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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 02.08.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-08-02
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000802014
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900080201
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900080201
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-08
- Tag 1900-08-02
-
Monat
1900-08
-
Jahr
1900
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Ein Beispiel, wie wenig die neuere, chinesische Negierungsart diesem Ideale entspricht, ist das heimtückische Vorgehen der jetzt so vielgenannten Kaiserin-Wittwe. Vor zwei Jahren noch erließ diese mächtig« und schlaue Dame folgenden Erlaß: „In zahlreichen Erlassen meines Vorgängers wurde den Behörden eingeschärft, die Missionare und die Christen im Reiche zu beschützen und die Bemühungen der Regierung, Friede und Eintracht zu stiften, zu unterstützen. Ich erfahre aber, daß das Volk in letzter Zeit die Christen beunruhigt und Conflicte mit denselben herbeiführt. Man muß darüber entrüstet sein, daß das unwissende Volk alberne Gerüchte verbreitet, welche Un ruhen und Conflicte zur Folge haben, die geeignet sind, die Be hörden arg zu compromittiren. Ich richte diesen Erlaß an die höchsten Provinzbehörden des Reiches, damit sie in Furcht meinen Befehlen gehorchen. Sämmtliche christlichen Gotteshäuser, welcher Nationalität immer, müssen geschützt, alle Missionare, welche im Reiche leben, müssen höflich behandelt, in Conflirten zwischen Einheimischen und Ausländern muß Gerechtigkeit geübt werden. Das Volk muß dazu verhalten werden, mit den Christen in Frieden zu leben. Ausländi schen Reisenden, welche das Reich erforschen wollen, muß die größte Zuvorkommenheit erwiesen werden. Sollten sich die Behörden auch nach diesem Erlasse unfähig er weisen, meine Befehle durchzuführen, so wer den alle Schuldigen, die höchsten Personen nicht ausgenommen, die strengsten Strafen erleiden. Es soll nachher Niemandem einfallen, zu sagen, er sei nicht gewarnt worden." Schöne, kluge Worte, aber welch' ein Hohn im Lichte der Gegenwart! Die Wirren in Ehina. —(>. Tatsächlich scheint der langersehnte Vormarsch auf Peking jetzt gesichert. China erbot sich, den amerikanischen Gesandten Conger nach Tientsin zu bringen, sofern der Vormarsch der Amerikaner eingestellt werde, das Angebot wurde aber be stimmt und enlschieden zurückgewiesen. Die Frage des Ober befehls ist Wohl noch nicht gelöst, doch kann sie keine unüber windbaren Schmierigkeiten machen. Vtnc Depesche ans Peking. Das Bureau Lassan empfing der „Frkf. Zkg." zufolge ein Telegramm auS Tientsin von Freitag Abend, das folgende vom 21. Juli datirle Depesche aus Peking wicdergiebt: „Erste Nachrichten von außerhalb kamen 18. Juli. Miß lingen der Entsatzexpedition machte Belagerung weit gefähr licher. Am 19. Juni brach Jamen Beziehungen ab, am 20. Juni erklärte Cbina Krieg. Deutsche Gesandte Baron Ketteler und Francis James, ein englischer Professor, wurden ermordet. 