Suche löschen...
01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 03.09.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-09-03
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000903016
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900090301
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900090301
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-09
- Tag 1900-09-03
-
Monat
1900-09
-
Jahr
1900
- Links
- Downloads
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
DezugS-Pret- k der tziLptexpeditüm oder den 1« Stadt» dejirk und de« Vororte« errichtete« Au^» Sabestellen ab geholt: vierteljährlich 4^0, bei zweimaliger täglicher Zustellung in« Hau« -S bckiO. Durch die Post bezogen für Trotschland und Oesterreich: vierteljährlich ^l 6.—. Direkte tätliche Kreuzbandseuduua iu» Ausland: mouatlich ^l 7.b0. Di« Morgeu-AuSgabr erscheint m« '/,7 Uhr, die Abend-Au-gabe Wochentag« um b Uhr. Ne-action und Erveditio«: IohanniSgasse 8. Die Expedition ist Wochentag» ununterbrochen geöffnet von früh 8 bi« Abeud« 7 UK, Filialen: Alfred Hahn vorm. O. Klemm'» EsrttM. UuivrrsitätSstrabe 3 (Paulinum), Laut» Lösche, Katdarineastr. 14, «art. und König-Platz 7. Morgen-Ansgabe. Up)Mr,TMl>!M Anzeiger. Amtsklatk -es Königlichen Land- nn- Amtsgerichtes Leipzig, -es Rathes und Volizei-Ämtes -er Lta-t Leipzig. Anzeigen'Pr^iS die Sgespaltme Petitzeile 20 Psg. Rrclamen unter dem RedactionSstrich (4ga» spalten) bO^j, vor den Familieunachrichte» (6gespalten) 40^. Gröbere Schriften laut unjerem Preis« verzeichniß. Tabellarischer und Ziffernsatz nach höherem Tarif. Extra-veilaae« (gefalzt), «nr mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbeförderung 60.—, mit Postbeförderung ^l 70.—. Annahmeschluß für Anzeigen: Ab end »Ausgabe: vormittags 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittag» 4Uhr. Lei den Filialen und Annahmestellen je ei« halbe Stunde früher. Anzeigen sind stet» an die Gxpedttta» zu richten. Druck «ad Verlag von L. Pol» in Leipzig 447 Montag den 3. September 1900. 94. Jahrgang. Amtlicher Theil. Bekanntmachung. Auch in diesem Jahre soll in sämmtlichen Parochialkirchen der Ephorie Leipzig I eine AbendmahlSfcier mit den einberusenen Rekruten und ihren Angehörigen, an der jedoch auch die Gemeinde theilnehmen kann, in Verbindung mit dem Hauptgottesdienste oder dem Abend» gottrSdienste am Sonntag, den 16. dieses Monats, abgehalten werden. DaS Nähere ist aus den amtlichen kirchlichen Nachrichten zu ersehen. Die im Stadtbezirke wohnenden jungen Männer evangelisch- lutherischen Bekenntnisses, die in diesen Tagen zum Dienste der Waffen berufen werden, ihre Angehörigen wie auch die Gemeinde werden hiermit zu dieser Abendmahlsfeier herzlichst geladen. Leipzig, am 1. September IWO. Snperintendentur I. I. V.: Die. vr. von Criegern. Vermiethung. «erberstraffe Nr. 57 59 Laden mit Niederlage zu 700 ./il jährlich vom 1. Oktober 1900 ab. Miethgesuche werden auf dem Rathhause, 2. Obergeschoß, Zimmer Nr. 20 entgegengenommen. Leipzig, den 2. Juli 1900. Ter Rath der Stadt Leipzig. Or. Trvudlin. Römer. Bekanntmachung, Lieferung von Kartoffeln. Di» Lieferung des Bedarfes an Kartoffeln für die Central» Verkauf-Stelle und die Menagen deS 7. Infanterie-Regiments Nr. 106 in Höhe von 3000 Ctr. ist aus die Zelt vom 1. Oktober 19Ü0 bis