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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 06.10.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-10-06
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19001006021
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900100602
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900100602
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-10
- Tag 1900-10-06
-
Monat
1900-10
-
Jahr
1900
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Oktober, gemeldet: Die „Ageuce HavaS" ver öffentlicht die folgende Note: Der Minister deS Auswärtigen Delcassv hat die diplomatischen Vertreter Frankreichs an gewiesen, die Mächte, deren Truppen mit den unserigen im äußersten Orient Zusammenwirken, über die Annahme eines gemeinsamen Programms für die Unterhandlungen mit China zu sondiren. Unsere Vertreter haben sich dieses Auftrages entledigt und den verschiedenen Ministern der Auswärtigen eine Copie der nachstehenden Note zurückgelassen: Die Machte verfolgten mit der Absendung ihrer Truppen nach China vor Allein den Zweck, ihre Gesandtschaften zu be freien. Tank ibrcr Einigkeit und der Tüchtigkeit ihrer Truppen ist dieses Z el erreicht worden. Es handelt sich jetzt darum, von der chinesischen Regierung, welche dem Prinzen Tsching und Li-Hung-Tschang die weitestgehenden Vollmachten zum Unter bandeln und Abschlüßen von Verträgen ertheit hat, eine angemessene Sühne für die Vergangenheit und ernste Garan- tien für die Zukunft zu erlangen. Durchdrungen von dem Grundgedanken, aus welchen die früheren Erklärungen der verschiedenen Regierungen hcrvorgcgangen sind, glaubt die Regierung der Republik die Ansichten der betreffenden Mächte in folgenden Puuctcn zujaminenzufasscn, welche sie ihnen als Grund lage der Unterhandlungen unterbreitet, welche nach der üblichen Prüfung der Vollmachten in Angriff zn nehmen sind: 1) Be strafung der Hauptschuldigen, welche von den Ver tretern der Mächte in Peking zu bezeichnen wären; 2) Auf- rcchthaltnng des Verbots der Waffeneinfuhr; 3) angemessene Entschädigungen für die Staaten, Gesellschaften nnd die einzelnen Personen; 4) Errichtung einer ständigen Wache in Peking für die Gesandtschaften; 5) Schleifung der Befestigungs werke von Taku; 6) Militärische Besetzung von zwei oder drei Pnncten ans dem Wege von Tientsin nach Peking, welche ans diese Weise immer sowohl den Gesandtschaften, welche sich nach der Meeresküste oder den Truppen, welche sich von dem Me.we nach der Hunptstadt begeben wollen, offen stehen würde. Tie Regierung der Republik hält es für unmöglich, daß diese so rechtmäßigen Bedingungen, wie sie von den Vertretern der Mächte gemeinsam unterbreitet nnd dnrch die Anwesenheit der ver bündeten Truppen unterstützt werden, nicht auch in Kürze von der chinesischen Regierung angenommen werden müßten. (Wdhlt.) Vom deutschen Standpunct aus ist unseres Dafürhaltens eine Zustimmung nicht rälhlich. Allerdings kommt die Note auf den ersten deutschen Vorschlag: Bezeichnung der Schuldigen durch die Mächte und nicht Lurch chinesische Behörden, wieder zurück, allein sie wirft die Bestrafung der Haupträdelsführer in einen Topf mit den übrigen Verhandlnngsgegcnständen, macht die Art und Höhe der Strafe also zn einem Object deS Verhandelns und — Handelns und birgt die Gefahr in sich, daß die chinesischen Unterhändler mit dem Hinweis auf die Schwere der übrigen Be dingungen möglichste Schonung