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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 29.05.1896
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1896-05-29
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-18960529028
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1896052902
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1896052902
- Sammlungen
- LDP: Zeitungen
- Saxonica
- Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1896
-
Monat
1896-05
- Tag 1896-05-29
-
Monat
1896-05
-
Jahr
1896
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Grössere Schriften laut unserem Preis- verzeichniß. Tabellarischer und Ziffernjatz nach höherem Tarif. Srtra-Beilagen (gesalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbeförderung 60—, mit Postbeförderung 70.—. Ännahmeschlnß für Anzeige«: Ab end-Ausgabe: Vormittag» 10 UhL Morgen-Ausgabe: Nachmittag» 4 Uhr. Bei den Filialen und Annahmestelle» je eine halbe Stunde früher. Anreisen sind stet» au die Expedition zu richten. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig 9V. Jahrgang. Politische Tagesschau. * Leipzig, 29. Mai. In der „Freis. Ztg." des Herrn Eugen Richter lesen wir: „Die Zeiten sind vorbei, in denen, wie in den ersten Jahren des Norddeutschen Bundes und des deutschen Reiches, eine rcichSgesetzliche Regelung zugleich eine refor matorische Bedeutung batte." Sehr verbunden für diese der nationalliberalen Partei, die jene Gesetzgebung machte, gespendete Anerkennung. Nur Schade, daß diese zu gleich die schärfste Verurteilung deS Fortschritts, Freisinns und wie die Partei des Herrn Richter sonst geheißen bat, in sich schließt. Diese Partei und insbesondere ihr jetziger Führer bat die Gesetzgebung der siebziger Jahre mit allen Mitteln zu hintertreiben gesucht; die Nationalliberalen, denen man jetzt die reformatorische Thätigkeit attestirt wurden, wegen eben dieser Wirksamkeit als Reactionaire gebrandmarkt und im Verein mit dem Centrum, den Polen und späterbin der Socialdemokratie vom „Fortschritt" bis aufs Messer und nicht ohne Erfolg bekämpft. Man hätte auf diese Erinnerung ver zichten können, wenn Herr Richter den Lobredner der Vergangenheit nicht in derselben Absicht machen würde, in der er sie, als sie Gegenwart war, getadelt hat — in der Ab sicht nämlich, abermals eine Reform aufzuhalten. Diesmal gilt es dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Herr Richter steht nicht allein, wenn ihm gewisse von der Reichstagscommission in den Entwurf bineingebrachle Bestimmungen über daSEberecht nicht gefallen. Aber er muß selbst zugeben, daß die Rücksicht auf das Centrum ihnen eine Mehrheit verschafft hat, und wenn eine solche Rücksicht geboten war, so trägt der Freisinn allein die Schuld daran. Ihm ist es zuzuschreiben, daß die klerikale Partei ihre jetzige Machtstellung erlangt bat und man vor der Wabl steht, auf das Bürgerliche Gesetzbuch überhaupt zu verzichten, ohne dadurch die Position des Centrums zu erschüttern, oder diesem Zugeständnisse zu machen. Dafür, daß das Sckeitern des großen nationalen Werkes dem Centrum nicht schaden würde, dafür würde schon Herr Richter sorgen, der der treue Vasall des Ultramontanismus geblieben ist und auch jetzt seine Vorwürfe wegen des Eherechtes an andere Adressen und nicht an die der Centrumpartei richtet. WaS diese Vorwürfe angebt, so erscheint uns sachlich der jenige vollauf berechtigt, der sich gegen die Bestimmung richtet, welche dem Geistlichen