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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 30.01.1905
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1905-01-30
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19050130027
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1905013002
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1905013002
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1905
-
Monat
1905-01
- Tag 1905-01-30
-
Monat
1905-01
-
Jahr
1905
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BezugS-PreiS « der Hauptrrpedttto, od«r der« Lxgai*. stelle« abgeholt: vierteljährlich 3.—, hei zweimaliger täglicher Zustellung tu» Hau» 3.7b. Durch die Post bezogeu für Deutsch« lo«h u. Oesterreich vierteljährlich LLO, für dir übrige» Länder laut Zeitung-Preisliste. Diese R«»«er kostet 4/1 ML aus allen Bahnhöfen uud III I bei den Zeitungs-Verkäufern I * Revakkton u»ü Erpevtttoru 1Ü3 Fernsprecher WL Johanni-gasse 8. Haupt-Filiale Dresden: Liarienstratze 34 (Fernsprecher Amt I Nr. 1713). Haupt-Filiale Berlin. CarlDuncker, Herza l.Bayr.Hofbuchbaudlg„ Lützownraß« 10 (Fernsprecher Amt VI Nr. 4603). Abend-Ausgabe. Dipügcr TaMaü Ämtsölatt des Ltönigl. Land- und -es Hömgl. Amtsgerichtes Leipzig, des Mates und des Nolizeiamtes der Ltadt Leipzig. Anzeigen-Preis die 6 gespaltene Petitzeile SS Familien- und Stellen-Anzeigen SO Finanzielle Anzeiarn, Geschästsauzetgen unter Text oder an besonderer Stelle nach Tarif. Die -gespaltene Reklamezeile 75^. Aunahmeschlust für kl ureigen: Abrnd-Ausgabe: vormittag» 10 Uhr. Morgen-Au»gabe: nachmittag- 4 Uhr. Anzeigen sind stet» an die Expedition zu richten. Brtra-Vetlagen luur mü der Morgen- Ausgabe) nach besonderer Vereinbarung. Die Expedition ist wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bi» abends 7 Uhr. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig (Inh. Or. V„ R. L W. Kltnkhardtl Nr. 3t. Montag dm 30. Januar 1905. 99. Jahrgang. Var Wichtigste vsm rage. * Der nächste allgemeine Vertretertag der national liberalen Partei soll in Dresden abgehalten werden. (S. Dtsch. Reich.) * Im Befinden de» Prinzen Eitel Friedrich ist keine Veränderung eingetreten. (S. dtsch. Reich.) *Der Generalstreik im Rubrrevier dürfte auch in Belgien einen allgemeinen Ausstand der Berg arbeiter Hervorrufen. (S. Dtsch. Reich.) * Nach Pariser Telegrammen ist der Sultan Abdul Hamid gefährlich erkrankt. (S. Ausland.) * Ein englisches Blaubuch erklärt den vom Obersten Aoung Husband mitTrbet abgeschlossenen Vertrag sü. nichtig. (S. Ausland.) * Nach Meldungen aus dem russisch«» Haup'qnartier ist der linke Flügel der japanischen Armee e>folgreicb beschoffen worden; die Japaner räumten zwei One. Der ganze russische Flügel kam zum Kampf. Oyama meldet, die Russen seien bei Heilaitai zurückgeschlagen; die Ver folgung sei aufgeuommea. (S. ruff.-jap. Krieg.) * In Warschau ist der britische Bizekonsul von russischen Husaren nievergeritten und verletzt worden, der britische Generalkonsul blieb unverletzt; der englische Botschafterstellt eine Untersuchung an. (S. den Artikel). ver Viimlnirlvert Oer vonsumonatcdir. Graf TiSza ist gefallen. Tie Oam^ckis bumainv ist um einen höchst interessanten Mitspieler ärmgr, denn wie man auch über Tisza denken mag, eins mutz man ihm lassen: er ist ein ganzer Mann, ein Mann, der weitz, was er will, und der sich für seine Ziele mit seiner ganzen Persönlichkeit