der Schuldigen verlangen und schließlich auch erlangen werden. Die „Morniug Post" War ziemlich genau unterrichtet über den Inhalt der Note; e^ weicht in keinem wesentlichen Puncte von dem Wortlaut ao, wenn dieser auch nicht so ausdrücklich betont, daß über die weiteren Puncte schon verhandelt werden soll, „während nach Sühne verlangt wird". Im Grunde kommt Beides auf dasselbe hinaus. Damit, daß die Bestrafung als Punct eins figurirt, ist wenig gewonnen. Die chinesische Executive wird 'so lange hinausgeschoben werden, daß man, wenn einmal die Friedensconferenz zusammen ist, mit der Inangriffnahme der übrigen Puncte nicht wird warten können und wollen, bis sie erfolgt ist. Tie LchulSigcn. In dem Decret des Kaisers von China vom 25. Sep tember werden als Schuldige folgende Personen bezeichnet: die Prinzen erster Classe Tschuan-t sa i-sj uen und Piputsin, sowie die Prinzen niederer Grade Tsailien und Tsaipin, welche sämmtlich ihrer Aemler enthoben werden sollen, ebenso der Prinz zweiter Classe Tuan, dessen Pension überdies consiscirt werden soll, auch ist er dem Ministerium der Archive des kaiserlichen Hauses zu „strengster Bestrafung" zu übergeben. Ter Herzog Tsailan und der Vorsitzende des Censorenamtes Pinjan sollen von dem zuständigen Namen eine „strenge Strafe" erhalten, während es dem Censorenamte und dem Ministerium der bürgerlichen Ver waltung obliegt, eine entsprechende Strafe für Kangji, das vielgenannte Mitglied des StaatsratheS, und Tschaol- schoutschao, den Justizminister, zu bestimmen. — Es wird nun Sache der Vertreter der Mächte in Peking sein, ihr Gutachten darüber abzugeben, ob in dieser Liste der Schuldigen Keiner fehlt und welche Strafe für dieselben zum Mindesten zu verlangen sind. Ein angesehenes amerikanisches Blatt, die „Philadelphia Preß" bemerkt, daß, seitdem ein türkischer Gouverneur iu Damaskus gehängt wurde, kein türkischer Pascha sich wieder erlaubt hat, Europäer niedermetzeln zu lassen, obgleich die Eingeborenen nach Belieben massacrirt werden. So werde auch, wenn Prinz Tuan und die übrigen Führer bingerichtel werden, kein Mandarin mehr Weiße von seinem Uamen vertreiben, um sie niedermetzeln zu lassen, wie dies mit amerikanischen Bürgern und deren Frauen geschehen ist. Von der Todesstrafe, der höchsten chinesischen Strafe, ist in dem Eticte des Kaisers von China bei keinem einzigen der nam haft gemachten Schuldigen die Nede und cs ist sehr wahr scheinlich, daß die chinesischen Machthaber sich so lange als möglich gegen die Anwendung einer solchen Strafe sträuben werden, ganz abgesehen davon, daß sic möglicherweise gar nicht im Stande sein werden, sich der Schuldigen zu bemäch tigen. Wie aus Shanghai mitgetbeilt wird, ist der chiiiksische Hof nach Saianfu abgereist. Da Saianfu mit Hsianfu oder Singanfu, der Stadt in der Provinz Schensi, welche schon vor einiger Zeit als zukünftige Residenz des Kaisers proclamirt worven ist, Wohl identisch ist, so müßten die Mächte, da Hsianfu beinahe 1000 Icm von Peking entfernt liegt, alle Hoffnung auf Ergreifung der Schuldigen aufgeben. Jedenfalls läßt der Umstand, daß der Hof von Taycnfu südwärts gezogen ist, darauf schließen, daß der Kaiser und die Kaiserin-Wittwe zur Zeit nicht daran denken, nach Peking zurückznkchren. Nach einer Meldung der „Daily News" aus Peking ist der Mörder Kcttclcr'S ein subalterner Mansch»-Officier, der zu den Mauschu- Truppen gehörte, welche unter Prinz Tuan's Oberbefehl standen. Er