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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 19.05.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-05-19
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000519024
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900051902
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900051902
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-05
- Tag 1900-05-19
-
Monat
1900-05
-
Jahr
1900
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Geschäftsordnungsdebatten und Abstimmungen — gewöhnliche und namentliche — über die geschäftliche Be handlung, dazwischen eine Red« des Socialbemokraten Frohme zu einer Sache, die nicht zur Sache gehörte — das war Alles. Boüständig glich die gestrige Ver handlung der vorgestrigen jedoch nicht. Die Gereiztheit war stärker, namentlich auf Seite des Centrums und de« Präsidenten, und der Rechtsboden, der Boden der Geschäftsordnung, wurde von der Mehrheit nicht nur thalsächlich, sondern auch grundsätzlich verlassen. Ter Beschluß, mitten in der Berathung eines Paragraphen,resp.derBerathung von Anträgen, die zu einem Paragraphen gestellt waren, zur Ver handlung eines andern überzugehen, war ohne Zweifel oi dnungS- widrig, und daß das Recht bewußt gebeugt worden war, verrieth späterhin der Abgeordnete v. Kar dorff durch die Proclamirung deö Grundsatzes, der Wille der Mehrheit stehe über der Geschäftsordnung. Die Nolle des CentruniS, als des Führers im Unrechtüben, wurde nicht schöner durch den Umstand, daß cs zurückwich nachdem der Abg. Bassermann «»gekündigt hatte, die Nationalliberalen würden sich an dem Gebrauch der außer ordentlichen Mittel betheiligen, falls der Geschäftsordnung weiterhin Gewalt angetban würde. Auch insofern sind die lox Heinze-Leute moralisch nicht die Sieger des gestrigen Tages, alS sie zwar weiter tagen lassen wollten, aber für ihren Theil nicht auShielten, so daß schließlich Be t'ch l u ß u n f ä h i g k e i t sestgcstellt wurde. Die absolute Mehrheit batten sie aber schon bei einer früheren Gesckäsls- ordnungsabstimmung nicht gehabt, sie obsiegten mit l86 gegen 116 Stimmen, während zur absoluten Mehrheit 199 Stimmen gehören. Gesammtergcbniß: Starrsinn, Skrupel losigkeit, ungenügende Ausdauer und Erfolglosigkeit der Streiter für die „Sittlichkeit." Recht unbequem wird diesen auch eine unter dem Titel „Geheime Reichstags sitzungen — Isx Heinze" soeben erschienene Schrift deS Reichs tagöadgeordneten für Meiningen, Ur. Ernst Müller, kommen, worin der Verfasser infolge der qm 17. März vom Reichstagspräsidenten anberaumten geheimen Sitzung, in der über den Antrag aus Ausschließung der Oeffentlichkeit bei Discussion des Antrags Heine bcralben werden sollte, die schon mehrfach erörterte Frage beleuchtet, ob überhaupt die durch die Geschäftsordnung des Reichstags vorgesehene Abhaltung einer geheimen Reickstagssitzung verfassungsrechtlich zulässig sei. Zn sorgfältiger, und, wie uns scheint, juristisch nickt anfechtbare Deduktion weist der Verfasser nach, daß der tz 36 der Geschäftsordnung des Reichstags, nach dem eine geheime Sitzung einberufen werden darf, gegen den Art. 22 der ReickSverfassung verstößt. Ter Art. 22 der Reichsverfassung (Abs. 1) lautet bekanntlich: „Die Verhandlungen des Reichstages sind öffentlich." Eine Bestimmung über den Ausschluß der Oeffentlichkeit liegt nicht vor. Der bezügliche Zusatz zu 36 der Gejchästsordnung des Reichstages beruht auf dem analogen Princip der Geschäftsordnung ces preußischen Land tages, in dem die Abhaltung geheimer Sitzungen durch die Verfassung ausdrücklich zugelassen ist. Es unterliegt daher für den Abg. Müller keinem Zweifel, daß der tz 36 der Geschäftsordnung des Reichstages verfassungswidrig ist. Daraus ergiebt sich logisch, daß die geheime Berathung und Beschluß fassung über den Antrag Heine verfassungswidrig und da her