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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 10.10.1902
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1902-10-10
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19021010024
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1902101002
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1902101002
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1902
-
Monat
1902-10
- Tag 1902-10-10
-
Monat
1902-10
-
Jahr
1902
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Soll dieses Werk zu stände kvnrmen, so muß sich der Reichstag freilich etwas sputen. Aller Voraussicht nach rvird er höchstens bis Mitte Mai zusammenbleiben, weil ja Mitte Juni bereits die Neuwahlen stattfin-en müssen und man denjenigen Abgeordneten, die wiedergewühlt werden wollen — und dies ist die Mehrzahl —, doch wenigstens einen Monat Zeit zur Agitation lassen muß. Somit bleiben dem Reichstage nur sieben Monate, nach Abzug von je drei Wochen WeihnachtS- und Osterferien sogar nur 0-/2 Monate zu seiuer Arbeit. Dazu kommt, daß man sich wohl kaum der Gefahr, ein falscher Prophet gescholten zu werden, aussetzt, wenn man vorhersagt, daß die Beratung des Etats Diesmal be sonders in die Länge gezogen werden wird. Das wird nicht nur wegen der mißlichen Finanzlage des Reiches ge schehen, die eine scharfe Beleuchtung nötig macht, sondern auch deshalb, weil der Etat Gelegenheit bietet, allerhand Vorkommnisse zu besprechen, die Aussehen erregt und Mißstimmung hervorgerufen haben. So werden die Veröffentlichung des Dcpeschenwechsels zwischen dem Kaiser und dem Prinz-Regenten von Bayern, der Fall Löhning und mehrere im vergangenen Svnnner zur Ver handlung gekommene Fälle böser Svldatenmißhandlungcn zur Sprache gebracht werden. Die Sozialdemokratie wird diese letzteren Fülle schon deshalb sehr breit treten, weil es sich eben um die letzte Reichstagsscssion handelt und weil es deshalb für sie von besonderem agitatorischen Werte ist, durch Reden aus dem Fenster hinaus auf die breiten Wählermassen zu wirken. Trotz alledem könnten die Zoll vorlagen recht wohl erledigt werden, denn alle Positionen sind ja in der Kommission mit derartiger Gründlichkeit und Breite erörtert worden, daß auf große Rcdekümpse im Plenum verzichtet werden könnte. Es ist aber anzu nehmen, daß die Sozialdemokratie auch hier, teils um die Vorlage zum Scheitern zu bringen, teils nm sic agitatorisch für sich auszubeutcn — insonderheit die auf die Lebens mittelzölle bezüglichen Positionen —, für eine Verlang samung des Tempos Sorge tragen wird. Sic verfügt ja über einen Stab von Dauerrednern, wie keine andere Partei im Reichstage. Zu alledem kommt noch daS drohende Gespenst häufiger B e s ch l u ß u n f ä h i g k e i t. Einmal werden manche Abgeordnete nicht erst einen Monat vor den Wahlen und während der Ferien für ihre Wiederwahl agitieren wollen, sondern möglichst in den Wintermonaten, in denen ja auch crfahrungsmäßig politische Versamm lungen am besten besucht sind. Zum zweiten werden manche Abgeordnete, die sich nicht wieder wählen lassen wollen, es für überflüssig halten, sich zum Schluffe durch Fleiß aus zuzeichnen. Schließlich ist es auch noch möglich, daß zu Zwecken der Obstruktion, b. h. nm die Beschlußfähigkeit zu verhindern, eine größere Anzahl von Abgeordneten sich, wenn