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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 14.07.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-07-14
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000714024
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900071402
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900071402
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-07
- Tag 1900-07-14
-
Monat
1900-07
-
Jahr
1900
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Die „Times" meinen, daß, wenn auch das harmonische Zusammenwirken der Mächte vielleicht nicht an erste Stelle zu setzen sei, das Rundschreiben jedenfalls eine Politik sormulire, deren Endzwecke einwandfrei er- säsienen und mit englischer und amerikanischer Auf fassung übereinstimmten. Alles komme jedoch aus die Aus legung an, welche der Ausdruck „geeignete Regierung für China" finden werde. Alle bisherigen Ereignisse und Erfahrungen, wie dies auch auö dem Rundschreiben hervor ginge, hätten bewiesen, baß das bisherige Regiment der Kaiserin und der Mandschu-Partei das Material zu einer solchen Regierung nicht biete. — Der „Standard" spricht, ohne des Näheren auf das Rundschreiben, welches er als sehr interessantes Dokument bezeichnet, cinzugehen, seine Befrie digung über die in demselben niedergeleglen Anschauungen aus. Dieselben deckten sich mit den gleichzeitig erfolgten Erklärungen Mac Kinley's, des japanischen Gesandten in Washington und anscheinend auch des russischen Commu- niqus'S in der Wiener „Politischen Correspondenz". Es sei nur zu hoffen, baß die verbündeten Mächte späterhin im Sinne dieser Präliminar-Erklärungen auch hanveln würden.— „Daily Ehroniclc" fragt, wie der Ausspruch im Rund« schreiben „keine Theilung Chinas" sich mit einer gewissen Transaktion betreffs Kiautschau -vertrage. — „Daily Telegraph" sagt, die lichtvollen Darlegungen des Grafen von Bülow bewiesen, daß die Gesandten in Peking die Lage verkannt und die chinesischen Machthaber eine betrügerische und zweideutige Nolle gespielt hätten. Deutsche und russische Politik seien anscheinend betreffs einer Theilung Chinas identisch, nur spreche sich Teutschlnnd schlechtweg gegen jede Theilung oder Gebietserwerbung aus, während Rußland gegen ein englisches oder japanisches China sei, seine eigenen Absichten jedoch noch verhülle. — „Daily News" bezeichnet bas Rundschreiben als „in jeder Hinsicht einwandfrei und würdig". Die deutsche Politik stimme hiernach in den Umrissen mit der russischen überein. — „Daily Mail" hebt als wichtiges Moment im Rundschreiben hervor, daß Deutschland weder Tbcilung noch Gebietserwerbung anstrcbe.— Tie „St. James Gazette" legt dem Rundschreiben die Bedeutung einer Erklärung der deutschen Politik vor Volk und Welt bei, hegt aber Mißtrauen betreffs der Aufrichtig keit der deutschen Selbstlosigkeit. — „Pall Mall Gazette" findet es überraschend, dass daS Rundschreiben nichts über die Haltung Rußlands in der Vorgeschichte des Ausstandes enthält. — „Globe" bezeichnet das Rundschreiben als be deutend und willkommen. Die Darstellung der Ereignisse in China vom ersten Anfänge der Unruhen an sei bewundcruSwerth und den chinesischen Enlstellungsver- suchcn gegenüber besonders werthvoll. Die Erklärungen über die Ziele der deutschen Politik brächten Deutschland in eine Linie mit England und Amerika. Es sei unbedingt Pflicht der englischen Regierung, sich ebenso klar über ihre Stellung aus zusprechen. „Weg Minister Gazette" rühmt die aus gezeichnete Darstellung der Entwickelung der chinesischen Frage und sagt von den Erklärungen über die Ziele der deutschen Politik, ihre Correctheit und gesunder Sann stehe über allem Zweifel. Die „Neue Freie Presse" bemerkt, die chinesische Sorge verliere dadurch viel von ihrem drückenden Gewicht; das Wesen der erzielten Uebcreinslimmung