400 Nichlcombattanten nahmen in englischer Gesandtschaft Zuflucht. Ich hörte, daß Bekehrten nörd liche Kathedrale besetzt kalten. Tausend Flüchtlinge nahmen Zuflucht im Palast des Prinzen Lu, gegenüber der britischen Gesandtschaft. Waffenstillstand begann 17. Juli nach 26lägiger heftiger Beschießung. Eine Nacht dauerte die Beschießung ununterbrochen sechs Stunden an. Vier Versuche wurden gemacht, englische Gesandtschaft in Brand zu setzen. Zwei der Versuche hatten das Resultat, daß Hanlin-Coüege zerstört wurde. Feigheit der Chinesen machte erfolgreiche Erstürmung unmöglich. Gesammtzahl der Getödteten oder Gestorbenen ist: 10 Deutsche, 10 Japaner, 11 Franzosen, 5 Engländer, 4 Russen, 4 Oesterreicher, 7 Amerikaner, 7 Italiener, 9 Bekehrte, zusammen mit Verwundeten 98. Correspondenten Morrison, Reid, Tementy sind krank. Wenigstens 2000 Chinesen sind getödtet. Amerikaner hatten eine starke Stellung auf Stadtmauer besetzt. Nahrungsmittel sind noch ausreichend und Hoöpital- einrichtuiigen ausgezeichnet. Feder ist von beständiger Arbeit sehr erschöpft. Die kaiserlichen Edicte haben die Boxer gelobt, den Missionaren befohlen, daS Innere zu verlassen ! und allen Viceköniaen befohlen, Peking zu helfen. Aber das ..... ... Äuli befiehlt Schutz und verspricht ! Entschädigung." Laffan's Cvrrespondent fügt zu, der Bericht von einer großen Entsatztruppe habe den Wandel herbeigesührt. hörenden Mandarinen haben unter sich verschie'dene Rangstufen; I »Shanghai, 31. Juli. (Telegramm.) Nach Privat- die Farbe des Mützenknopfes giebt darüber Aufschluß. Es be-1 nachrichten aus Niut schwang vom 27. Juli griffen die Russen stehen neun Classen von Civil'mandarinen, auch „Regenten" ge-1 am 26. d. M. die Chinesen außerhalb ihrer Niederlassungen an. nannt, und fünf Classen von Kriegsmandarinen. Am meisten Der Kampf dauerte 1'/« Stunde. Die Russen besetzten die chine- gilt der Rath der Minlstermandarinen, der unmittelbaren Mit- Befestigungen, zogen sich aber wieder nach ihren Nieder« kl ?!. 2^'!- »°n d.» d,-V,r« haben wohl die Llpu den größten Einfluß; ,hr Geschäft ist es, I " " " . in Gnadensachen den Vortrag zu erstatten. Erwähnenswerth I ^r Chinesen betrug 6 Todte und 10 Verwundete. ist ferner das Finanzcollegium (Ho-pu), der Oberkriegsrath I * Petersburg, 1. August. (Telegramm.) Zur Ent« (Ping-pu) und das Justizcollegium (Houg-pu). Jeder Provinz I wafsnung der chinesischen Soldaten, die vertragswidrig in steht ein Mandarin als Statthalter vor und hat keinen ausführen-1 neutralen Zone der Halbinsel Liaotung erschienen sind, den Rath zur Seite. Geblümt« Atlasgewänder mit dunkelblauen ^» Port Arthur Detachements verschiedener Waffengattungen Ueberzuaengeb°r-n zur Amistracht der Mandar,n-n; v°rn und ^ordert worden. - Da- Detachement d.ö Schützen.Obersten hinten ist ein Ehrenzeichen emgestickt, und wer sich der besonderen I . ' . . , Gunst des Hofe» erfreut, darf hinten auf der Mütze eine Pfauen-1 d ° r u n s ch e n k o w , bestehend aus einem Schutzen-Regi- feder tragen. I """h einer Batterie und einer halben Sotnie Kosaken, Wie morsch aber dieser ganze chinesische RegierungSapparat I wurde von der Garnison de» Fort» Senjutschen in der ist, haben die unzähligen Revolutionen dargethan, mochten es I Nähe der chinesischen Bahn über fallen. Die Chinesen wurden nun Volksaufwiegelungen oder Palastintrrguen sein. Ganz un-1 zurückgeschlagen und da» Fort gestürmt. — Ein Telegramm des zuverlässig zeigte sich daS chinesische Beamtentum zur Zeit der I General- Grodekow an den Finanzminister auS Chabarow» vom Juli besagt: Der Hauptingenirur Iugoritich berichtet °u- w Jahrhundttt» D.e leidlich guten bin ?3. sich die Sachlage, seitdem Willen, dem Massenelend durch Geldunterstützunqen zu wehren, I. i aber daS Meiste blieb doch an den