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Mittwoch, IL. Oktober 1W8. Veit Ml SS00 »KIe«se »Menteiü Rr. 2LV. Dritter Jahrgang. und /Anzeiger für das Erzgebirge mit der wöchentlichen Unterhaltungsbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. v^»."u>.äAe^.«tl«iil»,n m. b. H. Sprechstunde der Redaktion mit Ausnahme der Sonntage nachmittags von 4—5 Uhr. — Telegramm-Adresse: Tageblatt Aue. — Fernsprecher in Aue i. Lrzgeb. Für unverlangt eingesandte Manuskripte kann Gewähr nicht geleistet werden. rm nrnftois Für die Inserate verantwortlich: Ulslter Urau, beide in Aue i. Lrzgeb. Bezugspreis: Durch unsere Boten frei ins Haus monatlich so ffg. Bei der Geschäftsstelle abgeholt monatlich «0 f)fg. und wöchentlich >o Pfg. — Bei der Post bestellt und selbst abgeholt vierteljährlich >.so Mk. — Durch den Briefträger frei ins Haus vierteljährlich i.yr Mk. — Einzelne Nummer to Pfg. — Deutscher Postzeitungs katalog. — Erscheint täglich in den Mittagsstunden, mit Ausnahme von Sonn- und Feiertagen. Annahme von Anzeigen bis spätestens Uhr vorniittags. Für Aufnahme von größeren Anzeigen air bestimmten Stellen kann mir dann gebürgt werden, wenn sie am Tage vorher bei uns eingehen. Insertionspreis: Die fiebcngespaltene Aorpuszeile oder deren Raum lo pfg., Reklamen 2S pfg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt. rriirjotk« L Das Wichtigste vom Tage. Die internationale Konferenz zur Revision der Berner Urhcberrechlskonvenlion ist in Berlin zusammengetretcn. Die Konferenz zur Revision des Berliner Vertrags soll, wie verlautet, für den 2 8. Oktober nach Paris «inberufen werden. Für die Ende Oktober stattfindenden Konferenzen zur Revi sion derArbeilerversicherungsgesetzeist das vorläufige Programm jetzt bckanntgegebeu worden. * Der amerikanische Ball 0 n St. L 0 uis, der an der Gordon-Bennettfahrt teilnahm, ist in der Nord see untergegangen. Die Insassen sind gerettet. * Wetzen der Eingeborenen. Unruhen auf den Caro- lineninseln soll ein Kriegsschiff von Kiautschou nach Ponape entsandt werden. Die Dardanellen. Eine Hauptfrage für den kommenden Kongreß. Die Dardanellenfrage, die zu den ältesten Ladenhütern der internationalen Politik gehört, ist mit einem Male in hohem Grade aktuell geworden. Können sich England und Ruß land nicht von vornherein darüber einigen, daß sie auf das Programm der bevorstehenden europäischen Konferenz gesetzt wird, soEwird die ganze Konferenz an diesem Zwiespalt schei te r n; im anderen Falle wird die Dardanellenfrage den weitaus wichtigsten Diskussionsgegenstand des Kongresses bilden. Es ist daher nicht überflüssig, einen geschichtlichen Rückblick auf Wesen und Entwicklung dieser Frage zu werfen. Die Dardanellen — die Meerenge zwischen der Thrazischen Halbinsel und Kleinasien, die zusammen mit dem Bosporus, , jener anderen Meerenge, an der Konstantinopel liegt, die Ver bindung zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer , darstellt — sind für Rußland von der größten strate gischen Bedeutung, da sie ja die Tür bilden, die der Schwarze-Meer-Jlotte den Zugang ins Mittelmeer gewährt. Als Konstantinopel in die Hände der Türken fiel, errichteten diese auf dem asiatischen Vosporus-Ufer Festungswerke, durch die sie beide Meerengen vollständig beherrschten. Das Schwarze Meer war somit ein Landsee geworden, zu dem die einen regen Handel mit der Türkei treibenden Venezier gegen einen hohen Tribut Eingang erhielten, der aber vom 16. Jahrhundert ab den fremden Schiffen vollständig gesperrt wurde. Zar Peter der Große erzielte indessen 1700 von der Türkei die Ermächtigung für russische Kaufleute, auf türkischen Schiffen mit den Häfen des Schwarzen Meeres Handel zu treiben. Im