Suche löschen...
01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 28.08.1902
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1902-08-28
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19020828019
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1902082801
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1902082801
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1902
-
Monat
1902-08
- Tag 1902-08-28
-
Monat
1902-08
-
Jahr
1902
- Links
- Downloads
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
Morgen-Ausgabe. cipngt»' TaMM Anzeiger. ÄmLsvl'att -es königlichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, -es Rathes un- Nolizei-Ämtes -er Lta-t Leipzig. Anzeigen-Preis die 6gespaltene Petitzeile 25 H. Reelamru unter dem RedactionSstrtch (4 gespalten) 75 vor den Familiennach richten (V gespalten) 50 H. Tabellarischer und Ziffernsah entsprechend höher. — Gebühren für Nachweisungen und Offertenannahme L5 (rxrl. Porto). Extra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbesörderuug 60.—, mit Postbesörderuug ^l 70.—. Ännahmeschluß fir Anzeigen: Abrud-AuSgab«: Vormittag- 10 Uhr. Morgeu-AaSgab«: Nachmittag- 4 Uhr. Anzeige« stad stet- an dm Expedition zu richten. Die Expedition ist Wochentag- ununterbrochen geöffnet vou früh 8 bi- Abend» 7 Uhr. Druck und Verlag von E. Pol- tu Leipzig. Donnerstag den 28. August 1902. 96. Jahrgang. Bezugs-Preis iu der Hauptexpedition oder den im Stadt bezirk und den Vororten errichteten Aus gabestellen abgeholt: vierteljährlich 4.50, — zweimaliger täglicher Zustellung ins Hau» 5.50. Durch die Post bezogen für Deutschland u. Oesterreich vierteljährlich für die übrigen Länder laut Zeitung-Preisliste. Redaction und Expedition: Iohanni-gaffe 8. Fernsprecher 15S «ud 2LL FUialevprdttisrrerr, Alfred Hahn» Buchhandlg., Universitättstr.8, L. Lösche, Nalharinenstr. 14, u. KünigSpl. 7. Haupt-Filiale Dresden: Strehlenerstraße 6. Fernsprecher Amt l Nr. I71S. Haupt-Filiale Serlin: Königgrätzerstraße 110. Fernsprecher Amt VI Nr. 3393. Nr. M. Oie militärische Ledeutung der Sahara-Lahn. In der englischen Presse nehmen gegenwärtig Er örterungen über daS zukünftige Verhältnis Englands zu Frankreich einen breiten Raum ein. Tie Ver anlassung hierzu mag vielleicht von Frankreich aus gegangen sein, dessen öffentliche Meinung sich viel nut Plänen in Afrika befaßt, wvbei insbesondere betont wird, daß der Van der Sahara-Bahn ernstlich in Angriff genommen werden müsse, um die afrikanischen Bc- fitzungen gegen England zu schützen. Zum ersten Male hört man bei dieser Gelegenheit, daß Frankreich die militärische und strategische Bedeutung der geplanten Bahn durch die Sandwüsten der Sahara weitaus iu den Vordergrund stellt, und im Gegensatz zu früheren Aeußcrungen den commerziellen Werth dieses neuen Schienenweges, vor der Hand wenigstens, nur sehr gering bemißt. Ter Ursprung dieser neuen Auffassung liegt darin, daß Frankreich für seine Colonien in West afrika und am Congo, die durch keinerlei Verkehrswege mit einander verbunden sind, -en Angriff der Engländer vom Atlantischen Ocean her fürchtet und seinen Besitz in dem Augenblick für verloren hält, in dem die franzö sische Flotte vor der englischen die Segel streichen müßte. Die Franzosen argumenttren weiter, daß, wenn auch die Ueberlcgenheit der englischen Marine über die Frank reichs durchaus keine ausgemachte Sache sei, es den Eng ländern bei der großen Anzahl ihrer Schfife immerhin möglich werden könnte, im Falle eines Krieges eine Lan dung französischer Hilfstruppcn an der westafrikanischen Küste zu verhindern. In diesem Falle wären somit die herrlichen Besttzthümer am Congo und am Tschad-See völlig wehrlos und den