gestattet, vor der standesamtlichen Eheschließung ein Paar zusammenzugeben, wenn eine lebens gefährliche, einen Aufschub nicht gestattende Erkrankung eines Verlobten vorliegt. Hier wird allerdings in die Institution der obligatorischen Civilehe ein Lock gebohrt, das einem der Seelenjägerei verwandten geistlichen Uebereifer den Zutritt »erstattet. Wird diese Bestimmung Gesetz, so werden in dem Reichsgebiete, wo der katholische Klerus mächtig ist, sehr viele Wunder dadurch geschehen, daß lebensgefährlich Erkrankte nach einer priesterlichen Amts handlung alsbald wieder gesunden. Auf Antrag des Centrums, aber nicht ausschließlich unter klerikalen Gcsichtspuncten bat die Commission Geisteskrankheit als Scheidungsgrund be seitigt. Auch auf evangelischer Seite ist die Auffassung nicht fremd, daß das Aushalten bei dem Geisteskranken aus dem sittlichen Charakter der Ehe als Pflicht hervorgehe; viel verbreiteter und viel stärker begründet ist die Ansicht, daß das Ketten an einen Wahnsinnigen zur grausamen Härte werden kann. Gegen einen weiteren Beschluß der Commission, welcher »eben der Ehescheidung unter gewissen Voraussetzungen auch die bloße Trennung von Tisch und Bett zuläßt, werden von der „Freis. Ztg." und anderen Blättern die Argumente geltend gemacht, die gegen die Unauflöslichkeit der Ehe, wie sie daS katho lische Kirchenrecht vorschreibt, sprechen und die in Frank reich vor nicht langer Zeit zur Zulassung der Ehe scheidung gedrängt haben. Dieser Hinweis ist irreführend. Der Entwurf des Bürgerlichen Gesetzbuches läßt auch jetzt die gänzliche Scheidung zu und diese muß auf Antrag des einen Theiles sogar erfolgen, wenn nach der Trennung die eheliche Gemeinschaft nicht wieder Platz gegriffen hat. Einen neuen Beweis von ultramoutancr Redlichkeit, der der weitesten Oeffentlicbkeit nicht vorenthalten werden darf, liefert die „Germania". Um die gedachte Tugend deS klerikalen Organs ganz würdigen zu können, muß man sich den Wortlaut der von uns bereits mitgetheilten Erklärung der „Hamb. Nachrichten" vergegenwärtigen, die von angeb lichen Verhandlungen Bismarck's mit Mazzini handelt. Das Hamburger Blatt hatte geschrieben: „In einer uns zugehenden Schrift von Domenico Margiottn über Freimaurerei wird gesagt, der „erste geheime Agent" Mazzini's, Leinmi, habe seiner Zeit mit dem Grafen Bismarck verhandelt, was zu einem Schreibe» des Letzteren geführt hätte, „um die Italiener von der Sympathie für Frankreich abzuziehen uud für eine deutsche Allianz zu gewinnen". Dieses Actenstück wird in „wörtlicher Uebersetzung" mitgetheilt. „Ob es authentisch oder pure Erfindung ist, können uns die „Hamburger Nachrichten" sagen", bemerkt dazu eine Gegenschrift von I. G. Findel in Leipzig. Das können wir allerdings: Die Geschichte von den Verhandlungen und Correspondenzen zwischen dem Grafen Bismarck und Mazzini ist vollkommen erfunden und erlogen: Bündnisse werden niemals durch Conspiratoren und Verschwörungen, sondern immer nur durch staatliche Interessen herbeigeführt." Hier ist unzweideutig gesagt, daß Graf Bismarck mit Mazzini weder verhandelt, noch correspondirt hat. Dennoch fügt die „Germania" die Frage hinzu: „Wie ist es aber mit dem oben erwähnten Actenstück? Ist das auch lediglich erfunden oder erlogen?" DaS Blatt macht sich also den Umstand zu Nutze, daß in der Schrift der Italiener von einem „Actenstück" die Rede ist, während die „Hamb. Nachr." „Verhandlungen und Correspondenzen" in daS Reich der Lüge verwiesen