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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 08.02.1905
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1905-02-08
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19050208025
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1905020802
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1905020802
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1905
-
Monat
1905-02
- Tag 1905-02-08
-
Monat
1905-02
-
Jahr
1905
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Morgen-Ausgabe: nachmittags 4 Uhr. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Extra-Beilagen (nur mit der Morgen- Ausgabe) nach besonderer Vereinbarung. Tie Expedition ist wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis abends 7 Uhr. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig (Inh. I-r. V.. R. L W. Nlinkhardtl Nr. 71. Mittwoch den 8. Februar 1905. W. Jahrgang. -l Var lviclmgrle vom rage. * Im Kristall - Palast zu Leipzig werden außer Len üblichen Herbstveranstaltungen künftig auch Frühjahrsmärkte bezw. Ausstellungen von Motorfahrzeugen usw. abgehalten werden. (S. Leipziger Angelegenheiten.) * Der Zivillord der britischen Admiralität Lee hat gestern in Eastleigh eine zweite Rede gehalten: an scheinend offiziös wird gemeldet, daß der Zwischenfall erledigt sei. (Siehe Ausland.) * Graf Andrassv traf in Wien ein und sollte heute vormittag dem Kaiser in besonderer Audienz Bericht über die Situation geben. (S. Ausland.) * Der belgische Aus st and hatte gestern eine beträchtliche Ausdehnung gewonnen. Die Zahl der Streikenden beträgt 55000 und wird binnen drei Tagen 80 000 betragen. * In Petersburg ist eine Spezialkonferenz für die Umarbeitung derZensur - und Preßgesetze durch kaiserliches Reskript eingesetzt worden. (Siehe den Artikel über Rußland.) Vie Ztralbsrkeir ckerNiMelauzrüge. Ter Artikel von Professor Hans Delbrück in den „Preuß. Jahrbüchern": „EinReichsgerichts- urteil über Nachdruck" hat einen nainhasten Juristen, ein früheres Mitglied Les Reichsgerichts, be wogen, uns auf die Entscheidungen des Reichsgerichts in Strafsachen, 37. Band, aufmerksam zu machen. Wir finden La in dem vom 1. Strafsenat am 7. No vember 1904 gefällten Urteil folgende Gründe: Nach der richterlichen Feststellung der ersten Instanz enthält der vom Referendar Hertel in den „Preuß. Jahrbüchern" veröffentlichte, sechs Seiten lange Artikel „Ueber die Aussichten der jungen Juristen", der sich selbst als eine statistische Studie bezeichnet, Tabellen statistischer Zu sammenstellungen aus dem Terminkalender für Juristen und dann die aus der Zusammenstellung sich ergebenden Folgerungen. Ter inkriminierte, 30 Zeilen lange Artikel der „Köln. Volksztg." „erwähnt" die Arbeit Hertels, teilt dann „einzelne" der von Hertel ermittelten „Ergebnisse" mit, wobei er die in der Hertelschen Schrift zuerst aufgeführte Tabelle zum größten Teile wiedergibt, und „schließt" mit einer tn der Hertel- schen Arbeit nicht ausgesprochenen Bemerkung über die Aussichten der jungen Juristen. Das Gesetz, be treffend das Urheberrecht an Werken der Literatur usw., vom 19. Juni 1901 will die geistige Tätigkeit des Ur hebers schützen, wie sie sich auch in Zusammenstellungen statistischer und ähnlicher Art, die nicht rein mechanisch sind, sondern Gedankenarbeit erfordern, ausspricht. Andererseits erklärt 8 41 des Gesetzes auch die nur teilweise erfolgte, unbefugte Vervielfältigung oder Verbreitung eines Schrifttverkes für strafbar. Ein besonderes Recht der Tagespresse nur, Mit teilungen, wie sie sonst nach dem Gesetze vom 19. Juni 1901 verboten sind, zu