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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 31.12.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-12-31
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19001231029
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900123102
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900123102
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Bemerkung
- Fehlbindung: Seiten in falscher Reihenfolge
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-12
- Tag 1900-12-31
-
Monat
1900-12
-
Jahr
1900
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Bezuff-.P^I« M d« Ha-ptexpeviti,» «dc, dn, k» Et-»». tMtrl «d den Vororten errichtete» Nu», gabestellen abgeholt: vierteljährlich 4.50, bei zweimaliger täglicher Zustellung ins Ha« 5.50. Durch die Post bezogen für Deutschland u. Oesterreich: vierteljährl. ^s ». Ma« adeunirt ferner mit entsprechendem Mostausschlag bei den Postanstalten in der Tchweiz, Italien, Belgien, Holland, Luxem burg, Dänemark, Schweden und Norwegen, Rußland, den Donanstaatea, der Europäischen Türkei, Egrpten. Für alle übrigen Staaten ist der Bezug nur unter Kreuzband durch die Expedition diese« Blatte« müglich. Dia Morgru-Autaabe erscheint um >/,7 Uhe^ di« Abeud-Au«gabe Wochentag« um S Uhr, NeLartiov und Lrveditioir: Zohannisgaffe S. Filialen: Tlfrab Lahn vorm. O. Klemm'- Tortim. Unwersität-straße 8 (Paulinum), Louis Lösche, Katharinenstr. Ich pari, und Sünig«platz 7. Abend-Ausgabe. Mlp)Mr TllgMM Anzeiger- Ämtsökall des Lz'önigkichen Land- und Ämtsgenchles Leipzig, des Nathes und Notizei-Ämles der Ltadt Leipzig. Montag den 31. December 1900. Anzeige«-Preis dlk Kqesptlltene Petitzkile 25 H. Rrclaiiien unter dem Redactio»«strich («gespalten) 75 H, vor den Familienanct»» richten ^gespalten) 50 L, Tabellarischer und Ziffernsatz entsprechend höher. — Gebühren Nir Nachweisungen und Offrrtrnannahme 25 H (excl. Porto). Ertra Beilagen lqesalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbesörderung .st SO.--, mit Postbesörderung 70 -. Annahmeschlnß für Anzeigen: Abend-Ausgabe: BormittagS 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittag« 4 Ühr. Bei den Filialen und Annahmestellen je rin« halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Die Expedition ist Wochentag« ununterbrochen geöffnet oon früh 8 bi- Abends 7 Uhr. Druck und Verlag von E. Polz in Leivzig. 84. Jahrgang. ME—-—-— Vie Wirren in China. AriedenSgelänte klingt in den letzten Tagen Ve« scheitenden JabreS über die blutgetränkten Gefilde Chinas dahin und ausathmend hört es auch Vie übrige, mehr, oder minder an den Wirren im fernen Osten brtheiligte Weit. E» ist zwar noch keine direct amtliche Millheilung, nach welcher der Kaiser von China die Note der Machte an genommen und Tscbing und Li ermächtigt haben soll, in die Einzelheiten der KriedenSverhandlunzen einzutreten, aber die französtsch-officiöse „Agence HavaS", die gut unterrichtet . und auch ni erfreulicher Weise offenherzig zu sein pflegt, wenn andere Oificwse noch bis oben hinauf zugeknöpft sind, brachte die Melkung und läßt ihr auf dem Kuße folgende« weitere Telegramm folgen: * Peking, SV. December. (Agence HavaS.) Prinz rsching «ns Lt-Hnng-rjcha», erklären, der Kaiser