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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 18.01.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-01-18
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000118025
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900011802
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900011802
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-01
- Tag 1900-01-18
-
Monat
1900-01
-
Jahr
1900
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Ztg." in einem ersichtlich auf Mittheilungeu des Auswärtige» Amtes sich stützenden Artikel folgendermaßen commentirt: „Die Mittheilung .... ist sicherlich in ganz Deutschland mit ausrichtiger Befriedigung ausgenommen worden. Es war in der That höchste Zeit, daß die englische Regierung zu der Beschlagnahme des „Bundesrath" durch die englischen Marine.Behörden endgiltige Stellung nahm; die unaus- gesetzte Berschleppung der Entschließung machte die Verstimmung der deutschen öffentlichen Meinung über das englische Vorgehen immer bedenklicher. Angesichts dcS hohen Anseheus, das der Ches der Ostafrikalinie, Herr Wo ermann, sich weithin in unserem Vaterland« durch seine kaufmännische und parla mentarische Wirksamkeit erworben hat, zweifelte kein objektiv Lenkender Mensch in Deutschland daran, daß sich in der That seiner Versicherung gemäß an Bord des „Bundesrath" wie der übrigen Postdampfer keinerlei Waare» befanden, die deutscherseits als Contrebande hätten anerkannt werden müssen; die englischen Behörden in Durban aber haben sich eine ungewöhnlich lange Zeit genommen, diesen Sachverhalt aufzuklären. Diese Verzögerung bestätigt lediglich die Nichtigkeit der »ns ans England gemachten Mittheilung, daß die englische» Marine-Behörden das Opfer bedenklichster Spione geworden sind, die sich au Bord der einzelnen Dampfer eingeschmuggelt hatten und in den verschiedensten Hajcnstüdten die unglaublichsten Gerüchte ansammelten und als zuverlässige Nachrichten Weitergaben. Tie Durchsuchung der drei deutschen Postdampfer „General", „Herzog" nnd,,Buudesrath" hat dar- gethan, daß die englischen MarincbcHürden die ihnen zugetrageuen Nachrichten mit einer Leichtgläubigkeit ausgenommen und mit einemLeichtsinn behandelt baben, die recht verhängnißvolleFolgen hätten zeitigen können. Diese Durchsuchung hat aber wenigstens die eine gute Folge baben müssen, daß sic gewissermaßen als Stichprobe gewirkt und der verantwortlichen englischen Regierung die Möglichkeit erleichtert hat, ausreichende Erklärungen ab- zugebeu, welche die Wiederkehr solcher bedenklichen Vorfälle möglichst ausschließen. lieber die Einzelheiten dieser Er klärungen und Anordnungen liegen zur Zeit noch keine zuver lässigen Angaben vor; wir müssen also unser Nrtheil zurück- halten. Mit einer bloßen Geldentschädigung an die schwer geschädigte Ostafrikalinie ist cs natürlich nicht gethan, diese Geld entschädigung ist selbstverständlich. Die Verpflichtung, sie zu leisten, bat, soviel wir wissen, das Londoner Cabinet keinen Augenblick bestritten, und cs entspricht nicht englischer Art, in dieser Hinsicht zu knausern und berechtigte Forderungen unerfüllt zu lassen. Weit wichtiger aber ist die Frage einer ausreichenden Verhinderung der Erneuerung solcher unbegründeten Beschlagnahmen deutscher Postdampfer für die weitere