ist 52 Jahre alt, gekört zur sechsten Nangclassc und trägt eine blaue Feder auf der Mütze. Er wurde von Cordes verhört und bekannte sich schuldig. Er sagte, sein Haupt mann habe ihm am Abend des 10. Juni befohlen, sechs Leute vom Lager zu nehmen, um in der Patamen-Straße Polizei- oieuste zu thun. „Dort sollte ich", so erklärte der Ofsicier, „die Befehle des Prinzen, ich glaube des Prinzen Tuan, aussühren. Diese Befehle lauteten: es ist Krieg, wenn Jbr einen Ausländer seht, erschießt ihn. Am Morgen that ich, was mir befohlen war. Ich trat hin zur Sänfte des Gesandten, feuerte und sah, daß der darin Sitzende todt- geschossen war." Cordes erkannte den Mörder wieder und letzterer erkannte auch Cordes als den Insassen der zweiten Sänfte wieder, welcher verwundet entkam. (Hraf Waldcrsee gebt in der Säuberung deS Weges zwischen Tientsin und Pcking von Boxern und anderen rebellischen Elementen ganz systematisch vor. Li-Hung-Tschang reiste in sehr gedrückter Stimmung nach Peking ab, Graf Waldersee hatte es ab gelehnt, ihn zu empfangen. Li-Hung-Tschang wird auf der Reise von einer russischen Escorte begleitet. Vitt peiitlichcr Zwischenfall. In einer Depesche der römischen „Tribuna" aus Taku vom 4. October wird die tapfere Haltung der italienischen Bersaglieri bei dem Angriff auf Schau-hai-kwan betont. Es ist hierin ferner von einem Zwischenfall die Nede, welcher die französischen und russischen Truppen betrifft. Die Russen hätten hiernach die Franzosen für Boxer gehalten und einmal auf sie gefeuert, worauf die Franzosen erwiderten. Auf beiden Seiten sollen etwa 12 Mann getödtet und mehrere verwundet worden sein. Etwas AehnlicheS ist schon auf dem Marsche von Tientsin nach Peking vorgekommen. Weitere Meldungen. * New Aork, 5. October. Eine Depesche aus Peking vom 1. d. M. besagt: Eine kleine Abtheilung kaiserlich chinesischer Truppen erschien gestern in Patachu: sie hatte, wie sie der dortigen britischen Garnison mittheillr, die Ausgabe, die Boxer zu zersprengen; ihr wurden von den Engländern keine Hinder nisse in den Weg gelegt. — Einer Depesche aus Tientsin vom 3. d. M. zufolge hatte Li-Hung-Tschang, bevor er seine bevor stehende Abreise nach Peking ankündigte, eine längere Unterredung mit dem russischen Gesandten v. Giers. Tie Einnahme vo» Peking. Aufmarsch von 4) angtsou. Marschart der ver schiedenen Truppen. Uniformen. Flucht der Chinesen bei Hoschicon. Matou und Tung- tschou. Marsch auf Peking. Die Japaner am Ostthor der Tarieren st ad t. Eindringen der Briten am Ostthor der Chinesen st ad t. Er lösung. Lob der Japaner. Am 8. August, so fährt der Kriegsberichterstatter der „Times" fort, wurde der Vormarsch wieder ausgenommen. In Aangtsun geht die Straße auf das rechte Peiho-Ufer über; der Fluß be schreibt einen großen Bogen, die Straße verläßt das Ufer und führt gerade auf Taitsun. Von nun ab sollte die gesammte Streitmacht auf dem rechten Ufer vorgehen; eine bestimmte Marschordnung wurde in einem Kriegsrath zu Uangtsun be schlossen. Die Ordnung war: Japaner, Russen, Amerikaner, Briten. Die Franzosen sollten in Uantsun verbleiben. Eine politische Bedeutung sollte diese Eintheilung nicht haben, indeß wurde diese Eintheilung von den Einen oder Anderen als eine unangenehme Noihwendigkeit empfunden. Die leichtfüßigen, mit geringem Troß beschwerten Japaner ließen eine Lücke vor den Russen, die schläfrig langsam marschirten, kaum mehr als ls-2 Kilometer in der Stunde zurücklegten, schwer