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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 26.06.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-06-26
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000626027
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900062602
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900062602
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-06
- Tag 1900-06-26
-
Monat
1900-06
-
Jahr
1900
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Während der chinesische Gesandte in Petersburg Uang-Iu vorgestern ein Telegramm vom Vicekönig von Nanking erhalten hat, nach welchem die Vertreter der ausländischen Mächte in Peking unversehrt sind, wollen andere Meldungen wissen, daß, wenn ihnen auch noch qichtS geschehen sei, die Chinesen es doch darauf abgesehen haben, sich ihrer zu bemächtigen, oder sie zu lödten, nur daß es ihnen noch nicht gelungen ist. So telegraphirte einer Meldung des „Dailv Telegraph" zufolge der französische Consul in Canton, Li-Hung-Tschang habe auS Peking er fahren, daß Tungfuhsiang's Soldaten sich den Boxern an geschlossen haben und die Gesandtschaften belagern. Ferner ist in Shanghai ein Japaner Namens Sotia an gekommen, der als Chinese verkleidet Peking verlassen hatte. Derselbe bestätigt, daß die Europäer in Peking in furchtbar bedrängter Lage waren und man alle Hoffnung füjr sie aufgegeben hatte. Der „Daily Expreß"-Correspondent in Shanghai meldet, daß am 16. Juni ein Mandarin heimlich Peking verlassen und sich durch die Massen von Boxern und chinesische» Truppen, die sich vor den Tboren befanden, durchgcschlichen habe. Dieser Mandarin erzählte, daß über die Hälfte deS nördlichen und westlichen Theiles der Stadt und die Frcmdenviertel in Flammen waren. Direkte amtliche Nachrichten auS Peking giebt es auch heute nicht. Das hat soeben Unterstaatssekretär Brodrick im englischen Unterhaus- festgestellt. Tientsin und dessen Umgebung ist noch der Mittelpunkt heißer und blutiger Kämpfe. Da» „Bureau Dalziel" meldet aus Shanghai vom 25., daß die chinesischen Truppen einen furchtbaren Angriff auf Tientsin machen. Dichte Mafsen ver schiedenartig bewaffneter chinesischer Truppen kommen von allen Seiten. Sie kämpfen mit Fanatismus und überwinden die Verbündeten durch reine Uebermacht. — Die Russen haben am meisten in dem mehrtägigen Kampfe in oder bei Tientsin gelitten. Die Zahl der gelödteten Chinesen wird auf 1000 geschätzt, aber immer neue treten an ihre Stelle. Die vier Generale Nieh, Hungching, Juanshikai und Ma, welche den japanischen Krieg mitgemacht haben, cooperiren mit dem Prinzen Tuan.— Mangel an Nahrung und die beständige Beschießung soll die Einwohner von Tientsin, namentlich Frauen und Kinder, furchtbar mitnehmen. Unter den am Freitag Getödteten befindet sich der Commandant des englischen Kriegsschiffes „Barfleur". JnSgesammt betragen die Verluste der Aus länder in dem Treffen 300. Eine beträchtliche Entsatztruppe ist bekanntlich von Taku aus unterwegs. Außerdem veröffentlichen die Londoner Blätter ein Telegramm auS Shanghai vom 25. d. Mts., das besagt: Der englische Kreuzer „Terrible" ist dort von Taku ein, getroffen und berichtet: Einer Streitmacht von 800 Sikhs und 200 wallisischen Füsilieren gelang die Verbindung mit de »deutschen, amerikanisch en und russischen Trupp en, die von Len Chinesen an 2 vorhergehenden Abenden ungesähr 9 Meilen von Tientsin abgeschnitten waren. DaS ist wenigstens ein kleiner Lichtschimmer in dem düsteren Gemälde, das unS Tag für Tag vorgeführt wird, aber die Freude über den kleinen Erfolg wird wieder dadurch getrübt, daß eS auch den Chinesen geglückt ist, erhebliche Verstärkungen