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Sonnabe«-, 3. Oktober 1SV8. vi!t kb«r 3S0V Mmtr Rr. 231. Drttter JührzsuZ. und Anzeiger für das Erzgebirge Verantwortlicker Rrdaktenr: krUs -ti-ultsllt Für die Inserate v.rannvortlich- lltalter lirsu, beide in Aue i. Lrzgeb. mit der wöchentlichen Unterhaltungsbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Sprechstunde der Redaktion mit Ausnahme der Sonntage nachmittags von 4—5 Uhr. — Tclegramm-Adrcffe: Tageblatt Aue. — Fernsprecher Für unverlangt eingcsandte Manuskripte kann Gewähr nicht geleistet werden. Druck und Verlag: kluer Druckt- uncl 4.trl»,».«elrlllck>»n m. b. H. in Aue i. Lrzgeb. Bezugspreis: Durch unsere Boten frei ins Haus monatlich 50 f<g. 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Die ll n a b h L n g i g k e i t s e r k l ä r n n t Vu ' gari nt * ist nach Aeusprnngin den sii rr Pe> l cil itru d e r z c l t nicht zu ermatten. (Z. pel. Tzssch.) * Die bulgarisch« Negierung bot der O: ntb >hnge- sellschaft 1200000 türkische Pfund für du. st ril lig e n Bahnlinien. Die amerikanische Pazifik-Flotte ist in Manila ring et roffen, - T . I. - . >I'«N ff' - Ni Die Zal l der ertrunkenen Passagiere bei der Katastr phe niit der F ä h r e in S t a iltß lt > benagt na h den neu sten Frstneünngen 170. (2. N. a. a. Äell) Zur Arbeiterverficherungsreform. " nie. Vom Reichsamt des Innern sind Erundzüge zur Ar Leiterversicherungsreform ausgearbeitet und als ein vorläufiger Plan den Bundesregierungen zur Begutachtung übermittelt worden. Sie sind, wie es heißt, gegen den Willen der Behörde, der Öffentlichkeit zugänglich geworden. So be dauerlich ein Vertrauensbruch ist, so ist es doch kaum unerlaubt, wenn nun die öffentliche Kritik an die Grundzüge anknüpst. Professor Dr. Stier-Somlo (Bonn) fällt im einzelnen in der Deutschen Juristenzeitung folgende Urteile, die wir hier be- richtenshalber wiedergeben. Ein erster Reformpunkt betrifft den Kreis der versicherten Personen, der auch in der K r an k« n v e r s i che r u n g bis zu der Grenze gezogen werden , * muß, die bereits für die Invalidenversicherung besteht. Der Zu stand, daß die D i e n st b o t e n sich außerhalb der obligatorischen 4- Krankenversicherung befinden, erscheint dem Professor Stier- Somlo ebenfalls ungenügend, wie die Fürsorge für die land wirtschaftlichen Arbeiter, die lediglich nach 8 27 LUVE. durch die Gemeinden in unzureichender Weise versorgt werden. Preußen muß sich nach Ansicht des Gewährsmannes, dem mir hier folgen, den Vorwurf gefallen lassen, zur Landflucht auch dadurch beigetragen zu haben, daß die Reize, die für die Arbeiter die industriellen Orte bieten, noch dadurch erhöht worden sind, daß hier im Falle der Krankheit an Krankengeld, Arzt, Arznei und Heilmitteln sowie auch an besonderen Heilverfahren viel mehr geboten wird als auf dem Lande. Weiter meint Stier- Somlo: Die Heimarbeiter werden bei der nächsten Reform Pankenversicherungspflichtig gemacht werden müssen: die nur statutarische Versicherungsmöglichkeit sei unzureichend. Hinsichtlich des Kreises der der Unfallversicherung angehörigen Personen werden die im Handelsgewerbe Tätigen einbezogen werden müßen, auch wenn Lagerungs- oder Beförderungsarbeiten nicht vorkommen und der Betrieb handelsgerichtlich nicht einge tragen ist. Die Möglichkeit, den Kreis der an der I n v a l id e n- vcrsicherung Beteiligten zu erweitern, liegt nur vor bei den sogenannten Privatbeamten, falls deren Versicherung im Anschluß an die Invalidenversicherung erfolgt. Organisatorisch wird die G?ine'".