einsetzt, wieder einmal einer jener seltenen Staatsmänner, die persönlich auf die Bresche treten und ihre Inspirationen von einem starken poli- tischen Temperament empfangen. Trotz dieser An erkennung indessen müssen wir sagen, daß Graf Tisza gerichtet ist, und es ist interessant und lehrreich, die Ursachen seines jähen Sturzes zu betrachten. Der unga rische Ministerpräsident ist gefallen, weil er sich über die Volksstimmung einer verhängnisvollen Täuschung bin- gab. Das Bewuhtsein seiner ungewöhnlichen Kraft, die Energie seines vorwärtsdrängenden Willens verstrickten ihn in solche Täuschung, und in gewissem Sinne brachten ihn seine Tugenden zu Fall. Es fehlte ihm eine kleine Dosis der Koerberschen Leidenschaftslosigkeit, wie Herrn von Koarber die Impulsivität seines ungarischen Kollegen fehlte. An diesen beiden Männern und ihrem Geschick kann man einmal deutlich ermessen, wie selten die wunder- bare Mischung ist, die den grotzen Staatsmann ausmacht, und man mutz dann lächeln, bitter lächeln, wenn man bedenkt, datz es in unserm lieben Vaterland lange Zeit Leute gab, die Bismarcks Erfolge dem „puren Glück" zuschrieben. Alle Staatsmänner sollten sich die Lehren der Vorgänge in Ungarn angelegen sein lassen. Sie lauten dahin, datz es, wie Kaunitz sagte, erstes Ersorder- niS ist, die Ding« zu sehen, wie sic sind, und nicht, wie sie sein sollten; zweitens aber, daß die unwägbare Stim- mung der Nation rn jedes politische Nechenexempel ein- gestellt wenden mutz. Wenn wir den Fall deS Grafen TiSza weiter be trachten, so können wir unS eines Dankgefühls gegen den Grafen Bülow, den wir zu unserm Bedauern so oft aus und „ Trepow verweigerte dies jedoch ohne Erklärung. Sein Wort sei Gesetz und bedürfe keiner Ratifikation. Der Marschall erhob sich und verliest das Zimmer ohne Gruß. Jetzt erwartet man. zu hören, datz er auch hinter Schloß und Riegel kommen wird. — Ten Offi zieren des Jlegiments Semenowski, welche bei den U n r u h e n am 22. d. M. ihren Mannschaften den Befehl zum Feuern gegeben hatten, gingen Briefe zu, in welchen sie mit dem Tode bedroht werden. Verwarnung des Blatte» „Nascha Shin". Der Minister des Innern bat dem Blatte „Nascha Shisn", dessen Redakteure verhaftet worden sind, eine zweite Verwarnung erteilt. Militärische Ernennungen. Der Kommandant der 3. Kavalleriedivision, Generalleut nant Wolkenau, ist zum Kommandeur des 3. Armeekorps und der Kommandeur der 12. Kavalleriedivision, Generalleut, nant Schmidt, zum Kommandeur des 12. Armeekorps er nannt worden, letzterer an Stelle des Generals Beckmann, dem der Oberbefehl über das 20. Armeekorps übertragen wurde. Exzesse in Warschau. Die „Daily Mail" meldet aus Warschau von gestern: Der englische Generalkonsul und der Vizekonsul wurden auf offener Straße von russischenHusarenan- gegriffen. Der Vizekonsul wurde von zwei Husaren n i e dergeritten und durch Säbelhiebe bedenktlich verletzt. Der Generalkonsul ist unverletzt. Dazu wird dem Blatt aus Pe tersburg gemeldet, daß der englische Botschafter zu nächst eme Untersuchung eingeleitet und die Behörden um Schutz für den Generalkonsul ersucht hat. — Am Sonn abend nachmittag wurde nach der Petersburger Telegraphen- Agentur ein Straßenbahnwagen von Arbeitergruppen ge zwungen, in das Depot zurückzukehren. In der Kalisch- straße wurden Lokomotiven und daS Depot der Straßenbahn beschädigt; das Depot der Pferdebahn wird vonMili - tär