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Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 20.05.1902
- Erscheinungsdatum
- 1902-05-20
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-190205203
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-19020520
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-19020520
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1902
-
Monat
1902-05
- Tag 1902-05-20
-
Monat
1902-05
-
Jahr
1902
- Titel
- Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 20.05.1902
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Anzeigen PreiS die 6gespaltene Petitzeile 2S Reklamen unter dem Redaction-strich (4 gespalten) 75 vor den Familienuach- richten (8 gespalten) 50 Tabellarischer und Ziffernsatz entsprechend höher. — Gebühren für Nachweisungen und Ossertrnannahme 25 Ls (exrl. Porto). Grtra-Beilagen (gesalzt), nur mit der Morgen-Aufgabe, ohne Postbtsörderung 60.—, mit Postbesörderung 70.—. ^uuahmeschluß für Anzeigen: Abend-AuSgabe: Vormittag» 10 Uhr. Morgeu-AuSgabe: Nachmittag» 4 Uhr. Anzeige« find stet» an dse Expedition zu richten. Die Expedition ist Wochentag» ununterbrochen geöffnet von früh 8 bi» Abends 7 Uhr. Druck und Verlag von S. Polz in Leipzig. Nr. 251. Dienstag den 20. Mai 1902. 96. Jahrgang. Der Krieg iu Südafrika. Amtliche Boeren'Rapporte. 6. N. Ueber den Stand und die Aussichten der Boeren fache, die heute entschieden günstiger und hoffnungsvoller sind, als zu irgend einer Zeit des nun 32 Monate währenden Krieges, giebt folgender neuer amtlicher Bericht des Generals I. C. Smuts mit seiner Schilderung der Lage der Com- mandos von der Einnahme Pretorias im Juni 1000 bis zum Januar 1902 Aufschluß. Dev Bericht bildet zu gleicher Zeit die bündigste Widerlegung aller jener eng lischen Behauptungen, daß die Boeren einen Frieden um jeden Preis annchmen müßten, da der hoffnungslose Stand ihrer Sache sie zu unbedingtem Nachgeben zwinge. Der Rapport lautet in der Ucbersctzung (so wörtlich als möglich): Rapport beS StaatSprocuratorS und General- commandant-Assi stenten der Südafrika nischen Republik, I. C. TmutS an Seine Hochedlen den Staatspräsidenten Krüger. Van RhynSdorp, Capcolonic, im Januar 1902. S. H. E. dem Staatspräsidenten S. I. P. Krüger. Hochedler Staatspräsident! Hiermit habe ich die Ehre, E. H. E. einen Bericht zu- -ufenden, betreffend unsere Sache und die Zustände in den Republiken und in der Capeolonie. Um jedoch E. H. S. so vollkommen als möglich von unserer gegenwärtigen Lage zu unterrichten, will ich eine kurze Ucbersicht über den ganzen Stand unserer Sache und die Kriegsverrich tungen in Südafrika geben. Zu diesem Zwecke wird es nöthig sein, etwas zurückzugehen und zu beginnen mit einem kurzen Umriß unserer Lage während des Winters -es letzten Jahres »Mai-September 190t). E. H. C. werden sich des kritischen Standes erinnern, in dem sich unsere Sache während des Winters 1900 be fand, als die ohne jede Vertheidigung unsererseits erfolgte Einnahme von Pretoria so viele unserer Bnrghers an der .Klugheit ihrer Führer uud dem Siege unserer Sache ver zweifeln ließ. In den beiden Republiken legten Tausende die Waffen nieder und wir wurden vom Feinde in die enge östliche Ecke der Südafrikanischen Republik gedrängt, während Hauptcommandant Do Wct sich genöthigt sah, mit seinen Commandos den Oranje-Freistaat zu räumen und im Boschvcld von WatcrSberg (im Nordwcstcn des Transvaal) feine Zuflucht zu