haben. Die „Germania" glaubt also entweder an die Echtheit von Protokollen über Verhandlungen, die nie stattgefunden haben, oder sie treibt, um für ihr — durch das Manöver ihres Blattes nack der geistigen Seite hin ge nügend charakterisirtes — Publicum etwas von den klerikalen Verleumdungen des Herrn Margiotta zu retten, einen Miß brauch mit der Sprache, der selbst diesem abgehärteten Zeit alter ungewöhnlich erscheinen wird. Mit dem bisherigen französischen Botschafter, Jules Herbette, ist ein Mann aus schwierigem und ver antwortungsreichem Amte geschieden, der sich in Deutschland während der 10 Jahre seiner erfolgreichen Tbätigkeit zahl reiche Sympathien erworben bat. Am 23. October 1886 übergab Herbette in feierlicher Audienz dem greisen Kaiser sein Beglaubigungsschreiben; er betonte dabei: „Deutsch land und Frankreich haben zahlreiche gemeinsame Interessen und werden, wie ick überzeugt bin, mehr und mehr in denselben den Boden für eine beiden Ländern vortheil- hafte Verständigung finden. Mit gutem Willen diese Elemente zu erhalten und fortzuentwickeln ist das meinen Bemühungen vorgezeichnete Ziel. Ich werde das selbe mit um so mehr Eifer und Vertrauen verfolgen, als ich tief durchdrungen bin von den Gedanken des Friedens, der Arbeit und der Stetigkeit, welche die französische Nation beseelen und die Politik ihrer Regierung durchdringen." Herbette hat diese Worte wahr gehalten. Man kann ihm nachrühmen, daß er es im Einklang mit den Wünschen der amtlichen deutschen Kreise und des deutschen Volkes stets verstanden bat, gute, freundschaftliche Beziehungen von Regierung zu Regierung zu unterhalten. Das war nicht immer leicht, namentlich nickt in der ersten Zeit seiner amtlichen Tbätigkeit, wo das Ministerium Goblet-Boulanger den europäischen Frieden ernstlich gefährdete und eine ver- bängnißvclle Katastrophe in der Luft lag. Im Früh jahr 1887 gab der sogenannte Schnäbele-Fall beinahe Anlaß zur Mobilisirung der französischen Armee. Herbette hat alle diese Krisen überstanden und das Vertrauen der Reichsregierung immer mehr erworben. Er überdauerte, was gewiß viel beißen will, 16 französische Ministerien, um schließ lich dock dem kuror der Chauvinisten zum Opfer zu fallen. Der Minister deS Auswärtigen im vorvorigen Cabinet, Hanotaux und Herbette hatten die Theilnahme der fran zösischen Flotte an der Eröffnung des Nord-Ostsee-CanaleS zu gegeben und deshalb wülbende Angriffe von ihren chauvinistischen Landsleuten erlitten. Unter dem Sturm der Demagogen beugten sich selbst die Regierungsorgane wie „TempS" und „Döbats" und wagten die französische Theilnahme an der Kieler Feier nicht frank und frei zu vertbeidizen, sondern baten nur um Gewährung mildernder Umstände für einen Beschluß, der nun einmal nicht mehr rückgängig zu machen war. Seit jener Zeit galt Herbette als Ballast, welchen der in das Cabinet Möline wieder eingetretene Hanotaux auf seiner ferneren ministeriellen Laufbahn ab werfen müßte. Zu seiner Abberufung wagte sich das Mini sterium nicht zu entschließen; sein freiwilliges Gesuch um Versetzung in den Ruhestand scheint jedoch willkommen ge wesen zu sein. Um die fortwährenden Aufstände auf Kreta begreiflich zu finden, muß man bedenken, daß die wirthschaftliche Lage der christlichen Kretenser von Jahr zu Jahr eine drückendere geworden ist. Nach dem Vertrage von Chalepa (1878), welcher der Insel ein eigenes Budget zusicherte, hat die türkische Regierung jährlich aus Kreta 3*/» Millionen Piaster