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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 05.07.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-07-05
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000705019
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900070501
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900070501
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-07
- Tag 1900-07-05
-
Monat
1900-07
-
Jahr
1900
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Bezug-Preis Al d« Hauptexp,ditto« »d«r den km Stad»» Ujlrk »nd den Borort»« errichtet»« Aut« aalestellen abgeholt: vierteljährlich ^lt.SL bet zweimaliaer täglicher Zustellung tut Hau« b.SO. Durch die Post bezogen für Deutschland und Oesterreich: vt«rtel;Sbrlich 6.—. Direkt« tätlich: Kreuzbandseuvuug Int Au-land: monallich 7.V0. DI« Morgrn-Autgab« erscheint «« '/,? llhr, di« Abend-Autgab« Wochrntagt um b Uhr. Nedaction und Expedition: Aohannttgasse 8. Dir Expedition ist Wochentag- unonterbroche» geöffnet von früh 8 bis Abend- 7 Uh». /ilialen: Alfred Hahn vorm. v. Klemm'» Sortim. Universitätsstraße 3 (Paulinum), Loui» Lösche, katharinenstr, 14, Part, uud Uöttigspmtz 7. Morgen-Ausgabe. KWMr.TagMM Anzeiger. Amtsblatt des Königkichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, des Nathes imd Nolizei-Ämtes der Ltadl Leipzig. 338. Donnerstag den 5. Juli 1900. Anzeigen-PreiS die 6 gespaltene Petitzeile 80 Reklamen nnter dem Rrdactiontstrich (4g- spalten) bO^, vor den Famili«unachrichk» (S gespalten) 40^. Gröber« Schriften laut unsere« spreit« verzeichniß. Tabellarischer und Ziffernsatz nach höherem Tarif. Extra »veil«««« lg«fal-t), nur mit da« Moraen-Au-aab«, obn« PvstbefördenulG -^l öo.—, mit Postbetörderung Al 70.—. Annahmeschluß für ^«zeign: Abend.AuSgabr: Bormittagt 10 Uhr. Morgrn.Au-gabr: Nachmittag- 4 Uh». Bel den Filialen und Annahmestelle« je ein« halb« Stund« früh«». Anzeigen sind stets an di, -xpeottto» ju richte«. Druck und «erlag mm » ,»l» M 8^. Jahrgang. - Ostasien nnd die Socialdemokratie. Weder die Socraldemokratie noch die Volks- Partei vermag zu den schweren Verwickelungen in Ostasien einen StandpuNct zu finden, der sich wenigstens halbwegs mit Anschauungen deckt, wir sie einer geschichtlichen Würdigung der ostasiatischen Zustände und einer selbstbewußten nationalen Politik entsprechen. Die BoltSpartei begnügt sich aber doch da mit, ihre Fehler aus den sechziger Jahren zu wiederholen. Wäh rend die Ereignisse derart in Fluß sind, daß auch der gewandteste Staatsmann heute nicht sagen kann, welche Aufgaben morgen für die Gemeinschaft der civilisitten Mächte erwachsen und welcher Antheil der Kosten davon auf Deutschland entfallen wird, verlangt die Volkspartei die Einberufung des Reichs tags und die Einbringung einer Creditvorlage, damit man wisse, was die Sache kosten solle, und damit man in der Lage sei, soweit nöthig, der deutschen Politik in Ostasien den Großmacht- kitzel auszutreiben. Da dieser Forderung nicht entsprochen werden wird, so wirb die Volkspartei vermuthlich im nächsten Winter sich entschlossen zeigen, die nachträglich geforderten Kredite abzulehnen. Man darf über diese Demonstration des politischen Radikalismus zur Tagesordnung übergehen, denn sie ist noch viel unschädlicher, als zwecklos. Anders die Socialdemokratie. Sie ist fleißig dabei, daS