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Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 19.08.1900
- Erscheinungsdatum
- 1900-08-19
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-190008193
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-19000819
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-19000819
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-08
- Tag 1900-08-19
-
Monat
1900-08
-
Jahr
1900
- Titel
- Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 19.08.1900
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Größere Schriften laut unserem Preis- verzeichniß. Tabellarischer und Ziffernsatz nach höherem LarE. Extra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbefürderung M.—, mit Postbeförderuug 70.—. Annahmeschluß für Anzeigen: Abend-Au-gabe: Vormittags 10 Uhr. Morgen-Au-gabe: Nachmittag- 4Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je ein» halbe Stunde früher. Anzeige» sind stets an die dxpshttio» zu richten. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig, Sonntag den 19. August 1906!, 9t. Jahrgang. Rus -er Woche. Die verbündeten Truppen in China haben rasche und gute Arbeit gemacht. Sie haben in Peking selbst und nicht durch diplomatische Verhandlungen vor den Thoren der Stadt die Gesandten und die anderen übrigen Europäer befreit. Die Thatsache der Rettung der hart und lange Bedrängten, insbesondere ihrer Frauen und Kinder, die Entsetzliches erlitten haben müssen, ruft vor allen Dingen die freudige menschliche Theilnahme wach. Politisch ist daS Fragezeichen, das vor Len chinesischen Wirren steht, heute vielleicht noch größer als vor diesem erste» Schritt der Beantwortung. Die Kaiserin-Wittwe und der junge Kaiser sollen verschwunden sein. Und wenn auch nicht, wer bürgt dafür, daß mit ihnen und ihren Vertretern ernsthafte Verhandlungen sich pflegen ließen? WaS vor Allem noth thut, ist aber eine Regierung, an die man sich halten kann, die im Stande ist, für die schweren wider das Völkerrecht verübten Verbrechen Genugtbung und zugleich Garantien gegen die Wiederholung ähnlicher Unthaten zu gewähren. Man spricht von einem Waffenstill stand, „um über Friedensbedingungen zu verhandeln". Eine von ihrer Regierung nicht inspirirte europäische Zeitung ver- mag die Zweckmäßigkeit einer vorläufigen Einstellung der militärischen Operationen nicht zu übersehen. Aber daS ist erwiesen, kriegerische Maßnahmen sind daS Einzige, WaS den Chinesen imponirt, und wenn die Flinte aushört zu schießen und der Säbel nicht mehr haut, so würde das Geschick der gelben Herren, das diplomatische Gegenüber dilatorisch zu behandeln, sich erheblich unterstützt sehen. Eine chinesische Regierung, die den Namen verdient, ist die Hauptsache. Für einzelne „weiße" Negierungen mag eS allerdings verlockend sein, mit „Machthabern" zu verhandeln, die dies in Wirklichkeit nicht sind und eben des wegen geneigt sein werden, für die Anerkennung der Fiction ihrer Macht sich erkenntlich zu zeigen. Für Deutschland würde eine sehr rasche ehrliche Lösung der schwebenden Fragen die erwünschte Wirkung haben, daß die Mission deS Grafen von Waldersee, der sich erst Mitte dieser Woche einzuschiffen gedenkt, von selbst entfiele. Vorläufig sieht eS nicht danach aus und deshalb dürfte auch daS Verlangen nach Einberufung deS Reichstages nicht so rasch verstummen. Begründet wird eS aber nach wie vor unzureichend. Die „Köln. Volkszeitung", die noch vorgestern, im Gegensatz zur „Germania", die Berufung für unnütz erklärte, ist seit