suchen. Mit dem Eintritt des Sommers jedoch machte dieser bedenkliche Zustand einem ganz anderen Platz: das Vertrauen des Volkes in seine Leiter und Hauptosfieicrc war wieder vollkommen hergkstellt, Tausende hatten die Waffen wieder auf genommen und der Feind war zurückgedrängt auf die Dörfer längs der Bahnlinie und einige andere: am Ende des Jahres 1900 waren die verbündeten Mächte wieder die Herren in sämmtlichen Distrikten der beiden Republiken, und cs wurde bereits damit begonnen, unserer Sache in der Capcolonic wieder ansznbelfen. Dadurch von seinem eitlen Wahn, als ob der Krieg bereits vorüber wäre, bekehrt, spannte der Feind unter der Leitung des Lord Kitchener alle Kräfte an, das ver lorene Feld wieder zu gewinnen; zuerst wurde unter der Führung -es Generals Krench ein Versuch gemacht, von den westlichen Distrikten der S. A. R., die, wie E. H. E. sich erinnern werden, dem militärischen Befehle des Generals De la Re»; und dem meinigen unterstellt waren, wieder Besitz zu ergreifen. Als dieser Versuch mißglückte, wurde French an die Spitze einer großen Bewegung ge stellt, die zum Ziele hatte, die östlichen Distrkcte der S. Ä. N. wieder zu erobern und zu verwüsten. Eine Kriegspolitik, deren Merkmale unerhörte Grausamkeit und Barbarei und Mißachtung -er elementarsten Grund lagen -es internationalen Kriegsrechts waren, wur-c nun über die beiden Republiken von Lord Kitchener verhängt, mit dem Erfolge, daß im Winter des Jahres 1901 unser armes Land und Volk in einen Zustand der Verwüstung und des Elends gebracht waren, die jeder Beschreibung spotten. Beinahe alle Orte und Dörfer in der: beiden Rcbupliken waren verwüstet und niedergebrannt; bei nahe alles Getreide und alle Lebensmittel vernichtet, fast die gesammte lebende Habe getödtet, oder, besser gesagt, auf die unmenschlichste Art gemordet; die große Mehrheit unserer Frauen und Kinder aß Thränenbrod in den Gc- fangenlagern des FeindeS; und Ne, die sich noch auf freiem Fuße befanden, irrten meist verzweifeln- umher in den Wäldern und Bergen zwischen Kaisern und wildem Grthier. Das Gebiet der beiden Republiken war vom Feinde in Brand gesteckt; so weit baS Auge sehen konnte nach allen Richtungen hin, war Alles schwarz, so daß eS schien, als ob die Natur selbst tranrc über das grenzenlose Elend unseres Volkes. War unsere militärische Lag« im Winter 1901 unendlich besser als im Winter 1900, so war der sociale Zustand unseres Volkes ebenso unend lich schlechter geworden. Die Absicht dieser Kriegspolitik -es Lord Kitchener war. unser Volk nicht so sehr durch direkte Operationen gegen die fechtenden Commandos, als indirect dadurch, -atz man den Krieg mit aller Ge malt wehrlose Frauen und Kinder bedrücken ließ, zur Muthlosigkeit zu bringen und zur Ergebung zu zwingen. Erbarmungslos wurden diese verfolgt und geknechtet, um die Löwenherzen im Felde zur Verzweiflung zu bringen. Kein Wunder deshalb, -aß im Lause des Winters 1901 Viele wankelmüthig wurden und -er Behauptung des Feindes Beachtung zu schenken begannen, daß wir keine sittliche Berechtigung hätten, einen Kampf mit unsicherem Ende fortzusetzcn auf Kosten eines so grenzenlosen Elends für Frau und Kind. Selbst einige Officiere, die durch diese endlosen Bilder der Verwüstung und des Elends bei- nahe zur Verzweiflung gebracht waren, ersuchten die Ne gierung dringend, die Frage unseres weiteren Ausbarrens ernstlich in Erwägung zu ziehen. Die Regierung er füllte dieses