Tauer deS Krieges in Transvaal. Tie Ostasrikalinie hat sich in ihrem Seeverkehr bisher so sehr bewährt und sie hat selbst ein so großes Interesse daran, jede Beförderung von Kricgskontrcbande ausznichließen, daß sie der englischen Regierung schon nach ihrem bisherigen Verhalten ausreichende Sicherheit gewährt, daß sie die Pflichten strengster Neutralität auch ferner unbedingt erfüllen wird. Co geben wir uns der Hoffnung hin, daß das Capitel Lieser tief bedauerlichen und in der deutschen öffentlichen Meinung so bald nicht der Vergessenheit verfallenden Zwischenfälle mit einem be- friedigenden Ausgang schließen wird. Daß wir dieses Er- gebniß zu verzeichnen haben, verdanken wir in erster Linie der Thatsache, daß unsere Reichsregierung sich keinen Augenblick zu einer unüberlegten Aufwallung hat hiurcißen lasse», daß sie von Anfang bis zu Ende, trotz aller Aufreizungen unverantwort licher nnd unbelehrbarer chauvinistischer Gegner und einzelner geistig und sittlich verkommener Blätter in Hamburg und anderswo, kaltes Blut bewahrt und strenge auf dem Standpunkt beharrt hat, daß Recht auch im Verkehr der Völker untereinander Recht bleiben muß. Sind wir recht unter- richtet, so ist ihr diese maßvolle, streng sachliche, aber nicht minder entschiedene Haltung wesentlich erleichtert worden durch das Ent gegenkommen des Marquis of Salisbury, der von Beginn der Verhandlungen an keinen Zweifel darüber hat auskommeir lassen, Laß die deutsche Negierung vollständig befriedigt werden dürste, so- bald sich Herausstellen würde, daß die englischen Marincbehörden unrecht gethan hätten. Wir vertrauen, Laß auch die Schlußver- Handlungen in dem Geiste weitergcsnhrt werden, in dem die bis herige» Verhandlungen gesührt worden sind, und Laß sie ein all seitig befriedigendes Ergebnis; erzielen werden." Das Bemerkenswertbeste an dieser Auslassung ist vielleicht die Schärfe, mit der sie sich über die „Leichtgläubigkeit" und den „Leichtsinn" der englische» Mariliebebörden äußert. Diese werden voraussichtlich auch im Reichstage in der vom Reichskanzler oder dem Staatssekretär des Auswärtigen abzugebeuden Antwort aus die bekannte Interpellation als die Sündenbvcke erscheinen, während dem Marquis of Salisbury das Zeugniß ausgestellt werden wird, daß, wenn eö auf ihn angekommcn wäre, die Zwischenfälle entweder gar nicht cingetrcten oder rasch aus der Welt geschaffen worden sein würde». Für unser künftiges Verhältnis; zu England ist daS sehr angenehm. Für den' Reichstag selbst kommt cS auf den Sündcnbock am wenigsten an; die deutsche Volksvertretung hat vor Allein darauf )u sehen, daß die englischen Erklärungen wirklich eine Garantie für die Nichtwic Verkehr ähnlicher Vorgänge bieten. Gerade englischen Versprechungen gegenüber ist besondere Vorsicht geboten. Die Regierung wird daher um besonders genaue Auskunft über die „Einzelheiten der Erklärungen und Anordnungen", die die Wiederkehr solcher Vorfälle angeblich ausschließen, ersucht und eventuell dringend gebeten werden müssen, bindendere Versprechungen und Garantien nach drücklich zu fordern. Hoffentlich fällt dabci manch kräftiges Wort nicht nur über „Aufreizungen unverantwortlicher und unbelehrbarer chauvinistischer Gegner" der RcichSregierung, sondern auch über solche Leute und Blätter, die durch ihre Katzbuckeleien vor den englischen Sündenböcken