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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 20.10.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-10-20
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19001020025
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900102002
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900102002
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-10
- Tag 1900-10-20
-
Monat
1900-10
-
Jahr
1900
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Erst wurde eine Reibe Schuldiger, lauter hoch- und höchst gestellte Persönlichkeiten, „bestraft", mehrere sogar zum Tode verurtheilt, ohne daß ihnen auch nur ein Haar gekrümmt worden wäre. Ja, Prinz Tuan, der eigentlich an den Ehausseen im Norden EhinaS jetzt Steine klopfen sollte, «st wieder die Seele deS Widerstandes und beherrscht d^n Hof. Wie aber nun, wenn die FriedenSverhandlungen beginnen und aus Beweise für die AuSsübrung der verhängten Strafe ge drungen wird? Sollen doch gar, woran die energische Sprache des französischen Gesandten, Pichon, keinen Zweifel gelassen bat, die Häupter der Hauptanstifler vor den Augen der Gesandten in den Sand rollen. DaS ist eine höchst fatale Situation, aber der Chinese weiß sich zu helfen, indem er einen der Missethäter nach dem anderen — verschwinden läßt, sei eS durch Flucht, sei eS durch „Selbstmord". So wird uns berichtet: * Shanghai, 20. October. (Telegramm.) Chinesische Blätter berichten, der zum Tode verurtheilte Kang-ji habe durch Selbstmord geendet. Die hiesigen chinesischen Beamten haben keine Bestätigung der Nachricht. Die Bertreter des Aus landes schenken der Meldung keinen Glauben. Wir natürlich auch nickt. Kang-ji, dessen Charakteristik wir kürzlich brachten, ist bekanntlich ein wüthender Feind der Fremden und er soll bei der Kaiserin - Wittwe der Haupt- ratbgeber in politischen und finanziellen Dinge i gewesen sein. Er bat, wie man sagt, große Geldmittel flüssig gemacht, um vie Boxerbewegung zu unterstützen, und er war eS auck, der im Sommer nach dem Süven ging, um die dortigen Vice könige für den Krieg gegen die Fremden zu gewinnen, freilich obne Erfolg. Kang-ji war als Mitglied der Regierung am eifrigsten thätig, um bas Volk gegen die Fremden aufzuhetzcn. Eine andere Bewandtniß hat eS natürlich mit dem an geblichen Tode von Prinz Tuan'sSohne, der nichts mit der Blutschuld deS Hofes und der Regierung zu thun bat. DaS Ableben deS Thronerben erkläre, so wird aus chinesiscker Duelle hinzugefüzt, den Selbstmord seiner Gouverneure Hsütung und Herzog TsckungyiS und lasse auch die Angabe glaubhaft erscheinen, daß Tuan sich deS kaiserlichen Siegels bemächtigt habe. AricdenSverhandlnngen. Wie bereits gemeldet, ist der russische Gesandte von GierS in Peking einzetroffcn: auch der V e r t r e t e r D e u t s ch l a n d s, vr. Mumm von Schwarzenstein, wird sich gleichfalls von Tientsin dorthin begeben. Voraussichtlich dürften alsdann Vorbesprechungen des gesammten diplomatischen Corps mit den chinesischen Friedensunterhändlern über jene Puncte stattfinden, betreffs deren zwischen ven einzelnen Mächten be reits eine Uebereinstimmung erzielt worden ist. Tic Expedition nach Paotingfu Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" macht folgende schon telegraphisch kurz skizzirte Miuheilungen über den Vor marsch aus Paotingfu: Die vom Oberkommando angeordnete Operation auf Paotingfu hat am 