erhalten; sie leistete keine Beisteuer zu den bedeutenden Ver waltungskosten, nahm aber dafür den größten Theil der Zoll einnahmen in Anspruch. Im Jahre 1878 trat Kreta mit einem Deficit von 12 Millionen in die eigene Verwaltung, und dieser Fehlbetrag vermehrte sich von Jahr zu Jahr um 6—7 Millionen Piaster. Die Beamten wurden nicht bezahlt, die Gendarmen erhielten keinen Sold, und wenn die Bauern zur Bestellung ihres Landes Geld brauchten, konnten sie sich solches nur zu geradezu unerschwinglichen Wucherzinsen ver schaffen, weil die Pforte nicht ihre Zustimmung zur Er richtung einer landwirtschaftlichen Bank geben wollte. Dazu kommt, daß die türkische Regierung die Einwanderung von Arabern vom Stamme der Benghasi aus Nordasrika, sowie von Albanesen eifrigst förderte, wodurch sich das Zahlenver- bältniß zwischen Christen und Muhamedanern zu llngunsten der Ersteren verschob. Es ist dieselbe Politik, welche die Pforte in Ostrumelien und in Armenien verfolgt hat, indem sie dort Baschibozuks und hier Tscherkessen unter der eingeborenen Bevölkerung ansiedelte und jene dann auf die unzufriedenen Christen hetzte. Nach übereinstimmenden Berichten sind eS auch diesmal jene Benghasi gewesen, welche sich bei den Metzeleien von Canea hervorgethan und dieselben aller Wahr scheinlichkeit nach auch hervorgerufen haben. DaS sind zu reichende Ursachen, um den Ausbruch einer Revolution, die in Kreta jederzeit zu gewärtigen ist, vollauf zu erklären. Von verschiedenen Seiten wird behauptet, daß in erster Linie eng lische, in zweiter griechische Machenschaften die Unzufrieden heit auf Kreta geschürt und den Anlaß zu der neuerlichen Erhebung gegeben haben. Englands Hand ist ja überall im Spiele, wo es gilt, im Trüben zu fischen, aber heute glaubt selbst in England kaum noch Jemand daran, daß die Mächte eine britische Besetzung der Insel zugeben werden, und was Griechen land betrifft, so ist seine finanzielle Lage gerade gegenwärtig eine so prekäre, daß es sich auf kriegerische Unternehmungen gegen die Pforte schwerlich einlassen kann. Immerhin wird man, wenn der Aufstand länger andauern sollte, annehmen müssen, daß derselbe von auswärts pecuniär unterstützt wird; denn eine Revolution kostet Geld und abermals Gelb, und daran fehlt es gerade den Kretensern. Noch eher als an ein Eingreifen Englands glauben wir an ein solches Griechen lands, da Ministerpräsident Delyannis nicht gerade als sehr zurückhaltend und vorsichtig bekannt ist, wenn es sich darum handelt, der Türkei etwas am Leibe zu flicken. Wir erhalten heute folgende Meldung: Athen, 29. Mai. (Telegramm.) Eine Note der griechi schen Regierung an die Mächte erklärt, daß Griechenland die ganze Verantwortung für die Vorgänge in Kreta von sich weise, da die Pforte sich unfähig erweisen dürste, die Er. Neuerung der Unruhen zu verhindern. Greift damit Griechenland auch nicht unmittelbar in die kretensischen Wirren ein, so gewährt es den Aufständischen doch indirect eine moralische Unterstützung, die nicht verfehlen wird, das Feuer noch mehr anzufachen. Tie griechische Regierung stand mit der Pforte eben in Unterhandlungen wegen ver schiedener Kreta zu gewäbrenderReformcn, jetzt bricht dieselbe jede Verhandlung niit der Erklärung ab, daß die Pforte unfähig sei, Unruhen in Kreta zu verhindern, d. h. daß bei derselben das Gegentheil von gutem, ehrlichem Willen, den bestehenden Uebelständen abzubelfen, vorhanden sei; sie bekundet damit, daß sie nicht gewillt ist, durch ein