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Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 07.01.1900
- Erscheinungsdatum
- 1900-01-07
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-190001077
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-19000107
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-19000107
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-01
- Tag 1900-01-07
-
Monat
1900-01
-
Jahr
1900
- Titel
- Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 07.01.1900
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Größere Schriften laut unserem Preis- verzeichniß. Tabellarischer und Zifsernsatz nach höherem Lartf. Extra-Beilagen (gefalzt), uur mU der Moraen-Au-gabe, ohne Postbeförderung SV.—, mit Postbesörderung 70.—. Ännahmeschlnß für Anzeige«: Ab end»Au-gabe: Vormittag« 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittag» »Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je eine halbe Stunde früher. Anreisen sind stet» an die Expedition zu richten. Druck und Verlag von E. Polz kn Leipzig. Sonntag den 7. Januar 1900. 81. Jahrgang. Leipzig im Jahre 1899. II. (Schluß.) Wie in jedem Jahre, so zeichnete auch im vergangenen da« sächsische KönigSvaar unsere Stadt mehrfach durch seinen Besuch au«. Gemeinsam waren König Albert und Königin Carola Ende Januar und gegen Mitte September hier (Besichtigung des Palmengartens), zur Jagd der König Anfang December. Prinz Albrecht von Preußen, Regent von Braunschweig, war am 23. Juli anwesend und nahm eine Parade über da« 18. Ulanen-Regimrnt ab, zu dessen Chef er vom König ernannt worden war. Später besuchte der Prinz da» Grassi - Museum, dessen Sammlungen er hoch befriedigt in Augenschein nahm. Zum commandirenden General de« neugebilheten 19. Ar meecorps wurde Generallrutenant von Treitschke am 25. März ernannt. Anfang October erfuhr die Leipziger Garnison durch den Hinzutritt zweier Abteilungen de« 7. königl. sächs. Feldartillerie-Regiment« Nr. 77 und des 2. königl. sächs. Trainbataillon» Nr. 19 eine Ver- stärfung. Di« Truppentheile wurden am 14. October vom Oberbürgermeister Namen« der Stadt begrüßt. Da« Reichsgericht erhielt am l. April einen weiteren Senat, den 7. Civilsenat. Zum Präsidenten desselben wurde der bisherige ReichSgerichtSrath Maßmann ernannt. Als Räthe traten im Jahre 1899 in da« Reichsgericht «in Gold man«, vr. Wy«zomir«ki, Schumann, vr. von Schwarz«, HarmS, vr. Tändler, Hofmann, vr. Hagen«, Schneider, Miltner, Blume, Dumreicher, PelarauS und vr. Peter«. Die ReichSanwaltschaft verlor (durch Berufung an da« Kölner Oberlandesgericht) den Ober- reichsanwalt vr. Hamm, dessen Abschied iu vielen Kreisen unserer Stadt bedauert wurde. An seine Stelle trat der bisherige Reich«giricht«rath OlShau sen, während der Hilfsarbeiter in der Reichsanwaltschaft vr. Nagel zum Reichsanwalt und der Staatsanwalt Treutlein-Moerdes zum Hilfsarbeiter ernannt wurden. Eine besondere Auszeichnung wurde dem Senatspräsidenten vr. Bingner durch die Verleihung des Titel» „Excelleaz" zu Theil. Durch de« Tod verlor da« Reich«g«richt Pie Räthe v. Ege (-f 25. Juni), v. Bünau (s- 17. September) und v. Bruchhausen (s-5. November). Von früheren Mitgliedern verstarben der hochverdiente einstige Präsident vr. v. Simson, Ehrenbürger der Stadt Leipzig (st 2. Mai in Berlin), Senat-Präsident vr. Henrici (st 8. Juni in Berlin), sowie die Räthe Dürrschmidt (st 14. Januar in