mit 31. März 1901 zu vergeben. Die Bedingungen können im Geschäftszimmer der Central- Verkauf-Stelle, Stube Nr. 205, in der Zeit von 9—12 Uhr Vor mittags täglich eiligeschen werden. Gebote sind mit der Bezeichnung: Kartoffel-Lieferung für das 7. Infanterie-Regiment Nr. 196 verschlossen und portofrei bis 15. September d. Js. an die Eentral- Berkauf-Stclle einzureichen. Leipzig, den 1. September 1900. Kommando des 7. Infanterie-Regiments „Prinz Georg" Nr. 106. Bekanntmachung. Die Ausgabe von Einlaßkarten für die Synagoge an die Inhaber bestimmter Plätze -eglNNl in diesem Jahre am Tteltslllss, -tll 4. Seplem-er, und wird an den Wochentagen von 9—12 Uhr Vorm. und 3—5 Uhr Nachm. bis Freitag, den 14. September, Nachm. 5 Uhr, im Gemeindeamt, Löhrstr. 10, I. bewirkt werden. Nach Ablauf dieser Frist erlischt das Anrecht auf einen bestimmten Platz unbedingt. Leipzig, den 31. August 1900. vkl' VoiÄLIUt kiel' Ispaelitiseken NeligionZgemeinlts ru l-eiprig. In den Londoner Docks. Von London-Bridge, der ältesten und bis 1750 innerhalb des Weichbildes der Stadt einzigen Brücke über die Themse, er streckt sich der Hafen der englischen Metropole ungefähr 6 Km stromabwärts. Bis hierher können die großen Seeschiffe den Fluß hinauffahren, da der Oberbau der neuen, erst 1894 voll endeten Tower-Bridge, ein großartiges Denkmal der modernen Ingenieurkunst, sich 43 m über oen Themsespiegel erhebt, so daß die höchsten Schiffsmasten unter der Brücke ungehindert passiren. -Lehr interessant ist der Blick von London-Bridge auf den un absehbaren Mastcnwald des Hafens, des wichtigsten Großbri tanniens, ja der Erde, dessen Zolleinnahme das Dreifache des jenigen von Liverpool, das Sechsfache des von Bristol auS- macht. Längs beider Themseufer erheben sich, in drei Gruppen, acht großartige Docksanlagen, sechs an der nördlichen, zwei an der südlichen Uferseite. Die riesigen Verhältnisse dieser größten Waarenspeicher der Welt verfehlen nicht, einen gewaltigen, bleibenden Eindruck auf jeden sie besuchenden Fremden zu machen und ihm einen Begriff von dem ungeheuren Handels verkehr und Reichthum Londons zu geben. Londons Handel ist die Stadt selbst. Alle ihre Paläste und Monumente treten zu rück gegen den Hafen und die Docks; denn die Millionenstadt mit ihren zahlreichen Sehenswürdigkeiten und mannigfaltigen Interessen auf allen Gebieten menschlicher Thätigkcit ist doch in erster Linie Handelsstadt. In den Docks werden alle per Schiff im Londoner Hafen ankommenden Güter bis zum Ver kauf zollfrei aufbewahrt. Sie bilden so ein Weltcontor, ein einziges, gewaltiges Kaufhaus, dessen Hauptverkehrsader die Themse ist und in dem Waaren aller Art gekauft und verkauft werden und dessen periodische Versteigerungen die Weltmarkt preise vieler wichtigen Handelsartikel ausschließlich feststellen. Auf einer Reihe von Ouais, die zusammen über 20 englische Meilen Länge haben, und auf einer Fläche von rund 15 Mill, engl. Ouadratfuß reiht sich Speicher an Speicher, jeder von vielen Stockwerken. Die hier aufgestapclten Waarcnmassen sind so kolossal, daß der Besucher die Größe der Zahlenvcrhältnisse, die ihm genannt werden, nicht zu fassen vermag, sehr bald auch gegen den Anblick dieser unermeßlichen Reichrhümcr, die sich in kostbarer, aber ermüdender Einsörmigkcit hier vor ihm auS- breiten, ganz