nicht dem Reichstagsgebäude, so doch dem Sitzungs saale fernhült. So beginnt dieser letzte Abschnitt der Le gislaturperiode mit einem großen Fragezeichen. Es ist sehr wohl möglich, daß er nicht nur der letzte, sondern zugleich auch der unfruchtbarste Abschnitt der Periode 1898/1903 sein wird. An manchem Abgeordneten dürfte sich diese Un fruchtbarkeit rächen, viele aber können sich getrost auf die immer mehr um sich greifende Parlamentsmüdigkeit der Wähler verlaßen, die mit einer gewissen „Wurschtigkeit" sich daran gewöhnt haben, die Dinge laufen zu lassen, wie sie wollen, und vom Neichtagc nichts zn erwarten. Zum ersten Male vereinigen sich heute in Deutschland fast alle kolonial interessierten Kreise zu gemeinsamer Arbeit. Die Veranstalter nnd Einberufcr des in Berlin zusammentretenden ersten deutschen Kvlonialkongresses sind jene Kreise, die von höherem Standpunkte aus, von der Warte der Wissenschaft, der religiösen und der großen nationalen Interessen, ihre Blicke auf das über seeische Deutschland richten. Gleichzeitig aber bildet der Kongreß zum ersten Male eine Vereinigung dieser geistigen Mächte mit den Vertretern der Praxis, eine Ver bindung, die sich schon in der Bedeutung äußert, die man bei -er Auslvahl der Vorträge der wirtschaftlichen Ent wickelung unserer Schutzgebiete bcigelegt hat. So ist diese Veranstaltung gleichsam symptomatisch für die Art, in der in Zukunft bei uns Fragen kolonialer Natur in Angriff genommen werden sollten. Mag sich aus den Ver handlungen deS Kongresses viel Positives ergeben oder wenig, in diesem Sinne soll er allen Beteiligten und vor nehmlich der Deutschen Kolvnialgcsellschaft ein wichtiges Ereignis bedeuten. Die Zeit der großen Neuerwerbungen ist vorüber, wie auch diejenige der rein theoretischen Er örterungen der Vergangenheit angehört. Daß beide, Theorie und Praxis, ihren Wert und ihre gemeinsamen Ziele erkennen, dazu wird er unter allen Umständen bei tragen. Und wenn weiter nichts erreicht würde: schon dies will uns einen Gewinn für unser Volk bedeuten, in dem, entgegen seiner achtunggebietenden politischen Stellung, die verschiedenen Bernfskreise so oft gänzlich von einander getrennte Ziele suchen. Im Interesse eines ge meinsamen und großen Zieles so verschiedenartige geistige und materielle Richtungen wenigstens einmal auf einem Wege zusammengefllhrt zu haben, darin liegt die nationale Bedeutung dieserVeranstaltung, der sich nur bcwutztelyeguer- schaft verschließen kann. Und dieses Verdienst wird als ein wirklicher Gewinn für nns alle und nicht zum wenigsten für unsere engeren Kolonialkreise bestehen bleiben, auch wenn keine einzige Pflanzung und kein kaufmännisches Unternehmen als unmittelbare Folge der Sitzungen wird genannt werden können. Vielleicht wird man auf Grund dieses echt idealen Wertes zu einer Wiederholung dieser Vereinigung schreiten, wie sie in geographischen nnd an deren Kreisen längst üblich, ja zu einer dauernden Ein richtung geworden ist. Verschiedene Blätter haben die Nachricht verbreitet, die japanische Regierung habe den Professor lvr. weck. E. Baclz und zwei andere deutsche Professoren verabschiedet, noch ehe die vertragsmäßig vereinbarte Zeit abgelaufen sei, und dies wäre dem Umstande zuzuschreibeu, daß die japanische Regierung zufolge der durch das Bündnisver hältnis zwischen Japan und Großbritannien