-ekrankenversich«rung, die den Gemeinden große Lallest auferlegt, zu verschwinden haben. Die Betriebskrankenkassen, die landesgesetzlichen Knapp- ichastskassen und die Jnnungskrankenkassen verdienen, erhalten zu weisen. Kauvttypus, die Ortskrankenkasse, bedarf einer einschneidenden Reform. Die Grundzüge sind einer Zentralisation geneigt. Die Be- rufsgenossenschasten müßen erhalten werden, und zwar ohne daß ihnen das .Feststellungsverfahren entzogen würde, was die Re gierung osfenbar beabsichtigt. Damit würde ihnen der Kern ihrer Selbstverwaltung genommen werden. Wenn die Arbeiter an der Unfallversicherung teilnähmen, müßten sie auch die Hälfte der Kosten übernehmen, während sie jetzt nichts beitragen. Die Beiträge bei der Krankenversicherung könnten so bleiben wie sie sind: zwei Drittel zahlen die Arbeiter, ein Drittel die Arbeit geber, während die Erundzüge die Zahlung der Beiträge je zur Hälfte durch Arbeiter und Arbeitgeber vorsehen. Bei der Inva lidenversicherung sei die jetzige Regelung der Beiträge einwand frei, doch müßten bei dem Sinken des Geldwertes auch höhere Lohnklasse» als die jetzt bestehenden eingerichtet werden. Ein weiterer Reformpunkt betrifft die Schäden, die durch den Mangel eines organischen Zusammenarbeitens der drei Versicherungs zweige entstehen. Es ist notwendig, hier die Verzahnungen zwi schen Kranken-, Unfall- und Invalidenversicherung sorgfältig zu regeln, doppelte Leistungen seitens verschiedener Versicherungs zweige zu vermeiden, andererseits zu vorbeugender und geeigneter Tätigkeit dis verschiedenen Versicherungszwcige anzuhalten; aus der mangelhaften Fürsorge eines früher eingreifenden Dsrsiche- rungsträgers dürfen nicht Schädigungen der später zuständigen erwachsen, was z. V. bei ungenügender Heilung seitens der Kran kenkasse durch die Notwendigkeit einer hohen Unfallrente klar gelegt sein mag. Die vielfach vertretene Idee einer sozialpolitischen Lokal instanz soll nach den Grundzügen verwirklicht werden. Für Unfall- Invaliden- und Hinterbliebenenoersicherung soll «in Ver- sicherungsamt geschaffen werden. Es soll die Aufsichtsbehörde der Krankenkassen bilden, außerdem regelmäßige Spruch- und Be schlußbehörde erster Instanz für das ganze Gebiet der Arbeiter versicherung sein, endlich alle bisherigen Obliegenheiten» der unteren Verwaltungsbehörden übernehmen; nicht minder soll es Feststelrungsinstanz sein. Di« jetzigen Schiedsgerichte sollen aus- gcstalter werden zu Oberversicherungsämtern, über Lenen das Reichsversicherungsamt mit einer verminderten Kom petenz stehen soll. Stier-Somlo hält es für richtiger, wenn die künftige Lokalinstanz, das Versicherungsamt, nur die Verwal- tungsfunktton erhält, die an unte^st-p Stell? sß: hie Durchfüh rung der Aufgaben der drei VersichLruNgszuitl»« vorgenommen werden sollen; die Erteilung einer Funktion als Spruchausschuß und als Beschwerdegericht belaste das Versicherungsamt zu sehr so daß dann der bureaukratische Persicherungsamtmänn ge zwungen sein würde, die Geschäfte möglichst schematisch zu er ledigen und es würden die Arbeiter schon Wegen der Häufigkeit der zu besorgenden Angelegenheiten gar nicht zu einer ausgie bigen Mitentscheidung in der Lage sein. Damit würde die Be fürchtung einöt Beschränkung oder gar Vernichtung der Selbst verwaltung, auf der das ganze Vertrauen der Arbeiterbevölke rung beruht, zur Wirklichkeit werden. Hinsichtlich der Leistungen der Arbeiterversicherung müßte es gelingen, mindestens für zwei der Versicherungszweige einen gemeinsamen Begriff der Erwerbsunfähigkeit zu ge winnen, womit eine