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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 11.02.1902
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1902-02-11
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19020211017
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1902021101
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1902021101
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Bemerkung
- Images teilweise schlecht lesbar
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1902
-
Monat
1902-02
- Tag 1902-02-11
-
Monat
1902-02
-
Jahr
1902
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Im vergangenen Herbste hatte das Verhältniß zwischen Rußland und Oesterreich, welches seit dem Ab schluß des bekannten Balkanabkommens freundlich und intim gewesen war, anscheinend eine starke Trübung er fahren. Die Vorgänge auf dem Balkan erregten das Mißtrauen in -er Donaumonarchie, und die Haltung Rußlands zu den kleinen Slawenslaatcn zerstörte die Befürchtung, es könnten in Osteuropa Machtver schiebungen eintreten, die dem Interesse Oesterreich- Ungarns zuwider laufen. Die Unruhe äußerte sich un verhüllt, und in -en Blättern Wiens und Pests konnte man Betrachtungen darüber lesen, daß Rußland seine Verpflichtungen nicht erfülle und den Balkanvertrag nicht respectire. Die wachsende Erregung im österreichischen Kaiserstaat war dem Zarenreiche keineswegs angenehm, und man hat alSbald begütigende Schritte unternommen. Anfangs sollte der Minister des Auswärtigen, Graf Lambsdorff, selbst nach Wien reisen, um mit Graf Gvluchowski die Differenzen auszugleichen. Das mochte aber doch als zu viel erscheinen, und so entsandte man den Großoheim -es Zaren, den Großfürsten Michael Nikolajewitsch, an die Donau,- er wurde dort mit Liebens würdigkeit ausgenommen und die Mißstimmung schwand; wenigstens äußerlich. Die Sprache der Zeitungen änderte sich rasch, von Zerwürfnissen und Streitigkeiten war nicht mehr die Rede, und -er Besuch eines Erzherzogs in -er russischen Hauptstadt w»rde angekündigt. Dieser Besuch findet nun eben statt, und zwar ist es nicht ein entfernter Verwandter des Kaiserhauses, sondern der Thronerbe, der ihn abstattet. Schon gleich nachdem die Reise des Erzherzogs Franz Ferdinand an den Zarenhof festgesetzt war, haben sich die Blätter in den verschiedensten Eombinationcn er gangen, welches wohl der Zweck der Fahrt sein könnte. Denn daß es sich nicht um den bloßen Austausch von Höflichkeiten handelte, war von vornherein gewiß. Von einigen wurde auf die durch -en derttschen Zolltarifent wurf geschaffene Lage als die Basis von Verhandlungen htngewiesen, die zwischen dem Erzherzog und dem Zaren, beziehungsweise Grafen Lamsdorff, stattgefunden haben. Jedenfalls mit Unrecht. Die wahrscheinliche Erhöhung der landwirthschaftlichen Zölle im deutschen Reiche wird Oesterreich schwerlich dazu veranlassen, -en Erben der Krone in besonderer Mission nach Petersburg zu senden, und Rußland seinerseits hat trotz der Erklärungen des Finanzministers Witte gar nicht das hohe Interesse an der Getreideausfuhr, wie man es allgemein zu glauben pflegt. Jedenfalls wird es sich sehr bedenken, wenn es wirklich einen Zollkrieg mit Deutschland planen sollte. Für die Reise des Erzherzogs an den Zarenhof läßt sich nur die eine Erklärung finden, -ah eine neue Aus sprache über den Balkan, eine Erläuterung