heranzubringen. Man mclret uns: * London, 26. Juui. (Telegramm.) „Daily Expreß" meldet auS Tschifu vom 25. d. M.: Nach einer soeben ein- getroffenen Nachricht sind 3000 Mann chinesische Truppen- in Eilmärschen von Taku kommend, in Tientsin zur Ver stärkung der chinesischen Truppen und der Boxers augekomnien. „Daily Expreß" meldet, wie ein uns zugehendes Londoner Telegramm vom heutigen Tage besagt, aus Shanghai vom 25. d. M.: Laut hier ringelroffener officieller Nachricht ist eine Kosaken truppe in Peitaiho gelandet worden, eine andere in Schanhatkwan. Sie halten beide Orte besetzt, um die chine sischen Truppen, die auS der Mandschurei gegen Tientsin vor rücken, abzuschneiden. Also von allen Seiten wälzen sich die chinesischen Massen — unerschöpflich wie sie sind — herbei und dabei gährt es noch, wie wir schon sahen, in Tschifu, das jetzt ernstlich bedroht ist, und aus dem Süden des unermeßlichen Reiches kommt folgende Nachricht: * London, 26. Juni. „Reuter's Bureau" meldet vom 25. d. M. aus Hongkong: Die Trnppen in Macao stehen unter Waffen. Der Gouverneur in Macao sandte Waffen an die Portugiesen in Canton, wo fremdenfeindlichr Straßenplacate angeschlagen sind. Mehr recapitulirenden Werth haben nachstehende Meldungen: * London, 25. Juni. Die Admiralität erhielt heute von Admiral Bruce, der sich bei Taku befindet, ein Telegramm aus Tschifu vom 24. Juni, da» besagt: Die gesammte Truppen- abtheilung, die mit dem Oberbefehlshaber Tientsin verließ, um sich nach Peking zu begeben, beträgt ungrsihr 2000 und besteht au- den BesatzungSmannschafteu der zusau' .cn- wirkenden fremden Kriegsschiffe. ES war unmöglich, etwa- zu unternehmen, um dem Oberbefehlshaber zu Hilfe zu eilen, weil nur bekannt wurde, er sei abgeschnitten worden, da Tientsin eingeschloffen sei. Tientsin hatte seitdem einen Kampf aus Leben und Tod zu führen. Auf das Eintreffen der Nachricht, daß vom chinesischen Heere Eisenbahnzüge bestellt würden, um Tientsin anzugreifcn, daß die chinesischen Truppen Tongku verwüsteten, Taku verstärkten und die Mündnng des Peiho unterminirten, wurde schnell beschlossen, Taku zu nehmen. Seitdem sind alle An strengungen gemacht worden, nm Tientsin zu entsetzen. (Wiederholt.) * LouVo», 25. Juni. (Unterhaus.) Ter Parlamentsunter- sekretär des Aeuyern Brodrick erklärt, seit die gegenwärtige Krise in rin acutes Stadium getreten sei, habe jede Verbindung mit der chinesischen Regierung aufgehört, alle telegraphischen Verbindungen seien unterbrochen. Die Regierung habe keine Nachricht darüber, daß 40000 Russen von Kiachta aus in den nord-westlichen Theil Chinas einmarschirt seien und sich auf dem Marsche gegen Urga befänden. Hedderwick fragt, welche Bedingungen da» von den vereinigten Mächten kurz vor der Beschießung der Taku.Fort» gestellte Ultimatum enthalten habe. Brodrick erwidert, die von den britischen Marineofficiereu rin- gegangenen Berichte besagten nur, daß die Fort» am 17. Juni zwischen 12 und 1 Uhr Nachts das Feuer aus die Schiffe eröffnet hätten; das Ulti matum sei in den Berichten nicht erwähnt. Brodrick erklärt sodann weiter, er bedauere sagen zu müssen, daß seit dem letzten Frei tag keine bestimmte Nachricht aus Tientsin vorliege; die Regierung sei noch ohne jede Nachricht vom Admiral Seymour und von den Gesandtschaften in Peking. Brodrick verliest sodann das bereits von der Admiralität veröffentlichte Telegramm des Contre-Admirals Bruce und fügt hinzu, die Regierung habe von anderer Seite erfahren, daß der von russischen und amerikanischen Truppen am Donnerstag unternommene Versuch, die Verbindung mit Tientsin her zustellen, an dem Widerstande einer starken Abtheilung Chinesen gescheitert sei. Seitdem seien