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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 29.05.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-05-29
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000529010
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900052901
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900052901
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-05
- Tag 1900-05-29
-
Monat
1900-05
-
Jahr
1900
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Gröbere Schriften laut unserem Preis- vrrzeichniß. Tabellarischer und Ziffernsatz nach höherem Tarif. Extra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen «Ausgabe, ohne Postbrförderung 60.—, mit Postbesörderung 70.—. Fnuahmeschluß für Änzeigen: Abend-Ausgabe: Vormittags 10 Uhe. Marge »-Ausgabe: Nachmittags 4 Uhr. Lei den Filialen und Annahmestelle» je ein« halbe Stunde früher. Anzeigen sind stet« an die Expedition zu richten. Druck und Verlag von L. Polz in Leipzig. 2«S. Dienstag den 29. Mai 1900. 9t. Jahrgang. Eine fortschrittliche Leichte. — Nachdem der Kampf um die lex Heinze erledigt ist, fehlt es nicht an retrospektiven Betrachtungen; soweit es sich hierbei um die Obstructionisten handelt, überwiegt natürlich das Be- dürfniß, den eigenen Erfolg in das möglichst günstige Licht zu rücken. Wir lasten dahingestellt, wie weit dies berechtigt ist. In parlamentarischen Kreisen selbst ist man doch ziemlich «in- müthig der Ansicht, daß es den Nationalliberalen Vorbehalten war, den Zusammenbruch der Majorität herbeizufllhren. Wie die Obstruktion im Wege strengster geschäftsordnungsmäßiger Maßnahmen schließlich zu überwinden gewesen wäre und wie eine solche Obstruktion unter anderen Umständen zu über winden sein wird, läßt sich jetzt natürlich nicht weiter erörtern. Thatsache ist aber, daß in den Kreisen der Mehrheft der Ge danke erwogen wurde, die geschäftsordnung-mäßigen Wege zu verlassen, und daß die Mehrheit an diesem Gedanken zu Falle gekommen ist. Die Nationalliberalen waren die, welche recht zeitig und mit unmittelbarer durchschlagender Wirkung die warnende Stimme erhoben, und sich die Freiheit wahrten, in demselben Augenblick den Widerstand gegen die lex Heinze von dem sachlichen hinweg auf den Standpunkt der Verschleppungs taktiker zu verlegen, sobald die Mehrheit Hand an das Haus gesetz, d. h. an die Geschäftsordnung, legen würde. In dem selben Augenblick brach die Mehrheit, wie gesagt, zusammen. Der unbestrittene Erfolg aber, dessen sich die Nationalliberalen rühmen dürfen, hatte darin seine Voraussetzung, daß sie sich grundsätzlich von aller Obstruktion fern gehalten hatten. Darüber wird bei späterer Gelegenheit noch manches Wort zu reden sein. Heute aber möchten wir die Aufmerksamkeit noch auf ein anderes Capitel lenken. Es ist der fortschrittliche Liberalismus, der angesichts der Erlebnisse der letzten Wochen eine voll kommene Beichte ablegt. In einem Leitartikel der „Vofsischen Zeitung" wird rund heraus zugegeben, daß man nicht erst seit gestern, sondern seit den Zeiten des Kulturkampfes fortschritt licherseits das Centrum falsch beurtheilt habe. Das Centrum habe damals, also zu Culturkampfeszeiten. Duldung für sich verlangt, „und Niemand hätte damals voraussehen können, daß es jemals dahin kommen werde, Anderen die Duldung zu verweigern". Also der fortschrittliche Liberalismus hat sich ein Vierteljahrhundert lang eingebildet, daß der UltramontaniS- mus wirklich eine Organisation des Prineipes der Duldsamkeit sei und nicht etwa in Deutschland