von Ehtna habe den Wunsch geändert, die Unter handlungen und die Unterzeich nnng des KriedensvertrageS zu beschleunigen und wünsche, vnde Februar nach Peking zurück, zukehren. Die Bedenken gegen die Schleifung der FortS von Taku und der Befestigungkn von da di« Peking, sowie gegen die Belassung sehr verstärkter Gesandtschaftswacken in Peking müssen hiernach fallen gelassen sein oder man hofft im Laufe der Verhandlungen diese Bedingungen noch zu etiiuiniren oder doch zu ermäßigen. Tie Hauptsache ist, daß aulbenlische Verlautbarungen bcS Kaisers vorlicgen, die den Mächten wenigstens einen festen Anhaltspunkt bieten, und daß die Kaiserin-Witlwe damit einverstanden ist. Wäre Letztere- nicht der Fall, so hätte das kaiserliche Edict sicherlich das Licht der Welt nicht erblickt. Daß eS ausgegangcu ist, scheint auch das letzte Gerücht zu drmenliren, nach dein Kwangsü von der Regentin abgesetzt und ein neuer Kaiser ernannt sei. Tie Mächte haben dem kaiserlichen Hofe durch Fallen lassen des Verlangens nach Vollzug der Todesstrafe an den Rädelsführern goldene Brücken gebaut, und es wäre im Hin blick auf ne trübselige Lage, in wtlchet er sich in vec Provinz Schensi befindet. Wahnsinn gewesen, wenn er sie nicht beschritten hätte. Natürlich Hal er es gethau in der für einen Chinesen selbstverständlichen Vorauosickt, die Contrabenten bei den kommenden FrierenSverhanvlnngen doch noch über« Odr zu hauen. Wir können uns das Lächeln denken, daS beim Lesen de« Wortes „irrSvooable" über das Antlitz der chinesischen Diplomaten geglitten ist. Können sie doch manche« schöne Lievlein von der „Einigkeit" der Mächte singen. Wir treten also nunmehr mit dem neuen Jahre in die Aera de« Handeln- und de« Feilschen- ein. Glück aus! Der Krieg in Südafrika. Präsibent Stcijn und seine Vurgher«. Die „Dtsche. Wochrnztg. i. d. Ndrlanden." (in Amsterdam erscheinend) schreibt: Bekanntlich find die Herren W. Meyrrbach - Caserta und Baron von Khaynach mit einer besonderen Sendung von dem Präsidenten de« Oranjr-Drijstaat-, Herrn Steijn, in 's Graven- hage angekommen und im Hotel des Indes abgestirgen. Herr W. Meyerbach-Caserta und Baron von Khaynach ver ließen den Präsidenten Steijn am 14. October in PietersburA Der Präsident war wohl und gesund. Trotz der schweren Zeiten besaß er noch immer die alte Frische und Energie, dasselbe Gott vertrauen und dieselbe persönliche Liebenswürdigkeit, die ihm Aller Herzen sofort gewinnen läßt. Am 5. October, seinem Geburtstag, hielt der Präsident in Rosenegal, westlich von Leijdenbucg, eine kurze Rede. Unter anderem bemerkte er, es sei noch kein Grund vorhanden, die Hoffnung auf bessere Zeiten aufzugeben. Man hätte nichts mehr zu verlieren, aber Alles zu gewinnen. Er, der Präsident, würde so lange kämpfen, als noch fünf Bürger beisammen sind und so lange noch eine Patrone im Laufe steckte. Bei den Boeren hat sich die Lage seit der Einnahme von Komatipoort erheblich gebessert. Der Brijstaat scheint jetzt drüben wohl der tonangebende Theil zu sein. Wenigstens zwölf- t a u s e n d B ü r g e r des O. B. sind unter den Waffen, Bürger, die wirklich kämpfen. Wirklich, dieses Land hält sein ge gebenes Wort, der südafrikanischen Republik zu helfen, treu und fest. Es scheint, daß die tapfrrn Freistaatler