Fingern gewissenloser Unter " " " h°b', völlig geändert habe, beamten hängen. Tonfuciu», der große Weise Ehlna«, hat vor I"" da- T.llner Detachement zuruckgekehrt, dessen vielen Jahrhunderten betont, die Regierung nrüss« ihren Unter« I Unlust 30 Verwundete und 10 Todte betrage. Da- Detachement thanen und Beamten in Tugend und Rechtschaffenheit Vorbild-! wurde zweimal von chinesischen regulären Truppen angegriffen, die Uch sein; aber eS war wohl zu optimistisch gedacht, wenn er I im CIvilanzug kämpften und die Militär-Uniform in den Taschen meinte: „Regieren heißt verbessern; wenn Du Deine Untergebenen! mitführten. Am 22. Juli ist da« Detachement Savtskt'« in Chinesisches Leanüenlhum. -v- Die chinesische Verlogenheit, wie sie sich neuerdings u. A. I in dem aufregenden Depeschenunfug kundgegeben hat,ist nicht von l heute oder gestern. Das Schlimmste dabei ist, daß sogar von! höchster amtlicher Stelle aus immer wieder versucht wird, den i Europäern ein X für ein U vorzumachen; jedenfalls haben die I chinesischen Wirren der Gegenwart bereits zur Genüge gezeigt,! wessen man sich von irgend einer „amtlichen" Seite Chinas zu i versehen hat. Der chinesische Beamte ist ein Stellenjäger eomms il laut. I In der Hauptstadt Peking sind die Gehälter verhältnißmäßig gering, um so besser läßt sichs in einer der Provinzen des riesigen I Landes leben. Zu diesem Zwecke muß man unter einem der l höchsten Reichsbeamten einen guten Freund haben oder durch ge-! eignete Aufmerksamkeiten, wie Geld und werthvolle Geschenke, I einen solchen sich erwerben. Der hohe Reichsbeamte ist für seine I Person durch einen Unterhändler gedeckt, welch letzterer natürlich auch nicht zu kurz kommen darf. Die Sache kostet also viel Geld, I aber es finden sich zur rechten Zeit die nöthigen Finanzleute, die eigens auf solche Fälle speculiren und gegen hohe Zinsen auf die zukünftige Stelle hin leihen. Ein kleiner Beamter kommt unter I solchen Umständen oft in die ärgste pecuniäre Noth; am! traurigsten gestaltet sich seine Lage, wenn ihm kurz nach Antritt I einer endlich erlangten Pfründe der Vater oder die Mutter stirbt, i Sofort muß er sein Amt wieder aufgeben, nach Hause eilen, das Begräbnis; vollziehen und — ein bis drei Jahre trauern, d. h. I nach chinesischen Begriffen eine Fülle kostspieligster Ceremonien auf sich nehmen. Ein wahres Kreuz für das chinesische Beamtenthum ist das I bei allen möglichen Gelegenheiten unumgänglich nöthige Ge-1 schenkemachen und Rcpräsentiren. An den beiden großen l Nationalfestcn, beim Eintritt des Frühlings und am Erntefeste,! außerdem zur Neujahrsfeier, werden Geschenke gegeben und er wartet. Verwandte, Bekannte, Freunde, insbesondere aber die! hohen Gönner wollen reichlich bedacht sein. Unter dem Deck-1 mantel des national üblichen Schenkens lassen sich die größten! Bestechungen anbringen. Wer einen Proceß hat, läßt sich die I Gelegenheit nicht entgehen, den entscheidenden Richtern eine artige Aufmerksamkeit zu erweisen. Baares Geld vermeidet man aus naheliegenden Gründen, aber Pelze, Seidenstoffe, Torten, Con- fecte, Früchte, Dclicatessen in lackirten Körbchen werden in Menge gegeben. Mancher Familienvater geräth in Folge dessen in Noth und Schulden. Ein gewisser finanzieller Ausgleich kommt ja immerhin dadurch zu Stande, daß man sich eben gegenseitig beschenkt. Der Cinese, zumal der Beamte, versteht wohl zu rechnen; er bucht genau die Werthe der