englischen Waffen so lange preis gegeben, bis auf dem Landwege ein Ersatzhcer heran geführt wäre. Da eö nun aber auf der Hand liegt, das; französische Truppen aus Algier niemals mittels Fuß märschen rechtzeitig in die durch die Engländer bedrohten französischen Gebiete gelangen können, so müßte der Ent schluß gefaßt werden, die weite Strecke vom Mittellän dischen Meer biö zum Longo oder Niger durch eine Eisen bahn zu verbinden. Der erste Gedanke an dies gewaltige Unternehmen, das wohl nur in der Sibirischen Eisenbahn seines Gleichen hat, datirt aus dem Ausgang der fünfziger Jahre, als der Wunsch laut wurde, Algier mit Timbuktu und dem Tschad-See durch eine Eisenbahnlinie in Zusammenhang zu bringen. Aber weder damals, noch Ende der siebziger Jahre gelang es den französischen Forschern, über die Vorstudien Hinwegzukommen, und das tragische Ende deS Obersten Flatters im Kampfe mit den kriegerischen Stämmen der Tuaregs trug auch nicht gerade dazu bei, die Hoffnungen auf ein glückliches Gelingen des schwie rigen Unternehmens sehr hoch zu stimmen. Auch ent standen schon damals Zweifel, welches der beiden Projekte Biskra-Timbuktu am Niger oder Biskra- Ts ch a d - S c e den angestrebteu Zwecken am meisten ent sprechen und die besten Aussichten ans einen Erfolg bieten würde. Die Vorarbeiten wurden indeß nach beiden Rich tungen fortgesetzt und die topographischen Studien derart betrieben und gefördert, daß es nur einer bestimmten Ent scheidung bedurfte, nm den Baubeginn eines der beiden bezeichneten Wege anordncn zu können. Dieser Entschluß hat jedoch bis zum vergangenen Jahre auf sich warten lassen, nachdem der siegreiche Zug der Mission F o u r c a u Lamn und die Besitzergreifung von Tuat, Gurara und Tidikclt den hartnäckigen Widerstand der allzeit kampf bereiten Tuaregs znin ersten Rial gebrochen hatten und die gefahrvolle Straße zum Tschad-See frei zu sein schien. Man entschied sich also für diese Richtung der Bahn linie und gab das Projekt der westlichen Tracc der Timbuktu-Bahn auf, weil mau der Ansicht war, daß Algier und Sencgambicn stark genug seien, sich selbst zu vertheidigen, während der französische Congo, der bis zum Tschad-See und nördlich darüber hinausrcicht, des direkten Schutzes bedürfe. Die Franzosen haben aber nunmehr, nachdem das Bahnproject in seiner Hanptrichtung festgesetzt ist, un zweideutig ausgesprochen, daß die Sahara-Bahn in erster Linie Angriffs- und Vertheidigungszwccken dienen soll, und daß in diesem Sinne der Bau geleitet und beschleunigt werden müsse. Es ist daher auch beschlossen worden, die Ausführung des Projektes nicht Privaten zu überlassen, deren Interesse in erster Linie auf den Handelsverkehr gerichtet sein würde, sondern dasselbe dem Colonien- Mi niste rium zu übertragen. Es wird für daS Ge lingen des schwierigen Unternehmens in baulicher Be ziehung in erster Linie darauf ankommen, wie weit cs möglich sein wird, den ganzen Bahnkörper zu befestigen, sowohl gegen überraschende feindliche Angriffe, als gegen Witterungseinflüsse, unter denen die Wüsrenstürme vbcu- anstehcn. Stellen sich hierbei, wie man vielfach Voraus sicht, sehr erhebliche Schwierigkeiten in den Weg, dann will man versuchen, durch Anlage vieler kleiner Zwischen stationen den Ban etappenweise fortzuführen, und will die Strecke zur nächsten Station immer erst dann beginnen, wenn der rückwärtige Weg nach jeder Richtung sicher gestellt ist. Wann unter solchen Umständen der ganze Bahnbau vollendet sein wird, wie hoch sich die Gcsamint- kosten belaufen werden, ob die zur Verfügung stehenden Truppen zur Arbeit und zur Bedeckung ausreichen, nnd ob schließlich die bei dein wichtigsten strategischen Knoten punkt Ag adem geplanten