hcrgcstelltcn engeren Beziehungen die deutschen Professoren durch englische zu ersetzen beabsichtige, so daß also diese Angelegenheit einen politischenHin ergründ habe. DieNach- richt ist, so wird dem „Hannov. Cour." aus London ge schrieben, in jeder Beziehung unwahr, wie sich das an der Hand deS besonderen Falles des vr. Baclz nach weisen läßt. vr. Baclz, der als Professor an der kaiserlichen Universität in Tokio und als Leibarzt des Mikado eine höchst verdienstvolle Vergangenheit hinter sich hat, feierte nach Ablauf seiner vertragsmäßigen Anstellungszeit im Dezember vorigen Jahres sein fünfundzwanzigjähriges Dienstjubilüum, bei welcher Gelegenheit die japanische Re gierung ihm — unter anderen Auszeichnungen — eine goldene Medaille schlagen ließ, während die deutsche Kolonie ihm zu Ehren am 14. des genannten Monats unter dem Vorsitze des deutschen Gesandten, Grafen Arco- Valley, eine großartige Feier veranstaltete, bei welcher so wohl von dem deutschen wie von dem britischen Gesandten der hervorragenden Verdienste des Scheidenden nm die Fortschritte der Wissenschaft in Japan in anerkennendster Weise gedacht wurde. Professor Baelz hat seither eine auf zwei Jahre berechnete anthropologische Studienreise in Ostasien angetreten und hält sich gegenwärtig zu diesem Zwecke in Korea ans: und daß von keiner vorzeitigenKündi- gung und irgend welchem daraus erwachsenen Mißverhält nis die Rede ist, läßt sich schon daraus ersehen, daß die japa nische Regierung dem Professor während der beiden Jahre seiner ostasiatischeu Studienreise jährlich 8000 zahlt, und zwar lediglich auf die Bedingung hin, daß er sich bereit hält, auf telegraphische Berufung sofort nach Japan zu kommen, wenn der Mikado seiner Dienste bedürfen sollte. Im übrigen denkt die japanische Regierung gar nicht daran, die deutschen Professoren durch englische zu ersetzen, da die Japaner jetzt vollständig im stände sind, mit Kräften ihrer ejgencn Nationalität zu arbeiten. An der angeblichen Zu rücksetzung der Deutschen und der Bevorzugung der Eng länder ist also in diesem Falle nichts Wahres, und somit sind auch die Schlußfolgerungen hinfällig, die man bezüglich der politischen Beziehungen Japans zu Deutschland bezw. England auf Grund einer rein eingebildeten Angelegenheit gezogen hat. Mit Liukunyi, dem Vizckönig von Nanking, der, wie gemeldet, am Montag starb, ist einer der wirklich bedeuten den Männer unter den hohen chinesischen Beamten und ein ehrlicher Patriot aus dem Leben geschieden. Ihm ist es, neben Tschangtschitung und auch wohl Lihungtschang, in erster Linie zu danken, daß die jüngsten Boxcruuruhen nicht auf das südliche China Übergriffen. Damit hat er den Interessen seines Vaterlandes gewiß nicht weniger ge dient, als der Sache der Ausländer. Sein Hauptverdienst aber ist die gerechte Verwaltung seiner blühenden Aang.se- Provinzeu, wohl der reichsten in ganz China. Wie viele hervorragende Chinesen ist Liukunyi ein Sohn der Pro vinz Hvnan. 