der Welt den Beweis liefern wollen, daß eigene Kraft zum Frieden führt. Eine gewiße Disciplin ist jetzt im Heere eingefllhrt, natürlich nicht im Sinne der in europäischen Heeren gebräuchlichen. Die Bürger sind in Commandant-, Feldcornett- und Eorporalschaften eingetheilt. Jeden Morgen muß der Corpora! seine Leute revi- diren. Keiner darf sich ohne einen, von einem General unter zeichneten Pah vom Kommando entfernen. Wird Jemand außer- halb des Kommandos ohne einen solchen Paß angetroffen, so darf man ihm sein Pferd, seine Waffen und seine sonstige Habe abnehmen. Ein wivcrspcustigcr General. Zur Affäre Colvile wird oer „Frkf. Ztg." aus Lon don, 28. December, noch geschrieben: Die heute vom „Reuter- schen Bureau" veröffentlichte Millheilung, daß der Die Infan terie-Brigade in Gibraltar commandirende General Sir Henry Colvile vom gegenwärtigen stellvertretenden Oberst- commanvirenden der Armee, Sir Evelyn Wood, aufgefordert worden sei, sein Kommando niederzulegen, hat hier allgemein überrascht. Man wußte wohl, daß, als Ende Mai die Neomanry des Herzogs oon Kambrioge von den Boeren um zingelt und dann gefangen genommen wurde, General Colvile in der Nähe war ^ind sein Verhalten den Verdacht erweckt hatte, als ob er es ve-säumt habe, der Peomanry zu Hilfe zu kommen. Bald nach vies.m Vorfälle wurde Colvile nach England berufen, und es wurde als Grund angegeben, daß seine Division aufgelöst wcivcn sei. Sev'ewber erhielt General Colvile dann das sehr wichtige Kommando'in Gibraltar, und daraus mußt< man schließen, daß der Kriegsminister Lord Lansoowne an dem Verhalten des Generals Colvile in Südafrika nichts Tadelns- werthes gefunden hatte. Der gegenwärtige Kricgsminister Brod kick scheint sich aber der Untersuchung der Lindley- Affäre von Neuem angenommen zu haben, und er theilte am 13. December im Unterhaus! mit, er habe wegen der Angelegen heit an Lord Roberts telegraphirt und angeordnet, daß zwei Personen aus der Armee entlassen würden, während in Bezug auf eine dritte Person noch weitere Schritte gethan werden sollten. Wie man weiß, ist die Lindley-Angelegenheit nicht der einzige Vorfall, bei dem man General Colvile tadelnswerthes Verhalten nachgesagt hat. Colvile hatte bei Belmont und bei Enslin unter Lord Methuen gekämpft. Als Lord Methuen am Modderflusse verwundet wurde, übernahm General Colvile an seiner Stelle das Kommando, und als dann General Pole-Carew und Oberst Barton mit einer Handvoll Leute den Modderfluß überschritten, soll General Colvile, wie man ihm nachsagt, «s ver säumt haben, dieselben gehörig zu unterstützen. Nachdem Lord Roberts angekommen war und die Armee reorganisirt hatte, er hielt General Colvile eine eigene Division, toelche bei Paarveberg stark ins Gefecht kam. Als Ende März sich Oberst Broadwooo von Thabanchu vor Dewet zurückzog, erhielt General Colvile Befehl, ihm zu Hilfe zu eilen. Er marschirt« am 31. März von Bloemfontein aus, kam aber erst am Koorn Spruit an, nach dem Oberst Broaüwood's Colonne dort das bekannte Unglück zugestoßen war. Es heißt, daß einige von Colvile's Officieren das Schießen von Broadwood's Kanonen hörten und daß sie sehr begierig waren, zum Schauplatze des Kampfes hinzueilen. General Colvile hatte es aber scheinbar weniger eilig, und