vier Abzweigungen nach dem Ostrande des Tschad-Sees ausführbar sein werden, das Alles sind Fragen, die sich heute noch nicht beantworten lassen, die aber ein Licht auf die vielseitigen Schwierig ketten des Niesenunternehmens werfen. Aus dem Papier sind vor der Hand für die Bauvolleudung der 48 000 Kilo meter langen Strecke sechs Jahre in Aussicht ge nommen, und was die K o st e n anbelangt, so hofft man, mit etwa 250 Millionen Francs auszukommen, hält jedoch einen Mehrbetrag von 100 Millionen keines falls für unwahrscheinlich. Tic englische Politik richtet ihre volle Aufmerksamkeit auf die französischen Sahara-Baupläne, und man verhehlt sich in London den gewaltigen Einfluß nicht, den die Durchführung des Projektes auf die Gesammtverhältnisse in Nordwesl- und Mittelafrika ausüben kann. Freilich rechnen die Engländer bei diesen Erwägungen auf die Unterstützung zweier wichtiger Faktoren, die neben den Hindernissen der Natur ihre Bundesgenossen werden, den Ban der Bahn aufhalten und dadurch die drohende Ge fahr vermindern sollen. Aber es fragt sich doch, ob die Nähe des englischen Niger-Gebietes, wie die räuberischen Tuaregs wirklich zwei Elemente sind, mit denen die britische Regierung in ernster Stunde rechnen kann. Der Fortgang der Ereignisse in Mittelasrika verdient unter solchen Umständen jedenfalls die Aufmerksamkeit der ge stimmten politischen Welt; denn dort liegt unstreitig der Schwerpunkt der schon ost aneinander gerathenen eng lischen und französischen Interessen. Deutsches Reich. -z- Berlin, 27. August. (Der ,,kuror protostLn- ticu!-.") Der ultramontanen „Köln. Volkszeitung" ist das Verdienst Vorbehalten geblieben, ein neues Schlag wort erfunden zu haben, indem sie schreibt: „Bei der NeichstagSwahl in Forchheim-Kulmbach hat der „kuror xrotostantieus" seine Schuldigkeit gclbau". Und daö führende Organ der bayerischen Cen- trumSpartei meint: „Man sieht auf den ersten Augenblick, daß in dein Resultat genau das konfessionelle Verbältniß zum AuSvrucke kommt". Das ist nicht ganz richtig; die Protestanten sinv den Katholiken des Wahlkreises um 10 Procent über legen, sie hätten demnach, wenn daS konfessionelle Verhältnis genau zum Ausdruck gebracht worden wäre, bei rund 18 000 abgegebenen Stimmen ein PluS von 1800 Stimmen sür den nationallibeialeu Bewerber ausbringen müssen, während dieses PluS thatsächlick» nur 900 Stimmen, allo nur 5 Procent, bctragcn hat. Die Annahme der „Köln. Volksztg.", daß „ein kleines Häuflein protestantischer Bauern" für den Eentruins- candidaleu gestimmt habe, trifft demnach wohl zu. Immerhin ist cs richtig, daß die große Mehrheit der Protestanten des Wahl kreises trotz aller zwischen ihnen bestehenden politischen Gegen sätze gegen den EentrumSmann Front gemacht hatte. Wir begrüßen dieses Erwachen des „türm' protostauticus^ und wollen hoffen, das künftighin niemals mehr Wahlkreise mit überwiegend protestantischer Bevölkerung dem Ecnlrum aus geliefert werden, wie dies früher mir zu oft geschehen ist, beispielsweise in Bochum und in Hamm mit je 35 Prcc. und in BreSlau-Neumarkt mit 60 Proe. evangelischer Be völkerung. Das klassische Beispiel eines solchen Wahl kreises ist aber der Kreis Bielefeld-Wiedenbrück, der nunmehr in drei Legislaturperioden hintereinander durch einen CentrumSmann vertreten ist, obwohl in diesem Wahlkreise die Katholiken nur 30 Proc., also noch nicht ein Drittel der Bevölkerung, ausmachen. Wenn das Zusammen gehen der großen Mehrheit der protestantischen Bevölkerung in Forchheim-Kulmbach künftig auch anderweit besolgt werden wird, so ist darin in keiner Weise eine Gehässigkeit der protestantischen Bevölkerung gegen die katho lischen Mitbürger zu erblicken. Zum