nach der politischen Macht strebe, um von der äußersten Unduldsamkeit Gebrauch zu machen. Schwerer kann man allerdings nicht irren. Aber die „Dossische Zeitung" beichtet reumüthig weiter. Auch noch im Jahre 1894, als das Centrum, ähnlich wie jetzt, die damalige Um sturzvorlage mit Tendenzen klerikaler Unduldsamkeit zu durch setzen suchte, hat der fortschrittliche Liberalismus gemeint, das sei nur eine bedeutungslose Demonstration. Reumüthig giebt die „Vossische Zeitung" zu, sich geirrt zu haben, jetzt kann sie sich nicht verhehlen, daß jene vermeintliche Demonstration in Wirklichkeit bitterer Ernst gewesen ist; „die letzten Wochen haben uns die Augen darüber geöffnet, mit welchen Gefahren uns die ultramontane Agitation bedroht; sie sollten uns auch die Augen darüber öffnen, daß wir der ultramontanen Partei einen größeren Einfluß auf unsere Geschicke eingeräumt haben, als ihr gebührt". enlpa, men mnxlmrr onlxa; damit sind alle Wahl bündnisse zu Gunsten des Centrums als schwere politische Ver irrung des fortschrittlichen Liberalismus preisgegeben und leider nur zu spät muß dieser jetzt sich und der ganzen Welt bekennen, daß er durch sein« Wahlpolitik, durch das kurzsichtige Bekämpfen der nationalen Parteien, die den Fürsten Bismarck unterstützten, die Centrumspartei zu ihrem heutigen Einfluß emporgehoben hat. Das Weitere sagt sich die Welt selbst; sie entnimmt namentlich aus dem Kampfe der letzten Wochen, daß der fortschrittliche Liberalismus gegenüber dem starken klerikalen Einflüsse vollständig ohnmächtig geworden ist und daß nur noch die gemäßigt-liberale Partei im Stande ist, ge legentlich den schlimmsten Erfolg der unduldsamen Be strebungen des UltramontaniSmuS zu vereiteln. Die Kriegsflotten Großbritanniens und Frankreichs. Die englische Admiralität giebt alljährlich eine Statistik des Bestandes der englischen Kriegsflotte heraus, und zwar hauptsächlich zu dem Zweck, die Macht Großbritanniens zur See der britischen Nation vor Augen zu führen, zugleich aber auch, um dem Parlament klar zu machen, welche weiteren Mittel zu bewilligen sind, um die bereits traditionell gewordene Suprematie des „Vereinigten Königreichs" auf allen Meeren de» Erdballs auch ferner ungeschwächt aufrecht erhalten und unanfechtbar sicher stellen zu können. Diese Statistik der englischen Seemacht zeigt ganz besonders die gewaltige Kraft Großbritanniens zur See, wenn man ihr diejenige Flotte gegenüberstellt, die auf die zweite Stelle in der Reihe der Kriegsmarinen Anspruch machen kann, nämlich die französische, die im Vergleich mit den Kriegsmarinen anderer Nationen auch ein ganz respektable» Contingent an Schiffen aufzuweisen hat. Diese Gegenüberstellung hat unlängst in Frankreich zu ernsten Betrachtungen Veranlassung gegeben, indem man dort eine dringende Nothwendigkeit der Vermehrung der französischen Kriegsflotte eingesehen hat, um gewissen Even tualitäten begegnen zu können, welche indeß nicht näher bezeichnet worden sind. Sehen wir un» nun den Bestand der englischen Flotte näher an, so zählte sie, nach der letzten Zusammenstellung, nicht weniger al» 34 Panzerschiffe erster Classe (in Deutschland nach neuerer Verordnung Linienschiffe genannt), 11 Panzerschiffe zweiter Classe, 12 Panzer schiffe dritter Classe und 23 gepanzerte KüstrnvertheidigungSfahrzeuge, also im Ganzen 80 Panzerschiffe aller Gattungen, zu denen noch 137 Kreuzer der verschiedenen Elasten und 34 Torpedojägrr hinzukommrn. Alle diefe 281 Fahrzeuge find GefechtSschiffe, dir zusammen ein Deplacement von 1478150 Tonnen