München), vr. v. Specht (f 16. März in Cassel), Haacke (st 20. August in Balleustadt), Rappold (st 23. Oktober in Berlin), Rüger (st 13. November in Dresden) und vr. Mittelstadt (st 18. November in Rom). An unserer Universität ging am Reformationstage das Rektorat unter den üblichen Feierlichkeiten vom Professor v. Hauck auf den Professor vr. Kirchner über. Ueber die Veränderungen im akademischen Lehrkörper sind bei jener Gelegenheit in diesem Blatte die nörhigen Mittheilungen ge macht worden. Inzwischen hat jedoch unsere Universität einen ihrer ausgezeichnetsten Lehrer, Geh. Medicinalrath Prof. vr. Birch-Hirschfeld verloren (st 19. November). Derselbe vertrat auch unsere Universität iu der ersten Kammer; diese Vertretung ist auf den Geh. Hofrath vr. Wach über gegangen. Außerdem starb ein anderer früherer Lehrer von Ruf, Prof. vr. v. Mia-kowSki (22. November). Von Festtagen an unserer Universität sind zu nennen: da« 100 jährige Jubiläum der mit unserer Universität verbundenen Medieivischen Klinik (am 11. Mai), sowie! die Weihe der erneuerten Paulinerkirche, welche am 11. Juni erfolgte. Da« Werk de« genialen Baumristers! königl. Baurath vr. Arwed Roßbach fand hierbei allge mein« Anerkennung. Auf kirchlichem Gebiete ist der am 12. Mai vollzogenen Einweihung der Resormirten Kirche zu gedenken; ferner fand am 3. December die Glockenweihe der EmmauS- kirche in L.-Sellerhausen statt. In Verbindung hiermit, als eines christlichen Liebeswerkes ist der Grundsteinlegung zum evangelisch-lutherischen Diakonissen- und Kranken haus« an der Gundorfer Straße in L.-Lmdenau(am 5. Februar) Erwähnung zu tbun. Für da« Schulwesen unserer Stadt war da« ver gangene Jahr ein solche- ruhiger Entwickelung. Zum Direktor der 28. Bezirk-schule wurde der bisherige Lehrer Kunath (von der I. Höheren Bürgerschule) erwählt. Die VII. Bürger schule bezog im Oktober ihr neues Gebäude au der Brett- kopfstraße, während die I. Höhere Bürgerschule in da« Ge- bäude der VII. Bürgerschule am Täudchenwege übersiedelte. Die Denkmäler der Stadt haben durch daS Bürger meister Koch-Denkmal eine Vermehrung erfahren. Die vom Bildhauer Prof. Seffner modellirte Büste ist rin so treffliches Werk, daß daS Denkmal unseren Anlagen, in welchen eS aufgestellt ist, in jeder Weise zur Zierde gereicht. Tie Enthüllung deS Denkmal« erfolgte am lk. Mai. Von städtijchen Einrichtungen ist der Eröffnung der An stalt für sittlich gefährdete Kinder Erwähnung zu thun, die am 4. Juli durch den Sladtrath vr. Wagler vollzogen wurde. Dieser Act ruft uns den Kammerrath Frege in Erinnerung, der in hochherziger Weise durch eine reiche Schenkung den Grund zu dieser Anstalt legte. — Eine andere wohlthätige Einrichtung, der man nur wünschen kann, daß sie sich recht bewähren möge, ist die Gründung des Verein« für ArbeitSuachwei«. Dieselbe erfolgte am 8. December. Möge da« verdienstvolle Werk reichen Segen stiften, möge e« aber vor Allem in Arbeiterkreisen die ihm gebührende Anerkennung finden. Auch im vorigen Jahr« war nnserg Stadt wieder ein Ort für Congresse und Festlichkeiten. An erster Stelle steht hierbei dre 50. Hauptversammlung de» Allgemeinen Sächsischen LehrervrreinSj, die in den TaAen vom 24. bis 28. September hier stattfaud und glanzend ver lief. Weiter hielt zu Pfingsten der Verein Deut scher Zeichenlehrer seine Jubiläums - Versamm lung ab, und der Sächsische Realgymnasial- lehrer-Verein tagte ebenfalls in der Pfiugstwoche