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Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 24.06.1900
- Erscheinungsdatum
- 1900-06-24
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-190006248
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-19000624
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-19000624
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-06
- Tag 1900-06-24
-
Monat
1900-06
-
Jahr
1900
- Titel
- Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 24.06.1900
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Größere Schriften laut unserem Preis« verzeichniß. Tabellarischer und giffernsatz nach höherem Taris. Extra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbefördrrung 60.—, mit Postbesörderung ^l 70.—. Ännahmeschluß für Anzeigen: Abend-Ausgabe: Bormittag» 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittag» 4Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je ein« halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig Aß. Sonntag den 24. Juni 1900. 9t. IühMNg. Aus der Woche. Die Sonne sieht an ihrer sommerlichen Wende Blut auf zwei, Tausende von Meilen von einander entfernten Gefilden des Erdkreises fließen. Noch ergeben sich die tapferen Boeren nicht, und im äußersten Osten der alten Welt haben Rotten, hat vielleicht eine Regierung zur Gewalt gegriffen. Weitere Vergleichspunkte als die Zeit und die Sprache der Kanonen und der Gewehre lassen sich zwischen den beiden großen Zusammenstößen schwer aufsinden. Dort ein kleine- Volk, das um berechtigte Unabhängigkeit kämpft, hier Menschenhaufen, die von nationalem Selbstbewußtsein keine Spur empfinden und eS nicht verstehe», daß daS eiudringende europäische Wesen — unter schmerzlichen Uebergängen, da- mag sein — ihnen eine Verbesserung der Lebenslage, die Befreiung von einer verkommenen Beamtenhierarchie zu tragen will und wird. Wie stark auch der politische Er- werbSegoismuS an der neuerlichen Störung der scheinbaren Ruhe in China betheiligt gewesen sein mag, der Kampf um die Erhaltung des Neugewordenen ist ein Culturkampf im besten Sinne des Wortes, und Freunde von geschichtlichen Vergleichen würden nicht übertreiben, wenn sie sich durch die Heereszüge nach China an die Kreuzzüge und die gemeinschaftlich von der Christenheit geführten Abwebrkriege gegen die Osmanen er innern ließen. Ob die indogermanische Solidarität gegenüber der gelben Rasse anhält, ist eine Frage; zur Zeit scheint eS im fernen Asien das zu geben, was, allerdings während einer sehr viel ander- gearteten Verwickelung, der österreichische Reichskanzler Graf Beust vermißte: ein Europa. Der Kampf bat auch deutsches Blut gefordert; aber es gehört die ganze Unwahrbaftigkeit der Socialdemokratie dazu, um die kleine deutsche Erwerbung in Ostasirn für die Opfer veranwortlich zu machen. Oesterreich-Ungarn und die Vereinigten Staaten haben sich an der Küste de- morschen Reiches nicht festgesetzt, aber noch beute kann der Telegraph melden, daß auch diese Staaten Menschenverluste durch chinesische Kugeln erlitten haben. Hätte sich Deutschland bisher gleichfalls von der Festsetzung an der ostasiatischen Käste ausgeschlossen, e» wäre trotzdem noch weniger als die beiden genannten Länder in der Lage, dem Verlaufe der Dinge ruhig zuzusehen, Venn es bat in China ausgedehntere wirthschastliche Interessen als Nordamerika zu wahren, von Oesterreich zu schweigen. Unsere Socialdemokraten