12. dS. begonnen. Der Vormarsch geschieht gleichzeitig von Peking und Tientsin aus in folgender Weise: Die Pekinger Colonne, Führer der englische General Gaselee, setzt sich zusammen anS acht Bataillonen, vier Schwadronen und mindestens zwei Batterien. Die verschiedenen Nationen sind hieran wie folgt betheiligt. Die Deutschen unter Generalmajor v. Höpfner bilden mit den beiden Seebataillonen und ihrer Batterie die Avantgarde, welcher voraussichtlich Cavallerie vom 16. indischen Lancer-Regiment zugetheilt ist. Jin Gros marschiren das französische 17 Marine-Znfanlerie-Regiment, die indischen 1. Sikhs, das 26. Bombay-Regiment und ein italienisches Infanterie-Bataillon. Die aus Tientsin ab- marschirte Colonne stebt unter dem Befehl des französischen Brigadegenerals Bailloud und marschirte mit ihren Haupt kräften, 6 Bataillonen mit Cavallerie und Artillerie, wahr scheinlich über Hangtsun, mit einer linken Seitencolonne: 4 Ba taillone, 4 Schwavronen und eine reitende Batterie, südlich der im Weste» von Tientsin liegenden Seenkette. Die Zusammen setzung dieser Colonnen gestaltet sich folgendermaßen: Haupt- colonne, Avantgarde: 2 deutsche Bataillone vom 3. ostasiatischen Infanterie-Regiment unter Oberst Frhrn. v. Ledebur mit ent sprechender Cavallerie und Artillerie; Gros: französisches 16. Marine-Jnsanterie-Regimeut, 1 Bataillon italienische Bersaglieri. Neber die Z.itheilung von Cavallerie und Artillerie bei dieser Colonne ist nichts bekannt. Linke Seitencolonne: englischer Oberst Campbell, Hongkong-Regiment, 20. Punjab- Regiment, 1. Madras-Regiment, australisches Bataillon, 3. Bombay-Cavallerie-Negiment, eine reitende Batterie. Den Schutz von Tientsin gegen Unternehmungen von Süden her hat der Obercominandirenke einem französischen Detachement übertragen. Der linken Seitencolonne um einige Tagemärsche voraus war ein französisches Bataillon über Tuliotschoen nach Hsiunghsien marschirt, um dort eingeschlossene fran zösische Priester zu befreien. Ob dieses Bataillon an dem Vormarsch auf Paotingfu theilnebmen wird, ist nicht bekannt. Bis zum 14.October waren die Colonnen von Tientsin aus keinen Widerstand gestoßen. Die Pekinger Colonne hatte am 12. Oktober Lukukiao, den Uebergang über den Junho, erreicht; am 16. war sie 10 km südlich von Tsckolschou angelanzt. Beide Colonnen haben anscheinend Boxersckwärme vor sich. Bei Pao tingfu sollen auch stärkere reguläre Truppen in größerer Zahl stehen. Die Entfernung von Peking-Tientsin nach Paotinfu beträgt etwa 150 km, welche in zehn Tagen zurückgelegt werden kann. Unter dieser Voraussetzung würde am 18. ds. die Pekinger Colonne drei Viertel des Weges zurückgelegt haben, während die von Tientsin abmarschirten Colonnen den Paikoufluß überschritten hätten. Am 20. oder 21. ds. müßten die Kämpfe vor Paotingfu beginnen, falls der Gegner dort standhält, oder, falls er ausweicht, das Marschziel erreicht werden. Abgesehen von dem Eindruck, welchen die Besetzung PaotingsuS, eines Hauptsaninielplatzes der Boxer, durch die Truppen der Verbündeten machen dürfte, wird durch diese Operation eine gründliche Säuberung des durchzogenen Land striches und damit eine Sicherung der Etappenstraße Taku- Peking bewirkt werden. Eine Depesche deSGenerals Gase lee auS Tscko-tscho vom 14. October besagt: DaS Land ist ruhig. Die Leute sind freundlich gesinnt. Tie chinesischen regulären Truppen ziehen sich zurück. Es sind reichliche Lebensmittel