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Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 24.02.1877
- Erscheinungsdatum
- 1877-02-24
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-187702245
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-18770224
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-18770224
- Sammlungen
- LDP: Zeitungen
- Saxonica
- Zeitungen
- Bemerkung
- Image 21-24 enth.: 5. Beil. vom 22.02.1877
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1877
-
Monat
1877-02
- Tag 1877-02-24
-
Monat
1877-02
-
Jahr
1877
- Titel
- Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 24.02.1877
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«rschetut tLgttch st»» 6'/, Uhr. Uehattta» ««» Lroetirts, YaharmiSgafl« 33. SaetchßuuSr» »er »rdacti«»: Oarmrttag« r«)—13 Udr. »tatmitrag« 4—e Uhr. tzlruav»« vrr kür die nächst- ralarnde «vmmer bestimmten Luserat« an Wochentagen bi« 8Nhr Nachmittags, an Sonn» k«b Ktftragen früh bi» '/,S Uhr. >, hri/tUatru für ZasAanahwr: Otto Klemm, UnivrrfitätSstr. 33, »««iS Lösche. Katharinensir.:»,v «u» bis '/-i Uhr. «itflaze LS,00». Abounemrataprei« viertelt. 4»/, ML» incl. Brinaerlohn 5 Ml., durch die Post bezogen 6 ML Jede einzelne Nununer 30 Ps. Belegexemplar 1t) Bf. Gebühren für Extrabeilagen ohne PostbefSrderung 36 ML mit Postbesbrdermig 4L Mk- Znserair tgcsp BourgeoiSz. 2«) Pf. Größere Schriften laut unserem Preisverzeichnitz. — Tabellarischer Satz nach höl-erein Tarif Iteclauicu ualrr Lcni iieüaclioaiflrtc» die Spaltzecte 4» Ps. Inserate sind stets an o. Erpettttv, zu senden. — Rabatt wird mcbr gegeben. Zahlung praenuwonwäa oder durch Postvorschuß. m 55. Tonnadend den 24. Februar 1877. 71. Jahrgang. Zur gefällige« Beachtung. Unsere Expedition ist morgen Sonntag den 25. Februar nur Vormittags bis -9 Ubr geöffnet. LxpeiNlion Lioip«Ixvr Bekanntmachung. Das 6. Stück deS diesjährigen Reichs-Gesetzblattes ist bei unS eingegangen und wird biS zn» kftg. Mo«, aus dem Rathhaussaale öffentlich aushänczen. Dasselbe enthält: Nr 1166. Civilproeeßordnung. Bom 30. Januar 1877. Nr. 1167. Gesetz, betreffend die Emfübrunz der Civilproceßordnung. Vom 30. Januar 1877. Leipzig, den 22. Februar 1877. Der Rath der Stadt Leipzig. vr. Georgi. Cerutti. der der der bis Bekanntmachung. Wir beabsichtigen, in nächster Heit nacbstebende Strsßentracte: die östlich und westlich Waldstraße gelegenen Theile der Guffav Adolf-Straße und Fregeftraße, den westlich Waldstraße gelegenen Theil der Aueaßraße, die Ltuaißraße entlang der allen Elster von Frankfurter Straße bis zur Fregestraße unv die Ringstraße von der Centralballenbrücke ab zum Halle'schen Tbor, sowie vom Grimma'schen Stemweg ab biS zur Sternwa.tenstraße neu zu pflastern und ergebt de-halb an die Besitzer der angrenzenden Grundstücke und bez. an dis An wohner hierdurch die Aufforderung, etwa beabsichtigte, die bezeicbnelen Straßentracte berührende Arbeiten an den Privat-GaS- und Wasserleitungen und Bcischleußen ungesäumt und jedenfalls vor der Neupflasierung auszuführen, da mit Rücksicht aus die Erhaliung eineS guten StraßenpflasterS dergleichen Arbenen während eines Zeitraumes von 5 Jahren nach beendeter Neupflasterung in der Regel nicht mehr zugelasien werden. Leipzig, am 21. Februar 1877. Der Rath der Stadt Leipzig. vr. Georgi. Wangemann. Lripjig» 23. Februar. Die