Fülle von Schwierigkeiten beseitigt würde. Der Begriff des Unfalls müßte erweitert werden. Auch die sogenannten Vetriebskrankheiten müßten als Voraussetzung einer Unsallrente gelten, so daß der Begriff der Plötzlichkeit im Unfall begriff nicht verbindlich sein dürfte — ohne daß hieraus eine unbillige Belastung der Berufsgenoßenschaften eintreten dürfte. Dem Wunsch, den parteipolitischen Mißbrauch der Krankenkassen seitens der Sozialdemokraten zu verhüten, könnte durch Ein führung des Verhältniswahlrechts bei den Krankenkassen ent- gcgengekommen werden. Das sind die hauptsächlichen Ausstel lungen und Vorschläge von Stier-Somlo; man darf glauben, daß die Veröffentlichung der Erundzüge noch zahlreiche andere Fach männer, auch mit anderen Ansichten, auf dm Plan rufen wird. Ein glücklicher Umzug. Humoreske von Rudolf Hirschberg-Zura. Schon seit zwei Jahren wohnten Müllers mit Schützens aus demselben Flur, und obwohl Müllers die Fünifzimmer- « wohnung mit drei Fenstern Vorderfront innehatten, so waren doch ihre nachbarlichen Beziehungen bisher immer von liebens würdiger und geradezu freundschaftlicher Art gewesen. Müllers hatten sogar dieselbe Waschfrau wie Schützens. Aber das hätten sie lieber nicht tun sollen. Eines Tages nämlich sagte diese Waschfrau zu Müllers, Schulzes Hütten gesagt, Müllers wären » eingebildet, und eines anderen Tages sagte sie zu Schulzes, Müllers hätten gesagt, Schulzes wären ungebildet. Da sie nun «A. merkte, daß diese Reden mit Unwillen zwar, aber doch mit Begierde vernommen wurden, so wurde sie in solchen Rosen immer eifriger. Sie berichtete Müllers, daß Schulzes Pferde- « fleisch äßen, und Schulzes berichtete sie, daß Müllers Margarine aufs Brot strichen. Dann sagte sie wieder zu Müllers, Laß Schulzes gesagt hätten, Müllers Else schmiße schon die Augen nach Len jungen Herren, und zu Schulzes, daß Müllers gesagt hätten, Schulzes Emil wäre geistig zurückgeblieben und gehöre in eine * Erziehungsanstalt. Seitdem klopft« Frau Schulze ihre Teppiche immer gerade dankM«nn Herr Müller sein Mittagsschläfchen halten wollte, und sie klopfte sie täglich. Frau Müller aber tat das nicht. Sie wartete so lange, bis ihre Teppiche gehörig staubig geworden ntaren, und legte sie immer erst dann zu einem recht ausgiebigen i»nd ausdauernden Auscklopfen über die im grasbewachsenen H^ntergarten angebrachte Teppichstange, wenn Frau Schulze dort foebey ihre frischgewaschene Wäsche zum Trocknen aufgehängt , chaDtL Daraufhin gab Herr Schulze seinem Jüngsten Unterricht ckmLrommeln. Herr Müller aber kaufte seinem Jüngsten eine und forderte ihn zu fleißigem Gebrauche dieses Zn- i .j<8WÜnriites auf. ohne ihm irgendwelchen musikalischen Unterricht »^^-«rteile^. Wenn jetzt Lei der unter den Flurnachbarn wochen weise abwechselnden Pflicht der Treppen- und Flurreinigung die Reihe an Frau Müller war, so nahm sie nie mehr den vor Schulzes Türe liegenden Strohdeckel in die Höhe, um ihn, wie früher, frcundnachbarlich auszuschütteln, sondern sie kehrte nur daran herum. Frau Schulze hingegen, wenn sie an der Reihe war, hob den Müllerschen Strohdeckcl sehr sorgfältig in die Höhe, jedoch zu keinem anderen Zwecke, als um den gesamten auf dem Treppenflur zusammengefegten Schmutz unter diesen Strohdeckel zu befördern. Als nun aber gar, es war Mitte Juni dieses Jahres, der vor Müllers Flurtiire stehende Milchtopf in eben vom Milch mann frischgcfülltem Zustand auf geheimnisvolle Weise umge stoßen worden war, da wurden Müllers so nervös, Laß sie augen blicklich die gemeinsame Waschfrau für immer ans ihren