weiteres Zusammengehen mit der Pforte sich zum Mitschuldigen an den Vorgängen in Kreta zu machen, und überläßt den Gang der Dinge sich selbst. Ob die Regierung so weit geben wird, in Consequenz Vieser ihrer Haltung eine offene materielle Unterstützung der Ausständischen durck grieckische Untertbanen zu gestatten, bleibt abzuwarten. Jedenfalls bat die Lage fick infolge der griechischen Note nicht vereinfacht. An thatsächlicken Mittbeilungen über die Ereignisse auf Kreta liegen uns die folgenden vor: * Rom, 28. Mai. Wie die „Agenzia Stefani" ans Canea meldet, hat sich die Lage daselbst etwas gebessert. Gestern sind keine Ruhestörungen vorgekommcn. Es wurden nur (!) Gewehrschüsse aus den benachbarten Dörfern vernommen, infolge des unter- brochenen Verkehrs fehlen jedoch nähere Nachrichten hierüber. Unter der Bevölkerung von Canea herrscht noch immer Furcht und Schrecken, die Straßen sind verödet, die Kaufläden geschlossen. * London, 29. Mai. (Telegramm.) Die „Times" melde» aus Athen: 2500 Mann türkische Truppen sind zusammen- gezogen und machen verzweifelte Anstrengunge», die 1000 Kretenser, welche sich in Tsisara verschanzt haben, zu vertreiben, jedoch ohne Erfolg. Auf Bitten Turkhan Paschas begaben sich die Consuln nach (5amos und versuchten, die Belagerten zum Abzüge zu be- wegen; die sich jedoch auf nichts cinließen. Tie in Griechenland lebenden Kretenser bereiten sich vor, zwecks Betheiligung an der Bewegung nach Kreta zu gehen. Deutsches Reich. * Berlin, 29. Mai. (Telegramm.) Gegenüber den von der Presse an den Besuch der „Institution okXnvnl ^.rcfiitocts" geknüpften Erörterungen führt die „Nord deutsche Allgemeine Zeitung" aus, daß die Institution Feuilletsn» Die Tochter des Millionärs. 23) Roman aus dem Englischen von L. Bernseld. (Nachdruck »erboten.) Trixie sah sich in Gefahr, gegen ihren Willen zu einer Heirath gedrängt zu werden, sie sah jetzt die lächelnden be züglichen Blicke ihres Vaters: sie verstand die Andeutungen ihrer Mutter, vr. Mayblow's schweigende Zustimmung zu deren Ansichten und nahm sich vor, ihrem Entschluß treu zu bleiben und nickt eher zu heiraten, bis daS Geheimniß mit dem Brillanthalsband aufgeklärt sein würde. Vorausgesetzt aber, daß sie dock einmal vor die Ent scheidung gestellt wurde, wa» dann? Wenn Trixie dieser Gedanke kam, fühlte sie sich sehr unbehaglich und war unfähig, die Frage befriedigend zu beantworten. Eines TageS fand der Graf sie allein. Das Wetter war regnerisch und man batte nicht« unternehmen können. MrS. Hopley hatte sich nach dem Frühstück in ihr Zimmer zurück gezogen und der Doctor war in die Stadt gegangen. Beatrix hatte geglaubt, daß der Graf ihn begleitet habe und suchte das Clavier auf, um einige neu angekommene Noten zu probiren. Sie war nicht wenig erstaunt, als die Tbür vorsichtig geöffnet wurde und der Graf prüfend in daS Zimmer blickte. „Darf ich hineinkommen, Miß Trixie? Störe ich Sie?" „O nein — bitte, treten Sie nur näher! Aber wie kommt es, daß Sie nicht mit dem Doctor in die Stadt ge gangen sind? Ich hörte doch, daß Sie daS beim Frühstück verabredeten!" „Nun ja —" erwiderte er zögernd, „aber das Wetter ist so ungünstig. Ich hoffte, Sie würden mir erlauben, ein wenig mit Ihnen zu Plaudern," sagte der Graf. Trixie lächelte, und sich erbebend, schritt sie auf den Kamin zu und nahm in dessen unmittelbarer Nähe Platz. „So lassen Sie uns plaudern, kommen Sie, Graf; hier am Feuer ist'« gemütblicher," sagte Trixie freundlich. Sanfoine stand