machen, falls nur damit der Auf gabe der Tagesblättcr gedient wird, Besprechungen im Interesse der Allgemeinheit oder der Leser oder gewisser Kreise der letzteren zu bringen, ist aus dem Gesetze nicht zu entnehmen. Erheblich ist nur, ob der Artikel, in welchem allerdings nur einzelne Stellen oder kleinere Teile der Hertelschen Schrift mitgeteilt werden, eine selbständige literarische Arbeit ist. Eine solche selbständige Arbeit literarischer, d. h. schrift stellerischer Art hat zur Voraussetzung, daß der Verfasser eineigenes Werk, das auf eigener Geistestätigkeit beruht, schaffen will und schafft, daß er dabei die Teile des fremden Werkes nur widergibt, weil und inso weit sie der eigenen Besprechung dienen sollen, daß der Zweck und der Gegenstand der Arbeit der ist, eigne Gedanken auszusprechen, mögen sich diese auch gerade auf das fremde Werk beziehen: insbesondere sich mit einer Besprechung oder einer Kritik befassen. Wenn nun auch die Tagespresse die Aufgabe haben mag, den Lesern das für sie Wissenswerte mitzuteilen, so darf sie doch, falls es sich um die Mitteilung des Inhalts von Schrift werken andrer handelt, nicht diesen Inhalt ganz oder teil weise Nachdrucken. Es würde aber weiter ans eine Um- gehung des Gesetzes hinauskommen und es der Tages presse gegenüber nahezu wirkungslos machen, wollte man den Nachdruck gestatten, sobald er nur in die äußere Form einer Besprechung gebracht ist. Auch der erste Richter findet in dem übrigen Inhalt des Artikels eine s e l b st ä n d i g e Arbeit nicht. Deshalb war das erste Urteil aufzuheben. Soweit das Urteil. Wir wollen dessen juristische Folgerichtigkeit gor nicht anzweifeln. Aber jedenfalls gebt daraus hervor, daß dies Urteil auf die Praxis keinerlei Rücksicht nimmt, sogar zu ihr im strikten Gegensatz steht. Es gilt nicht nur als durchaus kair, sondern auch als verdienstvoll, derar tige Auszüge aus zitierten Zeitschriften zu bringen, und von einer Schädigung der Autoren kann dabei gar nicht die Rede sein. Wenn also das Urteil ausrecht erhalten wird, so bleibt nur zweierlei übrig: Eine Aenderung des unpraktischen Gesetzes oder eine Ver legerkonvention, die prinzipiell die Verbreitung von Auszügen durch die Tagespreise für statthaft erklärt. Vie Fnrir in KurKana. Die Denkschrift -es Finanz,ninistcr». Die Petersburger Telegraphenagentur bringt die amtliche Meldung: Die letz t e^n A u s st ä n d e i n P e r e r s- burg und den andern Städten Rußlands bewogen den Finanzmimster, dem K aiscr eine Denkschrift zu unterbreiten über die dringende Notwendigkeit der Ausarbeitung von Gesetzen über verschiedene Seiten der Arbeiterfrage, die bisher nicht geregelt sind, und dem Kaiser seine Ansichten über diese Fragen dar- zulegen. Alle Entwürfe des Finanzministers wurden vom Laster gebilligt und dann dem Ministerkomitee übermittelt. Es werden nunmehr die legislativen Wege beraten werden. Die Pläne des Jmanzministers lind: Es ist notwendig, die Beziehungen zwischen Fabrikanten und Arbeitern ausschließlich auf gesetzlichem Wege zu regeln und die Behörden zu nötigen, sich den Gesetzen gemätz zu ver halten. Zur Regelung der Arbeiterfrage hält der Finanz minister für nötig, den Arbeitern auf legislativem Wege das Recht zu geben, an die Maßnahmen zur Verbesserung ihres Loses mitzu arbeiten. Ferner sollen gewisse Orga nisationen genehmigt werden; es wird die Einrichtung von Krankenkassen und Bureaux zur Lösung der Lohn- und anderer Fragen geplant. Der Finanzminister hält es für möglich, die Ar o e i t s z e i t auf 10 Stunden bei Tage und 9 bei Nacht herabzumindern, ebenso den Zeitpunkt für die Einführung der A ch t st u n d e n a r b