bewacht. Der Busstand breitet sich weiter aus, auch auf die Eisenbahnwerkstätten. Nach Auszahlung des Lohnes begann in allen Fabriken der Ausstand. Manifestanten durchzogen gruppenweise die Straßen, es fanden aber keine Zusammenstöße statt; 70 Personen wurden verhaftet. Streikbewegrrng in Samara. Aus Samara meldet die Petersburger Telegraphen- Agentur: Gerüchtweise verlautet, aus Petersburg seien Ab geordnete der Ausständigen eingetroffen, um auf der Slatoust bahn einen Aus stand herbeizusühren, der morgen beginnen solle. Unfztand» franzSfische Giänbiger. Der Betrag, den das französische Volk in russischen Werten angelegt hat, wird von ernsten Sachkennern aus 7—8 Milliarden geschätzt. Man hört manchmal noch viel grö ßere Summen nennen, bis zu 12 Milliarden, das scheint jedoch starke Uebertreibungzu sein. Auch in die 7—8 Milliar den sind neben den Staatsanleihen alle Eisenbahnwerte, Pfandbriefe und Jndustriepapiere einbegriffen, deren nach der „Voss. Ztg." eine ganze Menge gehandelt werden. Wenn man sich diese Zahlen gegenwärtig hält, wird man sich darstellen können, welche Stimmung die Nachrichten auS Petersburg seit Sonntag hervorgerufen haben. Tausende von mittle ren und kleinen Rentnern fühlten ihr Blut er starren ; das Gespenst des russischen Äankbruchs und des Verlustes ihres Vermögens stieg plötzlich vor ihren ent setzten Blicken auf. Die Zeitungen gingen reißend ab wie bei den kritischsten Ereignissen der inneren Politik. An der Mon tag s b L r s e herrschte die Aufregung der schwärzesten Tage, die sich erst legte, als man sah, daß die stärksten Hände, die des Crödit Lbonnais, das Comptoir national d'Escompte und des Hauses Rotschild, eingrisfen, so ost die 4proz. Rusten den Kurs 85 erreichten. Die großen Banken, die sich für Russen werte interessieren, also ungefähr alle, haben den von ihnen abhängigen Zeitungen einen Wink gegeben, ihren Meldungen aus Rußland Dämpfer auszusetzen, um ihre Leser nicht noch heftiger aufzureaen, und seit Dienstag sieht man die große Presse einen wunderlich anmutenden Optimismus in der Be urteilung der russischen Verhältnisse an den Tag legen. Die finanziellen Ratgeber, die ihre Kunden zum Ankauf von rus sischen Papieren ermuntert haben, reden ihnen jetzt dringend zu, sich ihres Besitzes nicht mit Verlust zu entäußern. Die meisten Rentner zögern in der Tat, ihre Papiere zu verkaufen, weil es ihnen zu schmerzlich wäre, eine starke Einbuße an Kapital zu erleiden. Aber es ist äußerst unwahrscheinlich, daß man ihnen auch nur einen Sou mehr für Rußland abknöpfen kann. Die französische Goldauelle hört vorläufig auf, für Ruß- land zu fließen. Diese Wirkung haben die Petersburger Vor gänge trotz aller Verschleierung gehabt. Vie russische Rev»l«tton und England. Wohl nirgends haben die blutigen Vorgänge in Petersburg so gewaltigen Eindruck gemacht wie in England, wobei, abge angreifen müssen, nicht erwehren. Graf Bülow Hal I schriftliche Bestätigung deS Verbotes, neben anderen Vorzügen den einen, wahrlich nicht gx., °ies jedoch ohne Erklärung. Sein War ringen Vorzug, daß er sich nicht überschätzt. Er kennt die Grenzen seiner Kraft, hat eS stets mit ruhiger Würde abgelehnt, stärker zu sck-einen als er ist, und bleibt seinem Vorsatz« der mittleren Linie treu, weil er eben arkennt daß die Politik, die in diese Worte einbegriffen ist, die einzige ist, die er seiner Persönlichkeit nach treiben kann. Sich