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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 08.05.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-05-08
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000508027
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900050802
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900050802
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-05
- Tag 1900-05-08
-
Monat
1900-05
-
Jahr
1900
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Ueber den Gesetzentwurf selbst, der für eine ReichS- subvention von 1 350 000 „L einem deutschen Unternehmer die Einrichtung und die Unterhaltung einer vierzehntäglichcn Postdampfschiffsverbindung mit Ostafrika und einer vier wöchigen mit Südafrika überträgt, entspann sich eigentlich gar keine Debatte. Die Zeiten sind eben vorüber, m denen der Gedanke der Dampfersubventioii mit Heftigkeit nicht nur von den Parteien der Linken bekämpft wurde. Zu Widersprüchen gaben gestern nur die erste der beiden von der Commission der Vorlage hinzugesügten Resolutionen Anlaß, die den Ausschluß laucwirthjchastlicker Concurrenz- producte (mit Ausnahme von Wolle, Tabak, Häuten und Fellen) von der Rückfracht der Postdampser nach den deutschen, belgischen und holländischen Häfen wünscht. Und womit wurden die von socialdemokratischer und freisinniger Seite erhobenen Einsprüche begründet? Mit Argumenten, die für die Dampsersubvention sprechen. Kein Freund der Letzteren Kälte mit so viel Feuer von dem hohen Zwecke der Dampfer subvention, dem deutschen Welthandelsiuteresse zu diene», sprechen können, als Herr Bebel, der gegen die „agrarische" Resolution nichts einzuwenden wußte, als daß sie eben jenem Koben Zwecke hinderlich sei. Aber damit nicht genug: Herr Bebel nahm sich der zukünftigen wirthschaftlichcn Entwickelung der deutschen Colonien mit einer Begeisterung an, wie man sie auf der anderen Site niemals erlebt hat. Von Ostafrika sei ja „einstweilen" nicht zu erwarten, daß cs unS erfolgreich Concurrenz machen werde, aber im Westen liege es anders, da werde eine landwirthschastliche Masseu- production einsetzen, der man den Absatz nickt einschräuken könne, ohne die Zukunft der Schutzgebiete zu gefährden. Aber dieser Versuch, die Resolution zu Falle zu bringen, um da durch den Agrariern die Dampfersubbention zu verekeln, schlug fehl; die Resolution gelangte ebenso zur Annahme wie die andere, die dem Wunsche einer größeren als der bisher vorgesehenen Fahrgeschwindigkeit Ausdruck giebt. Es blieb dann noch so viel Zeit, einige Paragraphen deS Gewerbe-UnfallversicherungSgesetzeS unter Ver werfung aller von verschiedenen Seiten gestellten Abänderungs vorschläge nach den Couimissionsbeschlüssc» zu erledigen. Neun Zehntel der Paragraphen dieser Theilvorlage der Unfall versicherungsnovelle harren aber immer noch der Special- berathung, und da deren Fortsetzung heute durch die Be sprechung der conservativen Interpellation wegen der ge mischten Transitläger unterbrochen wird, so ist weniger als je abzusehen, wann die Novelle unter Dach und Fach gebracht werden kann. Zn den Betrachtungen der Presse über die Berliner Festtage und die Gründe, die ihnen eine weit über den Cbarakter einer Familienfeier hinausgehendc Bedeutung gab und einen so glänzenden Verlauf sicherte, vermissen wir den Hinweis darauf, daß der Wunsch, mit Deutschland und den Trägern der deutschen Kaiserkrone in freundschaftlichen Beziehungen zu