heimathliche Nest zu beschmuhen, und zwar derart, daß man die deutschen Arbeiter nicht eindringlich genug darauf Hinweisen kann. Herr Liebknecht hat in dem von ihm geleiteten Centralorgane schon in der vorigen Woche pathetisch verkündigt, daß es sich um einen Befreiungskampf der Chinesen gegen die europäischen Eindringlinge handle. Also der waschechte Social demokrat in Deutschland sollte zu Gunsten der nach Freiheit dürstenden Boxer, Räuber und Mörder in China seine Stellung nehmen! Nun wollte e- der Zufall, daß der Redaction des Blattes die neuere Literatur über Ostasien zuging und daß ein wissenschaftlich veranlagter Mann 8. „6. (vermuthlich der Reichstagsabgeordnete Calwer) mit Fleiß durch diese Lite ratur sich hinburcharbeitete und ist der Nummer vom vorigen Sonnabend ausführlich darüber berichtete. Alles, was er aus französischen, englischen und russischen Quellen skizzirt, bestätigt den Eindruck, dem er auch selbst Worte verleiht, nämlich daß es einerseits „ein Unsinn ist, von friedlichen Zuständen im himm lischen Reich zu reden, wie dies neuerdingS von übereifrigen Ver ehrern der Chinesen geschieht", und daß ferner die asiatische Barbarei und der religiöse Fanatismus auch in China die schlimmsten socialen und wirthschaftlichen Zustände verursachen und immer neuen Aufruhr Hervorrufen. „Kein Land hat im letzten Jahrhundert blutigere Revolten gesehen, als China. Die Gesammtzahl der allein in den Aufständen seit 1850 gefallenen Personen wird auf weit über 30 Millionen geschätzt. Diese be ständigen inneren Kämpfe beweisen eher alles Andere, als die Zufriedenheit der Bevölkerung mit den socialen Zuständen und der RcgierungSweise." Nur eine ganz kleine Zahl von Gelehrten sei für Reformen. Dir rücksichtslose und gewalt- thätige Manschupartei unterdrücke grausam jede Reformpropa ganda, und doch müsse China zusammenbrechen, wenn Reformen unterbleiben. So das Urtheil deS wissenschaftlichen Mitarbeiters in der literarischen Beilage deS -.Vorwärts". Er zeigt uns daneben ganz anschaulich, wie Mit erlaubten und unerlaubten Mitteln, namentlich durch Bestechung, von der einen Seite dierussische Macht vorbringt, um in China die Vorherrschaft sich zu ge winnen, und wie namentlich England unter dem einseitigen Gesichtspunkte der Handelsinteressen diese Machtbestrebungen zu durchkreuzen, bezw. ihnen zuvorzukommen sucht. Auch von den kulturellen Kräften, die etwa durch den japanischen Wett bewerb in China geltend gemacht werden könnten, hält der wissen schaftliche Mitarbeiter des „Vorwärts" nicht viel. Daraus dürfte doch der deutsche Arbeiter den Schluß ziehen, daß mindestens unter ethischen Gesichtspunkten die Mitbetheiligung der deutschen Macht an der Befreiung Chinas von seinen verwüstenden reli giösen und politischen Gegensätzen höchlichst erwünscht wäre. Daneben hat unseres Erachtens in allererster Linie der Arbeiter ein Interesse daran- daß von den wirthschaftlichen Gütern, die mit der kulturellen Befreiung Ostasiens gleichzeitig erworben werden können, ein gebührender Antheil auch für den Fleiß der deutschen Hände abfällt. In Frankreich und England bewegt sich der Gcdankengang der socialisiischen Parteipresse thatsächlich in diesen Gleisen — natürlich zu Gunsten der dortigen heimath- staatlichen Interessen. Aber in Deutschland — das Gott er barm! —, der Wissenschaftler denkt in der Beilage