Volltext Seite (XML)
IMtMiMMchnchten. Verordnungsblatt der SreiShauptmannschaft Bautzen als Konfistorialbehörde der Oberlaufitz. Amtsölall der Amtshauptmannschaften Bautzen und Löbau, des Landgerichts Bautzen und der Amtsgerichte Bautzen, Schirgiswalde, Herrnhut und Bernstadt, des HauptzoUamts Bautzen, ingleichen der Stadträte zu Bautzen und Bernstadt, sowie der Stadtgemeinderäte zu Schirgiswalde und Weißenberg. Organ der Handels- und Gewerbekammer z« Zittau. M. 1Ä9. Montag, de« 2«. Juni 1910, abends. 12V Jahrgang. GrscheinungSweiser Täglich abend- mit Ausnahme der Sonu- uud Feiertage. Gchriftleitung und Geschäftsstelle : Bauyen, Innere Lauenslrahe 4 Fernsprecher: Nr. 51. — Drahtnachricht: Amtsblatt, Bauyen Bezugspreis t Monatlich I Mark. Einzelpreis r 10 Psennige. Anzeigenpreis: Die 6gespaltene Petitzeile oder deren Raum 15 Pfennig«, in geeigneten Fällen Ermäßigung. Schwieriger Say entsprech«« teurer. Reklamen r Die llgespaltene Petitzeile 50 Psennige. Das Wichtigste vom Tage. * König Friedrich August von Sachsen ist gestern in Essen (Ruhr) eingetroffen. In sämtlichen Kirchen des sächsischenLan des wurden die Gemeinden während des gestrigen Gottes dienstes von den Kundgebungen des Königs von Sachsen, der in CvanZeltcis beauftragten Staatsminister und des deutschen evangelischen Kirchenausschusses gegen die Be schimpfungen der evangelischen Kirche durch die päpstliche Enzyklika in Kenntnis gesetzt. Der die sächsischen Forderungen berücksichtigende abgeänderte Entwurf zur Einführung von Schiff fahrtsabgaben wurde in den Bundesrats ausschüssen einstimmig angenommen. * Den preußischen Staatsministern Landwirt schaftsminister von Arnim und Minister des Innern vonMoltke wurde die nachgesuchte Entlassung aus ihren Aemtern erteilt. Deren Nachfolger werden die Ober präsidenten von Schorlemer- Köln und von Dall witz- Breslau. Der große slldrussische Hafen und Handelsplatz Odessa wurde für choleragefährdet, die Stadthauptmann schaft Nikolajew für cholerabedroht erklärt. * Auf dem Bahnhof inBillepreux (Departement Seine-et-Oise) fuhr ein Schnellzug auf einen Per sonenzug. Der Schnellzug geriet in Brand. Bis gestern abend wurden 18 Tote geborgen. Zahlreiche Per sonen sind verletzt. * Wetteraussicht für Dienstag: Kühl, keine erheblichen Niederschläge. ' Ausführlich«- siehe au anderer Grelle Rachklänae zum evangelisch-sozialen Kongreß. Die Verhandlungen des evangelisch-sozialen Kongresses haben vielfach — auch in den „Bautzener Nachrichten" — scharfen Widerspruch und starke Kritik erfahren. Und tat sächlich sind einzelne Aeußerungen in Chemnitz gefallen, die berechtigte Entrüstung Hervorrufen mußten. Dennoch muß eine Beurteilung des ganzen Kongresses, die sich nur auf einzelne Sätze gründet, als einseitig und schief zurück- gewiesen werden. Denn der Kongreß identifiziert sich na türlich nicht mit solchen bedauerlichen Entgleisungen, die bei der Redefreiheit in den Verhandlungen des Kongresses leider nicht zu vermeiden sind. Wenn aber die ganze posi tive Arbeit des Kongresses — z. B. die vorzüglichen Vor träge über „Käuferpflichten", über „die Einwirkung der Fabrikarbeit auf das Gemlltsleben der Frau", die bedeu tungsvollen Aussprachen von Geh. Rat Wagner, Nobbe, Reichstagsabg. v. tbeol. Naumann u. a. — keinerlei Wür digung findet, dann klingt das scharfe Urteil hochlonser- vativer, nicht gerade volkstümlicher Kreise so stark nach Vorurteil, nach prinzipieller Verurteilung aller evange lisch-sozialen Bestrebungen, daß es auf die Teilnehmer des Kongresses keineswegs die gewünschte — eher die entgegen gesetzte Wirkung hat. — Den Fernerstehenden aber muß infolge solcher schiefer