haben; di« unendlich vielen kleineren und kleinen englischen Krieg»fahrzeuge, die für da» Seegefecht keinen besonderen Werth besitzen, aber doch im Stande sind, friedliche Kauffahrer abzufangen und sonstigen Schaden anzurichten, sind nicht mit aufgezählt, kommen aber für jede chwächere Seemacht auch immerhin mit in Betracht. Frankreich hat dieser formidablen britischen Flotte von Schlachtschiffen gcgenüberzustellen: 11 Panzerschiffe erster, 10 Panzerschiffe zweiter, 15 Panzer schiffe dritter Classe und 16 gepanzerte Küstenvertheidigungsfahrzeuge, sowie ferner 51 Kreuzer aller Gattungen und 21 Torpedojäger. Frank reich hat somit der britischen Flotte im Ganzen nur 52 Panzer schiffe aller Claffen gegenüberzustellen, ist aber schon dadurch gegen das Jnselreich wesentlich im Nachtheile, daß es nur elf Panzer erster Elaste gegen 34 englische besitzt. Die Gesammt- zahl der französischen Gefechtsschiffe beläuft sich somit nach dieser Aufstellung auf 123 Schiffe mit einem Gesammt-Deplacement von 672 927 Tonnen, zu denen allerdings, wie in England, noch eine Menge Avisos u. s. w. hinzukommen, die zwar keinen eigent lichen Gefechtswerth haben, dennoch aber im Stande sind, durch Aufbringen feindlicher Schiffe u. s. w. doch Unheil genug an richten zu können. Die Seemacht Großbritanniens ist, wie man sieht, der französischen um 128 Schiffe und 802 223 Tonnen überlegen, ist also mehr als doppelt so groß wie diese, da das Verhältniß 49 zu 100 beträgt. Unter der enormen Zahl von 137 Kreuzern, die die großbritannische Flotte aufzuweisen hat, befinden sich auch noch 33 gepanzerte, und die Überlegenheit des Britenreiches, Frankreich gegenüber, basirt somit hauptsäch lich auf der viel größeren Zahl der britischen Panzerschiffe erster Classe und der Kreuzer. Daß England aber fest entschlossen ist, feine Herrschaft zur See sich nicht entreißen zu lassen, ergiebt sich schon daraus, daß England zur Zeit allein 17 Panzerschiffe aller Gattungen im Bau hat, während Frankreich freilich auch fleißig an der Vermehrung seiner Streitkräfte zur See arbeitet. Gegenüber solchen Flotten, wie die englische und auch die französische, steht natürlich die verhältnißmäßig ja noch junge deutsche Seemacht wesentlich zurück, denn wenn auch die amtliche Liste für 1900 an deutschen Kriegsfahrzeugen aller Gattungen, Segelyachten, Tonnenleger, Schlepper, Schulschiffe u. s. w. mit eingerechnet, 137 Schiffe aufweist, so besitzt die deutsche Flotte im Ganzen doch nur 13 Linienschiffe, d. h. Panzer erster und zweiter Classe; ferner 9 Küstenpanzerschiffe, 12 Panzerkanonen- boote, 8 große Kreuzer, 29 kleine Kreuzer und 5 Kanonenboote, also nur 34 Schiffe, die für das Seegefecht in Betracht kommen, da die Kreuzer nicht zu den Gefechtsschiffen im eigentlichen Sinne des Wortes gerechnet werden können; zwölf Schiffe, als Special schiffe aufgeführt, sind meistens ältere Panzerschiffe, die in einem Seegefecht mit den Panzern neuester Construction kaum noch einen Gefechtswerth haben. Daß somit Deutschland sich tüchtig daran halten muß, um auch zur See nicht zurückzubleiben, wird selbst dem Laien einleuchten, wenn er die politische Weltlage unserer Zeit ins Auge faßt, wie sie wirklich ist, und sich derselben nicht absichtlich verschließt. Der Krieg in Südafrika. -p. Der Correspondent de« „Standard" meldet auS Taibosch (südlich von Vereeniging) unterm 26. Mai über den Einmarsch der Engländer in Transvaal: Die Truppen unserer Vorhut betraten Transvaal heute morgen elf Uhr bei V i l j o e n S d r i f t (identisch mit LindequeS-Drift?) Eine Stunde vorher fuhr ein Zug der Boeren über die Brücke, von der ein Bogen zerstört wurde. 