Ersuchen und rief die Hauptofficicre -er Republik zusammeit und machte zu gleicher Zeit einen Versuch, sich mit E. H. E. in Verbindung zu setzen, Wie E. H. E. wissen, wurde ich von der Regierung av, geordnet, die Correspondenz mit E. H. E. zu führen, und ich habe dann getrachtet, E. H. E. über unsere Lage auf- zuklären. Bei meiner Rückkehr zur Regiernng fand ich dabei auch S. H. E den Staatspräsidenten Steijn, Hauptcommandant C R. de Wet und einige andere Offi ciere des Oranje-Freistaates. Die beiden Regierungen haben dann zusammen mit -en Haupt-Osficieren der beiden Republiken unsere Sache eingehend besprochen, und zum Schlüsse am SO. Juni zu Watervaal, Distrikt Stanberton, einen Beschluß gefaßt, in welchem nach Auf, zäblung -er Gründe bestimmt wird, daß kein Friede ge schlossen oder auch nur Verhandlungen über den Frieden angelnüpft werden sollten, denn allein auf -er Grund lage -er Unabhängigkeit der beiden Republiken und der Wahrung der Interessen unserer colonialen BunbeS- genoßcn; und daß der Kampf nachdrücklich fortgesetzt werde» soll, bis wir unser Ziel erreicht hätten. Dieser Beschluß wurde dann Lord Kitchener und allen unseren Commandos mitgcthcilt. Weiter wurde beschlossen, daß wir den Kampf mit mehr Kraft in der Capcolonic führen sollten, und zu diesem Zwecke wurde General-Comman- -ant-Assistent I. H. dc la Neu beordert, so bald als mög lich den Oberbefehl in der Capeolonie zu übernehmen. Diese beiden Beschlüsse wurden bei unserem ganzen Volke iu -en beiden Republiken mit großer Genugthuuug ausgenommen. Wie heiß auch die Burghers nach dem Frieden verlangen und ausschauen nach dem Ende, nicht so fast ihrer eigenen barten Arbeit, als der Leiden ihrer in der Gefangenschaft schmachtenden Lieben wegen, so wiegt doch die unvergängliche Freiheit ihres Volkes, für die schon so viele Opfer an Gut und Blut gebracht worden sind, unendlich schwerer bei ihnen, als ein zeit liches Elend ihrer Familien, wie groß und schmerzvoll dies auch sein mag. Der Geist der Freiheit ist in der That Lei unserem Volke eine edle Leidenschaft geworden, in deren Gluth alle anderen Neigungen, Wünsche und Bande »vie ei», nichtiges Ding vergehen, und das habe», wir vor Allem Lord Kitchener und seiner unmenschlichen Kriegs politik zu danken. Darauf komme ich aber später noch zurück. Als General De la Rcy und ich die Schwierigkeiten und Beschwerden, die sich aus dem Beschluß der beiden Negierungen für die Operationen ergaben, erwogen batten, wurde cs uns klar, daß wir mit der größten Umsicht zu Werke gehen mußten. Wir kamen deshalb überein, daß ich erst mit einer kleinen Abtheilung die Capeolonie auskundschaften sollte und -atz er erst auf meinen Bericht und meine Ordres hin folge,» und handeln sollte. *) Als ich die Republiken zu Beginn dieses SommerS verließ, war die militärische Lage -ort in Kürze wie folgt: Den Angaben der verschiedenen Officiere zufolge befanden sich noch mindestens 20 000 Burghers auf Svmman-o; alle Distrikts in den beiden Republiken waren noch in unserem volle», Besitz, ausgenommen den Tbeil desDiftrictsBloem- fontein, zwischen der Bahnlinie, Petrnsburg und Boom- ptaat, den ich umgeben sand mit einen» Kreise feindlicher Forts und befestigter Lager. (Ich selbst aber durchzog ihn ohne Widerstand.) Der Fein- war allein im Besitz -er Bahnlinien, Dörfer hatten sie geräumt un- nieder gebrannt. Wir batten noch genügend Pferde, genügend Muuition, genug Proviant und genug Muth und