die Ver zögerung einer befriedigenden Beendigung der Zwischenfälle ganz wesentlich mit verschuldet haben. Auch der gestrige zweite Tag der erste» EtatSberathung im preußischen Abgeordneten Hause bat weder ein Räthsel gelöst, noch eines aufgegeben. Dafür erbrachte er durch eine vom Abg. Richter provocirle Erklärung LeS Abg. Grafen Limburg-Siir nm aufs Neue den Beweis, daß die Eonservativen trotz ihrer Stellungnahme gegen die Negierung und insbesondere gegen den Fürsten Hohenlohe und trotz ihrer Eaualgegnerschast den Etat ruhig und sachlich zu behandeln gedenken. Darauf gaben die polnischen Klagen des Abg. v. äazdzewöki zwei Ministern Gelegen heit, über die Stellung der preußischen Staatsregierung zur Polenfrage sich zu äußern. Zuerst sprach der Eulinsminister Studt, der damit zugleich seine „Jungfernrede" hielt und sich als einen trefflichen Redner einfübrte. Mil an sprechendem Humor schilderte der EultuSminister die Erfah rungen, die er als Landrath in Posen bei einer Schul visitation gemacht, und hob hervor, daß die vor vielen Jahr zehnten von der preußischen Negierung in Sachen des polnischen Sprachunterrichts beobachtete Haltung durch die Polen selbst unmöglich gemacht worden sei. Der Dank der Polen für die culturelleFörderung durch den preußischen Staat sei eine heraus fordernde Agitation auf allen Gebieten. Mit unzweideutiger Bestimmtheit umschrieb der EultuSminister die Aufgabe der Schulen in den Ostmarken dahin: die Jugend zu treuen und dcutschsprechcnden Staatsbürgern heranzuziehen. Der Minister deS Innern, Frhr. v. Nheinbaben, fügte namens seines Ressorts hinzu, daß die preußische Negierung allen Staats angehörigen, ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität, Gerechtigkeit widerfahre» zu lasseu bestrebt sei, und wies dann aus den Reden polnischer Führer und Blätter nach, wie sehr die polnische Agitation dagegen arbeitet, daß sich die polnische Bevölkerung zum preußischen Staate auch innerlich zugehörig betrachtet. Zugleich theilte der Minister mit, daß die zum Schutze des Deutsch- thumS in Nordschlcswig eingeschlagene Politik Früchte trage. In den Grenzmarken, wo das Deutschlhnm um seine nationale Stellung zu kämpfen hat, werden diese Kund gebungen mit großer Genugthuuug ausgenommen werden. Eine Rede deS BnndesführerS vr. H ahn gab darauf dem Finanzininisler v. Miquel Anlaß, verschiedenen extravaganten Forderungen von dieser Seite entgegeuzutreten. Für die Landwirthschaft, so bemerkte der Finanzminister, thue die Negierung, was sie könne, auch auf dem Gebiete der Tarif ermäßigungen; eine Grenze aber haben ibre Bemühungen in de» vertragsmäßig übernommenen Verpflichtungen. DaS Schlußwort hatte der Abg. v. Eyuern, der nochmals auf die Bedeutung der Flottenvorlage zurückkam und be sonders hervorhob, daß der Handel und die Industrie sich dessen gewärtig bleiben sollten, wie sehr ihnen in erster Linie die Flottenvcrstärkung zu Gute komme. Rückhaltlos erkannte er, unter Bezugnahme auf die Ausführungen deS Abg. vr. Sattler, die schwierige Lage der Landwirthschaft, insbesondere die Folgen der Leuteuoth, an, hob aber auch seinerseits ebenso nachdrücklich hervor, daß bei der Bc- urtbeilung der Wünsche der Landwirthschaft und eines großen Tbeiles auch der Angehörigen LeS Bundes der Landwirthe im Lande zwischen diese» und der Bundeslcitung, namentlich