auszugcbenden und der zu erwartenden Geschenke; seine Clienten werden sich hüten, mit minderwerthigen Dingen anzukommen. Sehr praktisch ist es auch, daß man empfangene Geschenke, wenn man etwa gleich ein Dutzend gebratener Enten oder Torten erhalten hat, vergnügt weiter wandern läßt. Tritt ein neuer Oberbeamter seine Stelle an, so wird ihm von seiner Unterbeamtenschaft ein eigens hierzu vorher ge sammeltes größeres Geldgeschenk überreicht. Ueberarbeitet hat sich noch kein Beamter in China. Man hat zahllose „Schreiber", die Morgens zwischen Vier und Sechs actenbeladen in ihre Expeditionen eilen; das öffentliche Leben beginnt sehr früh in China. Merkwürdig ist, daß kein Schreiber zu einem höheren Amte aufsteigen kann; war der Vater ein Schreiber, so wirds dann der Sohn auch, und schon frühzeitig wird er von Ersterem dazu angelernt. Viel Gehalt bekommt ein Schreiber nicht; aber er hat durch sein Vertrautsein mit allen Amtssachen einen unge heuren, indirecten Einfluß. Wenn die Nationalfeste kommen, dann blüht auch sein Weizen, und manches „Geschenk" wird ihm zu Theil. Um nicht den Neid und die Mißgunst der höheren Herren zu erregen, müssen die Schreiber immer sehr ärmlich thun; mit schäbigem Rocke arbeiten sie bescheiden und demüthig in ihrem Bureau, daheim verwandeln sie sich schnell in Schlemmer und Genußmenschen. Der höhere Beamte entfaltet der Re präsentation wegen kolossalen Prunk in Pelz- und Seiden gewändern, aber es steckt oft ein tiefverschuldeter Mensch darin, der kaum satt zu essen hat. Gleichwohl muß er auch darauf sehen, mit der Zeit ein möglichst starkes Bäuchlein zu gewinnen, denn dies gilt bei chinesischen Männern als ein Zeichen be haglich müßigen Lebens und erweckt die Hochachtung der Lands leute. Allzu schlanke und magere Leute werden als talentlos angesehen. Der oberste Beamte des Reiches ist der, wenigstens dem Namen nach unumschränkt herrschende Kaiser, der geheiligte „Sohn des Himmels", „alleinige Vorsteher der Erde" und „Vater des Volkes". Das Gesetz bestimmt, daß er sich Tag und Nacht! » ganz ausschließlich mit Staatssachen beschäftige. Die Manda- - rine und Tribunale sind völlig unselbstständig« Organe, dürfen aber in allerunterthänigster Form Gegengründe gegen kaiserliche Regierungsmaßregeln Vorbringen. Die zum amtlichen Adel ge- Stärke von 70 Mann, da§ aus den Rath des chinesischen Gouverneurs mit einem Freibrief ausgerüstet worden war, in Cbarbin angelangt; trotzdem wurde cs von chinesischer regulärer Artillerie überfallen, in dem Augenblicke, wo die chinesischen Lssiciere Saviski einen Besuch abstatteten. Die russischen Verluste betrugen 20 Todte und 6 Verwundete. Kundschafter theilten mit, daß die Chinesen von allen Seiten gegen Chardin vorrücken. Än der Lahre König Humbcrt's. Cs ist bereits mitgetheilt, daß der Mörder Vrcssi sich ebenso sebr seiner Tbat, wie seiner anarchistisch-revo lutionären Gesinnung rüinut. Im Ucbrigen scheint er es zunächst den Behörden überlassen zu wollen, den Spuren seiner Tbat, ihren Motiven und Zusammenhängen nachzu gehen. Dem „Berl. Loc.-Anz." wird über die Persönlichkeit des Scheusals noch Folgendes aus Nom berichtet: Als Knabe besuchte Bressi die Abendschule von Prato und arbeitete dann als Schuhmacher. 