man sagt, er hätte es versäumt, den Boeren ihre Beute an Kanonen und Mannschaften wieder zu entreißen. General Colvile's Ver halten in dem Vorfälle bei Lindley scheint noch weit weniger ent schuldbar, als sein Verhalten in den schon angeführten Fällen. Auf seinem Marsche nach Heilbronn zu erhielt er am 27. oder 28. Mai in der Nähe von Lindley die Nachricht, daß Oberst Spragge mit dem 13. Bataillon Ueomanry und einem großen Train von den Boeren umzingelt und hart bedrängt sei. Noch am 30. Mai erhielt er eine zweite Nachricht desselben Inhaltes, aber er leistete auch bann keine Hilfe. Sir Henry Colvile hat sich nun geweigert, sein Commanvo niederzulcgen und er wird sofort nach England kommen. Dieser Widerspruch gegen einen Befehl deL- obersten militärischen Vorgesetzten wird deutschen Lesern vollends unbegreiflich erscheinen. * Brüssel, 31. December. (Tel) In Erwiderung auf das Telegramm des „Petit Bleu" erklärt der Sekretär der Ge'anLt- schast von Transvaal, von Boeschoten, im Namen des Präsi denten Krüger die Meldung englischer Dlälter für falsch, nach welchen Louis Botha von Krüger Anweisungen erhalten habe, die Boeren sollten entweder die Waffen niederlegen oder den Kampf aus eigene Rechnung und Gefahr sortsetzen, La jede Hoff nung aus Hilfe ausgeschlossen sei. Politische Tagesschau. . * Leipzig, 3l. December. „An der Schwelle des zwanzigsten Jabrbunderts" siebt sich die .Köln. Volkszig." veranlaßt, offen die Grünte earznlegen, aus denen das bentrnm seine mit dem soge nannten Toleranzanirage begonnene und mik dem Vorschläge der Crböbung der Matricularbciträge fortgesetzte Abwendung von den früheren föderalistischen Grundsätzen voll zogen bat. Ten Einzelstaaien wird von dem ultramontanen Blatte rund heraus erklärt: Man sollte sich in diesem oder jenem Einzelstaate nicht einbilden, daß das Centrnm an aniivreußücher Politik ein principielles Inter- esse habe, denn thatiiichlich liegt die Sache geradezu umgekehrt. Ein Beispiel: Wenn verschiedene Bundesstaaten, die nicht genannt zu werden brauchen, van Preußen annectirt würden, so wäre das im Interesse der katholischen Sache ein großer Gewinn. In einem Grotzstaate kann die katholische Kirche weit mehr Kräfte entwickeln und viel eher ihren Anspruch auf Freiheit n»d Selbstständigkeit durchsetzen. Der preußische Cullurkanipf vollzog sich gewissermaßen aus dem Welttheaiec und konnte schon deshalb nicht mit dem Siege der die Gewissen bedrängenden Gewaltpolitik (?) enden; aber in Klein staaten kanntzsich kein Kampf im großen Stil entwickeln, und hier ist eS der Bweaukratie möglich, dir wenigen Katholiken dauernd als Parias zu behandeln. Um so sonderbarer ist die hier und dort hervonretende Auffassung, daß wir Centrumsleute gewissermaßen die geborenen Leibeigenen des Particularismus seien. Das ist ein Mißverstiindniß, welches beseitigt werden muß. WirsindGegner des Uuitarismus, weil wir an der Reichsverfassung feslhalten, aber unS darüber hinaus für die Heiligkeit uud Unverletzlichkeit alles duodezstaatlichen Wesens in die Schanzen zu schlagen, hat für uns gar keinen Sinn und liegt nicht in unserem Interesse. Daß die katholische Kirche mit Mecklenburg und Braunschweig steht und sollt, wird doch Niemand behaupten wollen. Darum möchten wir an dev