abgestumpft wird. Wir beschränkten uns daher auf den Besuch der im Mittel punkt der Weltstadt, in der Nähe der London- und der New Tower-Brücke gelegenen St. Cathcrine's Docks und der mit ihnen seit 1863 verbundenen London-Docks. Erstere nehmen einen Flächenraum von etwa 10 Hektar ein, während die bereits 1805 eröffneten London-DockS, deren Bau 4 Mill. Lstrl. (gleich 80 Mill. Mark) gekostet hat, sich sogar über 48 da ausdehnen. Die Docks sind ohne Weiteres zugänglich, die Lagerränmlich- keiten nur mit einem Erlaubnißschein, der Vormittags im Superintendent's Office — neben dem Hanpteingange gelegen — jedem darum nachsuchenden Fremden bereiiwilligst ausge stellt wird. Jedoch ist cs nur unter erfahrener Führung mög lich, einen rechten Einblick in das haftende Getriebe dieses Centrums des Welthandels zu erlangen. Gern nahmen wir daher das Anerbieten eines befreundeten Bankiers an, uns auf einem Rnndgang durch die Docks von einem seiner Beamten, der uns überall Zutritt verschaffen würde, begleiten zu lassen. Wir begannen an der Cutler-Street mit dem Besuch weiter Theelager. Die sparsame Hausfrau erfüllt cs mit gerechtem Aerger, wenn ihr jugendlich leichtsinniges Töchterlein bei unvorsichtiger Bereitung des duftenden chinesischen Trankes einige Löffel voll Theeblätter auf den Boden fallen läßt. Hier in diesen Speichern ist cs aber kein ungewöhnlicher Anblick, Thee in Tausenden von Pfunden, wie bräunliche Gartenerde zu Haufen ausaethürmt, offen daliegen zu sehen. Männer arbeiten mit hölzernen Schaufeln darin herum, um irgend eine gangbare und beliebte Mischung hcrzustcllcn, während die sehr bedeutenden Neberreste dieser Thcemassen bei der Fabrikation von Theetabletten, Liqueuren und ähnlichen Produkten Ver wendung finden. Ein recht eigenartiges Bild bietet der nächstliegende Bezirk, wo Federn und Vogelbälge aller Art und in jeder Form der Zubereitung lagern. Tausende nnd Abertausende von schön gefiederten Singvögeln, manche nicht größer als Käfer, Bälge der kostbaren Paradiesvögel und von anderen der seltensten Vogelarten, von bumer, blendender Farbenpracht, aus allen Erdtheilen und von den entlegensten Inseln des Weltmeeres, sind hier in barbarischer Verschwendung zu großen Massen auf gestapelt. Jeden Naturfreund mutz der Anblick dieser zahl losen, lieblichen Vögel, die den gefühlsrohen Modethorheiten der sich ihrer Civilisatron rühmenden Völker Europas alljährlich zum Opfer fallen, und durch die viele der prächtigsten Vogel arten der völligen Ausrottung entgegengehen, mit Kummer und tiefster Entrüstung erfüllen. Um so erfreulicher ist es, daß die Straußfcdern, die jetzt fast ausschließlich von zahmen Straußen gewonnen werden, aus dem Fcdermarkt immer mehr vorherrschen und sich seit Jahren allgemeiner Beliebtheit er freuen. In dieser Abtheilung reiht sich Saal an Saal, alle voll Bänken und Gestellen, die über und über mit den schönsten Federn bedeckt sind. Jedes Jahr finden mehrere große Ver steigerungen statt, bei denen man hier gegen 60 000 engl. Pfund Straußenfedern sehen kann. Ein Pfund enthält etwa 120 große Federn. Weiß man, daß aus dem Flügel eines boll entwickelten Straußes nur 34 große Federn genommen werden, so bekommt man eine Vorstellung davon, welche im mensen Vogelhcerdcn nöthig sind, den Weltbcdarf an Federn, der sich auf