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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 01.02.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-02-01
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000201026
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900020102
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900020102
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-02
- Tag 1900-02-01
-
Monat
1900-02
-
Jahr
1900
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Die Morgrn-AuSgabe erscheint um '/r? Uhr, die Abend-Ausgabe Wochentags um 5 Uhr. Nedaclion «nd Expedition: Johannisgasse 8. Die Expedition ist Wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis Abends 7 Uhr. Filialen: Alfred Hahn vorm. v. klemm'» Tortiin. Universitätsslraße 3 (Paulinum), LoniS Lösche. Katharmenstr. 14, Part, und Königsplatz 7. VezugS.PreiS dl der Hauptexpedition oder den im Stadt« bewirk und de» Vororten errichteten Aus gabestellen ab geholt: vierteljährlich >44.50. bei zweimaliaer täglicher Zustellung «ns H°uS ^lb.50. Durch die Post bezogen sur Deutschland und Oesterreich: vierteljährlich 6.—. Direkte tägliche jtreuzbandiendung in- Ausland: monatlich 7.50. Z 58. Abend-Ausgabe. Anzeiger. Amtsblatt des Königlichen Land- nnd Amtsgerichtes Leipzig, des Raches nnd Rolizei-Ämtes der Stadt Leipzig. Donnerstag den 1. Februar 1900. AnzeigeN'PretS die 6 gespaltene Petitzeile 20 Pfg. Reklamen unter demRedactionSstrich (-ge spalten) 50^, vor den Familienuachrichten (6 gespalten) 40^. Größere Schriften laut unserem Preis- Verzeichnis. Tabellarischer nnd Zifsernjatz nach höherem Tarif. 1-rtra-Beilagen (gesalzt), nur mit der Morgen-Nusgabe, ohne Postbeförderung ./k 60.—, mit Postbesördernng 70.—. Annahmeschluk für Anzeigen: Abend-AuSgabe: Vormittags 10 Uhr. Morgen- Ausgabe: Nachmittags 4 Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je ein« halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Truck und Verlag von E. Polz in Leipzig. Jahrgang. Politische Tagesschau. * Leipzig, 1. Februar. Gestern, am 31. Januar, ist die prenszische Verfassung 50 Jahre alt geworden. Aber daS Wort von der Jubiläums gier der Zeit bat sich dabei nicht bewährt. Keine Hand hat aus diesem Anlasse zum Becker gegriffen, kein Mund bat sich zu einem Hoch geöffnet. Die znr Winzigkeit herabgegangene Fraktion der freisinnigen Vereinigung im Abgeordnetenhaus«: soll die Veranstaltung eines Festmahles beabsichtigt haben; cs scheint aber auch daraus nichts geworden zu sein. Nickt einmal alle liberalen preußischen Zeitungen gedachten dcö Tages, und wo eS geschah, war der Ton ein gedämpfter. Tie conscrvativen Blätter „erinnerten" sich in ihrer Mehrheit nicht nnd auch die „Germania" hatte vergessen, bis sie durch einen die konfessionellen Aspirationen des CcntrumS aufstackelnden „Jubiläums-Artikel" des allzeit getreuen Herrn Richter darauf aufmerksam gemacht worden war, daß sich aus der ReminiScenz einige Hetzartikel schlagen ließen. Diese bei keinem der HalbjabrbundertSjubiläcn anderer deutscher Landesver fassungen zu Tage getretene Gleichgiltigkeit bat verschiedene Ur sachen. Es ist streitig, ob an der preußischen Verfassung daS Blut der am 18. März >848 zu Berlin gefallenen Bürger und Soldaten klebt. Fürst Bismarck stellte das entschieden in Abrede und versicherte, daß Friedrich Wilhelm IV. vor dem Ausdrucke der Revolution zur Bewilligung einer Constitution entschlossen gewesen sei. Aber die entgegengesetzte Meinung ist stark vertreten, und wer sie theilt und nickt Socialdemokrat ist, für den hat eine eingehende Betrachtung über das Ereigniß vom 31. Januar 1850 