Thronrede, mit der Kaiser Wilhelm den Reichstag eröffnete, spiegelt den Ernst der Lage, in der wir in 8 nach außen wie nach innen be finden, in ehrlichen, wenn auch festen und ge messenen Worten wider Den Schwerpunkt legen die kaiserlichen Worte mit Recht auf die inneren Wirren. Der großen brennenden Frage der euro- Päischen Politik kann Deutschland nach wie vor mit Rübe inS Auge schauen. Die Thronrede be klagt, daß die Psorte den gemeinsamen Reform forderungen der europäischen Mächte nicht geborcbt habe, und läßt die Wahrscheinlichkeit hindurch- schimmern, daß die zunächst betheiligt? Macht, Rußland, ihr das Gehör durch kriegerisches Bor gehen schärfen werde Zugleich aber gicbt sie zu verstehen, daß Deutschland sich in den Krieg zwischen Rußland und der Türkei nicht mischen, daß cS zwar seinen Einfluß zum Schutze der Christen in der Türkei ausbieten, zugleich aber seine mächtige Mittelstellung, alS die Stellung eines unbctbeiligten Staate-, zur Wahrung de- europäischen Frieden-, zur Einschränkung des Kriege- aus den Osten unseres Welttheiles verwenden werde. Diese Versicherung wird zur Beruhigung der Gewüther auch in Bezug auf die innere Lage beitragen. Denn unter den vielen Quellen, aus denen der wirthschastliche Noth- stand seine Nahrung zieht, nehmen die un aufhörlichen KriegSbksürcdtungen der letzten Zeit eine hervorragende Stelle ein Zur Heilung der Schäden, die auf unserem Volkswohlstände lasten, weiß die Thronrede kein neues Mittel vorzu- schlagen; sie weist vielmehr die Recepte der Socia- listen, der Dcutschconscrvativen, der Steuer- und WirthschastSrcsormer, der Agrarier oder wie die Wunderdoktoren sonst heißen mögen, zurück und wehrt den Vorwurf ab, als ob „die inneren Zu stände de- deutschen RcicbeS einen wesentlichen Antheil an den Ursachen der Uebelstände hätten, die ja in allen anderen Ländern gleichmäßig ge fühlt werden." Die gedrückte Lage, in der Handel und Verkehr verharren, ist von der NeichSregierung selbstverständlich mit Ernst und unausgesetztem Eifer erwogen worden, und man hat nach Mitteln gesucht, ihr abzuhelsen; ein solche- hat man aber in einer systematischen Nenderung der Reichsgesetzgebung nicht finden können. In der Thal ist eS noch keinem Franzosen, Belgier oder Dänen eingefallen, für den auch in jenen Ländern einreißenden Noth- siand den Staat und seine Gesetze verantwortlich zu macken. Manche- mag ja wohl auch die Gesetzgebung verschuldet haben, und man wird aufrichtig bemüht sein müssen, an erkannte Mängel die bessernde Hand zu legen; ein wesentlicher Antheil kann ihr aber nicht zugefchrieben werden an einer Calamität, die eine allgemeine ist und, durch allgemeine Umstände hervorgcrufen, nur durch allgemeine wieder gehoben werden kann. Mit viu größerem Rechte alS der Gesetzgebung kann gerade denjenigen Elementen, die gegen sie Front machen und ihre Kraft zu erschüttern suchen, kann den Umsturzbestredungen der Opposition-. Parteien ein wesentlicher Theil der Schuld an den jetzigen LerkebiSstörungen zugrschoben werken Da» drohende Gebühren dieser Umstürzler hat in Wandel und Industrie ein Gefühl der Unsicherheit, » Mißtrauens und d<r B»rrogtheit gebrock t, daS * den wirthschastlick en Zuständen selbst keine au? reichende Begründung findet. Diesem unmännlichen Gefühl der Verzagtheit tritt der kaiserliche Redner kräfiig entgegen, indem er