die von Hongkong abgegangenen Truppen eingetrosfen. Man glaube, daß 3000 Mann japani- scher, 1000 Mann deutscher und 2000 Mann französischer Truppen eingetroffen seien oder in Kurzem eintreffen würden; die Regierung habe jedoch keine Nachricht über irgend eine Opera tion, die seitdem unternommen wäre. Tie Seele des Aufstande» ist bekanntlich Prinz Tuan, der Vater des Thron folgers. Er beherrscht, wie die „Daily Mail" aus Shanghaier chinesischen Quellen erfährt, die Lage in Peking vollständig. Der Kaiser, die Kaiserin-Wittwe und Unnglu, der Commandant der nördlichen Truppen, sind ganz in seiner Gewalt. Ec hat die Boxer nach manschurischer Art in acht CorpS getheilt und eine Palastwache eingesetzt. Tie kaiserlichen Edicte der letzten fünf Tage sind von ihm inspirirt. Er hat auch die Thore von Peking in seiner Gewalt. 80 Procent der Mandarine in Peking sind in Sympathie mit den Boxern. Die fanatischeren Beamten in Peking rathen dazu, den Sitz der Regierung in das Innere der Provinz Shansii zu verlegen, wohin die ausländischen Truppen schwer gelangen können, und sie rathen auch dazu, daß der Thronfolger zum Kaiser proclamirt werde. „Daily Mail" Zerfährt weiter aus Shanghai, die Kaiserin - Wittwe werde die Verantwortlichkeit für alles Geschehene ablchnen; trotzdem habe sie aber dem Vicekönig von Petschili General Nieh und Anderen den geheimen Be fehl ^ertheilt, allem Vorrücken von ausländischen Truppen Widerstand zu leisten. Die Kaiserin-Wittwe empfing auch einen gewissen Lilaichung aus Shansi, der ein einflußreicher Führer der Boxer ist, zweimal zusammen mit General Tungfuhsiang in Audienz, ehe die Unruhen der Boxer aus brachen. Warnungen. Der „North China Herald" enthält Warnungen eines Chinesen, welche dieser dem Blatte schon am 16. Mai zugehen ließ. Er sagt: „Ich schreibe allen Ernstes, um Sie zu benachrichtigen, daß ein großer geheimer Plan, der die Ausrottung aller Fremden in China und die Zurückeroberung alles an sie „verpachteten" Ge biets zum Zweck hat, cxistirt. Die Haupträdclsführer sind: dieKaiserin - Wittwe, Prinz Tsching, Prinz Tuan, Kang Di, Tschao Schu-Aschiao und Li Ping Heng. Mit den Man- dschu-Truppen sollen diese ihr Ziel erreichen. Auch rechnet man auf die Hilfe der Boxer in dem großen Kampfe, der näher ist, als die Fremden in China ahnen. Der Schlacht ruf der Boxer ist: „Schützt die kaiserliche Dynastie und treibt die „Teufel" in daS Meer!" Der Verfasser zeigt an Beispielen, in wie hoher Gunst die Boxer in Peking stehen: „Ein Censor Namens Wang auS Tschih-Li hatte kürzlich eine Audienz bei der Kaiserin-Wittwe, bei der auch von den Boxern die Rede war. Die Kaiserin sagte: „Sie stammen aus dieser Provinz und sollten wissen, was die Boxer in Tsckili deokeu. Glauben sic wirklich, paß, wenn die Zeit zum Handeln kommt, die Truppen sich an dem Kampf gegen die „fremden Teufel" betheiligen werden?" — „Ich bin dessen gewiß. Eure Majestät", antwortete der Censor und fügte hinzu, er würde die Boxer gern führen, wenn die Zeit gekommen sei, und vorher würde er Alles thuo, bei ihrer Be- waffnu.g und Organisation zu helfen. Die Kaiserin pickte zu stimmend und sagte dann: „Ja, cs ist eine großartige Gesell schaft. Aber ich fürchte, daß diese Boxer ohne erfahrene Führer zu schnell handeln und die Negierung in Unannehm lichkeiten bringen werden mit diesen fremden Teufeln, bevor Alles bereit ist. Diese Boxer müssen an ihrer Spitze in Tschili und Schanlung einen verantwortlichen Mann haben." Dann war die Audienz beendet und am nächsten Morgen war dieser Censor Wang Gouverneur vou Peking, d. h. er wurde durch einen Federstrich von einem Beamten sechsten Grades zu einem solchen vierten Grades gemacht. Von Wang wird