werden uns schon erlauben müsse», daß fort gesetzt wird, wa» begonnen ist. Ein seltsamer Zufall will, daß bei dem Ausbruch der chinesischen Neaction gegen die staatliche geordnete An näherung der modernen Gesittung der leitend- Minister deS Reiches starb, das ohne jede Frage die bedeutendste Rolle bei der Beendigung dieses Kampfes zu spielen bestimmt ist. Und nicht minder merkwürdig ist es, daß das brechende Auge des Grafen Murawjew auf zwei Kriegsschauplätze schauen mußte, des Staatsmannes, dessen Namen die FriedcnS- Conferenz-Note de- Jahres 1898 trägt. Eine Enttäuschung wird dem geschulten Politiker der Gang der Weltgeschichte allerdings nicht bereitet haben. Ihm sind, als er, seinem Herrn gehorchend, die Einladung nach dem Haag erließ, die Gesetze deS Völkerdaseins gewiß gegenwärtig gewesen. Dem deutschen Philister ist eS endlich glücklich abgewohnt worden, sich behaglich zu freuen, wenn „hinten weit- di« Völker aufeinanderschlagen. Er muß sich, so viel Industrie staat sind wir jedenfalls, für die Vorgänge im Osten ernst lich interessiren. Dafür läßt ihm die innere Politik, die ihn freilich, wie da- fast ungestörte Umsichgreifen des klerikalen Ein flusses am deutlichsten zeigt, auch sonst nicht sonderlich stört, in diesen Sommertagen die schönste Ruhe. Das Bevorstehende, der Gegensatz zwischen Freihandel und Sammlungspolitik, macht in den Zeitungen alle Tage ein paar blind geladene Gewehre loszehen. Der deutsche Hamlet wird, wie das in den letzten sechs Jahre» wiederholt der Fall gewesen, mit Versprechungen, betr. eine wirklich nationale Polenpolitik, gefüttert; in Preußen bat sich neuerdings die Druckerschwärze auch wieder der Volksschulgesetzesfrage bemächtigt, aber Alle- geschieht offenbar nur pour xas8ör Is temps. Die Jahreszeit will ihr Recht. Dabei geht das bürger liche Leben seinen Gang, auch das amtliche, wie jetzt Berliner Arbeiter, vielleicht auch Nichtarbeiter, die sich an dem Ausstande der Straßenbahn-AngestelNen betheiligt habe», zu ihrem Leide erfahren müsse». ^aS Urtheil in dem Proceß ist noch nicht gesprochen. Aber schon aus der Anklageschrift geht hervor, .daß das Strafgesetzbuch ohne besonderes Gesetz an die Storer von Arbeitswilligen mit scharfen Waffen Heran gehen kann — wenn die Polizei sie erwischt. Diese Erfahrung wird nicht hindern, daß au diesen Proceß die publicistische und gesprochene Stumm'sche Mahnung an die Wiederaufnahme des Oeynhäuser Fadens sich anknüpst. Wie es denn überhaupt eine moderne deutsche Krankheit zu sein scheint, an jeder irgendwie auffälligen Strafthat die Unzulänglichkeit der staatlichen Nepressionsmittel dar- zuthun. Zumeist — und das ist ein Trost — sind es Criminal-AmateurS, die diesen Sport betreiben, Herren, die sich einbilden, man könne Strafgesetze machen, die auf jeden möglichen Fall angepaßt, auch psychologisch angepaßt sind, so accurat, wie ein besonders geschickter Schneider einem besonderen Kunden den Rock anpaßt — oder auch nicht. Unser Strafrecht hat gewiß seine Mängel, aber bevor eine comwunw opinio der Berufenen über ReformgesichtSpuncte sich czebilvet, ^t, wäre es wobl richtig, die durch eine nicht alltägliche Strafthat ohnehin aufgeregten weiblichen und männlichen Nerven nicht auch noch äo logg toreuäu zu bemühen. Die Wirren in China. Nach den neuesten Meldungen bat sich die Lage etwa- gebessert, wenigstens scheint nunmehr festzustehen, daß die fremden Gesandten in Peking unversehrt