dem Londoner Markt deckt, zu genügen. Früher, d. h. so lange hauptsächlich nur die Bälge wilder, erlegter Strauße gehandelt wurden, kostete ein Pfund schöner Strauß federn an die 100 Lstrl. (2000 ^/k). Im Jahre 1866 wurden in der Capcolonie die ersten größeren Straußenzüchtereicn errichtet. Im Oranje-Freistaat, Transvaal, Natal, Californicn und verschiedenen anderen Ländern folgte man bald diesem Beispiel, so daß seitdem in Folge der Uebcrproduction die Preise auf dem Federmarkt ständig zurückgegangen sind. Immerhin ist eine Hand voll schöner Straußfcdern im Rohzustande ihre 30 Lstrl. (600 c/t) Werth und das Dreifache hergerichtet, gewellt und fertig zum Gebrauch. Während früher die Verarbeitung der Federn vor Allem eine Specialität Pariser Federfabriken war, besitzt jetzt auch Berlin eine stattliche Anzahl solcher Ge schäfte, die sich eines guten Rufes auf dem Fedcrmarkte er freuen. Man rühmt den Berliner Federn eine sehr sorgliche Verarbeitung, große Solidität und schöne Färbung nach. Weit höher im Preise als Straußfedern stehen die Weißen Schwanzfedern des Fischadlers, von denen ein kleiner, für einen Damenhut gerade ausreichender Federstutz selbst im Groß handel mit 10 Lstrl. (200 „L) bezahlt wird. Vor einigen Jahren waren sie so gesucht, daß man auch diese Vögel in vielen Gegeitden fast ausgerottet hat. In England erhob sich daher eine heftige Agitation gegen das Tragen solcher Feder stutze, von denen jedoch leider noch immer bedeutende Mengen hauptsächlich nach dem europäischen Festlande verkauft werden. Ebenfalls an der Cutler-Street liegen große Speicher für Rohseiden und seidene Stoffe, orientalische Teppiche, Stickereien nnd ähnliche Artikel, von denen hier häufig zu gleicher Zeit rür 3—4 Mill. Lstrl. (60—80 Mill. Mark) lagern, während sich der Jahresumsatz in dieser Abtheilung durchschnittlich auf etwa 15 Mill. Lstrl. (300 Mill. Mark) beläuft. Ein kurzer Spaziergang führt uns vor hier nach dem Crutckftd Friars- Magazinen. wo besonders kostbare Waaren aus Ostindien und den tropischen Colonien gehandelt werden. Das Interessanteste ist hier wohl ein kleiner Raum der Droguen- und Parfümerie - Abtheilung, in den Unberufenen nur ausnahmsweise Einlaß gewährt wird. Vor unserem Führer öffneten sich jedoch auch hier die Thiiren, und wir passirten zunächst einige lange, mit einem cigenartiaen Duft erfüllte Säle voll Rhabarber aus der Türkei. Ten Laien erfüllt ein derartiger Massenverbrauch der nützlichen, aber besonders bei der .Kinderwelt so wenig beliebten Medicinalpflanze mit gelindem Grausen. Sobald wir den reservirten Raum betreten, strömt uns ein recht wenig angenehmer, lebhaft an den Zoologischen Garten gemahnender Geruch von schier überwältigender Stärke entgegen. Der uns empfangende Abtbcilungsvorstand, ein alter, liebenswürdiger Herr, der seit vielen Jähren in diesem Fache arbeitet, scheint völlig von diesem hier Alles durchdringenden Duft, in dem Moschus und Zibeth vorwalten, imprägnrrt zu sein. Er selbst erzählt lächelns, er sei es schon ganz gewöhnt, beim Besteigen eines Omnibusses oder Eisenbahnwagens von mehr spöttischen als höflichen Bemerkungen der Mitreisenden begrüßt zu werden. Wir haben die vielseitigste Gelegenheit, uns davon zu überzeugen, daß die meisten kostbaren und berühmten Parfüm stoffe nur in stark verdünnter