und Herr Liebknecht lenkt im Hauptblatt. Angesichts der jüngsten er schütternden Nachrichten schreibt er wie ein Rasender darauf los, um durch den Leitartikel seine Gemeinde so vorzubereiten, daß sie bei der Lektüre der Unglücksbotschaften Alles nur noch als Folgen deutscher Herausforderungen und deutschen Wahnwitzes erkennen. „Gewalt" ist der Leitartikel überschrieben. Aufs Neue wird die Besitzergreifung von Kiautschau, Port Arthur rc. als ein Bruch des Völkerrechts, als ein gewaltthätiger Eingriff in die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Chinesen dargestellt. Europa habe kein Recht mehr, zu verlangen, daß das „als vogelfrei behandelte China" die Vorschriften des Völker rechts achte. Die Erhebung der chinesischen Freiheitshelden be weise nur, daß die Chinesen „unsere gelehrigen Schüler" sein wollen. Insbesondere sei die Ermordung deS deutschen Ge sandten lediglich die Folge der Beschießung von Taku. „Viel leicht ist es kein Zufall, daß gerade der deutsche Gesandte «in Opfer der Gewaltpolitik geworden ist, nachdem Deutschland zuerst am lautesten und unvorsichtigsten die Politik der Eroberung und Unterdrückung verkündet." „Die von der europäischen Politik der gepanzerten Faust in China heroorgerufene Erbitterung" bestrafen zu wollen und nach Sühnung des Verbrechens am Völkerrecht zu rufen, sei nichtswürdige Heuchelei. So Herr Liebknecht. Wenn hier von Gewalt die Rede sein kann, so scheint uns zweifellos, daß der Politiker Liebknecht einer Vergewaltigung sich schuldig gemacht hat, nämlich an den klaren Ergebnissen der kulturgeschichtlichen Betrachtung, die der Wissenschaftler Calwer angestellt hat. Man könnte den greisen haften Bramarbas bemitleiden, wenn nicht seine Rodomontaden Tausenden von Nachbetern den Kopf verwirrten und wenn nicht solche Stimmen auS Deutschland im Ausland zweckmäßig ver- werthet würden, um den deutschen Anspruch im Rahmen der Mächte gelegentlich etwas herabzudrücken. Die große Masse der deutschen Arbeiter aber, die zwar als Mitläufer der socialdemo- kratischen Partei zu manchem Erfolg verhelfen, ohne für die deutschfeindliche und geradezu culturwidrige Politik dieser Partei mit eintrcten zu wollen, — sie mögen jetzt vor die ernste Frage gestellt werden, ob sie für eine solche Durchkreuzung deutscher Culturaufgaben und Unterwühlung deutschen Machtansehens mit verantwortlich sein wollen oder nicht. Wir bedauerri auch unsererseits, daß der Reichstag nicht versammelt ist, weil Man sonst Herrn Liebknecht in ganz anderer Weise, als es durch die Presse möglich ist, auf seine nicht einmal internationalen, sondern lediglich deutschfeindlichen Expektorationen zur Rede stellen könnte. Aber deswegen schließen wir uns natürlich nicht dem Verlangen nach einer Berufung des Reichstages an, die zur Zeit nicht den mindesten gesetzgeberischen Zweck hätte. Die Wirren in China. Immer mehr Hiobspüsten kommen aus China. Das ganze nördliche China, mit Ausnahme der NötdllchsteN mandschurischen Provinzen, scheint im Aufstand zu sein und rüstet sich zum Kampfe gegen die Fremden. Der heilige Krieg ist so güt wie erklärt- eine feste Regierung scheint es nicht mehr zu geben. Prinz Tuan hat seine Sckaaren bei einander und auf die Meldungen über das fremdensrenndliche Verhalten einiger Vicekönige ist nicht viel zu geben. Unter den Augen Li-Hung-Tschangs, vielleicht in seinem