1861 trat er in chinesischen Staatsdienst, 1875—1879 war er Vizekönig der beiden Kiang-Provinzen, dann Generalgouverneur in Hankon, schließlich in Nan king. Es spricht schon für seine Tüchtigkeit, daß er eine solche Carriere machen konnte, obgleich er nicht aus dem Gelehrten-, sondern aus dem Svldatenstande hervorgc- gangen ist. Als Soldat focht er mit Auszeichnung gegen die Taiping, nnd im Krieg mit Japan führte er den Ober befehl, ohne hier allerdings — was nur zu begreiflich ist bei dem erbärmlichen Zustand der chinesischen Armee — Hervorragendes leisten zu können. Der Hof hat ihm auch dies unverschuldete Fiasko nicht übel genommen, nach dem Kriege durfte er auf seinen Posten in Nanking zurückkeh:en. Musterhaft hat er die ihm unterstellten Provinzen Kiaugsi, Aulni! und die beiden Kiangs», ein Reich mit mehr als 00 Millionen Einwohnern, verwaltet. Er schuf sich eine kleine Flotte und ei» wohl diszipliniertes Heer in der Stärke von etwa 20 000 Mann. Sein letztes, nicht geringes Verdienst, vom europäischen Standpunkt aus, war die Förderung der Verhandlungen, die zum Abschluß des britisch chinesischen Handelsabkommens führten. England reklamiert ihn deshalb als seinen besonderen Freund, er hat aber, — wenn wir von diesem Abkommen absehen, das doch die, allen in Südchina handeltreibenden Nationen lästigen Linkinzölle abschafft —, durch seine Stellungnahme im Bvxerkriege sich die Anerkennung aller zivilisierten Völker erworben. Sein Nachfolger wurde bekanntlich der tüchtige Vizekönig von Wutschang, Tschangtschitung. Liu kunyi hat ein Alter von 04 Jahren erreicht. In dem neuesten <0.) Band des großen Werkes „The Royal Navy", das die Geschichte der nordamerikanischen Flotte behandelt, heraudgegebcn von Laird Clowes unter Mitwirkung hervorragender Fachschr-iftsteller, findet sich ein Beitrag des Präsidenten Roosevelt über den nord- amerikanisch-cnglischen Seekrieg von 1812 bis 1815. Roosevelt knüpft an seine Darstellung Betrachtungen über das Falsche der damaligen Marinepolitik der Union und führt aus, daß die Union damals einer sänveren Schädi gung ihres Handels vvrgebeugt haben würde, wenn sie eine starke Flotte besessen hätte. Vom Standpunkte des Geldmannes aus betrachtet, sagt Roosevelt nach der Über setzung der „Marinerundschau!", würde eine starke Flotte die billigste Methode der Versicherung gegen KÄegs- gefahreu aller Art gewesen sein. Leute deS Friedens mir jeden Preis kosten ihrem Vaterlande mehr an Blut und Gold, als selbst Führer, die es au-f sich nehmen, rück sichtslose Kriege zu führen. Der Krieg ist ein Übel, aber ein rühmloser Friede hat noch weitaus schlimmere Wir kungen. Roosevelt bestätigt demnach an der Hand nord amerikanischer Erfahrungen, was Bismarck wiederholt fiir die Verstärkung des deutschen Heeres ausgeführt hat. Die Ausgaben für das Heer sind cbensvweiijg un produktiv, wie die Ausgaben für Dämme, die eine Niede rung vor Überschwemmung schützen. Es kann sehr teuer zn stehen kommen, wenn man an den Kosten sparen wollte. Wiederholt erinnerte Bismarck an die Erhebung von Kriegs-Kontributionen, die doch ganz anders drücken als Steuerlasten. Heer und Flotte sind durchaus nicht un produktiv. Wie ein Dach vor dem Wetter, ein Deich vor Uberschweunnung schützt, so schützen Heer und Flotte die Produktivität des Landes in ihrem ganzen Umfange. Vielleicht erschließen sich auch allmählich die Demokraten dieser Erkenntnis, nachdem sie durch den Präsidenten einer Republik sozusagen! sanktioniert wurde. Deutsches Reich. L. Berlin, 9. Oktober. (Der Kaiser und di« Boerenführer.) Eine authentische Erklärung für die Sinnesänderung der Boerenführer liegt auch beute »och nicht vor. Wenn ein Blatt eS als ausgemachte Sache ansiebt, daß