der Mächte ent spreche den Bedürfnissen Aller, sowie auch dem wohlver standenen Interesse der CH neseu. Das Programm des Rundschreibens wird ein duichaus maßvolles genannt, das über Sicherung des Erworbenen nicht hinauügeht; inner halb dieser Grenzen aber es an Energie nicht fehlen läßt. Sicher sei, daß Deutschland um prekärer ostasialischer Inter essen willen die freundschaftlichen Beziehungen zu Rußland nicht compromitliren werde. — Das „Neue Wiener Tag bl alt" bemerkt, es sei selbstverständlich, daß Deutsch land wie Italien getreu dem Princip des Dreibundes ihre Politik vor Allem darauf richten, das Einvernehmen aller Mächte zur Herstellung des Friedens anzustreben. Der fran-zösische Minister Delcass 6 hat den chine sischen Gesandten vor eine große Aufgabe gestellt. Er empfing ihn gestern. Der Gesandte stellte ihm das Edikt vom 29. Juni zu. Nun bemerkte Delcassä dem chinesischen Gesandten, daß die chinesische Regierung, da sie Mittel besitze, ihren Gesandten im Auslände Mil theilungen zugeben zu lassen, auch dafür sorgen müssen, daß die Mächte ihren Vertretern in Peking Mit theilungen zukommen lassen können. Der Minister beauftragte den chinesischen Gesandten, ein erstes Telegramm an den französischen Gesandten Pichou gelangen zu lasten. Wir be zweifeln freilich, daß dem chinesischen Gesandten die Aus führung dieses Auftrags leicht sein wird. Zur Lage in China liegen folgende Telegramme vor, die theilweise Altes in mehr oder weniger neuer Form wieder holen : * Washington, 13. Juli. (Meldung des „Reuter'schcn Bureaus".) Der Generalkonsul der Vereinigten Staaten in Shanghai tclegra- phirt, nach einer Depesche des Gouverneurs von Shantung hätten Boxer und Soldaten die Gesandtschaften vor dem Schluß angriff am 7. Juli bonibardirt; der Gouverneur sei in größter Vesorgniß wegen der Gesandten und der befreundeten Chinesen in Peking. Der Generalconsul fügt hinzu, man befürchte allgemein das Schlimmste. * Washington» 13. Juli. Eine Depesche des amerikanischen Geveralcousnls in Shanghai Goodnow über das Bombardement auf di« Gesandtschaften rief hier eine äußer st gedrückte Stimmung hervor. In dem Staatsdepartement wird geglaubt, die Gesandten seien ermordet. Eine Depesche des amerikanischen Consuls in Canton ohne Datum rneldet, Li Hung Tschang habe seine Reise nach dem Norden auf gegeben. Am Mittwoch sandte der hiesige chinesische Gesandte Wutingfang ein chisfrirtcs Telegramm des amerikanischen Staats sekretärs des Auswärtigen Hay an den amerikanischen Gesandten Conger in Peking und übernahm e-, Antwort zu beschaffen, wenn Conger noch ain Leben sei. * Petersburg, 13. Juli. (Meldung der „Russischen Telc- graphen-Agentur".) AuS osficieller Quelle wird berichtet: Auf der Linie zwischen Tebin und Suchon besteht Anlaß zur Be- unruhig nng. Der Chefingenieur hat den Chef von Kwantnng und den Admiral Alexejew um Entsendung einer Abtheilung Truppen ersucht, welche die Eisenbahnlinie von der Grenze von Kwantung bis Inkan besetzen soll. Ter Chef der Abtheilung hat ungeordnet, daß die einzige Aufgabe derselben der Schutz der Eisenbahnlinie und des Telegraphen sei und daß die Abtheilung sich aller feindlichen Handlungen gegen chinesische Soldaten und gegen die Bevölkerung zu enthalten habe. — Aus Chabarowsk wird vom 29. Juni gemeldet: Am Paß Tankinlin in der Richtung auf Ningputi griffen 300 Chinesen 100 Mann der Schutzwache an; zwei Kosaken wurden gc- tobtet, vrei verwundet, die Chinesen nahmen viele Gewehre und Patronen. * London, 13. Juli. Tas „Reuter'sche Bureau" erfährt, die Succurfale der chinesischen Seezölle in London habe eine Depesche erhalten, in welcher das Telegramm des Generalkonsuls der Ver einigten Staaten in Shanghai, Goodnow, über das Bombardement der Gesandtschaften durch den General Tung am 7. d. Mts. be stätigt wird. In amtlichen Kreisen ist man der Ansicht, daß