nicht viel Verlockendes; schon deshalb nicht, weil zwischen jenen Tagen und der Gegenwart die fast dreißigjährige große Negierungszeit Wilbelui's l. liegt, eines Fürsten, an dem sich, wie man auck sonst über das Jahr 1848 denken mag, Kurzsichtigkeit, Thorheit und böser Wille im RevolutionSsturmc schwer versündigt haben. Daß die Erinnerung an die Schicksale des Prinzen von Preußen für die Regierung bestimmend gewesen )ci, weit ab von dem Gedanken einer VcrfassungSfeicr zu bleiben, daS möchten wir darum doch nicht behaupten. Einen Grund, die Theilung der Gesetzgebungsreckte und manche andere Beschneidung der KönigSgcwalt zu bedauern, bat da- preußische Herrscherhaus so wenig wie irgend ein anderes deutsches regierendes Geschlecht. Aber auf Feste und Feierlichkeiten kommt schließlich nichts an, und die Zeitungen thun recht daran, sich trostvoll an das vom jetzigen Kaiser und König in der Antrittsthronrede von 1888 gesprochene Wort zu erinnern: „Ich bin der Meinung, daß unsere Verfassung eine gerechte und nützliche Verkeilung der Mitwirkung der verschiedenen Gewalten im StaatSleben enthält, und werde sie auch deshalb und nicht nur Meines Gelöbnisses wegen schützen." Die Geschichte giebt dieser Auffassung im Großen und Ganzen, auch vom Parteistandpuncte Recht. Heute haben die Eonservatiren nahezu die Mehrheit im preußischen Ab geordnetenhause, aber die Mittelparteien haben die Majorität gehabt und ein ziemlich fortgeschrittener Liberalismus bat sie gleichfalls besessen. Das preußische Drei- elassenwahlsystem, daS mit der Verfassung den 50. Geburtstag feiert, bat sich also keiner Partei, die auf dem Boten der bestehenden Staatsordnung steht, als Stiefmutter erwiesen. ES wird auch überall in der Presse, wo man sich der Bedeutung des großen TageS überhaupt erinnerte, festgestcllt, daß der Gedanke des verfassungsmäßigen Regiments unter den Parteien in Preußen keine Gegner mehr zählt. Wie gründlich sich die Conscrvativen, die Jahrzehnte hindurch be müht waren, die Reform von 1750 rückgängig zu macken, zu ihr bekehrt haben, zeigte erst vor Kurzem ein hochkonser vativer Parlamentarier, als er warnend auf Strasford und Polignac hinwieö. Daß die EcutrumSfractio» eS nicht wagen werde, durch Ablehnung der Flottcnvorlage die Auflösung des NcickStagö und Neuwahlen zu erzwingen, wird mit jedem Tage wahr scheinlicher. Tie klerikale Presse kann sich zwar zu einer Befürwortung der Vorlage noch nicht entschließen, indem sic sich aber vorwiegend mit der „Deckungsfragc" beschäftigt, läßt sie erkennen, daß sie im Falle einer ihr zusagenden Lösung dieser Frage gegen die Flotteuvcrstärkuug nichts mehr cin- zuwendcn wissen werde. Besonderen Eindruck dürfte es aber auf die „Germania" und ihre Colleginnen machen, daß der zum Erzbischof von Köln erwählte Bischof vr. Simar am Geburtstage des Kaisers in Paderborn eine Rede gehalten hat, über die der „Rhein.-Wests. Ztg." Folgendes berichtet wird: Er feierte in schwungvollen Worten Leu Kaiser als Führer dcZ Volkes, dem wir als Untcrthanen zu folgen verpflichtet seien, da wir wüßten, daß seine Ziele in aller und jeder Hinsicht auf daS Wohl, die Größe nnd die Entwickelung des Reiches gerichtet seien. Deshalb sei es Pflicht eines jeden Patrioten, diejenigen Bestrebungen zu bekämpfen, welche auf den Umsturz der staatlichen Ordnung gerichtet seien und insbesondere die sociale Umwälzung beabsichtigen, also die der Socialdemokratie. Es mache sich in Deutschland ein unverkennbares aus dem Volke herauswachsendes Bestreben geltend, nach auswärts die Ehre des deutschen Namens zu tragen und die Deutschen, wo sie immer sich an siedelten, unter den Schutz