ehrenjäbel über reichte durch den in Deutschland studirenven Sohn eines Friedens richters in Pretoria. Um 3 Uhr erschien dann der Gesandte Frei herr von Tschirschky undBögendorff-Luxcmburg.um im Auf trag des Kaisers sür das Begrüßungstelcgrai-m, welches Krüger bei seiner Ankunft in Herbcsthal abgesandt hatte, zu danken. Tie weiteren Empfänge wurden, da Krüger sich sehr ermüdet fühlte, aus morgen verschoben. Auch heute »st demnach der Prändent nicht aus dem Hotel hinausgekommen. Er sah bei den verschiedenen Gelegenheiten sehr gut aus und hat gestern und heute tüchtig gegessen. Die Speiien nimmt er in seinem Salon ein, während Or. Leyds und daS Gefolge im gemeinsamen Hoielspeise- saal essen. Eie mischen sich dabei zwanglos unter das anwesende Publicum, vermeiden es jedoch streng, sich mit ihnen unbekannten Personen in irgend welche Gespräche einzulassen. Den Bei kehr mit den Vertretern der Presse aller Länder, die Las ganze Hotel be völkern, holten Br. Leyvs und Professor Dubois aufrecht. Beide sind jedoch, was Jntcrviwec und politische Unterredungen anlangt, bis an die Ohren zugeknöpft. Ein klaisiiches Beispiel hatte ich dafür bereits aus der Fahrt von Paris nach Köln. Als in ErquelinneS die belgischen Journalisten mit ihrem Exlrawagen ang- hängl wurden und schaarenweise in Len Krüger'schen Waggon eindrangen, ließ Br. Leyds sie wissen, daß er im Speisewagen Les Zuges zu Inter views bereit stehe Als dann Alles dorthin drängte, drückte er sich in Krüger's Waggon zurück und ließ die Thüren schließen, 3j Lucie. Original-Roman von Ferd. Gruner. Nachdruck verbot««. Wie mannhaft er doch geworden war? Ein schwarzer, üppiger Dollbart umrahmte sein leicht gebräuntes Gesicht, dem die goldene Brille eher das Aussehen eines Gelehrten, al» da» eines Künstlers gab. Eine schmale Furche durchzog die hohe Stirn und um die Lippen lag ein ernster, von mancher Sorg« zeugender Zug. Run, da sie ihm so forschend in die großen, freundlichen Augen sah, ging ein leises, freudiges Lächeln über sein Gesicht. „Daß Du doch endlich kommst!" sagte Lucie und in den wenigen Worten barg sich ihr ganzes Fühlen für ihn. Er drückte ihr fest die Hand. „Daß ich kommen wollte, Lucie, weißt Du aus meinen Briefen. Leider war es mir nicht früher vergönnt und nun komme ich zu spät. Ich habe Papa immer geliebt und hochgeachtet, denn er war ein« ritterliche Natur durch und durch. Viel gäbe ich darum, wenn es mir noch vergönnt gewesen wäre, ihm die Hand zu drücken und für daS, was ich an ihm verschuldet, Vergebung zu erlangen." Seine sonore Stimme bebte merklich. „Ja, eS kam Alles so jäh und fürchterlich, daß ich es eigent lich noch immer nicht begreifen und glauben kann", sagte Lucie vnd ihre Augen füllten sich von Neuem mit Thronen. Kosend legte Max den Arm um ihren Hals. „Gewiß, Schwesterchen, ich kann Dir'S nachfllhlen, auch mich traf's wie ein Blitzstrahj au- wolkenlosem Himmel. Aber nun komm und erzähle mir daS Ganze, wie Du es weißt." Hand in Hand nebeneinandersitzend, entsprach Lucie seiner Bitte. Stockend und leise nur kam e» über ihre Lippen und mehr all einmal strich er begütigend über ihre weichen, blonden Haare. Alle» erzählte sie ihm, nur jenes letzte Wort deS Sterbenden sagte sie nicht. Sie wußte selbst nicht recht, warum sie »S ihm verschwieg; d«S Arztes seltsame Andeutung schloß ihr wohl den Mund. Es war ihr, als würde sie damit Mar selbst deS furchtbaren Verbrechens anklagen. Der junge Bildhauer hörte tief erschüttert zu. „Du hast recht!" sagte er, als Lucie geendet; „diese Thal ist entsetzlich, ja himmelschreiend. — Ich wüßte nicht, wem Papa einmal etwas zu Leide gethan, daß er eine solche unmenschliche Rache damit herausgefordert hätte. Nach der Lage der Dinge scheint es aber