hier. Das 16. Gausängerfest rief am 18. Juni zahlreiche Freunde des Gesänge« in unsere Stadt. Das Fehlen einer großen Halle, in der GesaugS- oder Musikaufführungeu solchen Stil« abgehalten werden können, machte sich dabei allerdings bemerkbar. Da wir einmal bei der Musik sind, so bleibe nicht unerwähnt, daß der 75jährige Geburtstag de» Altmeisters Professor vr. Reinecke seinen zahlreichen Freunden und Verehrern Anlaß zu Ovationen bot. An Jubiläen aller Art ist in einer Großstadt nie Mangel. Von einer Anführung aller persönlichen Jubiläen sehen wir hier ab und wir müssen uns beschränken, nur bedeutendere Jubiläumsfestlichkeiten aufzuführen. Die höchste Ziffer, nämlich daS 550jährige Jubiläum, hatte die Schuh- i m ach er-Innung aufzuweisen. Ein l.00jähriges Jubiläum beging die von dem Maurer Skerl begründet« und nach ! diesem benannte UnterstützungScasse (14. Januar). Da« 75 jährige Jubiläum verzeichnete die Teichmann- vr.-Roth'sche Privatschule. 50-jährige Jubiläen feierte» der Leipziger Hauptverein der Gustav-Adolph-Stiftung (19. Juni in Frankenberg), der Landwirthschastliche KreiSvereinLeipzig (unter zahlreicher Betheilignng — auch politischer Führer — am 7. Juni), der akademische Gesangverein „Arron" (vom 24. bis 27. Juni), unsere III. Bürgerschule (schön begangen in den Tagen vom 9. bis 11. April), der Oemichen'sche Gesangverein (17. Juni), die Turnvereine zu Reudnitz (6. Mai) und L.-Kleinz sch oche r (25. Juni). Von 25jähriaen Jubiläen erwähnen wir das des Kunstvereins (25. Ok tober), der Musikcapelle Erdman» Hartmann (10. Mai) und des Turnvereins Connewitz (l8. Juni). Unser Verkehrswesen ist iu fortschreitender Enwicke- lung geblieben. Die Große Leipziger Straßenbahn war in der Lage, zwei langbegehrte größere Anschlußlinien zu er öffnen, nämlich am 28. Januar Lindenau-Leutzsch und am 5. December Connewitz-Lößnig-Dölitz. Die Leip ziger Elektrische Straßenbahn führte die Eutritzsch er Linie durch die Delitzscher Straße (bi« zur Einmündung der Dübener Straße) und die Gohliser Linie durch die Kirschbergstraße weiter. Von einer Aufführung hervorragender Mitbürger, die im vergangenen Jahre verstorben sind, können wir dieses Mal absehen, denn in der 3. Beilage vom 31. December v. I. sind unter Sachsen« Tobten alle Diejenigen, die in Leipzig verstarben oder zu unserer Stadt früher in Beziehungen standen, in eingehender Weise berücksichtigt worden. Von größeren UaglückSfällen blieb unser Leipzig im Jahre 1899 glücklicher Weise verschont. Hoffen wir, daß es in dem nun angetretenen Jahre 1900 ebenso der Fall sein werbe. Zur WchtKundenzahl -er Leipziger Volks sch ullehrer. Mit der Bitte um Aufnahme wird uns von einem Schul männe Folgendes geschrieben: Die Ausgaben für Schulzwecke steigen von Jahr zu Jahr, und eS liegt sehr nahe, daß man auf Mittel und Wege sinnt, dieses Anwachsen zu beschränken. Da ist man nun in jüngster Zeit auch darauf gekommen, die wöchentliche Pflichtfiundenzahl der Lehrer (Volksschullehrer) zu erhöhen. Es fragt sich nun, ob dieser Vorschlag die erhoffte Abhilfe bringen, und ob seine Verwirk, lichung nicht nachtheilige Einflüsse für die Schule selbst im Ge folge haben wird. In allen fachkundigen Kreisen ist man der Ansicht, daß die in Aussicht genommene Erhöhung der Stunden zahl weder vom pädagogischen, noch vom finanziellen Standpunkte aus Befürwortung verdient. Die Arbeit eines Lehrers ist von anderer geistigen Arbeit inso fern