man wahrscheinlich mehr hören. Tic vorgeschlagenc Lhina-Conferenz. Zn Londoner Citykreisen will man genaue Nachricht darüber haben, daß Japan im Falle der Nicht an «ahme seines Vorschlages bezüglich der in Tokio abzuhaltcnden China-Conferenz erklären werde, eS sehe darin eine per sönliche Beleidiguug und könne sich deshalb nicht weiterhin verpflichten, nur in voller Uebereiostimmung mit den übrigen Mächten zu handeln. Die Mächte, die bisher dem japanischen Vorschläge gegenüber Entgegen kommen gezeigt hätten, seien Nordamerika, England und Oesterreich, während Rußland den Antrag als „verfrüht" bezeichnet habe. Deutschland und Italien hätten sich bisher auf die stattgehabten Sondirungen hin noch jeder Antwort enthalten. Englisch-Nordawerikauische Beschwerden »her die russische China-Politik. Aus London wird der „Intern. Corresp." gemeldet: Wie »reit das Einverständniß Englands und der Vereinigten Staaten gegenüber Rußland gedicheu ist, beweist die That- sache, daß die englische Handelskammer bereits mit den nord amerikanischen kaufmännischen Vertretungskörpern eine „Schutz Vereinigung gegen die russische Abschl ießungS- politik in China" vereinbart habe. Dieselbe soll unver züglich die Negierungen in London und Washington nötbigen.von der russischen Regierung eine unzweideutige Erklärung darüber zu fordern, ob Rußland in China grundsätzlich die „Politik der offenen Thür" aunehme oder nickt. In den Erklärungen deS Grafen Murawjew vom vorigen December habe Rußland die „offene Thür" nur für Talienwan, und dies auch nur mit sebr wesentlichen Einschränkungen zugesagt, so daß die gesammte handelspolitischeLage gegenüber China einezweifelhafte geworden sei. Insofern sollten die Regierungen Englands und Nord amerikas die übrigen beteiligten Mächte zu einem gemein samen Vorgehen einladen, und damit dieses vor jeder weiteren Besitzergreifung chinesischen BodenS eine formelle und bindende Verpflichtung in handelspolitischer Beziehung abzugeben gezwungen werde. Ferrillvtsn. Diana. Roman von Marian Comyn Nachdruck verboten. „Wollen Sie damit sagen, daß sie die einzige Dienerin ist, die Sie haben?" — Nancy blickte ihn, fast starr vor Ver wunderung, an. „Die einzige weibliche Bedienung wenigstens. Ihr Mann besorgt die Gartenarbeit und sieht nach meinen Pferden. Ich bemerkte Ihnen schon vorher, daß mein Hausstand nur «in sehr kleiner ist." Nancy beugte sich ein wenig vor, und, das Kinn aus ihre Hand stützend, Nickte sie ihn mit unverhohlenem Interesse an. „Das ist ja ganz merkwürdig", bemerkt« sie. „Wie furchtbar einsam Sie sich fühlen müssen —" „Stellt dieses Gemälde Jemanden aus Ihrer Familie dar?" fragte Diana, ihre Schwester ohne Weiteres unterbrechend, und auf ein Oelgemcilde, welches über der Thür hing, deutend. „Welch' 'liebes Gesicht!" „Es ist da» Bild meiner Mutter", sagt« «r, ihrem Blicke folgend, während seine Augen wieder den düsteren Ausdruck an nahmen, den Diana kannte. ,Sie haben jedenfalls eine Gemälde-Galerie im Haus-.?" fuhr sie fort, ohne Nancy Zelt zu irgend einer Bemerkung zu lassen. „O ja! Möchten Sie dieselbe sehen? Ich fürchte aber, sie enthält nichts, was von irgend welchem besonderen Interesse wäre; aber ich bin gern bereit, sie Ihnen zu zeigen." In diesem Augenblicke wurde der Th« von einer älteren, sehr ehrbar aulsebenden Frau hereingebracht. Eine schwarze Haube mit veilchenfarbenen Taffetbändern verhüllte zum größten Theile daS schon ergraute Haar. Sie warf einen Blick der Mißfallen» <mf den Besuch ihre» Herrn und setzte dann da» Brett so heftig nieder, daß die Tassen gegeneinander klirrten, und etwa» Milch auf da» Theebrett ge schüttet wurde. „ES ist keine Sahne 'da, sch habe Milch bringen