1883 wurde er Leineweber. Am Weberstreik 1891 nahm er nur geringen Antheil. Bis 1897 arbeitete er in Locca, ging dann nach New Jork, wo er bis Mai d. I. blieb. Am 4. Juni kehrte er nach Prato zurück, wo er bei seinen Geschwistern wohnte. Er erzählte dort, er sei auch in Paris gewesen. Während dieses Aufenthaltes übte er sich im Revolverschießen. Bressi arbeitete jetzt nicht mehr, ver fügte aber anscheinend über größere Geldmittel. Am 18. Juni verließ er Prato in der Absicht, angeblich nach New Jork zurückzukehren. Merkwürdig ist, daß der Polizei bereits seit acht Tagen von England aus ein gefährlicher Anarchist unter dem Namen Greppi signalisirt war. In Monza wohnte Bressi bei der Wittwe Rossi, einer 60jährigen Frau, die als erste Telephonistin im Bureau zu Monza beschäftigt war, aber während des Mai-Aufstandes entlassen wurde. Bressi war von einem kleinen, blonden, unstet blickenden Mann begleitet, welcher eben- alls dort miethen wollte; auf diesen Mann, der vielleicht ein Helfershelfer des Attentäters war, fahndet die Polizei eifrigst. Aus Preß bürg wird demselben Blatte gemeldet: Der Königsmörder war 1892 als Stcinarbeiter beim Bau der Donaubrücke, später bei der Firma Laufranconi beschäftigt. Man erinnert sich hier seiner als eines verschlossenen, rohen Menschen. Complotk * Die ofsieiöse „Agenzia Stefani" schreibt unterm 1. August: Dem Vernehmen nach scheint eS nach den Aus lagen Bressi'S bei dem gestrigen Verhör nichtausgeschlossen zu sein, daß er im Auftrage gehandelt hat. Man glaubt, die Ausführung des Verbrechens sei in Paterson beschlossen worden. Bressi giebt zu, in Paris gewesen zu sein, leugnet aber, Zusammenkünfte mit Anarchisten gehabt zu haben. Ein gewisser Salvatore Quintaralli, der mit Bressi von Amerika zurückkehrte und mit ihm in Paris zu der Anarchistenversammlung gegangen war, ist gestern in Rio Marina (Elba) verhaftet worden. Dem Ver nehme» nach wurden bei ihm mehrere Briefe und Pholographien von fünf Anarchisten, sowie eine Postkarte beschlagnahmt, auf welcher er zu einer Zusammenkunft bestellt wird, zu der er auch hingegangen war. Quintaralli ist in das Gc- sängniß nach Portofcrrajo gekrackt worden. Ein gewisser Antonio Lanner aus Trient, der gleichfalls mit Bressi und einer Frauensperson auS Amerika zurückgekehrt ist, wurde gestern in Ivrea verhaftet. Die Gründe deS Aufenthalts Launer's in Ivrea sind nickt bekannt. Infolge der Verhaftungen vermehren sich die Verdachtsmomente, daß es sich um ein Complvt gehandelt bat. Leutnant Bressi, der Bruder deS Mörders, bezeichnete daS Verbrechen als die feigste That des Jahrhunderts, und fügte hinzu, er habe seit langer Zeit keine Nachricht von dem Bruder gehabt, den er immer noch in Amerika geglaubt babe. Wenn er auf gefordert werden sollte, vor dem Richter auSzusagen, werde er dies offen thun. * Rom, 1. August. (Telegramm.) DaS Königspaar traf vergangene Nacht '/^2 Uhr in Neapel ein und wurde von dem Präfecten, der Generalität und Crispi begrüßt; Crispi war tief bewegt. Um 2 Uhr setzten die Majestäten mit dem Herzog von Genua die Weiterreise nach Rom fort, wo di« Ankunft heute Morgen 6'/, Uhr erfolgte. Um 6°/« Uhr setzte sich der Zug mit dem Königspaar und den Ministern zur Weiterfahrt nach Monza in Bewegung, wo diese gegen 7 Uhr Abends eintreffen werden. * Rom, 1. August. (Telegramms Die von Kaiser Wilhelm an König Victor Emanuel III. gerichtete Trauer kundgebung lautet: Tief erschüttert durch den Tod Deine» edlen Vaters, Meines innig geliebten treuen Freundes und Bundesgenossen, sende Ich Dir mit dem Ausdruck der Trauer Meine ausrichtigen und beißen Wünsche