durchaus verschieden, da bei ihr stets mehreren verschiedenen, auf den Unterrichtsstoff und auf die zu unterrichtenden Schüler ge richteten Gedankengängen gleichzeitig Rechnung zu tragen ist. Der Lehrer muß immer die ganze Classe im Auge behalten, sowohl in Bezug auf die äußere Zucht, al« die innere Theilnahme deS SchülerS; er muß ferner seinen Unterricht so gestalten, daß die Schwachen ihm folgen können und doch das Interesse der Be gabten nicht erlahmt, er muß individualisiren und doch zugleich der Gesammtheit dienen, er soll in steter, lebendiger Wechsel beziehung zu jedem Schüler stehen, ohne den Gang seines Unter richts auS dem Auge zu verlieren. DaS Alles verlangt eine solche Anspannung der Geisteskräfte, daß die starke Abspannung am Schluß der Unterrichtsstunden nur zu erklärlich ist. Hiermit stehen auch in Verbindung die vielen Krankheitsfälle; und die Lehrer Leipzigs sind bereits amtlich (Gutachten des Herrn Be- zirkSarztes Medicinalrath Or. Siegel) als .gesundheitlich un günstiges Menschenmaterial" bezeichnet worden. In jenem Gut achten heißt es auch unter Anderem: „Ganz unzweifelhaft ist es, daß ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der hohen Er krankungsfrequenz der Lehrer und dem Lehrerberufe besteht. Denn es herrschen bei den Lehrern in so vorwiegendem Maße solche Gesundheitsstörungen, welche auch theoretisch der Schule zugeschrieben werden, daß andere Erkrankungen fast völlig da gegen zurücktreten." Von den in den letzten 24 Jahren (1874/98) verstorbenen Leipziger Lehrern sind 73 Procent an solchen Krank heiten verschieden, welche die Leiziger Schulärzte den Berufs krankheiten der Lehrer zuzählen. Dieselbe vernehmliche Sprache reden auch die Zahlm über die Sterblichkeit der Lehrer, denn die in den letzten 24 Jahren verstorbenen Lehrer erreichten nur ein Durchschnittsalter von 43 Jahren, 7 Monaten, II Tagen. Sollte die jetzige Pflichtstundenzahl erhöht werden, so steht zu befürchten, daß die Krankheitserscheinungen unter den Lehrern sich noch mehr steigern werden. Die zu erreichenden Ziele müssen dieselben bleiben (vorausgesetzt, daß man nicht eine Herabsetzung der Bildungsziele (einfache Volksschule!) beabsichtigt, was wir jedoch nicht annehmen), aber die der Erreichung sich entgegen stellenden Schwierigkeiten werden größere, schon durch vermehrte Lorrecturarbeiten, die mit einer größeren Stundenzahl unzer trennlich verbunden sind. Dazu kommt, daß die Arbeit deS Lehrers keineswegs mit den in der Schule ertheilten UnterrichtSgegenständen erledigt ist, daß vielmehr ein guter Theil der Zeit von den Vorbereitungen auf den Unterricht und von der Correctur der schriftlichen Arbeiten in Anspruch genommen wird. Ein Lehrer aber, welcher nicht unab lässig an seiner eigenen Fortbildung weiter arbeitet, wird sehr bald aufhören, zu den tüchtigen Lehrern gezählt zu werden. Es wäre überdies zu beklagen, wenn der besonders auch in der Leip ziger Lehrerschaft vorhandene Trieb nach wissenschaftlicher Fort bildung durch eine vermehrte Arbeit in der Schule beeinträchtigt würde, und kommen doch die Resultate jener Weiterbildung auch wiederum der Schule zu Gute. In allen diesen Beziehungen ist zwischen der Arbeit an einer höheren Schule und der an einer Volksschule durchaus kein Unter schied. Staatsrath Professor vr. v. Strümpell sagte einst: „Ein Universitätsprofessor oder ein Lehrer an einer höheren Schule zu sein, ist lange nicht so