Friedensvertrage von Kütschük Kainardjö 1774 mußte die Türkei die Handels schiffahrt auf dem Schwarzen Meer und die Durchfahrt durch die Dardanellen freigeben, im englisch-türkischen Vertrage von 1869 wurde jedoch der alte ottomanische Rechtssatz von der Meer engensperre für die Kriegsschiffe aufs neue bestätigt. Im Frieden von Adrianopel, zwanzig Jahre später, mußte die Türkei diesen Standpunkt wieder aufgeben; im Frieden von Hunkiar Jskelefsi, 1833, wußte Rußland es indessen mittels einer Eeheimklausel durchzusetzen, daß die Dardanellen für die Kriegsschiffe fremder Mächte mit Ausnahme Rußlands wieder gesperrt wurden; Ruß land schützte sich auf diese Weise an den Küsten des Schwarzen Meeres vor Angriffen Lurch auswärtige Mächte. In einem Vertrage, den England, Preußen, Frankreich, Oesterreich und Rußland 1841 in London mit der Pforte schloffen, wurde in dessen da? russische Privileg wieder aufgehoben, und die alte Regel des türkischen Reiches, die den Kriegsschiffen fremder Mächte die Durchfahrt durch die Dardanellen und den Bosporus verbietet, kam wieder in Kraft. Dieses Verbot erlangte die Geltung eines völkerrechtlichen Grundsatzes und die Türkei wurde geradezu verpflichtet, für seine Durchführung zu sorgen. In dem Pariser Vertrage von 1856 wurde dieser Rechtssatz unverändert übernommen; eine Ausnahme sollte nur zugunsten der soge nannten Stationäre gemacht werden, leichter Kriegsschiffe, die für den Dienst europäischer Gesandtschaften in türkischen Gewässern bestimmt sind. Durch den Londoner Vertrag vom 13. März 1871 wurde die bis dahin geltende Neutralität des Schwarzen Meeres aufgehoben, dagegen die Schließ ung der Meerengen im Prinzip beibehalten. Allerdings mit dem nicht unwichtigen Zusatz«, daß es dem Sultan gestattet sein soll, Kriegsschiffen der befreundeten und verbündeten Mächte die Meerengen insoweit zu öffnen, als die hohe Pforte dies für notwendig erachten sollte. Dies bedeutet, wie man sieht, eine erhebliche Einschränkung der Bestimmungen des Pariser Ver trages von 1856. Aus »em 8nstschssscrk»ngretz Novellette von A. Strange. Nachdruck verbaten. Die schöne Zeit der Kongresse hatte begonnen. Allenthalben wurden die Koffer gepackt, und die Delegierten zogen nach den sehr großen oder sehr kleinen Vororten, wo die unmöglichsten Vereinigungen tagten. Desgleichen tat auch Herr Albert Zenner, ^wohlbestallter Klempnermeister — Spenglermeister — in einer mitteldeutschen Kleinstadt. Er fuhr zum Delegiertentage der Privatluftschiffer, denn er beschäftigte sich lebhaft mit dem Pro blem des lenkbaren Luftschiffes. Von Hause aus wohlhabend hatte er sein Geschäft zu hoher Blüte gebracht, war Lurch Heirat reich geworden, und hatte dann im rüstigen Alter von 45 Jahren * sein Geschäft verkauft, um seinen Ideen zu leben. Kinder hatte er nicht, und hatte also auch niemand von seinem Tun und Lassen Rechenschaft zu geben. So erfand er denn frisch drauf los, hatte jedoch Las Pech, daß seine Erfindungen niemals patentiert wurden. Das ärgert« ihn gewaltig und hatte zur Folge, daß er sich bereits für ein verkanntes Genie hielt. Im vergangenen Winter nun hatte er den Versuch gemacht, eine Steuervorrich tung für Luftballons nach dem Schraubensystem herzustellen, und die Schraube mittels Elektrizität in Bewegung zu setzen. Dem Ehrgeiz, seine Erfindung patentiert zu sehen, hatte er entsagt. Ich brauch' euch nicht! rief er und machte seine Erfindung in der Presse bekannt. Infolgedessen erhielt er eine Einladung zum Delegiertentage der Privatluftschiffer. Trotzdem er so vorsichtig gewesen war, seinen Ballon nebst Gondel usw. als Frachtgut vorauszuschicken, hatte er für die Effekten zu seinem persönlichen Gebrauch