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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 08.09.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-09-08
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000908021
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900090802
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900090802
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-09
- Tag 1900-09-08
-
Monat
1900-09
-
Jahr
1900
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Die Morgrn-AuSgabe erscheint um '/,7 Uhr, die Abend-Ausgabe Wochentags um 5 Uhr. BezngS'PrekS h« Hauptexpedition oder den i« 8kaß»> Mjirk ,nd den Vororten errichteten Aus« Vorsteven ab geholt: vierteljährlich ^4.50, kei zweimaliger täglicher Zustellung ins hauS 5.50. Durch die Post bezogen für Deutschland und Oesterreich: vierteljährlich 6.—. Directe tägliche Kreuzbandsendung inS Ausland: monatlich 7.50. Redaktion und Expedition: JobanniSgasse 8. Die Expedition ist Wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis Abends 7 Uhr. Filialen: Alfred Hahn vorm. V. Klemm'» Lortim. Unsyersitütsstroße 3 (Paulinum* Lout» Lösche, Knthnriuenftr In, p«n. und SöuigSplatz L Abend-Ausgabe. Mpzigtr CtlgMM Anzeiger. Amtsblatt des Königlichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, des Mathes und Molizei-Änttes der Ltadt Leipzig. Anzeigen-PreiS die 6 gespaltene Petitzeile SO Pfg. Nee kam en unter dem RedactionSstrtch (4 g» spalten) 50 cj, vor den Familiennachrichleu (6 gespalten) 40/^. Lrößere Schriften laut unserem Preis« verzrichniß. Tabellarischer und Ziffernsatz nach höherem Taris. Hxtra-Beilagen (gefalzt), uur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbeförderung SO.—, mit Postbefürderung 70.—. Annahmeschluß für Anzeigen: Ab »ud-Ausgabe: Vormittag» 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4 Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je ei» halbe Stunde früher. Anteil«» sind stets an dia Expedition -n richten. Druck und Verlag von L. Polz in Leipzig 458. Sonnabend den 8. September 1900. 94. Jahrgang. Die Wirren in China. Ein neuer Vorschlag. -k>. Wie die „Times" aus New Jork, 7. September, melden und wie wir schon in einem Theit der Auflage des gestrigen Abendblattes mittheilen konnten, bereitet die amerikanische Regierung eine zweite Note an die russische Regierung vor, die heute abgesandt werden soll. Abschriften derselben werden allen Mächten übermittelt werden. Wie angenommen wird, wird die Note den Vorschlag enthalten, eine kleine Schutzwache zu hinterlassen, statt die Hauptstadt gänz lich zu räumen. Was die kleine Schutzwache soll, ist nicht verständlich. Sie wird natürlich den sofort nach der Räumung der Haupt stadt zurückfluthenden Massen der chinesischen Truppen und Boxer nicht einen Augenblick Widerstand leisten und die WiederbesetzunH der Stadt nicht verhindern können. Der neue amerikanische Vorschlag dürfte nur den einen, aller dings nicht gering anzuschlagenden Vortbeil haben, daß die endgiltigc Entschließung der Mächte über die Aufgabe Pekings noch weiter hinausgeschoben wird. In Paris ist der Bericht des französischen Capitäns de Macolle vom „Entrecasteaux" eingetroffen, der die französische Truppcnabiheilung im Expeditionscorps Lord Seymour'ö führte. Besonders merkwürdig ist die Stelle seines Berichts über die Kämpfe in Tientsin, in der eine deutliche Mißstimmung gegen -en russischen Befehlshaber zu Tage tritt. Sie lautet: „27. Juni. Gegen 9 Uhr Morgens griffen dieRussen das Ostarsenal an. Sie batten Niemanden von ihren Absichten in Kenntniß gesetzt; da die Operation sich in die Länge zog, eilten erst eine deutsche, dann eine englische Ab- theilung zur Hilfe herbei, was den Russen aber gar nicht an genehm zu sein schien. Man bemerkte sofort, daß kein Einver nehmen zwischen den militärischen Führern besteht. 