e i t festzusetzen. Zur Begrenzung der Ueberstundenzeit müßten be sondere Maßnahmen ausgearbeitet werden. Revisions bedürftig seien die Paragraphen über die Ausstände und den Kontraktbruch. Gegenwärtig werde jeder Ausstand wegen der bestehenden Geseke nicht vom ökonomischen Stand punkte aus betrachtet, sondern notwendigerweise von dem Standpunkte, daß es sich um Verstöße gegen die soziale Ord nung und Ruhe handle. Bei der Revision der gegenwärtigen Gesetze, meint der Minister, müsse man den westeuro päischen Standpunkt sich zu eigen machen, daß jeder Streik, wenn er nicht von Uebertretungen begleitet ist, lediglich ökonomischen Charakters ist und unter gewissen Be dingungen die soziale Ordnung nickt bedroht. Schließlich be tont der Minister die Notwendigkeit der Verbesserung der ärztlichen Hülfe für die Arbeiter. Diese Pläne wer den vom Minislerkomitee gleichzeitig mit der Frage der staatlichen Versicherung erwogen werden. Die Spezialkonferenz für -ie Orehreforni. Nach einem gleichfalls von der Petersburger Telegraphen agentur versandten Telegramm steht für heute die Ver öffentlichung emes kaijerlichen Reskriptes bevor, durch das das Reichsratsmitglied und korrespondierende Mit glied der Kaiser!. Akademie der Wissenschaften Wirk!. Geh. Rat Kobeko zum Vorsitzenden der Spezialkonferenz für die Umarbeitung der Zensur- und Preßgesetze ernannt wird. Ferner nehmen test die Senatoren Borowikowski, Slutschewski und Swerew, der Gehülfe des Ministers für Volksaufklärung Lukianow, der Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften Nikitin, der ordentliche Akademiker Kljutschewski, das Ehrenmitglied der Akademie der Wissen schaften, Senator Loni, Hofmeister Graf Golenitschew- Kutusow, Wirk!. Staatsrat Arseniew, der Redakteur des „Europäischen Bolen", Stassiulewitsck, der Redakteur des „Graschdanin", Fürst Mestscherski, der Redakteur der Zeitung „Kiewlianin", Professor Pichno, der Herausgeber der „Nowoje Wremja" Suworin, außerdem verschiedene Vertreter der interessierten Ressorts. Die Sitzungen be ginnen nach zehn Tagen. — Wie weiter gemeldet wirb, sagte der Vorsitzende der Spezialkonferenz, seine x>ia äesickeriu seien die Abschaffung der Präventiv zensur für die Zeitungen und die Vereinigung der Zeniur in der Hand einer Behörde, daher die Abschaffung der geistlichen Zensur: das geistliche Ressort könne dann einen Vertreter in die Obervreßverwaltung schicken. — Das kaiserliche Reskript, durch das Kobeko zum Vorsitzenden ernannt wird, bebt hervor, daß die literarische Tätigkeit des Genannten und seine nahen Beziehungen zur Literatur die Veranlassung zu dieser Ernennung seien. Der Kaiser gestattet, daß Kobeko ihm, sobald er es für gut befinde, unmittelbar Bericht erstatte, und erteilt ihm weitgehende Vollmachten, Personen, von denen Nutzen für die Sache zu erwarten sei, zu der Konferenz hinzuzuziehen. Endlich spricht der Kaiser die Erwartung aus, daß die Erfahrung Kobekos in den Staatsgeschäften und seine Unparteilichkeit einen schnellen und erfolgreichen Abschluß der Konferenz herbei führen würden. Lin^ Ran-bemerk na -e» Aaren. Auf dem Bericht des Staatssekretärs von Finland über die Tötung des finländischen Senatsprokuratours Johnsson hat, wie aus Petersburg gemeldet wird, der Kaiser die Randbemerkung gemacht: „Ein empören des Verbreche n." Die Situation in Petersburg. Ein Teil der Arbeiter der P u t i I o w - W e r k e ist neuerdings in den Aus st and getreten. Die Streikenden suchen ihre Kollegen zu bewegen, sich mit ihnen solidarisch zu erklären. — Eine Versammlung der Rektoren beschloß auf Anordnung Trepows, die Vorlesungen an den Petersburger Hochschulen