England jene Sinnesänderung durch die Ab lehnung, seinen Botschafter in Berlin zur Nachsuchunz der Audienz anruweisen, berbeigeführt habe, so fehlt hierfür der Beweis. An Berliner amtlicher Stelle gilt eine derartige Haltung des Londoner Kabinetts als ganz unglaubbaft. Dagegen fehlt es auf der anderen Seite nicht an Anbaltepunkten dafür, daß die Sinnesänderung der Boerengenerale durch „holländische" Einflüsse herbeigefübrt worden ist. Schon in ibrer Morgen ausgabe vom 7. Oktober — am Abend des 8. Oktobers er schien die bekannte Note der „Norddeutschen Allgem. Zig." — enthielt die vollkommen boerenfreundliche „Rheinisch-West fälische Ztg." eine Amsterdamer Korrespondenz, in der es Fsttillstsn. Compaiiia Cazador. -j Roman von Woldemar Urban. Na»rruck verboten. „Du fürchtest also, daß der Vater dir Hindernisse be züglich deiner Heirat machen ivivd. Die Partie ist also nicht kvnverrabel?" „Sprechen wir nicht davon. Es wird schon die Zeit komme», wo davon die Rede sein wirb, und man wird mich dann besser verstehen, als das jetzt der Fall sei« würde." Diese Andeutungen interessierten natürlich Frau Gertrud ungemein, und sie hätte davon sehr gern noch mehr gewußt: aber wenn ihr Sohn nichts sagen wollte, so hätte sie init dem gleichen Erfolg mit dem Türpfosten sprechen können. Sie gab also diese Versuche auf und eilte davon, um diese, wie sie meinte, neue >md wichtige Tat sache ihrem Manne mitzuteilen. Die Heirat ihres Sohnes, ihres Einzigen, interessierte sie in einem solchen Maße, daß dadurch der Streitfall zwischen ihrem Manne und diesem etwas zurücktrat oder doch ein ganz anderes Gesicht bekam. Vielleicht war es wirklich nicht so tragisch, wie sie es vorher angesehen, tröstete sie sich, und wenn Loren heiraten wollte, so war es selbstverständlich, daß sie nötigenfalls auch gegen ihren Mann Partei für ihn nahm. Es wird ein armes Mädchen sein, dachte Krau Gertrud, Vielleicht gar in abhängiger Stell,mg, aber was schadet das alles? Wenn sie nur brav und gut und aus ordentlicher Familie ist. Als Frau und Mutter stand sie einer solchen Sachlage viel sympathischer gegenüber, war viel resoluter und beherzter, als wenn eS sich um einen tief ein schneidenden, in den beiden Charakteren begründeten Zwist handelte. Vielleicht wurde noch alles gut, dachte sie, wenn nur ihr Mann die eigentlche Sachlage erst wußte. Er mußte doch begreifen, daß sein Sohn sich auch nach seinem Willen verheiraten wollte, ebenso wie er eS seiner zeit auch getan. Habicht senior hatte auch niemand gefragt, als er sich verheiratet, weshalb sollte also sein Sohn mindere Freiheit haben? „Mama, Mama!" rief ihre zwölfjährige Tochter Hedwig sie auf der Treppe wieder neugierig an. „Was willst du?" „Wei-Halb -i«-t Loren- aus?" „Je nun, er will sich verheiraten", antwortete sie flüchtig. Das war natürlich Wasser auf die Mühle der Kleinen. „Heiraten!" wiederholte sic mit leuchtenden Blicken und lachendem Gesicht. Das Wort blieb ihr vor Staunen fast im Munde stecken. „Wohl Fräulein von Thcssen?" „Nein. Set doch still. Was kümmern dich solche Sachen?" „Wen will er denn heiraten, Mama?" . „Ich weiß es noch nicht. Laß mich nur jetzt zufrieden." „Das wollen wir schon rauskriegen!" stieß Fräulein Hedwig mit vielversprechender Energie hervor und lief davon. Das war ja für den jungen Backfisch eine un erhörte Sachlage. Ihr Bruder