ungiltig war. Unter dem Gesicklspunct«, daß die lex Heinze und die zu ihr gestellten Anträge als einheit liches Gesetz aufzufassen sind — eine Anschauung, gegen die von keiner Seite Widerspruch erhoben worden ist —, ergiebt sich für Müller ferner, daß „die verfassungswidrige Beschluß fassung über den in der geheimen Sitzung abgelehnten Antrag nicht nur den abgelebnlenParagrapben allein,sondern das Gesetz als einheitliches Ga n zes ergreift." Der Verfasserzgelangl daher zu dem Schlüsse: „Die lax Heinze wird nach alledem, selbst wenn sie im Reichstage zu Stande käme, ein todtgeborenes Kind genannt werden dürfen!" Es ist nun allerdings fraglich, ob, wie Or. Müller meint, der Bundesrath und der Kaiser sich für befugt erachten würden, der vom Reichs tage angenommenen „lax" lediglich um jener geheimen Sitzung willen die Zustimmung resp. die Publication zu versagen; um so schlimmer aber würde es für die herrschende Partei sein, wenn nach dem Inkrafttreten der lox über ihre Giltigkeit ein Streit entbrennte, in dem die hervorragendsten juristischen Autoritäten der Ansicht des Abg. vr. Müller beipflichteten. Die gestrige Berathung deSWaarenhauösteuergesetzes im preutzischen AbgcorSuetciihausc hat das Ergebniß ge zeitigt, das die lauen Erklärungen der Negierung in der Commission voraussehei; ließen: nach mehr als vierstündiger Debatte nahm eine aus den Parteien der Rechten (mit geringen Ausnahmen) und dem Centrum bestehende Mehrheit den Z 1 der Vorlage in der Commissionsfassung an und setzte damit eine einheitliche Untergrenze von 300 000 Umsatz für alle Gemeinden bei Bemessung der Steuern fest. Die Haltung der Negierung vor dem Plenum entsprach ihrer Haltung in der Commission; auch dort hatte der Finanzminister erklärt, er könne nicht sagen, ob die Regierung der Herabsetzung der Uniergienze auf 400 000 oder 300 000 ihre Zustimmung ertbeilcn werde. Aller dings steht noch der Beschluß Les Gesammiministeriums über diese Abänderung der Vorlage aus und bis zur dritten Lesung können sich die schweren von den Ministern und ihren Vertretern hiergegen geäußerten Bedenken zu einer Unan- nebmbarkeits-Erklärvng verdicktet haben, aber vorläufig war von dieser Farbe der Entschließung nichts zu merken und die Art und Weise, wie regierungsseitig die Sache geführt wurde, ließ den Eindruck auskommen, als ob mehr Gewicht auf die Bekämpfung Derjenigen gelegt werde, die in diesem Puncte ihre Freunde waren, als auf eine Herstellung der Regierungs vorlage. Dementsprechend hatte auch schon beim Beginn der Debatte der Nationalliberalc Haußmann cs der Regierung überlassen, Verschärfungen der Vorlage ab zuwehren. Dies geschah mit Entschiedenheit zunächst aber nur bei einem Anträge Cahenslh (Centr.), der eine Filialensteuer einsühren wollte und der am Ende nur die Stimmen Les Centrums auf sich vereinigte. Wie ß 1, so wurden auch die folgenden drei Paragraphen in der Fassung der Commission angenommen. Bei tz 5 kam es zu einer kurzen aber folgenschweren Entscheidung. Die Commission hatte diesen Paragraphen,in dem dieHöchstgrenze der Besteuerung curf 20Proc. deS gewerbesteuerpflicbligen Ertrages festgesetzt wird, gestrichen. Finanzminister Or. Miquel erklärte, diese Streichung mache die Vorlage für die Regierung unannehmbar, und dieser Widerstand bewirkte, daß der Paragraph mit einem Amendement wiederhergestellt wurde, wonach die Steuer, die 20 Procent des gewerbesteuerpflichtigen Ertrages übersteigt, keinesfalls weiter als bis auf die Hälfte des nach 8 2 sich ergebenden Steuerbetrages herabgesetzt werben darf. Ueber die Stellung der Negierung zu diesem Amendement konnte der Minister noch keine Erklärung abgeben. Während die bereits hinlänglich gekennzeichneten Sensations meldungen eines Londoner Blattes von feindlichen Vorstößen der deutsch oslafrikanisch en Truppen gegen den Congo- staat berichteten, giebt die congostaatliche