am 28. Februar wieder aufzunehmen. — Der „Petit Parisien" meldet aus Petersburg, der Polizeipräfekt habe seine Demission ge geben. Trepow werde den Titel eines Chefs der Re - gierungspolizei annehmen. Der neue Minister d e s I n n e r n ist ein eifriger Anhänger der Repressiopolitik, deren Reformator seinerzeit Plehwe gewesen. Bulygin erklärte, keinem Ministerrat beiwohnen zu wollen, der sich mit Reformen beschäftige. Er soll sogar die Absicht haben, seine Demission einzreichen, wenn der Zar seinen Rat schlägen kein Gehör schenke. <6apsa. Man hat bisher keine Anhaltspunkte dafür, daß Priester Gapon tatsächlich in Paris eingetrosfen sei, viel wahr scheinlicher ist. daß er die Schweiz zum Aufenthalte ge- wählt hat. Die „Petit R^publigue" veröffentlicht folgende Meldung aus Zürich: „Wir können aus bestimmter Quelle versichern, daß es Gapon gelungen ist, der Polizei des Zaren zu entkommen, und daß er nunmehr in voller Sicherheit in der Schweiz ist." Der Lehrer Gavons im Seminar von Poltawa, Ivan Tregubow, welcher in Paris weilt und kürzlich in einem Meeting vorgestAlt wurde, gibt im Blatte Struves, der „Oswoboschdenye", folgende Mitteilungen über Gapon: „Gegen 1890 war ich Prozessor am geistlichen Seminarium in Poltawa und hatte dort Georg Gapon zum Schüler. Er war ein Bauernsohn, gebürtig aus einem Dorse des Gouvernements Poltawa. Als ich ihn kennen lernte, war er fünfzehn bis siebzehn Jahre alt, ein intelligenter, lebhafter, nachdenklicher Jüngling. In der Schule zählte er zu den besten Schülern und war sehr wiß begierig. Ick gab ihm Bücher, unter anderen die damals in Rußland verbotenen Werke Tolstois, welche als Hand schrift zirkulierten und welche ich mit vielem Eifer unter den lungen Priestern verteilte. Diese Schriften riefen auf, meine Schüler denselben Eindruck hervor, welchen fie auf mich selbst ausübten. Als ich das Seminar verließ, verlor ich Gapon nicht ganz aus den Augen. Ich weiß, daß er seine Studien an der Theologischen Schule von Petersburg fort setzte und Beziehungen mit Anhängern Tol stois im Gouvernement Poltawa aufrecht erhielt, Der friedliche Streik und die Volkskundgebung ohne Waffen, welche er unter den Arbeitern von Petersburg organisierte, bewiesen mir, daß er den Ideen treu geblieben war, die uns vor fünfzehn Jahren gemeinschaftlich waren und die sich mehr und mehr im rusischen Volke verbreiten. Die russische Re gierung hat mich wegen dieser Propaganda gezüchtigt und würde auch Gapon zu treffen wissen, wenn er noch am dieser Welt ist." Fürst Lrubetzkoy, der Adelsmarschall des Gouvernements Mos kau, hat der von dem Adel beschlossenen Adresse an den Kaiser eine persönliche Erklärung hmzugesügt, in der er sagt, es gibt keinen Augenblick, in dem nicht der Untertan in einen Zusammenschluß zwischen dem Selbst herrscher und seinem Volke denken müsse: „Der Krieg und die inneren Unruhen erhöhen die Notwendigkeit dieser Union. Tas Ziel ist, nicht die Negierungsform vollständig zu ändern, sondern die Verwirklichung der höchsten Ideale der-russischen Nation. In einer engen Verbindung zwischen Kaiser und Natron sehe ich einzig und allein eine Beschwichtigung der Gemüter und etne normale Entwicklung des Vaterlandes." Der Streik in Warschau. Trotz des zwischen den Fabrikanten und Arbeitern her- beigeführten Einvernehmens o auert, wie aus Warschau telegraphiert wird, der Aus st and in ewigen Fabriken fort. Infolge des Ausstandes der Gr uv en- ar beiter macht sich großer Kohlenmangel fühl bar; die Zufuhr hört auf. An der Kohlenbörse werden keine Geschäfte abgeschlossen; in den Kohlenlagern sind die Preise um 60 bis 70 Prozent erhöbt. — Gestern hat