Urteile der Kongreß und die trotz einzelner Verkehrtheiten doch ebenso notwendige wie er freuliche evangelisch-soziale Bewegung in einem ganz fal schen Lichte erscheinen. Eine positive Mitarbeit jener Kri tiker wäre jedenfalls erwünschter als eine Beurteilung, die fast den Eindruck einer Bevormundung oder gar Diszipli nierung der Geistlichen macht, die an der evangelisch - so zialen Arbeit teilnehmen. Ohne Zweifel leistet der Kon-, greß innerhalb der evangel. Kirche eine unbedingt not wendige und segensreiche Arbeit. Auf dem Delegiertentage der nordelbischen evangel. Arbeitervereine in Ploen am 8. Mai sagte der Vorsitzende, Tischlermeister Röhrig-Al tona, ein bekannter und gereifter Führer der evangelischen Arbeiterbewegung: den schleswig-holstein. Geistlichen fehle es am sozialen Verständnis und Interesse,' er beklagte die Ablehnung eifriger Mitarbeit an den evangelisch-sozialen Bestrebungen der Gegenwart seitens der evangelischen Kirche. Dieses beschämende Urteil trifft teilweise auch auf Sachsen zu, wenn es auch langsam besser wird. Hier eine möglichst gründliche Mitarbeit zu leisten, soweit die reli giös-sittliche Seite der sozialen Bewegung in Frage kommt, das bleibt die äußerst wichtige Aufgabe des Kongresses, dem die Kirche darum zum größten Danke verpflichtet bleibt. — Aber Pastor Liebsters merkwürdiger Vortrag über „christliche Religion und sozialistische Weltanschau ung", so wird man bedenklich entgegnen! Tatsächlich haben auch die Ausführungen dieses Redners viel Kopfschlltteln hervorgerufen, besonders bei denen, die ihn noch nicht kannten. Aber trotz des lebhaften Beifalles, den der Vor trag fand und der wohl mehr der hervorragenden geistigen Leistung als den praktischen Vorschlägen galt, muß doch auch betont werden: Liebster findet auch innerhalb des Kongreßes und der ganzen evangel. - sozialen Bewegung starken, vielfachen Widerspruch, wie auch die Debatte nach dem Vortrag zeigte, sodaß Liebster beinahe als seltsamer Einspänner und keinesfalls als charakteristisch für den Kongreß betrachtet werden kann. Wenn aber der jeden falls ausgezeichnet orientierte und philosophisch gut ge schulte Redner eine Antwort sucht aus die Frage: Wo ist innerhalb der heutigen noch vielfach marxistischen Sozial demokratie der Punkt, wo eine religiöse Beeinflussung im weitesten Sinne des Wortes einsetzen kann, wenn der Redner hier einen beneidenswerten Optimismus vertritt, so sollten ihm doch alle Freunde der Kirche dafür dankbar sein, auch diejenigen, die der voll ihm angegebenen Lösung nicht zustimmen können, die dann freilich die Verpflichtung hätten, eine andere Lösung zu zeigen, die auf einigen Er folg hoffen läßt. — Und wenn man auch für die allgemeine Praxis Liebsters Wege nicht für gangbar halten kann, wa rum sollten es nicht auf dem Gebiet der Theorie versucht werden? Gewiß, der reine materialistische Sozialismus der heutigen Sozialdemokratie auf Grund des Marxismus ist mit der christlichen Religion unvereinbar. Aber das ist eben die große Frage, ob im Marxismus wirklich für alle Zeiten das Wesen des Sozialismus bestehen muß. Denn die Kritik des reinen Materialismus und des Marxismus ist nicht nur innerhalb der Nationalökonomie und der Philosophie, sondern auch schon innerhalb der heu tigen Sozialdemokratie eine so scharfe, daß er schon jetzt auf den Höhen der Wissenschaft als überwunden gelten muß. Darum kann aber auch die Sozialdemokratie sich unmöglich auf die alte wankend gewordene Grundlage stellen. Ist eben erst dieser Boden von der Cozialdemokatie verlassen, dann tritt die Frage nach dem Verhältnis vom evangeli schen Christentum zum Sozialismus