für Deine Regierung! Möge die Freundschaft, welche Unsere Hüuser und Völker während der Regierung Deines Vater» vereinigte, immer fortbestehen I Sein Gedächtniß bleibt ewig in Mein Herz eingeschrieben! König Viktor vmanuel IH. Victor Emanuel ist gekoren zu Neapel am 11. November 1869 und vrrbeiratbet mit Helene, Prinzessin von Montenegro, Kinder sind au- dieser Ehe noch nicht bervorgegangen. In seiner Jugend war er ein sehr schwächliche» Kink, er bat sich dann später körperlich gekräftigt. In irgend einer Weise ist er politisch noch nicht hervorgetreten. Mit der Person deS jetzigen König- ist eine heute noch in Italien lebendige Erinnerung an ein« denkwürdige Scene verbunden, die sich nach dem am 2. Januar 1878 erfolgten Tode de« König- Victor Emanuel II. auf dem Balcon de- Ouirinal« abspielte. Dort erschien der Kronprinz de- deutschen Reiches, Friedrich Wilhelm, der spätere Kaiser Friedrich, der an den Leichen ¬ feierlichkeiten für den Begründer der Einheit Italiens theil- genommen hatte. Während daS römische Volk auf dem Platze vor dem Ouirinal theilnabmevoll versammelt war, -ob der Kronprinz deS deutschen Reiches den am 11. No vember 1869 geborenen, damals achtjährigen Prinzen von Neapel in die Höhe und schloß ihn in seine Arme, indem er o vor dem Volke Noms das enge Büadniß zwischen Deutsch- and und Italien symbolisch zum lebendigen AuSvrucke brachte. Repräsentationspflichten verschiedener Art riefen den Kronprinzen wiederholt in die Hauptstädte Europa-. So nach Berlin noch im Mai dieses Jahres, als der Kronprinz eine Volljährigkeit feierte, so nach Moskau zur Krönung, nach Petersburg zur Beisetzung des Kaisers Alexander III., nach Stockholm zum Regierungsjubiläum de» Königs, nach London zum 60. Jubeltage der Königin Viktoria. Der Prinz von Neapel ist oft in Deutschland gewesen und stets mit herzlicher Freundschaft dort ausgenommen worden; er ist als junger Prinz in die engen deutsch-italienischen Beziehungen biueingcwachscn. Die gute Kameradschaft zwischen den Häusern Hobenzollern und Savoyen ist immer treulich weitergepflegt worden. Als im Mai 1889 König Humbert den deutschen Kaiser in Berlin besuchte, begleitete ihn der junge Kronprinz und wurde damals st la «uits deS 1. hessischen Husarenregiments Nr. 13 gestellt, dessen Chef sein Vater war. Bedeutungsvoll war auch die Reise des Kronprinzen von 1893 und seine Theilnahme an den Kaifermanövern im deutschen Reichslande, bei welchem Anlaß er st In suite des Königs - Infanterie - Regiments Nr. 145» (Metz) ernannt wurde. Der französische Chau vinismus bat dem Hause Savoyen die politische Kundgebung, die in dem Besuch des künftigen Königs von Italien auf dem mit deutschem Blut zurückeroberlen deutschen Boden lag, scharf angestrichen und sich lange Zeil nickt darüber beruhigen können; auch das Häuflein der Dreibundgegner in Italien murrte damals nicht wenig. Aber die große Mehrheit der nationalgesinnten Italiener stimmte dieser deutlichen Kundgebung der Bundestreue und Waffenbrüder schaft ausrichtig zu. Die lebhaften und herzlichen Beziehungen zwischen Rom und Berlin sind auch aus die militärischen Neigungen des Kronprinzen nicht ohne Einfluß geblieben. Neben seinen wissenschaftlichen Liebhabereien widmet er sich mit größtem Eifer dem Heerwesen und ist ein tüchtiger Soldat, dem man sogar eine über das italienische Durchscknittsmaß hinaus gehende Sckneidigkeit zusckreibt. Sein militärischer