30 Plänkler, die zurückgeblieben waren, um zu plündern (?), feuerten auS einem Versteck hinter einigen Häusern auf unsere Truppen, aber das Granatfeuer zwang sie zum schleunigen Rückzüge. Etwa 100 Boeren hatten eine Stellung in einem Kohlenbergwerk inne. Der Fluß ComptonS wurde von einer Compagnie Aeomanry unter lauten Hurrahs überschritten. Die Truppen verfolgten die Boeren, die mit genauer Noth entkamen. Wie eS scheint, erachtete Botha dieVaallinie für unhaltbar. Die großen Kanonen wurden nach Pretoria geschafft. Gegenwänig gedenke der Feind am Klipflusse und in Johannesburg Staad zu halten. Sensation muß die folgende Nachricht erregen: * Lvndvn. 28. Mai. (Telegramm.) Die Abend blätter veröffentlichen eine Depesche au« Eapftadt »am heutigen Tage, worin da« Gerücht verzeichnet wird, datz General French in Johannesburg ein getroffen sei. Dazu stimmt aber nicht recht die nachstehende Meldung: * London, L8. Mai. (Telegramm.) „Daily Mail" meldet au« Pretoria vom 27. Mai über Lourenyo Marques: Krüger räumte gestern zum ersten Male ein, daß die Lage der Dinge sehr ernst sei. Dir Boeren sind entschlossen, Alle« einzusetzen für den letzten Widerstand. Auf da« Batraudgebtrge im Norden von Pötsch,fstroom, wo 8000 Kaffern Laufgräben Herstellen, ist jeder entbehrliche Mana und jede Kanone gesandt worden. Die ganze Westgrenze von Transvaal ist wehrlos. Baden-Powell kann elnmarschiren, wenn er will; Roberts indeß wird auf den größten Widerstand stoßen. E» ist schwer denkbar, daß French, der am 28. bei Lindeque« über den Vaal ging, den 55 Kilometer langen Weg von da bi« Johannesburg in so kurzer Zeit zurückgelegt haben soll. Er konnte die Eisenbahn nicht benutzen, da sie von den Boeren zerstört ist und ohne jeden Widerstand werden diese ibn nicht haben passiren lasten. Bei Mechaton treten an scheinend die Ausläufer de« GatrandgebirgeS bi« an die Bahn linie heran, und wenn die Boeren auf diesen sich festgesetzt haben, sollte e« ihnen doch möglich gewesen sein, French'« Cavalieri« drn Wrg zu verlegen. Aber die vorliegenden Nachrichten lauten so unbestimmt, daß man sich unmöglich «in genau«» Bild der Lage machen kann; auch reicht daS vor handene Kartenmaterial dazu nickt au«. Wir verzeichnen noch folgende Nachrichten: * London, 28. Mai. (Telegramm.) Di« Abendblätter berichten vom aestriarn Taoe au« Senekal: General Rundl» hat mit Artillerie and Infanterie den Ort besetzt, nachdem der Feind durch einige Granatschüsse darau« vertrieben worden war. Ein Feldcornet und mehrere Boeren wurden getödtet. Die Eng länder verloren elf Mann. (Wiederholt.) * Newcastle, 27. Mai. (Telegramm.) Die angestrengten Bemühungen der Boeren, sich wieder zu vereinigen, haben einen großen Theil der Feinde veranlaßt, in die Nähe von LaingSnek zurückzukehren. Eine bedeutend« Streitmacht der Boeren ist au« der Richtung von Ladybrand nach Laing«nek ge- zogen. Neue Lommando« au« Pretoria sind zum General Botha gestoßen. (Wiederholt.) Deutsches Reich» -f. Von der sächsisch-bayerischen Grenze, 28. Mai. Hier sind Erhebungen im Gange über Unterkunft von Pferden und Mannschaften bei einem vielleicht schon im nächsten Jahre auf bayerischem und sächsischem Boden abzuhaltenden Kaisermanöver. 