Form und nach geschickter Um arbeitung angenehm wohlriechend sind. Hier aber machen wir ihre Bekanntschaft im Rohzustande, in dem sie fast alle eine sehr unangenehme Einwirkung auf die Geruchsnerven aus üben. So bringt man aus einem Hinterzimmer z. B. eine Blechbüchse, etwa von der Größe einer einpsündigen BiScuit- dose, herbei. Man öffnet sie für uns, und fast entsetzt prallen wir zurück, denn ein geradezu scheußlicher Geruch verbreitet sich sofort in dem ganzen Contor. Die Büchse enthält aus Shanghai importirten, sogenannten tonkinesychen Moschus oder Bisam, so wie er von dem männlichen Bisam- oder Moschusthier entnommen wird. Eine Hand voll dieses ein getrockneten thierischen Secrets wird mit 100 Lstrl. (2000 ^) bezahlt. Eine andere ebenso übel duftende Masse ist Kabardiner Moschus, der aus Rußland stammt und etwa 500 .L das Pfund gilt. An einer Wand liegt eine Anzahl großer afrikanischer Büffelhörner, jedes mit allerhand fremdartigen Zeichen bemalt und ani dicken Ende fest mit Leder zugebunden. Eines dieser ausgehöhltcn Hörner wird geöffnet, und wir sehen eine gelb bräunliche, dicksalbenförmige Masse, die einen für normal« menschliche Nasen womöglich noch entsetzlicheren Geruch ver breitet. Es ist Zibeth, und auch diese so schauderhaft riechend« Substanz steht hoch im Preise, das Kilogramm etwa 500 -4k, und wird zu Parfümerien verwendet, die früher allgemein ge schätzt wurden, jetzt jedoch nur noch bei den orientalischen Völkern beliebt find. Das Zibeth wird von der afrikanischen Art der Zibethkatze abgesondert. In Abessinien, Nubien und Egypten werden Zibethkatzen in Käfigen gehalten. Mit einer gewissen Feierlichkeit kündigt man uns sodann den kostbarsten der in den Docks gehandelten Parfümstoffe an, der abermals einer Blechbüchse entnommen wird. Nach den eben erduldeten schweren Prüfungen unserer Niechorgane constatiren wir zu nächst mit lebhafter Befriedigung, dast die neue Substanz, Vie recht wohl zerfallener, schmutzig gelblicher Chesterkäse oder auch ein Häuflein cingctrockneter Straßenschmutz sein könnte, nur einen schwachen, freilich nicht eigentlich angenehmen Geruch besitzt. Sie wird uns als grauer Ambra voraelegt, der haupt sächlich von Java, Ostindien und Madagaskar nach Europa kommt und von dem die englische Unze im Großhandel mit 4—5 Lstrl. (80—100 -4k) bezahlt wird. Dabei sind die Preise noch im Steigen begriffen, da das kostbare Product neuerdings immer seltener angetroffen wird. Die graue Ambra oder Amber stammt vom Kaschelot —> Okitaäou maorc>eepkn.!u8 I-. — und wird aui dem Meere schwimmen- — specifisches Gewicht 0,908 bis 0,920 — oder nach heftigen Stürmen am Strande, besonders auch an der Surinam-Küste, gefunden. Gewöhnlich kommt er nur in kleineren Stücken vor, doch wurden auch schon Massen von 20 bis 50 Kilogramm Gewicht eingebracht. Vor einigen Jahren fand ein armer indischer Tagelöhner ein größeres Stück, das er für 3 Lstrl. an einen Engländer ver kaufte. In kleine Stücke zerhackt — denn kein Händler kauft mehr als etwa ein Pfund davon auf einmal — kam es in den Crntched Friars-Speichern zur Versteigerung, wobei 1050 Lstrl. (21000 -.4k) erzielt wurden. Man fertigt aus der AmbrA, die bei 60 Grad Cels. schmilzt, eine alkoholische Tinctuc oder Essenz, und diese dient vor Allem dazu, in zusammen gesetzten