nur ein Racheact gewesen zu sein, denn eine andere Motivirung ist noch unfaßlicher. Dem Untersuchungsrichter wird es hoffent lich gelingen, Licht in diese finstere That zu bringen und uns zu zeigen, wo wir den feigen Meuchelmörder zu suchen haben. Wehe, wenn er mir in die Hände fiele!" Ueber das ernste Gesicht breitete sich ein harter, erbarmungs loser Zug und die freundlichen Augen schauten finster und unheildrohend drein. Unwillkürlich sprang er auf. Wie ein Schauer lief cs durch Lucie's Körper, als sie den hoch gewachsenen, kräftigen Mann so dastehen sah, starr auf gerichtet, mit zornbebenden Lippen und geballten Fäusten. Das war der Mann, fest entschlossen, den Mord an ihrem Vater zu rächen und den Mörder überall zu verfolgen, wohin seine Spur auch führte, bis die grausige That gesühnt. Es war ein fast stolzes Gefühl, das sie bei seinem Anblicke empfand. Langsam erlosch das Feuer in seinen Augen und fast leise fragte er sie: „Eines sagtest Du mir nicht, Lucie. Als Papa die Augen wieder öffnete, erkannte er Euch denn, sagte er nicht ein Wort, bevor er verschied?" Mit gesenkten Äugen schwieg Lucie. „Also keines! Wenn er doch wenigstens die Kraft gehabt hätte, Eines auszusprechen, den Namen Dessen zu nennen, dem er erlag." Lucie's Gesicht wurde bleich, und stumm wandte sie sich zur Seite. Wie furchtbar sie diese Worte trafen! Lag doch in ihnen beinahe dieseibe Gedankenfolge, welcher der Arzt Ausdruck ge geben, daß das letzte Wort des Sterbenden nur dem Mörder gegolten haben könne. Es war ein gräßlicher Gedanke, der sie eine Secunde lang durchzuckte, aber sie konnte sich nicht anders helfen, sie mußte fragen: „Seit wann hast Du Papa eigentlich nicht gesehen, Max?" So schwer und unbeholfen sprach sie, daß ihr der Halb bruder besorgt in das Gesicht sah. „Du siehst ja todlenbleich auS! Bist Du unwohl, Lucie?" Er wollte ihr von dem nebeaanstehenden Tische ein Glas Wasser hinllberreichen, aber fast heftig wehrte sic ihm ab: „Nein, nein, mir fehlt gar nichts. Aber antworte mir doch, seit wann sahst Du Papa nicht?" „Gesehen habe ich Papa seit jenem Tage nicht, als ich damals das letzte Mal im Schlosse weilte. Als Du mir vor acht Tagen schriebst, daß die Melioration am Brettgrunde durch geführt werden sollte, da freute ich mich, denn nun war mir ja endlich wieder Gelegenheit geboten, sein liebes Gesicht zu sehen. Gestern wollte ich zum ersten Male zum Brettgrunde hinaus wandern. Ich fuhr von Dresden mit der Bahn bis Bären stein und von dort schlenderte ich auf Feldwegen langsam dem Brettgrunde zu, durch den ja, wie Du weißt, der Kirchweg von Bärenstein herüberführt. Ich hatte aber kaum die ersten Bäume erreicht, als cs zu tropfen begann. Der Himmel sah drohend genug aus, und so machte ich mich denn, als die Tropfen dünner fielen, unverzüglich auf den Rückmarsch. Leider war ich kaum einige Hundert Schritte gekommen, als das zu erwartende Unwetter mit aller Mackt hereinbrach und ich froh war, als ich das Waaghäuschen vor Bärenstein erreichte. Zwar war ich schon vollkommen durchnäßt, aber cs gewährte mir doch einigen Schuh gegen den Hagel, der ziemlich heftig zu werden drohte, glücklicherweise aber nur strichweise ging. Nach einer halben Stunde setzte ich dann im nur leise tröpfelnden Regen den Weg nach dem Bahnhofe in Bärenstein fort. Ich vermied dabei, wie bei dem Herwege, die Hauptgaffen und machte durch die Vorstadt einen ziemlichen Umweg. Denn der Eine oder Andere hätte mich doch erkennen können und das wollte ich nicht. Es fiel mir auf oder es schien mir wenigstens, daß ich die Worte „Schloß Rawen" von den Leuten, die nach dem Gewitterregen vor der Thür standen, mehrmals nennen hörte. Ich fragte in der Folge eines des Weges kommenden, was es denn eigentlich