Erzieher war der Oberst Egidio Osio, der sich als Militär-Attachs der italienischen Botschaft auch in Berlin bekannt gemacht bat. Der Prinz war im Oktober 1881 in das Kadettenbau» zu Neapel eingetreten, im December 1884 zur Militärschule in Modena übergegangen und trat am 11. November 1886, seinem 17. Geburtstage, als Freiwilliger in Len activen Dienst. Im December desselben Jahres zum Unterleutnant ernannt, wurde er am 26. October 1887 zum Leutnant im 5. Infanterie-Regiment befördert, welche- damals in Rom lag. Während er hier Dienst that, hatte der Leutnant Victor Emanuel am 1. Mai 1888 bei einem Schirßunfalle auf dem Fort Tiburtino, der ihm eine leichte Verwundung ein trug, Gelegenheit, seine Kaltblütigkeit zu beweisen. Im 5. Re giment durchlief er die folgenden Commandograde bis zum Oberstleutnant und wurde am 2. November 1890 mit seiner Ernennung zum Oberst und Commandeur des 1. Infanterie- Regiments nach Neapel versetzt. Dort bat er vier Jahre lang seinen Hof zebalten und seit dem October 1892 al- General major die Brigade Como befehligt. Neapel verließ er erst 1894 mit seiner Ernennung zum Generalleutnant; als solcher commandirte er seit October 1894 die in Florenz liegende Division. Seitdem ist der Prinz als Commandeur deS 10. ArmeecorpS nach Neapel übergesiedelt, von wo er nach Nom zurückkehrt, um daS Erbe seiner Väter anzutreten. Da die Könige von Italien die Herrscherzablen hinter ihrem Namen nach der Zählung weiterführen, wie sie schon im Königreich Sardinien üblich war, so wird der neue König in der Geschichte als Victor Emanuel III. genannt werden; Victor Emanuel I. regierte von 1802 bis 1821, Victor Emanuel II. al- König von Sardinien von 1849 bis 1861 und als König von Italien von 1861 bis 1878. Der Kron prinz ist ein großer Freund der Natur und ist viel gereist. Die Alpen kennt er genau, und eS wirb wenige fürstliche Herren geben, die wie er das Matterhorn erstiegen haben. Zweimal hat ihn die „Savoia" nach dem Nordcap getragen und an allen Gestaden des Mittelmeere« ist er zu Hause. Eitle Seele». Geradezu brutal ist die Haltung einzelner klerikaler Pariser Organe. Der „GauloiS" ergeht sich in folgenden Stilübungen: „Der Mörder rächt mit seiner Verbrecherhand PiuS IX. und die italienischen Fürsten am Erben dessen, der sie beraubt bat. Humbert hatte sich lange auf da- Oberhaupt der italienischen Revolutionäre gestützt, er glaubte, Lripi'S Mantel« drcherei werde von Len Mazziiiisijchen Dolchrtttern nachgeahmt werden. Unterhalten wir nicht auch diese unheilvolle Selbst täuschung? Ist nicht zu fürchten, daß allernächsten- ein Donnerschlag diesem trügerischen Traum ein End« macht? Wohl entspricht politischer Mord nicht französischem Brauche, aber wir müssen andere Katastrophen befürchten. Wenn man sich zu einem bestimmten Zweck« der Feind» jeder Gesellschafts ordnung bedient, «rmuthigt man sie, entwickelt ihre Macht und ver mehrt ihre Frechheit. Bei un» sind di« Anarchisten noch nicht an dec Gewalt, aber sie bilden da» Hinterland der Eocialifttn, die Freischärler der regierenden Bande, sie werden bi» an« Ende gehen, wenn der Blitz des Revolverschusse», der Humbert getödtet hat, di« Regierung nicht erleuchtet." Spricht au» diesen Worten nicht deutlich di» Genugthuung über die Mordthat? So fragen di« „Berl. N. N." »„d fügen hinzu: Da« sind Wortführer de« „wahren" Christen« thum-l
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