Regierung ihrerseits Kunde von weiteren Schritten zur friedlichen Lösung der Ktvu-Fragc. Wie im Morgenblatte telegraphisch gemeldet, ist am 10. April in Brüssel zwischen dem deutschen Gesandten und dem früheren belgischen Ministerpräsidenten Bernaert ein provisorisches Abkommen vollzogen worden, welches die Grenze in dem strittigen Gebiete regelt. Das Abkommen soll zu Gunsten der deutschen Interessen ausgefallen sein; es wurde, wie ein Berliner Blatt meldet, am 1. d. Mts. allen Agenten deö Congostaates auf brief lichem, neuerdings aber auch auf telegraphischem Wege übermittelt. Die Convention bestimmt, wie es in dem be treffenden Berichte heißt, daß die Beamten des Cougo- staales im Kivugebiete keine zahlreicheren Truppen um sich haben dürfen, als die deutschen Ofsiciere. Beide Thcile aber können Posten in beliebiger Zahl errichten. Der Vertrag löje zwar in kerner Weise die Frage der Souve ränität über dasKivugebiet, jedenfalls aber unter sage er den Beamten des Congostaates jede Einmischung in die politischen Beziehungen und Verhandlungen der deutschen Bevollmächtigten mit den eingeborenen CbesS oder in die Streitigkeiten zwischen den Eingeborenen selbst. — Von anderer Seite wird noch berichtet, König Leopold habe seine auf Mittwoch festgesetzte Reise nach der Insel Wight vertagt, um wichtige Besprechungen mit den Brüsseler Beamten der Congoregierung abzuhalten. Es sei dabei nach dem Eintreffen der neuesten Congvpost abermals festgeslelll worden, daß über die Besetzung congosiaatlichen Gebietes durch deutsche Truppen keinerlei Nachrichten vor liegen. Welche geschmacklosen Angriffe die slawische Presse Cisleitbaniens zuweilen gegen Tcutschlauv und das deutsche Volk zu richten für gut befindet, kann man auö nach stehendem Commeniar der Lemberger „Gazeta Narodowa" zur Fürstenzusammenkunft in Berlin gelegentlich der Groß- jährigkeilserklärung deö deutschen Kronprinzen entnehmen. Es heißt da: „Vor einigen Wochen, als der Kaiser Franz Josef seine Ankunst zur Feier des deutschen Thronfolgers noch nicht angekündigt hatte, war ganz Preußen-Deutschland vor Furcht erstarrt angesichts der Aeußerungcn des Hasses, mit denen man von allen Seiten in der ganzen civilisirten Welt den gierigen Berliner Emporkömm ling (lalcomesw xarroniusüL berliuskie^o) überschüttete. Kaum aber hatte der Kaiser sich in Berlin angekündigt, kaum hatte es sich gezeigt, daß Berlin doch einen Freund besitze und zwar in dem Monarchen, dessen Staat das Preußcnthum bereits im Geiste wie „einen Tuchballen" unter sich geweilt hatte, so sind die Lebensgeister von Neuem in Len Furchtsamen er wacht, die Hoffart der Kreuzritter ist aus dem Mäuseloch hervor- gekrochen, und als eine unmäßige Freude mit allen Regenbogen farben, wie die ausgehende Sonne, ihre Gesichter übergossen hatte" .... Der Nachsatz hierzu ist von der Staatsanwalt schaft coufiscirt und nickt zum Abdruck gebracht worden. Auf eine solche Polemik muß man es sich, wie die „Post" richtig bemerkt, natürlich versagen, entsprechend zu antworten, zumal La uns ja die schönste Blütbe galizischer Oratorik leider noch vorenthalten geblieben ist, weil der Staatsanwalt ihr unerbittlich ein frühes Ende bereitet bat. Unfern Lesern wird es auch Wohl genügen, daß wir diese Slilprobe hier etwas näher gehängt haben. Der Krieg in Südafrika. -p. Nachdem erstamtlich aus Pretoria gemeldet worden war, Mafeking sei gefallen, wird jetzt amtlich auS Pretoria berichtet, «S sei entsetzt. Die Nachricht lautet: * Pretoria, 18. Mai. („Reuter's Bureau".) Amtlich wird bekannt gegeben: Die Balagerung Mafekings durch di« ver bündeten Boeren ist ausgegeben worden, nachdem das Lager der Boeren und die Forts um Mafeking heftig beschossen worden waren. Tie von Süden gekommenen britischen Truppen besetzten diese. Wer bat nun Recht? Nur eine directe amtliche Depesche deö englischen Höchslcommandirenben kann