vorhanden. Die OrtSbehörden scheinen alle Anstrengungen zu machen, um die Boxer niederzuwersen. — General Campbell, der von Tientsin aus mit der Expedition Gaselce's gegen Paotingfu cooperirt, meldet in einer Depesche vom 13. October: Ich kam mit den Truppen in Tinlin an, Alles ist wohl, das Land ist ruhig, die Truppen sind im besten Gesundheits zustand, Vorräthe stehen zur Verfügung. Er meldet weiter vom 14. October: Ich erreichte Wangsckiafu. Der erste Theil des Marsches war schwierig wegen heftiger Reaen- sälle. Die Leute sind freundlich und liefern reichlich Vor» rätbe; vom 15. October: Nach einem Eilmarsch von 22 Meilen erreichte ich die befestigte Stadt Menunhsie», nahm unter wegs 20 berittene Boxer gefangen und erbeutete eine große Menge Maulesel und Pferde. Die Truppen marschirten aus gezeichnet. Der Gesundheitszustand ist vortrefflich. Lebens mittel sind reichlich vorhanden; vom 16. October: Ich er reichte Sch an gsch i awo. Alles wohl. 2000 Mann chinesischer Cavallerie zogen sich südwärts zurück, als wir heranrücklen, ohne Widerstand zu bieten. Aus Tientsin, 18. October, meldet „Reuter's Bureau": Der russische Gesandte v. Giers ist gestern nach Peking anfzebrocken. — General Campbell entwaffnete in Menan gefangene Chinesen und zwang die Einwohner, sür die Truppen Nahrungsmittel zu besorgen. Ebenso wurde auf der ganzen Marschlinie Verfahren. Man beabsichtigt auf dem Rückmärsche soviel Dörfer als möglich genau zu durch suchen und zu bestrafen. Zn Menan kam der OrtSvorsteher zum General Campbell, der ibn aufforderte, ihn zum Jamen zu führen. Der OrtSvorsteher bat voller Furcht Campbell, sein und seiner Famil-e Leben zu schonen. Verschiedene Schriftstücke wurden beschlagnahmt. Nirgends wurde Wider stand geleistet. Die französischen und die deutschen Colonnen standen am 16. d. M. in Patschou, 20 Meilen nördlich von Paotingfu. AuS Tientsin wird weiter gemeldet, daß eine russisch - Scutschc Expedition gegen den Platz abgeben soll, wo sich die Kaiserin- Wittwe versteckt hält. Li - Hung-Tschang habe dem Befehlshaber der Verbündeten Mittbeilung über diesen Platz gemacht. Tie Expedition sei sür 30 Tage ausgerüstet. Diese Meldung bedarf jedenfalls noch sehr der Bestätigung, zumal eS der deutschen Cavallerie an Pferden fehlen soll, weshalb sie vorläufig in Tientsin bleibt. Ter Hof in Lingansu. Ein englisches Kanonenboot ist von Haukau aus den Hansluß aufwärts gefahren, um von Süden her eine Demonstration zu veranstalten und etwaige, zu Wasser abgc- gaugene Vorräthe sür den Hof in Singanfu abzufchneiden. Es soll möglich sein, auf dem Hanflusse der neuen chinesischen Residenz auf ungefähr 200 km nahe zu kommen. Vielleicht nehmen auch deutsche Kriegsschiffe an dieser Demonstration Tbcil, denn außer der „Schwalbe" soll auch der „Iltis" nach Hankau gehen. Mau weist auf deutscher Seite gerade jetzt mit besonderem Nachdruck darauf hin, daß Deutschland große Interessen am Gebiete des Zfangtse zu vertheidigen habe. Tie Vorgänge im Süden. Der Militär-Mandarin in Sanschun berichtet: Admiral Ho's Streitmacht stieß auf Rebellen, von denen etwa 100 getödtet wurden; die Rebellen zogen sich nördlich vom Ost-Fluß zurück. Wie aus Canton berichtet wird, macht der Aufstand vom Ost-Flusse große Fortschritte; er ist Weir verbreitet und erinnert an den Taiping-Aufstand. Die Missionen blieben unbelästigt. — In Shanghai ist eine Proklamation der chinesischen UnabhängigkcitSpartci