der deutschen Flagge zu stellen. Der Kaiser trage uns die Fahne voran nnd es sei unsere Pflicht, dem Mahnrufe Les Kaisers zu entsprechen. DicFrage derKosten könne nur in zweiter Linie in Betracht kommen, wiewohl sie zweifellos sich nach der Leistungsfähigkeit Les Volkes richten müsse. Bei guten« Willen würde auch diese Frage gelöst werden und er hoffe, daß, wie bisher, wenn cs patriotische Fragen gelte, auch in Deutschland allenthalben nur ein Ruf erschallen werde: „Wir folgen« nuserin Kaiser." Vielleicht erfährt man demnächst, Laß der Cardinal Kopp in BreSlau in ähnlicher Weise sich geäußert. Nun Hal mau cs allerdings schon erlebt, daß der demokratisch ge färbte Theil der klerikalen Presse auf eine von bischöflicher Seite auSgegangene politische Parole mit der Erklärung antwortete, in politischen Dingen sei das Centrum sein eigener Berather. Wem« aber als Folge solcher Selbstständig keit eine Wahlbewegung droht, in der die katholischen Wähler vor die Frage gestellt werden, wem sie auch in politischen Dinger« mehr Vertraneu schenken, ihren Kirchcnsiirsteu oder radikalen Blättern, dann werden diese und Vie mit ihnen harmonireuden Centrnmsabgeordneten denn doch eine so be denkliche Folge zu vermeiden suchen. Mit ziemlicher Sicher heit ist also anzunehmcn, daß das Centrum, wenn eS sich über sein Verhalten ii« der wahrscheinlich am 8. d. Mts. beginnenden ersten Lesung der Flottcnvorlage schlüssig «nacht, zu einem Beschlüsse kommt, welcher der AuflösnngSgcfahr vorbeuzt. Tie von der französischen Regierung beschlossene Maß regel gegen die Bischöfe und die Geistlichen, die öffentlich gegen das Nrtheil der Pariser Strafkammer im Assumptio- nistenprvceß Stellung genommen hatten, beweist, daß das Cabinct entschlossen ist, wenn nöthig, auch noch weiter zu gehen. Tie Bischöfe, die Beileidsschreiben an die Verurtheilten gerichtet hatten, werden bekanntlich mit GehaltSentziehung bestraft. Tie gemaßregelten Bischöfe sind die von Aix, Montpellier, Versailles und VivierS. Um den Charakter der beanstandete«« Schreiben zu kennzeichnen, führen wir daS des Bischofs vo>« Marseilles an: „Tie Feinde der christlichen Freiheit haben euch angegriffen, weil ihr die kühnsten Vcrlheidigcr dieser Freiheit seid. Eure Haltung vor Gericht verdient Bewunderung. Unsere Vorgänger forderten in der Mitte dieses Jahrhunderts ii« der Schulsreiheitssrage Freiheit wie in Belgien. Die Tmge sind in Betreff der religiösen Freiheit so weit gekommen, Laß man schon Freiheit wie in der Türkei ver langen könnte. Frankreich muß nicht mehr es selbst sein, wenn der gesunde Sinn so verblendet sein kann. Aber es giebt manchmal eine plötzliche Umkehr. Ihr unterliegt wohl einer Prüfung, wie sie die göttliche Vorsehung schickt, die euch beriith und beschützt. Gez. Paul, Bischof von Marsellles." Während die Bischöfe ganz aus die Seite der Assump- tionisten treten und bei« Klerus und die eckten Katholiken aufforderu, gegen die Regierung solidarisch znsammenzustehen, beobachtet die Curie diesem Vorgang gegenüber eine kluge Zurückhaltung- Schon die von der Pariser Nuntiatur durch „HavaZ" ausgegebene Note kündete au, baß der Nuntius dem Schritte dcö Erzbischofs vollständig ferustchc. Neuerdings bat aber auch der „Köln. Ztg." zufolge noch der augenblicklich in Nom weilende Bischof von Orleans, Msgr. Touchet, an daS klerikale Blatt „UniverS" telegraphirt: „Obgleich der Papst geruht hat, mehr als einmal der« Assumtionistcu- väteru seine Sympathie insbesondere wegen ihres Orieut- wcrkcö auSzudrückeu und obgleich er crkärt, er verstehe cs, daß die Sympathien mit den Vätern gingen, ist er doch der An sicht, daß jede Kundgebung