Auftrage werden Erlasse der Kaiserin-Wiltwe in Cniton angeschlagen, die zur Vernichtung der Aüsläuder auffordern. Und bei alledem kein Hoffnungsstrahl über Fortschritte der Truppen der Verbündeten. Es heißt, daß Alexejew und Seymour schon über die Aufgabe Tientsins beralhen haben und daß sie vor Allem Taku zu halte» suchen werden. Also an den Rückzug denkt man schon — wenn er noch möglich ist. Nach englischen Sensationsblättern sollen sogar die europäischen Truppen in der Stärke von lOOOO Mann unter Befehl des russischen General-Majors Stvesscl bei Tientsin von den Chinesen um zingelt und ihm der Rückzug abgeschnitten sein. Die Chinesen haben die Brücke über den Pei-Ho zerstört. Bei den MensckenMassen, über die China gebietet, kann ein Verzweiflungskampf, vielleicht Lin hoffnungs loser befürchtet werden. Dabei hat cS immer noch gute Weile, bis größere TruppensendungeN tintreffen. Sogar die chinesischen Schiffe, die theilweise in Deutschland gebaut sind, machen Sorgen, man glaubt, daß daS chinesische Geschwader die einzelnen Truppenschiffe abzufangett versuchen wird. So ist Ungefähr die Lage. Einzelheiten ersehen die Leser auS den nachfolgenden Depeschen: * Berlin, 4. Juni. „Wolss'S Telegr.-Bureau" berichtet an- Canto» vom 3. d. M.: Hiesige chinesische Zeitungen veröffent- lichen zwei Circular-Edicte der Kaiserin-Wittwe über die Boxerbewrgung, den Kampf der Fremden gegen China und die Stellung der chinesischen Behörden, die vor einigen Tagen bei dem Bicekönig Li-Hung-Tschang eingelaufen sind. Die Edikte besagen, eine Aussöhnung mit den Christen, gegen die sich Las ganze Volk, einschließlich hes Militärs, der Gelehrten, des Adels und der Prinzen, mit der Absicht, sie auszu- rotten, vereint hätten, sei völlig ausgeschlossen. Dir Fremden hätten den Kampf gegen China mit dem Angriff auf die Taka-Fort- eröffnet. In Folge dessen sei die Erbitterung gegen alle Fremden noch gestiegen. Die Unterdrückung de- Volke- sei gefährlich; daher erscheine die Benutzung der fremdenseindlichen Bewegung bis aus Weiteres rathsam. Die bedrohten Gesandtschaften in Peking wolle die Kaiserin schlitzen; ob die Fremden stärker seien oder China, bleibe abzuwarten. Jedenfalls sollten alle Gouverneure un verzüglich Truppen zur Vertheidigung ihre- Bezirks anwerben und gemäß den örtlichen Verhältnissen nach eigenem Ermessen handeln. Für jeden Verlust an Land seien sie verantwortlich. * Berlin, 4. Juli. („Wolff's Telegr.-Bureau.") Drt deutsch« Gesandte in Tschif« meldet vom 3. d. M: In Peking sollender General Tungsuhsiang und Prinz Tuan unter dem Mottd „Vernichtung der Fremden!" alle Gewalt an sich gerissen haben und die Kaiserin und den Prinzen Ching offen bekämpfen. Ter Gouverneur von Shantung steht mit 8000 Mann in Tsinay, angeblich zur Abwehr des deutschen Angriffes von Tsingtau auS. 3000 Mann seines eigenen Corps und 10000 Mann Provinzial truppen befinden sich an der Grenze von Tschili. Der Gouverneur nimmt einstweilen eine abwartende Haltung ein. Er steht mit de» Generalgouvrrneuren von Süd- und Mittelchina in regstem Verkehr. * Kiel» 3. Juli. (Hamb. Corresp.) Ueber di» Entsendung der Linienschiffs-Division geht hier in Marinekreisen da» Gerücht, dieselbe habe vornehmlich den Zweck, dem Transport der beiden Seebataillone zum Schutz zu dienen. ES sei Nach richt hierher gelangt, daß in den ostasiatischen Gewässern