definitiven Auf schluß geben. In einer Meldung der „Daily News" aus Lourengo MarqueS wird bestätigt, daß Eloff von Baven- Powell gefangen genommen worden ist. Eloff zog mit einer Patrouille in vie Stadt hinein. Baden »Pvwell verhielt sich still, seine Leute waren in Höhlen verborgen und warteten, bis die Boeren so nahe herankamen, daß sie sichere Zielpunkte für ihre Gewehre bildeten. Dann eröffneten Baden-Powell's Leute ihr Feuer auf die Boeren, welches von tödtlicher Wir kung war. 50 Boeren wurden getödtct, 17 weitere ver wundet, Eloff und 90 Mann wurden umzingelt und gefangen genommen. Im Uebrigen wird aus dem vranjefreistaat nichts für die Boeren Erfreuliches durch den Draht übermittelt. Nachdem die Engländer Labybrand im Osten von Bloem fontein besetzt haben, ist jetzt auch Lindley östlich von Kroon- slad in ihren Händen und da sie schon längst in Win- burg eingezogen sind, erscheint fast die ganze östliche Hälfte des FreistaalS von den Boeren gesäubert und die rechte Flanke deö RobertS'schen Offensivheeres ge sichert. ES ist allerdings möglich, daß zwischen Ladybrand und Fickburg noch Boeren steven, aber diese jetzt ganz ver einzelten Posten vermögen kaum noch etwas auszurichten und man kann nur noch hoffen, daß sie nicht abgesangen werden, sondern sich an der Basutolandgrenze nach Harrismith, das von den Boeren noch gehalten wird, entlang retten. Am Nhenoslerfluß, 30 englische Meilen nördlich von i Kroonstad, hat die Avantgarde Roberts' unter General I Hulton bereits Fühlung mit Len Boeren genommen. Dort I ist, wie gemeldet, ein Boerencommando unter Commandant Fruilletsn. i4, Unter egyptischer Sonne. Roman aus der Gegenwart von Katharina Zitelmann. Nachdruck »ertöten. Harald's Esel führte diesmal den Taufnamen Ramses, was viel Gelächter gab, da Wildau das muntere Grauthier als Bruder begrüßte und sich liebenswürdig darin fand, geneckt zu werden. Seine Mitregentin indeß nahm den Scherz übel und schien an ihrem prinzlichen Gefährten die Würde zu vermißen, die ein Erz herzog besitzen muß. Mit ernstem Gesicht erklärte sie, daß sie Herrn von Wildau fortan Pharao stattRamses nennen würde, der Titel paffe bester für ihn als der vulgäre Name. Dann ritt sie an seiner Seite davon, den Anderen weit vor aus, der lächelnden Blicke, die ihr folgten, nicht achtend. „Sie nimmt den Platz ein, der ihr nach ihrer Meinung ge bührt!" bemerkte Kleopatra achselzuckend. „Glaubt Fräulein von Umsattel im Ernst, Wildau könnte sie zu seiner Gemahlin machen?" fragte Harald diese vertraulich. „Sie möchte ihn dazu bringen", erwiderte Daisy gelassen. „Eine Heirath an die linke Hand wär« doch möglich, meint sie wohl? „Sie sollten Ihren Einfluß geltend machen, Mrs. Summers, daß Ihre Freundin nicht ihren Ruf aufs Spiel setzt", bemerkte Sperber. „Was geht das mich an!" entgegnete Daisy kühl. Harald gewann auf seinem vortrefflichen „Ramses" bald den Anderen einen Borsprung ab und unterhielt sich heiter mit dem intelligenten Treiber, der ihn an seinen Kairener Freund er innerte. Der Bursche lobte in vier Sprachen sein hübsches Weißes Thier, rühmte sich, daß er eine Schule besuche, in der er englisch und italienisch lerne, und bat Sperber, ihm doch Bücher zu schenken, da er sehr gern lese. Habe der Herr vie nicht, so bäte er um eine Uhr, die ihm noch lieber wäre. Er sei doch ein so reicher Gentleman, daß er ihm ein« solche wohl schenken könne. Nach einer Viertelstunde gelangte man auf eine der zu dem Tempelbrzirk führenden alten Processionsstraßen, an deren Seiten sich noch eine Anzahl der widderköpfigen Sphinxe befand, die «inst di« sämmtlichrn zum Heiligthum führenden Wege besäumt hatten. Der Pylon eines Tempels erschien, ein arabisches Dorf überragend, das sich an ihn drängte. Doch nicht dem Chunsu- tempel, der da vortrefflich erhalten vor ihm lag, sondern dem großen Ammonstempel galt Harald's Spannung, und so wandte er