diese Depesche sehr wenig Hoffnung hinsichtlich des Looses der Europäer in Peking lasse. * Rom, 13. Juli. Das italienische Expeditionskorps für China geht am 18. d. MtS. von Neapel ab. Wahrscheinlich wird der Herzog von Aosta im Namen Les Königs die Truppen bei der Abreise begrüßen. — Nach der „Tribuna" wird noch eia zweites, ebenfalls aus zwei Bataillonen bestehendes Corps nach China gesandt werden, für dessen Formicuug schon die ersten An ordnungen ergangen seien. Die Gesammtstürke des Expeditions korps würde dann 5000 Mann betragen. Zum Commandenten des Corps sei der frühere Militärattache in Wien General Nava auscrsehcn. Lssicicllc chincsischc Erklärung der fälscht» Taten Ser letzten optimistischen Meldungen. Die officielle chinesische Erklärung der den ausländischen Consuln in Shaugbai gemeldeten Ungenauigkeiten lautet wie folgt: „Die chinesische Zeitrechnung richtet sich nach dem Monde und die landesüblichen Daten sind genau vier Tage später, als diejenigen des Gregorianischen Kalenders, so daß z. B. unser elfter Tag im Monat der 15. nach europäischer Zeit ist. Auf Grund dieser Differenz baden die chinesischen Beamten die betreffende Botschaft natürlich nach chinesischer Zeitrechnung datirt, und sind daber für die entstandenen Mißverständnisse nicht verantwortlich." Man telcgraphirt von Shanghai, daß die fremden Be amten sich jeder Bemerkung über diese Wortklauberei, die inttürlich ganz und gar chinesisch ist, enthalten. Die Pointe in der ganzen Angelegenheit ist übrigens, daß, nachdem die Herren Chinesen zugegeben haben, daß daS chinesische Datum in der ersten Botschaft an den englischen Consul Warren — 3. Juli — nach europäischer Zeit der 29. Juni sein müßte, der wirkliche Tag des Abganges des Couriers von Peking nach Chinan-Fu natürlich der 24. oder 25. Juni gewesen sein muß, da die Entfernung zwischen den beiden Orten 4—5 Tage beträgt. In gleicher Weise kann die letzte Botschaft, wonach noch zwei Gesandtschaften am 5. Juli ^chinesisches Datum) intact gewesen sein sollen, höchstens vom 1. Juli nach dem Grego rianischen Kalender stammen, und wennhdieselbe durch Courier befördert wurde, so muß sie bis zum 26. oder 27. Juni zurückdatiren. In Europäer-Kreisen in Sbanghai giebt man sich gerne sür den Augenblick noch der Hoffnung hin, daß die Botschaft sich thatsächlich auf ein späteres Datum bezieht, jedoch nicht über den l. Juli hinaus Giltigkeit haben kann. Während der ganzen gegenwärtigen Krisis haben die Chinesen mit dem Datum nach ihrem Belieben und nach Bedarf jong- lirt und werden auch in gleicher Weise darin fortfahren, wenn ihnen nicht das Handwerk gelegt wird. Tie Geltung der Bteekönige. Die Wahrheit über die Haltung der Vicekönige SüdchinaS enthüllt, freilich unbewußt, der Correspondent des „Daily Telegraph" in Canton. Derselbe meldet unterm 10. Juli via. Hongkong den 11. Juli, Li Hung Tschang rüste mit aller Macht und der Gouverneur Liu Tak Hocpoh Großschatzmeister der Provinz und der Oberzollcommissar der Salzwerke hielten allein 70 Millionen Taels auS Zoll einnahmen und Likingeldern bereit, um dieselben, im Falle die Großmächte Krieg gegen ganz China erklärten, zur Ausrüstung und LandeSvertheidigung zu benutzen. Für die Ausrüstung und Löhnung der vicekömglichen Truppen, zur „Erhaltung des Friedens und Schutz der Fremden" seien einige zwanzig Millionen TaelS in Canton allein aufgebracht, Li Hung Tschang selbst und der Bankier Lao hätten jeder zwei Millionen Taels hergegeben, der Gouverneur, der Provinzialschatzmeister, der Oberrichter und der Salz- commissär, jeder 500 000 Taels. So der genannte Corre- sponvent, der, wie sein College von den „Times" Li Hung Tschang und Liu den Vicekvnig von Nanking stets als Freunde Englands unter Fremden hinaestellt haben. Die Meldung bestätigt lediglich unsere von Anfang an ausgesprochene An schauung, daß