politischen Charakters gefährlich wäre." ES wäre freilich besser gewesen, wenn die Curie früher sckcu den Ässumptionislen selbst auf ihre politische«« Treibereien hin dies fest und klar begreiflich gemacht hätte. Dec Krieg in Südafrika. -k>. Es wird immer klarer, daß der Kampf am 23. und 2l. Januar nicht bloS am SpionSkop, sondern ans dcr ganzen Tngclalinic getobt hat. Wir tbeilten schon in« Morgenblattc die Meldung deS Rcuter'scken Bureaus aus dem Lager Buller'S mit, nach der die englische Infanterie am 24. in den theuer erkaufte«« Stellungen auf dem Thabamayama eingetroffen, aber mit schweren Verlusten aus diesem „Kugelfang" zurückgetriebeu worden sei. Der Thabamayamahügel licgt, wie «vir schon einmal an der Hand des „TiincS"- BerichteS klarstcllten, nordöstlich vom Spiouskop nach Ladysmith zu. Dort hatte daS Centrum der Boeren Posto gefaßt, während der rechte Flügel derselben auf dem Spionskop stand. Es war also die Absicht Buller's, gleichzeitig mit Warrcu, der den Spionskop nehmen und die Straße vom Akton Homos nach Ladysmith gewinne«« sollte, den Versuch eines Durchbruchs durch daS Centrum der Boeren zu machen und dann Warren vor Ladysmith die Hand zu reichen. Beide wurden geschlagen und mußten sich nach dem Tugela zurückcetten. Die Verluste der Engländer sind noch lange nicht vollständig bekannt. Wir erhalten nur Tbeilresultatc. So bat gestern wieder daS Kricgüamt eine Ergänzungsliste der Verlust- am Spionskop vom 24. Januar veröffentlich:, nach der 139 Mann gelobtet, 392 verwundet, 59 vermißt und 4 gefangen sind. Das sind erst 594 Mann. Es sollen aber nach boerischer Quelle, aus der „Reuter's Bureau" schöpfte, beim Spionskop allein 1500 Todle das Schlachtfeld bedeckt haben. Dasselbe Bureau berichtet aus Pretoria vom 29. d. MtS., nach amtlichen Angabe«« betrügen die Verluste der Boeren in der Schlackt ain Spionskop 53 Todte und 120 Verwundete, was eher stimmen kann. Zweifellos sind diese Verluste für die Boeren sehr empfindlich, aber sie sind mit denen Buller's nicht im Entferntesten zu vergleichen. Der Officier, welcher ohne Befehl die englischen Truppen vom Spionskop zurückführte, ist Oberst T borneycroft. Buller telegraphirt, ihm sei kein Tadel beizumessen. Sein Verhalten sei bewundernswürdig gewesen. Offenbar fast so bewundernswüidig, wie das seine, das den heroischen General auf den Trümmern seines nach der Flucht wieder gesammelten Heeres in der Pose des — Triumphators zeigt. Die Frage, wie sich nach der englischen Niederlage ani Tugela die Kriegslage in Natal gestalten wird, erscheint nicht nur für den Militär, sondern auch für den Laien höchst interessant. Für den General Buller ist cs dringendes Erfordernis, sich sobald wie möglich wieder au der E i s e n b a h n l i n i e F r e r e - D u r b a n, die er mit seiner Hauptmacht gegen Mitte Januar verlassen batte, fcst- zusetzen und die Verbindung nach Durban zu sichern. Den«« seit der Niederlage am Spionskop ist diese Verhindung und der ungestörte Besitz der Eisenbahn Frere-Durban stark bedroht. Bei der Beweglichkeit der Boeren ist es nicht ausgeschlossen, daß ein größeres Boercncorps von Osten her, etwa über Weenen, gegen die Eisenbahn Frere-Estccurt alsbald vorgekt und diese eher erreicht, als Buller mit seiner Hauptmacht. Glückte dies, so könnten die Boeren durch Festsetzung am Blaunkrasfluß oder am Bushmannsftuß die Eisenbahnverbindung Buller's nach Durban andauernd absckneidcn. KeinenfallS dürfte es de«« Boeren aber schwer fallen, die Eisenbahn an verschiedenen Stellen nachhaltig zu zerstören. Ausgeschlossen ist eS auch nicht, daß die Boeren — selbstverständlich unter Aufrecht erhaltung