müssen", sagte st«, „die Sahne ist durch da» Wetter sauer geworden." „ES ist gut", antwortet« lssfr. Heathcote, ohne sie anzu blicken, und nachdem sich di« Thür hinter ihr geschlossen hatte, setzte er sich vor dem Dheebrett nieder und ordnete die Tassen, wobei Nancy ihn gespannt beobachtete. Plötzlich von seiner Be schäftigung aufblickend, begegnete er ihrem Blick, der ihn ver legen zu machen schien, und die Zuckerzange, welche er eben aus genommen hatte, entfiel seinen Händen. „Nein", rief Nancy aus, deren Uebernruth heute Nach mittag seinen höchsten Grad erreichen zu wollen schien, „das ist doch der drolligste Anblick, den es auf der Welt giebt, — einen Mann am Theetisch. der den Thee einschänkt! Das ist ja ganz widersinnig, und Sie dürfen es mir nicht übel nehmen, Mr. Heathcote, wenn mich dieser Anblick zum Lachen reizt." Heathcote stimmte in ihr Lachen mit ein, doch nur einen Augenblick, dann verstummte sein Lachen plötzlich — er schien selbst darüber verwundert zu sein, daß er überhaupt noch lachen konnte. Er stand auf, und, sich zu Diana wendend, sagte er: „Wollen Sie mich wohl von meiner Verantwortlichkeit be freien, Miß Beauchamp? Ihre Schwester hat ganz Recht. Ich glaube selbst, daß ich mich ziemlich linkisch bei dieser Be schäftigung benehme, aber ich bin seit vielen Jahren so daran gewöhnt, mir selbst meinen Thee «inzuschänken, daß ich ganz vergessen habe, daß die Sache auch eine komische Seite hat." „ES freut mich, daß Sie Nancy'S Bewertung von der komischen Seite auffassen", entgegnete Diana mit aller ihr zu Gebot« stehendem Liebenswürdigkeit. „Ich würde anderen» fall» aenöthigt gewesen sein, meiner Schwester einen Verweis zu «rcheilen, daß sie ihrem Muthwillen so die Zügel schießen ließ." — „O, bitte, thun Sitz da» nicht! Ich bin kein Freund von Hö'flichkeit»formen; mir ist da» Ungezwungene. Ungekünstelte lieber." „Ja, da» ist ganz augenscheinlich", erwiderte die under» bessevliche Nancy mit einem bezeichnenden Blick auf die lm Zimmer herrschende Unordnung. Philipp Heathcote mußte aber- malS lächeln. Dann fielen seine Augen auf Diana — wie lieblich sie au»» sah, während st« mit geschickter Hand für Li« «eine Gesellschaft Len Thee etngoß und alle» dazu Nöthige hinüberreichte. de trug cm hellgraue» Kleid mit weißem leinenen Kragen und ebensolchen Stutzen. Ihren Hut hatte sie abgelegt, und Philipp konnte nicht umhin, den feinen Kopf mit dem weichen, glänzenden Haar zu bewundern. Niemal» vorher war sie ihm so schön erschienen, wir heute. Ihre Gegenwart mußt« einen Zauber auf ihre gange Umgebung auSüben, denn da» alte staubige Zimmer schien heut« ganz ander» auSzusehen, al» sonst; eigene Gedanken stiegen in der Brust de» einsamen Mannes auf. Wie anders hätte sein Leben sein können, wenn jener Schatten es nicht verdüstert hätte, wenn er nicht al» «in Auigestoßener nahezu sieben Jahre hätte in diesem düsteren Hause lebe» müssen. Ein tiefer Seufzer drängte sich auf seine Lippen. Doch Nancy entriß ihn sehr bald seinen Träumereien. Sie war heute aufgelegt zum Plaudern, und wohl oder übel mußte ihr Philipp auf ihre Fragen betreffs der verschiedenen Bücher und Gemälde, welche ihre Aufmerksamkeit erregten, Rede stehen. Nachdem der Thee vorüber war, stand Nancy auf und blickte zum Feüster hinaus. Es regnete wohl noch, aber der Himmel schien sich dennoch bereits ein wenig auszu,klären. „Habe ich es nicht gesagt? Ehe eine halbe Stunde vergeht, haben wir wieder Hellen Sonnenschein!" ries Nancy in triumphi- rendem Tone. Dann wendete sie sich wieder den Journalen zu, welche schon vorher ihr Interesse erregt hatten; doch bald legte sie auch diese überdrüssig bei Seite und blickte sich nach einer neuen Unter haltung