und unS hält er von gefährlichen Experimenten forn und diese kluge Vorsicht muß anerkannt werden, tvenn wir auch freilich immer wieder darauf Hinweisen müssen, datz zwischen fruchtbarer Initiative und kundigen. Lavieren, zwischen Schöpferkraft und feiner Routine un- überbrückbare Klüfte liegen. Aber auch abgesehen von den Erwägungen, die nieh, persönlicher Natur sind, ist die Niederlage des Grafen Tisza für unS von größter Bedeutung. Es mutet wir eine Ironie des Schicksals an, daß sein Regime in Ungarn an demselben Tage zusammenbrach, an dem der o st e r - reichifch-ungarifche Handelsvertrag un- terzeichnet wurde, denn es ist keine Frage, daß die Parole deS ungarischen Wahlkampfes nicht lautete: „Für oder gegen die Obstruktion!", sondern „Mit Oesterreich oder ohne Oesterreich!", und die Nation hat mit einer Ein- Mittigkeit gesprochen, v.ne sie in der Geschichte selten zu tage tritt, ja, die Wahlberichte konstatieren, daß Tisza nicht zum wenigsten durch die oppositionelle oder laue .Haltung der Beamten gefallen ist. Ein leuchtendes Ruhmeszeichen für die Gesinnung des Ministers, aber auch ein Fanal für die Zukunft Oesterreich-UngarnS. Ob und wie der Handelsvertrag realisiert werden wird, kann beute auch der Kundigste nicht sagen. Gewiß ist Politik zum großen Teile Magenfrage, aber eS würde durchaus einseitig sein, die „Idee" als bestimmenden Faktor völlig auszuschalten. Ganz sicher aber ist eS, daß unser Ver hältnis zu Oesterreich-Ungarn insofern (nieder geschädigi und derVündniswert d erDonau Monarch <- vecringer.'t werden wird, als die nun im Parlament herrschenden Parteien jeder Militärvorlage den ent- schlossensten Widerstand entgegensetzen dürften. So müssen wir die Niederlage des Grafen Tisza, dessen Chauvinismus durch klare Einsicht in politische und wirt- schaftliche Notwendigkeiten immerhin noch gezügelt war, vom deutschen Standpunkte aus aufrichtig bedauern. Die Ereignisse der nächsten Jahre werden Oesterreich immer mehr schwächen, den Wert des Dreibundes immer mehr mindern, und immer größer wind für Deutschland die Schwierigkeit werden, sich einer „nplenckick Isolation" zu entziehen, wenn nicht unser leitender Staatsmann rechtzeitig eine Neuorientierung vorzunehmen vermag. Vie strirk in fiurrlana. Vle Situation in jssetex»burg. Der Korrespondent des „Berl. Lokalanz." meldet Petersburg, daß ihm Ministerpräsident Witte der Vertreter des Präfekten erwidert haben, die Ruhe in Petersburg sei dauernd ein gekehrt. Der Petersburger Korrespondent des ,,Petit Parcsien" meldet, der Zar bleibe vorläufig inZarskoieSselo, und es scheine sich zu bestätigen, daß er seinen Besuch zur Inspizierung des 3. Geschwaders abgesagt habe. Wie es heißt, werde der Zar die Arbeiterdelegierten empfangen, sobald die Ruhe überall wieder hergestellt sein wird. Aus Petersburg sind 4 Regimenter zur Aufrechterhaltung der Ordnung nach Reval abgegangen. — Der General Pre pow telephonierte nach einer LondonerMelduna an den Grafen Gudowitsch, Marschall des Petersburger Abels, und befahl ihm, die Einberufung des Semstwos der Hauptstadt abzubestellen. Der Graf begab sich »ins Winterpalais und erhob Vorstellungen. Er er- I suchte schließlich den Generalgouverneur wenigstens um eine sehen von allgemeinen, politischen und menschlichen Erwägun gen, zu beachten ist, daß das englische Königshaus durch enge verwandschastliche Bande an den Zaren und seine Familie geknüpft