Ersten werden die katholischen Interessen, soweit sie im Parlamente zu vertreten sind, durchaus „paritätisch" gewahrt, da das Eentrum mit seinen glaubensgenössischen Annexen (Elsässer, Polen und bayerische Bauernbündler) ein volles Drittel der Reichstags mandate innehat, was genau dem Procentsatze der katholischen Bevölkerung in Deutschland entspricht; man braucht also den Protestanten gewiß keine Gehässigkeit unterzuschieben, wenn sie nicht wollen, daß die specisijch katholischen Interessen nicht über daS ihnen zukommende Maß hinaus vertreten werden. Zum Zweiten aber gilt der Zusammenschluß gar nicht dem KatholicisniuS der belrestendcn Eaudidalen. Forckenbeck und Waldeck waren Katholiken, Letzterer sogar ein gläubiger Katholik, und sie sind von protestantischen Wählerschaften in den Reichstag bezw. das preußische Abgeordnetenhaus ent sandt worden. Der „t'uror prowstantieuz" ist also thatsächlich nur ein „kuror umidm'iculiä". Berlin, 27. August. lCentrum und „Mili tarismus.") Der bayerische kentrumsabgeordncte Lickcnberger hat im letzten Hefte des Staatslexikons der Görresgesellschasr Auslassungen über den „Militaris mus" gethan, die den Hellen Jubel der Socialdemokratie anregeu. Die moderne Kriegsrüstung verursache solche finanzielle Opfer, daß sie an dem Wohlstände des Volkes zehre. Dieser Ausdruck erscheint im weiteren Ver laufe seiner Betrachtungen Herrn Sickenberger noch nicht kräftig genug, und so erklärt er denn, daß der Militaris mus an dem Marke des Volkes zehre. Bei Herr» Lickcnbcrgcr's Abneigung gegen den heutigen „Milita rismus" spricht wohl die p a r t t c u l a r i st i f ch c Ge il u n u n g ein wenig mit. Nun, in jener „guten alten Zeit" vor hundert Jahren, wo Bayern noch nicht „ver- preußt" war, mußten bayerische Truppen im Dienste Na- polcon's auf russischen Schlachtfeldern verbluten und nahmen die bayerischen Staatsschulden in unerhörter Weise zn. Sicherlich suhlt sich das bayerische Volk unter dem heutigen „Militarismus", d. h. unter der allgemeinen Wehrpflicht, viel wohlcr und wird weniger in seinem „Marke" ansgezehrt, als damals. Herr Sickeuberger geht dann auf die Wirkungen ein, wenn aus dem bewaffneten Frieden sich der Krieg entwickele; der Krieg erzeuge und nähre Rohheit und Gefühllosigkeit und ein freies Leben, daS gegen alle Schranken der Religion und Sitte verstoße. Wieviel Kriege aber sind nicht gerade im Namen der Religion durch die katholische Kirche hcrbeigeführt worden. Wir erinnern nur an die Kreuzzüge und an den dnrch die Unduldsamkeit der katholischen Kirche veranlaßten Dreißigjährigen Krieg. Wir glauben wohl, daß in dem Feuilleton. Goethe als Lrieffchreiber. Eine Skizze zu Goethe's Geburtstage, 28. August. Von vr. Alexander Härlin. I>tach?ruck verholen. Von Goethe gilt, -aß er nicht nur durch seine Dich tungen, sondern vor Allem durch sein Leben selbst für die Deutschen, oder vielmehr für die Menschheit über haupt, von Bedeutung und von Segen geworden ist. Durch die Conscquenz und Energie, mit der er sein ganzes Leben lang die ihm cigenthümlichen Gaben heraus zuarbeiten und Alles, was in ihm lag, zur Wirkung und zum Ausdrucke zu bringen bestrebt war, hat er ein Lebens ideal ausgestellt. Es ist das Lebensideal der Renaissance, doch in einer erneuten und geläuterten Form — ge läutert dadurch, daß cs durch das Klärbecken des Hnmani- tätsgcdankens ging. Gerade die Vorbildlichkeit seines Lebens ist es, die seinen Briefen einen so außerordentlichen Werth giebt. Es hat einen unbeschreiblichen Retz, in den Briefen Goethe's zu verfolgen, wie sein Leben ward und wuchs, wie er sich selbst suchte und sand, wie er seinen Wirkungskreis bestimmte und ausdehnte. Das 18. Jahr hundert ist ja