Schwelle deS zwanzigsten Jahrhunderts den geistvollen Vertretern kle »staatlicher Bnreaukratie den guten Rath geben, auf die „katholische Gutmüthigkeit" fernerhin nicht mehr allzuviel zu sündigen. Ob riese Darlegung so klug ist, wie sie offenherzig ist, muß freilich dahingestellt bleiben. Jedenfalls wird-der Wirer stand, den die mittel- und kleinstaatlichen Mitglieder deS BundeSrat h« dem „Toleranzantrage" entgegensetzen, durch die Darlegung nicht vermindert werden. Und wahrscheinlich werden auch die rinzelstaatlichen Regierungen, die der Machtentwickelung der Centrumspariei im Reichstage bisher ohne Besorgniß zusahen, nunmehr inne werden, was es für sie zu bedeuten haben würde, wenn die Mannen, die Herr Vr. Lieber unter römischer Ober leitung besebligt, im Reiche zu der erstrebten Freiheit und Lelbstständigkeit gelangten. Freilich rechnet die „Köln. Volksztg." augenscheinlich mit dem Wohlgefallen, das in ge wissen Kreisen Preußens dieCiklärunz erregen dürfte, daS Cent»um würde in der Anneclirung verschiedener Bundes staaten durch Preußen im Interesse der katholischen Sacke einen großen Gewinn erblicken. Vollständig klerikales Regi ment in dem führenden deutschen Staate würde jedenfalls eine recht ernste Gefahr für manchen der anderen Staaten bedeuten. Aus einer kürzlich von unS mitgetbeilten Auslassung der „Norddeutschen Allgem. Ztg." ging bervor, daß die ver bündeten Regierungen noch nicht schlüssig darüber geworden sind, ob eS angczeigt sei, im Wege der Gesetzgebung gegen den sogenannten Gittschrinhanvel (Hydra- oder Sckneeballen- svstcm) vorzugeben. Dem gegenüber wird in der „Münchener Allgem. Zig." darauf hingcwiesen, daß in der Schweiz bereits in einer ganzen Anzahl von Cantonen Bestimmungen erlassen sind, welche sich gegen die genannte Art des Gesckäfls- belnebs wenden. Den Anfang bat man im Canton Luzern gemacht; Vie Behandlung ist znm größeren Theil auf dem Verordnungsweae erfolgt und nur vereinzelt bat mau den gesetzgebeiischen Weg eingeschlagen. Hur Zeit dürften demgemäß in fast allen Cantonen darauf bezügliche Vor schriften bestehen, die darin übereinstiminen, daß jenes Ber- kaufssystenl bei Strafe verboten wird. Die Strafe selbst ist verschieden bemessen; theilweise begnügte man sich mit Androhung einer Geldstrafe bis lOO Fr., in manchen Cantonen geht inan biS zu 500 Fr. und in einigen sogar bis lOOO Fr. Tie Erlasse erblickcn in dem System eine unlautere Nebervor- tbeilung des Publikums. Tbeilweise sieben sie auf dem Stand punkt, daß in dein Vertrieb der Coupon» ein Hauflrhantel zu erblicken sei, und theilweise ist der Gesi^lSpnnct der Schädigung der Conuimenten durch falsche Vorstellungen verwerlhet worden. Ueber die Ergebnisse dieses Vorgehces läßi sich ein abschließendes Uitbeil um deswillen noch nicht fällen, weil dasselbe erst der jüngsten Zeit angebört. Dem Anschein nach ist aber die Bevölkerung mit dem behördlichen Vorgehen reckt wobl zufrieden. Eine einfache Nachahmung der schweizerischen Vorschriften dürfte jedoch in Deutschland kaum zu ermöglichen sein, und zwar schon deshalb nicht, weil bei den deutschen Rechtsverhältnissen daS Verbot deS iucriminirlen Ve'kansösystemö nur im Wege der Gesetzgebung, und zwar der Reichsgesetzgebung ausgesprochen werden kann. Die