die Nation zum Vertrauen auf die Stärke deS Reiche-, zu muthiger Gegen wehr gegen die anarchischen Bestrebungen aufrust. .Die Organisation de- Reiche- und der gesunde Sinn de- deutschen Volke- bilden eine' starke Schutzwehr gegen die Gefahren, welche die anarchischen Bestrebungen der Sicherheit und der regelmäßigen Entwickelung unserer Rechtsznstände bereiten könnten." Der Kaiser vertraut dem ge sunken Sinn deS Volkes; vertrauen auch wir dem Reiche, vertrauen wir unserer eigenen Kraft, nehmen wir sie mulhig zusammen Sehen wir uns die schwarzen und die rothen Gespenster, die sich vor uns ausspielen, alS wenn sie waS Rechtes wenn sie waS Rechtes und Lebendiges wären, bei Lichte an, Packen ^ l andern Theils abgehcn kann, wenn es nicht die die Tribünen für daS größere Publicum überfüllt. Die Thronrede selbst wurde an verschiedenen Stellen von den Mitgliedern dcs ReichSlags. von dem alle Parteien vertreten zu sein schienen, mit Beifall begrüßt. Besonders erfreulich aber war die Frische und Rüstigkeit, mit welcher der Kaiser den feierlichen StaatSact vollzog. Zum ersten Male war diesmal der Reichs tag sofort nach seinem Zusammentritt beschluß fähig. Der Namensaufruf, welcher unter dem Vorsitz des Alterspräsidenten v. Bonin stattsand, ergab die Anwesenheit von 262 Mitgliedern, also 63 über die erforderliche Zahl In der zweiten Sitzung (Freitag) wird die Präsidentenwahl vor- genommen. Nach den zwischen der national- liberalen und den conservativcn Frac'ionen statt- gefundencn Verbandlungen werden dieselben bei der Wabl des Präsidenten für v Forckenbeck, bei der Wabl deS ersten Vicepräsidenten für Frhr. v. Stauffenberg. bei der Wahl dcs zweiten Vice- präsidenlen für Fürst Hohenlohe Langenburg stim men. Oie beiden ersten Candidaten gehören be kanntlich zur nationailiberalen, der letzte zur deutschen NeichSpartei Die conservativen Fraclio- nen haben, wie wir körcn. mit Rücksicht aus die bewährte Thätigkeit deS Frhr. v. Stauffenberg als erster Vrcepräsident, sowie auf dessen her vorragende Stellung unter den süddeutschen Abge ordneten darauf verzichtet, den ersten Viccpräsiden- tenposten für sich in Anspruch zu nehmen. lieber die kaiserliche Thronrede sagt die „Franks. Zlg ", die bekanntlich der Reichspolitik incht sehr hold ist: „Wie die Dinge liegen, dürfen wir hiernach auf einen kriegerischen Conflict zwischen Rußland und der Türkei gefaßt sein. Mit Genuglhuung nehmen wir dabei von der doppelten Versicherung Art, daß die deutsche Politik den Grundsätzen, welche sis seither in den orienialffchen Wirren befolgt hat. auch ferner treu blerben wird, und daß ihr Ziel nach wie vor die Wakrung deS europäischen Friedens und der guten Beziehungen zu den verbündeten Regie rungen bleiben wird, als welche man sitzt wobl die sämmtlichen auf der Conferenz vertretenen unv dort über das Maß der von der Psorte zu fordernden Bürgschaften zur Uebereinslimmung gelangten Mächte bezeichnen darf. ES ist dieS, wie wir seit Beginn der KnsiS betont haben, die Politik, welche Deutschland vorgeschricden ist und von der cS weder zu Gunssin des einen noch deS gehörig beim Kragen und es wird sich zeigen, daß sie NicktS sind als eitel Dunst und Qualm, die wob! zu Zeiten die Sonne Deutschlands um nebeln, niemals aber ihren Lauf hemmen können. Tagesgeschichtliche Uetrerslcht. Leipzig» 22 Februar. Der Reichstag