6. N. Berlin, 28. Mai. (Die bayerische social demokratische Presse und die Rede de« Prinzen Ludwig.) Man war sehr gespannt darauf, waS die bayerische socialvemokratische Presse über die Rede de» Prinzen Ludwig sagen würde; da« Organ de» Herrn v. Vollmar, die für ganz Bayern maßgebende „Münchner Post" löst nun diese Spannung, indem sie folgende inter essante Darstellung giebt: „Die CentrumSpresse munkelt davon, zwischen München und Berlin sei „der polirische Draht" be schädigt." Es werde erzählt, „daß die herkömmliche» Festtafel zum Geburtstage deS Prinzregenten unterblieben sei, weil man auch in München verschiedene Höflichkeits bezeigungen unterlassen habe" und dergleichen mehr. Die Straubinger Rede sei demnach nur eine Aeußerung deS Grolls gewesen, der allmählich wieder im Busen deS Thron folgers sich angesammelt habe. Wir glauben nicht an diese Auslegung. Wer den Prinzen Ludwig schon reden gehört bat, weiß, daß er nicht das ist, wa« man einen „gewandten Redner" nennt. Die Worte fließen ihm nicht leicht von den Lippen und bei den meistrn seiner längeren Reden im ReicbS- rath läßt sich ein mühsame« Ringen mit der Form nicht verkennen. Viel ander« wird e« auch in Straubing nicht gewesen sein. Und hier war der Boden besonder« heiß. In Straubing dominirt noch der Bauernbund und just am Abend vor der Tagung der Canalfreunde konnte nur mit Mühe eine bauernbündlerische Protestversammlung unterdrückt werden. Da mag der Prinz das Bedürfniß gefühlt haben, den niederbayerischen Bauern ein kräftiges bayerisches Wort zu sagen, und da ist eben — ein Malheur, da« schon viel besseren Rednern passirte — diese« Wort kräftiger ausgefallen, al« es sein Urheber selbst beabsichtigte. E« ist interessant und zugleich erfreulich, daß selbst ein socialdemokratisches Blatt an eine ernsthafte Spannung zwischen München und Berlin nicht glaubt und eine solche auch nicht herbeizuführen sucht. L Berlin, 28. Mai. (Socialdemokratische Partei und Buchdruckerverband.) Bekanntlich hat das Organ des Buchdruckerverbandes, der „Correspon dent", wiederholt sehr scharfen Widerspruch dagegen erhoben, daß innerhalb des Buchdruckerverbandes die socialdemokratische Gesinnung zum Ausdruck gebracht werde. Im Anschluß an solche Aeußerungen des Widerspruches suchte jüngst der „Vor wärts" den Buchdruckerverband und seine Leitung zur Des- avouirung des „Korrespondenten" zu bewegen. Der „Vorwärts" mußte sich aber schon von seinem Leipziger „Bruderorgan", der „Leipziger Volkszeitung", sagen lassen, daß er darauf lange warten könne. Im „Korrespondenten" selbst wird heute hierzu bemerkt, „daß dem überwiegend großen Theile der V e r b a n d s m i t g l i e d e r aus der Seele ge sprochen ist und die Verbandsleitung gar keine Ursache hat, sich anders zu äußern." In demselben Artikel wird die Stellung der Socialdemokratie zu Gewerkschaften, wie dem Buchdruckerverband, folgendermaßen gekennzeichnet: „Man geht nicht fehl, wenn man annimmt, daß, seit die Gewerkschaftsbewegung wieder in bessere Bahnen geleitet ist, nachdem sie der Parteibewegung früher gute Dienste geleistet hat, seitens der Partei die gewerkschaftliche Thätigkeit als eine die Partei überwuchernde angesehen wird. Manches alte Schlagwort hat nicht mehr die frühere Zugkraft, wovon ja der letzte Parteitag mit seiner Discussion über die Taktik daS beste Zeugniß ablegte. . . . Collegen, wir befinden uns in einem Uebergangsstadium, und zwar von leeren Theorien zur praktischen Arbeit! Helfe da jeder Einzelne mit an dem Ausbau unserer Organisation — und laßt die Raben krächzen." * Berlin, 28. Mai. (StandeSvertretung der Apo theker.) Daß die Frage einer StandeSvertretung der Apo theker demnächst im Apotbekerrath beratheu werden wird, ist schon berichtet. Inzwischen bat der Vorstand des Deut schen