neben dem Kamin und starrte auf die brennenden Kohlen. Der belle Schein des Feuer« fiel auf sein Gesicht und warf einen rothen Schein auf dasselbe. Nachdem sie einige Minuten schweigend verharrt, sagte plötzlich Sanfoine: „Miß Hopley, wissen Sie, warum ich hierher gekommen bin und die Gastfreundschaft Ihres Vaters angenommen habe?" Trixie schlug die Augen nieder und schwieg. „Sie haben mir sagen lassen", fuhr er fort, „daß Sie sich freuen würden, mich als Freund zu begrüßen, aber ich fühle, daß ich nicht ehrlich gegen Sie handele. Sie sind mir so offen und liebenswürdig entgegengekommen, daß ich den Gedanken, Sie auch nur im Geringsten zu täuschen, nicht ertragen kann. Ich wünschte Wohl, Sie verständen mich —" „Ich glaube, zu verstehen", murmelte sie leise. „Ich möchte Ihnen sagen, daß ick — Sie liebe! Nicht Ihres Gelbes wegen, Trixie — wenn sie eine Bettlerin wären, es würde dasselbe sein. Werde ich Ihnen das jemals klar machen können, werden Sie mir Glauben schenken nach der Beleidigung, welche ich Ihnen damals in Highmoor zugefügt habe?" Seine Stimme bebte, er sprach mit einem Esser und einer Leidenschaftlichkeit, welche Zeugniß für die Wahrheit seiner Worte ablegte. Trixie fühlte sich bewegter davon, als sie es für möglich gehalten hätte. „Ich glaube Ihnen, Graf!" erwiderte sie leise. „Gott segne Sie für diese Worte, Sie geben mir das Leben wieder, indem Sie das sagen!" Er beugte sich bei diesen Worten zu ihr nieder und ihre Hanv ergreifend, fügte er hinzu: „Wenn Sie mir glauben, Trixie, wollen Sie mir dann auch ein wenig Hoffnung schenken? Wollen Sie mir nicht erlauben, zu denken, daß eines Tages — vielleicht —" er stockte und blickte sie bittend an. Ihre schlanken Finger ruhten geduldig in seiner Hand, sie entzog ihm dieselben nicht und ihre Stimme klang ruhig und gefaßt, als sie erwiderte: „Es ist sehr, sehr freundlich von Ihnen, Herr Graf, und ich bin Ihnen dankbar für diese Worte — aber sehen Sie denn nicht ein, daß ich, so lange dieser Verdacht auf meinem Namen ruht, nicht daran denken kann, meine Hand zu ver geben: ich glaubte, Sie verständen mich, ich glaube auch, Or. Mayblow hätte Ihnen meinen Entschluß mitgetheilt." „Was kümmert mich das! WaS frage ich danach, Miß Hopley?" rief der kleine Graf aufgeregt. „Was will das sagen, wenn ich bereit bin, diesen lächerlichen Verbackt auf mich zu nehmen! Geben Sie mir das Recht, Beatrix, für Sie einzutretcu, machen Sie mich stolz und glücklich, indem I Sie mir erlauben, diesen so widersinnigen Verdacht zu wider legen, und ich verspreche Ihnen, daß nur wenige Wochen, nachdem Sie die Meine geworden sind, auch nicht der leiseste Schatten eines Verdachtes mehr auf Ihrem Namen ruhen soll!" Wer hätte je geglaubt, daß dieser kleine häßliche Graf so leidenschaftlich beredt werden könnte! Es war die Liebe, welche dieses Wunder in ihm bewirkt hatte. Zum ersten Male machte Beatrix sich klar, daß die Stellung, die sie einnahm, unhaltbar war und daS Bollwerk, hinter welches sie sick verschanzt batte, angesichts einer wahren Neigung nicht Stand halten würde! Warum hatte Victor sie nicht so geliebt? Warum nicht er? Das war die Frage, welche in ihrem Herzen aufstiez und sie peinigte, während Sanfoine zu ihren Füßen fortfnhr, seiner Liebe und seinen Hoffnungen in beredten Worten Aus druck zu geben. Der Anblick deS vor ihr knieenden Grafen entriß Beatrix den Gedanken an Victor. Der kleine Herr sah so sonderbar aus, als er so eifrig seine Sache verfocht, daß ein