stehen, schwerlich in dem Umfange zum Ausdruck gekommen sein würde, in dem er tbatsächlich zum AuSdrucke gelangt ist, wenn nicht im ver flossenen Jahre auf Anregung unseres Kaisers die verbündeten Regierungen jenes Werk in Angriff genommen hätten, daS Deutschland auch auf dem Meere jene Stärke geben soll, die cs zu einem erschntereu Bundesgenosse» als je macht. Jedenfalls wäre am 6. Mai die Stimmung der kaiserlichen Familie, ihrer bohe» Gäste und ter reichsstädtische» Bevölkerung eine so gehobene nicht gewesen, wenn nickt die Flottenfrage wenigstens theilweise und in der Haupt sache als gelöst anzuseheu wäre. Diese Lösung um- giebt nicht nur das Haupt deS jetzigen Trägers, sondern auch ras des künftigen Erben ter deutschen Kaiserkrone mit einem neuen, über den ganzen Erdball sichtbaren Schimmer, der auch auf die Berliner Festtage verschönend einwirken mußte. Daß auch solche Kreise, die der Flotten verstärkung übelwollend oder wenigstens verschleppungssüchtig gegenüberstanden, sich jetzt gehoben und befriedigt fühlen, geht Wohl am überzeugendsten daraus hervor, daß die „Ger mania" in ihrer wissenschaftlichen Beilage einen mit lateinischen Citaten aus Augustinus, Thomas von Aquino :c. reich gespickten Artikel eines BrcSlauer PrvsessorS abdruckt, worin eS u. A. heißt: „Ein Staatsoberhaupt, welches unermüdlich für das Wohl seiner llnterthaneu wacht, hat seine warnende Stimme erhoben, um sein Volk auf die Gefahren der Zukunft aufmerksam za machen. Ta ist ein Staat, der des Seehaudels nicht entbehrt, sondern vielmehr mit bewuuderungswerthcr Ausdauer und Zähigkeit sich schon die qualitativ zweitgrößte Handelsflotte der Welt ge schaffen hat; ein Staat, der auch des Seehaudels nicht ent behren kann, da er eine ausgezeichnete Küstculage besitzt: ein Staat, der seine civilisatorische Kraft durch Erwerbung von großen colonialen Gebieten erwiesen hat, so daß er sogar als vollberechtigter Erbe einer früheren großen Seemacht auftreteu konnte; ein Staat, dessen Stimme im Rathe der Völker stets gehört wird und gehört werden muß; ein Staat, der Tausende und Abertausende seiner LandeskinLer, Missionare und Kaufleute, im Auslande zu be schützen hat; ein Staat aber auch, der Neider und Feinde zu Wqsser und zu Lande in Fülle zählt — und ein solcher Staat sollte eines entsprechenden Schutzes seiner Handelsflotte, seiner Küsten, seiner Missionare, seiner Machtstellung zur See überhaupt entbehren? Deutschland ist eine Einheit, und diese Einheit begehrt nach einem wirklichen und genügenden Schutze auch zur See. Tie Staaten, welche Deutschland aggregirt sind, ohne eine Seelüfte zu besitzen, nehmen trotzdem an dem allgemeinen Nutzen Theil, der aus dem Ceehandel jener deutschen Staaten entspringt, welche sich einer Seelüfte erfreuen; sic nehmen auch Theil au der Machtentsaltung Les kraftvollen einheitlichen deutschen Reiches. Und daher haben sich ihtt Staatsoberhäupter mit den Landesherren der deutschen Seestaaten vereinigt, nicht in dem Verlangen nach einer LuxuLslotte — denn jeder Luxus wäre überflüssig und schädlich —, sondern in dem durch alle Um- stände gerechtfertigten Ruf nach einer starken deutschen Flotte, die dem Schutze des deutschen Handels und der Wahrung der deutschen Machtstellung in der Welt genügt. Tas deutsche Volk würde irre gehen, wenn es nicht mehr der wohlgemeinten Sorge ! und Sorgfalt feiner Herrscher Vertrauen cntgegenbrächte. Allein das kann nicht geschehen, auch hier wird die Stimme