wurde gestern in feierlicher Weise eröffnet. Vorher hatte ein Gottesdienst für die evangelischen Mitglieder im Dom, für die katholischen in der Hedwigskirche stattgefunden. Nachdem die ReichstagSabgeordnelen, sowie eine große Anzahl zu der Feierlichkeit geladener Herren vom Hof-, Mrlitair- und Civildienst im Weißen Saale deS königlichen Schlöffe- versammelt waren, gruppirten sich die Mitglieder de- Reichstags im Halbkreise dem Throne gegenüber, und alSba.d betraten die Mitglieder deS BundeSrathß, an ihrer Spitze der Reichskanzler, den Saal, um an der linken Seite deS Thrones Ausstellung zu nebmen. Nunmehr machte der Reichskanzler dem Kaiser Meldung von der Ausstellung der Versanimlung, und der Kaiser erschien darauf in Begleitung des Kronprinzen, deS Prinzen Wilhelm, der zum ersten Male solchem Acte beiwohnte, und der anderen Prinzen deS königlichen HauseS, und wurde beim Eintritt in den Saal von einem begeisterten drei maligen Hoch empfangen, das vom Alterspräsi denten de- Reichstag-, Staatsminister a. D. v. Bonin, auSgebracbt wurde. Der Kaiser bestieg demnächst den Thron, während der Kronprinz auf der ersten Stufe deS Thrones und die übrigen Prinzen recht- von demselben Stellung genommen halten. Der Reichskanzler überreichte, vor den Thron tretend und sich ehrfurchtsvoll verneigend, die Thronrede, welche der Kaiser, das Haupt mit dem Helme bedeckt mit fester Stimme verlaS. (Wir haben dieselbe bereits mitgetheilt.) Nach Schluß der Rede empfing der Reichskanzler die Thronrede auS den Händen de- Kaiser- zurück und erklärte dann, einen Schritt vortretend, im Namen der verbündeten Regierungen die Session de- Reichstags für eröffnet. Dann verließ der Kaiser, nach allen Seiten grüßend, unter einem erneuten dreimaligen enthusiastischen Hoch, da- jetzt vom bayerischen BundeSbevollmächligten Pcrgler v. Perglas auSgebracht wurde, den Saal. Die Versammlung, welche der Eröffnung des ReichSiagS beiwohnte, war sehr ra'flreicd und überaus glänzend. Säwmtliche Hof- und Diplo- mcttcr.looen lman bemerkte namentlich auch den tüikischcn Geschäftsträger) waren dicht besetzt, brutschen Interessen, die bisher nicht berührt wurden, in Mitleidenschaft gezogen sehen will." Der württembergischc Thronfolger Prinz Wilhelm bat am Donnerstag mit seiner Ge mahlin seinen feierlichen Einzug in Stuttgart ge halten. Bei den, deutschen Botschafter in Pari- Fürsten Hohenlohe fand am Mittwoch ein großes Diner statt, an dem alle Minister Theil nab neu. Am Abend war auf der deutschen Botschaft ein Empfang, aus dem der Präsident Mac Mahon, die Prinzen von Orleans und zahlreiche Notadi litäten erschienen. Der Waffenstillstand der Psorte mit Montenegro wird mit Rücksicht auf die schwebenden Friedensverhandlungen noch um vierzehn Tage verlängert werden Da« Zu standekommen eineS UcoereinkommcnS mit Serbien wird alS gesichert betrachtet. Laut einer Depesche der Times sind die Bedingungen welche Monte negro für den Frieden stellt, folgende: Neyulirung der Grenze, so wie die Conferenz dieselbe vor schlug, dazu Überlassung de« HascnS von Spizza nebst den beiden befestigten Inseln Wranjina und Lesandrija im See von Scutari; ferner freie Schifffahrt auf dem See von Scutari und längs der Bojana bi- zum Meer; schließlich die An stellung eine- türkischen Agenten für Cettinje, so wie eine- montenegrinischen für Stambul. Montenegro