in Wlozlawek der allgemeine Aus st and begonnen. Säml.iche Fabriken und Schulen sind geschlossen. Die Hal tung der Ausständigen ist ruhig. — Die kleineren Fabriken von Lodz haben die Arbeit wiederaufaenommen. Tie Eisenbahnbehörde übernimmt die Verantwortung für rechtzeitige Beförderung und Ablieferung der Waren. In Traurkaukasien. Aus Jelissawetpol meldet ein Telegramm: Auf der hiesigen Station haben 200 Arbeiter, denen sich die Weichensteller und Wagenschieber anschlossen, die Arbeit eingestellt; sie fordern Lohnerhöhung und Ver minderung der Arbeitsstunden. Die Nachtzüge sind eingestellt worden. Die Station wird milt- tärisch bewacht. Der österreichische Llsyb gibt bekannt, daß wegen des Ausbruchs des Streiks in Batum und der Unmöglichkeit, dort Waren zu löschen, bis auf weiteres die Schiffe der Gesellschaft den Hafen nicht anlaufen. In, russisch-preuhifchen Grenzdistritt. Nach einer Depesche der „Voss. Zlg." aus Kattowitz wurden in der vorgestrigen Arbeitgeberlonferenz in Kielce Arbeiterforderungen rundweg abgelehnt. Fort während rückt neue s Militär ein, 12 000 Soldaten sind bereits im Tombrowarevier. — Wie ein wohl aus Sos now i c e stammendes Telegramm des „B. T." besagt, lehnte eine Versammlung der Industriellen die Forderungen der Streikenden ab. Das Militär ist auf 4000 Mann erhöht worden; der Kommandierende hat das Stand recht proklamiert; die Fabriken wurden militärisch besetzt. — Im Gebiet von Dombrowa wurden 6000 Mann Militär zusammengezogen. Die Regierung hat proklamiert, daß aus Ansammlungen von drei Personen ohne weiteres geschossen werden soll. Feuilleton. Frauchen. Roman von Felix Freiherr von Stenglin. Nalbdruck verboten. Agnes schüttelte den Kopf. Nein, sie wollte gewiß nicht zu diesen geistig Armen gerechnet wendenI Die erhabensten Gefühle jagten durch sie hin, und sie schämte sich, daß sie fast abtrünnig geworden wäre. Flüchtig, nur wie ein kleiner Sckfatten, kam der Gedanke an Tante Lottes Brief ihr zurück. Als wenn Valeska ihre Gedanken erraten hätte, sagte sie: „Und glaubst du denn, daß sie eine glückliche Ehe führt?" „Tante Lotte?" fragte Agnes betroffen. „Ja, deine Tante Lotte. Nach ihrer Art, niog sein, weil sie's nicht besser versteht. Diese Frauen, diese so genannten guten Hausfrauen, die keine freieren Regungen kennen, sind selten die geistig ebenbürtigen Genossinnen des Mannes, und das ist dock) in einer Ehe das erste Er fordernis." „Das erste!" gab Agnes überzeugt zu. „Ich wette drauf, dein Onkel schätzt seine Frau als Wirtschafterin nach Verdienst ein, aber er kümmert sich nicht im mindesten um sie, wenn es seine Angelegenheiten durchzudenken gilt. Und du! Willst du auch nichts sein als Walters Wirtschafterin?" „O pfui, Valeska! Ich bin durch Tante Lottes Brief einen Augenblick an mir irre geworden, aber jetzt brauchst du nichts mehr zu befürchten", sagte sie würdig und stolz. Sie berieten nun ernstlich und eingehend darüber, welche Tätigkeit Agnes sich wohl schaffen könne und kamen überein, daß es zunächst ziemlich gleick>gültig sei, ob sie viel verdiene. Es sei vor allem wichtig, erst einnial das Prinzip zur Geltung zu bringen, und selbst eine be scheidene Stellung in einem Kontor würde für den Anfang genügen. Agnes müsse nur zeigen, idaß sie fähig und willens sei, sich auf sich selbst zu stellen. Beide waren sich aber auch «darüber klar, daß Agnes gerade — und dies ebenfalls des Prinzips halber — eine Tätigkeit wählen müsse, die gewöhnlich von Männern ausgeübt werde. „Neustadt wird natürlich auf dem Kopf stehen", meinte Valeska, „aber das Beispiel wird Mauern um reißen." Und Agnes geriet in freudige Erregung bei dem Gedanken, daß sie berufen sei, dies Beispiel zu geben. Auguste kam herein und verlangte Geld für den Büchsenspargel, doch Agnes erwiderte, es sei nicht nötig, ihn zu besorgen, sie hätte sich anders besonnen. 