über die Ab machungen des Jahres 1897 der russischen sowohl als der österreichischen Regierung wünschenswerth erschien. Wir wollen deshalb einen kurzen Rückblick auf die Ereignisse der letzten Monate in den kleineren Slawenstaaten werfen. Bekanntlich hatte die Zusammenkunft der Könige von Griechenland und Rumänien im vergangenen Früh jahre Anlaß zu -em Gerüchte gegeben, daß eine politische Annäherung zwischen den genannten Staaten statt gefunden habe, um ein wirksames Gegengewicht gegen die ehrgeizigen und unklaren Bestrebungen der Serben und Bulgaren herzustellen. Bald darauf hieß es, daß die letzteren im Verein mit Montenegro ebenfalls ein Bünd- nitz abgeschlossen hätten, dessen Oberleitung Rußland übertragen sei. Da der Sultan sich angeblich den Griechen und Rumänen zugesellt hatte, so war, nach den Angaben verschiedener Blätter, der Balkan förmlich in zwei getrennte Lager gethetlt. Die Ereignisse im Orient und im Süden Afrikas haben indeß der öffentlichen Aufmerksamkeit nicht gestattet, sich auf die Borgänge im Osten Europas andauernd zu concentriren. In Folge dessen ist es bisher nicht möglich gewesen, volle Klarheit über die Bündnisse nnd Vereinbarungen auf der Balkanhalbinsel zu erlangen. Daß die Gerüchte nicht ganz auS der Luft gegriffen waren, liegt auf der Hand. Darauf ist ja gerade die merk, würdige Unruhe an der Donau zurückzuführen. Oester- reich mußte seine Interessen auf dem Äalkan ernstlich bedroht halten, wenn LaS Zarenreich das Protectorat über die vereinigten Serben, Bulgaren und Monte negriner übernahm, deren aggressive Tendenzen, unge achtet aller KriedenSversicherungen, von Niemandem be stritten werden können. Daß Rußland auf diese Kleinstaaten einen mäßigenden Einfluß auSllbcn wird, können wir als sicher annehmen. Seine zahlreichen Interessen in Ost- und Mittelasien, die niemals ausgeglichen und beruhigt sind, gebieten ihm Verwickelungen in Osteuropa nach Möglichkeit zu ver meiden. Aber eS ist auch Lenkbar, baß trotz alle dem das Zarenreich zur Aktivität gezwungen werben könnte — gegen seinen Willen. Darum berührte die Unruhe in Oesterreich in Petersburg so pein lich, darum brachte die russische Presse begütigende Artikel und wurde -er Großfürst zur Reise an die Donau genöthtgt. Aber damals ist ein Ausgleich wohl nicht erfolgt, den herzustellen der Prinz auch kaum den Auftrag hatte und wahrscheinlich auch nicht im Stande war. Vielleicht gab man sich an der Newa der Hoffnung hin, daß mit einigen höflichen Redensarten die öster reichische Mißstimmung beseitigt werden könne. Das wäre ohne Zweifel eine trrthümltche Auffassung gewesen. Es haben jedenfalls diplomatische Verhandlungen zwischen beiden Regierungen über die Balkan angelegenheiten stattgefunden, die wahrscheinlich der Erzherzog Franz Ferdinand besiegeln soll. Diese werben dem europäischen Frieden nnd der Ruhe in Ost- curopa zu Statten kommen. Mit Recht betont die ungarische Presse, baß der Dreibund in Folge -er An näherung Rußlands und Oesterreich» nicht» zu fürchten habe, daß beide Staaten keine kriegerischen Plane und Jntriguen im Schilde führen. Worin sollten die denn eigentlich bestehen? Oesterreich wenigstens liegt außer ordentlich viel daran, die Dinge auf dem Balkan unver- ändert erhalten zu sehen. Und auch Rußland würde vor läufig Alles daran fetzen, um ernste Verwickelungen an den Grenzen der Türkei zu verhindern. Die