will dagegen für alle im abgetretenen Gebiete befindlichen Fort- und StaätSgebäude ratenweise binnen zwölf Jahren die Kosten ver güten und binnen vierzig Tagen die Rückkehr sämmllicher nach Montenegro geflüchteten Herze gowiner bewirken, wofern die Pforte Letzteren zeitweilige Steuerfreiheit und Geld behufs Auf baues ibrer Häuser und Kirchen, der Bestellung ihrer Felder und Unterhalt-mittel bi- zur nächsten Ernte bewilligen wolle. Die Wahlen zur serbischen Skupschtina sind im Allgemeinen im Sinne der Regierung au-gefallen. Bemerkenswertst ist, daß nur wenige Abgeordnete, welche in der vorigen Veriammlung für den Krieg stimmten, wiederqewählt wurden In Belgrad wurde zum ersten Male ein Jude gewählt. Der „Pol. Corr." wird aus TifliS gemeldet, daß zwischen Persien und Rußland Ab machunqen bestehen, nach welchen der Schah sich verpflichtet bätte, 30,000 Mann an der Grenze des Bagdad» VilajrtS zu concenlriren Der Statthalter von Kaukasier,, Großfürst M'chacl, wird da- Commardo -cr Armce nicht übernehmen und dasselbe demnach von General- Lieutenant Melikow fortgesührt werden. Bei der kaukasischen Armee werden die größten Au strengungen gemacht, um sie nach d» Zahl und Ausrüstung so actionSsähig als möglich zu machen lieber daS Befinden deS SultanS Abdul Hamid widersprechen sich die Nachrichten durch aus. Mau telegraphirt der „Pol. Corr." vom 2l. Februar auS Petersburg: „Nach einem von kompetenter Seite in Ko, stantiuopel an hiesige maßgebende Kreise ringelangten Bericht wäre der Gesundheitszustand des Sultans Abdul Hamid ein ganz normaler. Die Gerüchte über Svmptome einer Geisteskrankheit des Sultans sind von der Partei Midhat Pascha s auSgrsprengt, um, wie fesisteht, die eingeleiteteii Agitationen zur Herbeiführung eines neuen Thronwechsels zu motiviren. Nack hiesigen Anschau ungen hält man eine solche Katastrophe >n konstau- tinopel nicht für unwahrscheinlich." Die „France" bringt einen länger», auS Wien, 17. Februar, Abends, datirten Drabtbericht, wonach der Sultan bereits seit dem 7. d. M. an Verfolgung-Wahnsinn leidet. Am 9. begab er sich in verschlossenem Wagen in die Moschee, doch die Symptome eine- delirirenden Gchirn- leidenS mehrten sich so zusehends, daß nach einer am folgenden Tage slatlgebabten ärztlichen Be rathung vr. LeideSdorf in Wien telegraphisch consultirt worden sei. Derselbe rietb angeblich Spazierfahrten in die See an, welche auch am vorletzten Sonntag und Montag unternommen wurden, ohne jedoch irgend welchen Erfolg hervor zubringen. Seitdem habe daö Uebel schnellere Fortschritte gemacht; am vergangenen Freitag mußte bereits das herkömmliche FreitagSgebel unterbleiben. Ueber Edhem Pascha schreibt man der „Köl nischen Zeitung": Das Großvez'era« Edhem Pascha'S gilt allgemein für ein Uebrrgangsswomm: er hat seinem Borgänger und seinem Nachfolger als Folie, entweder im guten oder im bösen Sinne, zu dienen. Edhem Pascha besitzt per sönlich keinen großen Anhang; cs feblt ihm jedes Talent zur Cliquenmacherei, unv daher «st er in Zeiten, wenn zwei Parteien sich einander gczenüderstchen und ibre Kräfte messen, durch seine neutrale Gesinnung der Mann der Lage. Zu seinem Lobe sei aber gesagt, daß er sich weder zu seinem jetzigen Posten herandräng.e, noch jemals über die Bedeutung seiner Stillung l-u Unklaren war; und wenn ihn die Stivmung demnLü-si wieder wegreißt, trifft ihn dies nicht unerwartet Er darf sich dann mit gutem Gewissen als eia Opfer seiner Vaterlandsliebe bi trachten, denn anders als em Opfer kann man wobl die Annabmc der ehemaligen Stellung Midhat's unter den obwaltenden Umständen nicht auf- fafsen. Bon allen türkischen Staatsmännern der Jetzt zeit gebt «bin d:e Lage der Türkei am meisten zu Herzen. Die schwächliche Gestalt, die sich seit zehn Tagen noch mrbr gebeugt hat, daS ergrauende Haar und der we.