ist, da des Zaren Mutter eine Schwester der Königin Alexandra und seine Gattin eine Enkeltochter der ver storbenen Königin Viktoria ist. Der Zar erfreut sich in Großbri- tannien, wo er sich wiederholt auf dem schottischen Landschloß Balmoral mit seinen Kindern aufgehalten bat, einer gewissen Beliebtheit; diese ist um so aufrichtiger, als sich in England die Anekdote erhalten hat, daß vor Jahren einmal der Zar als Gast der Königin Viktoria ausgerufen haben soll: „Wie gern möchte ich ein englischer Country gentleman sein!" Auch des Zaren ausfallende Aehnlicbkeit mit dem Prinzen von Wales, dessen ersten Sohn der russische Herrscher aus der Taufe hob, trägt, wie der „Voss. Ztg." geschrieben wird, zu seiner Beliebtheit bei. Man macht ihn nicht persönlich für die schauerlichen Vorgänge an der Newa verantwortlich, wenn auch seine Charakterschwäche und sein Wankelmut zur Ver schärfung der Krisis beigetragen haben, indem sie ihn zum ge fügigen Werkzeug der Bureaukratie und seiner Oheime, der als grausam verschrienen Oheime Wladimir und Sergius, gemacht haben. Im übrigen kommt eine Revolution in Ruß land den Engländern nicht gerade ungelegen. Eine weitere militärische und finanzielle Schwächung des mittelasiatischen Nebenbuhlers kann ihnen nicht un erwünscht sein. Auch im Ostende Londons, wo viele aus der Durchreise nach den Vereinigten Staaten begriffene russische Deserteure, besonders jüdischen Glaubens, sich auchalten. haben die Nachrichten aus Petersburg gewaltige Aufregung hervor gerufen. Man riß sich um die in B i d o if ch gedruckten Zei tungen, welche Meldungen aus Rußland brachten. Man sam- melte in den jüdischen Klubs und aus der Straße Kupfermün zen für die Witwen der von den Soldaten deS Zaren beim ersten Sieg über das russische Volk ermordeten Arbeiter. Und am Abend war das Avenue-Schauspielhaus gedrängt voll von russischen Zuhörern, die mit Begeisterung der russischen Aus- führung des Stückes Eugen Tschirikows „Die Juden" lauschten. Line Prstestverfammlr»«- l« Prag. Dem „L.-A." wird aus Prag gemeldet: In einer von 2000 tschechischen Sozialdemokraten besuchten Ver- sammlung sprachen gestern mehrere Redner unter stürmischer Ent rüstung gegen den Zaren und die russische Hoscligue den rus sischen Genossen ihre Sympathien aus. Die Teilnehmer zogen singend unter Rusen: „Nieder mit dem Zaren" über den Wen zelsplatz, wo sie den Redaktionen der t s ch e ch i s ch - chauvi nistischen und russophilen Blätter, die von einem starken Aufgebot zu Fuß und zu Pferde bewacht waren, Katzen- musiken darbrachten. Schließlich zerstreute di« Polizei di« Demonstranten. ver imrirch-japanische Weg. Die Offensive Anropatkkn». Drr „N. Fr. Pr." wird geschrieben: In d«n nächsten Tagen dürfte nicht allein der bet Port Artbur entbehrliche Teil des Be- lagerungSartillerieparke-, sondern auch die Armee NogiS am Schaho zur Verfügung des japanischen Armeeoberkommandanten stehen, welcher dann bei Eintritt geeigneter Witterung wohl keinen plausiblen Grund mehr besäße, den Beginn drr Operatio nen noch weiter hinauszuschiebrn. Tas Eintreffen der japanischen Verstärkungen am Schaho ändert plötzlich das Kräfteverhältnis und gibt Oyama für einen Moment die größte Ueberlegenheit, die er bisher erhoffen konnte. Kuropatkin hat den für eine russische Offensive günstigen Moment bereits ver säumt. Die Kämpfe der letzten Lage, welche zu einer Schlackt aufgebauscht wurden, fanden