der Einschließung von Ladysmith — direct über Colenso nach Süden vorstoßen, um die Hauptmacht Buller'S von dcr Eisenbahn abzusckneiden. Unwahrscheinlich ist da gegen eine direkte Verfolgung deS geschlagenen Feindes durch die Boeren über Trichard-, Wagon- oder Polgieter--Drift, weil solche den Engländern nur die wünschenSwerthe Rück- zugSrichtung erleichterte. Gelingt eö den Boeren, dem Feinde die Eisenbahn nach Durban — z. B. durch Besetzung von Estcourt — dauernd abzuichneiden, so bleibt Buller nichts ührig, als das ibn absckneivende Boercncorps energisch anzugreifen oder seinen bereits zwei Mal mißglückten Versuch zum Entsatz von Ladysmith zu wiederholen. Daß letzteres wenig Aussicht auf Erfolg hat, liegt auf der Hand. Buller muß daher baldmöglichst eine sichere Stellung an der Eisenbahn — sei cs bei Estcourt oder nock weiter südlich — gewinnen, Von wo aus er un- gcstölte Verbindung nach Durban hat und in der er seine geschlagenen Truppen wieder in gute Verfassung bringen und Verstärkungen abwarten kann. Bevor dies geschehen, kann FrrrrHrton. Lei Die ganze Hand. Roman von Hans Hopfen. Nachdruck verbctkn. Das Beten beschwichtigte den Sturm in ihrem Innern all mählich und hob über Schmerz und Groll das Bewußtsein der unabweisbaren Kindespflicht in ihr. .Lieber gleich sterben?" wiederholte sie, sich selbst tadelnd. Wie durfte sie das, mit der Aufgabe betraut, für bei« alten, kranken Mann zu sorgen? Nein, nicht sterben, leben und gesund bleiben und auch im Geiste gesund. lind hatte sie nicht noch eine Pflicht? Eine süße, beseligende Pflicht? DuVftc sie dem Geliebten den namenlosen Schmerz anthun, aus diesem Leben sich wegzustehlen? Wegzustchlen von ihm, der keinen Freund, keinen Rückenhalt, keil« Glück, keine Freude hatte als sie. Armer, armer Immanuel! stöhnte es aus einem Winkel ihres Herzens, aus einem prophetischen Winkel, wo die Seele mehr wußte, als sie sich jetzt zu gestehen wagte. Es ward zu viel, wahrlich zu viel! Und doch mußte der Kopf hoch oben bleiben, wenn nicht Alles verloren gehen sollte, Vater und Geliebter und sie selbst dazu. Aber die »Füße trugen sie nicht weiter. Die Thränen strömten ihr unaufhaltsam über's Gesicht, so daß die Vorübergehenden sie immer häufiger erstaunt angafften. Das war unerträglich. Sie rief die nächste Droschke heran und befahl ihr, nach der Eichen dorffstraße zu fahren. In den vier Wänden des rollenden kleinen Wagens war sie doch allein und konnte weinen wie sic mußte. IX. Sie faßen bei einander und hatten sich lieb. Nach all' den wiederdrückenden Schicksalsfchlägen, die sie in den letzten Zeitei« erlebten, war es den armen Seelen eil« dringendes Bediirfniß, des einzigen und höchsten Gutes, das ihnen-geblieben war, ihrer Liebe, sich vollauf bewußt und ihrer Liebe froh zu werden. Sie hatten so sehr nach Erquickung gedürstet, nach einer Stunde sorg losen Aufathmens, daß sie gern Alles für eine Stund: vergaßen und nichts denken wollten, als daß sie für einander auf der Welt ioaren und Einer im Besitz des Anderen sich, aller Widerwärtig keiten zum Trotz, nickt unselig, nicht vom Schicksal hintcrgangen wähnen durfte. Nur eine große, mächtige Leidenschaft konnte diesen ge quälten Herzen so viel Kraft geben. Und so fühlten die Beiden, rings umdroht von Gefahren und Kümmernissen, sich doch in ihrer Liebe bevorzugt und beneidenswerth vor Vielen, und nur die eine Sorge hatte Zutritt in den gefeite«« Kreis, wie sie dies Glück vor all' den Kümmernissen und Gefahren behüten und be halten möchten. Immanuel saß auf dem weihen Bärenfell, Nanda auf einem niederen Schemel neben ihm. Den Ellenbogen auf seinem Knie, die Hand in