gefunden worden. Dieselbe lautet: „Männer und Frauen! Wir, die Mitglieder der chinesischen UnabhängigkeitSver- einigung, haben jetzt, angesichts der Boxerbewegung, die vom Prinzen Tuan, Aunglu Kangyi und dem ganzen reaktionären und greisenhaften Pack heimlich angezettelt wurde, die Waffen erhoben und geben Euch nunmehr kund, daß wir die Mandschu-Regierung nicht länger als Herrscherin Chinas dulden wollen. Es ist unsere heilige Pflicht, ein neues China auö dem alten zu schaffen, daS Reich mit Zufriedenheit an Stelle des Elends zu erfüllen, und es für daS chinesische Volk im Besonderen und die Welt im Weiteren zu einem segensreichen Ganzen zu machen. Wir haben uns entschlossen, Se. Majestät Kuangsü als Kaiser wiederum einzusetzen und ein constitutionelles Reich zu errichten, das nach jeder Richtung hin mustergiltig und würdig der höchsten Intelli genz und Aufklärung des zwanzigsten Jahrhunderts sein soll. ES soll dem Volk bürgerliche und konstitutionelle Frei heit geben. Wir sind fest entschlossen, Hand in Hand mit den alliirten Mächten zu arbeiten, um die fanatische und ungesunde Bewegung zu unterdrücken und die fremdenfeindlichen und verruchten Usurpatoren zur Be strafung zu bringen. Alle Besitztümer der Fremden in den Vertragshäfcn, alle Kirchen und das Leben und Eigentum fremder und eingeborener Christen sollen geschützt werden. Wir versichern Euch, daß Ihr unseren Handlungen keinerlei Furcht oder Mißtrauen entgegenzubringen braucht. Deshalb kündigen wir h'.ermit au, daß der Zweck der Unabhängigkeits vereinigung ist, unseren geliebten Kaiser, seine Majestät Kuangsü, zu retten und die Usurpatoren zur Bestrafung zu bringen." Die Lchreckenszeit in Peking. (Fortsetzung.) Ein verlustreicher Tag. Der 11. Juli brachte schwere Verluste. Ein Deutscher wurde tödtlich verwundet, ein Brite, rin Italiener und ein Japaner schwer. Der Freiwillige Nigel Oliphant erhielt ein« Kugel ins Bein, Herr Narahara, der wohlbekannte Sekretär der japanischen Gesandtschaft, wurde durch eine crepirende Granate verwundet, und zwar erlitt er einen mehrfachen Beinbruch, dem er am 24. erlag. Herr Narahara war ein ausgezeichneter Sinologe. Vor dem war er Privatsckretär bei Marquis Ito,' und bei den Friedensunterhandlungen von S ch i m o n o s e k i im Jahre 1895 war er zugegen. Er "war allgemein geachtet. Bei einem wag halsigen Versuch, ein chinesisches Banner zu erbeuten, wurden drei Franzosen verwundet, Einer davon schwer. Es war Herr Gruingen-st, Ingenieur der Luhanbahn, der dem Ausbruch in Tschanghsintien entronnen war, ehe die Feindseligkeiten aus brachen. Chinesische Banner hingen verführerisch nahe bei den Außenposten. Eines Morgens bemerkten wir eins, das von einer Sanbfackschange in der Fahrstraße gerade über der Mauer der britischen Gesandtschaft wehte. Einen solchen Schimpf tonnte kein Seemann erdulden. Im Laufe des Tages erstieg Unter- ofsiüier Preston voin „Orlando" mit zwei Freiwilligen die Mauer, erschoß zwei Soldaten, die aus Posten standen, während die Matrosen die Fahnen Niederhalten und ins Lager brachten. Am 11. machten die Franzosen 18 Gefangene in einem Tempel bei der Gesandtschaft. Sie waren Soldaten, und ein chinesischer Christ gab Auskunft über sie. Sie wurden ohne Gnade in der französischen Gesandtschaft erschossen. Vor ihrem Tode aus gefragt, haben sie Vieles berichtet, was augenfällig falsch war. Einer hatte indcß ausgesagt, daß unter der französischen