beiderseits drr Straße Sinmintin- Liao;ang am Hunho statt. Dieser Fluß bildete den Abschluß der linken (westlichen) japanischen Flanke. Nachdem er gegen wärtig gefroren ist, kann von einer Flankendeckung nicht gesprochen werden. Sandepu, an der bezeichneten Straße am östlichen Hun- ufer gelegen, galt als Kantonierungsstation der Reserve für jene Postierungsgruppe, die beiderseits der Straße auf daS westliche Flußuser vorgeschoben war und durch Besetzung von Ortschaften oder sonst wichtigen Punkten eine Linie von Hauptposten und der gestalt einen Teil drr japanischen linken Flankensicherung bildete. Gegen einige dieser Hauptpost en richteten sich nun die letzt- gemeldeten russischen Angriffe. Diese wurden ohne Zweifel mit vielfacher Ueberlegenheit ausgeführt, sodaß die japa nischen Abteilungen, deren Stärke wahrscheinlich nur nach Com pagnien zählte, gezwungen waren, sich auf ihre Reserve bei Sandepu zurückzuztehen. Hier kam die russische Verfolgung zum Stehen. Die Fortsetzung des Angriffes gegen die befestigte Orts- lisiäre kostete nach den letzten Meldungen aus russischer Quelle be deutende Opier, ohne daß es bis dahin gelungen wäre, Sandepu zu nehmen, dem sich damals schon japanische Ver stärkungen näherten. Diese Kämpfe gehören in die Kategorie der Vorpostengesechte. Sie dürften kaum in den Radmen eines beab sichtigten allgemeinen Angriffes Kuropatkins paffen, vielmehr ein Feuilleton. H Frauchen. Roman von Felix Freiherr von Stenglin. Nachdruck verbotea. Jetzt klingelte es. Frau Agnes sah auf. Immerhin ein Ereignis. Der Mann konnte es nicht sein, er hatte ja seinen Schlüssel; der Briefträger auch nicht, er war schon vorüber. Agnes legte daS Buch in den Schoß und wartete. Da hörte sie das Mädchen den Flur entlang gehen, die Flurtür öffnen und mit jemandem sprechen. Kurze Zeit darauf gingen die Schritte wieder zurück. „Minna!" rief Frau Agnes. Doch Minna schien nicht zu hören. „Minna!" Keine Antwort. Man mußte wirklich selbst aufstehen. Frauchen erhob sich mit einem Seufzer von der Chaiselongue, ging zur Tür und rief hinaus. „Der war denn da?" DaS Kindermädchen steckte den Kopf aus dem Kinder zimmer vor und antwortete: „Ein Bettler, gnädige Frau." Unwillig schloß Frau Agnes die Tür und begab sich auf ihren Platz zurück. Ein Bettler! Und darum stand man auf! Gewiß, arme Menschen taten ihr leid, und sie hatte ein für alle Mal die Anordnung getroffen, daß jeder Bettler etwas -u essen oder zwanzig Pfennige er halten sollte, aber sie selbst ließ sich dergleichen nicht gerne näher kommen, es griff sie so an. Sie streckte sich also wieder aus und nahm von neuem den Roman vor. Doch nun hatte sie alle Lust daran ver loren, und bald entsank ihr das Buch. Was ist doch der Mßnsch für ein fein organisiertes, sensitives Wesen! dachte sie. Eine so geringfügige Störung, eine unzeitige Er- schütterung seines Körpers oder Gemüts bringt ihn aus den: Gleichgewicht. Oder bin vielleicht nur gerade ich so besonders zart organisiert? Sie wälzte sich auf der Chaiselongue hin und her, nicht einmal ihre vorige, be- gueme Stellung konnte sie wiederfinden. So drückte sie sich den Arm, so die Brust, so tat ihr der Rücken weh. Endlich erhob sie sich, reckte die Arme, gähnte und trat vor den Spiegel, der dort in der Ecke über dem kleinen Sofa hing. Sie stützte die weißen, weichen, vollen Hände in die Hüften, drehte und wendete sich und fand, daß ihre mittelgroße