1. Juli. Die Russen unternahmen eine RecognoScirung am linken Ufer, ohne Jemanden zu benachrichtigen. 2. Juli. Um 8 Uhr Morgens Besprechung bei Admiral Seymour. Es wurde dort mitgetheilt, daß die Armee Schan-Hai-Kwans auf Tientsin unter dem Befehle des Generals Ma losmarschirt, weshalb der Admiral vorschlug, die Stadt sofort am nächsten Tage an- zugrcifcn, bevor die chinesischen Truppen eingezogen wären. Aber der General Stössel erhob heftigen Widerspruch, indem er erklärte, daß er darauf nicht genügend vorbereitet sei. Ans diese Weise konnte man zu keinem gemeinsamen Be schluß über eine Operation gelangen. Um 2 Ubr neue Con- fercnz der Führer der einzelnen Abtheilungen des rechten Ufers bei dem japanischen Generale. Man kam dort über einen Angriffsplan gegen das Westarsenal am übernächsten Morgen überein; aber da ohne die Russen die verfügbaren Mann schaften höchstens 2600 Mann betrugen, sollte der Plan nicht ausgeführt werden, wenn man genau wüßte, daß die Truppen des Generals Ma in Tientsin eingetrosfen seien. Um 9 Uhr früh benachrichtigte mich der General Stössel, daß er die anderthalb Compagnien Infanterie, die die Vorposten der französischen Straße bildeten, zurückziehen werde. Wir ließen darauf diesen Posten durch eine Compagnie unserer Marine Infanterie besetzen. 3. Juli. Der General Stöffel ließ melden, er ziehe am nächsten Morgen den Babnhossposten zurück, der zur Deckung unserer Conccssion unumgänglich notb- wendig war... 4. Juli. Die Russen zogen den Bahnhofs- posten wirklich zurück, worauf derselbe international von 100 Franzosen, 100 Japanern und 100 Engländern besetzt wurde. 6. Juli. Conferenz bei dem Admiral Seymour. Major Vidal, der gerade mit dem General Stössel gesprochen hatte, meldete, daß derselbe Vorschläge, die Batterien des Canals Lou-Tai mit seinen russischen Truppen anzugreifen, indem er einen großen Flankenmarsch nach Osten hin unternehmen wollte unter der Bedingung, daß die Truppen des rechten Ufers gleichzeitig eine Frontbewegung gegen diese Batterien machten. Dieser Vorschlag schien den englischen und japa nischen Generalen nicht znzusagen; sie wiesen darauf hin, daß ihre Truppen dann einer mächtigen Artillerie durchaus un gedeckt gegenübersteben würden. Auf unsere Bemerkung in dessen, daß man doch auf jeden Fall etwas Anderes thun müsse, als sich von Bomben überschütten zu lassen, nahmen sie den Vorschlag im Princip an und ließen den General Stössel bitten, einen genauen Plan einzusenden. Um 8 Uhr Abends erklärte mir Admiral Seymour, noch keine Mit theilung von dem General Stössel bezüglich der auf den folgenden Morgen festgestellten Operation erhalten zu haben; er wisse weder die Stunde, noch den Punct, wo man zusammen treffen wollte. Er schrieb daher dem General Stössel, nachdem er meine Ansicht darüber eingeholt hatte, daß wir unter solchen Umständen nicht Zusammenwirken könnten." In welchem Lickte die Chinesen den Rückzug der Colonne Lord Seymour's erscheinen lassen, das geht auS einer Proclamation hervor, die von der kaiserlicken Regierung nack diesem Rück zug erlassen worden ist. Diese Proclamation lautet nach einer von der „Frkf. Ztg." wiedergegebenen Correspondenz der „Jndßp. belge" aus Shanghai wie folgt: Sich stützend auf ihre guten Kriegsschiffe, sind die fremden Truppen aus verschiedenen Wegen aus Tientsin herausgegangcn, um unsere Truppen anzugreisen, aberPu-lu hat