Bestimmungen deS Gesetzes über den unlauteren Wett bewerb bieten den Behörden keine ausreichende Handhabe, um im Vcrordnungswege vorzugeben. Ter Erlaß eines ReickszesetzeS aber wird um so nolbwendiger sein, als eS sich bei dem Gutscheinwesen unzweifelhaft nicht um eine vorüber gehende Erscheinung deS WirtbsckaftslcbenS bandelt, sondern um eine solche, die an Stelle der durch daS WettbewerbSzesetz unmöglich gemachten Concurrenzversucke zu treten droht. In Vave» tritt der Gegensatz, in den Negierung und nationallibrrair Partei durch ihre verschiedene Stellung zur Wahlrechtsreform geratben sind, immer schärfer hervor und drobt zu einem vollliändigen Brücke zu führen. Der neue Minister deS Innern, Schenkel, der an Eisen- lobr's Stelle getreten zu sein scheint, nm diesen Bruch zu vollziehen, bat soeben einen Erlaß veröffentlicht, der sich gegen die „A m tsversküuder " richtet. Diese Blätter, die allent halben in Baden am Sitze der Bezirksämter erscheinen und Feuilleton. 7, Rauhfrost. Novelle von I. Fichtner. Nachdruck »ervvien. In Melitta aber war es ruhig geworden, seit sie wußte und fühlte, welch heiße Qual in Ludwig'« Herzen brannte. Sie hatte »S rrrathen, das nicht Unfähigkeit, sondern Furcht und Bangen, das Versagen der eigenen Kraft, die Erinnerung an seine Pflicht ihr gegenüber ihn von dem Lager der Kranken verscheucht. Sie las die stumme Qual in seinen bleichen Zügen, sah, daß er Alles vorüberaehen ließ, nichts aß, nichts trank, all» Wasser, daß er ihr alle Dienste erwies, die rin aufmerksamer Bräutigam seiner Braut schuldet; aber sie fühlte auch, daß alle Herzrnswänne aus seinem Benehmen ihr gegenüber ge schwunden, und daß das schroffe „Nein!" an sie gerichtet war, als Antwort für ihre Herzlosigkeit dem unschuldigen Kinde gegen- über. Mit Scham und Reue erkannte sie, daß sie sich seiner Achtung unwerth gemacht, daß eS deS höchsten weiblichen Zart- aefühls bedurfte, um sein wunde- Gemüth zu heilen und sein Len zu versöhnen. Unter dem Borwand« der Müdigkeit schloß sie sich nach Tisch stundenlang in ihr Zimmer, um nachzugrirbela, wie fie ihren Mißgriff wieder gut machen könne. In der frühen Dämmerstunde, schon als eS beinahe dunkel war, schlüpfte ein« dicht verschleierte, schlanke Gestalt durch das Lohe Portal. Flüchtigen Fuges eilte fie durch die nahen An- lagen nordwärts hinaus Über die schon vom Gaslichk beleuchteten Plätze. Unaufhaltsam trieb es fie einem bestimmten Ziel ent- gegen, — und doch — als fie in die Straße boa, stockt« der leichte Fuß und fest preßten sich die Hände auf das heftig klopfende Herz. Es »ar Melitta, waS wollte sie thun? In diesem Augen blick schien es ihr ungeheuerlich und schier unausführbar, waS fhr daheim so wicht und schnell zu vollbringen dünkte. Tie Latts «D PL ausgedacht, al- barmherzige Samariterin unerkannt dort einzukreten und doch die verschmähte Hilfe zu bringen, «ld Labil, — fa — ja, das war es, was sie mit heißem Der- langen ersehnte, wollte sie Diejenige sehen, die zwischen seinem und ihrem Herzen stand, ja, sie mußte sie sehen um jeden Preis! Und dennoch bebte sie jetzt vor dem Wagnis; zurück, die An maßung ihres Thuns erkennend. Zögernd blicb sie stehen und spähte nach den verhüllten Fenstern, durch die ein matter Licht schein drang. Die Straße