->- mütbig müi>e Blick Evbem's beweisen, w e sehr ihn die Last der Verantwortlichkeit drückt, wie gern er in das Getriebe der inneren Parteiungen und der äußeren Politik daS Wort der Versöhnung und dcs Fliedens btneinrufen möchte. Doch ist ihm schwerlich eie Er füllung des Frtedenswerkes Vorbehalten. Auf der Candidatenliste der öffentlichen Menning stehen schon Drei alS seine inuthmaßlicben Nachfolger ausgezeichnet: Dscbewdet Pascha, N-'aif Pascha und »weder einmal der Feldzcugmeister und Palastmarscball Mahmud Dbabmad Pascha. DeZ Letzteren Name fängt an, alS Verkörpe rung des allgemeinen Krachs zu gelten. Wenn er als Oberster auf den Divan steigt und damit der Palast über die Hobe Psorte triumpbirt, wird des Sultans Macht einen größeren Schlag erhalten, als all- constitutioncllen Gelüste Midhat'S ihr je zu ertbeilen rermocht hätten. Einstweilen aber scheut man sich noch vor Europa und sieht sich daher nach neuen Zwischen- männern um, die den jähen Sprung zwischen Midbat und Mahmud vermitteln sollen, lieber Evhem Pascha'« Herkunft ist eine sonderbare Geschichte im Umlauf Er soll ein griechischer Sclave und während des Gemetzels von Chios geraubt worden sein. Er stand damal« im Alter von sieben Jahren und so ist ihm sein Ursprunq immer noch erinnerlich, obschon er sich alle Mübe giebr, denselben in Abrede zu stellen. Im Dorfe kuSkundschuk bei Skutari in Asien soll sein Bruder als griechischer Archimandnt leben und auS seiner Verwandtschaft mit Edhem durchaus kein Gebeimoiß machen. Was hieran Wahres ist, vermag ich nicht zu sagen. Edhem wurde im Palast des Sultans Mahmud den „Oghl«ns" < Pagen) beigesellt und erhielt später eiue gewesene Odalisk« Abdul Medschid's zur Fra». Da er des Französischen mächtig war, ward er als Lrbrer dieses Sultans verwandt und später, nachdem er zu Havse mehrere kleinere StaatSftellen bekleidet hatte, der ottomanischrn Gesandtschaft in Paris zugesellt. Er widmete sich daselbst mit großem Eifer den technischen Studien und erlangte sogar das Diplom eines Ju- geuieur», waS allerdings in Frankreich für Fremdlinge nicht allzu schwer zu erwerben war 1857 wurde er in» Ministerium berufen; 186>» erhielt er das Porte feuille des Handels und der öffentlichen Arbeiten, ging 1865 als skatthalter nach Larissa, dann nach Skutorr in Albanien, von wo er >869 zurückkrhrtr. Eine Zeit laug blieb er zur Verfügung gestellt, bis man ihm wiederum seine frühere Stellung im Ministerium anwieS. Doch wechselte er in der Folgezeit noch zwei Mal dielen Posten mit dem Amt« eines Präsidenten der Abtbeilung für d:e öffentlichen Arbeiten im Ttaatsrath. Den Botschafter Posten in Berlin soll er deshalb erhalten baden, weck man Aristarcbi B'y, der sich mit rrner Deutschen v-rbeiratbet halte, für allzu ger- msnistrt h'rlt. Edhem selbst sehnte sich nicht danach;
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