schwer und so aufreibend, als ein Lehrer an der Volksschule zu sein." — Ein Lehrer an einer höheren Schule erthcilt nur etwa 22 Stunden, meist aber sind eS noch weniger, oft nur 20, und nur ganz verschwindend Wenige ertheilen 24 Stunden Unterricht. Bis Mitte der sieben- ziger Jahre betrug auch bei den Volksschullehrern di« Pflicht stundenzahl 24, sie wurde dann für die Neuanzustellendcn 26, Anfang der neunziger Jahre 28, und nun wird vorgeschlag-n, sie von 1901 an auf 30 zu erhöhen. Bei den Lehrern an den höheren Schulen hat eS bei der früheren Stundenzahl sein Be wenden. Der Gesetzgeber ist sich der Wichtigkeit der Lehrerarbeit und der Anforderungen an die Arbeitskraft des Lehrers bewußt ge wesen, wenn in der Ausführungsverordnung zum sächsischen VottSschulgesetz § 45, Abs. I bestimmt wurde: „Lehrer an mittleren > Volksschulen sind bis zu 26, solch« an höheren Schulen bis zu 24 wöchentlichen Unterrichtsstunden verpflichtet." Freilich ist diese j Bestimmung später (30. December 1874) „bis auf Weiteres außer Fanttlatsn. Ein Passagier. Eine deutsche SeemannSgeschtchte von Gerhard Walter. Golddruck verboten. Sie waren lange Jahre hindurch gute Freunde gewesen und getreue Nachbarn. Sie hatten sich wohl einmal hier und da ein wenig „gefaßt" und „gerakt", wie die Leute sagen, doch das war nur äußerlich. Aber da brach ein unglückseliger Abend an nach einer Treibjagd, bei der eS viel geregnet hatte und wenig Hasen geschossen waren. Die Herren Oekonomen saßen verstimmt im Gasthof zusammen und spielten Scat und tranken viel Grog. Mit einem Male fiel eine Faust schwer auf den Tisch, und eine grollende Stimme rief: „Willbrandt, Sie haben gemogelt!" Und eine zweite Faust krachte nieder, daß die Gläser hüpften: „Wer daS sagt, ist ein Lump!" Und die alten Freunde standen ein ander gegenüber mit grimmig funkelnden Augen. Ein großer Tumult entstand, daß die Andern dazwischen sprangen — und von Stund an waren die beiden Häuser geschieden und aller Ver kehr hörte auf. Auch unter den Kindern. Der alte, feststehende, unausgesprochene Plan, daß Wilhelm Willbrandt einmal Anna Liesegang heirathen sollte, war gründlich inS Wasser gefallen. Wilhelm Willbrandt fuhr als Steuermann auf einem Lloyd- dampfer nach Westindien und erfuhr die Nachricht von dem auSgebrochtnen Zwiste «rst durch die Post. Er schrieb gleich an Anna, bekam aber nach einiger Zeit den Brief zurück mit einer Bemerkung: „Meine Tochter verbittet sich alle Annäherungs versuche." Wilhelm zerriß den Brief in grimmem Zorn, „that einen Fluch gar schauderhaft", und amüsirte sich, von der Reis« zurückgekehrt, in Bremen in seiner Verzweiflung, statt ins heimathlich« Dorf zu fahren, und sumpft« da, ganz gegen seine sonstig« Gewohnheit, böS umher. Und durch «inen Steward, der Beziehungen zu dem Barbier de» Dorfe» hatte, kam die Kunde dorthin, daß Wilhelm ein ganz toller Kerl und ein Lüderjan erster Elaste sei. Und wie er da» horte, warf der alte Liesegang den langen Stiefel, den er gerade anziehen wollte, krachend gegen di« Thür. „Der Vater ist ein Lump und der Junge auch! Zum Glück war'» noch Zeit!" Vauernschädel sind hart! Und Anna stiegen di« Thränen heiß in die Augen. Sie wußte selbst nicht: waren eS Thränen de» Zorst» oder de» Leid», und sie trat vor dem Herde hart mit dem Fuß auf. „Pfui!" Und dann setzte sie hinzu wie der vat«r: „Gottlob, daß e» noch Zeit war!" Groß und blond und kräftig stand sie da mit ihren