doch einen Handkoffer, eine ReisetoDM-und «ine Hutschachtel nötig und entstieg so — arg beladenHWk dsr Endstation dem Zuge. Als er die Bahn- steigschrank« paffert hatte und sich überall hilflos umsah, kam «in eleganter Herr auf ihn zu, zog den Hut und sagte liebens würdig: „Ah, verzeihen Sie, mein Herr — darf ich vielleicht rügen, ob Sie hier von jemandem erwartet werden, und oo fieser jemand nHt da ist? Ich erwarte nämlich auch jemanden." „Ah —" sagte Herr Zeuner, „sind Sie vielleicht Herr Lehmann, der derzeitige Vorsitzende des Delegiertentages der Privatluft schiffer?" Der Fremde stutzte einen ganz kleinen Moment, lächelte dann unmerklich und sagte ernsthaft: „Ganz recht, mein verehrter Herr, Las ist ein günstiger Zufall — Lehmann ist mein Name — und ich erwarte noch verschiedene der Herren Dele gierten. Mit diesem Zuge sind nur Sie gekommen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Gepäck trage und Sie zu einer Droschke geleite?" Ohne die Antwort des ob solcher Liebenswürdigkeit ganz verdutzten Herrn Zeuner abzuwarten, bemächtigte er sich des Koffers und der Reisetasche desselben, ließ ihm nur die Hutschachtel und den Schirm und schritt voran. „Bitte, steigen Sie ein." Der Herr war äußerst liebenswürdig, man unterhielt sich aufs beste und hielt endlich vor einem großen Restaurant mit Spiegelscheiben. „Ist das das Hotel: Zum weißen Falken?" fragt« Zeuner. „Nein, mein Herr," rief der Fremde, „aber wir werden gleich dorthin kommen — es ist nicht weit; zunächst müssen Sie sich doch aber ein wenig stärken." Trotz Zeuners Sträuben zahlte der Herr die Droschke, man trat in das geräumige, altdeutsche Gastzimmer. Hier ging der Herr, dem ein Kellner dienstwillig Koffer und Reisetasche ab nahm, auf einen Tisch zu, an dem nur zwei Herren saßen, stellte sich und Herrn Zeuner vor rxd bestellte eine Flasche Wein. Man saß in einer Nische ziemlich versteckt vor allen übrigen, trank, aß, nnterhielt sich vortrefflich und Herrn Zeuner war es nicht unangenhm, als man zuletzt ein Kartenspielchen vorschlug. Er wurde immer fideler, und lud zuletzt alle drei liebenswürdigen und charmanten Herren ein, seine Gäste zu sein. Was zuletzt geschehen, wußte er garnicht mehr. Plötzlich fühlte er sich an der Schulter gerüttelt, — vor ihm stand der Kellner — im Lokale war es ziemlich dunkel und nur noch an seinem Tisch brannte eine Gasflamme. Die drei anderen Herren waren fort. „Bitte, wir müssen schließen," sagte der Kellner, „wir haben um zwei Uhr Polizeistunde." ,Mas — zwei Uhr?" fragte Herr Zeuner und wollte nach der Uhr sehen, sie war weg. Ehe er vermochte, feinem Erstaunen darüber Ausdruck zu geben, sagte der Kellner: „Hier die Rechnung — bitte wollen Sie sie begleichen — filnf- undsechszig Mark 75 Pfg." „Was?!" schrie Herr Zeuner, „meine Da alle diese Abmachungen sich auf die Kriegsschiffe der Mächte bezogen, verfiel Rußland auf ein eigenartiges AusÄnfts- mittel. Es verfügt über einen eigenartigen Schiffstyp, die freiwillige Flotte genannt; es find dies Kriegsschiffs unrer Handelsflagg e, die sich in nichts von den. regu lären Kriegsfahrzeugen der russischen Marine unterscheiden. Für diese Schiffe, di« in Verkleidung bewaffnet« Truppen an Bord haben, wußte Rußland beim Sultan die Erlaubnis zur Pafsie- rung der Meerengen durzusetzen. Die Proteste Englands blie ben ohne Erfolg; aber Lis auf den heutigen Tag bezeichnet die englische Regierung und Presse dieses russische Manöver als einen eklatanten Vertragsbruch. Wir haben schon in allere Kürze dargelegt, daß die Sperrung der Dardanellen für russische Kriegsschiffe eine Grundbedingung für das englischelleber- gewicht im Mittelmeer ist. Es wird daher überaus schwierig