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Dienstag, 5. IM. »Mini L000 »ßlmst »miii». Rr. ISS. Fünfter Jahrgang. Nuer Lageblatt und Anzeiger für das Erzgebirge verantwortlicher Redakteur; 7rl» ll «Kolli. Für die Inserate veiantwortlich: llUlter tr^r. Leide in Au« i. Lrzgeb. mit der wöchentlichen Unterhaltungsbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Sprechstunde der 8edaV«v. mit Auinahm« der Sonntag» nachmittag, von 4—» Uhr. — Telegramm.Adresse: Tageblatt Au». — Fernsprecher Für unverlangt eingesandte Manuskript« kann SewLhr nicht geleistet werden. Druck und Verlag: Mer Druck,- u. verlagrgelel schatt m. b. H. in Aue i. Erzgeb. Bezugspreis: Durch unser« Boten frei in, Haus monatlich so pfg. Bet der Geschäftsstelle abgeholt monatlich 5" und wdchentlich >a pfg. — Bei der Post bestellt und selbst abgeholt vierteljLhrlich t.ro Mk. — Durch den Briefträger stet ins kaus vierteljährlich 1.92 Mk. — Einzeln« Nummer 10 pfg. — Deutscher postzeitung^ katalog. — Erscheint täglich in den Mittagsstunden, mit Ausnahme von Sonn- und Feiertagen. 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Parieval wurde von der Universität Erlangen zum Ehrendoktor ernannt. ch G r'a s Zeppelin spricht sich in einem offenen Briefe über die Ursache der Gl 0 chner L u f ts ch i f f ka ta st r 0 p h e und die daraus zu „Lohenden Lehren aus. * Die p a r l a nie nt ar i sch e Lag: in Oesterreich hat sich derart verschlechtert, daß man allgemein e.wartet, daß die Regierung bereits m 0 rge n, spätestens übermorgen das Parlament schließen wird. * Unter Teilnahme von 350 Krigsschis fen begannen gestern die großen englischen Flotten Manöver. ch Der italienische Astronom S ch i a p a r c l l i, der Entdecker der Marskanäle, ist gest 0 rben. * Das neue F in n l a u d g 0 s e tz, das von der § uma wie dem Rcichsrat angenommen worben ist, ist vom Zaren vollzogen worden. Mutmaßlich« Witterung am k. Juli: Westwind, ver änderliche Bewölkung, etwas wärmer zunächst zeitweise Regen, später aufyejternd. -dc Der geheime Kampf a» der russisch-österreichischen Grenze. Schon Wiederholt sind äußere Anzeichen einer heftigen Rassen agft ation in die Oeffentlichkeit gedrungen, die in den letzten Jahren in den Grenzgebieten zwischen Oesterreich und Rußland entstanden ist. Freilich: der Fall des russischen Mili tärattaches Obersten Martschenko, der angeblich der Spio nage überführt worden war und dessen fernere Gegenwart man sich in Wien verbeten haben soll, liegt anders, als die meisten Blätter raunen: von Petersburg mit einem Orden belohnt, ist er auf seinen Wiener Posten zurückgekehrt mrd be findet sich gegenwärtig auf durchaus legalem Urlaub in Bayern. Dagegen ist als Maßregelung aufrecht zu erhalten die lang dauernde Beurlaubung des russischen Generalkonsuls in Lemburg, der nun auch die völlige Abberufung seines Stellvertreters gefolgt ist. Diese Herren betrieben auch die Ver - hetzüng der Ruthenen allzu ungeschminkt; die Laufspuren des rollenden Rubels führten immer wieder in die Amtsräume jenes Konsulats, von wo aus sie allerhand orthodoxen Brüder schaften .Hetzverlagen, Unterrichtsanstalten, besonders aber den unergründlichen Popentaschen zugeleitet wurden. Auch in den sich unheimlich mehrenden Spionagenprozessen lenkten die Spuren der Korrespondenzen nur zu oft in die Richtung der offiziellen oder doch der halboffiziellen Vertreter Rußlands, wie etwa die berüchtigte Slawische Wohltätigkeitsgesellschaft. Im Wiener