glühenden Wangen und riß sein Gedächtniß aus ihrem Herzen. Nicht lange danach wurde ihm eine Zeitung zugeschickt, darin stand zu lesen: Anna Liesegang, Otto Vollbeding, Kaufmann, Verlobte. An dem Abend war von Wilhelm Willbrandt allerdings nicht viel LobenSwerthes zu berichten! Am nächsten Morgen traf e» sich, daß ein größerer Rheder auf ihn zukam. „Ich kenne Sie", sagte dieser, „als nüchternen und braven Mann, wenn Sie heute auch nicht den Eindruck machen. Ich habe meinen Capitän auf der Bark „Emma Sandow" draußen verloren; wollen Sie daS Schiff haben? Dann fahren Sie morgen ab nach Shanghai!" „DaS haben Sie gescheit gemacht, Herr Consul", rief Wil helm; „daS paßt mir! Hipp hipp hurrah!" — Nun hatte da» Sumpfen und Seufzen ein Ende. Aber lieb behielt er die Anna doch, sie saß zu tief drinnen im Herzen; und wenn er zwischen Hongkong und AnierS auf Java seine schön gestagte Bark führte, ein schneidiger, deutscher Seemann, dann dachte er doch manchmal, wie schön sich'» mit Anna zusammen auf einem Schiff gefahren hätte. Und auch daS sollte ihm werden. Eines Tage» kamen in Batavia ein Theil Passagiere noch Hongkong an Bord. Er hatte sechs kleine Cabinen zu vergeben an Leute, di« lieber mit einem guten Segler als mit einem fauchenden Dampfer die heiße Reise machten; und deren giebt'S immer noch. Außerdem ist'» billiger. Und wie er da gemüthlich über die Reeling gelehnt lag und seine Passagiere musterte, die eben über» Fallreep kamen, da wurde der braun gebrannte Mana plötzlich blaß: eS kam nämlich eine große, blonde Dame in Schwarz an Bord, mit starkem, losem Haar, und einem sehr weißen, blassen Gesicht. Einen Augenblick fuhr er in die Höhe, als hätte ihn ein« Natter gebissen — daun preßte er d e Lippen zusammen und grüßt« nachlässig. Auch der blonde Passagier war zurückgefahren und hatte sich nach dem Boot umgesehea, daS sie an Bord gebracht hatte. Aber daS hatte schon abgelegt, und sw mußt« bleiben, wo sie war. Die Bark ging Anker auf und fuhr vor steifer BackzugSbrise in den Abend hinein. ES war eine prächtige Tropennacht. DaS Schiff lag gleich, mäßig über. Droben funkelten die Sterne am Himmel, dem dunklen, als wölbt« sich über dem Meer eine schwarze Metall schale, die mit blitzenden Diamanten autgrlegt war. Um den Bug der Dark schäumte die See wie brennender Spiritus. Der Capitän war achteraus gegangen auf die Kampanje. Da saß auf einem Sessel eine dunkle Gestalt und starrte in die leuchtende See. Er trat dicht an sie heran. Sie rührte sich nicht. Da legte er ihr leicht die Hand auf die Schulter. Sie schüttelte unwillig die Hand ab. „Anna!" sagte er leise, daß der Mann am Ruder ihn nicht hören sollte, „wie kommen Sie auf mein Schiff?" „Wenn ich es gewußt hätte, wäre ich nicht hier!" gab sie trotzig zurück. „Anna, wollen Sie mir eine Frage beantworten?" Er setzte sich neben sie auf einen zweiten Sessel. „WaS denn?" fragte sie, und schlug die langen Haare mit beiden Händen zurück. „Was hat man Ihnen von mir erzählt?" Seine Worte hatten fast ängstlichen Klang. Sie lachte leise auf. „Nicht viel Gute»!" sagte sie scharf. „Und Sie haben's geglaubt?" Sie antwortete nicht. Er stand auf: „Gute Nacht!" Sie sah undeutlich, wie seine Hand sich gegen sie auSstreckte. Sie legte die ihre nicht hinein. „Gute Nacht!" sagte sie kalt. — Er ging. Den nächsten Tag über kümmerten sie sich kaum um einander. — AIS er um Mitter nacht die Wache übernahm, sah er sie wieder