gestern für den „Gedanken" gewonnen. Die GeldbewilligungSfraze spielt auch jetzt für daS klerikale Blatt keine oder nur eine untergeordnete Rolle, aber eS will mit einem Male daS Parlament versammelt wissen, damit „die Leitung des Auswärtigen Amtes" Gelegen heit habe, ihr Programm amtlich und in feierlicher Weise öffentlich darzulegen. „Damit", so heißt eS weiter, „bindet sie sich selbst und kann nicht so leicht Extra vaganzen machen". DaS Mißtranen gegen „sie", die Leitung deS Auswärtigen Amtes, ist nicht ernst gemeint, denn gleich darauf wird unter rückhaltloser Anerkennung der Besonnen heit de» Grafen v. Bülow der Vortheil des „Sichbindens" für diesen selbst in Helles Licht gestellt: Wenn er sein Pro gramm im Reichstage öffentlich darlegt und dieser zustimmt, so hat der Staatssekretär eine feste Position Leuten gegen-1 über, „die die Regierung auf den Weg der Abenteuer! drängen möchten". Die Unrichtigkeit eines solchen Calcüls hat sich in den letzten zehn Jahren so oft ergeben, daß die „Kölnische Volkszeitung" eS eigentlich ihrem nicht geringen publicistischen Ansehen schuldig gewesen wäre, die falsche Rechnung nicht noch einmal aufzumachen. Hat, um nur von Neuestem zu reden, Graf Bülow in seinem Rundschreiben an die Bundesstaaten sein Programm etwa nicht amtlich und feierlich und noch dazu unter Hervorhebung der Zustimmung aller Bundesstaaten dargelegt und sind nicht dennoch seit dieser Veröffentlichung Dinge erfolgt, die sich nur in den Augen deS Schmeichlers mit jenem Programm decken und die es eben sind, was den Wunsch nach der Be rufung deS Reichstags nunmehr auch bei der „Kölnischen Volkszeitung" belebt hat? Die Hoffnung, Graf von Bülow werde sich oder andere vor dem Reichstage wirkfamer „binden" können, als vor den Regierungen der Könige von Bauern, Sachsen, Württemberg, des Großherzogs von Baden u. s. w. ist eitel und wird so lange eitel bleiben, bi» daß daS positive Clement im Reichstage sich entschließt, über die Unordnung in den deutschen Regierungsverhältnissen deutsch zu reden und keinen Zweifel darüber entstehen zu lassen, daß sie von dem Eintritt oder Nichteintritt einer Remedur ihre Abstimmungen abhängig zu machen schließlich gezwungen sein werden. Zur Zeit aber, so lange eine ungelöste diplomatische Frage, wenn auch al« Erzeugerin der inneren Unzufriedenheit, die Politik beherrscht, können und dürfen jene Elemente die Kreise deS im Ausland« engagirten Regierenven nicht stören. Diese an dieser Stelle kürzlich bereit« geäußerte Ansicht hat in der Presse mannig fache Zustimmung und nirgend« eine irgendwie haltbar be gründete Widerlegung gefunden. Bestimmend für die neuerliche Erhebung deS Verlangen vach Berufung ve« Reichstag« ist der Wunsch gewesen, etwas über die Vorgeschichte der Ernennung de« Grafen v. Walder see zu erfahren. Dieses Sehnen wird inzwischen 'aus reichend gestillt — durch den — „Russischen Regie- rungSboten", der unsere Ofsiciösen, die e« anders „Wußten", Lügen strafend, den deutschen Kaiser al- den ein zigen Urheber des Planes bezeichnet. Wa« daS russische Amtsblatt gleichzeitig über die Umschreibung der Befugnisse de« deutschen Marschall« andeutet, kann in diesem Augenblick auf sich beruhen. Aber rin Ausdruck de« Mißbehagen« ist wohl gestattet darüber, daß die Regierung de« kulturell, sagen wir jüngeren Reiches den Anlaß zu einer Lection für Deutschland fand, bestehend in der Bemerkung: „Bei aller uöthigen Energie des militärischen Vorgehens wird Rußland auch weiter standhaft dem menschenfreund lichen Vermächtniß