Verbindung mit Serbien, Bulgarien und Montenegro kann nur eine Bedeutung für die Zukunft gewinnen, wenn die orien talische Krage in Folge der Zuspitzung der makedonischen und kretischen Dinge ohnehin zur Ausrollung kommt. Der Thatsache gegenüber, daß die Erzherzogsreije als Beruhigungsmittel für die panslawistischen Umtriebe an zusehen ist, bleibt es gleichgtlttg, welche besonderen Ab machungen zwischen Rußland und Oesterreich über den Balkan getroffen sind und vielleicht noch getroffen wer den. Deutschland wir- durch alle diese Dinge jedenfalls nur mittelbar berührt. Die Abgrenzung der Interessen sphären zwischen Rußland und Oesterreich würbe auch kaum in die Rechte anderer Großmächte eingrcifcn. Die Hauptsache bleibt, daß die makedonische» Hitzköpfe nun mehr wahrscheinlich darüber klar werben, daß sie auf keine Unterstützung werden rechnen dürfen, wenn sie ihr altes Treiben fortsetzen. Damit aber rückt der Aus- bruch ernster Verwickelungen im Wetterwinkel Europas wieder in größere Ferne. Der Krieg in Südafrika. Die ArirdenSactiou. "Haag, 9. Februar. Präsident Krön er wurde erst gestern amtlich von dem holländisch-englischen Notenwechsel verständigt; er wird keinerlei Stellung dazu nehmen. * Haag, 10. Februar. (Reuter.) Das heute früh verbreitete Gerücht, die Boerendelegirtrn hätten freie» Geleit nach Südafrika verlangt, ist vollkommen unbegründet- Auch ist keineswegs die Rede von einer Erkaltung der Beziehungen zwischen drin Präsidenten Krüger uad den Boerendelegirten, noch auch von einer Absicht Krüger'», sich in Genf uiederzulaffen. vsm Kriegsschauplatz. * Brüssel, 9. Februar. Nach einem Telegramm des „Petit bleu", des bekannten Organs der birsigen Vertreter von Transvaal auS dem Haag, haben dieBoeren jetzt jede Hofsnung auf das Ein schreiten einer Macht zu ihren Gunsten auf gegeben; sie wollen sich nur noch auf sich selbst verlassen und sind angeblich entschlossen, den Krieg so lange fortzusetze», wie es nothwendig ist. Lebensmittel haben sie im Ueberfluß, da sie im Norden Transvaals so viel Getreide gesät haben, daß es deu Engländern unmöglich sein wird, in alle Verstecke eiazudringen und die Felder zu zerstören. Was ihnen fehle, sei Tabak und Salz; di« Witterung habe keinen Einfluß mehr auf sie, da sie durch den laugen Krieg gegen jedes Wetter abgehärtet seien. Zum Nachfolger von Viljoen sei der Coin- mandant de Jong ausersehen, früher Handelsgehilse in Johannes burg, ber große militärische Begabung an den Tag gelegt haben soll. Wi, weiter berichtet wird, ist ei» Deutscher, der Erfinder eine» neuen Mittel» zur Sprengung von Panzerzügen, verwundet den Engländern in die Hände gefallen und sofort erschossen worden. (Mgdb. Ztg.) Der „Pall Mall Gazette" geht über -en Zustand, in welchem sich Bothas Commando augenblicklich befindet, ein Brief von einem holländischen Colontsten, -er mehr als ein Jahr mit Botha s Com- mando im Felde gestanden hat, zu. Der Briefschrciber leugnet, -aß cs den Bocren schlecht gehe. Sie haben Ueberfluß an Mehl und Fleisch nnd es fehlt ihnen keines wegs an Munition. Vor wenigen Monaten hielt Botha eine Rede an sein Eommanbo nnd versicherte diesem, daß der Steg den Boeren zufallcn müffel „Wenn ich nicht sicher wäre", so sagte er, „daß wir die Sache mit den Eng ländern hier ganz allein erledigen können, so würde ich mit meinen Eollegen unsere Truppen in die Capcolonie werfen, wo die