Reichsrate begann der Abgeordnete Markow plötzlich in einem Idiom zu reden, das selbst im Sprachengewirre Oester reichs unbekannt war. Es erwies sich statt de^s zugelassenen Ru thenischen (Kleinrussischen) als Schriftrussisch. Markow gab das Großrussisch kurzweg als seine Sprache an und bestand auf deren Zulassung. Dies führt zum Kernpunkt der Frage. In einem Artikel der Neuen Züricher Zeitung wiü> darüber ausgeführt: Seit vielen Jahren nützt Rußland Lurch eine weitverzweigte Agentorgani sation die Feindschaft zwischen dem im Namen Oesterreichs in Galizien herrschenden P 0 lentum und dem Ruthenentum aus. Es kommen ihm dabei zustatten einerseits der Gegensatz Mischen Grundbesitz) überwiegend in polnischen Händen) und Bauernarmut (durchweg ruthenisch), zugleich mit der religiösen Verfeindung, und anderseits die unverblümte Partei- und Ge waltherrschaft des Polentums gegenüber der niederen Landbe völkerung anderen Stammes und anderen Glaubens. Rußland liebt es, sich demgegenüber als das wahre Mutterland des Klein- russentuMjS (das es jedoch innerhalb seiner Grenzen mit allen, auch den grausamsten Mitteln darniederhält!) und als den gottbestellten Schutzpatron der rechtgläubigen Kirche aufzuspie len. Diese Agitation ist schon Jahrzehnte im Schwange und machte den Oesterreichern nicht wenig zu schaffen. Neuerdings verschie ben sich aber die Angriffsflächen dieses unterirdischen Kampfes in eigentümlicher Weise. In dem Maße, wie die rücksichtslose polnische Aristokratenwirtschaft einer Demokratierung unterlag und damit auch allmählich die Verwaltung gerechter gegen die Ruthenen zu werden begann, büßten die russischen Lockrcden an Zugkraft ein. Zumal von polnisch-österreichischer Seite auch nichts unterlassen wurde, um den Ruthenen die russischen Unterdrük- kungsmaßregeln gegen ihre schon von russischer Gnade beglück ten kleinrussischen Brüder zu Gemüte zu führen. Zugleich be mächtigte sich die österreichische Seite auch des vorhandenen Agi- tationsstoffes, um sich ihrerseits als Gönner des Ruthenentums zu geben. Sie unterstützt so beispielsweise die publizistischen Un ternehmungen des Professors Gruschewski in deutscher und ruthe- nischer Sprache und trägt nun auch auf geheimen Wegen die Agitation zur Stärkung des oppositionellen Kleinrussentums auf russischen Boden hinüber. Rußland antwortet darauf wieder, indem es immer stärker die religiöse Seite betont und das Popentum in Ostgali zien zu seinem gefügigen Agenten erwählt. Ueberdies hat es ein neues Moment auf den Kampfplatz gebracht: es beginnt, die ! Maske abwevfend, offen großrussische Propaganda zu entfachen, sucht die Ruthenen für die allslavischen Ideen zu ge winnen, insbesondere für eine Verbrüderung zwischen dem ge samten Russentum, des großen ältern Bruders mit dem kleinen jüngeren. Es hat die Eröffnung von Schulen in der Buko wina und in Galizien einzuleiten verstanden, in denen Großrussisch die Unterrichtssprache war und die auf Um wegen mit reichen Stipendien ausgerüstet waren. Die österreichi sche Regierung hat sich bereits gezwungen gesehen, diese Propa ganda auszuheben, worüber natürlich in der nationalistischen Presse Rußlands Zettermordio geschrien ward. Die Dinge wur den so arg, daß eines Tages der Statthalter der Bukowina, selbst ein Kleinrusse, mit schwerbelastendem Material nach Wien reiste, um sich Rat zu holen. Da ereignete «sich ein Stückchen, würdig einer flotten Operette: beim. Umsteigen in Lemburg kam dem Herrn . . . das