Lust, -en Krieg tbatkräftig fortzusetzen. Es gebt daraus deutlich hervor, -aß unsere Lage in, Oktober 1901 vom militärischen Gesichtspunkt aus viel besser war, als im Oktober 1900, ich gebe noch weiter und frage: war unsere Lage in, Oktober 1901 so viel schlechter als im Oktober 1899, -aß der Feind mit einigem Schein von Recht sagen konnte, daß wir einen hoffnungslosen Kampf führen? Wie E. H. E. wissen, haste ich von Beginn -eS Krieges ab viel zu thun mit der Mobilisirnng nuferer Burghers-Streikräste, und mir waren die Stärkczahlen *) Die Ordre a», General De la Ren, sich nach der Cap- colonie zn begeben, wnrdc später widerrufen, wodurch General I. C. Smnts, -er Schreiber dieses Berichts, zum General-Evmmandant-Assistcntcn der L. A. R., mit der Capcolonic zum militärischen Ressort, ernannt worden war. unserer verschiedenen Commandos in den Republiken und in den Colonien wohl bekannt; meine Ansicht ist, daß wir zu keiner Zeit mehr als 32 000 Mann im Felde hatten, nm un, Feinde Trotz zu bieten. Unsere Stärke ist also um ungefähr 12 000 oder etwa der Gesammtzahl verringert. Wenn jedoch berücksichtigt wir-, daß diese 32 000 Manu Burghcrs aller Art tu sich schlossen, von denen viele nur wenig tauglich für den Kriegsdienst waren, und daß großer Mangel an DiSciplin herrschte, während nun die 20 ooo im Felde lauter gut disciplinirte Veteranen sind, der erlesene Rest unserer früheren Hccresmacht, dann werden E. H. S. sogleich erkennen, daß unsere heutige Streitmacht nicht erheblich schwächer ist, als diejenige war, mit der wir in den Krieg gezogen sind. Der Feind ist wohl im Besitz unserer Eisenbahnen und Hauptstädte, aber wie theuer kommt ihm das zn stehen! Auf Grund meiner Berechnung benöthigt der Feind mindestens 100 000 Mann, um die Eisenbahnen in den Republiken und die größten Dörfer darin zu besetzen. Diese Ziffer erhöht sich fortwährend in Folge der nutzlosen Errichtung neuer BlockhauSlinien und dadurch, daß wir unaufhörlich die Bahnlinien und die Dörfer im weiten Westen der Capeolonie bedrohen. Das ist ein« tobte Zahl, da sie nicht fechten, sondern lediglich die Verbindungs linien beschützen, während die Boeren keine Dörfer oder Verbindungslinie beschützen, und also jeder Boer auf Commando ein schlagfertiger Streiter ist. Weiter hat uns die Erfahrung gelehrt, daß jeder fechtende Boer ungefähr fünf englischen Soldaten die Waage hält, so daß der Feind eine Streitkraft von etwa 100 000 Reitern aufbieten muß, nm sich gegen die Bvcrenstreitmacht von 20 000 Reitern behaupten zu können. Der Feind hat also für die beiden Republiken allein ein Heer von 200 000 Mann nöthig. Dazu müssen noch über 50 000 Soldaten kommen, die nöthig sind, um den, Aufstand in der Capeolonie bc- gegnen zn können. Es ist also klar, daß der Feind unter den heutigen Verhältnissen in Südafrika mindestens eine Viertclmillion Soldaten, darunter etwa die Hälfte Be rittene, nöthig hat. Und wenn ich auf die große Gefahr Bedacht nehme, die die englische Herrschaft i», -er Cap- colonie bedroht, eine Gefahr. ->s »um Tbeile merkt und begreift, dann komme ich zu der Ueberzeugnng, -aß -lese ungeheure Macht mit allen damit verbundenen Unkosten un- Ausgaben noch gar lange nöthig sein wird, nm Englands Untergang in Südafrika zu verhindern, und daß es sehr leicht möglich ist, -aß es dabei allenfalls nicht einmal obsiegen kann. Nicht allein, -aß der Fein- die mit der Unterhaltung dieser Heeres»«,acht verbundenen