drei chinesische Panzerschiffe mit acht Torpedobooten ver schwunden seien, und es liege die Befürchtung vor, daß diese» Geschwader beabsichtige, die deutschen Transportschiff« ab; zufangen. Wir registriren diese- Gerücht al» solche- und lügest hinzu, daß „Fürst Bismarck" Ordre hat, in Port Said auf die Transportschiffe zu warten. Die Ordre zur Rückkehr nach Kiel hat da- erste Geschwader heute in der Danziger Bucht erreicht. * Chnttghat, 3. Juli. Nach einer an- Tientsin hier eilt« getrosfenen Nachricht waren die Fremden in Peking aut 1. d. M. in der englischen Gesandtschaft belagert und ihre Lägt verzweifelt. * LmttzsN, 4. Juli. Dem „Daily Expreß" wird au-Shangtzäi vom 8. Juli gemeldet: Am Tage, an welchem der deutsche Ge sandte v. Ketttler ermordet wurde, waren alle Gesandten ist Peking aufgefordert worden, sich nach dem Tsung li Parsten ju begeben. Der englische, der französische, der russische und der amerikanische Gesandte, welche einen Bcrrath vermulheten, weigertta sich, ihr GesaNdtfchaftSgebäude zu verlassen. Frhr. v. Ketteler nahm die Einladung an und verließ da- Gesandtschaftsgebäude mit eistet kleinen Escorte deutscher Marinesoldaten. Alservordem Tsung li Hamen ankam, wurde er von einer ungeheuren Menge chine sischer Soldaten angegriffen und erhielt 4Schußwunden. DaS Tsung li Hamen wurde von den deutschen Marinesoldaten in Brand gesteckt. Die Menge griff dann die GesandtschastSgebäodt an, von denen bald nur da- englische, da- deutsche und da- Italit- nische übrig blieben. Die englische Gesandtschaft wurde stark be schossen, die englischen Wachen erlitten große Verluste, da der Mangel an Munition sie zwang, ihr Feuer sehr einzuschränken. * London, 4. Juli. Dem „Reuter'schen Bureau" wird an- Tjchifu von gestern geineldet, dort verlaute gerüchtweise, Laß all» Ausländer aufgefordert seien, Tientsin zu verlassen. Man sehe die Lage alS verzweifelt an. Die Chinese» Frerrllsts«. Düs TschMeh-Wachseh-Fest det schiitischen Mohamedaner Äüukasiens. Won F. Ro ßmä ßler-Leipzig. Nachdruck verböte«. Obwohl ich schon mehrere Jahre in Baku, der Metropole der kaukasischen Erdölindustrie, gelebt hatte, war ich doch noch nie Augenzeuge des Tschachseh-Wachssh-Festes gewesen, weil ich dieses fanatisch-religiöse Fest der schiitischen Mohamedaner, in welchem sie den Todestag Ali'S, des Begründer- ihrer Secte, feiern, nicht in der Verstümmelung und Beschränkung sehen wollt«, in welcher eS schon seit vielen Jahrtn in den kaukasischen Städten nur noch öffentlich begangen werden darf. Ich hatte mir den Anblick der Feier auf eine Zeit verschoben, in der sich niir Gelegenheit bieten würde, an deck wichtigsten Tage dieses Festes In ein von der Stadt weiter entferntes Tartaren- dorf zu reiten, wo die ganze mir schon so vielfach als großartig interessant geschilderte Feier in ihrer vollen Urwüchsigkeit vor sich geht. Heut« war wieder der Haupt« und Schlußtag der alljährlichen Festwoche, der Tag de- fanatischen Schauspiel-, welches sich an die während der ganzen Woche dauernden nächtlichen Kasteiungen als ergreifender Abschluß des Festes ynttihi. Einer Einladung folgend, begab Ich mich am frühen Morgen auf den Weg nach Amiradschan, einem großen, wohlhabenden Tartarendorfe, zwölf Werst von Baku enitfernt. An der süd lichen Grenze de» auf einem Ziemlich öden Hochplateau der Halb insel Apscheron gelegenen