Ge sandtschaft eine Mine gelegt sei, was sich alsbald bestätigte. Als der Tag des 13. sich neigte, «wurde ein Scheinangriff aus die japanischen Verschanzungen in dem Fu gemacht. Plötzlich hörte man den Klang vieler Hörner von den Lagerstätten bei der fran zösischen Gesandtschaft her, und einige Minuten später erfolgte eine s ch r e ck l i ch e E xp l os i o n, und fast ohne Feuilleton. ,0j Der Lundschuh. Roman von Woldemar Urban. Nachdruck verboten. IX. Heller und Heller fluthete das Licht des jungen Tages durch die dunklen Baumwipfel, der Morgenwind machte sich auf und zerstreute, wie ein Vorbote des Allmächtigen, das Nachtgewölk; die Vögel begannen ihr Lied, all' die tausend Wunder eines thau- frischen Maientages, eines Frühlingsmorgens, erfüllten sich, die Sonne stieg glitzernd und wärmend herauf, in jedem Thautropfen sich spiegelnd, der Wald leuchtete und funkelt« so jung und frisch wie am ersten Tage der Schöpfung — nur Veit lag, wie ge brochen, über der Leiche seines Vaters, in trostlosen Schmerz ver sunken. In dieser Nacht klang keines seiner Lieder, kein Ton der Fiedel erleichterte ihm sein Herz, sein Inneres war todt und leer, seine Welt erstorben. WaS war im Verlaufe eines einzigen Tages aus seinem Glück, aus seinen Lebenshoffnungen geworden? Was aus ihm selbst? Das kleine Fahrzeug seines Glückes war in den empörten Wogen der wilden Zeit elend gescheitert. Krank, kummervoll, unglücklich, ein verwundeter Flüchtling, ein mit dem Tode bedrohter Ver brecher, ein Entführer, lag er an der Seiche seines VaterS, hilf los und trostlos, ausgestoßen von Welt und Menschen, ein ge hetztes Wild. Wem hatte er etwas DöseS gethan? Sein Herz, so sinnig und minniq, daß es auch nicht im Traum« an Uebles dachte, war wie «ine frische Knospe, die sich zu zeitig hervorgewagt, vom Frühlingsfrost erkaltet und «rtödtet. „Höre auf zu weinen und tröste Dich", hörte er di« tiefe, sonore Stimme >deS Eremiten sagen. Ueberrascht sah er auf und sah den Alten auf einem Stein sitz in der Höhl« sitzen, vor d«r er an d«r Leiche seines VaterS lag. „Wie soll ich mich trösten?" fragte er leise und mit zitternden Lippen, „seht Ihr nicht, -wie unglücklich und verlassen ich bin?" „Erkenn« Gott! Das ist der beste Trost", sagte der alte Mann wieder. Veit verstand ihn nicht. Dann nahm der Einsiedler eine Hand voll Erde auf. „Siehst Du da» Wunder?" fragte «r wieder. Deit schüttelt« vrrständmßlo» den Kopf. „Und doch ist jede Handvoll Erde schon an sich ein Wunder", fuhr der Einsiedler fort, „um wieviel mehr wir selbst? Wie tausenderlei Dinge birgt eine Handvoll Erde, wie predigt sie laut und deutlich von der Allmacht Gottes und seiner Fürsorge für uns. Mit tosenden Stürmen umhallt er die unnahbaren Fels- massen des Urgebirges, mit hämmerndem Frost, mit glühender Hitze löst er in Jahrtausende währender Arbeit bröckelnd die ge waltigsten und härtesten Massen, und die Sturzbäche rollen den Quarz und die Granitfelsen donnernd zu Thal, wo dir Gewal tigen der Natur, zu Sand gerieben, sich nach seiner Allmacht fügen, sich mischen mit den Kindern des Thales. Schwebend und webend, zaubernd und bildend im ewigen Spiel senkt sich der Thau des Himmels auf die gestürzten Größen, auf die Urriesen der Schöpfung, und unter seinem Willen formt sich der Porphyr zu Eisen, die Schwefelkiese zu Alaun, die Gypse zu Schwefel säure, Balsat und Trachyt zu Phosphorsäure und welcherlei Namen die Menschen den