ihrem blonden Haar. Auf dem Oefchen brodelte das Wasser zu ein paar Tassen Thee. Die erste Dämmerung verdichtete die Schatte«« um sie herum, doch mochten sie der Lampe noch entbehren. So zerbrachen sich Beide den Kopf, und da sie nicht viel Geschecktes fanden und einen Vorschlag nach den« anderen als unausführbar verwarfen, war's noch Erleichterung, dem Schicksal ins Angesicht zu höhnen und sich spottend darüber zu erheben. Aber wer spottet lange seines Schicksals? Nie hatte Winkler sein« Lage so drückend, so be schämend empfunden, als nun, da er sich unfähig fühlte, der Geliebten eine Stütze zu sein und für sie zu leisten, was sie nicht leisten konnte. flknd denken, daß er einmal, nur leider viel zu früh, ei«« wohl habender Mensch gewesen war und seine Unabhängigkeit, die schöne Fähigkeit, sich und Anderen zu helfen, im Leichtsinn und 'Uebermuth der Jugend in alle Winde vergeudet hatte! Er war fa nie reich gewesen, aber hätte er behalten, was er von den Eltern ererbt hatte, Ivie anders stände er jetzt im Leben und vor der Geliebten da. Was half's. Vergangenem nachzusehen? Es war nicht seine Art, und hin war eben hin. Allein wie weiter? So oft er auch in den letzten Zeiten, leicht erregbar, wie er war, Frau Fortuna schon am Saum zu packen geglaubt hatte, die Falten waren ihm immcr wieder durch die leeren Finger geglitten. Schon meinte er sich mit dem Gedanken vertraut machen zu sollen, sein ganzes Leben lang ein von der Hand in den Mund sich fortfristender Zigeuner unb Zeilenschinder zu bleiben, ein halber Mensch, der keinem Anderen zu helfen im Stande war. Mer hier mußte geholfen iveröcn, und ausgiebig geholfen «oerden. Die beiden LicbenDen konnten und wollten sich nicht mehr mit Illusionen, mit scherzhaften Ausflüchten trösten. Die Bedrängröiß war zu ernst und zu nahe gekommen, und sic faßten sie auch ernst ins Auge, wie einen Banditen, der unter dem Mantel schon den Messergriff umklammert. Nanda schüttelte das'.Haar ins Genick und sprach nicht zum ersten Male: „Ich will Alles tragen und dulden und thun, das Aergste und das Schwerste, wenn ich nur Dich behalte. Dich geb' ich nicht her." Immanuel küßte sie auf die Stirn, aber er wußte nichts Tröstlicheres zu sage«« als: „Gott geb' es, daß es möglich sei." „Es muß möglich gemacht werden. Das liegt doch nür an uns. Ich Will «nich einschränken, so gut es geht. Ich habe die Wohnung gekündigt und nur ein Zimmer, wo ich malen kann und eine Kammer zum Schlafen gemiethet. Ich habe die Magd abgeschafft und begnüge mich mit einer Aufwärterin, die für «in paar Stünden des Tages kommt. Meine Bedürfnisse sind gering. Auf die Gesellschaft und all' den Klimbim, der mit ihr zusammen hängt, Verzicht' ich. Aber für den Vater muß gesorgt werden, und worauf ich nicht verzichten kann, ist die nothwendige Nahrung. Ich will nicht länger hungern. Ich darf's nicht. Ich suhle das als eine Pflicht gegen mich icbst, seit ich dei« Vater in der entsetzlichste«« Stunde mit diesen meinen eigenen Augen dem Wahnsinn verfallen sah. Woran ist mein Vater mit seinem widerstandsfähigen Körper, seinem mächtigen Geiste zu Grunde gegangen? Ai« Nährungssorgen und an schlechter Ernährung. Stolz, wie cr war, schwieg er und darbte sich zu Schanden. Der ungestillte Hunger bat ihn ins Narrenhaus geführt. Leugne es, wer kann. Seitdem ist eine unbezwingliche Angst in mir. Die Angst vor dein Hunger und seinen Folgen, die Angst vor der nagenden Sorge, den Hunger abwehren zu können, der jene«« Weg ins geistige Dunkel führt. Ich will den Weg nicht gehen, um Gottes- willen, nur den nicht . . . Und ich will Dich nicht verlieren!" fügte sie lei^nschaftlich hinzu