den Ansprüchen deS Abgeordneten vi. Hahu, ein wesentlicher Unterschied gemacht werden müsse. Die Agitation der Bundesführung sei außerordentlich gefährlich; heute wende sie sich an die Herren, morgen an die Knechte; diese aber würden, wenn sic erst unzufrieden gemacht seien, in das Lager der Soeialdemokratie abrücken. — Heute wird die Debatte fortgesetzt. Der Krieg in Südafrika. —e- Das Resultat der „großen Bewegung" Buller'« ist endlich bekannt, das in London längst ersehnte und in Hangen und Bangen erwartete „entscheidende Ereigniß", der Uebergaug vuller'S über den Tugela, ist seit gestern zur Thatsache geworden. Wir erhalten folgend wichtige Meldungen: * London, 18. Äa»uar. (T.) Die „Time»" melden aus Spearmaus Farm, einer hinter Springfield gelegenen Farm, vom 17. S. M.: Die Kolonne des Generals Buller marschirte am 1V. d. M. in westlicher Richtung ab. Lord Dundonald u ahm durch ei«e plötzlicheBewegung die ober halb der PotgtetersD rift, ISMetleu westlich von Eolenso, gelegenen Hügel, wobei die voeren vollständig überrascht wurden. Die Infanterie rückte uoch an demselben Abend nach. Die Brigade des Generals Lyttleton überschritt gestern und heute den Fl utz und bombardirte die anf der anderen Seite des Flusses lie genden B er schan-nngen der voeren mit Hau bitzen. General Warren überschreitet setzt deuFlutz beider TrichardtS Drift, 5 Meilen weiter oberhalb des Flusses, ohne aus irgend welchen Widerstand zu stotzen, obwohl die Boere» vier Meilen vom Flußufrr ihre Stellungen eingenommen haben. * London, 18. Januar. (T.) „Daily Telegraph" meldet aus Spearmans Aar« von gestern: General Warren überschritt heute bei der Wagons Drift »en Tugela mit allen seine« Truppen trotz des heißen und heftigen Ge schütz- und Gewehrfeuer» der Boereu und bezog zwei Meilen vom Flusse in der Richtung auf de» Spion Kop eine durchaus befriedigende Stellung. Allerdings sind eS keine officiellen Meldungen de» Kriegs- amleS, die uns vorliegen, allein es ist kaum denkbar, daß zwei große Londoner Blätter vollständig mystificirt sei» sollten. Die Nachrichten treten mit viel zu großer Bestimmt heit auf und sind zu detaillirt, als daß sie gänzlich au« der Lust gegriffen sein könnten. Die Thatsache ist also wohl nicht zu leugnen, daß im Westen von Colevso der Uebergang über den Tugela geglückt ist. Allem An schein nach ist er nur dort versucht und auSgeführt worden, die angebliche Bewegung Warren'S nach Osten zu war also blo« ein Scheinmanöver, während man anfangs annahm, Buller'S Vorstoß nach PotgielerS Drift sei em solches. Wenn wir die vorstehenden Telegramme richtig interpre- tiren, haben die Generale Lyttleton und Warren de» Fluß an zwei Stellen überschritten, während die oberhalb der Potgietersdrift von Lord Dundonald besetzten Anhöhen sich noch südlich des Coleoso befinden. Auffallend ist, daß General Lyttleton anscheinend auf gar keinen Widerstand der Boerrn getroffen ist. Dasselbe melden die „Times" von General Warren, während nach „Daily Telegraph" Warren ein heftiges Feuer der Boeren zu überwinden hatte. Außerdem läßt die „Times" den General die TrichardtS-Drift benutzen, während „Daily Telegraph" ihn durch die WagouS- Trifl führt. Diese Widersprüche lassen die Meldungen der beiden Londoner Blätter als ungenauerscheinen; auch geben die „Times" gar nicht dicStelle an, an