Erdölgebiete» hintettend, gelangte ich an eine tiefe, lang gestreckte Bodensenkung, auf deren Sohle sich rin flußartig gewundenrt, kleiner Set befindet, an dessen einer Seit« sich Amiradschan hinzieht, da» Dors, in welchem da» Fest siet» besonder» feierlich begangen wirb. Wenige und dürftige Gärten, zu denen der Feigenbaum bat fast einzige dekorative Material bietet, umaeben e». Nicht ohne Mühe fand ich in drn engen, winkligen Dorf gassen da» Hau» meine» Gastfreunde», der ntich schon mit Unge duld erwartete und nach einem schnell eingenommenen Imbiß mit Mir denk Feflptatze zurilte. Dieser War eiü in die Mitie de» Dorfe» gelegener, vitrecktget Naß, vtssest ein« Seite von der aroßea Moschee begrenzt tvat^ während an drn anderen Seiten sich modrige, fensterlose Wohnhaus«! mit flachen Lachern hin ten. AN der Mitte dt» Platze» stand auf einer Estrade ein hoher, hölzerner Lehtistuhl» an den Hitusern saßen ckit kreuzweise unter- geschlagenen Lein«n auf der bloßen Erd« Männer de» Dorfe», di« »til« Nein« und halb wüchsig« Knaben bot sich hatten, während auf den flachen Dächern der angrenzenden Häuser die weibliche Einwohnerschaft postirt war. Größere Knaben Nnd junge Männer waren fast nirgends zu erblicken, sie waren alle an den zwei Sammelplätzen des Festzuges zu finden. In der zahlreichen Versammlung am Markte herrschte an dächtiges Schweigen, selbst die vielen anwesenden Frau«n und Mädchen zügelten ihre Zungen; auch sie warteten schweigend der Dinge, die da kommen sollten, und boien mit ihren meist bunten Shawls, welche den Kopf und die ganze Figur verhüllen, ein farbenreiches Bild. Jetzt trat aus der Pforte der Moschee der Mollah, eine ehrwürdige Erscheinung, bestieg di« Estrade und verlas mit kräftiger Stimme die Lebens- und Leidensgeschichte Mi'S, des Schwiegersohnes und Nachfolgers Mohamed's. Kein Laut störte den ziemlich langen Bortrag, bei dessen Ende, der Schilderung der Ermordung Ali'S, die ganz« Versammlung in Klagen und Thränen ausbrach. Von allen Seiten erschallten die Rufe „Tschachseh, Wachseh!" (Klage- und Wehruf der tartarischen Sprache). An die Stelle des Mollah, der sich in die Moschee zurück gezogen hatte, trat nun ein Derwisch, einer jener Fanatiker, die e» nur zu gut verstehen, durch zündende Rede, verbunden mit wilden Gesten, ihre Zuhörer fortzureißen und zu begeistern. Das Thema seines Vorträge» war dasselbe, aber in ganz anderer Weise behandelt. Während die Rede des Mollah eine ruhige, seiner geistlichen Würde angemessene war, war die de» Derwisch in jedem Worte, in jeder seiner theatralisch exaltirten Gesten, im Tonfall der metallnrn Stimme, die bald zum leisen Flüstern, bald zum weithin schallenden Ruf wurde, eine darauf berechnete, den im Geist der lautlos lauschenden Zuhörer glimmenden Funken de» Fanatismus zur lodernden Flamme anzüfachen. Daß er dies erreichte, zeigte die furchtbar« Aufregung, die sich der Ver sammlung bemächtigt hatte, als er mit hoch erhobenem Haupte den Platz verließ. Da» stille Schluchzen und die fast ängstlich klingen den Wehrufe nach der Rede des Mollah wann einem wilden Tosen gewichen, zu den Klagerufen Uber drn Tod deS Heiligen gesellten sich laute Verwünschungen seiner Mörder. Auch bon außerhalb de» Fcstplatzes erschallte jetzt lauter, mit jeder Minute näher kommender Lärm, der in einem monotonen Gesang, untermischt mit Schlägen auf eine