in ein ganz neues Licht, in ein verheißungsvolles Licht, nach dem wir sehn süchtig ausblicken um unserer Volkskirche willen. Das nationale und monarchische Moment scheidet hier aus und stand nicht zur Debatte: doch lagen hier die Ver hältnisse für die Kundigen ganz ähnlich. Mit dem Begriff „Rcvolui. io n" ist auf dem Kon greß bedauerlicherweise ein unvorsichtiges Spiel getrieben worden. So fest das eine steht: durch das Christentum und später durch die Reformation ist eine gewaltige Umwäl zung auf allen Gebieten erzielt worden, ebenso fest steht das andere: Umsturz ver bestehenden Verhältnisse auf dem Wege blutiger Gewalt vertrügt sich mit wahrer Nachfolge Jesu und mit lutherischem Christentum nimmermehr. Einzelne geschichtliche Widersprüche zu diesem Grundsatz können daran nichts ändern. Das dürste wohl auch die Ueberzeugung der großen Mehrheit im evangelisch-sozialen Kongreße sein. Der Vorsitzende wies deshalb auch beson ders auf die verschiedene Auffassung des Begriffes „Revo lution" hin. — Nur wer nichts davon ahnt, daß Revolu tion gegenwärtig mehr im Sinne einer geistigen Um wälzung gebraucht wird, auch von den maßvollen Vertre tern der Sozialdemokratie, kann Anstoß nehmen an den allerdings mißverständlichen Aeußerungen auf dem Kongreß. Es ist die alte und die neue Zeit, die sich beim Urteil Uber den evangelisch-sozialen Kongreß gegenüberstehen, die alte Zeit, die sich jetzt auch zuweilen einen sozialen Anstrich geben will, um nicht zu rückständig zu erscheinen und die sich doch den prinzipiellen wichtigsten Forderungen der un aufhaltsamen sozialen Bewegung hartnäckig entgegen stellt, — und die neue Zeit, die nur die großen Irrtümer des gegenwärtigen Sozialismus bekämpft, die gewaltige Be wegung selbst aber durch Verschmelzung mit den großen Kulturmächten der Gegenwart in heilsame Wege zu leiten sucht. Auf welcher Seite die führenden und einsichtigen Kreise in Staat und Volk, in Kirche und Schule stehen bei aller berechtigten Vorsicht, kann kaum mehr zweifelhaft sein. — Bei dieser größten Aufgabe der Gegenwart be grüßen sehr viele, die ihre Zeit verstehen, den evangelisch- sozialen Kongreß als ihren Freund, als einen zuweilen wunderlichen und stürmischen, aber doch äußerst geschätzten Freund. Ein treuer Evangelisch-Sozialer. Politische Nachrichten. Deutsche» Reich. Das Verhalten der bürgerlichen Parteien in Sachsen bei den Reichstagswahlen. Die Erörterungen darüber, bis zu welchem Grade ein Zusammengehen der bürgerlichen Parteien in Sachsen bei den kommenden Reichstagswahlen zu erwarten ist, sind bereits lebhaft im Gange. Und doch haben in dieser Hinsicht bisher weder bindende noch un verbindliche Aussprachen stattgefunden. Nach dem der zeitigen Stande der politischen Situation in Sachsen ist damit zu rechnen, daß die bürgerlichen Parteien fast überall getrennt in die Hauptwahl eintreten werden. Erst da, wo ein bürgerlicher Kandidat mit einem Sozial demokraten in die Stichwahl kommt, wird ein Zu sammengehen der Konservativen mit den National liberalen zu erwarten sein. Die Freisinnigen wollen, wie versichert wird, in solchen Fällen nur mit den National liberalen zusammengehen, und zwar auch nur dort, wo es sich um wirkliche liberale Kandidaten handelt. Im an deren Falle gedenken sie sich der Stimme zu enthalten oder auch die Sozialdemokratie zu unterstützen. Ernste Mahnung eines jungen Deutschen in Nord amerika. Aus dem Briefe eines jungen Deutschen, der nach seinen beiden ehrenvoll hestkmdenen Staatsexamen wei teren Studien an der großen Harvard-Universi tät in Cambridge bei Boston obliegt: „Wir hatten im „cosmopolitsn clüb" eine Abschiedsfeier für