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den iz. September 1316. Es »st sehr schwer, die Charaktere der Großen dieser Erde richtig zu bcur- theilen. Urihcüm über Chsrkkterc ist überhaupt eine Sache von der größten Schwierigkeit. Was be zeichnen wir mit dem Worte: Charakter? Doch das eigenthümliche Gepräge, wodurch sich jeder Mensch von seinen Nebenmenschen unterscheidet: ferne Art, zu empfinden; seine Art, diese Empfin dungen zu äußern: das Hervorstechende in seiner Denkungsart, in seinen Gesinnungen und in seiner Handlungsweise; mit einem Worte: wir nenken dreForm, in der sich der Mensch unter allen äu ßern Umgebungen als ein geistiges und sittliches Wesen darstcllt, seinen Charakter. Er wird durch so viele und oft unmerkliche Einflüsse gebildet, durch den Strom der Ereignisse so modlficirt, durch zu fällige Wahrnehmungen so bestimmt, durch indivi duelle Ansichten so beherrscht; er äußert sich in so vielen freimüthigen Bekenntnissen, offenen Hand lungen, feinen Zügen und unbelauschten Winken; er scheint sich oft geradehin zu widersprechen, baß derjenige entweder der Jahre lange Herzensoertraute und Begleiter eines Menschen gewesen segn, oder eine außerordentliche Dreistigkeit besitzen muß, der es wagen will, im guten oder bösen Sinn ganz ent scheidend über denselben abzu sprech cm Da heiße es oft: dieser Mensch ist schlecht, er hat einen schlechten Charakter; wir berufen uns dabei auf einzelne Thatsaehen, die freilich auch nicht allemal in Schutz zu nehmen sind; aber was wollen wir nun sagen, wenn sein Vertheidigrr uns dagegen unwiderstehliche Thatsachen aufstellt, die von Edel- murh und Güte des Herzens ein sehr rühmliches Zeugniß ablegen? Wollen wir diese etwa für Heu chelei, oder für ganz ungewöhnliche, also nur sehr zufällige Erscheinungen, das Döse aber für das Gewöhnliche und Herrschende in ihm erklären? Mit welchen: Grunde wollten wir wohl dieses thun? Wie könnten wir uns dabei selbst vor dem Verdacht der Verdammungssucht und VöSherzigkeit verwah ren? Nein, es ist sehr schwer, über Charaktere ein gültiges llrtheil zu fällen. Wir mögen einen Menschen sprechen hören oder handeln sehen, so sind die Worte, die er spricht, oder die Handlungen, die er vor unsern Augen ver richtet, als Resultate, gleichsam als die letzten Sätze nach einer langen Reihe von Gedanken und Schläft