Dingen geben,die eine Handvoll Acker erde birgt. Sieh sie wohl an, diese Handvoll Erde, in der die kurzsichtigen, kleinlichen Menschen nichts sehen, als den Grund, in welchen das Saatkorn gelegt wird. Der Weife aber erkennt in dieser Handvoll Erde das ewige Walten der Urkraft, die in ihrer unergründlichen Allmacht und Fürsorge Dausende von Jahren schafft und wirkt, ehe der Mensch auch nur «in Saatkorn ernten kann; diese Haridvoll Erde predigt lauter, als alle Bücher und Menschenwerke, von der Gewalt und Weisheit des Herrn. Sie ist das echte und beste Zeugniß der Güte, Weisheit und Allmacht des Gewaltigen, dessen Geschöpfe wir sind." Veit war von schlichtem einfachen Verstand, aber er hörte genau zu und ahnte, was der Eremit mit seiner Handvoll Erde sagen wollte. Ein neues Licht, ein neues Verständniß der Dinge um ihn her, dämmerte in ihm aus. „Der Gott, der Tausende von Jahren schafft und bildet, um das Geschlecht der Menschen zu ernähren und zu erhalten, der sollte uns verlassen?" fuhr der Eremit fort. „Er zertrümmert die Riesen der Urwelt um «in Zwerggeschlecht zu ernähren, und dieses selbe Zwerggeschlecht bäumt sich bei jedem Schicksals schlag auf, der es betrifft, und windet sich kleinlich und verzweifelt im Sande? Er sieht und begreift dir Gewalt nicht, der er, wie das Sandkorn im Ackerland, dient, so soll er denn wenigstens glauben und hoffen, wie es Gott will. Geschlecht folgt auf Geschlecht, Generation auf Generation, der Sohn auf den Vater, wie der Tag auf die Nacht, in endloser Reihe. Was wissen wir, der einzelne Mensch, das Sandkorn in der Natur, vom Zweck der ringenden Natur, der ewig bildenden und schaffenden Gewalt? Mr der Vergriffe der Urwelt zum Sand« und Ackerboden wird, der uns ernährt, so sind wir die Urstoffe für kommende Welten und Geschlechter. Wozu also klagen? Tröste Dich, mein Sohn." Niemand hätte für Vater und Sohn «ine bessere Leichenrede halten können, als dieser Mann, der sie Beide nie gesehen hatte. Veit stand auf und küßte ihm fromm die Hand. Der Eremit hatte Recht. Wozu klagen? Joerg und Veit waren ja doch nur kleine Glieder in der unendlichen Kette der Zeit, Sandkörner im Meer, gerade gut genug, um Einer dem Anderen Platz zu machen. Man mochte über den alten Joerg und Tausende seiner Schicksalsgenossen aus jener Zeit denken, wie man wollte, — er war darum nicht schlechter, als er werden mußte in seiner Zeit. Gegen Mittag kehrte Junker von Hohnack von der Verfolgung der Flüchtigen zurück. Er hatte kein anderes Resultat, als müde Pferde, und doch hatte er nichts verabsäumt, um der Flüchtlinge wieder Herr zu werden. Bis über das Kloster Alspach hinaus, in die C^gend der Feste Hohnack, waren sie gelangt, immer durch frech« höhnische Zurufe aus dem Waldesdickicht verleitet, ohne doch je eine Spur der Zurufer zu entdecken. Der Junker war wüthend. Er hätte den Burschen erdrosselt, wenn er ihn erwischt hätte. So mußte «r sich aber mit einigen kernigen Flüchen be gnügen. Er fühlte sich beunruhigt und in seiner ohnehin zwei deutigen Stellung in Rappoltsweiler bedroht, denn er glaubte nicht mit Unrecht, annehmen zu müssen, daß sich nun Veit bei erster Gelegenheit für die erhaltenen Schläge rächen würdr da durch, daß er den Junker bezichtigte, auf der Scherweiler Burg dem Bundschuh geschworen zu haben. Als er mit seinen Begleitern am Rathhaus vorüber ritt, fand er daselbst einen großen Auflaus. Bürger und Bauern, zum Theil mit ihren