sich dem Strome zu, um von dorther auf der berühmten Fest straße durch den Hauptpylon einzutreten. Ein Gefühl ehr fürchtiger Scheu erfüllte ihn, als er zu den Riesenmauern empor sah und die Sphinxe mit den Löwenleibern erblickte, die da einer neben dem andern, das Widderhaupt der Straße zugekehrt, halb vom Wüstensand verweht, ruhten. Und nun stand er staunend in dem peristylen Hof. Eine Reihe von riesigen, zum Theil gebrochenen Säulen führte auf den zweiten Pylon zu, und Harald stellte sich die Tausende vor, die, zu beiden Seiten der durch die Säulen bezeichneten Procestionsstraße stehend, den Zug der Priester vorüberschreiten sahen, der, vom König angeführt, die Bilder der Götter, Standarten und Embleme feierlich, lang sam dahinwallend, zum Sanctuarium trug. Ein paar Eoloste Ramses' II., von denen jetzt der eine umgestürzt, der andere arg zerstört war, hatten zur Seite des Eingangsthors gestanden, durch das Harald nun in die berühmte Halle trat, die ihn geradezu überwältigte. Bis auf eine Säule, die schräg gegen eine ihrer Schwestern gesunken war, standen die 134 Säulen, die die Decke trugen, so weit er sie übersehen konnte, unversehrt. Die zwölf mittleren, den Durchgang begrenzenden, ragten wie Vorzeitliesen empor, als hätte die Natur selbst sie dort hingestellt, als wollten sie dem kleinen Geschlecht von heute Kunde geben von dem großen von einst. Schon den Plan zu dieser Halle, die die ganze Notre- Dame-Kirche in sich aufnehmen könnte, zu ersinnen, erschien Harald so kühn, so unendlich genial, die Ausführung des Gi gantenwertes so unbegreiflich, daß ihm die Worte fehlten. Es war ihm zweifellos, daß die ganze egyptische Reffe hier ihren Gipfelpunkt erreichte und daß er nichts mehr sehen könne, das ihn mit ähnlichen Empfindungen grenzenloser Bewunderung und Verehrung erfülle. Diese 21 Meter hohen, Uber und über mit Reliefs und Inschriften bedeckten Säulen, die sechs Personen nicht zu umspannen vermochten, wirkten nicht allein durch ihre ungeheuren Dimensionen, sondern durch die prächtigen Glocken- capitäle, die sie zum Himmel emporreckten. Wie ein Wald von Riesenbäumen, den dir schräg einfallende Sonne mit goldenen Lichtern bemalte, während die einzelnen Stämme tiefe Schlag schatten auf ihre Genosten warfen, lag dieser Saal da in seiner Herrlichkeit, und die alles zerstörende Zeit hatte vor ihm Halt gemacht, als müsse sie schonen, was so groß sei. An diesen Bau hatte die Wuth der Perser und barbarischer Eroberer nicht zu rühren gewagt. Die Erdbeben selbst, di« Egypten auf das Entsetzlichste verheert, hatten diesen Saal kaum beschädigt. Nur auseinandergerückt hatten sie ein paar der Quadern, aus denen die Säulen gefügt waren. Es war Harald heute nicht möglich, sich in die Einzelheiten zu vertiefen; das Ganze wirkte zu ge waltig auf ihn. Als er sich endlich, der späten Stunde wegen, entschloß, den Andern zu folgen, die der Dragoman führte, sah er vor sich ein ungeheures Chaos von Säulen, Obelisken, Trümmern, Pylonen, ein Tempelconglomerat von so riesiger Ausdehnung, daß er sich fürs Erste mit einem flüchtigen Rund gang über die Tempelstätte begnügen mußte. Und als er ins Freie trat, sah er abermals vor sich die Ruinen eines kleinen Tempels, während links nach Süden zu noch eine ganze Trümmerstätte erschien; doch ihn zog es der untergehenden Sonne nach, und so wandte er sich an der Außen wand des Hciligthums nach Süden, dem kleinen See zu, an dem er auch den übrigen Theil der Gesellschaft traf. Das stille Wasser, in dem sich der glühende Abendhimmel spiegelte, und das die Obelisken und Säulen der Tutmesanlage zurückstrahlte, war die Poesie selbst, und Harald wäre ungern der Aufforderung des Dragomans, weiter zu gehen, gefolgt, wenn ihm dieser nicht die Besteigung des ersten Pylons, von dem aus man den besten Ueberblick über die ganze Gegend ge winnen und den Sonnenuntergang genießen konnte, in