groß« Trommel, auf Metallbecken Und in Schüssen bestand. Aller Augen richteten sich auf die beiden in den Festplah von verschiedenen Seiten münden den Gassen, in denen sich der Festzug in langen Ketten, in eigen- chllinlichem Tanzschritte hüpfend, näherte. Zuerst erschienen Knabtn tm Alter von 10—i4 Jahren, darauf Jünglinge und zuletzt kräftige Männer. Alle waren am Oberkörper nackt und bildeten, mit der linken Hand den Hosenbunb am Rücken de» Nsbenmamiet haltend, Reihen von 16—20 Mann. Dir Köpfe waren unbedeckt, so daß der handbrfft aütrastrit Scheitel von der Stirn bl» zück Nacken Im Hellen Sonnenscheine glänzte. Rach dem Taete einer großen Trommel und «Ine» monotonen Be sang«-, dessen Wort« nur bi, auf .Tschachseh, wachseh, «llah. Fach, aber In der höchsten Ekstase befindliche cm, von deren Leistung ich mit Recht etwa» Ali, Osman, Hussein" unverständlich waren, hüpften sie im langsamen Vorwärtsschrettcn von einem Bein auf das andere, jeden Sprung mit einem klatschenden Schlage der flachen freien rechten Hand auf di« nackte Brust begleitend, die bei den meisten feuerroth und geschwollen, bei vielen sogar nur noch stellen weise mit Haut bedeckt war. Diese Art der Kasteiung wird schon an den sieben vorher gehenden Tagen von Sonnenuntergang bis Mitternacht ausge- übt. Nachdem die ersten, aus Knab«n bestehenden Ketten eine Runde um den Festplatz gemacht hatten, erschienen an ihrer Stelle Jünglinge, herrliche Gestalten, deren meiste als Modelle für ein« Bildhauerwerkstätte gelten konnten. Bei vielen derselben war die rechte Hand nicht mehr leer und führte keine Schläge aus die Brust, sondern in ihr funkelte der breite Chendschal (schwert artiger Dolch der Kaukasier), dessen schaffe Klinge bei jedem Sprunge den Schädel traf, so daß das rothe Blut an Brust und Rücken niederrann. Ddch ein Nichts konnte dieser blutige Zug im Vergleiche zu dem ihm folgenden der Männer genannt werben. Demselben schritten unter lauten Rufen zwei athletische Gestalten voran, von denen jede einen Dolch derartig durch das Brustfleisch ge stochen hatte, daß der Griff auf der Höhe des Brustkorbes und die Spitze mehr seitlich sichtbar war. Die ganze nachfolgende Reihe war wie in Blut gebadet; mit feingliederigen Ketten geißelten viele den blutigen Rücken, andere zerhackten sich auf eine fürchterliche Weise den Scheitel und die Stirn. Auch unter den männlichen Zuschauern tissen viele den Chendschal aus der Scheide und folgten dem blutigen Beispiele. In meiner Nähe saß ein Greis, der auf dem Schooße einen Kna ben von etwa vier Jahren, wahrscheinlich seinen Enkel, hielt; mit Schrecken sah ich, wie er den Kopf des KindeS entblößt« und ihm mehrere lang« Schnitte in die Kopfhaut beibrachte. Die ganze Umgebung, in der ich mich befand, bot einen unbeschreib lichen Anblick deS entfesselten religiösen Fanatismus. Nachdem auch der letzte Theil des grausigen FestzugeS den Platz verlassen hatte, bedurfte et einer ziemlich langen Zeit, bevor sich die Theilnchmtr so weit beruhigt hatten, um den letzten Act de» großen Schauspiele- anzusehen. In W rklichkeit stand un- jetzt die theatralische Aufführung de» Schlußakte» eine» blutigen Drama» bevor, dessen Darsteller keine Kirn'tler von Fach, aber In der höchsten Ekstase befindliche Naturmenschen waren, von deren Leistung ich mit Recht etwa» nie Gesehene» erwartete, was meine aufgeregten