der Vernunft, s nicht die Stimme der Partei siegen, getreu jenem Worte, welches der Einhritsbegeisterung entquoll: Ter König rief, und Alle, All« käme». DaS Erfreulichste an dieser Auslassung ist jedenfalls die Aussicht, die sie auf die Haltung klerikaler Kreise zu der jetzt auf die lange Bank geschobenen Vermehrung unserer Aus land Sschiffe eröffnet. Hat der Verlauf der soeben be endeten Berliner Festlichkeiten auch diesen Kreisen einen neuen Beweis dafür erbringen müssen, daß Deutschland trotz der bereits gesickerten Verstärkung seiner Seewehr ein Hort deS Friedens bleiben will, so wird man sich auch der Ueberzeugung nicht verschließen können, daß man nur denselben Zwecken dienen hilft, wenn man kommt, sobald der Kaiser zur Voll endung deS begonnenen Werkes ruft. Der „Privat-Diplomat" Frankreichs, Herr Valsrey, macht im „Figaro" seiner Verstimmung über den Verlauf der Berliner Feste durch die Fortsetzung seiner scurilen Be mühungen Lust, bei Italien und Oesterreich Verstimmunz gegen Deutschland hervorzurufen: er wärmt auch heute zum so und so vielten Male das Märchen auf, daß zwar der Kaiser von Oesterreich nach Berlin eingeladen worden sei, aber nicht der König von Italien; und Herr Valfrey nimmt, um den österreichischen Monarchen gegen Deutschland aufzubringen, seine Zuflucht dazu, daß er an die österreichischen Niederlagen des Jahres 1866 erinnert! Auf einem ungleich höheren politischen Niveau als solche knabenhaften Nichtigkeiten steht die Würdigung, welche das „Journal deS Döbatü" der Berliner Kaiserbcgegnung widmet. Nachdem cs die bekannten Gerüchte über drohende Balcanverwicklungen und beabsichtigte Intervention wegen des südafrikanischen Krieges als „reine Phantasie" bezeichnet hat, fährt es wörtlich fort: „Die Familienfeier in Berlin ist kein Vorwand, und wenn, wie es natürlich ist, die Souveräne und ihre Minister sich über die sie interejsirenden internationalen Angelegenheiten unterhalten, kann man glauben, daß bei Liefen Zusammenkünften nichts ist, was den Weltfrieden stört. Er scheint gegenwärtig in keiner Weise bedroht zu sein. Ticie glückliche Ruhe schreibt Wilhelm II. in seinem Trinkspruch auf den Kaiser von Oesterreich dem Drei Kunde zu. Es ist nicht sicher, daß der Dreibund immer so friedliebend war, wie man es heute in Berlin sagt, und wir erinnern uns einer Zeit, da eines seiner Glieder wenigstens i» ihm nur ein KricgSwerkzeug gegen einen Nachbarn sah, den zu erniedrigen sein Traum war; ober feit dem erzwungenen Rücktritt Crispi's haben abweichende Tendenzen die Oberhand bekommen: Deutschland, zufrieden mit seiner Situation, hat kein Interesse, sich in Abenteuer zu stürzen; Oesterreich verbietet dies sein innerer Zustand, und Italien hat begriffen, daß es im Verfolgen einer in Bezug auf Frankreich zänkischen Politik nichts zu gewinnen hatte. Wir geben gern zu, daß der Dreibund, vor Allem gegenüber neu gebildeten Gruppirungen, den aggressiven Charakter verloren hat, den man viele Jahre lang ihm leihen konnte." Hierauf läßt daS „Journal deS DebatS" einen Hymnus auf die „alliaueo t'rauco-russo" folgen, von der eS unter Anderem sagt, daß sie nur das nothwendige Gegengewicht gegen den Dreibund habe bilden wollen. Wir lassen den letzten Punct unerörtert. Auf die Anerkennung der friedlichen Natur des Dreibundes aber sei umso nachdrücklicher hingewiesen, als in der französischen Presse nur zu häufig der Dreibund als Friedensstörer geschildert wird. Freilich ist auch die