ihnen an vier verschiedenen Punkten Soldaten entgegengcstellt. Ueberdies haben unsere Unterthanen, Anhänger der Gerechtigkeit, ihr Mögliches gethan, um unsere Truppen zu unterstützen, und ohne andere Waffen als ihren eigenen Körper haben sie sich der Infanterie und Cavallerie des FeindeS entgegengeworfen. Ain 21., 22. und 23. Tage des 5. Mondes (17., 18. und 19. Juni) haben sie zwei Kriegs« schiffe zerstört und eine große Anzahl Feinde geiödtet. Da der Muth und die Entschlossenheit der Bevölkerung die Festigkeit einer Mauer erlangt und das Herz des Volkes sich so bewährt hat, so hat auch der militärische Geist eine Förderung und Erhebung erfahren. Die Mitglieder der Boxer-Gesellschaften, die unsere Truppen in diesen Kämpfen unterstützten, haben nicht eine einzige Waffe benützt, die dem Staate gehört, und sie haben nichts von unseren militärischen Borräthen verbraucht. Der militärische Eiser ging sogar so weit, daß kleine Kinder die Waffen ergriffen, um mit Schilden und Lanzen das Reich Vertheidigen zu Helsen. Durch einen besonderen Schutz unserer Ahnen haben sich Myriaden von Mengen mit demselben Gedanken beseelt. Allen diesen Tapsern, die Eifer für die Gerechtigkeit zeigen, senden wir zunächst unsere Glückwünsche und dann werden wir ihnen, sobald der Krieg beendet ist, noch besondere Begünstigungen erweisen. Mitglieder der Boxer Gesellschaften, bewahret immer die Einheit des Gefühls und thut euer Mögliches, um den Angriff der Fremden zurückzuschlagen! Ihr werdet in diesem Gefühl niemals Nachlassen, davon sind wir fest überzeugt! Diese Proclamation bestätigt wieder einmal, daß die kaiser lichen Truppen mit den Boxern gegen die Fremden gemeinsame Sacke mackten. Daß die Colonne Seymour's die in Peking mit Tod und gräßlichen Martern bedrohten Fremden retten wollte, das war in den Augen der Cbinesen natürlich ein „Angriff"! Dieselbe Correspondenz erwähnt dann noch das kaiserliche Decret vom 1. Tag dcS 6. Mondes (27. Juni), das in allen Provinzen verbreitet worden. Dasselbe giebt zunächst eine Geschichte der Beziehungen Chinas zu den Fremden, die dann beschuldigt werden, daß sie China beherrschen wollten; sie hätten sich chinesischen Bodens bemächtigt und die Ncichtbümer der Chinesen an sich gerissen. Diese Ueber- griffe hätten zuletzt ihren Gipfel erreicht, so daß die Fremden jetzt als Feinde betrachtet werden müßten, um so mehr, als sie selbst die Bande der Freundschaft zerrissen hätten» die sie mit China vereinten. Die jenigen seiner Unterthanen, die sich an den Fremden zu rächen wünschen, fordert daher der^Kaiser auf, muthig den Kampf zu beginnen und die feindlicken Schaaren anzugreifen. Alle aber, die eine gewisse Neutralität beobachten, würden als Neichsocrräthcr angesehen und dürften auf keine Schonung rechnen. So das kaiserliche Dekret, das eine förmliche, amt liche Kriegserklärung an die Fremden darstellt. Und doch halten die Mächte immer noch die Fiction aufrecht, daß sie keinen Krieg gegen China oder gegen die kaiserliche Re gierung führen. Weitere Meldungen: * Shanghai, 7. September. Der österreichische Geschäftsträger von Rost Horn und Fra», sowie der holländische Gesandte Knobel, letzterer auf holländischem Kriegsschiffe sind soeben wohl behalten hier eingetrosfen. Nach Niederbrcnnung der österreichischen Gesandtschaft waren Rosthorn und Frau anfänglich in der fran- zösijchen Gesandtschaft, nachdem diese durch Minenexplosion am 20. Juli stark beschädigt, war Frau von Rosthorn bis zur Abreise am 24. August in der deutschen Gesandtschaft. * Paris, 7. September. Eine Meldung der „Agence Havas" aus Marseille besagt: Das Ministerium