überhaupt als die Blüthezeit des deutschen Briefes zu bezeichnen; es hat eine äußerst fruchtbare Thätigkeit auf dem Gebiete der Briefschreibung entwickelt, und Goethe hat daran theilgenommen. Die Weimarer Sophien-Ausgabe steht im Begriffe, Goethe s sämmtltchc Briefe zu veröffentlichen, und man nimmt an, daß sie 45 Bände dieser Ausgabe füllen werden, woraus sich er- giebt, daß die Zahl der Goethe'schen Briese sich auf viele Tausende beläuft. In diesem Umfange können die Briefe der Nation als Ganzes nie zugänglich werden, und es ist daher ein wahres Verdienst, das sich der Berliner Ver- leger Otto Elsner erworben hat, indem er eine Auswahl der Goethe'schen Briefe veranstaltete. Diese Auswahl ist von Philipp Stein in sehr glücklicher Weise vor genommen, und cs sind die Briefe von ihm mit passenden Erläuterungen versehen worden. Da dies Werk außer dem in seiner Ausstattung sehr geschmackvoll ist, so ist nicht zu viel gesagt, wenn man die Ausgabe als eine schöne und unentbehrliche Ergänzung der GesammtauSgaben der Werke Goethe's bezeichnet. In Gocthc'S Jugend herrschte ein ganz bestimmtes Ideal davon, waS ein Brief sein sollte. An der Bildung dieses Ideales hatten Gottsched und vor Allem Gellert mitgcwirkt, und seine Eigcnthümlichkeiten und Vorzüge bestanden in der Natürlichkeit und Lebendigkeit der Schreibweise, verbunden mit graziöser Stilgewandthett, mit Reinheit und Eorrccthcit der Sprache. Diesen Cha rakter tragen auch die Briefe des jungen Goethe, besonders die aus seiner Leipziger Studentenzeit. Er thcilte damals die allgemeine Werthschätzung des Briefes und des Bricf- schretbenS. Seiner Schwester räth er einmal, „viel -u schreiben, allein nichts als Briefe, und das, wenn eS sein könnte, wahre Briefe an mich". Ter Brief ist ihm ein großes Erziehungsmittel, ein Erziehungsmittel auch in praktischer Hinsicht, wie denn Goethe an seine Schwester und auch an feinen Freund Behrisch häufig ganze Briefe oder auch Theile eines solchen in englischer oder fran zösischer Sprache schreibt, um sich in diesen Sprachen zu vervollkommnen. Er kritisirt sich in diesen Briefen selbst — „Heute war ich einmal lustig uud habe schlecht ge schrieben", so schreibt er einmal an Käthchen Schön kopf —, und er kritisirt ebenso gelegentlich seine Kvrre- spondenten, besonders seine Schwester. Einem langen Briefe vom 6. Deeembcr 1705 hat er eine eingehende Kritik des Stiles eines Briefes Cvrncliens cingcfügt. Wenn Goethe s Briefe aus dieser Zeit an Anmuth und Lebhaftigkeit des Stiles nichts zu wünschen übrig lassen, so ist es besonders interessant, zu sehen, welche Form sie annchmen, wenn Leidenschaft die Feder des jungen Bricfschreibcrs führt. Es war das die Zeit, wo in seinem Verhältniß zu Käthchen Schöntopf die Eifer sucht ihn dermaßen plagte, daß er schließlich als kranker Mensch in das Vaterhaus znrückkehrtc. Behrisch war es, dem er seine Leiden zu klagen pflegte; und wenn wir die Briefe, in denen er sie niedergclcgt hat, heute lesen, so hat es etwas Eigenes, zu scheu, wie der junge Brief schreiber sich selbst beobachtet. Goethe selbst hat diese Periode des deutschen Briefes in Wahrheit und Dichtung klassisch dahin charakterisirt: „Man spähte sein eigen Herz aus und das Herz der Anderen"; und durch diese Mischung von echter Leidenschaft und von bewußter Reflexion er halten viele Briese Goethe's aus dieser Zeit eiuen Stil, der entschieden an den epigrammatischen Stil Lessing s er innert. So prägen die Briefe des jungen Goethe in mehr als einer Hinsicht die geistigen Strömungen, die in jenen Tagen herrschten, deutlich aus. Aber allmählich tritt eine Wandlung in dem Stile der Briefe ein. Wenn das Streben des Bricfschreibcrs bis her gewesen