Unkosten bestreiten muß, die Boeren leben ebenfalls auf Kosten -cs britischen Staatsschatzes. Alle unsere Gewehre und all unser grobes Geschütz, all unsere Munition, unsere Pferde, Sättel und Zäume, ja theilweisc sogar unsere Kleider werden von den, unerschöpflichen Borrath -es Lord Kitchener genommen. Das gilt auch in großem Maße von unserem Proviaut, der ununterbrochen von, Feinde erbeutet wird. Die Boeren gehen in beinahe kein Gefecht, ohne mit mehr Munition daraus zu kommen, als sie mit hinein nahmen, ja ab und zu erbeuten sie soviel, daß ganze Wagenladungen von ihnen wieder in Brand gesteckt Werder, müssen. Die Politik der Ausrottung und Abmattung, von der der Feind sich soviel erwartet, ist demnach sonnenklar ein eitler Traum; wir werden nicht eher von allen, Kriegsbedarf entblößt sein, als bis das britische Kriegsamt davon entblößt ist. und dann ist es höchste Zeit, daß der Krieg aushört. Aus alledem geht deutlich hervor, mit wie wenig Grund FeitiHetsn. IS) Der Militärcurat. Noma» von Arthur Achleitner. S.«<ddrnck derdolm. „Seien Sic außer Sorge, cS wird kein Wort über meine Lippen kommen! Doch Meldung muß ich erstatten, cS ist meine heilige Pflicht „Um Gottes Jesu willen, nein! O, was habe ich gc- than! Das Militär wird anrückcn, cs wird scharf schießen, cs wird Blut fließen, gräßliches Unglück geben! Und Sie stehen in Gefahr, ich soll Sie verlieren, mein LcbenSglück wird vernichtet!" Aufschrctend warf sich Pia den, be stürzte» Officier an die Brust. „Ich kann Dich nicht lassen, ich darf Dich nicht verlieren! Bleib' an meiner Seite!" Sanft drängte Hiller das verzweifelnde, exaltirte Mädchen von sich und bat um Rücksicht auf seine Stellung in, gastlichen Hause. „Sie lieben micht nicht! O Gott, daS furchtbare Opfer des Berrathes ist vergeblich gebracht! Wehe mir! Ich habe das Vaterland, Freunde nnd Eltern verrathcn! Er liebt mich nicht!" „Um Gotteswillen, Fräulein Pia! Ich darf ja nicht an daS Glück einer Vereinigung denken, Pflicht und Ei zwingen mich, die Liebe aus der Brust zu reißen! Ich muß Sic selbst schonen. Sic bewahren vor -em Haß Ihrer fanatischen Landsleute! Es ist ein Ehebunb unter diesen Verhältnissen undenkbar, Sie würden namenlos unglück lich werden. Im Süden und unter ganz anderen Sitten und Gebräuchen aufgewachsen, würden Sie einer auS heimischem Boden gerissenen Pflanze gleich im Norden dahinsiechen, verdorren! Die Rene wird sicher kommen! Und was kann ich, der arme Officier, Ihnen für ein Loos bieten?!" „Nicht diese Worte, ich will sic nicht hören! Verzichten auf »nein LcbenSglück, nie! Du liebst mich, ich fühle cS, Dein Herz, 6ari«sim<>, redet eine andere Sprache als der Mund! Flieh' mit mir über die Grenze, in Italien ver eint uns des Priesters Segen!" galten Sic ein, Fräulein! Nun und nimmer will ein kaiserlicher Officier von Fahnenflucht hören! Lieber sierben, als den» kaiserlichen Herrn die Treue brechen! Eine Liebe unter solchen Bedingungen giebt es nicht für mich und für keinen Officier! Haben Sic tiefgefühlten Dank, gnädige- Fräulein, für Ihre gütigen, mich hoch ehrenden Gesinnungen und entlassen Sie mich in Gnaden!" Mit einem Wcherufc sank Pia in eine» Fauteuil. Hiller schnallte im Vorraum um, schickte seine Karte a», den Hausherrn, mit -er Bitte un, Entschuldigung de- durch dienstliche Rücksichten erzwungenen plötzlichen Ausbruches nebst ergebenstem Dank für liebenswürdige Bcwirthung. Corazza nahm in Folge dessen auch bald Abschied und