Fremder, der in diesem Augenblick zufällig das Zimmer betreten hätte, bei seinem Anblick wahrscheinlich in Helles Gelächter aus gebrochen wäre^ dock Trixie fühlte nicht dir geringste Neigung zum Lachen. Sie war sich des komischen Anblickes, den er bot, wobl bewußt, aber ihr Herz war zu tief bewegt, als daß sie im Stande gewesen wäre, über ihn zu lächeln. „Bitte stehen Sie auf. Sie dürfen nicht vor mir knien!" sagte sie zu ihm; er gehorchte augenblicklich und blickte sie unverwand bewundernd an. „Geben Sie mir einen Schimmer von Hoffnung!" flehte er. „Ich liebe Sie nicht, Herr Graf!" sagte sie ganz einfach. „Sie werden mit der Zeit vielleicht lernen, mich ein wenig gern zu haben, wenn Sie erst meine Gattin sind." „Ich kann nicht Unehre über Ihren Namen bringen, Herr Graf!" „DaS würde Ihnen auch unmöglich sein, Beatrix." „Doch abgesehen davon, ist die Tochter eines Seifensieders keine geeignete Partie für den Grafen von Sanfoine!" „DaS sind ja Alles nur Ausflüchte, Beatrix. Selbst ein Fürst könnte sich glücklich schätzen, Sir als Gattin beimführen zu dürfen. Sie thun mir die größte Ehre an, wenn Sie meinen Antrag annebmen!" „ES kann nicht sein, Herr Graf. Denken Sie doch, ein Mädchen, daS mit einem Menschen, wie Seudamore, heimlich versprochen war und außerdem noch beargwöhnt wird, seine Genossin bei einem Diebstahl gewesen zu sein!" Von Neuem drang er in sie und versicherte ihr, daß das Alles gar nicht in Betracht käme, denn seine Liebe zu ihr überwiege alles Andere, und daß er unausgesetzt bemüht sein würde, ihre Unschuld vor der ganzen Welt zu beweisen. So überspannt auch Manches war, was er vorbrackte, so schien es ihm doch heiliger Ernst zu sein, jedenfalls sprach wahre Liebe aus jedem seiner Worte, und Beatrix fühlte, wie mit jedem Augenblick ihr Widerstand mehr und mehr erlahmte. „Noch einmal, ich liebe Sie nicht!" sagte sie wider strebend. Der Graf richtete nun die Frage an Beatrix, ob sie Philipp Seudamore noch liebe, aber entrüstet wies sie diese Zumutung zurück. Sanfoine entwickelte darauf eine Be- redtsamkeit, die ihm sonst gar nicht eigen war, er sprach immer von Neuem auf Beatrix ein und drängte sie endlich so weit in die Enge, daß sie nicht mehr wußte, was sie ihm entgegnen sollte. „Ich liebe Sie nicht," wiederholte sie nur immer abweisend. Als der Graf sah, daß es ihm für den Augenblick doch nickt gelingen würde, sie seinen Wünschen geneigt zu machen, bat er sie inständigst, noch einmal mit sich zu Rathe zu geben und die Angelegenheit eine kurze Zeit — eine Woche — vierzehn Tage lang — wie sie wolle — unentschieden zu lassen, um zu versuchen, ob sie sich nicht doch noch vielleicht entschließen könne, seinen Wünschen Gehör zu schenken. Die arme Beatrix — müde und erschöpft — griff dankbar nach diesem Ausweg. In einem schwachen Augenblick versprach sie ihm, sie wolle sich die Sache überlegen und ihm in drei Wochen endgiltigcn Bescheid zukommen lassen. Sanfoine war durch diese Zusicherung so erfreut, als ob er tbatsacklich den Sieg davon getragen hätte. Er war so dankbar und entzückt, daß Beatrix über das, was sie gethan, fast erschrak. „Aber, Herr Graf, ich habe mich zu nichts verpflichtet — bitte, bedenken Sie daS wohl — durchaus zu nickt»!" wieder holte sie sehr eindringlich. „Weshalb danken Sie mir und worüber sind Sie so erfreut? E« ist sehr unwahrscheinlich, daß sich meine Ansichten und Gefühle in drei Woche« ändern werden!"
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