welcherLyttleton überdenFluß gelangte. ElwaS verdächtig erscheint ferner die „durchaus befriedigende" Feuilleton. i4j Die ganze Hand. Roman von Hans Hopfen. Nachdruck vkrtokn. Doch das war später, als ich nach Wochen aus dem Spital hcimgekehrt war. Heim! Was hatte sich da nicht mittlerweile Alles ereignet! Ich habe schon gesagt, daß meine Bertha in derselben Ma schinenfabrik arbeitete, wo unser Streik ausgebrochen war. Ich hatte nicht nöthig, ihr zu gebieten, bei der Arbeit zu bleiben. Das besorgte die Noth im Hause, und überdies Frauensleute lassen sich, was Arbeit und 'Verdienst betrifft, nicht gleich so mir nichts dir nichts zu Thorheiten hinreißen. So blieb denn fast die Hälfte der Weiber und Mädchen bei guter Gewohnheit, und meine Bertha, die sich dem Beispiel des Vaters, angesichts der unterstützungsbedürftigen Mutter um so weniger versagen wollte, auch. 'Seit ihr der Arzt Zerstreuung und Aufheiterung verordnet hatte, besuchte sie mit unserer «Erlaubniß ein oder zwei Mal die Woche einen Tanzboden, wo auch andere Mädel aus derselben Fabrik sich vergnügten, nichts Unehrenhaftes vorkam, und meine Alte, wenn sie zu gehen im Stande war, sie ein und anderes Mal Nachts abzuholen ging. Auch am Abend meiner Abreise, da daheim noch keine Nach richt von der mir widerfahrenen Mißhandlung angelangt, mein Mädel guter Dinge, und da es gerade Sonntag war, ging sie für ein Stündlein oder zwei zum Tanze. An der Thür wartete, wie gewöhnlich, «in Arbeiter aus meiner Fabrik auf sie, der ihr ein wenig schön zu thun und des Oefteren mit ihr zu walzen Pflegte, worin er ein Meister sein soll. Auch sie hatte sich wohl etwas wie Empfindung für den hübschen, strammen Kerl zugelegt, und mochte ihre zeitweilige Traurigkeit mehr oder weniger damit Zu sammenhängen. Aber der sonst so eifrig um sie Beflissene lümmelte heute wie angegossen am Thürpfosten und that gar nicht dergleichen, als kümmerte er sich um das Mädel. Sie dachte, der Arbeiterausstand macht ihn verdrießlich und hat ihm wohl auch die Tanzlust benommen; lassen wir uns nichts merken und Hüpfen wir derweilen mit Anderen, dann wird er schon von selber an treten. Er trat auch an, nach dem zweiten oder dritten Tanz, und bat um den nächsten. Das wurde lächelnd gewährt, und ein eigenthümlichcs Gefühl der venugthnung mag das gute Herz meines Kindes beschlichen haben, als sie ihre zarte Gestalt ge wohnter Weise in den eisernen Arm und an die mächtige Brust des sechs Fuß hohen Riesen schmiegte, der nach kurzem Schmollen wieder zahm geworden schien. „Wie geht's, Bertha?" fragte er freundlich, derweil sie sich drehten. „Schlecht und rechts muß schon gehen", antwortete sic, „bin's zufrieden." „Zufrieden? Wo so? Wer ist denn hier zufrieden? Wir sind doch Alle unzufrieden und darum im Ausstande. Oder wie, streikst Du etwa nicht?" „I wo werd' ich denn! Solchen Luxus kann ich mir nicht gestatten. Meine Mutter liegt krank, mein Vater ist auswärts; ich muß Gott um jeden Groschen Verdienst dankbar sein." „Du machst wohl Späße?" sprach er, ohne im Umdrchen inne zu halten. „Mir ist nicht spaßhaft zu Muthe, wenn ich an unsere Lage denke", gab sie zur Antwort und lehnte das Köpfchen vertrauens voll an des walzenden Mannes Schulter. Der aber blieb mit einem Male mitten auf dem Tanzboden stehen, hielt sie, bei beiden Oberarmen gefaßt, gerade vor sich hin