folgen, welche« von Anfang und zu allen Zeiten den Ruhm der russischen Waffen bildete." Die russische Geschichte bestätigt dieses Selbstlob nicht auf jedem Blatte. Dagegen gebührt, nach ihren Handlungen ge messen, der Ruhm humanster Kriegführung unter allen Nationen ohne Streit der deutschen trotz ihrer leider über reichen Kriegsgeschichte. Eine Zeitungsnachricht der verflossenen Woche ließ den Reichskanzler Fürsten zu Hohenlohe amtS- müde geworden sein. Die Meldung wurde als Er- zeugniß conservativ - agrarischer Abneigung gegen den „bayerischen Aristokraten" gedeutet, der nicht so will, wie die Herren v. Brockhausen und I)r. Hahn wollen. Wir glauben, sie war nichts weiter als ein von der Augustsonne im Gehirne eines Reporters, der China den derzeitigen Vor rang in der öffentlichen Aufmerksamkeit nicht gönnte, tendenz iös ausgebrütetes Geschöpften. Der Abgang des 8ljährigen Herrn vom politischen Schauplatze ist ja keine sonderliche ge wagte Prophezeiung und in nicht gar zu später Zeil muß er wohl erfolgen. Vorläufig aber dürfte Fürst Hohenlohe die Pflicht der Verwaltung seines AltentheilS, die er jawohl in der Verhütung gewisser politischer Antheile erblickt, noch erfüllen zu können glauben. Da er andererseits, wie die letzten Wochen in mehr deutlicher als willkommener Weise gerade wieder zeigten, den Rahmen jener Wirksamkeit nicht so weit zieht, um ernstlich unbequem zu werden, so ist sein Verbleiben im Amte wohl auch der anderen bestimmenden Stelle nicht unerwünscht. Dem römischen Papst, dem „Diener der Diener Christi", ist schweres Unrecht wiederfahren. Wir haben schon darüber nach dem erzultramontanen Wiener „Vaterland" berichtet. ES ist nicht wahr, daß er für den ermordeten König von Italien eine Seelenmesse gelesen, und es ist ruchlose Ver leumdung, baß er den Hinterbliebenen sein Beileid ausgedrückt hat. Vielmehr war der Statthalter Gottes auf Erben ent rüstet, als er die Meinung aussprechen hörte, der hingemeuchelte Monarch sei nicht in Bann gethan worden. Ein großer Theil der katholischen Christenheit wird nach dieser Reinigung ihres Oberhauptes von harter Beschuldigung unfrommen ThunS erleichtert aufathmen, der andere Theil, der sich von der vermeintlich bethätigten Persönlichkeit Leo's XIII. wohlthuend berührt zeigte — dazu gehörten auch CentrumS- blätter — muß sehen, sich so gut als möglich mit der Wahrheit abzusinden. Glücklicherweise kann kein Streit darüber entstehen, daß der gut katholische BreSci sich nicht im Kirchenbann befindet. Vie Wirren in China. Auch die folgenden Telegramme, die beide amtlichen Charakter tragen, bestätigen die Meldungen über die Einnahme Peking«. Sie besagen: * Tientsin, 16. August. (Telegramm.) Heute Abend 10 Uhr 15 Min. ist über Tschifn folgende« Tele gramm des Generals Bamagnscht, datirt Peking, den 15. Augnst früh, hier cingegangen. Am 14. Angnst griffen die AUiirten Peking von der Lstscite, zuerst mit Artillerie, an. Die Wälle hielt der Feind hartnäckig. Der Angriff erfolgte durch die Japaner und Russe» auf der Rordseitc des Tongcholv-EanalSund durch die Eugländcr uuö Amerikaner aus der Südseite des EanalS. Nachts sprengten die Japaner zwei Thore auf der Lftscite der Tartar cn- stadt und drangen in die Stadt ein, während die Engländer und Amerikaner durch das Tnupicn Thor in die Ehincscnstadt eindrongen. Sofort wurden Detache ments beider Truppenabtheilungcn nach den Gesandt schaften dirigirt, wo sic zusammentrafcn. Ter Verlust der Japaner beträgt über 100 Mann, darunter drei Lfficiere, der chinesische