der Colonien hat drei weitere Dampfer für den Transport von Kriegsmaterial, sowie 900 Maulthieren und 300 Treibern nach China gechartert. (Wiederholt.) * Maskat, 7. September. Tas französische Transportschiff „DroemS" legte hier an, um Kohlen auszuladen, die in dem kürzlich Frankreich hier ciugeräumten KohlcnLepot lagern sollen. (Wiederholt.) Der Krieg in Südafrika. * Am Dienstag, 4. September, sollen zwischen den Eng» ländern unter Buller und den Boeren unter Botha bei Badfontei», unweit Lydenburg, heliographische Mittheilungen stattgesunden haben. Die Engländer benachrichtigten die Boeren von der Ein verleibung Transvaals und fragten,weShalb siesick nicht ergäben. Die Antwort lautete: Müssen kämpfen aufBotha'SBe- sehl. Die Boeren fragten, ob die Gefangenen noch immer nach Ceylon gesandt würden, und auf eine bejahende Antwort er klärten sie nochmals, sie müßten weiter kämpfen. Am DienStag standen (wie der „Köln. Ztg." auS London ge schrieben wird) Buller und Botha sich noch in derselben Stellung gegenüber wie am Sonntag. Dienstag Abend krochen die Boeren bis an die englischen Vorposten heran, worauf Gewehrfeuer ausgetauscht wurde. Das scherzhafte Frage- und Antwortspiel ist, wenn es nicht erfunden ist, ein Beweis dafür, daß die Boeren ihren alten Humor noch nicht ver loren haben. Ernste Bedeutung hat es natürlich nicht; die Leute, die dem Befehle Botha's folgen, wissen zur Genüge, welches Loos ihnen bevorsteht, wenn sie aufhören zu kämpfen; und daß sie auch nach dem letzten Zurückmeichen von Dalmanutha ihren Obercommandirenden nicht verlassen haben, obwohl ihnen das nicht schwer gewesen wäre, spricht besser als viele Worte für ihren Entschluß, den Kampf bis zum Aeußersten fortzusctzen. Wichtig dagegen ist die Mittheilung, daß Buller bis zum Dienstag auch nicht einen Zoll vorwärts ge kommen ist, daß ihm also die am Sonntag auf dem Wege Belfast-Lydenburg zu Hilie geschickte Colonne nicht im Ge ringsten Luft gemacht hat, obgleich diese zur Umgehung der westlichen Flanke der Boeren augcsetzt worden war. Wahr scheinlich ist dieser Umgebungsversuch Botha rechtzeitig gemeldet und durch Verlegung deS einzig gangbaren Paffes vereitelt worden. Wenn er gelungen wäre, hätte sich die Wirkung bei den Boeren spätestens am Dienstag bemerkbar machen müssen. DaS ist aber so wenig der Fall, daß die Boeren sich vielmehr an die englischen Vorposten heran schleichen und sie in ein Gewehrfeuer verwickeln. Man darf gespannt sein, wie Roberts dieser peinlichen Lage ein Ende machen wird. Eine neue Kundgebung Roberts'. Laffan'S Bureau meldet auS Pretoria vom 7. dS.: Roberts erließ eine Kundgebung an die Bewohner derOranje- fluß-Colonie, in welcher diese unterrichtet werden, daß sie jetzt Unterthanen der Königin seien, ausgenommen diejenigen, die vor der Erklärung der Einverleibung Com- mandos angebörten und seitdem fortwährend im Ver bände ihrer Commandos geblieben seien. Letztere würden als Kriegsgefangene behandelt werden, während diejenigen, die den Unterwerfungseid geleistet und ihn dann ge brochen hätten, mit TodeS-, Gefängniß- oder Geldstrafe belegt werden würden. Die Gebäude derjenigen, die den Feind beherbergten, seien von jetzt ab der Strafe ausgesetzt, dem Boden gleich gemacht zu werden, und Farmen, in deren Nähe Eisenbahnbeschädigungen stattfänden, unterlägen einer Fenilletsn. Jlonka. 