sind und daß man durch die Berufung Li-Hung-Changö ernstlich den Willen zur Beilegung der Feindseligkeiten zeigt. Sehr wacker haben sich unsere deutschen Truppen gehalten, und wenn es auch tief bedauerlich ist, daß deutsches Blut im fernen Osten vergossen werden mußte, so mögen die Angehörigen der Gefallenen Trost darin finden, daß das Blut vergossen wurde für die Ehre des Vaterlandes, dessen Größe und Macht jedem Ein zelnen von uns zu Gute kommen. Eine Berliner Meldung nennt die Namen der Gefallenen deS „Iltis-: * Berlin, 23. Juni, Nachmittags. „Wvtff's Telegraphisches Bureau". Soeben ist die folgende Wiederholung einer am 17. d. M. vom Chef de» Kreuzergeschwaders über Port Arthur ab geschickten Depesche über das Gefecht bei Taku, die bisher nicht hierher gelangt war, eingetroffen: Um 12,50 Min. Nachts eröffneten die chinesischen Fort» da» Feuer auf sieben Kanonenboote im Flusse. Die Fort» wurden nach sechsstündigem harten Kampfe besiegt und beseht. Der Commandant des „Iltis" war die Seele des Unternehmens. Er hat hervorragend glänzend gekämpft. Auf dem „Iltis" sind Maschine, Kessel, der Schiffskörper und die 8,8-Centimrter-Geschütze unbeschädigt, die 3,7-Centimeter-Geschütze und der Aufbau sind stark beschädigt. Gefallen sind: Oberleutnant zur See Hellmann, Büchsenmachermaat Baestlein, Obermatrose Soko pf, Obermatrose Bothe, Obermatrose Maas, Ober- matrose Johannes, Matrose Lehnsosf, Lberheizer Holm. Schwer verwundet sind: Commandant Corvettencapitän Lans, Obermatrose Splinter, Matrose Schoppengerd, der Bericht erstatter des „Ostasiatischen Lloyd" Herrings. Leicht verwundet sind zehn Mann. Die letzte Stunde war Oberleutnant z. S. Hoffmann Commandant. Er folgte dem Beispiel des Capitäns Lans. Die Haltung der Mannschaft war glänzend. Eine Hilfe von Schiffen auf der Rhede war unmöglich. Weitere Depeschen besagen: * Berlin, 23. Juni. Der hiesige chinesische Gesandte hat dem Auswärtigen Amte heute mitgeiheilt, daß er soeben ein Tele- gramm vom Bicekönig von Nanking erhalten habe mit dem Inhalt, daß der Bicekönig Li-Hung-Chang telegraphisch beordert ist, sofort nach Peking zu kommen, und daß der kaiserlich deutsche Gesandte (in Peking) sich in Sicherheit und Wohl befindet. * Berlin, 23. Juni. In der hiesigen chinesischen Gesandtschaft erfahren wir, daß nach einem Telegramm des Vicekönigs Li- Hung-Tschang dieser nach Peking zur Audienz besohlen ist, um die Vermittlerrolle zwischen China und den Mächten zu übernehmen. Li-Hung-Tschang beabsichtigt zuerst den Aufstand der Boxer zu unterdrücken und dann die Verhandlungen aufzunehmen. In dem Telegramm wird ferner der Wunsch ausgesprochen, daß dir europäischen Mächte von der Absendung weiterer Truppen nach China absehen möchten. Gleichzeitig erhielt die Berliner chinesische Gesandtschaft ein Telegramm des Directors der chinesischen Eisen bahnen und Telegraphen, welches besagt, daß die Gesandten in Peking unversehrt seien. * Berlin, 23. Juni. Der kaiserliche Consul in Tschifu tele- graphirt von gestern Abend: „Die Beschießung der Nieder- lassung in Tientsin dauert fort. Die meisten Gebäude sind nirdergrbrannt. Boni Entsatzcorps und Peking keine Nachrichten." * Kiel, 23. Juni. Der japanische Kreuzer „Jakuma" ist aus Stettin hier eingetroffen und nach Einnahme von Kohlen sofort nach Japan weitergegangen. * Shanghai, 23. Juni. (Meldung des „Reuter'schen Bureaus".) Tientsin wurde am Donnerstag durch die chinesischen Truppen