war, abgerundet zu schreiben, und er mit Vorliebe lange Briefe geschrieben hatte — ein Brief an Friederike Oescr vom 13. Februar 1709 z. B. füllt nahezu zwölf Druckseiten —, so werden die Briefe jetzt kürzer, ja, manchmal nehmen sic die Form bloßer Zettel an, und ihre Physiognomie ändert sich vollständig. Der Brief der Sturm- «nd Draugpcriode tritt auf, jener Brief, dessen Ziel nicht mehr die gebildete Natürlichkeit Gcllcrt's, sondern die ursprüngliche uud originale Natur selbst war. Jetzt werden die Briefe voll von Kraft-Ausdrücken, die für Damenohrcn und Damcnaugen kaum geeignet sind; eine gewisse gewollte Formlosigkeit charakterisirt sie, und man strebt danach, zn schreiben, wie man spricht. An Herder schreibt Goethe einmal: „Da krieg' ich nach Tisch ein Büchlein zur Hand, Herrn Prof. Meiner'« Versuch — Egyptier — He! sag' ich, und blättere, wo kommt da Bruder Herder vor? — denn ich denk', das ist auf Anlaß! Mehr oder weniger. Finde Dich nun freilich nicht, weder im Guten, noch Bösen — das verfluchteste Lauzeug vom See Möri» und travestirte Leichen-Leremonien der Egyptcr rc. re. rc. rc. und so Orpheus! — und hinten nach 2. A. Z. rc. auch Deinen Namen, und im seidenen Mantel und Kräglein flink, daß er doch auch u. s. w." Diese abgerissene Schreibweise kann als Mnster-Beispicl des Stunu- und Drangstiles im Briefe gelten. Rian kann diese Epoche des Briefes bei Goethe seit den Wetz larer Tagen datircn. In den schönen, von tiefem Leide erfüllten Briefen, die er an Kestner und Lotte Buff ge schrieben hat, macht sich der neue Stil wohl zuerst stärker geltend, und er erreicht dann seinen Höhepunkt in jenen wilden Weimarer Tagen, in denen Goethe nnd der Herzog Karl August die stille Ilm-Residenz mit einem uuge- wvhnten und unerhörten Leben erfüllten. Der Schwung, der aus diesen Briefen spricht, die Kraft, die sic athmen, wirken noch heute hinreißend, lind ein Kennzeichen des Stiles sind die oft geradezu herrlichen Natnrstimmnngcn nnd Natnrschildernngen, die sich in ihnen finden. Die Briefe an Charlotte von Stein können als das köstlichste Dokument dieser Sturm- und Drangperiode be trachtet werden. Sie sind ein menschliches Dokument von einer solchen Gewalt und Kraft der Leidenschaft, wie ep kaum zum zweiten Male cxistirt. Alle Peripetien seiner Beziehungen zu Charlotte spiegeln sich in diesen Briesen: die verzehrende, leidenschaftliche Liebe, die schwermuths- vollc Entsagung, die Schnsncht nach der Geliebten, die Furcht, durch seine Liebe sie selbst zn schädigen, uud doch wieder die Gewißheit, daß, wie ihre Liebe ihn, so auch die seiue sie adelt. Es giebt unter diesen Briefen solche, in denen das Glück und die Seligkeit der Liebe mit unver gleichlicher Schönheit ausgesprochen ist, und solche, aus denen das Schluchzen eines brechenden Herzens in er schütternder Weise widcrklingt. Und was diesen Briefen den herrlichsten Stempel aufdrückt, das ist die Größe der Gesinnung, mit der Goethe das Verhältniß ausfaßt, ob sich nun Charlotte ihm versagt oder ob sic ihm ihre Neigung gewährt. Die unmittelbare Fortsetzung dieser Briefreihc bilden die Briefe ans Italien, odxv mit jankeven Worten Goethe's italienische Reise, die ja thatsächlich im wesent liche» auS den Briefen an Charlotte zusammcngcwcbt ist. Es ist interessant, auch in diesen Briefen zn beobachten, wie der Aufenthalt in Italien auf Goethe läuternd und klärend wirkt. Deutlicher und immer deutlicher tritt in ihnen seine Neigung nnd seine Kraft hervor, sich an daS Gegenständliche zu halten nnd cs mit vollendeter Plastik wiedcrzngebcn. Es weichen die trüben Schatten zersetzen der Reflexion znrück, und vom italienischen Himmel scheint eine heitere Ruhe sich auf diese Briefe