beladen waren und jeden Augenblick stillstanden, um sich im Schatten aus zuruhen. Dies wirkte stauend auf die Amerikaner, die im Sande unter sengender Hitze Halt machen mußten, und ist die Ursache der vielen Sonnenstiche, die sie und die Briten trafen. Beim Vorbeireiten an den verschiedenen Truppentheilen ergab sich die offenkundige Ueberlegenheitderjapanischen Organisation: Raum für Alles, und Alles und Jedes am rechten Platz. Munitiousfuhren, Ambulanzwagen, Gepäcktrains, Alles handlich, erreichbar, keine Verwirrung, kein Lärm. D i e Beweglichkeit der Japaner übertraf die aller Uebrigen. Sie marschircn wohl doppelt so rasch wie die Russen, brachen stets zur gegebenen Zeit auf und machten nach Vorschrift Halt. Von der Marschfähigkeit der Briten und Amerikaner läßt sich nichts sagen, da sie durch die Russen auf gestaut wurden. Wenn die hart von der Sonne mitgenommenen Amerikaner in schattiges Gelände kamen, marschirten sie flott, und die Maroden erholten sich bald. Die Art, wie die Briten marschirten, schien die beste zu sein. Die indischen Truppen zeigten Schwung und Spannkraft auch bei der größten Hitze und Anstrengung. Auch hier war der Gegensatz zu den Russen auffällig. Letztere sind stark gebaut, mit breitem Brustkasten und breiten Schultern, die schönsten Soldaten, nur langsam, rohes Material, aber gutmüthige, heitere Menschen. D i e Franzosen sahen auf Marsch nicht gut aus; die Truppen kamen eben erst aus Tonking, waren vom Fieber und sonstigen Einwirkungen mitgenommen und den An strengungen nicht gewachsen. Ein Vergleich der Uniformen fällt weitaus zu Gunsten der Briten aus. Die alle- sammt in Weiß gekleideten Japaner waren meilenweit erkennbar, wenn man die Khaki-Uniform kaum noch unterscheiden konnte. Diesem Fehler müßte schleunigst nachgeholfen werden. Auch die Russen trugen weiß, allein ihre Uniformen waren stets be schmutzt, so daß der Nachtheil der Farbe sich weniger geltend machte. Die Amerikaner hatten ihren Khakirock meist aufgerollt und marschirten im blauen Hemd und blauen Beinkleidern; das sah gut aus, doch waren die Leute auf weite Entfernungen besser erkennbar, als die Khaki tragenden. Die Franzosen trugen blau, und zwar eine wenig dunkle, und auch, wenigstens in diesem Klima, nicht sehr gute Farbe. Khaki erwies sich als das Zweck mäßigste, und die Unerkennbarkeit der Briten wird allen Be obachtern klar geworden sein. Eine gemischte Colonne von Cavallerie, Lanzenreitern, Kosaken und Japanern, die unter Oberst Morioka stand, erkundete das Gelände. Uebec Taitsun hinaus bekam sie Fühlung mit dem Feinde. Es war auf halbem Wege nach Hoschiwu, und man glaubte mehr oder weniger, daß die Chinesen standhalten würden. Die japanischen Vorposten, Infanterie, wurden um 11 Uhr vorgeschickt, das Gros hielt nördlich von Taitsun, wo die verbündeten Truppen Nachtquartier bezogen. Am Morgen des 9. rückten die Japaner auf Hoschiwu vor und bambardirten die Stellung der Chinesen, die nach einem kleinen Scharmützel eiligst davonliefen. Die Japaner konnten den Ort bequem be setzen. Die Russen trafen zu spät ein, um noch an dem kleinen Gefecht theilzunehmen, die Amerikaner und Briten konnten erst Nachmittags eintreffen. Die Japaner waren inzwischen fünf Kilometer auf der Landstraße nach Ma tu weitergerückt. Sie waren dem Feinde hart auf den Fersen und entschlossen, ihm keine Ruhe und keine Zeit zu lassen, eine andere Stellung aus- zuwähleu. An demselben Morgen stießen zwei Schwadronen der 1. bengalischen Lanzenreiter nebst der japanischen berittenen In fanterie auf eine Abtheilung chinesischer Cavallerie von 200 Leurlletsn. 