ganze holländische Bevölkerung begierig ist, die Waffen zu ergreifen und, mit uns vereint, für immer die Engländer aus dem Lande zu jagen." Die im Felde stehenden Bürger sind voll Vertrauen. Sie nehmen Anweisungen alS Sold an und sehen -em versprochene» Tage entgegen, an welchem die wieder ins Leben gerufene republikanische Regierung diese Anweisungen gegen baares Geld einlösen wird. Der Zudrang von Recruten und die Zufuhr von Europa sind nicht mehr so reichlich, wie vor -er Ausdehnung de- KriegSrechts, aber ber Zustrom ist keineswegs vollständig abgestellt worben. Noch vor Kurzem trafen 70 Euroväer mit einem neuen Helio graphen und mit Gignallaternen ausgerüstet bei Botha ein. Tie hatten ihren Weg durchs Zululanb genommen." Zu dem kürzlich erwähnten Schreiben -eS General» Gxmt» an General Loui» Botha, welche» -em Parlament vor gelegt wurde, bemerken die „Daily News": General Smut» vertheidigt die militärische Nothwenbigkeit de» Farmverbrennen» mit genau derselben Begründung, die wir von unserer Regierung zu hören gewohnt sind. SS ist aber bemerkon»wer1h, daß die Logik, die, wie es scheint, manchmal bet dem englischen Publicum versing, nicht genügte, General Botha'» ernste Mißbilligung -es rauhen Vorgehens seines Untergebenen abzuschwächen. Die Thatsachen, daß General SmutS zwei Jahre lang erfolg reich gebient batte, baß er ein persönlicher Freund des General» Botya war, und bah brauchbare Führer selten geworben waren, beeinflussen nicht für einen Augenblick da» Urtbetl, bah -er Brandstiftung Dienstentlaflnng zu folgen habe. General SmutS betonte, daß man ihn lediglich nach seiner militärischen Leistungsfähigkeit be- urthetlen müsse, und bah kleine Jrrthümer, die weder den Sieg noch die Niederlage beeinflußten, nicht in Betracht zu ziehen seien. Wir haben General Botha's Antwort nicht, wir wissen aber, daß General Smuts' Verlangen keinen Erfolg hatte. Die klare Thatsache bleibt bestehen, daß ein Boercngcneral vom bocrischen Obergencral mit Dienstentlassung bestraft wurde, weil er Farmen nieder brannte. Können wir das von unserem Oberfeldherrn auch sagen? Ein Londoner Abendblatt bringt folgende Aufsehen erregende Mittheilung: Der bekannte Vertheibiger Mafekings, General Baden»Powell, hat bei einem Sturme der Boeren, als die Gefahr aufs Acußerste gestiegen war, Sträflinge freigelasien und sie bewaffnet. Von den Zinnen des Gefängnisses feuerten die Leute auf die anstürmenden Boeren, und ihr Ein greifen soll vornehmlich den Ausgang des Gefechtes ent schieden haben. Als der Gefängnißwärter, der die Sträf linge commandirte, von einer Bocrenkugel dahingestreckt mar, übernahm ein Mörder, der durch einen Gnaden spruch zu lebenslänglicher Jnhaftirung verurtheilt worden war, den Befehl und hielt die Leute so lange zu sammen, bis der Feind zurückgcschlagcn worden war.... Das englische Blatt stützt seine Mittheilungen auf An gaben des Parlaments-Abgeordneten und früheren Kriegs-Correspondenten der „Morning Post", Herrn Winston Churchill. Deutsches Reich. Berlin, 10. Februar. (Die Socialdemo- k raten als Jesuiten.) Ans der Reichstagsdebatte über den Tirpiy'schen Erlaß sei aus der zweiten Bebel- scheu Rede ein Satz hervorgchoben, der darthut, daß die Locialdemokratie sich auf jesuitische Fechterkunststückchen sehr wohl versteht. Die Abgeordneten, die dem Staatssekretär zu Hilfe kamen — und es waren dies ja Redner aller