Gestalt voll, aber durchaus nicht zu stark, eigentlich recht ebenmäßig sei. Dann neigte sie den Kopf nach einetz Seite, nach der anderen Seite, riß die Augen auf, schloß sie blinzelnd, lächelte sich selbst an. Einen Augenblick ging sie mit dem Gedanken um, ihren Schmuck zu holen und ein Stück nach dem anderen umzu legen, doch das hatte sie erst gestern getan, auch das schien ihr heute langweilig. Sie trat vom Spiegel fort und blickte durchs Fenster. Der Himmel war grau, und die ersten FrühlingSstürme webten. Kein Wetter zum AuSgehen. Vielleicht kam die Friseuse auch heute früher. Go stand st«, sah hinaus, und ein Gefühl tiefen Un muts beschlich sie. Meder stand ein neuer Frühling bevor. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Und wenn das Jahr vorüber war, sah es in ihr und um sie herum gewiß noch ganz so aus wie heute. Ja, wie lange sollte denn daS fortgehen? Jetzt war sie siebenunzwanzig Jahre alt, sie konnte noch fünfzig Jahre leben. Fünfzig Jabre! Der Gedanke war nicht zu ertragen! Da klingelte es abermals. Wahrscheinlich wieder ein Bettler. Doch nein, jetzt öffnete sich die Tür, und Minna meldete: „Herr Grubweiler möchte seine Aufwartung machen." * * * Anton Grubweiler saß, seinen langen Oberkörper vornüber beugend auf einem Puff und blickre von unten her die junge Frau an, die auf dem kleinen Sofa unter dem Spiegel Platz genommen hatte. „Ja, ja!" sagte er, nickte ein paarmal mit seinein kurz geschornen, kleinen Kopf, blickte zur Seite und ver- zog den Mund zu einem bitteren, verächtlichen Lächeln. Man sagte, er studiere sich sein Mienenspiel, daS in dem völlig bartlosen Gesicht besonders deutlich wirkte, vor dem Spiegel ein. Das war aber Verleumdung. „Auch Sie!" fuhr er fort. „Ich habe es geahnt. Der Wille zur Verneinung ergreift immer weitere Kreise." Er entfernte mit dem Finger ein Stäubchen von dem Aermel seinSS tadellos neuen, dunklen Gehrocks, strich wie liebkosend über die gestreiften Beinkleider mit den Bügelfalte und blickte auf die Spitzen der von feinstem Kalbleder angefertigten Knöpfstiefel. „Ich habe daran gedacht", meinte er darauf, „alles was ich besitze, den Armen zu geben, um wenigstens für kurze Zeit einige Glückliche zu machen — es bedrückt mich, etwas voraus zu hoben vor anderen, Nahrung, Kleidung, so wenig es auch wert ist — und mich selbst m die Einsamkeit zurückzuziehen — einsam, verlassen — o diese Welt! — Mögen andere genießen, robustere Naturen! Sie entbehren vielleicht mehr das alles, lvaS ich verwerfe. Ein Leben im Geiste führen und allmäh- lich hinsterben, sich auflösen in die Atome. Gibt eS eine andere Bestimmung für uns?" Er zog die Manschette seines Hemdes, die durch zier liche, goldene Knöpfe zusammengehalten wurde, vor, stützte die Hand auf den Oberschenkel und sah mit ge furchter Stirn vor sich hin. „Ja, warum tun Sie denn das nicht?" fragte Frau Agnes. Er sah einen Augenblick die junge Frau an, zuckte die Achseln und wandte darauf die Augen nach der Decke, als wenn dort jemand gewesen wäre, der ihn voll be griffe, dann tat er einen tiefen Seufzer. Einige Augenblicke blieb eS ganz still. Da schrak AgneS zusammen, denn sie fühlte eine Hand auf der ihren. Schnell zog sie ihre Hand zurück und musterte den jungen Mann erstaunt. „Ich wollte nur sagen", bemerkte er sanft, „daß immerhin schon eine Befriedigung darin liegt, den Un-
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