auf schloß Rawen gäbe. Er sah mich aber nur erstaunt an und sagte dann, ihm sei nicht bekannt, daß etwas Außergewöhnliches dort vorgefallen sei. Äm Bahnhofe wandte ich mich mit der selben Frage nochmals an einen Bediensteten, aber auch dieser wußte keinerlei Auskunft. Trotzdem konnte ich mich eines eigen- thümlichen Gefühles der Beklemmung nicht erwehren. Ganz zerstreut vergaß ich in Dresden sogar das Bisset abzugeben und kam mit dem Bahnhofsporticr beinahe in Streit, weil ich das selbe nirgends finden konnte und daher behauptete, ich hätte es ihm schon übergeben. Ich konnte auch die Nacht über kaum schlafen und ich muß gestehen, daß ich am Morgen, als der Telegraphenbote mir Deine Depesche übergab, nur mit zitternden Händen dieselbe öffnen konnte. Die unerklärliche Angst, die mich die ganze Nacht hindurch gequält, hak leider ihre Be stätigung gefunden." Wie in der Erinnerung dessen erzählte Max dies, den Kopf auf die Hand gestützt. Lucie antwortete nichts, aber als er sic ansah, da ging ein jäher Schreck durch seinen Körper. In dem farblosen Gesichte glühten die Augen unheimlich und starr sich in die seinen bohrend. Ihre Finger drückten ihn tief ins Fleisch, als sie ihn mit einem rauhen Rucke am Arme erfaßte. „Max, sag' mir nur Eines. Kehrtest Du wirklich bei den ersten Bäumen des Brettgrundes um, als der Regen begann? Ist das, was Du sagst, wahr?" fragte sie athemloS und ihre Stimme klang unnatürlich tief. Zärtliche Sorge malte sich in den Zügen des jungen Künstlers. Er glaubte nicht anders, als daß Lucie's Verstand unter den furchtbaren Aufregungen der letzten zwei Tage gelitten habe. Sanft befreite er sich von ihrem harten Griffe und wollte ihre Hand erfassen. Aber sie wehrte ihn ab. „Sprich, Max!" gebot sie nochmals, fast herrisch. Er lächelte trübe. „Ich weiß nicht, Lucie, was Du hast. Du weißt, daß ich nie eine Unwahrheit sprach und gar Lügen. Was könnte mich auch dazu bewegen? Oder sollte ..." — der starke Mann begann zu zittern und alle Farbe wich aus seinem Gesichte — „solltest Du gemeint haben, daß . . . daß . . ." Er keuchte und kalte Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. Unter dem unsäglich bitteren fragenden Blicke mußte Lucie die Augen senlen. Er sprang auf. „Du, Lucie, mir das . . . mir?" Ein gurgelnder Ton rang sich aus seiner Kehle und ein paar Tropfen näßten seine Wangen. Ueber sein männlich ernstes Gesicht stürmte und zuckte es dabei. Eine tiefe Furcht grub sich in seine Stirn, in deren Schläfen der Puls wild hämmerte. Es war eine Physische Schmerzempfindung, die sich in seinem Gesichte ausprägte. Man sah, wie schwer er litt. Ein paar Minuten verharrte Lucie in athemloser Spannung, während über ihr Gesicht Röthe und Blässe jähwechselnd jagten, dann schlang sie stürmisch die Arme um seinen Hals und in brünstig, mit stürmischer Gluth, küßte sie ihm Mund und Wange. „Max, verzeihe, wenn ich nur eine Secunde zu zweifeln schien. Ich that es nicht, aber, ich weiß selbst nicht, der Doctor hat mir eine so tolle Angst eingejagt. Brüderchen, sei mir nicht böse. Ich habe nie gezweifelt, denn ich Weitz, datz Du treu und gut bist. — Aber sprich doch!" Und kosend, in unendlicher Zärtlichkeit glättete sie sein auf gewühltes Haar und streichelte sein bleiche» Gesicht. „Ich kann Dich nicht leiden sehen. Verzeih' mir —!" Eindringlich, von der bebenden Angst der Liebe durchztttert, die, ohne zu wollen, schwer beleidigt hat, sprach da» junge hübsche Mädchen dem schweigenden Manne zu, der sich langsam in ein Fauteuil nicdergleiten ließ und finster vor sich hinsah. Es währte lange, ehe er seine Augen ihrem Gesichte zuwandte. „Daß Du auch nur eine Secunde solche» von mir denken
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