bürgerlichen Parteien mit Ausnahme der freisinnigen Vvltopartei —, hatten fst sämmttich betont, daß der Erlaß weder besonders neu, noch besonders wich tig sei nnd daß er daher eigentlich gar nicht als „Geheim"- Erlaß hätte bezeichnet werden sollen. Darauf erklärte Herr Bebel: „Wenn die Herren meinen, daß der Erlaß nicht so wichtig sei, warum das Geschrei?" Diese Bemerkung fand bei der freisinnigen Volkspartci und üeix Socialdemotratcn lebhafte Zustimmung. Die Beifalls spender sind sich aber offenbar nicht klar darüber geworden, daß es sich hier nur um ein Fcchterkunststückchen, um eine jesuitische Verdrehung handelte. Das Geschrei hat ja doch die s o c t a l i st i s ch c Presse erhoben, die den Erlaß veröffentlichte und mit Randbemerkungen, wie „er schreckende Moralbegriffe der Regierung", „absichtliche Täuschung des Reichstags" nnd dergleichen, versah. Hätten die Regierung und die bürgerlichen Parteien auf diese doch recht starken Vorwürfe geschwiegen, so würde die Socialdemokratic, und zwar ganz mit Recht, daraus ge schloffen haben, daß man nicht wage, sich zu verthcidigcn, und daß demnach alle Vorwürfe gerechtfertigt seien. Wenn also auf diese Angriffe geantwortet wurde, so wurde damit durchaus nicht zngestanden, daß der Erlaß an sich beson ders wichtig, sondern nur, daß cs nothwendig sei, die daran geknüpften hetzerischen Unterstellungen der socia- listischen Presse zu widerlegen. Wollte Herr Bebel viel leicht sagen, daß die Socialdemokratic dieser Ehre nicht würdig wäre, so hätte er sich deutlicher ausdrücken sollen. * Berlin, 10. Februar. (Das Ergeb n iß der socialdcmokratischen Arbeitslosenzäh- lung für Berlin.) Die „Nat.-Ztg." schreibt: Die Socialdemokraten werden bei ihren neuesten „Sen sationen" vom Unglück verfolgt. Mit großem Tamtam hatte der „Vorwärts" wochenlang eine Arbeitslosen zählung für Berlin angekündigt, die von der Gewerk- schaftscvmmission am 1. Februar veranstaltet werden sollte. Es wurde Alles gethan, um in Arbcitcrkrcisc» für eine erschöpfende Statistik zu werben, von der man ein die wirthschaftlichc Lage in den schwärzesten Farben schilderndes Bild erwartete. Nun ist die Zählung vor sich gegangen, und wie bei den Wahlen der letzte Social demokrat an die Urne, so ist hier der letzte Arbeitslose und der letzte Arbeitsscheue in die Listen gezogen. Die Ergebnisse liegen noch nicht vollständig vor, aber die bis her veröffentlichten Theile lassen keinen Zweifel, daß die Arbettslosenstattstik der Socialdemokratic eine große Ent täuschung bereiten wirb. Der „Vorwärts" veröffentlicht nämlich die Ergebnisse für den ersten, dritten und vierten Berliner Reichstagsmahlkreis. Danach sind in diesen drei Wahlkreisen zusammen zur Zeit 8525 Männer und 2088 Frauen, im Ganzen 10 563 Personen arbeitslos, einen beschränkten Tageserwerb haben 6883 Männer und 1526 Frauen, im Ganzen 8409 Personen, durch Krankheit erwerbsunfähig sind 2187 Männer und 868 Frauen, zu sammen 8055 Personen. Man wirb dieser ganzen Privat- Statistik keinen großen Werth beimeffen. Aber inter essant bleibt eS -och, daß jetzt selbst -er „Vorwärts" in drei Berliner Wahlkreisen nicht mehr als 10 563 arbeits lose Personen herausrechnen kann, nachdem früher die Ziffer für ganz Berlin bis auf 80 000 heraufgesetzt war. Da sich unter den noch ausstehenden drei Wahlkreisen der bedeutendste Arbciterbczirk der Rcichshauptstadt, der sechste