Verlust über 400 Todtc. * London, 18. August. (Telegramm.) Das Marincministerinm hat folgende Depesche von Admiral Bruce empfangen: Peking ist am 15. August ge nommen worden. Die Gesandtschaften sind wohl behalten. Ein Zweifel ist Wohl kaum mehr möglich. Auffallend bleibt nur, daß in Berlin und den übrigen betheiligten Stellen noch kein amtliches Telegramm auS Peking selbst eingelangt ist. Der Telegraph zwischen Peking und der Küste fnnctionirt doch, sonst würde die Drahtmeldung de« Generals Jamaguschi nicht iu Tschisu eingetroffen sein. Daß man speciell in Berlin gestern Vormittag noch keine amtliche Nachricht hatte, geht aus folgender Meldung hervor: * Berlin, 18. August. Di« deutsche Regierung hat auf da» Gesuch Li-Hung-Tschang'S um FriedenSvrrhand- lungen im Laufe de- gestrigen Vormittags durch die hiesige chinesische Gesandtschaft geantwortet, daß von Verhandlungen irgend welcher Art nicht eher di« Rede sein könne, als bi- sich di« Personen der fremden Gesandtschaften, sowie die sonstigen Fremden Pekings unter dem Schutze deS Con- tingents der Mächte befänden. Dazu kommt noch, daß die erste directe Pekinger Meldung nur erwähnt, daß Detachements der verbündeten Truppen nach den Gesandtschaften dirigirt wurden und dort zusammen trafen, über daS Befinden derselben aber nichts verlauten läßt. Aber, wie gesagt, die übrigen Nachrichten lauten so bestimmt und stimmen so genau überein, daß ein schwer ent täuschende« Dementi kaum noch zu erwarten ist. Was nun? Die „Time-" berichten au- Shanghai unter dem 15. August: Der chinesische Gesandte in Tokio telegraphirte an Li-Hung-Tschang, die japanische Regierung sei ge willt, sich für die Kaiserin-Wittwe und den Kaiser zu verwenden, doch sei sie entschlossen, die Flucht der vier besonder- verantwortlichen Beamten Prinz Tuan, Kangyi, Hsütüng und Tschee-Hutschico zu verhindern. — Der russische Consul hier steht seit Kurzem mit Li-Hung-Tschang in lebhaftem Verkehre. Nach einer Mittheilung au« glaubwürdiger chinesischer Quelle ist Li-Hung-Tschang von der kaiserlichen Negierung be auftragt worden, durch den chinesischen Gesandten in Petersburg sich darüber zu unterrichten, ob Rußland ge willt sei, China behilflich zu sein, zu einer fried ¬ lichen Regelung der Dinge zu gelangen, und ob Rußland ferner die Versicherung geben wolle, daß eS nicht irgend einen Theil der Mandschurei zu annectiren beabsichtige. Wenn die Antwort günstig ausfalle, solle der Vicekönig sofort Unterhandlungen einleiten. Gleichzeitig ist der Militär- Gouverneur der Mandschurei angewiesen worden, die Feind seligkeiten einzustellen. In der „Nalional-Zeitung" lesen wir im Bezug auf die mögliche Gestaltung der Dinge: Die Chinesen können beab sichtigen, den Krieg auf unabsehbare Zeit fortzuführen, so daß die 80 000 Mann nothwendig sein werden, über welche die verbündeten Mächte nach ihren bisherigen Dispositionen in der zweiten Hälfte des September in China verfügen würden; und es kann ebensowohl der vollständige Zusammen bruch des Widerstandes der Chinesen bevorstehen. Wie unmöglich es ist, ihre Gedankengänge vorherzusehcn oder zn verstehen, daran gemahnt auch die Erinnerung an die Anfang Juli verbreitete, in der ganzen Welt geglaubte Meldung von der Niedermetzelung aller Ge sandten und sonstigen Fremden in Peking. Die schauerliche Ausmalung deS angeblichen Ereignisses, die Berichte, wo nach die Männer selbst ihre Frauen und Kinrer ge- tödtet haben sollten, um sie rticht in die Hände der Chinesen fallen zu lassen, die Schilderungen vom Zerhacken