Parfüms flüchtige Wohlgerüche festzuhalten und zu harmonischem Einklang zu bringen. Mit einem Gefühle -er Erleichterung athmcten wir auf, nachdem wir die duflübcrsättigten Räume der Parfümerielager hinter uns hatten. Wir wanderten nun durch weite Speicher, in denen die verschiedensten Sorten von Regie-Cigarren, Ci garetten und Pfeifentabaken lagern, und zwar durchschnittlich an die 1l4 Mill. Pfund. Ter Jahresumsatz beläuft sich auf etwa 20 Mill. Mark. Tie großen Lager für Rohtabake aber befinden sich nicht hier, sondern in den Victoria-Docks, wo stets für etwa 9—10 Mill. Lstrl. (180—200 Mill. Mark, Vorrälhe aufgcsrapelt liegen. Von Crutched Friars folgten wir unserem Führer Tower-Hill hinunter nach den London- Docks, wo wir in der nordöstlichen Ecke natürlich zunächst pflicht- schuldigst The Quccn's Tobacco Pipe, die als eine der Merk würdigkeiten Londons gilt, besichtigen mußten. „Die Tabaks pfeife der Königin" heigt im Volksmunde der Schornstein eine? Ofens, in dem oft große Massen confiscirter Tabake, sowie allerhand andere verdorbene und confiscirtc Waaren verbrannt werden. Merkwürdiger erschien uns der große Elfcnbeinspeicherraum, wo mächtige Elephantenzähne, jeder einzelne gezeichnet, um sofort den UrsprungSort und daS Schiff, mit welchem er her überkam, erkennen zu lassen, zu hohen Stößen aufgethürmt. herumliegen. Zähne von 5000 Stephanien im Werthe von Millionen von Mark sind hier oft gleichzeitig auf Lager. Die Nachfrage nach Elfenbein ist so beträchtlich, daß cs begreiflich scheint, wie die viel verfolgten Dickhäuter, trotz der weiten Ge biete, in denen sie jetzt noch heimisch sind und häufig angctroffen werden, in absehbarer Zeil dennoch der völligen Ausrottung Dichtung und Wahrheit im Reiche der Mitte. In einer Anzahl prachtvoller chinesischer Stickereien, die unser Kaiser vor Jahresfrist zum Geschenk erhalten hat, sind chinesische Fabeln eingestickt, deren Ursprung weit über 3000 Jahre zurück- datirt. Einige der Sprüche, die durch Vermittelung des chinesi schen Gesandten in Berlin, Excellenz Lü-Hai-Huan, für den Kaiser durch den Leaationssekreiär King-inthai ins Deutsche Übertragen worden sind, seien im Folgenden wiedergegeben. ErlegtsichaufsEis,UniKarpfenzufangen. Wang Siang von der Tsin-Dynastie (1250—420 v. Chr.) hatte seine rechte Mutter in jungen Jahren verloren. Seine Stiefmutter, die mit ihrem Mädchennamen Tschu hieß, hatte keine Liebe zu ihm und vetlenmdete ihn heftig und häufig bei seinem Vater. In Folge dessen ging er auch der Liebe seines Volkes verlustig. EiNstiiralS wollte die Stiefmutter durchaus frischgefangene Fische essen. Derzeit waren aber gerade alle Ge wässer festgefroren. Da entkleidete sich Wang und legte sich aufs EiS, um dieses durch die Wärme seines Körpers zu schmelzen und so Fische zu bekommen. Plötzlich barst das Eis von selbst auseinander und zwei Karpfen hüpften heraus. Diese nahm er, kehrte damit nach Hause zurück und gab sie der Mutter. Er weinte, und die Bambussprossen wuchsen. Mong-Tsung aus dem Lande Wu hatte schon in früher Jugend seinen Vater verloren. Eines Tages, mitten im tiefen Winter, verspürte seine alte und schwer erkrankte Mutter große Sehnsucht darnach, eine Suppe aus frischen Bambussprossen zu genießen. Tsung wußte durchaus nicht, wo er das Gewünschte auftreiben sollte; da ging