unter Prinz Tuan mit 45 Krupp'schen Schnellfeuer-Ge schützen angegriffen. Bis jetzt gelang cs den Chinesen noch nicht, die Stadt zu nehmen, obwohl ihr Feuer beträchtlichen Schaden anrichtete. — Die letzten authentischen Nachrichten aus Peking be ugen, daß die Gesandtschaften sich noch halten. * Hongkong, 22. Juni. (Meldung deS „Reuter'schen Bureaus".) Wie die „Hongkong Daily Preß" meldet, theilte Li-Hung-Tschang gestern mit, er habe von der Kaiserin den Befehl erhalten, sich nach Peking zu begeben, die Boxers zu unterdrücken und den Frieden mit den Mächten herzustellen. Er reise am 27. Juni von Canton über Hongkong und Shanghai ab. * London, 23. Juni. Den Abendblättern wird aus Shanghai gemeldet*säst alle Fremden-Concessionen in Wei-hai-wei seien von den Boxers verbrannt worden. Dem „Reuter'schen Bureau" liegt hierüber nichts vor. * Petersburg, 23. Juni. Das im „Nkgierungsboten" ver öffentlichte Telegramm des Viceadmirals Alexejew aus Port Arthur vom 20. Juni meldet ferner: Die Verluste deS englischen Kriegsschiffe- „Algerine" bei Taku betrugen: 2 Osficiere und 4 Matrosen verwundet; vom französischen Kriegsschiff „Lion" 3 Matrosen verwundet. * Petersburg, 23. Juni. Der „Regierungsboote" veröffent licht nachstehendes Telegramm des Viceadmirals Alexejew aus Port Arthur vom 20. Juni: „In Taku wurden vier chinesische Torpedozerstörer genommen, von welchen die Russen, die Engländer, die Franzosen und die Deutschen je einen be hielten." * Rom, 23. Juni. Wie die Blätter melden, werden voraus sichtlich die Kriegsschiffe „Pisani", „Stromboli" und „Vesuv io" nach China abgehen. — Der Kreuzer „Carlo Alberto" wird morgen von Perim nach Colombo in See gehen. * Rktv Kork, 23. Juni. Frederik Brown, der Leiter der Methodist en-Mission in Tientsin sandte dem „New Kork Journal" von Tschisu folgendes Telegramm: Ich entkam soeben au» Tientsin auf einem deutschen Kanonenboot. Die Stadt wurde mehrere Tage von chinesischen Truppen beschossen. Tas ganze Fremdenviertel ist zerstört. Leutnant Wight von der amerika nischen Flotte und 50 Marinesoldaten, die zu unserem Beistand abgesandt worden waren, wurden getödtet, beziehungsweise verwundet. Die Munition ist verbraucht. Die Garnison leidet schrecklich. Hilfe ist dringend nöthig. Hoffen wir, daß eS den vereinten Anstreugunzen der fremden Truppen nunmehr gelungen ist, Tientsin zu entsetzen. Ter erste Neberser-Kricg Deutschlands. Die „Allgem. Marine- und Handelskorrespondenz" schreibt: Der Gang der Ereignisse in den letzten zwanzig Jahren hat Deutschland wiederholt genöthigt, mit bewaffneter Hand dem Reich und seinen Angehörigen widerfahrene Unbill in über seeischen Ländern zu sühnen. Sowohl in unseren Colonien, al» in fremden Gebieten galt es, Angriffe wilder oder halbcivili- sirter Völkerschaften abzuwehren, die sich an Leben und Gut von Deutschen vergriffen hatten, oder drohende Schädigungen fern zuhalten. Diese Aufgabe fiel naturgemäß der Marine zu, der allerdings die Colonialschutztruppen und Freiwilligencorps an die Seite traten. Nie und nirgends hat Deutschland derartige Feindseligkeiten provocirt, stets waren unsere Interessen von anderer Seite angegriffen oder gefährdet. Das Gleiche ist jetzt auch in China der Fall; die Chinesen haben die Offensive er griffen und die Europäer müssen sich wehren. Aber während sonst überall die Vorgänge nicht Uber den Rahmen localer Er eignisse hinausgingen und im Allgemeinen ohne viel Aufwand