15s Roman von C. Deutsch. Nachdruck verboten. (Schluß.) „Wenn Du wissen thätst, wie ich Dir gesinnt bin, so würdest nit umsonst Deine Worte verschwenden, aber noch weniger würdest Du's thun, wenn Du wüßtest, zu wem Du redst. Lor zwei Monaten hättest mich nicht umsonst angefleht, da war mein Herz noch nicht so verhärtet und ausgebrannt, wie jetzt. Weißt, was ich aus Lieb' zu Juran gethan hab'?" — ihre Stimme wurde leise und gedämpft — „ich hab' meinen Mann umgebracht — ja, umgebracht: es hieß, der Schlag hab' ihn gerührt, es war nit der Schlag, ich hab' ihn im Schlaf erwürgt, und weißt warum? Weil ich frei von ihm sein wollt', frei! Zu hoffen hatt' ich nichts, obwohl ich damals nit daran gedacht hab', daß ich nichts zu hoffen hätt'. Seit der Zeit bin ich verloren. Ich kenn' kein Mitleid und kein Erbarmen, ich hab' einen Mord begangen, der mir nichts genützt hat, und werd' nicht vor dem zurück schaudern, der meine Rache kühlt." Mit schauderndem Entsetzen hatte Jlonka das Bekenntniß gehört. Wie konnte sie von diesem Weibe Mitleid erhoffen, wie Rettung erwarten, nachdem sie ihr das Schreckliche gestanden? „Misko, Misko!" rief sie Plötzlich, von einem Gedanken be rührt. „Streng' Dich nit unnütz an", sagte Marie höhnisch, „der ist zu gut aufgehoben. Er sitzt in der Haideschenke und trinkt mit liederlichen Burschen um die Wette, und nun sieh' zu, wie Du fertig wirst, mir wird's schon ein Bissel heiß." Mit diesen Worten ging sie aus der Stube und schob den Riegel von außen vor. Jlonka war allein und verloren. Einige Augenblicke raubte ihr dieses Bewußtsein alle Sinne, dann aber erwachte der Lebens trieb in ihr, verdoppelte die Schläge ihres Herzens und jagte daS Blut mit erneuter Kraft durch ihre Adern. „Gott wird mir helfen, Gott wird mir helfen!" rief sie mit fester Zuversicht und versuchte mit der einen Hand den Knoten zu lösen. Anfangs wollte es gar nicht gehen, denn die Hände zitterten ihr gewaltig, dann aber sammelte sie alle ihre Kräfte und löste eine Ver schlingung deS TaueS nach der anderen, bis die Hand frei war. Den Fuß frei zu machen war leichter, sie konnte jetzt mit beiden Händen arbeiten. Bald batte sie die Stricke von sich geschüttelt und sprana vom Bette. Es war hohe Zeit, ein erstickender Rauch fing an, tue Stube zu füllen, daS Prasseln über ihrem Haupte wuchs in erschreckender Weise, die Scheiben klirrten und sprangen entzwei unv Funken und glühende Stücke wurden hinein geschleudert. Jlonka stürzte zur Thür; sie war verriegelt. Ent weder hatte sie das Vorschieben des Riegels nicht gehört oder auch vergessen. Wie vom Blitze getroffen, blieb sie vor der Thür stehen, dann fing sie an, mit aller Kraft daran zu rütteln. Die aus festen Eichenbohlen gezimmerte Thür und der Riegel davor spotteten ihrer Anstrengung. „Ewiger Gott, ich bin verloren, ich bin verloren!" rief das Mädchen, sank neben der Thür auf die Knie und rang in ver zweifeltem Schmerze die Hände. So jung und zu sterben! Auf eine solch' entsetzliche Art zu sterben! Zu sterben, da vielleicht gerade das, wahre, sonnige Glück auf sie wartete! . . . Was wird Ferencz sagen, wenn er morgen vor dem rauchenden Trümmerhaufen steht? Was Juran? Juran, Juran! .... Ein wahnsinniger Schmerz er griff sie bei dem Gedanken an ihn. Warum kam er nichi, sie zu retten, und ließ sie so elend umkommen? Schlief ganz Tyhany? Sie sprang auf und rief, so laut wie sie konnte, nach Hilfe. Wie eine Antwort ertönte in diesem Augenblicke die Sturmglocke. Ihr klang das schaurige Geläute wie des Himmels Stimme. Jetzt würden die Leute kommen, ins Haus dringen und sie retten Sie kniete nieder und betete, betete, daß die Menschen nicht zu spät kommen sollten. Bald hörte sie Stimmengewirr vor dem Hause.' Zwischen dem furchtbaren Prasseln, Knistern und Zischen hörte sie deutlich das Laufen und Rennen, das Rufen von Menschen. Jetzt ertönten Schläge an der Thür, sie hörte sie