2oj Oer neue Tag. Roman von Klara Zahn. Nachdruck vcrbrlm Für Frcd begann nun eine bisher nicht gekannte unruhige Zeit. — Mit wem er auch je in den Jahren seines Aufenthaltes in Innsbruck bekannt geworden war, den trieb ihm nun seine öffentlich anerkannte „Schicksalswendung" entgegen. — Oder vielmehr Neugier und Prahlsucht, die bescheiden genug waren, mit anderer Menschen Verdienst zn prunken, drängten sich nun unter dem Vorwande herzlichsten Interesses und künstlerischer Theilnahme an ihn heran, und /r war gutmüthig genug und noch zu befangen von dem Rausch? eines ersten großen Erfolges, um sich energisch dagegen zu wehren. Für den armen, oft genug Knugerndcn Künstler hatte es auch einen eigenen Reiz, sich nun von aller Welt „feiern" zu lassen. Zwar lachte und spottete er nicht wenig darüber, aber er ließ sich ziehen, folgte nach einigem Sträuben und Zögern den vielseitigen Einladungen und war bald einer der vcrhätscheltsten Lieblinge der Innsbrucker Salons. Das war nun freilich nicht nur, weil er die kleine goldene Medaille erhalten hatte, sondern der Ausspruch Professor Huber's: „Der Fred Hehl wird nun bald allen deutschen Malern über den Kopf wachsen, mir auch!" — hatte sich verbreitet, und mau sah dem „künftigen Genie" mit dem üblichen Staunen entgegen. — Mit einem Schlage war der „arme Junge" nun eine gute Partie, und das Sehnsuchtsziel vieler Mütter- und Mädchenherzen. — Da brauchte der Fred sich gar nicht arg Mühe zu geben und seine hübschen Blauaugen nur hier und da ein bischen fester in ein Mädchengesicht zu heften, da flogen ihm schon die Herzen der Leichtbeweglichcn entgegen, und er hatte mehr zu wehren, als zu begehren, um nicht in eine fatale Position zu gerathen. „Zum Kuckuck, der Solideste und Vernünftigste kann zum „Don Juan" gestempelt werden, wenn ein Dutzend warmer Frauenherzen zugleich für ihn erglühen!" So dachte Fred. Aber gerade der Reiz, der darin lag, sich dem „gefährlichen Feuer" zu nähern und es dennoch immer und überall einzudämmen, verlockte Fred zuweilen. Warum sollte er, der so lange frierend und darbend durchs kalte Leben gegangen war, sich jetzt nicht ein wenig wärmen an seinen Freudcngluthcn? — Das that er denn und freute sich, wenn er des Herzens leises Mahnen nicht mehr zu hören brauchte im lustigen bunten Lebensstrudel. Der Mann war Fred Heyl nicht, der sich zum zweiten Male in die Gasse warf, um einem all mächtigen Schmerz zu wehren. Damals hatte es ihn übermannt, heute stand er über den Zufällen, denen ein fieberndes Hirn ausgesetzt sein kann; nur eine leise Schlaffheit war in ihm, von der er sich halb bewußt, halb unbewußt treiben ließ. Nur Eines fehlte ihm. Eine neue Idee, eine treibende innere Kraft, ein neues Werk zu beginnen. Zwar ging ec nicht müßig, keineswegs. Es kamen mehr Aufträge für Porträts, als er zu übernehmen im Stande war. Das brachte natürlich Geld ein, denn „sein Pro fessor" hatte ihm selbst unter vier Augen anempfohlen, seine Preise nun entsprechend seiner raschen Beliebtheit höher zu setzen, das sei er schon seinem Rcnommöe schuldig. — Und Fred, der so wenig verstand zu markten, ließ es geschehen, daß der Professor Huber ihm die Preise vorschrieb, die er zu fordern habe. Das war Alles gut. — Er arbeitete tüchtig. Sein einfaches Atelier füllte sich mit