bewußte Köfferchen abhanden und war nicht mehr aufzufinden! Der kühne Handstreich ist so wohl gelungen, daß bis jetzt jede Spur des Räubers fehlt. Es ist anzunehmen, daß dabei nicht sowohl die nimmerrastende russische Spionage- Organisation wirkte ass gewisse Lokalpatrioten, die in jener ver fänglichen Handtasche die Beweise für ihre hochverräterische Tätig keit wußten. Auch die neuerlichen Vorfälle in Lemberg zei gen, wie gespannt die nationalen Gegensätze in Galizien sind und wie konfliktschwanger dort die Luft ist. Politische Tagesschau. Ave, 5. Juli. * Zwei neue Oberpräfidenten. Gestern abend veröffentlichte auch der Reichsanz. die Ernennung des Staatsministers Frhrn. v. Rheinbaben zum Oberpräsidenten der Rheinprovinz und des Unterstaasssekretcirs im Staatsministerium Dr. jur. v. Gün ther in Berlin zum Oberpräsidenten der Provinz Schlesien. Der gute Kamerad. Eine Sommergeschichte von Hedwig Stephan. (Nachdruck verboten.) „Gustav, du bist ein Esel!" sagte Ernst Roland im Tone itieffter Ueberzeugung. Und als Gustav nur halb mißmutig, halb verlegen die Achseln zuckte, wiederholte er noch einmal ganz ener gisch: „Gustav, du bist wirklich ein Esel! Da läuft dir ein reiches, sogar leidlich hübsches Mädchen sozusagen direkt in die Arme, und du pacht nicht schleunigst zu, sondern hast hier ein Wenn und da ein Aber und hintendran noch ein paar Vielleicht und Womöglich — ja, Mann Gottes, bist du denn ganz und gar von aller Vernunft verlassen?" Gustav Bergemann seufzte tief und fuhr sich mit der Hand durch den lockigen Schopf. „Zupacken — das sagst du so leichthin, Ernst. Aber heiraten, wenn man nicht bis über die Ohren verliebt ist, halte ich für ein äußerst gefährliches Experiment, denn womöglich —" „Na, da haben wir's ja! Wenn — aber — womöglich — fehlt blos noch viel leicht," rief Ernst Roland ärgerlich und sprang auf. „An dir ist eben Hopfen und Malz verloren — warte meinethalben, Lis ein anderer dir das Glück vor der Nase wegschnappt und gehab' dich wohl bis dahin." Knallend flog die Tür hinter ihm zum, und Gustav sah dem Freunde mit gemischten Empfindungen nach. Ob er nicht am Ende doch recht hatte? Ilm das liebe, leidige Geld drehte sich ja schließlich doch alles — im Bureau unter den Kollegen, zu Haus bei den Eltern, im Freundeskreis«, immer hieß es, entsagend, sehn süchtig, verbittert, je nachdem: „Ja, wenn man die nötigen Mit tel hätte, wenn man vermögend wäre —" Und ihm wurde nun der Weg dazu geSvnet — wie bereitwillig, Las wußte Ernst noch Nicht einmal! Er zog ein hellgraues, rotgerändertes Kärtchen rm» der Tasche und las: *>>geehrter Herr Bergemann, ^ntag einen Ausflug nach Dretltnden unter- 'M Ei« im Namen meiner Eltern ein, sich uns anzuschließ^n, falls Sie Lust und Zeit haben. Treffpunkt 11 Uhr 45 Südbahnhof. Mit herzlichem Gruß Constanze Fischer. Na, das sagte doch genug. Und Constanze konnte, wenn sie lebhaft wurde, sehr anziehend ausschen, ließ es auch an Lie benswürdigkeit ihm gegenüber wenigstens, durchaus nicht fehlen. Daß in ihrem Ton besonders den Eltern gegenüber, mitunter et was lag, das Gustav nicht recht zusagte — ja, du lieber Gott, alles Gute ließ sich eben nicht zusammenbringen. Wie hieß doch der rührende Vers, den er mal irgendwo gelesen hatte? „Wer Engel sucht in dieses Tales Gründen — der — der . . ." Weiter kam er nicht und vollendete daher, wniger schön, ass den augenblicklichen Verhältnissen angopaßt. „Der fährt mit Costa Fischer nach Dreilinden." ch * ch