er selbst in den Bambushain und um faßte die kahlen Halme mit den Armen und weinte. Seine kindliche Pietät rührte den Himmel und die Erde, und es dauerte nicht lange, da barst die Erde auseinander und ließ etliche PambuSsproffen hervorwachsen. Er nahm sie an sich, kehrte damit nach Hause zurück und bereitete die Suppe zu für die Mutter. Kaum hatte diese die Suppe gegessen, so genaß sie von ihrer Krankheit. Er schnitzte Bildsäulen aus Holz und diente seinen Eltern. Ting-Lan, von der Han-Dynastie (206—8 v. Chr. und 25—220 n. Chr.) hatte schon in früher Jugend seine Eltern ver loren und war daher nicht im Stande gewesen, dieselben zu pflegen und ihnen zu dienen. Als er nun herausgewachsen war und aller der Mühsal gedachte, die seine Eltern seinetwegen auf sich genommen hatten, schnitzte er aus Holz Bildsäulen in der Gestalt der Verstorbenen und leistete diesen jeglichen, einem Kinde zukommenden Dienst, gerade als wenn sie seine lebenden Eltern wären. Seine Frau aber weigerte ihnen immer mehr der gebührenden Ehrfurcht und stach einmal im Scherz mit einer Nadel in die Finger der hölzernen Figuren, worauf Blut herausfloß. Als nun die Bildsäulen den Ting-Lan wieder zu Gesicht bekamen, flössen Thränen aus ihren Augen. Ting-Lan ließ nun nicht ab mit Fragen, bis er die Wahrheit erfuhr. Er verließ daher seine Frau. Er verkaufte sich selber, um seinen Vater zu bestatten. Tung-Jung, zur Zeit der Han-Dynastie (206—8 v. Chr. und 25—220 n. Chr.), lebte in großer Armuth. Als daher sein Vater starb, verkaufte er sich selber, ließ sich einen Vorschuß auf die Kaufsumme geben, und bestritt die Kosten der Beerdigung Als er sich nun aufmachte, um sich durch Arbeit wieder frei zu kaufen, begegnete er unterwegs einem Mädchen, das sich ihm zur Ehe anbot. So gingen sie denn gemeinsam zu dem Hause deS Herrn, welcher Tung-Jung gekauft hatte. Der befahl ihm, drei hundert Stück feine Seide für ihn zu weben, dann sollte er frei sein und seiner Wege gehen dürfen. Mit Hilfe seiner Gattin brachte er innerhalb eines Monats die ganze Arbeit zu Stande. Als sie nun von dannen gingen und unter den Schatten des Sophora- baumes kamen, unter dem sie sich vor einem Monat getroffen hatten, da entschwebte die Frau plötzlich in die Lüfte und war für immer verschwunden. Dieser Fabel ist folgender Spruch beigefügt: Um den theuren Vater zu bestatten, Trat in schweren Sclavendienst er ein. Doch die Fee, die er am Weg getroffen, Wollte gern des Sclaven Gattin sein. Und nun regen webend sie die Hände, Und die Freiheit ist der Arbeit Lohn; Frommer Kindesliebe Kraft bewegte Hoch im Himmelssaal des Ew'gen Thron. Bekanntlich wurde auch Schiller durch die feinsinnigen und gehaltreichen Erzeugnisse der chinesischen Literatur angeregt, und die Frucht seiner Beschäftigung mit der chinesischen Cultur war sein „Turandot". Vergleichen wir allerdings die poetischen Schöpfungen der Söhne des himmlischen Reiches mit ihrer Auffassung des Gast rechts, wie sie es jetzt bethätigen, so ergiebt sich ein merkwürdiger Unterschied zwischen „Dichtung und Wahrheit". R. vxu. Eine Sedan-Erinnerung. Nach anstrengenden Märschen, nassen BivouakS und sonsti- gen Strapazen war ich am 20. August 1870 spät Abends mit einem Transporte bei Toul verwundeter 27er und 98er nach Luntzville zurückgekehrt. Mein Gesundheitszustand, der