Aussicht gestellt hätte. Dort oben erkannte Harald nun erst, wie klug die Pharaonen den Platz für ihre Hauptstadt gewählt hatten, wie alle Be dingungen gegeben gewesen, um deren Aufblühen zu sichern. In weitem Bogen wichen die schön geformten östlichen Berge zurück, ein Halbrund Erde umschließend, über das die Natur das Füllhorn ihrer Gaben ausgeschüttet hatte. Der heilige Strom, der drei fruchtbare Inseln in seine Arme nahm und dennoch breit und majestätisch dahinfloß, leitete den Blick hinaus nach Süden und Norden in unbegrenzte Fernen; dorthin, wohin die beladenen Schiffe ihre Frachten trugen, oder woher sie die reiche Beute brachten, die die Wunderbauten errichten und schmücken half. An der westlichen Seite aber, jenseits des Nil, von diesem durch ein ansehnliches Stück grünen Fruchtlandes getrennt, erhoben sich, in steilen und schroffen Wänden abstürzend, die Berge, welche die in langen Reihen neben einander liegenden schwarzen Oeffnungen ihrer unzähligen Gräber den Beschauer zeigten. In der grünen Ebene, die sich scharf von dem Goldgelb und Roth- braun der sich hinter- und übereinander schiebenden Gebirge ob zeichnete, lagen überall fern und klein die Ruinen ehrwürdiger Tempel, großartigster Drnkmäler, die einst d«n Glan- und Ruhm des hundertthorigen Theben ausgemacht und die noch die späte Nachwelt zur Bewunderung zwangen. Harald war ganz hingerissen von dem Bild, das sich ihm bot und das in herrlichster Beleuchtung vor ihm lag. Die unter gehende Sonne warf einen wahrhaft magischen Glanz über die Landschaft, einen verklärenden Schimmer, der ihm den Eindruck feierlicher Erhabenheit erregte und seine Seele mit Andacht füllte. Und während sein Auge schönheitstrunken an dem wunderbaren Farbenspiel hing, das sich vor ihm entfaltete, in die Glut des Himmels tauchte, die sich im klaren Wasser des Stromes spiegelte, auf den Bergen ruhte, die sich in Schleier rosigen Duftes hüllten, sich auf die ragenden Steinmafsen senkte, welche sich zu beleben, zu durchgeistigcn schienen im goldenen Abendlicht, be mächtigte sich seiner eine tiefe Melancholie. Seine Phantasie entführte ihn in die fernen Zeiten, da Theben mit den hundert goldenen Thoren einen Mittelpunct der Welt gebildet; er sah ein hochcultivirtes, reiches, glückliches Volk, das seine Götter ehrte, das eine Anbetungsstätte des Höchsten schuf, wie es weder vorher noch nachher eine ähnliche gegeben. Und fast spurlos war das Alle- dahin gegangen! Nur diese Ruinen zeugten in ihrer unbeschreib lichen Herrlichkeit und Größe von dem hochgemuthen Geist, der hier geherrscht! — Und Harald hatte doch geglaubt, daß nichts, was ist, verloren gehen könne, weder in der geistigen, noch materi ellen Welt; daß ein bewußter Wille die Menschheit vorwärts führe, der Vervollkommnung zu, daß wir im neunzehnten Jahr hundert nach Christus auf einer unendlich viel höheren Stufe der Entwickelung ständen, als jenes alte Volk mit den seltsamen Symbolen. Jetzt wollte ihm sein Glaube wie Täuschung er scheinen, und alle Vergleiche, die er innerlich zwischen dem Einst und Heute zog, lehrten ihn, daß das Letztere zur Uebrrhebung keine Ursache hätte. Die Formen hatten gewechselt: der Inhalt war derselbe geblieben. Was unsere Zeit vielleicht voraus hatte, waren die technischen Erfindungen, war die Kenntniß von Natur kräften, die in den Dienst der Menschheit gestellt worden. Mora lisch aber oder geistig, waren wir besser, weiter, als die Egyptrr es gewesen? Was würde nach abermals 4000 Jahren von der Welt von heute übrig sein? * * Ein Besuch deS Tempels von Luxor nach dem Diner machte den Beschluß dieses reichen Tages. Da« gigantenhafte Thor mit den Kolossen und dem Obelisken, da« Harald schon einmal wie eine Vision im aufflammenden Magnesiumlicht erschienen war, — nun sah er es im gehrimnißvollen Gchet« des Mondes,
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