und Verluste die Ruhe wieder hergestellt werden konnte, steht Deutschland jetzt vor seinem ersten überseeischen Krieg. Denn anders kann man nach Umfang und Bedrohlichkeit die Wirren im Reich der Mitte nicht nennen, die Deutschland, ebenso wie den übrigen Großmächten, die gebieterische Pflicht auferlegen, das Leben ihrer Angehörigen und ihre Habe zu schützen und ihr schwer beleidigtes Ansehen wieder herzustellen. Der ganze Ernst der Lage wird sowohl durch die Nachrichten aus dem fernen Osten, wie durch die Meldungen über Absendung von Truppen und Schiffen aus der Heimath auf den Schauplatz des Aufstandes gekennzeichnet. Noch niemals sind so viele Reichsangehörige, darunter der Gesandte und seine Beamten, in einem fernen Lande unmittelbarer Lebensgefahr ausgesetzt gewesen. Die handelspolitischen Interessen, die auf dem Spiele stehen, zählen nach Hunderten von Millionen, ganz ungerechnet den Werth des persönlichen Eigenthums der in China ansässigen Deutschen. Vor Allem aber müssen wir Würde, Ansehen und Vie Festspiele in Orange. Wenn der Besuch der Weltausstellung am Stärksten sein wird, wenn sich auf dem Trocadero, dem MarSfeide, unter dem Eisfelthurm Hunderttausenve von Menschen drängen, um sich an den Erzeugnissen der Industrie zu erfreuen, werden in dem kleinen sübfranzösischen Städtchen Orange Festspiele gefeiert, die mit der Ausstellung, mit moderner Industrie nichts zu thun haben, die aber da» Herz der Südfranzoltn ergreifen und auch die Nordfranzosen anlocken, ja, sogar feit einigen Jahren von den Parisern geduldet sind, und nach geahmt werden, von jenen Parisern, dir auf die Provinz vertcbtlich schauen und die nichts gelten lassen wollen, als daS, was den Stempel Pariser Schicks und Frivolität trägt. Da unten aber an der Rhone, in der weiten Ebene an ihrer Mündung, in der Provence, lebt rin Völkchen, das mit den Parisern nicht» gemeinsam haben will, «in Völkchen, da- sogar Frankreich nicht über Alle» hält, sondern das seinen Stamm, seine Provinz höher schätzt und da« seit einigen Jahrzehnten zu einem ganz neuen literarischen Leben er wacht ist. Dort unten hat Fredsric Mistral in seine Leier gegriffen und sein „Miröio" hat die Herzen Aller entzündet, seine Lieder und die seiner Freunde gehen von Mund zu Mund, und wenn de» Abend- die schwarzäugigen Burschen mit den Mädchen mit glühenden Augen unter den Granatbäumen jauchzen und lachen, wenn unter den Cypressen die Pärchen nebeneinander wandeln, dann singen sie jene Lieder in ihrer Mundart, in ihrer proventza« lischen Sprache, der Sprache der Troubadoure, und berausche» sich an den Versen, die au« ihrem Volke geboren wurden, seine Freuden und Leiden ursprünglich, mit Feuer und Leiden schaft, schildern. Und über die Grenze nach Spanien hallen die Gesänge und erwecken in Catalonien ein hundertstimmigeS Echo, denn auch dort wird die Sprache gepflegt, auch dort wird da- Volk wieder empfänglich gemacht jür die Schön heiten seiner Dichtung, seiner Poesie. Und alle diese Dichter, die herau-gewachsrn sind au- dem Volke der Provence, umspannt rin Band de» gleichen Streben- ein Band gleicher Art. Alle sind sie begeistert für ihr heimathliche» Idiom und ob st« dem Bunde der Ftlibrig« oder der Eigalier« angehören, sie sind einig in dem Verlangen dem Volke ihr Bestes zu bieten und sich mit dem Danke deS Volke- zu begnügen. Bei dieser Zusammengehörigkeit, bei der Gewißheit, alle Landsleute hinter sich zu haben, konnten