kostbaren Gerathen, die ihm Dankbarkeit oder heimliche Neigung darbrachten. Er wehrte sich lachend und ließ es lachend geschehen, verpflichtet fühlte er sich durch den „Kram" keineswegs. Er sann und plante auch an neuen Entwürfen. Aber nichts gewann feste Gestalt in seinem Innern, es zerriß und zer stob wie Nebelgebilde, wenn er es festzuhalten suchte. Das war schon ärgerlich! Sonst lebte er in einem solchen großen Jdcen- reichthum, daß er nur den Mangel an physischer Kraft beklagte, der ihn hinderte, Alles voll auszugestalten, was in ihm nach Ge staltung rang, und den immer wieder fühlbaren Mangel an Geld, sich unter den Modellen nach Belieben auswählen zu können, was er brauchte. Nun schien der innere Quell zu stocken. Nein, nein, das glaubte erselbernicht. Es war nur die nothwendige Ruhe pause, die vor einem großen Geschehen sich cinzustellen pflegt und den Schaffenden ausrüstet mit neuer Kraft. Er wollte sich selbst nicht drängen, wollte nichts erzwingen, was nicht mit gewaltiger Kraft unaufhaltsam aus dem Urquell seines tiefsten Wesens floß. Dann — aber dann! Bis dahin malte er Porträts und freute sich am Leben und am leichten Spiel mit schönen Frauen. Und die Zeit verging, er aber merkte es nicht. Nur als ihn Professor Huber eines Tages — es war mitten in der Wintcrsaison — ansprach, ob er schon fleißig arbeite für die nächste Jahresausstellung, da zuckte Fred schmerzlich zusammen. „Nein — für dies Jahr noch nicht", sagte er und fügte, wie sich selbst beruhigend, hinzu: „Diese Jagd und Hetzerei, in jedem Jahre auf mindestens einer Ausstellung vertreten sein zu müssen, ist traurig, ist geradezu schädlich für die echte Kunst. Man muß doch keimen, wachsen und reifen lassen, was da werden will. Große Werke können nicht in einem Jahre geschaffen werden." Der Professor nickte zustimmend, meinte dann aber: „Recht haben Sie schon, lieber Heyl, aber Recht haben auch die, die da sagen, man soll das Eisen schmieden, wenn es heiß ist. — Nun Sie, den immer Rastlosen, wird der Erfolg nicht umschmeißen, deß bin ich sicher." Es war ein tiefer, wohlwollender Blick, mit dem der alte Herr von seinem Lieblingsschüler ging. Fred war nachdenklich geworden. Wahrlich er hatte Recht, der brave Alte, so ging das nicht weiter. Er zersplitterte sich ja geradezu. Das sollte nun anders werden. Kein einziges Porträt wollte er wiever an nehmen; war das nun begonnene vollendet, denn er wollte einmal Ruhe haben vor den. fremden Gesichtern, in die er sich hinein- zulcben gezwungen war, dann wollte er in sich selber lauschen und hervorzuheben streben, was, ihm selbst noch verborgen, im Innersten schlummerte. Mit diesem Entschlüsse begab er sich in die Abendgesellschaft zu Geheimrath Thiele, die ihn heute er wartete. — Die Tochter des Hauses war die Erste, die ihm freudig bewegt cntgegentrat, die Erste auch, der seine seltsame Verschlossenheit auffiel. Ein Erschrecken ging durch ihr junges Gesichtchen, eine Trauer lag in ihren fragenden Augen, die in ihrem naiven Geständnis; Fred's Herz bewegten. Ihre leise Frage: „Hatten Sie Verdruß?" beantwortete ec wärmer, als er es zu thun beabsichtigte, und erweckte damit eine Helle Röthe in dem lieblichen Mädchengesichtchen. Ec freute sich und schalt sich doch innerlich. Nichtsdestoweniger nahm er sogleich neben Fräulein Louise Platz und redete eifrig in sie hinein, es gar nicht beachtend, wie sehr die ganze übrige Gesellschaft ihn und das Mädchen beobachtete. Die