deutlich. „O, jetzt wird diese nachgeben, dann sind sie hier und ich bin gerettet!" murmelte sie, bleich wie der Tod, zitternd und mit kaltem Schweiß bedeckt. Sie horchte und horchte, aber Mi nute auf Minute verrann, Niemand kam, die Schllkae an der Thür wurden schwächer und hörten dann ganz auf. Die Gluth sengte ihr Haar, der Rauch bohrte sich in ihre Augen, daß sie sie schließen mußte. Die hereingeschleuderten Funken und lodernde Flammen fraßen sich bald in die Möbel ein; zuerst fing die Fenstereinrahmung Feuer, dann das Bett, daS nahe stand, dann der Tisch Jlonka drückte sich immer tiefer in die Ecke, wo sie kniete, immer fester schlossen sich ihre gerungenen Hände ineinander, Ihr Kopf lag auf der Bank und aus ihren geschloffenen Augen fielen große, schwere Tropfen. Jetzt hatte sie das entsetzliche Bc- wußtsein, daß sie verloren war, daß es keine Rettung für sie gab. „Mach' nur bald meinem Leiden ein End', Du lieber Gott, da Du eS beschlossen hast", flehte sie auS innerster Seele, „da mit ich nicht fühle, wie schrecklich eS ist, durch Feuer zu enden." Immer tiefer sank ihr Haupt, wie ein Schleier legte es sich um ihre Augen; eS schwirrte und summte vor ihren Ohren Da war es ihr plötzlich, als riefe Jemand ihren Namen; mit übermenschlicher Anstrengung schüttelte sie die dunklen Scharten deS TodeS von sich und hob den Kopf. „Jlonka, Jlonka!" hörte sie in der Ferne rufen. „Hier", antwortete sie mit schwacher, halbersttckter Stimme. Noch einmal rief e» ihren Namen. „Rettet mich, reitet mich", rief sie, dann fühlte sie ihre Sinne schwinden. Juran schob den Riegel zurück, öffnete die Thür und fiel beim Hereintreten über einen Gegenstand, der bei der Thür lag. Die Helle Gluth beleuchtete den ausgestreckten Körper und das todten- bleiche Gesicht des Mädchens. Juran warf seine Guba ab, wickelte das Mädchen in das nasse Gewand, hob es in seine Arme, und es fest an sich drückend, ging er den Weg zurück, den er ge kommen. Es gab nur noch einen Ausgang, die Vorhausthür, zwar auch diese brannte schon, doch galt es nur, den Schlüssel umzudrehen und sie aufzureißen. Juran hatte schon seine Hände verwundet, aber dachte er seiner Schmerzen in dem Momente der furchtbarsten Gefahr, die theure Last in den Armen? Es war die höchste Zeit, hinauszukommen, er sah, wie sich das Gebälk über ihn neigte. Er riß die Thür auf und zwischen Lohe, Gluth und Flammen stürzte er hinaus. Eine Minute später stürzte das Haus zusammen, stoben Feuerfunken und Rauchsäulen bis zum Himmel empor und schleuderten Feuer brände nach allen Richtungen, daß die Leute im Garten und auf der Straße entsetzt auseinanderliefen. Man hatte Juran die Last abnehmen wollen, er wehrte Allen ab. Er trug Jlonka bis zum Brunnen, ließ sie dort sanft nieder, und wusch ihr mit dem kalten Wasser Kopf und Gesicht. Er sprach kein Wort, aber sein Gesicht war todtenbleich, und mit dem Ausdrucke unsäglicher Angst blickte er unverwandt in ihr Antlitz. „Sie wird erstickt sein", sagte eine Stimme. „Es wäre auch das allergrößte Wunder, wenn sie noch lebte. So lange unter Rauch und Gluth zu sein!" „Wer mag das gethan haben?" fragte Einer. „Bettler oder Landstreicher." „Ist nit wahr, die würden einfach das Haus angesteckt, aber nit mit Bedacht Alles von innen verriegelt und verrammelt haben." „Da war eine verruchte Hand im Spiele." „Wo ist der Knecht?" Niemand wußte es, Keiner hatte ihn gesehen. So tönte das Stimmengewirr um Juran, er schien aber nichts davon zu hören. Er kniete vor der leblosen Gestalt und streichelte ihr mit einer Hand das Gesicht, während seine andere Ihre beiden Hände hielt; denn er fühlte, wie