der Leichen u. dergl. waren das geistige Eigenthum der europäisch-amerikanischen Sensationspresse, in erster Reihe der englischen; aber die thatsächliche Meldung von der Niedermetzelung der Gesandten war von hohen chinesischen Beamten auSgegangen und etwa eine Woche lang von den diplomatischen Vertretern Chinas in Europa und Amerika nicht bestritten worden, obgleich alle diese Chinesen in ungestörter telegraphischer Verbindung mit Peking sich befanden; und nur zögernd und widerwillig verstand man sich zu dem naheliegenden Entschluß, den Gesandten zu ge statten, baß sie von ihrem Leben Kunde nach der Heimath senden konnten. Eine Zeit lang hat man sich offenbar chinesischerseits Vortheil von der Verbreitung der Ansicht, daß alle Fremden in Peking ermordet seien, versprochen. Nachdem nunmebr die Gesandtschaften befreit und in den Stand gesetzt worden, mit ihren Regierungen in ungehinderten Verkehr zu treten, wird man über den Zusammenhang der Pekinger Ereignisse seit der Ermordung Ketteler's, über die Beschaffenheit und die Stärke der chinesischen Parteien, die einander dort während der letzten drei Monate bekämpften, bald näheren Aufschluß erhalte»; darnach erst wird sich er messen lassen, was Weiler zu geschehen hat. Ein Telegramm spricht davon, daß die japanische Negierung die Flucht der Hauptschuldigen, deS Prinzen Tuan und seiner Genossen, ver hindern — also doch wohl ihre Bestrafung behufs der dem deutschen Reiche und den anderen Mächten zu leistenden Ge- nugthuung bewirken —, sich aber für die Kaiserin-Wittwe und den Kaiser verwenden wolle. Auch derartige Schritte, sei es von japanischer oder chinesischer Seite, werden sich erst auf Grund der Berichte der Gesandtschaften über daS, WaS seit Mitte Juni in Peking ge schehen ist, würdigen lassen. Im Hinblick auf die Noth- wendigkeit, eine chinesische Regierung wieder herzustellen, welche den Mächten die erforderlichen Garantien bietet, mag aber daran erinnert werden, daß in Staaten von der Art Chinas es zwar eine anerkannte Dynastie giebt, aber innerhalb dieser keineswegs eine sichere Thronfolge; die darüber etwa vorhandenen, sehr unbestimmten Regeln werden durch Palast-Revolutionen und gelegentlich durch die Anwendung von Gift und Dolch noch unsicherer. Das Verfahren der Kaiserin- Wittwe gegen den nominellen Kaiser, die Art, wie diesem ein Nachfolger im Voraus aufgezwungen wurde,und ebenso dieThat- sache, daß während der Pekinger Kämpfe zwei Prinzen, Tuan und Tsching, einander als die Häupter der fremdenfeindlichen und der fremdenfreundlichen Partei mit den Waffen be kämpften, beleuchtet diese dynastischen Verhältnisse. Vielleicht geben sie einen Fingerzeig für die Bildung der künftigen Regierung: sie kann sich innerhalb der Dynastie durch einen Wechsel der nominell regierenden oder der tatsächlich die Gewalt ausübenden Persönlichkeiten vollziehen. Wer von den Mitgliedern der Dynastie schuldig und wer schuldlos an den begangenen Freveln war, das wird man von den jetzt befreiten Gesandtschaften erfahren. Zunächst ist die Hauptfrage, ob man chinesischerseits Sicherheit für daS sofortige Aufhören aller Feindseligkeiten geben will und dazu im Stande ist. Hiervon wird das Maß der Truppen-Nachschübe abhängen können, welche noch nicht unterwegs sind, aber für die nächsten Wochen beabsichtigt waren. In der Presse werden hier und da allerlei An zeichen dafür hrrvorgeyoben, daß einzelne Mächte, so die Ver einigten Staaten,Japan,Rußland,England, daS Bestreben hätten, möglichst bald einer reoraanisirten chinesischen