Waffen, standen in aufgeregten, lebhaft ge- stikulirenden Gruppen herum, schrien und lärmten, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. „Er muß hängen!" schrien Einige, während Andere eine drohende Haltung gegen das Rathhaus einnahmen, als ob sie irgend etwas hindern wollten, was dort vorging. „Was giebts?" fragte der Junker einen der Söldner, die dort die Wach« hatten. "Sie haben das Läpplin drinnen und wollen ihn befragen wegen der fünfzehnhundert Reiter", berichtet« der Mann. Der Junker stieg sofort vom Pferde und trat in das Rath- haus ein. Auch hier waren ein« Unmenge Leute, darunter Viel« mit Waffen, die man sonst nur mit Schurzfell und Handwerk zeug sah. Alles machte einen drohenden, aufgeregten Eindruck. „Wo ist das Läpplin?" fragte der Junker. „Er ist schon unten", antwortet« man ihm und rr stieg sofort hinunter in das Untergeschoß des Rathhauses, wo neben den Untersuchungsgefängnissen der Jnquisitionsraum war, wo die „Befragung" oder die Jnqusition vor sich gehen sollte. Der Raum, in den der Junker eintrat, lag, trotz der Tages helle draußen, finster, nur von einigen schmälenden Pechfackeln erleuchtet, die auf einem schwarz verhangenen Tische standen, an dem der Richter mit seinen Schreibern faß. Außer diffen waren noch drei Knechte und zwei Söldner als Wache an der Thür, und der Delinquent selbst, das Läpplin, Letzterer bis auf die Hose ent kleidet. An Gerüchen — zur Erforschung der Wahrheit — war Man, Wie damals an vielen Orten, so auch in Rappoltsweiler, wicht übel versorgt. Da stand die Streckleiter, dir Daumen schraube, das „Bamberger Instrument", die englische Jungfrau, der gespickte Hase, die Riemenfiedel, die spanische Kappe und ähnliche Erfindungen der Gerechtigkeitsliebe, bei deren Anblick schon den meisten Delinquenten die Haare zu Berge standen und der Angstschweiß aus allen Poren brach. „Willst Du bekennen?" fragte der Richter das Läpplin. „Alles, was Ihr wollt, gnädiger Herr, nur nicht foltern", jammerte Läpplin mit gefalteten Händen und am ganzen Leibe zitternd. „Ich protestir« gegen die Befragung", warf der Junker von Hohnack laut und dröhnend ein. ,/Dcht Ihr nicht, daß der Mann lieber die halbe Stadt verrathen wird, als sich foltern zu lassen?" „Ihr habt hier nichts zu protestiren", entgegnete der Richter energisch, „und wenn Ihr Euch nicht freiwillig entfernt, so lasse Ich Euch fortbringen. Verstanden?" „Er ist" " begann der Junker wieder. „Die Befragung ist befohlen von Rechtswegen", unterbrach ihn der Richter Mit stärkerer Stimme, „uno wenn Ihr auch nur ein Wort noch dazwischen redet, lasse ich Euch festnehmen und in den Thurm legen. Hier habe ich zu befehlen, und nicht Ihr." Der Junker, der sich so manche Dreistigkeit erlaubte, well er sich in den meisten Fällen auf die Stadtmiliz stützen konnte, wurde durch die bestimmt« Zurückweisung etwas verwirrt. Er wollte sich durch einen Gewaltstreich hier nicht verdächtig machen und di« Sache nicht auf die Spitze treiben. Deshalb stimmt« «r seine Entrüstung merklich herab und sagte: „Ich hoffe, Ihr kennt di« Verantwortung, die Euch trifft, wenn Ihr einen Soldaten*) foltert?" „Laßt Euch da- nicht bekümmern und tretet ab", antwortete der Richter. Dann wandte er sich wieder zu Läpplin und fragte: *) Soldaten waren ebenso, wie Fürsten, hohe AdNg«, Gerichts. Personen, kaifirlich« Rüth«, grgrn dt« Folter prtvtlogirt.
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