wollte heiraten und sie wußte nicht, wen? Er hatte also einen Schatz. Das war klar. Fräulein Hedwig war in solchen Sachen nicht mehr so dumm, wie man glaubte, uud wollte schon dahinter kommen, wie die Sache stand. Zunächst suchte sie nun ihre Schwester Luise auf, um dieser die hochwichtige Neuigkeit mitzuteilen. Mit der zappeligen Lebendigkeit eines zwölfjährigen Kindes lief sie treppauf, treppab, guckte in alle Zimmer hinein, rief und schrie im Hause nnd im Garten herum, und endlich fand sie Fräulein Lnise im Gewächshause, wo sie hinter einer großen Magnolie halb verborgen einen Brief las, den sie rasch verbarg, als ihre Schwester kam. Natürlich war bas nach dem Dafürhalten Hedwigs auch »richt in der Ordnung, aber sie war jetzt viel zu erregt, als daß sic sich näher hätte darum kümmern können. „Denke dir nur, Luise", rief sie schon von weitem echauffiert, „Lorenz will heiraten, und da Papa eS nicht erlauben will, zieht er aus." Wider Erwarten war Fräulein Lnise nicht besonders überrascht von dieser hochwichtigen Nachricht. „Er hat recht", sagte sie einfach. „Ich wollte, ich könnte auch anszichen." Dabei sah sie starr vor sich hin und schien an etwas ganz anderes zu denken. Fräulein Hedwig war etwas verdutzt und kam auf die Idee, daß cs -och eine herrliche Sache sein müsse, hier ausziehen und Gott weiß wo wohnen zu können. Doch ließ sie den Gedanken wieder fallen und erging sich mit ihrer Schwester in Mut- maßutmen darüber, wer wohl die Glückliche sein könne, mit der sich Lorenz verheiraten wollte. Sie kamen aber beide zu keinem Resultat. Während Fräulein Hedwig für ihre Mathematiklehrerin stimmte, mit der Loren- angeblich schon lange seinen Spaß gemacht haben sollte, war Fräulein Luise mehr für eine junge fran zösische Tanzkünstlerin, die gerade damals als „Stern" eines 6akö etiantant in der Stadt Furore machte. Schließ lich plagte sie die Neugier so sehr, daß sie ihren Versteck wieder verließen, um vielleicht von Lorenz selbst oder von ihren Eltern etwas Näheres über diese geheimnisvolle Angelegenheit zu erfahren. Als sie den Salon betraten, der im Parterre des Hauses unmittelbar an den großen Eingangsflur stieß, sahen sie, daß ihre Mutter wie gebrochen in einem Sessel saß un leise weinte, während ihr Vater scheinbar rnbig, aber mit großen, festen Schritten auf- und abging. Offenbar hatte soeben eine heftige Scene stattgcfnndcn, und da sich die jungen Mädchen unwillkürlich zu ihrer Mutter hin gezogen fühlten — ihr Papa hatte sie niemals irgend welcher besonderen Beachtung wert gefunden, weil sie „Mädchen»" waren, die als solche selbstverständlich hinter dem Sohn des Hauses zurücktraten, wenn nicht ganz ver schwanden —, so setzten sie sich auch jetzt scheu und schüchtern zu ihr. Es war eine unheimliche Stille im Zimmer. Nur ab und zu hörte man die Stimmen und die harten Tritte der Leute auf dem Stetnflur des Vorhauses, die die Möbel deS jungen Habicht fvrttrugcn und anfluden. „Mama!" flüsterte Fräulein Luise endlich bittend und fragend. Die Stille wurde ihr peinlich. „Er soll erst wissen, wohin er gehört", klang dann nach einer längeren Panse die Stimme ihres Vaters hart und energisch durch den Raum. „Erst soll er wissen, was er dem Vaterhaus und waS er seinem Vater schuldig ist, und so lange das nicht der Fall, wünsche ich, daß jeder Verkehr zwischen euch und ihm