Apothekerverein« in einrrEingabe an den preußi schen CultuSminister sehr dringend um Errichtung einer solchen Vertretung gebeten. Die Vertretung soll darnach au- provinzialen Apotbekerkammern und einer Lande»- apotbekerkammer bestehen. In Bezug auf Einzelheiten entnehmen wir der „Apotbekerztg." Folgende«: „Die für den Bereich «in«r Provinz zu errichtende Apotheker kammer hat je nach d«r Anzahl der Apotheken an« fünf oder sieben Mitgliedern zu bestehen, und zwar wählen 200 und weniger Apotheker fünf, mehr wie 200 Avotheter sieben Kammermitgtieder für die Dauer von drei Jahren. Die Kammermitglieder wählen für dieselbe unter sich einen Borstand. Di« Thätigkeit dieser Provinzialkammern erstreckt sich auf: 1) Erörterung aller da« Apothekerwesen berührenden Fragen, 2) Erstattung von Gutachten auf Befragen der Behörden und 3) Einbringung selbstständiger, die Angelegenheiten de« Stande« betreffender Anträge bei der Staats behörde. Die Einberufung der Kammer erfolgt durch den Ober präsidenten in der Regel einmal jährlich. Di« Mitgliedschaft ist ein Ehrenamt Tie LandeS-Avotbekerkammer soll auS dem jedesmaligen Director der Medicinalabtheilung als Vorsitzendem, dem Decernenten für pharmaceutische Angelegenheiten als Stellvertreter und au« Vertretern der Provinzen bestehen. Diese Vertreter werden von den Provinzialkammern gewählt und zwar sind für 250 Apotheken 1, für 251—500 Apotheken 2 und für mehr als 500 Apotheken 3 Vertreter in Aussicht genommen. Dir Thätigkeit der Landeskammer würde sich erstrecken auf 1) Begut- achtung der ihr vom Minister vorzulegenden, das Apothekenwejen betreffenden Angelegenheiten, 2) Einbringung von selbstständigen Anträgen uud Vorschlägen an den Minister. Tie Einberufung erfolgt in der Regel einmal jährlich Lurch den Minister." (D Berlin, 28. Mai. (Telegramm.) An der gestrigen FrübstückStafel beim Kaiserpaar nahmen Tbeil der Kron prinz, die Prinzen August Wilhelm und Oscar, die Staatssekretäre Graf Bülow und Tirpitz, Capitänleutnant Graf Platen und Oberleutnant Frhr. v. d. Goltz. Nachmittags unternahmen der Kaiser und die Kaiserin eine Spazier fahrt. An der Abendtafel, welche im Schloß Bellevue stattfand, nahmen Theil der Kronprinz, Capitänleutnant Graf Platen und Oberleutnant Frhr. v. d. Goltz. — Heute Morgen batte der Kaiser während de« Spazierganges im Thiergarten eine längere Besprechung mit dem Hof- Garterdirector Geitner, hörte darauf im Auswärtigen Amt den Vortrag des Staatssekretärs Grafen Bülow und im königlichen Schlosse die Vorträge deS Chefs des CivilcabinetS Wirkt. Geh. Rath« vr. v. LucanuS, deS Chefs des Marinc- cabinetS Vice-AdmiralS Frbrn. v. Senden-Bibran, sowie de« Staatssekretärs Tirpitz. Zur Frühstückstafel waren keine Einladungen ergangen. (7) Berlin, 28. Mai. (Telegramm.) Wie der „Reichs anzeiger" berichtet, hat der Kaiser dem Staatssekretär Graf PosadowSky seine Freude über die vom Reichstage einmüthig erfolgte Annahme der neuen Unfallver sicherungs-Gesetze, „dieses für den weiteren Ausbau der Für- sorge für die arbeitenden Claffen so bedeutungsvollen Werkes", ausgesprochen. (-) Berlin, 28. Mai. (Telegramm.) Die „Nordt. Allg. Ztg." meldet: Der Unterstaatssekretär im Cultus- ministerium, Wirkl. Geh. Ober-RegierungSralh vr. v. Bartsch, der an den Folgen einer schweren Influenza leidet, hat seine Versetzung in den Ruhestand erbeten. D Berlin, 28. Mai. (Telegramm.) Naw cer „Berliner Correspondenz" ist die Blalternachricht, daß im Ministerium des Innern ein Entwurf der neuen Polizei- verorduung über den Betrieb des SchankgewcrbcS aus