Dar stellung des „Journal deS DebatS" insofern falsch, al- sie besagt, daß der Dreibund seinen aggressiven Charakter „ver loren" habe. Der Dreibund hatte zu keiner Zeil einen aggressiven Charakter, und der Hinweis des „Journal des DebatS" auf Crispi hat mit Thatsachen gar nichts zu schaffen, sondern entspricht lediglich der alten franzö sischen Feindseligkeit gegen den deutsch-freundlichen Staats mann. Die Legende von Anschlägen, die CriSpi gegen Frankreich plane, tauchte schon zu jener Zeit auf, als er — es war am l. October 1887 — dem Fürsten Bismarck in Friedrichs ruh einen mehrtägigen Besuch gemacht hatte. Schon damals hat CriSpi auf einem großen Banket in Turin (25. October 1887) jene Beschuldigungen in einer meisterhaften Rede zurückgewiesen, indem er u. A. sagte: „Man hat behauptet, wir Kälten unS verschworen in FriedrichSruh. Mag sein, mir, dem alten Verschwörer, ver ursacht das Wort keine Angst. Ja, wenn man will, wir haben unS verschworen, aber für den Frieden, und deshalb können Alle, die dies höchste aller Güter lieben, sich anschließen an unsere Verschwörung. Von den denkwürdigen Aussprüchen, welch- ich (in FriedrichSruh) gehört habe, gestattet mir die Ver schwiegenheit nur einen von ihnen anzusühren, der gethau ward, als ich Abschied nahm. Ich will ihn nicht ver schweigen, denn in ihm saßt sich unsere ganze Besprechung zusammen. Er lautet: „Wir haben Europa einen Dienst erwiesen." — Wenn man in Italien jetzt durck daS „Journal deS DebatS" alte Fabeln wieder aufgefrischt sieht, wird man sich jedenfalls auch der vorstehenden Worte deS greisen italienischen Staatsmannes erinnern. lieber die Amerikaner in Siam wird der „Welt-Corr." aus Bangkok, 1. April, geschrieben: Wenn Deutsch land jetzt auch hier in Siam den ihm gebührenden Platz in der ersten Reihe der Völker einnimmt, so ver dankt es diesen Erfolg stiller ehrlicher Cultur- arbcit; die deutsche Politik konnte bisher nur relativ wenig dazu thun, da sie in Folge ihrer strengen Grundsätze in ihrer Bewegungsfreiheit etwas eingeengt ist. Es ist nun für unS besonders interessant, das Verhalten und die Politik der Amerikaner in Siam zu beobachten, weil man ihr Verfahren im Ganzen etwa als daS Gegenbild deS deutschen Vorgehens bezeichnen kann. Amerikaner ist hier gleich bedenkend mit Missionar; denn eS giebt nur sehr wenige, die nicht als Missionare oder doch in nächster Verbindung mit solchen ins Land gekommen sind. Welchen Erfolg ihre MissionSthätigkeit hat, entzieht sich unserer Bcurtheilung. Zn sehr vielen Fällen begnügen sich aber die Missionare nicht mit der Scelenrettung, sondern sie vermitteln auch wohl einmal ein kleines Handelsgeschäft; ja bei einigen ist das zur Hauptsache geworden, wie auch thatsächlich ver schiedene Handelsgesellschaften und Geschäftsunternehmungen von offensichtlich bedeutendem Umfange von solchen frommen Herren inS Leben gerufen worden sind und betrieben werden. Da sie nun nicht allein auf Kosten ihrer Missionen hierher kommen, hier leben und ihre häufigen Urlaubvreisen macken, sondern auch ihre Maaren auf ein zelnen Linien als Missionsgüter zu ermäßigten Frachten be fördern können, so liegt es aus der Hand, daß sie mit der I üdrigen und eigentlichen Geschäftswelt hier nicht auf be- I sonders gutem Fuße stehen. Das ist etwa die Art der I amerikanischen Arbeit hier zu Lande ; man wird sie FeuiHstsn. -s Anter egyptischer Sonne. s Roman aus der Gegenwart von Katharina Zitelmann. Nachdruck vcrl'olcu. Harald