lag einsam, wenig Passanten schritten an ihr vorüber. Bei jedem festen, männlichen Fußtritt schreckte Melitta zusammen, ihr war, als müsse auch Einer kommen, mit heißer Sehnsucht im Herzen und achtlos an ihr vorüberschreiten, hin, zu seinem sterbenden Glück. Immer noch unschlüssig stand sie, als ein Wagen heranrollte und plötzlich vor dem Hause still hielt. Melitta wich zurück an die Ecke und sah mit brennen dem Blick, daß ein Herr dem Wagen entstieg, aber nicht jugend schnell und elastisch, sondern langsam und vorsichtig. Sie er kannte ihn — es war der Sanitatsrath, ihr Hausarzt, der fle von Kind auf kannte. Ein Gedanke durchschlug ihr Hirn — mit drei Schritten stand sie neben ihm und legte die Hand auf seinen Arm. „Erschrecken Sie nicht, Herr Sanitätsrath, ich bin eS — Melitta — bitte nehmen Sie mich mit hinein." „Aber Kind — wirklich — Du hast mich bald erschreckt. Wie kommst Du denn hierher, zu solcher Zeit?" fragte er er staunt. „Ich — ich — machen Sie mir es nicht schwer, Onkelchrn, ich möchte einmal gut sein", versuchte sie schmeichelnd zu scherzen, so, wie sie es daheim mit ihm that. „Wirklich? Nun — daS scheint mir nicht so überflüssig hier; indeß — ob Sie mit Ihrer humanen Anwandlung Glück haben!" Melitta'» Arm sank herunter. In der Stimme des alten Freundes lag eine kalte, förmliche Abweisung, sie fühlte^ daß er sie durchschaut hatte — kein Zweifel — er wußte um das Herzrnsgeheimniß Ludwig'-. Und doch — sie ließ sich nicht zurilckdrängen, nachdem ihr der Zufall so günstig gewesen. „Ich kenne daS Kind und — wenn sich sonst nichts thun läßt, so möchte ich es — mit mir nehmen!" Das war ihr, fast während sie sprach, eingefallen, und nun wurde ihr plötzlich leicht um'S Herz, als habe sie das Rechte gefunden, und noch dringender und herzlicher bat sie: „Nehmen Sie mich mit!" Der Samtätsrath suchte ihr in die Augen zu blicken, er be merkte einen Glanz, der ein tief bewegtes Gemllth'vrrrieth, sie war sehr bleich und ihre Lippen bebten. „Das arme Wurm", sagte er wie für sich hin, „dem und den Anderen wäre dadurch wohl geholfen, jetzt zu der schlimmen Jahreszeit, aber weißt Du auch, Melitta, was Du auf Dich nimmst? Welch' spätere Verwickelungen daraus entstehen können?" „Ich nehme es- auf mich — Alles!" betheuerte sie, nur den einen Wunsch hegend, Ludwig durch einen Beweis von Hoch herzigkeit zu versöhnen. „Gut. Wir müssen aber eine kleine Täuschung zu Hilfe nehmen, um die Mutter nicht zu beunruhigen — sie braucht ihre ganze schwache Kraft; ich werde also sagen, daß ich das Kind auf einige Wochen zu mir nehmen werde." „— Und daß ich Ihre Tochter hin und mitkomme, es zu holen", fiel Melitta bittend ein. „Meinetwegen denn — und Sie wollen richtig mit hinein kommen?" „Bitte!" Sie faltete die Hände, bittend, wie ein Kind. „Ist es schlimm?" flüsterte sie kaum hörbar. „Ein stilles Nervenfieber — und deshalb doppelt schlimm. Magst Du denn in Gottes Namen mitgehen, der Anblick mensch lichen Leidens läutert die Herzen — und Du hast wohl noch keines gesehen!" Er nahm sie an der Hand und zog sie nach. Noch nie hatte das verwöhnte, reiche Menschenkind eine so kleine, geringe Wohnung betreten. Der Duft scharfer Arzneien und das leise, verhaltene Weinen der kleinen Lotte drang ihr ent gegen. Das Kind