beide Vicekönige ebenso wie ihre College» ihre Rüstungen so eifrig nur deshalb betreiben, weil sie mit der Möglichkeit eines Krieges derGroßmächte gegen China überhaupt rechnen und sich auf diesen vorbereiten. Die Behauptung, sie zögen Truppen zum Schutze der Fremden zusammen, ist lediglich ein Vorwand, was schon daraus hervorgeht, daß Li Hung Tschang z. B. 200 000 Mann anwirbt und daS in einem Augenblicke, wo im Innern des Landes Fremde über haupt nicht mehr zu schützen sind, da alle Missionäre und sonstigen Nichtchinesen bereits sämmtlich, soweit sie nicht dem Fanatismus zum Opfer gefallen, in den Küstenstädten ein getroffen sind. Zum Schutze der wenigen in Frage kommenden Häfen seines Vicekönigthums bedarf aber Li Hung Tschang nicht 200 000 Mann, dazu würden ihm 10—20 000 Mann vollkommen genügen. Dasselbe gilt von Liu. Möglich bleibt selbstverständlich dabei die Absicht Beider, sich auch gegen einen eventuellen Angriff der extremen Mandschupartei zu sichern, obwohl Beide bis dahin in allen Krisen eS wohl verstanden haben, sich mit jener zu verständigen. — Der „Daily Telegraph" dürfte nicht Unrecht haben. Politische Tagesschau. * Letprtg, 14. Juli. Die vom Auswärtigen Amte, nicht von anderer Seite, angeregte Einberufung des BundeSrathSauSschusfeS sür aus wärtige Angelegenheiten war ohne Zweifel ein ebenso ver fassungsmäßiges wie geschicktes Mittel, gewisse Ce n trum -- und andere Kreise, namentlich Süddeutschlands, in Bezug auf die auswärtige Politik des Reiches zu gewinnen. Daß keine sach liche Nothwenoigkeit zur Einberufung diese- Ausschusses zwang, wird auch von der klerikalen „Kölnischen Volksztg." zu gegeben, die heute u. A. schreibt: „Die Regierungen der Bundesstaaten sind gewiß auch ohne die Sitzung del BundesrathSausschusses durch die Reichsregierung über die Vorgänge in China und über die Verhandlungen der Mächte auf dem Laufenden gehalten worden". Die Annahme deS rheinischen Centrumsblatte- ist sicher lich zutreffend und sollte von eben diesem Blatte insofern verallgemeinert werden, als die Reichsregierung seit Jahr- Fenilletsn. Diana. Roman von Marian Tomyn. Aatddruck ««rlotcu. XXVII. Hell und klar stand am nächsten Morgen die Sonne am Himmel, nachdem sie den Nebel, der auf den Hügeln und in den Thälern lag, zerstreut hatte. Man hatte von der Terrasse in Crowhurst einen herrlichen Blick Uber den mit den prächtigsten Herbstblumen ungefüllten Garten und den großen Park, in welchem das Laub der Bäume in den mannigfaltigsten Farben schillerte. Pauline Drummond stand, auf den Arm Erich'- gelehnt, aus dec Terrasse und blickte auf das Bild vor sich, auf den Park, auf die Wiesen, Felder und Wälder, auf die ganze weite Domäne, deren Herr Erich war und zu deren Herrin er sie bald zu machen gedachte. Erich hatte sich so weit zu ihr hinabgebeugt, daß sein dunkle- Haar fast ihre kurzen, goldenen Locken berührte, und er flüsterte ihr zu, wie herrlich es sein müsse, ioenn sie erst als Herrin hier schalten und walten würde. In den schönsten Farben schilderte er ihr zukünftiges Leben, und mit einem glückstrahlenden Blick sah Pauline zu ihm auf. Doch schien es Erich, al- ob sie nicht so lebhaft und so ge sprächig sei, wie sonst, er blickte sie forschend an, ein nachdenklicher Ausdruck lag auf dem immer noch blaffen Antlitz, und voller Vesorgniß fragte er: „Fühlst Du Dich heute nicht so wohl, wie sonst, Pauline?" „O ja, mir ist ganz Wohl, ich bin nur noch ein wenig matt von der Anstrengung der gestrigen Reise; aber da« hat nicht» zu sagen." „Da- ist nur natürlich. Es wird gut sein, wenn Du Dir Len Vormittag über Ruhe gönnest. Ich hatte eigentlich die Absicht, ein« Ausfahrt mit Dir zu machen, aber vielleicht ist - befler, wenn wir dieselbe bi» morgen lassen. Ich möchte Dir so gern den Crowhurster Park und die ganz« Umgegend hier zeigen, es ist zu dieser Zeit