verließ den Palazzo. Der Rapport Hillers beim Cvmmandanten bewirkte die Zurücknahme -e» Befehle- zum UebungSmarsch. Das Bataillon blieb in der Casernc. Im Palazzo Mazari hatten sich die Herren zu einer geheimen Berathung zurückgezogen, die den letzten An ordnungen für da» Protestmeeting gilt. vr. Chiste reserirte über einet, ProclamationSentwurf, der seiner Feder ent- stammte, und schilderte in flammenden Worten, wie be geistert daS Volk sich auf die Seite -er führenden Signori stellen werde. Inmitten dieser fascinirenden, der politischen Klugheit völlig entbehrenden Rede trat Pia in den BerathungSsaal und ließ sich durch die Winke des BaterS nicht einschüchtern, daher Herr v. Marzari den Redner unterbrach und in aller Bestimmtheit seine Tochter ersuchte, sich zu entfernen. „Nein, ich habe mit den Herren zn sprechen!" erklärte fest da» Fräulein de» Hauses. Lebhafte Rufe de» Erstaunen» wurden laut. Wie um eine letzte Thrä'nenspur wegzuwischen. fu«n Pia mit der Hand über die Augen und sprach: „Die heutige Berathung gilt dem morgigen Meeting. Dasselbe darf jedoch nicht ftattfinden!" „Weshalb nicht? Wer will uns hindern? Was ist vorgekallen?" rief erregt I)r. Ehistc. „Ich habe soeben erfahren, daß die Truppen morgen nicht auSrücken, weil da» Militär von der Absicht einer Protcstversammlung Kenntniß erhalten hat!" „Nicht möglich!" rief nun der alte Herr v. Marzari. „Es ist Thatsache! Mehr kann ich darüber nicht sagen! Ich glaube, die Signori werden gut thun, die Versamm lung nicht abzuhalten, denn die Verbrennung kaifßrckcher Adler werben die Behörden zweifellos zu verhindern wissen. Geschieht e» doch» so erhalten wir den Belage rungszustand und die Signori werden auSwaudern müssen, so sic nicht mit dem Standrecht Bekanntschaft machen wollen." Pia nickte den Herren zu und verließ den Saal. Nach dem Muster de» polnischen Reichstage» schmetterten die Signori ihre Ansichten bunt durcheinander, es redete Jeder mit voller Lungenkraft, um der Ucberraschung Herr zu werden. Daß ein Verrath stattgefundeu haben müsse, ist zweifellos; cö fragt sich nur, wer das Militär verständigt hat. Fraglos ist es aber eine verdienstvolle That der Tochter des Hauses, die Versammlung rechtzeitig gewarnt zu haben. Die Herren waren einig darüber, daß Fräulein de Marzari al- cchte Patriotin gehandelt habe. Das Lob seiner Tochter erfreute den alten Herrn er sichtlich, machte ihn auch gefügig den Plänen Dr. Chiste S, -er nach Schluß der Sitzung bei Herrn v. Marzari verblieb und ihn nm die Hand seiner Tochter bat. Und der alte Herr willigte ein, voransgesctzt, daß Pia zustimme. Der Advocat erhielt jedoch auf Anfrage den Bescheid, -atz -aS gnädige Fräulein heute nicht mehr zu sprechen sei. ZwölstesEapttel. Mit sechswöchigem Urlaub und einem Auslandspasse ausgerüstet, „den Beutel voll Cield, die Feder an, Hut", war Baron Steinburg über die Grenze gen Süden gefahren, ein Civilist, dem -er Officier auf -en ersten Blick anzu merken ist, trotz Fedcrhut und WcibmannSkleidung. In Mailand konnte Sternburg genug derartige Bemerkungen auf der Straße hören, nur mit der trrthümlichcn Voraus setzung, daß eS ein Bersaglicro in Civil sei. Dem Dom ward der unvermeidliche Besuch abgestattet, -an», aber suchte Sternbnrg -en Palazzo Gravina mit jener Aus dauer, die den, Weidmann Gewähr auf Erfolg verheißt im Sprichwort: „Der Jäger unverdrossen, hat manches Wild geschossen." Ein Tag schier verfloß bis das Palais gc- funden