unterbleibt. Jeder! Ich habe den Burschen zu gut gehalten, und nun glaubt er in seinem Übermut, er sei etivas, er sei jemand, der mir trotzen kann." Er unterbrach sich selbst mit einem bitteren, spöttischen Lachen, dann aber fuhr er noch bestimmter fort: „Und du willst solchen ungeheuren Undank unter stützen? Ihn ermutigen in seinem unverschämten Trotz? Wer hat ihn denn erst zu einem Manne gemacht, wenn nicht ich? Er war mein zweites Leven" — fügte er mit eigentümlich zitternder, fast weinerlicher Stimme und doch wütend, hinzu —, „Schritt für Schritt habe ich ibn gelenkt und geleitet, ihm eine Praxis verschafft, eine Existenz ge gründet, eine körperliche und eine bürgerliche, ich bin in »doppelter Beziehung fein Vater, und er will mir im ponieren? Redensarten machen und den Stuhl vor die Tür setzen? Sr soll nur gehen! Er wird schon sehen, wohin er kommt ohne mich. Ich will ihm schon noch bei bringen, wer ich bin und wer er ist. Ich sehe schon die Stunde kommen, wo er wieder hier vor mir steht uud um gut Wetter bittet. Ich werde ihm nichts Nachträgen, und cr soll mir unter diesen Umständen stets willkommen sein, aber erst soll er in mir das sehen, was ich bin, seinen Schöpfer und seinen Herrn nnd mehr als das alles: seinen Vater!" Die laute Stimme -es Herrn Habicht senior verhallte, und es wurde in dem mit reicher und behäbiger Eleganz auSgcstatteten Salon wieder still. Dann klang nach kurzer Pause ein Tritt von draußen herein, der die Treppe herabkam. Rian hörte ihn im Salon ganz deutlich, so still ivar es. Tas war kein schwerer Tritt doppelsvhliger rindSle-ernerAufschlagstiefeln, wie sie dieAnfläder trugen, Frau Gertrud erkannte ihn sofort: das war ihr Sohn. Nun würde er selbst kommen, dachte sie; er mußte doch Adieu sagen. Wenn man sich trennt, vielleicht fürs ganze Leben vom Vatevhause, von Eltern und Geschwistern los sagt, so sagt man doch Adieu! Nun konnte er also vor seinem Vater sich selbst verteidigen, ihm selbst alles das sagen, was er für recht und gut hielt. Vielleicht sprach er jetzt schon das erlösende Wort. Er war doch auch ihr Sohn. Sie selbst hätte cs sicher getan. Die Einigkeit der Familie ist doch wohl eine Bitte um Verzeihung wert. Frau Gertrud lauschte mit ungehaltenem Atem. Auch ihre Tochter hatten den Tritt gehört, und ihr Mann stand wie ans Erz gegossen still, den Blick fest auf die Tür geheftet, durch die sein Lohn eintreten mutzte. Man hätte eine Stecknadel im Zimmer falten hören. Einen Augenblick blieb alles still. Überlegte Lorenz noch? fragte sich Frau Gertrud. Dann hörte sie, wie sich der Tritt durch den Hausflur nach dem Garten zu ent- fernte. „Er geht!" rief sie gequält und schlug die Hände vors Gesicht. Hedwig nnd Luise sprangen auf und liefen erschrecken nach -en» Fenster. Da sahen sie, wie ihr Bruder, den Regen schirm iinterm Arm und sich den Überzieher über der Brust zuknöpfend, langsam durch den Garten schritt und auf die Straße hinaustrat. Er sah sich nicht einmal um. Das kam selbst seinem Vater unerwartet. Seine Züge verzerrten sich streng und faltig, sein Gesicht wurde bleicher. Um seine Erregung zu verbergen, wandte er sich hastig ab und schlug zornig die Tür hinter sich zu. „Nun war't geschehen, nun war alles vorbei!" dachte Frau Gertrud un-d siel schluch-end in ihren Sessel zurück.
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