und sah ihr forschend ins 'Gesicht. „In alle», Ernste, Bertha, Du thust nicht, wie wir anderen Alle? Du streikst nicht?" „Ich streike nicht", antwortete das Mädchen sanft und arglos und begriff nicht, warum ihr Partner und gleichzeitig alle Anderen wie auf Verabredung zu tanzen aufhörten. Er aber rief laut: „Ein ehrlicher Arbeiter tanzt nicht mit einer Streik brecherin. Pfui!" Bertha hörte noch, wie die Musik jäh abbrach und die ganze übrige Gesellschaft in johlendem Chore das Pfui wiederholte; da schlug ihr der Tänzer mit geballter Faust ins Gesicht, daß sie sich wider Willen um sich selbst drehte, und darauf stieß er sie noch von sich, daß sie rücklings zu Boden taumelte und mit dem Kopfe auf einen harten, kantigen Gegenstand auf prallte . . . Als ich vierzehn Tage nach dem an mir verübten Verbrechen noch arbeitsunfähig heimkam, fand ich zwei Kranke, statt der einen, die ich verlassen hatte. Mein armes Mädel seelisch und körperlich gebrochen, siechte so hin und kam nimmer auf. Zwischen beiden Schmerzenslagern aber stand keifend und drängelnd der Hauswirth, auch ein zielbewußter Genosse, dem man angedroht hatte, an seine Thüre ein Placat zu nageln mit den Worten: ,/Hier wohnen Streikbrecher." Er rief, er wollte nicht auch in Verruf kommen, und darum könnte er uns nicht länger dulden; die Strcikleiter erlaubten das nicht, und er wollte nicht um solcher Speichellecker willen sein Geschäft und seine Rippen riskiren. Darum müßten wir hinaus, obwohl wir unsere Miethe niemals schuldig geblieben waren, hinaus, autwillig oder mit Gewalt, gesund oder krank, gleichviel. Nu ja, ausgczogen sind wir denn auch bald und mein armes Kind nach einer eigenen Wohnung, die Einem Niemand auf kündigen kann. Sechs Wochen nach ihrem letzten Tanzvergnügen haben wir unsere Bertha begraben .... Ihrem Mörder war nicht beizukommen. Mit vielen anderen feiernden Arbeitern war er nach auswärts gefahren. Und wußte man auch, wo er sich aufhielt, so wollt- doch keiner von dem halben Hundert Menschen, die auf jenem Tanzplatz mitgestrampelt und „Pfui" gerufen hatten, etwas von einem Schlag oder Stoß ge sehen oder gehört haben. Daß ein Mädchen beim Tanzen umfiel, kam ja öfter vor. An Streit und Gewaltthat konnte sich Niemand erinnern. Für schwere Arbeit war ich nun verdorben. Wäre ich aber auch so frisch und kräftig gewesen, wie mit zwanzig Jahren, mein Name stand auf dcrVerrufsliste der Streikbrecher, neben denen kein zielbewußtcr Genosse auch nur die geringste Handreichung machen, die Keiner neben sich bei der Arbeit dulden darf. Wegen eines gebrechlichcnSchwächlings wird sich kein Arbeitgeber der un entbehrlichen Kräfte berauben. So war ich zum Müßiggang, zum Hungern und Verderben verurtheilt. Nicht einmal mein unschul diger Knabe vermochte es in der Schule anszuhalten. Wo ihn ein Arbeiter unterwegs traf, schrie er ihm zu: „Sag' mal Deinem Vater, er wär' ein Lump!" lind die anderen Arbciterbuben prügelten ihn, weil er Streikbrechers Blut war. Ich ertrug's, so lange es menschenmöglich war. DaS allzu viele Elend hatte mir Sinn und Ehrgefühl abgestumpft. Aber es war nicht mehr zu ertragen. Ick schleppte mein krankes Weib und das einzige mir von vieren übriggebliebene, mißtrauisch und feindselig gemachte Kind von Ort zu Ort. Wo ich Arbeit suchte und bald Arbeit fand, immer dieselbe Geschichte. Mein