Negierung wieder zu friedlichem Einvernehmen zu verbelfen im Interesse der wirthschaftlichen Stellung jener Mächte in China. Wir halten eS für selbstverständlich, daß alle Mächte nach wie vor als unerläßlich ansehen, den Chinesen die eindringliche Lehre zu ertheilen, daß sie nur zu ihrem eigenen Schaben Frevel, wie die während der letzten Monate verübten, begehen können; hierin müssen und werden, wie wir hoffen, die Mächte einig bleiben, wie schwierig eS auch sein mag, die erforderlichen Maßregeln festzustellen; jede Macht, die eS verhinderte, würde die Verantwortlichkeit für eine baldige Wiederholung der Greuel der letzten Monate übernehmen. Ein anderes Interesse waltet auch für Deutschland nicht ob, am wenigsten etwa darum, weil daS deutsche Reich bereit war und ist, für etwa nothwendige gemeinsame mili tärische Operationen den Oberbefehlshaber zu stellen. Noch ist keineswegs sicher, daß er nicht nothwendig sein wird; findet er aber nicht« zu thun, dann um so besser. Wir wieder holen, wa» wir vom Beginn der chinesischen Wirren an gesagt haben: Deutschland ist au denselben nicht anders betheiligt, als die übrigen Mächte, wie denn auch mit dem Programm, das in dem Rundschreiben de« Grafen Bülow aufgestellt war, alle amtlichen Kundgebungen der anderen Mächte in Ueber- einstimmung standen; auch deutscherseits kann man nur daS Ziel in: Auge haben, in China für die Wiederherstellung ge ordneter Zustände zu sorgen und dann die friedliche Arbeit der Cultur und de- Verkehr- dort wieder aufzunehmen. Wie nahe oder wie fern diese- Ziel ist, kann man heute nicht beurthcilen; der Einzug der verbündeten Truppen in Peking ist auf alle Fälle eine wichtige Etappe auf dem Wege dazu. Tie Kämpfe in der Mandschurei. Aus Petersburg, 18. August, meldet uns der Draht: Der Viceadmiral Alexejew meldet dem Kriegsminister auS Port Arthur unter dem 13. August über Tschifu am 14. August: Gestern nahm General Fleischer mit dem 11. und Theilen des 1. und 3. Schützen-Regiments, 2 Compag nien und 2 Schwadronen der Schutzwache, sowie mit 5 Ge schützen Hait scheu nach einem Kampfe. Die Bewegung begann am 10. August von Daschitsao aus mit drei Colonnen. Der Feind nahm sieben Werst nördlich von Daschitsao eine Stellung ein und zog sich nach einem kurzen Kampfe mit einem Verluste von 100—150 Mann zurück. Am 11. August wurde der Angriff mit zwei Colonnen fortgesetzt. Der Feind verlor 300—400 Mann, vier Geschütze und eine Fahne und zog sich nach Haitschen zurück. Die Russen hatten 7 Ver wundete, und eS war ein russisches Geschütz demontirt. Am 12. August wurden bei Tagesanbruch die Position aus einer Höhenkette bei Haitschen und die Stadt selbst, die von den Chinesen, und zwar 4000 regulären Truppen und 1000 Boxern, mit acht Geschützen vertheidigt wurden, angegriffen. Der Feind zog sich nach Aissandsian zurück. — General Tschitschagow hat in Wladiwostok einen Aufruf er lassen , worin er in chinesischer und russischer Sprache die Bevölkerung deS Küstengebietes auffordert, sich nicht zu beunruhigen und ihren täglichen Arbeiten nachzugehen. Sonstige Nachrichten: * Wien, 18. August. (Telegramm.) Laut einer von dem Kriegsschiffe „Kaiserin und Königin Maria Therisia" eingetroffenen telegraphischen Nachricht hat der Kaiser von Korea den ver bündeten Truppen seine Sympathie au-sprechen lassen. Ferner schenkte er ihnen 1000 Säcke NeiS, 3000 Säcke Mehl und 2000 Büchsen Cigaretten, wofür die Befehlshaber der Geschwader ihren Dank aussprechen ließen. * Petersburg, 18. August. (Telegramm.) Der „Russische Invalide" veröffentlicht die Ernennung de- Generals Schlinsky zum General-Quartiermeister des Generalstabes. Der Krieg in Südafrika. Aus Deutschland ging der „Deutschen Wochenzeitung in den Niederlanden" von befreundeter Seite der Text unten stehender Bittschrift zu, welche von niederländischen und vlämischen Gelehrten an den deutschen Kaiser gerichtet wurde. Abschriften empfingen nur einige deutsche Hofwürdenträger und einfluß reiche Freunde der Boeren, sowie die Unterzeichner. Die Eingabe lautet: Allergroßmächtigster, Allerdurchlauchtigster Herrscher, Allergnädigster Kaiser, König uud Herr., Euerer Majestät wagen die tief unterthänigst unterzeich neten gehorsamen und treuen Unterthanen Ihrer Nieder ländischen Majestät, unserer über alles geliebten Königin, und Seiner Majestät, unseres Allergnädigsten Königs der Belgier, das nachstehende Gesuch ehrerbietigst gehorsamst zu unterbieten. Nachdem die Generäle Ihrer Majestät der Königin von Großbritannien und Irland in den letzten Monaten den Krieg gegen die verbündeten Süd-Afrikanischen Republiken durch Verbrennung undZerstörung unbetheiligter, friedlicher Bauernhöfe in schon unerlaubter Weise geführt, sind jetzt durch Verfügung deS Höchst- commandirenden Lord Roberts nahe an Ein Tausend Frauen und Kinder der unter den Waffen stehenden Vaterlandsvertheidiger aus den Süd-Afrikanischen Republiken, alle ansässig zu Pretoria, auS ihrem Heim vertrieben worden unter der nichtigen Begründung: Sie fielen der großbritannischen Heeres leitung zur Last. Es ist dies unrichtig, wie Euerer Majestät consularische Vertretung in Pretoria bestätigen kann. Die Familien der im Felde stehenden Boeren waren bei dem AuSzug ihrer Väter, Galten und Brüder zurück geblieben im festen Vertrauen auf die Zusicherungen persön licher Unverletzlichkeit, ihnen gemacht durch Lord Roberts in seinen Proclamationen; im Vertrauen auf englische Ritter lichkeit; im Glauben daran, daß Großbritannien die elemen tarsten Grundbedingungen einer civilisirten Kriegführung achten würde, wie eS in so leuchtender Weise durch die Heere der verbündeten Deutschen unter Euerer Majestät Hochseligem großen Vorfahren in drei Kriegen geschehen. Dieses von der großbritannischen Heeresleitung angewandte Mittel: die im Felde stehenden Feinde in ihrer Vertheidigung zu beschränken dadurch, daß deren Frauen uud Kinder den Gräueln des Krieges nnd einer unbarmherzigen Wildniß aus gesetzt werden, widerspricht dem Völkerrecht, wie eS von dem deutschen Professor Bluntschli dargelegt wird; eS widerspricht auch dem natürlichen Menschengefühl. An Euere Majestät, als den höchsten und edelsten Beschützer deS Rechts im Völkerleben der Welt, wenden wir, die ehr furchtvollst Unterzeichneten unS und bitten inständigst im Namen deS Rechtes: Möge die Weisheit Euerer Majestät ein Mittel finden, dem vurch diese Handlungsweise der großbritannischen Heeresleitung tief verletzten RechtSgefühl der Völker Europas und der Vereinigten Staaten Genugthuung zu verschaffen, in einem Augenblick, da das RechtSgefühl der un- so nahe stehenden und eng befreundeten deutschen Nation durch eine gegen alle« Völkerrecht streitende Thal Chinas einen so schweren Schlag erlitten hat. Eurer Majestät ehrfurchtsvollst gehorsamste Diener W. P. NoölS van Wageningen, Bankdirector und Vor sitzender vom „Nederlandsch Zuid - Ajrikaansch Fonds tot daadwerkelyken Steun". I. C. N^aber, Prof. Or. zur. (Universität Utrecht). Pol de Mont, Prof, am königlichen
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