Diensten entließen, obwohl sie gerade Labci war, etwas ganz Entsetz liches von Schulzes zu erzählen. Müllers wollten überhaupt nichts mehr von Schulzes hören, und wenn es noch so inter essant klang. Der Name durfte in ihrer Gegenwart überhaupt nicht mehr genannt werden. Ende Juni gingen sie natürlich zum Hauswirt und kündigten ihre Wohnung für ersten Oktober. Nun begann ein eifriges Suchen nach einer neuen, ungestörten Wohnung, und Müllers waren so glücklich, bald etwas außer ordentlich günstiges zu finden: eine ebenfalls fünfzimmerige Wohnung, aber in angenehmerer Gegend, etwas geräumiger und mir sechs Fenstern Vorderfront. Allerdings war der Miets preis auch etwas höher. Doch hatte der bisherige Inhaber der Wohnung eigentlich noch einen zweijährigen Vertrag auszu halten und gewährte Müllers, da er aus geschäftlichen Gründen seinen Wohnsitz schnell verlegen mußte, aus seiner Tasche für die beiden Jahre je hundert Mark Entschädigung, so daß Müllers nun sogar noch etwas billiger wohnten, als in der bisherigen Wohnung. Außerdem wurde die neue Wohnung schon Mitte September frei, und Müllers waren selig, der gehässigen Nach barschaft und all dem endlosen Aerger nun schon vierzehn Tage früher entfliehen zu können. Freilich war auch in dem neuen Hause die Etage in zwei Wohnungen geteilt. Aber die an ihre künftige Wohnung stoßende andere Hälfte der Etage war nur von einer feinen alten Dame und deren Tochter bewohnt. Kinder waren nicht vorhanden, und Müllers waren auch fest entschlossen, keinesfalls dieselbe Waschfrau, wie ihre neuen Nachbarn, zu nehmen. Ja, als sie bei Besichtigung der neuen Wohnung der «Wen Dame auf der Treppe begegneten, tauschten sie nur einen freundlich höflichen Gruß und vermieden es absichtlich, persön liche Bekanntschaft zu machen. Sie waren zu der lleberzeugung gelangt, daß sich mit Unbekannten am leichtesten eine friedliche Nachbarschaft halten laße. Die Sehnsucht nach diesem Frieden wurde in den letzten Wochen durch die täglichen Schikanen der alten Nachbarn bis aufs Aeußerste gesteigert. Auch in die beiderseitigen Kinder scharen schlugen die Flammen des elterlichen Haßes über, und wenn Schulzes Emil etwas liebenswürdiger und auch selbst etwas verliebterer Natur gewesen wäre, so wären alle Vorbedingungen zu einer Licbestragödie wie zwischen den Häusern Eapulet und Montague gegeben gewesen. Denn Else Müller war hübsch genug, um einem heißblütigen Romeo als begehrenswerte Julia erscheinen zu können. Auch fehlte es in beiden Halbetagen nicht an je einem Balkon. Aber infolge der — wie es die Waschfrau genannt hatte — geistigen Zurückgebliebenheit Les ältesten Jungen Schulz« kam es nicht zu Balkonszenen, sondern nur zu täglichen Prügeleien im Treppenhause, und sämtliche Bewohner, einschließlich des Hauswirts, begannen die Vierteljahreswende mit Inbrunst herbeizusehnen. Endlich, am sechzehnten Septem ber, schlug für Müllers die Stunde der Erlösung aus den täg lichen Reibereien und gehässigen Schikanen. Bei diesem früh zeitigen Umzugstermin ging das Räumen glatt und fast ganz ohne Verspätung des Möbelwagens ab. Es wurde nur ein Tischbein abgeschlagen, zwei Gläser mit Eingemachtem zerbrochen, einig« Spitzen und Türmchen von dem schönen Renaiffancrgiebel des Büfetts abgestoßen und eine kleine Flasche Tinte, di« jedoch nur zehn Pfennig« gekostet hatte und auch nur noch dreiviertel voll war, in den Wäscheschrank geschüttet. Im übrigen verlief alles gut. Di« ganze Familie stürzte sich mit Feuereifer auf das Ein ritten der Wohnung, Bilder aufhängen, Gardinen aufmachen , . .. -