und rankte sich mit beiden Armen um die Schuljern des Mannes, der rathlos vor ihr saß in stummem, verbissenem Schmerz. Er svielte gedankenlos mit den Visiienlarlen, die neben ihm zur Rechte«« auf dein Theetisckchcn lagen. Jeden Tag kamen Be kannte, um nach Nanoa'S Befinden zu fragen. Die Tbeilnahme, die ihr die beste Gesellschaft bewies, war groß. Sic war noch außer Stanbcj mit gleichgiltigen, auch außer Slanse, «nit be freundeten Leuten zusainmcnzusitzen, von einem Jeden dieselben Bbtheucrungen seines Mitgefühls zu vernehmen und einem Jeden dieselbe Dankbarkeitsoersichcrung zu erstatten. Das dünkte sic Alles so hohl, so gewohnheitsmäßig, und wahre Hilfe hatte doch Keiner zu bieten. Kaum Einer. So hielt sie ihre Zimmer noch für Jeden verschlossen. Freilich war Mancher dabei, der nicht blos, u«n einer gesell schaftlichen Pflicht zu genügen, ihre Klingel zog. Uno Mancher ließ es auch nicht bei dem einen Versuch, sie zu trösten, bewenoen. Spindler's, Wendewalt's, Lydia's Karte war mehr als zweimal in dem Häufchen zu sehen und die der Geheimräthin Seckensted« noch öfter. Eine besonders große, mit drei gestochenen Reihen bedruckte Visitenkarte fiel Winkler auf und blieb ihm, ohne daß er sie gleich näher betrachtete, zwischen den Fingern. Nanda sah ihn fragend an. Und er dann das Kärtchen. „Der graue Eonquistador läßt sich's ja sehr angelegen sein", sprach Immanuel dann, etivas spöttisch den Mund verziehend. „Irr' ich nicht, so ist Las bereits daS dritte Zeugniß eines ver gebliches Besuches, das ich in dieser Menge finde." „Lach' ihn nicht aus. Der meint es ehrlich und gut mit mir." „Es scheint so", versetzte Winkler und las, was unter die vielen gedruckten Titel und Würden des Generals mit Bleifcber geschrieben war: Tout u vous c-t pour touz'cmrs! . . . „Und was für ein monumentales Ausrufungszcicken er dahinter pflanzte! Die reine Liebeserklärung." Nanda stand auf, ohne zu antworten. Sie machte sich Zwischen Ofen und Tischchen zu schaffen, brühte den Thee auf, that Zucker in die beiden Tassen und goß ein. Es gab ein be hagliches Brausen und Klirre«« am kleinen Hausgeräih. „Willst Du?" fragte sie, dem Manne die Tasse bietend. Er warf erst jetzt die Visttenkarten bin. um den Thee zu nehmen. Er verrührte den .flacker und rübrte, in seine Gedanken ver loren noch immer zu, als schon Alles spurlos ineinandergeflossen war. Nanda betrachtete stumm sein Thun und ihr Gesicht ward immer crnstbafter, je länger sie schwieg. Endlich sprach sie, und lauter als es ihre Gepflogenheit war. Sie rief ibn ordentlich an, als wollte sie den Träumer bedeuten, daß, was sie jetzt zu sagen habe, nicht überhört und nicht miß verstanden werden sollte. „Immanuel!" rief sie. „Mr müssen den Dmgeii gerade ins Gefickt schauen. Wir dürfen über unsere Lag- keine Täuschung mehr in uns aufkommen lassen. Sie ist verzweifelt und verlangt einen verzweifelten Entschluß. Ick habe nur zwischen zweien die Wahl. Entweder muß ich Heiratheu oder mir sonst Einen suchen, der bereitwillig für mich sorgt. Heirath' ich, so muß ich Dich unweigerlich verlieren, denn einen ehrlichen Menschen, dem ich vor Gottes Altar Treue gelobte, würd' ick nickt betrügen, und wenn mir das .Herz im Leibe darüber bräche. Die Wessclbrunner halten ihr Wort. V!-ibt also nur die andere Wahl, die meinem Gewissen, wenn auch unter gräßlichen Opfern, die Fre'.bei! läßt, die Tein- zu bleiben." „Nein", sagt: Winkler, der sich nun auch erhob «in?, kreckeweiß im Gesicht, die Arme über der Brust kreuzte, als wollte er Reifen um sic legen, daß sie nickt zerspränge. „Nein, Nanda, der einzige
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