Profeßor Meyer. Unter den 4000 Studenten haben wir etwa hun dert Ausländer, Japaner, Chinesen, Hindus, Neger, Sia mesen, Griechen, dazu ein Franzose, Oesterreicher, Bra silianer, Spanier, Deutscher. Diese alle waren an dem ge nannten Festabend in dem „Klub für Ausländer" versam melt. Jede Nation brachte zuerst einen Toast auf den Klub aus. Deutschland wurde zuerst aufgerufen. Das sah man als selbstverständlich an. Die Bewunderung für Deutsch land ist nicht klein. Im stillen erkennt jeder ihm mit Eng land die führende Rolle in der Welt zu. Deutsche Wißen schast hat ohne Widerspruch die Palme. Ja, es ist manch mal rührend zu beobachten, mit welcher Selbstverständlich keit die Ueberlegenheit deutscher Wissenschaft anerkannt wird. An jenem Abend erklang auch das deutsche Lied: „Deutschland über alles" vor den Ohren aller Kulturnati onen der Welt und, da es gerade der 27. Januar war, wurde in einer Rede unseres Kaisers Person als das Sym bol deutscher Eeistesmacht und politischer Stärke und männlicher Pflicht verherrlicht. Kaisers Geburtstag und „Deutschland über alles" im Kreise von Studenten aller Nationen! Und niemand fand es sonderbar oder un passend! — Dieser Abend weckte in mir sonderbare Ge fühle. Ich bin hier in Amerika patriotischer geworden, als ich es zu Hause war. Im Ausland lernt man, was wir Deutschen wert sind. Niemand kennt hier größere Namen als Kant und Goethe, Schiller und Hegel. Niemand wünscht irgend ein Land lieber zu sehen als Deutschland, von dem solche hohe Kunde durch die Welt geht. Im Kreise der gebildeten Nationen, wie sie sich auf dem Boden der Vereinigten Staaten seit Jahrhunderten treffen, steht der Deutsche nicht im schlechtesten Ansehn. Deutschland ist wirklich in der Welt voran. Früher hielt ich das für eine chauvinistische Phrase. Aber seit ich ein anderes Land, das in vielem ganz Europa sich weit und längst vorausdünkt, mit eignen Augen gesehen habe und seinen Mangel an eigenem idealen Kulturwert, seinen Mangel an einer Eeistesgeschichte, die unserem Europa und besonders unserm deutschen Volke mit allen seinen Schätzen der Kunst und Philosophie, der Dichtung und Musik und Architektur eben bürtig wäre, weiß ich erst, in welcher Umgebung und auf welchem Boden des Erdballs ich aufgewachsen bin. Freilich, was wir haben, haben wir nicht für uns allein. Und eitler Selbstruhm würde entwürdigen. Aber ich wünschte, daß alle die Unzufriedenen und Poltergeißer, alle die Kri tikaster und Haderhcrzen bei uns zu Hause einmal den Fuß über den Ozean setzten, damit sie im Anschauen eines an deren Landes und Polkes den Maßstab für das eigene ge wännen und die große Gabe der Kritik in den Dienst des positiven Bauens stellten und nicht im zerstörenden, nör gelnden, negativen Mäkeln verschwendeten. Und ferner wünschte ich, wir hätten etwas von dem optimistischen, schaffenswilligen, jugendlichen, frischen Geist der Ameri kaner, aber ohne unsere Talente aufzugeben und ohne in seinen Quantitätsgeist zu verfallen, wir wären dann noch fähiger, Missionar in der Welt unter den Völkern zu sein." Wer Ohren hat zu hören, der höre! * * * Ministerwechsel in Preußen. Der Kaiser und König hat dem Staatsminister und Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten von Arnim und dem Staats minister und Minister des Innern von Moltke unter Velaßung des Titels und Ranges eines Staatsministers die nachgesuchte Entlastung aus ihren Aemtern erteilt und ihnen zugleich die Königliche Krone zum Roten Adlerorden erster Klasse mit Eichenlaub verliehen, sowie den Ober präsidenten der Rheinprovinz, Kammerherrn vr. Freiherrn v. Schorlemer zum Staatsminister und Minister füt