spielte erfolgreich den Oavaliero 8elvvuto; er suchte einen Tisch, bestellte Erfrischungen und gefiel sich eine Weile in seiner Rolle, stolz darauf, Ritter einer Dame zu sein, die selbst hier, wo es reizende Erscheinungen in Menge gab, noch alle Blicke auf sich zog. Auch kam eine ganz lustige Plauderei zu Stande, sobald er sich entschloß, auf den ihm wohlbekannten witzelnden Gesellschaftston Fräulein von Umsattel's einzugehen. Sie übte scharfe Kritik an den Vorüberwandelnden, die ihr ganzes Inter esse in Anspruch nahmen, und Mrs. Summers lachte fort während über ihre treffenden und beißenden Bemerkungen und über die Art, wie Harald ihr secundirte. Als aber Fräulein Kunigunde, auf das vormittägliche Gespräch zurückkommend, wieder von einem den Umsattels verwandten Grafen zu reden begann, faltete er bittend die Hände und rief mit tiefem Seufzer: „Gnädiges Fräulein! Wir sind in Egypten. Lassen Sie Ost- und Westpreußen und Pommern und die Mark dazu im Schnee begraben liegen und freuen Sie sich des Sonnenlichts, das uns scheint!" Sie blickte ihn fragend und befremdet an. „Wirklich", fuhr er lebhaft fort, den Hut abnehmend und sich über die Stirn und das militärisch kurz verschnittene Haar fahrend, — „ich bekomme wieder Nervenzufälle, wenn ich noch mehr von Deutschland hören muß. Ich mag nicht!" Fräulein von Umsattel machte ein empfindliches Gesicht. „Es thut mir sehr leid, Sie gelangweilt zu haben", entgegnete sie. »Ich fitzte mehr Interesse für Heimath und Freunde bei einem deutschen Baron voraus." Er fühlte, daß seine Antwort etwas energischer ausgefallen war, als er beabsichtigt hatte, und betheuerte, daß es die mittäg liche Politik, nichts weiter sei, das ihn verstimmt habe. Doch merkte er wohl, daß sie gar kein Berständniß für die Schilderung der Scene besaß, die er zu seiner Entschuldigung zum Besten gab. Mrs. Summers lachte indeß in ihrer gehaltenen Weise und sagte mit einem süßen Blick mitleidig: Uanr )lr. Sperber! Dann, in dem Wunsch, das Thema zu wechseln, fragte sie ihn, ob er auch die Nilreisr zu machen beabsichtige, und erzählte ihm, daß sie schon längst Billets zum Sonnabend bestellt habe. Es sei ihr jetzt fast leid, da alle ihre Bekannten mit Eook gingen, doch sie hätte sich eine kleine Gesellschaft so hübsch gedacht und daher, dem Rathe römischer Freunde folgend, bei Stangen Plätze bestellt, der die Gazcschiffe benutze. Mit lebhaftem Bedauern, daß es ihm nicht vergönnt sei, an der Fahrt auf demselben Schiffe theil- zunehmen, berichtete er nun, daß er schon einen ihrer Mitpaffa- giere kenne, und erregte der beiden Damen lebhaftes Interesse für Wildau. Mrs. Summers wollte sich durchaus nicht damit zu frieden geben, daß Harald abgewiesen worden sei, malte sich die Nilreise in seiner und Wildau's Gesellschaft immer wieder in glänzenden Farben aus und erklärte, daß sie noch einmal ihr Heil bei Gaze versuchen werde. Vielleicht thue er ihr als Lands mann den Gefallen, einen Platz für Sperber zu schaffen. Wie liebenswürdig, wie freundlichen Gemüthes war die Frau! Sie dünkte ihn noch besser als schön! Harald meinte nie etwas Lieberes und Schöneres gesehen zu haben. Wenn sie nicht sehr klug war — so glichen doch ihre Vorzüge den Mangel reichlich aus! In diesem Augenblick kamen zwei lange junge Engländer an den Tisch geschritten, um Mrs. Summers zu begrüßen. Diese schüttelte ihnen freundschaftlich die Hände und stellte sie als Mr. Alfred und Mr. James Burnett vor. Sie lüfteten