unter dieser Berührung ihr kaltes Gesicht warm wurde und sich die Starrheit der Glieder löste. Nach einiger Zeit öffnete sie die Augen, und als sie Juran über sich gebeugt sah, zog ein Lächeln über ihr bleiches, vor Schreck entstelltes Gesicht, und wie wenn sie gewußt, wie wenn eS ihr Herz gesagt, daß er ihr wieder gehöre, schmiegte sie mit einer rührenden Hingebung ihr Haupt an seine Brust. Er preßte sie wortlos an sich, neigte sein Gesicht und küßte sie auf den bleichen Mund; zwei große Thränen fielen aus seinen Augen auf ihr Antlitz. „Komm nach Haus!" sagte er dann; er konnte vor Erschütte rung nicht weiter sprechen und hob sie auf. Biele erboten sich, dem Mädchen Wohnung für die Nacht zu geben; er hielt sie aber fest und sagte: „Sie geht zu mir, dort ist von heule an ihr Platz." Halb trug er sie, halb führte er sie, und als er sich aus den Augen der Leute wußte, hob er sie ganz in seine Arme und drückte sie fest an sich. „Du bist mein, auf immer mein!" sprach er, sie wieder und wieder küssend. „Ich hab nie aufgehört. Dich zu lieben, nicht als Du mich so tödtlich kränktest, nicht in der Fremde, nicht als ich zurückkehrte. Ich verhärtete mein Herz zu Stein, um Dir zu vergelten, litt aber mehr als Du dabei. O, Jlonka, Jlonka, was Du meinem Leben bist, hab' ich erst heute erfahren, als ich in Gefahr kam, Dich zu verlieren!" Am anderen Tage kam der Richter nach Hause, und wie ihm zu Muthe war, als er vor dem verkohlten Trümmerhaufen stand, läßt sich denken. Das Haus und der größte Theil seiner Habe war zwar versichert, aber der Schaden war doch ein be trächtlicher. Das Unangenehmste war, daß er keine Wohnung hatte. Juran bot ihm sein Haus an, bis sein neues aufgebaut sein würde, und der Richter nahm das Anerbieten auch gerne an. „Die Jlonka krieg ich doch nicht wieder zurück, und so bin ich wenigstens noch eine Zeit mit ihr zusammen. Es ist zwar eine Kühnheit, Einem so mir nichts, Dir nichts das Mädel weg zufischen", setzte er in seiner alten Weise hinzu. „Und wenn ich sie selber hätt' heirathen wollen, he?" „Das hättet Ihr doch nicht gethan, Richter, Ihr habt nur da mals so gesprochen, um mich anzueifern." „Da hast Du Recht. Und klug war's von Dir, daß Du der Sach' ein End' gemacht hast. Das Mädel ist nach Dir vergangen, wie der Verdurstende nach Wasser, obwohl sie es nie gezeigt hat. Ob Dir zwar zu der Erklärung erst mein Haus als Brandfackel hat leuchten müssen, weiß ich nit. Doch Du kannst nit dafür, man muß die Sach' nehmen, wie sie ist." Man war nicht lange im Zweifel, wer das Verbrechen be gangen. Der Knecht klagte laut Marie Kyraly als Brand stifterin an, sie hatte ihn vom Hause weggelockt, um das Ver brechen ausführen zu können. Aber auch sein Zeugniß war über flüssig, Jlonka lebte und konnte Alles erzählen. Marie war eine ganze Zeit wie verschollen, man glaubte, sie habe Hand an sich gelegt, um der Strafe zu entgehen; endlich wurde sie in einer entfernten Pußta aufgegriffen, wo sie in einer verrufenen Schenke unter Dieben und Räubern lebte; sie starb > nach Jahren im Gefängniß. ! Juran zitterte jetzt für seine Liebe wie ein Schatzgräber für seinen unter Todesgefahren erworbenen Schatz. Er wurde nicht ruhig, bis der Priester den Bund gesegnet hatte und er Jlonka auf immer sein nannte. JanoS konnte sich keine bessere Schwiegertochter wünschen. Ein warmer, belebender Sonnenstrahl war sie dem Hause; sie las ihm jeden Wunsch vom Gesicht ab, gegen Martha war sic lieb und gut und ihrem Manne so tief innerlich ergeben, daß ihm die Tage wie ein einziger schöner Traum entschwanden.
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