Nerven auf da» Höchste erschüttern sollte. MN Hilf« von Latten, Reifen, Teppichen und Decken war bald die dekorative Ausstattung, in Form eine» faubettfikmigen Zelte», für den Mit Ungeduld erwarteten Anfang der Vorstellung getrosten. Aut einer Sasse näherte sich nun ein stattlicher Aua, der. auf dem Festplatz« angekommen, von der Gemeinde mit lautem Wehklagen, weinen und Jammern empfangen wurde. An der 'Spitze des Zuges schritten vier bewaffnete Männer in phan tastischer Kleidung; auf ihren Schultern trugen sie eine Bahre, auf welcher der verdeckte Leichnam des ermordeten Heiligen lag. Hinter der Bahre schritten schmerzgebeugt Ali'S alte Eltern Nnd seine Geschwister, drei Brüder und vier Schwestern. Den Schluß 'des Zuges bildet« eine Gruppe von Dienern, deren ein«r des Ermordeten Schlachtroß führte. Nachdem die Bahre in dem Zelte Uiedergestellt war, erhoben sich die schauerlichen Klänge der Todtentlage, in welch« Darsteller und Zuschauer aar- brachen. Da sprengten plötzlich aus der anderen Gasse mehrere Reiter heran, wilde Gestalten, die drohend ihre Waffen schwangen, — die Mörder Ati's. Vor der trauernden Familie parirttn sie ihre schäumenden Thierc, mit Schmähreden beschimpften sie den Todten und forderten seine Brüder zum Kampfe heraus. Rasch schwingt sich der älteste auf das Pferd seines todten Bruders, doch nach kurzem Kampfe sinkt auch er todt aus dem Sattel. Ein gleiches Schicksal erreicht die beiden jüngeren Brüder und zu letzt den alten Vater, der trotz der flehentlichen Bitten seines WeibeS und seiner Töchter den ungleichen Kampf zur Rächung des an dem geliebten Sohn« verübten Mordes wagt und als Held fällt. Jetzt stürzen sich die Mörder auf die wehrlos«», jammernden Frauen und Dimer, fesseln Alle und führen st« als Gefangene fort Die rasch auf einander folgenden Scheinkampfe wurden mit solcher wilden Kunstfertigkeit im Gebrauche der Waffen au-gt- führt, daß ich wähnte, Augenzeuge eines wirklichen Kampfes zu sein, dem in kurzer Zeit vier Menschen -um Opfer fielen. Der Zuschauer hatte sich eine furchtbare Ausregung beinächtigt. Es entstand ein Tumult bedrohlichster Art, und es bedurft« der rück sichtslosesten Gewaltmaßregeln der Festordner, um ein IhätlicheS Einmischen der Zuschauer in die Aampfscenen zu verhüten. Hinge- rissen von der Wildheit der Schaustellung und haßerfüllt gegen die Mörder, hatten sie vergessen, daß letztere nicht in Wirklichkeit vor ihnen waren, sondern nur Darsteller ihrer Rollen. Auch auf mich hatte Vie ganze Feier -inen aufregettden Ein druck gemacht, dessen Wirkung eine lang andauernde war, Und - wurde mir leicht verständlich, daß ungebildete, unter dem Ein flüsse von religiösem Fanatismus stehende Menschen jeder Hand lung fähig sein können. Au» diesem Grunde ist auch in den Stadien Trankkaulasien», die eine zahlreich« Einwohnerschaft schiitischer Mohamedaner Haden, der Gebrauch von Wctfftn oei der Filet de» Tschachseh-Wachseh-Fcstet untersagt. Noch sei erwähnt, daß besonders blutige DeKstVerMuNthmg am Schlußtage de» Feste» häufig ihren Grund in einem abge legten Gelübde hat, welche» der Betreffend« al» Gegrn-otstvng für ecke von Allah erbeten« Gnade betrachtet. Lat Blut wird vom Körper nicht eher abgemaschrn, ast bt» dt« Sonne an diesem bedttffungtvolltn Tagt unter dem Horizont« derschtmtnVtti H.
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