gestellt und den Provinzialbehörden mitgetbeilt worden sei, unzutreffend. Der Sachverhalt sei der, daß der deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke dem Ministerium über die Bekämpfung der Trunksucht eine Denkschrift, in der ein solcher Entwurf in Form eines Vor schlages enthalten sei, eingereicht habe. Diese Denk schrift sei den Provinzialbehörden zur Kenntniß- nabme und Prüfung mitgetbeilt worden." „In Ueber- einstimmung mit den erstatteten Gutachten", fügt die „Berliner Correspondenz" hinzu, „muß, vorbehaltlich der Er gänzung der bestehenden polizeilichen Vorschriften nach ter einen oder der anderen Seite, der aufgestellte Entwurf, ins besondere die Bestimmung über den Geschäftsschluß aller Gast- und Schankwirthschaften um 10 Uhr Abends, al- weit über das berechtigte Ziel binausgebenv und deshalb als nicht annehmbar bezeichnet werden." (Dir betr. Nachricht ist von uns nicht mitgetbeilt worden, da sie von vornherein unglaubwürdig erschien; überdies hätte es sich nur um die Regelung ausschließlich preußischer Verhältnisse handeln können. Red.) L. Berlin, 28. Mai. (Privattelegramm.) Die Berlin- Brandenburger Aerztekanrmer beschäftigte sich in ihrer Sitzung am Sonnabend auch mit der Frage der Zulassung der Realgymnasial-Abiturienten zum Studium der Medicin und nahm folgende vom Vorstand der Aerzte- kammer beantragte Resolution an: „Die Aerztekammer für die Provinz Brandenburg und Len Stadtkreis Berlin erachtet e« zur Erhaltung eines leistungsfähigen Aerztestandes für erforderlich, daß 1) da« Zeugniß der Reise von einem humanistischen Gymnasium auch fürderhin alleinige Vorbedingung der Zulassung zu den ärztlichen Prüfungen bleibe; 2) daß aber, wenn eine Zulassung der Absolvirten anderer Mittelschulen (Realgymnasium und Realschulen) zu Len Universitätsstudien nicht zu verhüten sein sollte, wenigsten« ». diese Zulassung sich auf alle Fakultäten unserer Hochschulen erstrecke, nicht aber auf die mrdicinische beschränk«; d. vor Inkrafttreten Lieser Reformen die schon jetzt nothwendige Vermehrung sämmtlicher medicinischen, ins- besondere der klinischen UnterrichtSanstalten in au«giebigstem Um fange in« Werk gesetzt werde." Nachdem Professor Koßmann al» Referent die einzelnen Sätze begründet hatte, sprach sich namentlich Professor von Bergmann für eine gleichmäßige Vorbildung aller Mrdiciner und gegen die Zulassung der Realgymnasiasten zum Studium der Medicin au«. — DaS von Prof. Johanne« Pfuhl hergestellte Modell zum Standbilde Kaiser Wilhelms I. ist nunmehr in der Vorhalle zu dem Präsidenten- und Schriftfllhrerzimmer zur Besichtigung der Mitglieder der AuSschmückungS- Commission und de» R e i ch »t a g e» überhaupt aufgestellt worden. Der Künstler hat seine vorläufige Aufgabe in fein sinniger Weise gelöst. Die Figur des Kaiser» soll in anderthalb facher Lebensgröße in einevHöhe von 2,80 Meterdargestellt, werden, der Sockel 1^2 Meter hoch sein; das ganze Standbild würde also etwa 41/2 Meter Höhe erreichen. Kaiser Wilhelm I. steht in strammer militärischer Haltung, unbedeckten Hauptes, die Brust mit den Insignien deS Schwarzen AdlerordrnS geziert; der Mantel der Ritter de» Schwarzen AdlerordrnS fällt in langen Falten bi» zu den Füßen nieder. Prof. Pfuhl hatte im Decembe' der Au»schmückung«commiffion ein kleines Modell dorgelegt unL daraufhin die Anregungen zu nur unwesentlichen Arnderungei erhalten. Er hat an dem neuen Modell, da» rin Drittel de» Größe de» eigentlichen Standbild«» bildet, mehrere Monate ar
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