um. Philipp machte jetzt den Vorschlag, die Gemälde-Galerie zu besichtigen, doch Mincy lehnte es ab, mitzugeheu. „Ich meinerseits mache mir gar nichts aus diesen alten Familienbildern. Eines sieht beinahe ebenso aus wie das andere, und am wenigsten schön sind die Frauen in ihren alten Trachten. Ah", rief sie aus, als Philipp jetzt einen Schrank öffnet«, „wie prächtig! Ich werde hier bleiben und mir diese Sammlung schöner Sterne ansehen. Es ist ein wahrer Jammer, dieselben in einem Schrank zu verschließen, wo sie Jahr au», Jahr ein, Niemand zu sehen bekommt; wie herrlich würden sie sich in Ringen oder anderen Schmuckgegenständen aus- nehmen!" Bedauernd blickte sie auf Len Schrank, in welchem auf weißem, wolligem Stoffe verschiedene kostbare Steine — Amr- thysten, Rubinen, Topase — ruhten. Mr. Heathcote erklärte, daß die Steine Theile einer Sammlung seien, welche sein Vater angelegt hatte. „Thun Sie mir den Gefallen und wählen Sie einige Steine aus", sagte er gutgelaunt, „Sie werden jedenfall» besseren Ge- brauch davon machen, al» ich." Nancy, entzückt über diese Srlaubniß, war ganz zufrieden, allein gelassen und sich ungestört in die Betrachtung der hüb schen Steine versenken zu können, während die beiden Anderen gingen, um die Gemälde anzusehen. Philipp hatte ganz Recht gehabt, al» er gesagt hatte, daß nichts von besonderer Bedeutung in der Galerie sei. Seine Vorfahren schienen zum größten Theile wohlwollende, freund liche Herren gewesen zu sein, welche unbestritten eine Vorliebe für weibliche Schönheit gehabt hatten, denn die Frauen der Familie Heathcote waren, fast ohne Ausnahme, außerordentlich schön, obgleich ihre Bilder bedauerlicher Weise erst im späteren Lebensalter angefertigt zu sein schienen. Mit Ungeduld wartete Philipp darauf, daß Diana endlich mit der Besichtigung der Bklder zu Ende wäre. Al» sie sich jetzt von dem letzten derselben atbwattdte, sagt« er plötzlich: „Sie sind seit Ihrer Rückkebr von London nicht wieder in Ihrer Nachtruhe gestört worden?" „Nein, durchaus nicht. Im Uebrigen habe ich Ihnen auch noch zu danken, daß Sie sich in jener Nacht so freundlich Nancy's angenommen haben. Haben Sie gar nichts Verdächtiges gesehen oder gehört, als Sie damals in unserem Garten waren?" Er blieb bei ihren Worten plötzlich stehen und blickte sie erstaunt an. „Haben Sie meinen Brief nicht erhalten?" „Ihren Brief?" Jetzt war es Diana, welche ihn erstaunt anblickte. „Ja, ich habe am Tage nach jener Nacht einige Zeilen an Sie geschrieben. So haben Sie dieselben nicht erhalten?" „Nein!" „Sonderbar", murmelte er. Dann stieg ihm plötzlich eine heiße Röth« lins Antlitz, und er wendete sich ein wenig zur Seite. Diana errieth seine Gedanken unL erwiderte schnell und eifrig: „Sie glauben, daß mein Bruder mir ben Brief vorrnt« halten hat, Mr. Heathcote? Da thun Sie ihm unrecht, sehr unrecht! Er ist unfähig, etwas Derartige» zu thun. Wenn der Brief unterschlagen worden ist, — er ist deswegen nicht zu tadeln." Philipp blickte sie scharf an, die Röthe verschwand au» seinem Antlitz; er schien mit ihrer Erklärung zufrieden zu sein. „Ich schrieb Ihnen nur wenige Worte, um Sie auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der mir auffällig erschien", sagte er, in seinen gewöhnlichen, ruhigen Ton verfallend. „Na- türlich kann die Sache ganz harmloser Natur sein, aber ich hielt r» für richtig, Sie davon in Kenntniß zu setzen. La» Fenster, welches unmittelbar über dem Haupteingange von Crowhurst liegt. befinLet sich am äußersten End« Le» langen Korridor», nicht wahr?" „Jawohl!" »Brennt dort stets Licht?" „Nicht, daß ich wüßte. Nein — ich bin überzeugt, Laß
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