5. Ein paar Tage später war es, als Weiter gegen Abend von der Kaserne zurückkam. Als er den Flurschlüssel aus der Tasche zog, merkte er, daß die Tür offen war. Er trat ein, alles war dunkel und still. Vergehens rief er nach dem Burschen, nach den Mädchen, nach Willy. Nur die Kleine lag ruhig in ihrem Bettcben und schlief. Jetzt suchte Walter nach Streichhölzern, ohne sie zu finden. Auch auf seinem Schreibtisch tastete ec vergebens umher. Er war zwar an die Tatsache gewöhnt, daß diese kleinen gelben Schachteln spurlos verschwanden, aber daß in der ganzen Wohnung keine aufzutreiban ivaren, ge hörte immerhin zu den Ausnahmefällen. Lemm kam, er verfügte noch über eine fast leere Schachtel, jetzt aber stellte sich heraus, daß auf den Lampen kein Petroleum war. Auguste wäre vor einer Stunde fortg-egangon, sagte Lemm, es könnte sein, daß sie Petroleum mitbringe. „Vielleicht — vielleicht auch nicht! Wir wollen's an den Knöpfen abzählen", meinte Walter ironisch. „Und Minna?" „Ich weiß nicht, Herr Hauptmann. Vor zehn Minuten tvar sie noch hier." Wolter nxu in Versuchung, zu fragen: Und meine Frau? ... Er brauchte nicht zu fragen. Trotz seines ausdrücklichen Verbotes war sie mit Valeska in eine Ver sammlung der Karton-Arbeiterinnon gegangen. Sie widersetzte sich offen der Bestimmung des Ehegatten! Ja, n-as bedeutete er denn überhaupt noch hier im Hause? Ein wilder Trotz überkam ihn. Soviel Besinnung besaß er noch, Lemm die Fürsorge für die Kleine anzu empfehlen, dann nahm er Mühe und Degen und verließ die Wohnung, die ihn so unfreundlich, dunkel und leer empfangen hatte. Als er fort toar, kam Lemm der Gedanke, daß auf der hohen Stehlampe im Salon wohl noch von der letzten Gesellschaft Ker Petroleum fein könne und seine Ver mutung erwies sich als richtig. Er zündete die Lampe an, die nun ihren grellen Schein durch den Raum und durch die aufstehende Tür in den Flur fallen ließ. Lemm gedachte seiner Vorpflichtung und begab sich an Las Bett der kleinen Ilse. Da saß er und lauschte ihren Atemzügen, seine Gedanken aber gingen weit fort, er iah sein Heimatdorf inmitten grüner Wiesen liegen, sah den kleinon Hof des Vaters vor sich, den Obstgarten, die Sonnenblumen im Vordergarten, dachte an Saat und Ernte, an die Sonntage zwischen den Foldern und den Tanz beim Erntefest, und alles, was er hier kennen ge- lernt lxrtte, die gepflasterten Straßen mit den langen Häuserreihen, die Menickven mit ihren sonderbaren Be dürfnisien, der ganze Hanslxrlt hier mit seinen Eigen- tllmlickkeiten — alles vcrschnxmd vor ihm. Nur er und das Kind waren da und seine einfachen Erinnerungen und Hoffnungen. Schäften von früh bis spät, sein Mäd- chen lieben, -Heiraten, Kinder aufzielxm und endlich müde ins Grab sinken, auf dem Torfkirchhof ireben all' den ver- gangenen Gesckckechtern, — das war, lvas sein mußte und imnier wieder sein würde, alles andere war neben sächlich fremd, gleickigültig. Zweifel über den Zweck des Lebens kannte er nicht. Und er befand sich sehr, sehr wohl dabei. Das Kind fing an, sich zu regen, dann war es einen Augenblick ganz still, aber Lemm glaubte zu spüren, daß es wach sei. Plötzlich sagte es laut und deutlich: „Mama!" „Na, du?" Lemm dachte, wie nett es wäre, auch erst so eines zu haben. Das stand dann im Wagen draußen, wenn die Frau das Vesperbrot horausgebracht halte. Eine Art Zärtlichkeit für dies kleine Wesen, dock
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