die Felibrer und Cigalier an etwa» Große» denken Und konnten neben ihren Biumenspielrn in Avignon, Barcelona u. a. O. an eine größere Aufgabe Herangehen. Und bot sich zur Lösung dieser Auf gabe nicht von selbst Orange dar? DaS Städtchen Orange mit etwa zehntausend Einwohnern liegt an der Eisenbahn Lyon-Marseille auf der linken Seile der Rhone. E» ist eine alte römische Niederlassung und zur Zeit de« größten Glanze» d«S alttn RomS baute dir Militärcolonie Iuliu« Cäsar, dem Gründer der Stadt und seinem Neffen Augustus ein Theater, dessen güterhaltene Ueber- reste heute noch di« Bewunderung erregen und die sich von selbst zu Festspielen, wie sie proventzalische Dichterschule plante, anboten. Diese» „Tfitzatrv romain" nannte Ludwig XlV. einst seine schönsten Mauern. E» hat über 100 Meter in der Front, 34 Meter Höhe und 70 Meter Tiefe. Bor der großen mächtigen Bühne zieht sich im Halbkreis der Zu- schauerraum mit seine» Stufen und Treppen herum. Diese- Theater war wie geschaffen für große Spiele, deS Nachts unter offenen Himmel, dem sternenfunkelnden Himmel der Provence. Aber so leicht macht« sich die Sache nicht. Man wollte wohl auch gleich zu viel bieten und ging au- dem Rahmen der Provence heraus. Als die Veranstalter Ende der sechziger Jahre nach Paris kamen und ihre Pläne vorletzten, da fanden sie verschlossene Herzen und Thüren. ,Wa» wollen diese Wall fahrer eigentlich? WaS ist daS mit dem Theater in Orange?- rief man au«. Man holte den Director einer Theateragentur zu Hilfe, damit er Auskunft gebe. Er sucht in seinen Büchern und findet nur Or . . . O« . . . Or . . . Orleans: „Meine Herren", sagt er, „r- giebt in Orange weder eine Schau- spielergrsellschaft, noch ein Theater. Ich finde wenig Ver gnügen an Ihren Scherzen". Auch die Künstler verhielten sich, so berichtet Ludwig Bräutigam*), sehr ablehnend,und einer von ihnen sagte den Bittstellern da» stolze Wort, da» nun in der Geschichte von Orange eine gewisse Berühmtheit erlangt hat: „Ich singe nicht m der Provinz, meine Herren I" Ein Anderer erklärte, * Da» französische Bayreuth. ToSlar, F. A. Lattmann Verlag. Bon Ludwig Bräutigam. daß er nur im Winter sänge, und der Director der „Großen Oper" wollte seine Kräfte nicht hergeben, unter dem Vor wande, daß das Theater in Orange dem vollen Winde aus gesetzt sei. Aber endlich war daS Werk doch gesichert, und am 24. August 1869 sand die erste Vorstellung statt. Man gab „Joseph" von Möhul, den letzten Act aus „Romeo und Julia" und eine Cantate, die „Thriumphatoren" von Fernand Michel. Der Erfolg war entscheidend. 1874 führte man „Norma" mit sehr gutem Gelingen auf, aber dann kamen einige Rückschläge bei den Aufführungen von „Le Chalet", „Galathes" und „Les Prscieuses ridicuIeS". Die Scharte wurde ausgewetzt durch die Vorführung von „L'Emprreur d'ArleS" von Alexis Monzin. DaS war heimische Kunst, der die Besucher freudig zustimmten. Im August 1888 kamen „Moses" und „König OedipuS" zur Darstellung und 189 l „König OedipuS" und „Antigone". Der begeisterte Vorkämpfer für das Gelingen der Fest spiele in Orange Wurde bann Maurice Faure, der Deputirte VeS Departement Drome, der im Parlament durchsetz!