dasitzen. Sie schlief. Er nahm vorsichtig eine Decke und legte sie ihr um die Schulter. Sie wachte nicht auf. DaS Schiff lag ruhig. Vom Land her wehte balsamischer Duft herüber. E» hatte eben zwei Uhr geschlagen. Er lehnte über die Reeling und schaute tief in Gedanken hinab in den brodelnden Silberschaum des vorbeifluthenden Bugwasser». Da legte sich eine Hand sanft auf seine Schulter. Er blickte auf und in ein ernstes, weißes, von blondem Haar umfluthcteS Gesicht, auf da» der Schein der Laterne am Regelcompaß fiel. „Wilhelm", tönte eine Stimm« an sein Ohr, „seit wann sagen Nachbarskinder Sie zu einander und gehen an einander vorbei?" Er griff nach der Hand, die in seiner blieb: „Seitdem sie kein Vertrauen mehr zu einander haben." „Daran sind die Menschen schuld!" sagte sie leise. „DaS mag ihnen Gott verzeihen!" gab er ernst zurück. „Wir wollen wieder Vertrauen zu einander haben. Ich halt'» nicht aus. Komm her, setz' Dich zu mir und erzähle mir", bat sie. Sie saßen wieder auf den Taubunschen und erzählten ein ander mit leiser Stimme, bis lichte Strahlen von Osten über den Himmel schossen. „Nun weißt Du, warum ich ein lüderlicher Kerl wurde!" sagte er und lehnte die Stirn an da» kühle Eisen de» Geländer». „Aber e» war nur ein Uebergang, sagte der Fuchs, da zogen sie ihm daS Fell ab." „Also Du hattest mich doch nicht vergessen? Dann weißt Du auch, warum ich ja sagte, al» Vollbeding kam. Vor sechs Wochen starb er in Surabaya. Nun gehe ich zu seinem Bruder nach Hongkong, ihm die Wirthschast zu führen." „So!" sagte der Capitän und stützte das Gesicht in die Hände. „Gute Nacht, Wilhelm!" „Gute Nacht, Anna!" Ihre Hände lagen zusammen. Sie ging jetzt alle Nachtwachen mit ihm. Sie hatten ein ander viel zu erzählen. Nun war die letzte Wache gekommen. Am Vormittag mußten sie Land machen. Sie saßen wieder bei einander. Aber sie schwiegen. Nur das Bugwasser rauschte um den Kiel. Am Himmel stand fein gezeichnet die silberne Mond sichel zwischen den Sternen. Sie hob daS Gesicht. „Komm und besuch' mich und sei unser Gast!" sagte sie. „Dann kann ich Dir danken für Wes! Ich möchte etwas gut machen." „Nein!" gab er kurz zurück; „das thu' ich nicht!" „Warum nicht?" — Er fuhr mit der Hand durch ihr blonder, langes, loseS Haar: „Bleib bei mir, Anna! Wir haben Beide zu sühnen und zu büßen für verlorenes Glück!" Sie lehnte an ihn. Er schlang den Arm um sie und küßte sie auf den Mund. „L/uchtthurm recht voraus!" rief da der Posten auf der Back in die Stille hinein. Wilhelm schloß die zitternde Frau mit stürmender Gewalt in die Arme. Wie ein Heller Stern strahlte tröstlich vor ihnen daS winkende Licht mit stillem Glanz. „Wir steuern jetzt einen CurS", sagte er, ,Anna, geliebter Weib, zum Hafen!" Sie barg da» Haupt an seiner Brust. „vergieb mir meine Schuld!" sagte sie leise. Er fühlte, wie eine warme Thräne auf seine Hand fiel. „Ich that e» nur auS Trotz und Angst." Im Osten zuckten purpurne Strahlen über den Himmel. Die Sonne war im Aufgehen. Er stand vor ihr in seiner ganzen stattlichen Größe und reichte ihr die Hände. Sie legte di« ihren hinein und schaute durch'» Morgengrauen zu ihm auf mit ihrem weißen Gesicht. „Von Hongkong au» telegraphiren wir, und weiht Du, wa»?" „Nein?" Ein Helle» Lächeln lag um ihren jungen Mund. „All' Fehd' hat nun ein Ende! O, Du mein süßer, blonder Passagier! Aber ein blinder war auch dabei!"
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