wurde und zwar unbewohnt. Vom halbtaubcn Casiere mar nicht viel Fröhliches zn erfahren; die Herr- schäften seien abgcrctft nach kurzen, Aufenthalte und zwar angeblich nach Florenz. Einige Lire bewirkten eine er- freuliche Gcdächtnißstärknng des Hausverwalters, der nun zu sagen wußte, daß die Herrschaften muthmaßlich eine Billa in der Male -ei Colli bewohnen. So wenig diese Auskunft bietet, ein Anhaltspunkt zu weiterem Suchen ist es doch, und Sternbnrg mit seiner Sehnsucht nnd Bereitwilligkeit, der armen Marches« bci- zustehcn, reiste sogleich in die Hauptstadt ToSkanaS mit jener Ungeduld, die bekanntlich Goethe veranlaßte, ver schönen Arnostadt nur ganze drei Stunden zu widmen, weil die Begierde, nach Non, zu kommen, zn groß war. An Goethe dachte Gternburg nun allerdings nicht, vielmehr an einen süßen Blondkopf und die Aufgabe, die holde Dame aus der Sklaverei zu befreien. Der Wagen sauste durch die alte Porta Nomaua in die Male -ei Colli, die schönste Promeuadcustraße der Welt, und hielt an der Stelle, da die hübschen Landhäuser ihre», Anfang nehmen. Auf gut Glück fragte Stern bürg gleich im ersten Hause nach -er Villa, welche die Marches« Gravina bewohne. Keine Auskunft möglich, man kennt die vornehme Dame nicht. Dasselbe Mißgeschick erfuhr Steinburg in der nächsten Villa, nnd das Pech wiederholte sich in der dritten und vierten. Es wir- unmöglich sein, die ganze Villen vorstadt, die Florenz »vie ein duftender Kranz un,zieht, abzusragen, zumal Sternburg die Hauptsache, den Namen des Grasen-Tvrannen, nicht auzugcben vermag, und Höchs, wahrscheinlich sind die Herrschaften nur nach den, Namen des Grafen hier bekannt. Für den Zauber der Landschaft, des Arnothales, batte Sternbnrg kein Empfinden, kein Auge für die Helle Mar morfassade von San Miuiato al Monte, das schönste Denk mal Florentiner Baukunst dcö zwölfte», Jahrhunderts. Dagegen kam dem Baron dein, Anblicke des alten FranciS- kanerklosters Sau Salvatore del Monte ein zwar nicht sehr frommer, aber doch gescheiter Gedanke, die Idee, den Frater Pförtner zu fragen, ob er die Marches« nicht bei läufig kenne. Hcrausgelüutct war der Frater bald, auch brachte eine Spende für das arme Kloster den alten Mann in angenehme Stimung, aber weit, arg weit liegt dos Ziel entfernt. Auf die Fragen nach der Villa einer Familie Gravina in der Viale dci Colli hatte der Pförtner nur ein leicht zi» verstehendes Achselzucken. Ob er eine vornehme, blonde Dame von italienischem Adel in der Kirche gesehen habe? Auffallend blond? Dcmüthig klang die Versiche rung, daß ein Klosterbruder kein Auge für vornehnn wie niedere Frauen haben dürfe. Was nun beginnen? Au das Ohr drang -er lässig schlürfende Tritt des Italieners, der sich beschleunigte, als der staunende Facchin die ent täuschte Miene des Tedesco an der Klosterpforte wahr nahm. Trinkgcldhungrig stürzte der Mann auf Sternburg zu und bot mit einem ungeheuren Wortschwall seine Dienste an, indes sich der Pförtner znrückzog. Alle Bewohner der Viale dci Colli will der Facchiu kennen, nur eine Familie Gravina nicht. Auf eine Per sonalbeschreibung der Dame verzichtete Sten,bürg und stand schier verzweifelnd inmitten der schönen Straße. Es kostete schwere Mühe, -en Facchin los zu werden, der nach Empfangnahme eines Trinkgeldes noch zudringlicher ward und sogar auf den, Kutschbock des herbeigcwinktcn Wagens Platz nehmen und mitfahren wollte.
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