sein, den englischen und den russischen Standpunkt zu vereinigen. Ganz unmöglich erscheint ein Ausgleich, wenn sich die Meldung bestätigt, wonach Rußland nunmehr die Oeff- nung der Dardanellen den Grenzstaaten des Schwarzen Meeres (also Rußland, Bulgarien und Rumänien) Vorbehalten wissen will; d. h. die Meerenge würde danach für Rußland geöffnet werden, für England aber gesperrt bleiben, ein Modus, dem sich England natürlich nimmermehr fügen wird. Sitzung -er Wahlrechtsdeputattou. Die Wahlrechtsdeputation der zweiten sächsischen Kammer hielr gestern eine vierstündige Sitzung ab. Von der Staats regierung waren die Herren Geh. Regierungsrat Dr. Heink, Re gierungsrat Dr. Adolph und Oberregierungsrat Dr. Würzburger zugegen. Entschuldigt fehlten die Abgeordneten Bär und Eon- tard. Abg. Goldstein war durch einen erlittenen Schlaganfall am Erscheinen behindert. Bei Eröffnung der Sitzung wandte sich Abg. Langhammer energisch gegen zwei Artikel der Dresdner Neuesten Nachrichten und der Chemnitzer Allgemeinen Zeitung, die sich augenscheinlich bemühten, den Kompromiß unmöglich zu machen, und verwahrte sich ernstlich dagegen, daß er mit solchen Artikeln irgendwie im Zusammenhangs stehe. Diese Erklärung gilt auch für den Abg. Kickelhayn. Dr. Bogel gab hierauf namens der nationalliberalen Fraktion folgendes kund: Die gestern abend zu mehr als zwei Dritteln ihrer Mit glieder versammelte nationalliberale Fraktion hat einstim mig beschlossen, durch mich in der heutigen Sitzung der Wahl rechtsdeputation folgende Erklärung abzugeben: Die national- Uhr ist weg — und die Rechnung?" Sein Kopf schmerzte ihm zum Zerspringen, alles drehte sich mit ihm. „Bitte zahlen — es ist die höchste Zeit!" „Wo sind die andern —?" „Fort gegangen. Der Herr, der mit Ihnen kam, sagte, als er ging, ich möchte Ihnen bestellen, er sei voraus in Ihr Hotel." „Ah — und keiner hat gezahlt?" „Sie haben sie doch selbst einge laden, Ihre Gäste zu sein." Herrn Zeuner schwindelte, er griff nach seinem Kopfe. Dann griff er nach seinem Portemonnaie — es war weg. Wie ein Rasender sprang er auf: „Himmelkreuzbombenelement! Wohin bin ich denn hier geraten?" „Wollen Sie nun bitte endlich zahlen?" „Wovon denn? Mein Portemonnaie ist mir gestoh len." „Ei schau — aber es tut mir leid. Ihnen sagen zu müssen, daß die Ausrede fast «in jeder Zechpreller gebraucht!" „Zech preller? Sie sind ein unverschämter Patron." .Mehmen Sie sich vor Injurien in acht — und zahlen Sie —„Wie kann ich denn?" brüllte Herr Zeuner, „wenn mir doch Uhr und Porte monnaie gestohlen sind. Lassen Sie mich mal zu meinem Gepäck — da ist was drin." „Gepäck?" lachte der Ober höhnisch, — „wo haben Sie denn welches? Sie haben doch nur den Schirm und die Hutschachtel —." „Und mein Koffer — und die Reise tasche." „Uzen Sie Ihre Großmutter. Das gehört« doch Ihrem Freunde, der mit Ihnen kam — er bracht« es her, als er kam, und ist auch wieder damit fortgegangen, als «r vorausging ins Hotel." „Der Hallunke — der Dieb — was nun — Herr des Himmels — meine Uhr, mein E«ld, mein Koffer — alles weg!" schimpfte und jammerte Herr Zeuner. Der Wirt, der sich bereit hatte zurückziehen wollen, kehrte ins Gastzimmer zurück und er fuhr von dem höhnisch blickenden Zählkellner, worum es sich handelte. Man hielt Herrn Zeuner fest trotz seines wütenden Sträubens, und der Piccolo wurde beauftragt, nach dem Polizei revier zu telephonieren und um einen Wachtmann zu bitten. Der kam. Inzwischen war Herrn Zeuner ein neuer Gedanke gekommen: „Richtig — Lehmann ist nach dem Hotel Zum weißen Falken gegangen — und hat vorsorglich mein Gepäck mitgenom men." Und ruhig ließ er sich zur Wache abführen — es mußte sich ja alle» aufklären!