schon seit einigen Tagen nicht der beste war, verschlimmerte sich auf dieser Fahrt derartig, daß ich vom Fieberfrost tüchtig durchge- schllttelt und gerüttelt wurde, und die meiner Obhut anver- trauten Verwundeten meinten: „Armer Kerl, Dir geht's ja schlechter, als uns!" Ich wehrte mich zwar noch bis zum 22. Nachmittags gegen das Krankwerden, dann brach ich aber zusammen und mußte zu meinem großen Schmerze meine Truppe verlassen, mit der ich begeistert ausgezogen war. Ich wurde in die ^mdulanco inter- nstionalö übergeführt, die sich auf dem Hofe der von meiner Com pagnie besetzten Caserne des 3. französischen Cürassier-Regiments befand. Die Erinnerungen an die ersten acht Tage meines Aufent halts in dem Lazareth sind sehr dürftig, weil ich größtentheils ohne Besinnung war. Ich weiß nur noch, daß ich gleich am ersten Tage im Fieberwahn ausgekniffen war und am nächsten Morgen bitterlich geweint habe, als meine Compagnie unter Trommel schlag und Pfeifenklang ohne mich weiterzog. Nach und nach wurde mein Zustand wieder besser, und ich yörte mit Staunen und Bewunderung von den heißen Kämpfen um Metz. Schon am 2. September gingen Gerüchte unter uns umher von einer neuen großen Entscheidungsschlacht. Näheres erfuhren wir jedoch erst am 3. von einem Lazarcthgehilfcn. Das wie eine Mär klingende Ereigniß: Gefangennahme der ganzen Mac Mahon'schen Armee mit dem Kaiser Napoleon wurde zuerst ungläubig ausgenommen, weil wir, die zwar nur einige Tage märsche von dem Schauplatze dieses welterschütternden Ereignisses entfernt waren, bisher alle Nachrichten vom Kriegsschauplätze sehr verspätet erhalten hatten und daher noch nichts von dem be rühmten Nachtrabmarsche der III. und IV. Armee wußten. Wir vermutheten diese eher in der Nähe von Paris als bei Sedan an der belgischen Grenze. Als wir dann nach und nach die Verhältnisse einigermaßen klarer beurtheilen konnten, da brach unter uns Deutschen ein unbeschreiblicher Jubel aus, sogar wir armen Teufel, die wir noch das Bett hüten mußten, falteten mühsam unsere Hände und schickten ein inbrünstiges Dankgebet zum Herrn der Heer- schaaren. Aber auch das Jubiliren unserer Kameraden hatte keinen rohen Beigeschmack, sondern es war der überquellende Ausdruck reinster Freude und deS heißen DankeS über Gotte« große Gnade, unsere herrlichen Führer und unsere tapferen Kameraden. Die in den anderen Sälen untergebrachten Fran zosen benahmen sich über das Unglück, das doch in der Hauptsache ihr Vaterland betroffen hatte, zum Theil recht wurstig, zum Theil aber auch geradezu kläglich unwürdig. Letzterer Theil nannte den unglücklichen Kaiser, dem noch vor wenigen Wochen zugejubelt worden war: „un cockon, ua ILeko, un polisscrn u. s. w." Die Generale, die vorher als unübertrefflich galten, waren „Dummköpfe" oder „Derräther". Schließlich wurde noch über Gott und alle Welt gelästert und geschimpft. Mich widerte dieses Ge bühren an, und es hat in mir einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Ich zog schon damals Vergleiche über die Ver schiedenartigkeit der Volkscharaktere, und ich kam zu dem Schlüsse, daß wir Deutschen uns unter gleichen Verhältnissen doch wohl würdiger im Unglücke betragen haben würden. —
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
Erste Seite
10 Seiten zurück
Vorherige Seite