herabzuscnkcn. Sic bildeten im wesentlichen den Abschluß des Verhältnisses zu Charlotte von Stein, und sie bildeten zugleich seine Krönung. Als Goethe nach Weimar zurückkehrte, war er auch als Briefschrciber ein anderer geworden. Das große Dokument dieser neuen Periode bildet der Briefwechsel mit Schiller. In ihm ist bas Fragmentarische der Sturm- und Draugpcriode überwunden, und die Zier lichkeit des Stiles, nach der der junge Goethe strebte, ist jetzt einer wahrhaft classischcn Sprache gewichen. Zugleich tritt die Neigung Goethe's in den Vordergrund, auch den Briefwechsel in den Dienst seines Lebenswerkes zu stellen. Er wünscht, daß auch die Briefe, die er schreibt, dazu bei tragen, die Aufgaben zn fördern, die er sich gesetzt hat. So ist der Briefwechsel mit Schiller voll von. Erörterungen der wichtigsten Fragen; und die in diesem Briefwechsel ent haltene Auseinandersetzung über dramatische Kunst ist ja allgemein bekannt. Dieser Zug macht sich vou nun an mehr und mehr geltend. Es ist unmöglich, an dieser Stelle den Briefwechsel Goethe s, wie er sich in seinen späteren Jahren entwickelte, auch nur andeutungsweise weiter zu verfolgen. Goethe wird der Gcistesfürst von Europa; der Strom seines Briefwechsels erweitert sich von Jahr zn Jahr, er umfaßt alle geistig bedeutenden Persönlichkeiten der da maligen Welt, umfaßt die verschiedensten Nationen, umfaßt alle Gebiete der Kunst und Wissenschaft. Ueberall aber bleibt Goethe sich selbst gleich. Ueberall sucht er den Brief wechsel zu unmittelbar fruchtbarer Wirkung zn benutzen. Wie er schon mit Schiller wichtige ästhetische Fragen er örtert hatte, so schreibt er auch an Rochlitz: „Ich bin zwar nicht der beste nnd treueste Korrespondent, indessen ließe sich ja wohl manchmal etwas über dramatische Kunst ver handeln." Der Brief, der früher ein impulsives Erzeugnis; der Leidenschaft nnd der Stimmung gewesen war, wird jetzt ein bewußtes Stück geistiger Arbeit. Goethe schreibt ein mal an Schiller: „Finden Sic unter Ihren Papieren den Brief, den ich Fhncn im vorigen Jahre zur kröf'nung einer ästhetischen Korrespondenz schrieb, so haben Sic die Güte, ibn mir zn schicken. Ich denke jetzt etwas daraus zu machen." Das ist der Brief in Goethe s männlicher und reifer Epoche, der Briefwechsel, in dem wir sein sich ge waltig ausbreitcndcs Wirken anschaulich beobachten können. Und wie der Jüngling und -er Mann, so spiegelt sich schließlich auch der Greis Goethe in seinem Brief wechsel. Je älter Goethe wird, desto formeller werden seine Briefe, und manchmal fühlt man sich versucht, auf die Briefe seines Grciscnaltcrs jenes von ihm selbst im zweiten Theile des Faust verwendete Wort „schnörkelhastesl" an- znwcndcn. So schreibt er an einen so vertrauten Freund, wie Heinrich Meyer: „Für Ihren frcnndlichst-nachricht- lichen Brief vom 18. Juni zum schönsten dankend, be stimme mich einiges nachzuholen mit zugcfugtcr traulicher Bitte." Entsprechend der außerordentlichen Ausdehnung seines Briefwechsels, beschränkt er im Grcisenaltcr den Umfang seiner Briefe so weit wir möglich; und gern be wegt er sich in einer Art von conventionellcr Manier. Be zeichnend ist die von ihm öfters angewandte Unterschrift: „Und so fortan! G." Es ist eine oft wiederholte Behauptung, das; der lite- rarischc Bricsschatz der Deutschen sich mit dem der Fran^ zosen nicht messen kann. Die sranzösilche Epistolographte ist reich nnd intercsiant, aber wir Deutschen haben Schätze anderer Art. Briese wie die Goethe's, Ranke's, Moltke's, Bismarck s gehören zu den schönsten Erzeugnissen, die in dieser Gattung geschaffen worben sind.
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
Erste Seite
10 Seiten zurück
Vorherige Seite