Wahlkreis, befindet, so mögen die noch nicht fest gestellten Zahlen höher sein, als die bisher vorliegenden. Die Privat-Statistu mag sich dann vielleicht im Ganzen ungefähr mit den früher mitgcthcilten Schätzungen von Or. Freund decken. Auf eine Bestätigung seiner Dar stellung der Lage aber kann der „Vorwärts" nicht mehr rechnen. Im Gegcnthetl, berücksichtigt man das große Heer der Arbeitsscheuen und die in jedem, zumal in jedem schneeloscn Winter herrschende Arbeitslosigkeit, so können die bisherigen Zahlen auch nicht den Schimmer einer „sensationellen" Wirkung Hervorrufen. Gewiß ist daS Bestehen einer Arbeitslosigkeit in diesem Umfange traurig und mit allen Mitteln herabzuminbern, aber als Zeichen einer trostlosen wtrthschaftlichen Lage ist sie nock lange nicht zu betrachten. Wollte die Zählung -en Pessi mismus nähren, so ist ihr erfreulicher Weise ein Fiasco sicher. * Berlin, 10. Februar. Ueber die L o s - v o n - N o m - Bewegung und die ultra montane Presse wird der „Magdeb. Ztg." von hier geschrieben: Der stetige, wenn auch allmähliche Fortgaug der Los-von- Rom-Bewegung in den österreichischen Landen fängt offenbar an, die ultramontane Presse zu beunruhigen. Nachdem sie diese Bewegung im Anfang wie eine Seifen blase behandelt hat, die bald zerplatzen werde, versucht sie jetzt, wo sie sich der Besorgniß über den Umfang, den sie genommen hat, nicht mehr erwehren kann, die Polizei gegen sie aufzurufen. Unaufhörlich wird in den Organen der ultramontanen Presse, so erst neuerdings in der „Köln. Volksztg.", über die Saumseligkeit der öster reichischen Behörden Klage geführt, die der Bewegung höchstens hier und da „kleine Zwirnsfäden" in den Weg legten, aber nichts Entscheidendes zu unternehmen wagten. Das genannte Blatt erthetlt der Wiener Negierung, deren Behandlung in ber „Los-von-Rom-Bewegung sie als völlig verfehlt bezeichnet, den Rath, sich einige preußische Beamte zu verschreiben und ihnen zu überlassen, nach preußischen Necepten vorzugehcn. Tas Unbehagen über den Fortgang der Bewegung kann wohl nicht deutlicher zum Ausdruck gebracht werden, als durch diese Verhöhnung der Regierung eines überwiegend katholischen Staates. Nebenbei ist dieser Ruf nach der Polizei behufs Unterdrückung der Bewegung ein kost barer Beitrag zu dem noch in Verhandlung stehenden Toleranz-Antrag des Centrums. Wenn die „Köln. Volksztg." eine klare, runde Antwort, ein Ja oder Nein auf die Frage fordert, ob man in Preußen, Mecklenburg oder Sachsen missionirendcn katholischen Priestern nicht sofort das Handwerk legen würde, so nehmen wir keinen Anstand, diese Krage rundweg zu ver neinen, sofern cs sich bei dieser Missionirung um nichts Weiteres handelte, als um eine gleiche Unterstützung katholischer Glaubensgenossen, wie sic die genannten Ver eine den Evangelischen in Oesterreich zu Theil werden lassen. Zur Begründung dieses Nein dürfen wir uns ans die in bisher rein evangelischen Gegenden immer zahlreicher entstehenden katholischen Gemeinden berufen, denen cs Niemand wehrt, sich mit Hilfe des Bonifacius- Vcreins ein stattliches Gotteshaus nach dem andern zu erbauen. Auf die unsinnige Behauptung der „Köln. Volksztg.", daß die Unterstützung der in Oesterreich neu entstandenen evangelischen Gemeinden durch den Gustav Adolf-Verein und den Evangelischen Bund einen sta a ts- feindlichen, die Besitznahme deutscher Gebiete im Auslande vorbereitenden