Am Sonntagmorgen brannte die Sonne mit unbarmherzi ger Glut vom wolkenlosen Himmel herab. Bereits um l> Uhr früh zeigte das Thermometer 22 Grad im Schatten, und als Gustav um 11 Uhr zum Wahnbaf wandelte, war ihm reichlich schwül zu Mut, teils wegen der Temperatur, teils aus andern, mehr innerlichen Gründen. Und er atmete erleichtert auf, als er aus der Ferne neben Len recht kräftigen Umrissen des Fischer- schen Ehepaares und den rundlichen des Fräulein Tochter noch eine andere schlanke Silhouette entdeckte. Wen mochten sie denn da mitgebracht haben? Man begrüßte ihn mit der liebevollen Herzlichkeit, die angehende Schwiegereltern so anziehend macht, und Constanze reichte ihm di« Hand in einer Art, die zum Hand kuß direkt herausforderte. Dann, auf seinen fragenden Blick, «sagte sie obenhin: „Meine Cousine, Lisbeth Merten. Und halb laut, aber doch für das junge Mädchen verständlich genug, fotzte sie hinzu: „Das arme Mosen muß jeden Abend bis 8 Uhr im Kontor sitzen — da ist es doch beinahe Pflicht, sie Sonntag mai mit herauszunehmen." Gustav verbeugte sich und fand es im Stillen sehr aufopfernd von Costa, daß st« sich diese vegleitung auferlegt hatte, die ihr doch entschieden recht störend sein mußte. Er hatte eben noch nicht in alle Untiefen einens weiblichen Herzens geblickt. Denn Costa Fischer hätte nie im Leben daran gedacht, Lisbeth uuf- zufordern, wenn sie Gustav Bergemann's nicht so sicher gewesen wäre. Und es gewährte ihr ein prickelndes Vergnügen, Lisbeth zu zeigen, wie der stattliche Verehrer ihr ergebener Sklave war, und vor ihren Augen ihm die kleinen Vertraulichkeiten zu ge statten, die dem zukünftigen Bräutigam so gern «ingeräumt wer den. Nebenbei war sie von ihren eigenen Reizen so überzeugt, daß sie einen Vergleich zwischen sich und der bescheidenen Lisbeth für völlig unmöglich hielt, was allerdings nicht ausschloß, daß Gustav ihn trotzdem anstellte. Entschieden hatte Costa heute auch nicht ihren guten Tag. Große Hitze konnte sie nicht vertragen, ihre kunstvoll gebrannten Löcken hingen glatt und trübselig her unter, und zu dem karmotsinroten Gesicht sah der riesige hell blaue Federhut direkt komisch aus. Lisbeths zarten Farben da gegen tat die Wärme gar keinen Abbruch; der leichte rosa An hauch stand ihr sogar vorzüglich, und das volle Blondhaar unter der einfachen Leinenmütze war so wellig und kraus, wie eben nur Mutter Natur es zustande bringt. Es konnte daher gar nicht wundernehmen, daß Gustavs Blicke recht häufig zu seinem lieblichen Gegenüber wanderten — eine Wahrnehmung, di« Costas ohnehin nicht glänzende Laune keineswegs verbesserte. Sie schalt über das gräßliche Wetter, über die lange Fahrt und das enge Abteil, und auf Gustavs teilnehmende Bemerkung, daß sie wohl arg unter der Hitze zu leiden hätte, erwiderte sie spitz: „Ja, so blutarm wie Lisbeth ist eben nicht jeder." Als man endlich halb zerschmolzen im Parkhotel in Drei« linden ankam, verschwand sie schleunigst und kam erst nach länge, rer Zeit, sehr vorteilhaft verändert, wieder zum Vorschein. E» war ursprünglich geplant worden, gleich nach Tisch aufzubrechen und über di« KönigshShe nach Berghofen zu wandern. Indes aber, als das opulente Mittagsmahl, das Herr Fischer noch mit ein paar Flaschen Sekt krönte, beendet war, erklärte di« Mama, daß sie Lei dieser Temperatur völlig außerstande sei, auch nur Wei Kilometer zu gehen. Und ob es nicht Lefler wäre, man bltelbe überhaupt hier und verschöbe die Königshöhe auf eist