Name stand auf der Liste der Streikbrecher. Kein ehrlicher Genosse durfte mit dem Verfehmten arbeiten. Ich oder sie. Da entließ man mich. Ich ward's gewohnt und wunderte mich nicht mehr. Ans Elend kann man sich gewöhnen, ans Hungern nicht. Ich wollte Ihnen noch Stunden lang vom Elend der Verfehmten vorerzählen; aber mir geht di« Puste aus, und Sie wissen genug. Die Haare sollten Ihnen zu Berge stehen darüber, was wir Drei haben erdulden müssen, ongespuckt und ausgestoßen. Meine letzte Hoffnung war die große Stadt Berlin, wo's allerlei Broderwerb giebt.... geben soll... . Aber ich bin des Suchens unfähig, friste unser Dasein mit Betteln und stehe mit Weib und Kind vor dem Hungertode." Der Redende war schon, da er das Unglück seiner Tochter vor gebracht hatte, in den Stuhl zurückgesunken, jetzt brach er vollends in sich zusammen, ließ beide Hände hängen, und ein paar Thränen langsam den Weg durch die Falten seines Gesichts in den Stoppelbart suchen. Winkler trat nahe heran und sagte: „Armer Mann, was kann ich für Sie thun, der ich selber kümmerlich mich von Woche zu Woche quäle, bis ich auch dem Nichts gegenüberstehen werde? Was treibt Sie, gerade mir diese traurige Geschichte zu erzählen.' Ich habe nichts für Sie, als mein Mitleid." „Da irren Sie!" sagt: der Mann wieder ganz laut und bc stimmt und hob den Kopf aus den Schultern. „Sie haben mehr für mich. Ich hörte Sic vor Monaten vor Gericht sprechen. Da sagte ich mir: Das ist noch Einer, der von phantastischen Hoff nungen voll ist, und der noch an die Zukunft glaubt, und sich der gemeinsamen Sache opfert. Der meint's ehrlich. Das ist ein kreuzbraver Kerl. Aber Geduld, die werden's ihm schon besorge», daß ihm über ihren Idealismus und ihre Zielbewußtheit die Augen aufgehcn. Nach dem, was Ihnen jüngst widerfahren ist, denke ich. Sic wären so weit und frei geworden im Geiste, uni sich von dieser Gesellschaft mit einer augenfälligen Leistung los zusagen und dabei mir zur Gerechtigkeit zu helfen. Sic haben meine Geschichte gehört. Hier in diesen Fascikeln habe ich Alles gesammelt, was zum Beweise meiner Worte nothwendig und dienlich ist. Ich bin kein Schriftgelehrter, ich kann nicht so schreiben, daß es die Menschen gern lesen und sich überzeugen werden. Ich kann überhaupt nicht schreiben. Sie können cs! Wehren Sie nicht ab ... . Wer Sie damals reden gehört hat, der weiß: das ist ein geübter Verstand und Einer, der Einem Herz und Nieren bewegen kann mit seinen Worten. Und Sie haben vom Undank der Genossen, sür die Sie Zeit und Freiheit geopfert haben, bereits gekostet. Seien Sie klug und verlangen Sie nicht mehr von dieser Kost, damit Sie nicht daran zu Grunde gehen, wie ich. Machen Sie aus meinem Fall eine Broschüre, ein Buch, und beweisen Sie damit, daß unser Vaterland, wenn sich das Bürgerthum nicht bei Zeiten zu entschiedener Abwehr aufrafft, einer Tyrannei entgegenschlendert, wie nock nie eine er duldet worden ist, der Tyrannei der Ungebildeten und der Rück sichtslosen, die weder vor Religion, noch vor Ueberlieferung, weder vor Kunst noch Kultur, weder vor Recht noch Vaterland Halt machen wird. Beweisen Sie, daß gerade Diejenigen, welck: breitmäulig und vorlaut Freiheit allenthalben und das Recht auf Arbeit fordern, die willkürlichsten Tyrannen sind, die das
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