ein klein wenig den Hut und rückten sich, zum Sitzen aufgefordert, Stühle an ihrer Landsmännin Seite, diese in eine englische Unter haltung ziehend und die übrigen Anwesenden vollständig igno- rirend. Fräulein von Umsattel indeß, die sehr gut englisch sprach, begann ihrerseits sich einzumischen, während Harald, der seine mangelhaften Sprachkenntnisse verwünschte und sich scheute, sich vor den Fremden eine Blöße zu geben, schnell entschlossen das Feld räumte und mit dem Versprechen, in einer halben Stunde zurückkehren zu wollen, sich empfahl, die Engländer ebenfalls übersehend, als seien sie Luft. Er ging auf das Schloß zu, ein sehr umfangreiches, präch tiges Gebäude, das, von deutschen Architekten erbaut, bei der Er öffnung des Suezcanals im Jahre 1868 die fürstlichen Gäste des Khediv Ismail, unter ihnen den deutschen Kronprinzen, aus genommen hatte. Seit einigen Jahren hatte eine Actiengesellschaft ein Hotel darin eingerichtet. Harald schritt die prächtige Freitreppe im Vestibül empor — die Besichtigung der Gesellschaftsräume stand Jedermann frei — und durchwanderte die herrlichen, in maurischem Stile gehaltenen Säle, die mit orientalischem Lurus ausgestattet waren. Nun betrat er ein Gemach, aus dem ihm die Töne eines Claviers entgegen klangen. Am Flügel in der Nähe der Fenster saß eine Dame, die er sogleich als Fräulein Salinas erkannte. Entweder war sie so vertieft in ihr Spiel, daß sie seinen Eintritt gar nicht bemerkte, oder sic war so gewohnt, Fremde den Saal durchschreiten zu sehen, daß sie sich dadurch nicht stören lassen mochte. Sperber indessen stand überrascht still und ließ sich dann leise auf einem der Sessel an der Thüre nieder, um zuzuhören. Die merkwürdig selbstvergessene Art, in der das junge Mädchen spielte, war ihm auffallend und inter essant. Sie hatte keine Noten vor sich, sondern phantasirte, und ihr dunkles Auge war geradeaus gerichtet, als sähe es in unbe kannte Fernen. Es lag eine tiefe Schwermuth in dem Gesicht, das Harald heute plötzlich nicht schön, aber bedeutend erschien. In der stark gebogenen Nase und dem fest geformten Kinn ver- rieth sich so viel Willenskraft — er wunderte sich, daß er das junge Mädchen an dem Abend in Alexandria nicht mehr beachtet hatte. Und dazu ihr Spiel! Es schien ihm meisterhaft. Ob cs technisch auf der Höhe stand, das zu beurtheilen, fühlte er sich nicht berufen; aber ausdrucksvoll, ergreifend war es. Eine leidenschaftliche Seele, eine tiefe Innerlichkeit sprachen daraus, die ihn anzogen und bewegten. Was war's nur, das sie spielte? Ein paar Mal glaubte er bekannte Weisen zu vernehmen; doch bald verschwanden sie, lösten sich auf in fremdartige Melodien oder gingen unter im Gewoge der Harmonien. Wohl eine Viertelstunde lauschte er schweigend, allerlei Ge danken und Träumereien hingegeben. Da draußen ganz nahe das glänzende Treiben der internationalen Welt: die Elite der Schönheit, Vornehmheit und des Reichthums aller civilisirten Völker auf engem Raum vereinigt, — und hier in der Stille in schlichtem Kleide eine Erbin von Millionen, die in leidenschaft- durchzitterten Tönen ihrer Seele Worte lieh. Sie war doch jung, hatte Ansprüche an das Leben, kam fern her aus der Abge schiedenheit einer amerikanischen Farm — und zog sich zurück von dem Markte der Eitelkeiten, als ginge er sie nichts an? Seltsam, daß ihm dies Wort plötzlich in den Sinn kam. War er denn nicht selbst auf diesem Markte zu Hause? Füllte der Handel mit Eitelkeiten