lag auf dem Sopha in dem dunklen Zimmer, in welchem kaum die dürftige Einrichtung zu erkennen war; es hatte sich so in seinen kindlichen Jammer, ganz und gar un beachtet zu sein, verbissen, daß es die leise Eintretrnde nicht merkte. Der Arzt ließ die Hand seiner Begleiterin los und öffnete die nur angelehnte Thür des NebengemacheS, welche- so klein und eng war, daß nur zwei Betten darin Platz fanden Beim Schein der halb verhüllten Lampe bot sich Melitta'- schaudernden Blicken ein ergreifende- Bild. Auf weißem Pfühl lag die Kranke, do- süße, regellose Gesichtchen umfluthet von den blonden Haarwellen, welche die sorgsame Mutterhand rings um gebreitet, damit sie die Kranke nicht belästigten/, ,-ieberschauer flogen über die lieblichen Züge, die glänzenden, grauen Augen blickten bewußtlos, und die brennenden Lippen bewegien sich in qualvoller Hast, ohne einen Laut hervorzubringen. Am Bett saß die Mutter, Angst und trostlose Verzweiflung in dem ver härmten Gesicht, und während sie mit beiden Händen die fieber heißen ihres Kindes hielt, richtete sie nun den trostlos fragen den Blick auf den eintretenden Arzt. Dieser beugte sich lauschend über daS kranke Mädchen und verdeckte so deren Anblick für Melitta. Aber — sie hatte schon genug gesehen — ihre zehrende Sehnsucht war befriedigt. Mit einem Blick hatte sie erkannt, daß dies zarte Wesen in seiner kindlichen, rührenden Schönheit dazu geschaffen war, das heiße Verlangen eines Männerherzens voll und ganz auszufllllen. Sie cmschcnien zu dürfen in ge sunden Tagen, das allein mußte schon Glück bcdeulen. Neidlos und gerecht gestand sich dies Melitta, die doch selbst als ein schönes, begehrenswerthes Mädchen galt, die aber der Lieblich keit und Anmuth entbehrte, welche Elli als ein gütiges Frauen geschenk in die Wiege gelegt worden, und womit sie auch so siegreich die strengen Forderungen der Schönheit überwand. Versunken in eine Fluth trüber Reflexionen und Gedanken, lehnte die siegreiche Nebenbuhlerin am Thürpfosten. Während Jene um daS Leben kämpfte, rang diese mit dem höchsten Gut de- LebenS, der Hoffnung auf Glück und Liebe — dabei ver sank Zeit und Ort vor ihrem irdischen Auge, und sie hörte nicht, wie der Saniiälsrath mit Frau v. Kronau die Mitnahme Lott- ckenS besprach. Erst, als er seine Hand auf ihre Schulter legte, kehrten ihre Gedanken zurück. In unwillkürlichem Drange weib lichen Mitgefühls streckte sie der beklagenswerthen Mutter die Hand entgegen, und ahnungslos, wer vor ihr stehe, nahm diese die wortlose Theilnahme dankbar an. — Inzwischen hatte die Kleine sich in Schlaf geweint, und mit wiederkehrender Energie wandte sich Melitta dem Kinde zu, mit sanft mütterlicher Zärt lichkeit sich über dasselbe herabneigend. „Vertrauen Sie mir es an, ich will es pflegen, wie eine Schwester", flüsterte sie bittend. Die Mutter winkte nur und küßte das Kind auf den glühenden Mund. WaS hatte sie über haupt denn noch zu sagen, dem grausamen Schicksal gegenüber, das statt Erbarmen nur Ruthrnschläge für sie »u haben schien. Sie holte ein Plaid herbei und wollte die Auswärterln rufen, damit sie Lotte in den Wagen trage, aber die junge Dame.' die nicht die geringste Anstrengung kannte, legt« schnell unL
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