Hintergrund habe, auch nur ein Wort zu erwidern, halten wir nicht für der Mühe wcrth. Sie ist so albern, daß sie auch nur ein Beweis für die Verlegenheit ist, in der man sich ultramontaner- scitS der Los-von-Rom-Bewegung gegenüber befindet. (-) Berlin, 10. Februar. (Telegramm.) Der Kaiser verblieb die Nacht im Potsdamer Stadtschlosse. Heute Morgen traf auch die Kaiserin, vonl Berlin kommend, dort ein. Der Kaiser horte im Lause deS Vormittags den Vortrag des CbesS des CivilcabinetS I)r. v. Lucanus und gedenkt, Mittags nach Berlin zurückzukebren. (-) Berlin, 10. Februar. (Telegramm.) Die „Nord deutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: In den letzten Wochen ist in englischen und amerikanischen Blättern wieder holt behauptet wordeu, England habe während des spanisch amerikanische» Krieges den Bereinigten Staaten dadurch einen werthvollen Dienst geleistet, daß eS eine von anderen Mächten, zum Beispiel auch von Deutschland, beabsichtigte Einmischung verhinderte. Im Verlaufe der hierüber entstandenen Eiortcrungen wurde in der deutschen Presse die geschichtliche Thatsache zur Sprache gebracht, daß ein die amerikanische Politik in Cuba mißbilligender Collectivschrittder Mächte geradevondem Vertreter Großbritanniens in einer Confrrenz der Botschafter in Washington am 14. April 1898 angeregt worden ist. Diese Tbatsache, die nicht als ein nur zwei Mächten be kanntes Gebeimniß gelten kann, suckt man jetzt auf der Gegen seite zu bestreiten. Ein englisches ZeitungStelegramm meidet: Der Washingtoner Correspondent der New Dörfer „Evening Post" drahtet, er sei zu der Erklärung ermächtigt, daß die am 6. Februar veröffentlichte Berliner Depesche, wonach Paunce- fote am 14. April 1898 eine Collectivnote an die Re gierung der Bereinigten Staaten über die Unrechtmäßig keit einer Intervention in Cuba vorgrschlagen hat, eine thörichte Behauptung (absurä 8tatemeut) sei. Wir haben hierauf zu erklären, daß in dieser Sache eme Thorheit nur dort zu entdecken ist, wo man versuchen will, einen Vor gang zu verdunkeln, der sichnicht unter vier Augen abgespielt bat, über den vielmehr am 14. April 1898 die Vertreter sämmtlicher Großmächte in Washington nach einer Verabredung gleichzeitig und gleichartig an ihre Regierungen berichtet haben. (-) Berlin, 10. Februar. (Telegramm.) Die neunte General-Versammlung de» BnnVe« »er VanSwirthe wurde beute im Circu» Busch durch den Bundesvorsitzenden vr. Rv ficke mit einer längeren Ansprache eröffnet, die mit einem Hoch auf den Kaiser und die drutschen Fürsten endigte. Der Versammlung wohnten etwa 8000 Personen bei. Zum Zolltarif lag folgende Resolution vor: Di« Landwirthschast al» solche Hot kein Jnteress« an lang fristigen Handelsverträgen, ist aber b«r»tt, an einem Zustandekommen solcher mltzuwirken im Interesse der heimischen Industrie. Sie kann da» nur, wenn ihr im neuen Zolltarif da»jenige Maß de» Schutze» gewährt wird, dessen st» neben einer blühenden Industrie gegenüber dem billiger produclrenden Ausland« bedarf. Die Generalversammlung stimmt den wtrth- schaftlichen Anschauungen zu, di« in der Eingabe de» Bunde» der Landwirth» an de« vnade»rath und an den Reich»tag vom 28. November 1901 ntedergelrgt sind Die Varl»« der verbündeten Regierungen ist für di» deutsche Landwkthschaft nicht an«rtz«»ar. Sollte »» nicht geling,,,
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