nicht den größten Theil seines Lebens aus? — Auf wie sonderbar schwermüthige Gedanken ihn nur dies Spiel brachte! Und nun löschten alle Gedanken aus — er lauschte nur mit angehaltenem Athem. Denn die Spielende be gann eben die Accorde mit ihrer Stimme zu begleiten, einer tiefen Altstimme, die ihn an dunkelgrünen Sammet erinnerte. Leise, fast nur hauchend, sang sie ein spanisches Lied von un endlicher Traurigkeit und ließ, als es verklungen, die Hände auf den Tasten ruhen, als vergäße sie sie dort. Hatte Harald eine Bewegung gemacht — oder wachte sic selbst aus ihrer Versunkenheit auf? Sie wandte den Kopf und erblickte den stummen Lauscher. Heißes Roth schoß in ihre dunklen Wangen; sie sprang auf und eilte, in dem Wunsche zu entfliehen, auf die Thüre zu. Doch diese befand sich am ent gegengesetzten Ende des Saales, und sie mußte an Harald vor über, der ihr bereits entgegen kam und mit höflicher Entschuldi gung sie bat, sich nicht stören zu lassen. Er bedaure sehr, ihrem herrlichen Spiel nicht länger zuhören zu können, da er zu seiner Gesellschaft zurück müsse, die im Kiosk auf ihn warte. Sie athmete sichtbar auf und sagte, sich fassend: „Ich könnte Sie auch nicht bitten zu verweilen, da meine Mama nicht hier ist." Es war das erste Mal, daß sie das Wort an ihn richtete. Ihre Stimme, der etwas fremdartige Accent, mit dem sie das Deutsch sprach, schmeichelten sich ihm in Ohr und Herz; ihre Augen von dunkelstem Braun, schön geschnitten, schwarz um- i rändert, leuchteten wie ein Geheimniß. Die blühende junge Ge stalt war in ein dunkelrothes Gewand gekleidet, das ohne jeg lichen Ausputz eng die volle Büste umschloß. Und die finstere kleine Falte, die zwischen den Augenbrauen lag, erhöhte noch den pikanten Reiz der ungewöhnlichen Erscheinung. „Auch mein Vater ist nicht hier", bemerkte sie, als er noch zögerte. " , Ihr Bestreben, ihn los zu werden, war so unverkennbar, daß es sein Selbstgefühl verletzte. War es nur die mädchenhafte Scheu einer etwas unerzogenen Hinterwäldlerin, die aus ihr! sprach, oder mißfiel er ihr wirklich? Und er wandte ein Mittel - an, das er noch immer probat gefunden, er zahlte ihr mit gleicher Münze. Das pflegte stets das Gegentheil zu bewirken. „Mein gnädiges Fräulein", nahm er also in gemessenem Tone das Wort: „Es thut mir außerordentlich leid, Ihnen ge stehen zu müssen, daß ich weder Ihrer Frau Mutter noch Ihres Herrn Vaters wegen hierher kam, sondern einzig und allein, um mir das Schloß anzusehen. Daß ich Sie beim Spielen über raschte, war lediglich Zufall. Da diese Räume den Besuchern offen stehen, kann es Sie nicht Wunder nehmen, daß ich hier ein- ; trat und so indiskret war, einen Augenblick zuzuhören." Der finstere Zug verschwand, während er sprach, aus ihrem Gesicht. Sie lächelte sogar. „O, das ist gut", entgegnete sie freundlich. „Dann müssen Sie auch noch die Aussicht auS diesen Fenstern betrachten. Sie ist wunderschön!" Und während er sich den Kopf zerbrach, um eine Deutung für ihr seltsame- Benehmen zu finden, schritt sie ihm voran und schaute, ruhig neben ihm stehend, hinaus. Alle ihre Scheu war verschwunden. Unmittelbar unter den Fenstern floß der Nil vorüber; glänzend lag der breite Wasserspiegel vor ihnen, sich, zur Rechten und Linken in weite Fernen verlierend. Boote mit hohen weißen Segeln glitten lautlos dahin, drüben aber dehnte sich die große Stadt mit ihrem Treiben. Dort der Lärm, hier >
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