de» Jahre- wunderschön bei unS, und ich möchte doch wissen, wie Dir Deine zukünftige Heimath gefällt." „Wo Du bist, wird «- mir stet- gefallen!" antwortete sie, sich dichter an ihn schmiegend. „Aber, Erich, ich möchte Dir etwas sagen — ich bin in Sorge um Dianal" „Um Diana? Was ist'- mit ihr? Ist sie nicht wohl?" fragte Erich ganz bestürzt. „Es ist nicht ihre Gesundheit, die mich beunruhigt", ant wortete Pauline nachdenklich, „obgleich sie heute Morgen bleich genug au-sah. Nein — es ist etwa» Anderes — sie hat sich jo sehr verändert, seitdem ich sie zuletzt gesehen habe. Es scheint mir, als ob sie irgend etwas bedrückt!" Erich blickte sie ganz bestürzt an. Alles, was Diana betraf, betraf auch ihn, ihr« Freuden waren seine Freuden, ihr Leid war auch sein Leid. Seine Liebe zu Pauline hatte sein Interesse für das Wohlergehen seiner Schwester nicht vermindern können. Er führte Pauline zu einem bequemen Sitz, und nachdem er eine warme Decke über sie gebreitet hatte, zog er einen Stuhl in ihre Nähe und sagte: „Nun theile mir Alle- mit, Pauline. Du weißt, wie sehr mir Diana'» Glück am Herzen liegt. Sprich, Liebe." „WaS ich zu sagen habe, Erich, sind nur Vermuthungen, aber ich pflege mich niemals zu täuschen, ich hatte stets den Ruf, eine große Menschenkennerin zu sein. Und ich glaub«, daß es mit dieser Verlobung nicht ganz in Ordnung ist", fuhr Pauline fort, deren Zuneigung zu Diana sehr groß war. „Freilich ist eS ganz außer Frage, daß Mr. AntoniuS Beauchamp sie liebt — man braucht nur zu sehen, wie er ihr überall hin mit seinen Augen folgt —, aber sie spricht kaum jemals zu ihm, wenn er nicht zuerst das Wort an st« richtet, und außerdem liegt in ihrer ganzen Art und Weise eine merkwürdige Zurückhaltung, ich möchte fast sagen, etwa« Gezwungen«», da» dem Wesen unserer lieben, freimüthigen Diana stets fremd gewesen. „Nein, Erich, diese Verlobung hat durchaus nicht meinen Beifall." Erich's Antlitz trug jetzt denselben besorgten Ausdruck, wie dasjenige Pauline's. Er machte sich Vorwürfe darüber, daß Pauline'- Krankheit ihn in letzter Zeit so ganz erfüllt hatte, daß er für nichts Andere» Zeit und Gedanken gehabt. Die Nachricht, daß Diana Antonius ihr Jawort gegeben, hatte ihn an Pauline's Krankenbett erreicht. Bride, Diana sowohl, al» AntoniuS, hatten ihm geschri«ben, und er hatte damals zu Pauline gesagt, daß seine schöne Schwester viel zu gut für Antonius sei, aber natür lich hatte angenommen, daß Diana ihren AuSerwählten liebe, und er glaubte daS auch heute noch, denn wa- sonst hätte Diana zu diesem Schritt veranlassen können. „AntoniuS ist kein schlechter Mensch", sagte Erich, „er hat sich sehr taktvoll gegen mich benommen. Du mußt bedenken, daß er stets geglaubt hat, der Erbe von Crowhurst zu sein. Es konnte natürlich nicht angenehm für ihn sein, plötzlich zu finden, daß ein Fremder den Platz eingenommen hatte, den er als den seinigen zu betrachten gewohnt war." „Ja, er scheint es sehr ruhig hingenommen zu haben", sagte Pauline, „so ruhig, daß man beinahe glauben möchte, es stecke etwas dahinter." Erich lachte und drohte ihr lächelnd mit dem Finger. „Was sür ein argwöhnisches kleines Geschöpf meine Pauline ist! Du hast ein Vorurthcil gegen Antonius, Kind, das ist mir ganz klar. Und das wundert mich in der Thcrt, denn Antonius ist doch ganz der Mann dazu, den Frauen zu gefallen. Ich bin überzeugt, daß sein hübsches Gesicht schon manches Un heil unter den Frauen ungerichtet hat!" „Solche Frauen kann ich nicht bedauern. Ich kann eS nicht begreifen, wie sich ein Mädchen in einen Mann verlieben kann, nur weil er ein schöne» Aeußeres hat. Schönheit ist ja gewiß etwas nicht zu Unterschätzendes, aber dieselbe kommt doch bei einem Mann erst in zweiter Reihe in Betracht." „Aber, Theuerste — Du bist ungerecht gegen Antonius. Ich glaube nicht, daß alle seine Vorzüge nur in seiner hübschen Er scheinung zu suchen sind. Er ist ebenso klug, wie er schön ist!" „Ich zweifle nicht daran — aber es ist die Klugheit einer Schlang«, die er besitzt. — Wer ist denn eigentlich dieser sonder bare Mensch?" unterbrach sie sich Plötzlich, als die Gestalt Vipont'» einen Augenblick am Ende der Terrasse sichtbar wurde, um gleich darauf wieder hinter dem Hause zu verschwinden. „Das ist der Detektiv, von dem ich Dir erzählt habe. Ver- muthlich will er mich sprech«», und wagt es nicht, uns zu stören. Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, ihn zu sprechen, seitdem ich zurück bin. Er schien, als ich abreiste, irgend eine Spur ge- fundin zu haben. Er will mir nun wahrscheinlich das Ergebniß seiner Nachforschungen mittheilen." „Ich bin neugierig, ob er etwa- entdeckt hat", sagte Pauline nachdenklich. In diesem Augenblick kam eine der Dienerinnen und brachte für Pauline eine Tasse kräftiger Bouillon, sie mußte noch immer sehr gepflegt werden, da ihre Kräfte äußerst geschwächt waren. Nachdem sie die Bouillon eingenommen, zog sie sich auf ihr Zimmer zurück, um sich, nachdem sie noch rin wenig geruht, an- klelden zu lassen. Erich blieb auf der Terrasse zurück und sann über die Worte, die Pauline ihm bezüglich Diana'S und AntoniuS' gesagt hatte, nach. Doch blieb ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn wenige Minuten, nachdem Pauline ihn verlassen hatte, erschien Mr. Vipont auf der Bildfläche. „Ich glaubte schon, daß ich gar keine Gelegenheit mehr finden würde, Sie zu sprechen, gnädiger Herr!" sagte er. „Ich hätte gern eine Unterredung mit Ihnen, und wenn es Ihnen recht ist, wird es das Beste sein, wenn wir uns zu diesem Zwecke nach dem Bibliothrkzimmer begeben." Bereitwillig gab Erich seine Einwilligung und begab sich mit Mr. Vipont nach dem bezeichneten Zimmer. Der Detektiv theilte ihm nun ohne alle Umschweife die Ent- deckungen mit, die er während Erich's Abwesenheit gemacht hatte. Er erzählte ihm, wie er Keziah beobachtet und was er über ihr Vorleben erfahren hatte. Dann sprach er von dem Picknick, von der Flucht James Kennedy'S aus Dortmoor, und wie dieser hierhergekommen war, weil er wußte, daß seine Frau sich in Crowhurst aufhalte, und endlich, wie es ihm — Vipont — ge lungen sei, Keziah zu einem Bekenntntß zu bringen. Erich glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu dürfen, als er vernahm, daß Keziah im Einverständnisse mit Antonius gewesen sei, und daß diese Beiden an all' den räthselhaften Vorgängen im „Eichenen Zimmer" die Schuld tragen. „Nun ist die Frage die", sagte Vipont, indem er, um seinen Worten einen größeren Nachdruck zu geben, seinen rechten Zeige finger an die Stirn legte, „wie lautet der Inhalt de- Testa ments, das Mr. Antonius in dem alten Putt gefundrn hat? Man sollte meinen, wenn der Inhalt ein für ihn günstiger ge wesen wäre, so würde er sofort Mittheilung von demselben ge macht haben; während im entgegengesetzten Fallt doch nur an- zunehmen wäre, daß er das Testament sogleich vernichtet haben würde. Ich bin nun fest davon überzeugt, daß er e» nicht ver nichtet hat, ich möchte sogar wetten, daß ich im Stande bin, nachzuweisen, wo sich das Testament befindet." „Und wo, glauben Sie, könnte dal Testament sein?" fragte Erich. „Mr. AntoniuS trägt eS in einem Säckchen wohlverwahrt auf seiner Brust." Erich war ganz bestürzt über diese Mitthrilungen Vipont's. So hatte sich Pauline doch nicht über den Eharakter AntoniuS' getäuscht! Jedenfalls wollte «r erst mit ihr Rücksprache über die Sache nehmen, ehr er irgend welchen Entschluß faßte. Im Augenblick war er vor Bestürzung ganz unfähig, irgend eine Meinung über die ganze Angelegenheit zu äußern. „Sie bedürfen meiner nun wohl nicht mehr, Herr Baron, die Aufgabe, die mir gestellt worden, habe ich gelöst, und somit hak
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