Kleine sah so unsäglich glücklich aus, so compromittirend glücklich, dachten sie Alle, theils schelmisch lächelnd, theils neiderfüllt. Auch Frau Geheimrath Thiele dachte dasselbe. Sie rauschte an die Beiden heran, begrüßte den sich eilig Erhebenden aufs Ver bindlichste. Dann fragte sie freundlich, der ahnungslosen Tochter einen mütterlichen Wink ertheilend, den diese zwar nicht begriff, aber dennoch gehorsam befolgte, zu Fred gewendet: „Meine Tochter hat Ihnen wohl unsere Bitte schon selbst ausgeplaudert? Wir möchten so gern ein Porträt Louisens von Ihrer Künstler Hand." Die Geheimräthin hatte laut genug gesprochen, um von einigen Nahestehenden gehört zu werden. Fred war in peinlichster Ver legenheit- Seinen Entschluß wollte er sich so rasch nicht um werfen lassen, daß aber ein „Nein" in diesem Augenblicke so hart wie unmotivirt klingen würde, begriff er wohl. Ein wenig zögernd sprach er von seiner augenblicklich gänzlich beanspruchten Zeit und seinen künstlerischen Plänen. Die Geheimräthin lächelte ein wenig starr, in Louisens Augen aber sah er es aufsteigen wie! unterdrückte Thränen. — Er besann sich. In seiner treuherzigen Weise reichte er dem Mädchen die Hand hinüber und sagte: „Weun's halt gar so gern ein Bild von mir haben mögen, Fräu lein Louisle, da muß schon -die andere Arbeit warten!" Der heiße Dankesblick aus des Mädchens Augen entschädigte ihn für sein Opfer. Auf dem Nachhausewege sagte Kunz Bcermann, der in der selben Gesellschaft anwesend gewesen war: „Na, Fred, man darf Dir wohl gratuliren?" „Wozu denn?" „Nun, zu Deiner Verlobung mit dem Geheimrathstöchterlein natürlich." „Woher denn?" lachte Fred auf. „Ja, höre, Lieber", sagte Kunz ernst, „dann darfst Du doch das Mädchen nicht derartig bloßstellen. Mit Frauen geht das ja eher an, und was sie Dir heimlich nachreden, kümmert keinen Dritten. Aber solch' junges, unschuldiges Ding, nein, Fred, das bist Du ja gar nicht, der so schlimmes Spiel treiben könnte!" „Was fällt Dir ein! So höre doch nur zu, was wir zu sammen reden!" „Ja, was Ihr redet! — Das mag sein. Aber, wie Ihr Euch anschaut, wie Du vor aller Welt nach der kleinen Hand greifst und sie sie Dir zitternd läßt, trotz der Drohblicke ihrer Mutter —" „That ich das? Erbarme Dich, that ich das? — Ja, freilich, mag ich's gern, das süße, junge Ding, — aber hcirathcn, ich Louise heirathen? — Geh, das ist ja Unsinn!" „Wenn Tu über Deine wortlos eingcgangene Verpflichtung hinwegkommst", sagte Kunz finster. „Ja, meinst' denn? Heilig, Sakra, was hab i da an- g'richt! — Schau, so sind nun Eure gesellschaftlichen Ordnungen. Nicht neigexi darf sich in warmem Fühlen Mensch zu Menschen, gleich giebt's ein Geschrei, und der Priester muß herbei. — Meinctswcgen heirath' ich sie auch, dann bin i die Scheererei ein für allemal los." Grimmig batte Frcd Vie Worte h-rvorgestohen. Jetzt lachte Kunz doch belustigt auf. „Na, Fred, Dir wird ja Manches nach gesehen, was kein Anderer darf", beschwichtigte er; '„wenn Du Dir bewußt bist, in dem Mädchen in keiner Weis« den Glauben erweckt zu haben, daß Du sic liebst, so thue, wie Du magst. Ab:r sei künftig vorsichtiger." „Will sckiauen", sagte Fred verstimmt. Nach Hause gekommen, warf er sich verdrossen auf sein Lager. Nacht um ihn, aber kein Schlaf in seinen Augen. Warum hatte ihn der Gedanke ans Heirathen eigentlich so sebr erschreckt? Warum? Dachte er de» Weiber noch, da» sich hoch-
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