«, baß eine bestimmte Summe für die Erneuerung de» antiken Theater» von StaatSwrgen bewilligt wurde. Mit zündender Beredtsam- keit trug er vor, daß man in dem antiken Theater mit neu einzurichtenden Festspielen nicht bloß für den Süden, sondern sür ganz Frankreich ein« Stätte, einzig in ihrer Art auf der Welt, gewinnen könne, die sich für neue RubmeStbaten der Kunst eigne. In einer Zeit, die auch in Frankreich dir „nebelichten" Erzeugnisse ver nordischen Literatur begünstige, müsse man rin Gegengewicht schaffen, und da« könne am besten in dem provenyalischen Athen, in Orange, geschehen. Dort gelte e», im antiken Theater dem Hellen und warmen Genius der griechischen und lateinischen Literatur zu huldigen, von dem der französische Nationalcharakter ganz durch drungen sei. Hier im französischen Parlament fiel auch von Maurice Faure der Ausdruck vom „französischen Bayreuth", da« Orange werden müsse. Die Wahl der Stücke rrwie» sich, wir Bräutigam au»- führt, nicht als praktisch und wenn Orange den Namen de« französischen Bayreuth verdienen wolle, so müßte e« au«, schließlich französische, am besten provrntzalische Stücke geben, die seiner Natur und Bevölkerung entsprechen. Und e« ist auch ein großer Unterschied zwischen dem französischen und dem deutschen Bayreuth. In Bayreuth geben jetzt die reichen Ausländer den Ton an, und die Einheimischen drängen sich möglichst in den Hintergrund, in Orange nimmt Hoch und Niedrig Ver land- sässischcn Bevölkerung an den Festspielen Theil. Dieses Herbeiströmen der fröhlichen Schaaren, ibr Leben und Treiben, ihre Festfreude schildert trefflich eine kleine Fest schrift (Edouard Monge, „Oran^ ot so» töte«". Marseille l 897). Was uns da so anschaulich und anregend beschrieben wird, sehen wir mit eignen Augen. „Das kommt von allen Seiten, auf den Wegen und durch die Felder in der großen Sonne des Südens, von fernen Torfschaften, von verlorenen Höfen, weit hinten unter Maul beerbäumen versteckt: Leute von Ventoux, von Nevestidon und Avignon, von Suze-la-Rousse und Bollöne, Ackerbauer mit der Farbe ihrer bcimathlichen Heide, Müller, heute be staubt von dem Weiß der Straße, Mütterchen in großen ShawlS, Bürgermeister in festlicken Anzüge», gerötbel« Cur«», Volk-dichter aus abgelegenen kleinen Stätten der Poesie. Bon weitem rasseln Fahrzeuge heran, Carriols, voll von auf einandersitzenden Mädchen. Die Gabeldeichsel am Wagen teht in die Höhe, der Hintere Theil des Gefährts berührt ast die Erde, und au» dem Pritschengeknall und Pferde- zetrappel klingt das Lachen der Insassen herau». „Ibr geht zum Theater, wa«?- — „Oh, haltet mir «inen Platz!' Da« gesammte Land ist auf dem Marsch begriffen, in großen Schritten die Leut«, in kurzem Trab die Thier« vor den Gespannen. DaS ganze Volk ist seit Stunden unterwegs. Man schlenkert die Arme beim Gehen, die Jacke ruht auf der Schulter, die Gesichter glänzen in der rosenrothen Luft deS warmen Morgen-. Ueberall tragen die Leut« den schönsten Sonntagsstaat, die Hochzeitskleider, reichen Schmuck und SbawlS, ganz neue Blousen, so blau wie der Himmel, und rosafarbige Schleifen. Wie abgezupfte Beeren sind di« Wanderer verstreut mitten in der Heid«, in den Weinbergen, in den wie sonntäglich mit Gold geputzten Ginsterbüschrn. Alle eilen auf den kürzesten Weg zum gleichen Ziele, al« brennte eS." Auch in diesem Jahre, in den ersten Tagen de« August werden dir Festspiele sich wiederholen, vielleicht pilgern al«- dann auch einig« Deutsche nach dem sonnigen heißen Süden, nach dem französischen Bayreuth, nach der alten Römrrstadt Orange und erbauen sich nach dem Wirrwar der Ausstellung an den Freuden der Dichtkunst.
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