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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 27.02.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-02-27
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000227026
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900022702
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900022702
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-02
- Tag 1900-02-27
-
Monat
1900-02
-
Jahr
1900
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Größere Schriften laut unserem Preis- verzeichniß. Tabellarischer und Ziffernlatz nach höherem Tarif. Extra-Beilage» (gesalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbesörderung 60.—, mit Postbesörderung 70.—. Annahmeschluß für Anzeigen: Abend-Ausgabe: Vormittags 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je eia» halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die vxpeditto» zu richten. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig M. Dienstag den 27. Februar 1900. 91. Jahrgang. Politische Tagesschau. * Leipzig, 27. Februar. Vor überfüllten Tribünen wurde gestern im preußischen Abgeordnetenbause die erste Lesung des Gesetzentwurfes über die Waarenhausbcfteuerung begonnen, dessen Schicksal weit über die Grenzen Preußens hinaus mit Spannung ver folgt wird. Wer aber erwartet haben mochte, daß die gestrige Berathung schon einen Schluß auf dieses Schicksal gestatte» werde, sah sich enttäuscht; es ergab sich nur, daß in der Commission, der die Vorlage überwiesen werden wird, die Mehrheit sich bestreben wird, sich mit der Negierung über eine zweckentsprechende Umgestaltung des Entwurfs zu verständigen, aber ob das gelingt und wie eventuell das Gesetz sich gestaltet, ist noch nicht abzusehen. Den größeren Theil der Sitzung füllte die Befürwortung und die Bertheidigung der Vorlage durch den Finanzminister Or. v. Miquel aus, der zunächst betonte, daß der preußische Staat, als er auf die Gewerbesteuer verzichtete, angenommen hätte, die Communen würden die ihnen übertragene Steuer den in ihnen obwaltenden Verhältnissen anpassen. Im großen Ganzen hätten jedoch die Communen dieser Erwartung nicht entsprochen; in gewissen Landestheilen, z. B. in Rheinland und Westfalen, hätten die Communen mit Erfolg die großen Betriebe, entsprechend den Lasten, die sie den Communen auf bürden und den Vortheilen, den sie von ihnen haben, beran- gezogen; im Allgemeinen aber hätten die Gemeinden auf diesem Gebiete versagt. Infolge dessen und namentlich auch, weil in der Verwendung des Großcapitals sich eine rapide Ent wickelung in letzter Zeit vollzogen hätte, wären überall Klagen laut geworden über ungerechte Bedrückung der mitt leren und der kleinen Betriebe. Bei dem großen Interesse, welches der Staat an der Erhaltung dieser Betriebe und an einer möglichst gerechten Steuerveranlagung habe, hätte sich die Regierung, wenn auch nicht gerade gerne — denn an sich wäre hier die Initiative der Communalbehörden besser gewesen — entschlossen, mit der staatlichen Gesetzgebung eiuzugreifen, die obligatorisch wirken solle für alle Gemeinden. WaS für die Regierung dabei im Vordergründe stehe, sei eine dem Umfange der Betriebe entsprechende, mit den Ausgaben, welche durch dieselben den Gemeinden er wachsen, und mit den Vortheilen, welche sie von den Gemeinden haben, übereinstimmende Besteuerung. Von dem Gesichtspunkte einer socialen Umgestaltung durch die Steuerverfassung sei dabei nicht ausgegangen, es solle nur eine Steuerverfassung geschaffen werben, welche den Ge- sichtspunct der Gleichmäßigkeit der Belastung verfolge. Es solle die Steuer sich auch nicht auf der Leistungsfähigkeit an sich aufbauen, sondern davon ausgehen, in welchem Ver- bältniß die zu erfassenden Betriebe zur Commune stehen. ES handele sich nicht um die Leistungsfähigkeit, sondern um Leistung und Gegenleistung. Wenn der Staat mit seiner Gesetzgebung in das wirthschaftliche Leben einzreife, so müsse er freilich sociale Gesichtspunkte beachten. Aller dings dürfe er die Gesetzgebung nicht dazu gebrauchen, um eine theoretisch ersonnene sociale Umwälzung herbeizufübren. Als die Gewerbesteuer geschaffen sei, habe man die Ent wickelung der Bazare noch nicht gehabt. Es sei gehofft worden, daß die Entwickelung von den Gemeinden gehörig beachtet werden würde. Das sei aber nicht geschehen. Wenn nun der Staat eingreifen und die Waarenhaussteuer einführen wollte, so könnten auch andere Classen kommen, die sich in der selben Lage befinden, wie die Kleinkaufleute, und sagen, daß für sie genau so vorgegangen werden müßte. DaS sei auch schon geschehen und mit Recht. Wenn der Kleinbauer am Rhein, in dessen Gemeinde die Arbeiter von nabe liegenden Fabriken wohnen, verlange, daß die Fabriken zur Tragung der infolge dessen entstehenden Lasten heran gezogen würden, so sei das berechtigt, das Gegentheil wäre Unrecht. Wo es möglich sei, solle auch hier geholfen werden. Dabei wolle man sich durchaus nicht gegen die moderne Entwickelung stemmen. Die neue Steuer werde dieselbe nur verlangsamen und in der dadurch gewonnenen Zeit müßten die Inhaber der kleineren Läden sich zu helfen suchen durch Zu sammenschlüsse u. s. w. Die Kleinkaufleute seien an sich in einer schwierigen Lage. Um so mehr sei der Staat ver pflichtet, die Ungerechtigkeit in der Besteuerung, die sie drücke, zu beseitigen. Sie würden hoffentlich in ihrer bitteren Stimmung besänftigt werden, wenn sie sähen, daß der Staat thue, was er könne. Auf Detailfragen wollte der Minister nicht eingehen, er begründete in dieser Beziehung nur die Beschränkung der Steuer auf 20 Proc. des gewerbe steuerpflichtigen Ertrages. Wie die Höhe der Steuer wirken werde, darüber könne man sich noch kein genaues Bild machen, weil man den Umsatz der in Frage kommenden Waarenhäuser nur aus der Veranlagung zur Gewerbesteuer kenne. Aber daß in die sehr großen Geschäfte auch diese Steuer schon sehr tief eingreife, das werde er in der Commission klarstellen. Die Vorlage werde ja aus principicllen und Intercsscngründen bekämpft werden, auch ihre Freunde würden gewiß über eine Menge von Einzelfragen anderer Meinung sein; er könne nur ersuchen, hier mit Maßen vorzugehen. Die Hauptsache sei, daß die Gesetzgebung erst einmal auf dieses Gebiet gelenkt werde. Träten dabei besondere Mängel hervor, so könnten ja Aende- rungen getroffen werden. Gegenwärtig aber müsse versucht werden, daß das Kind nicht durch zu viele Doktoren zu Tode curirt werde. Man müsse auf ras Princip, auf die Grundlage, auf die allgemeine Tendenz sehen. Bon einer Tendenz, die großen Waarenhäuser überhaupt zu stranguliren, könne keine Rede sei», das wäre auch mit der Neichsgesetzgebung nicht vereinbar. Diejenigen, welche sich von der Vorlage keinen rechten Erfolg für das Kleingewerbe versprächen, sollten doch erwägen, einnial, ob die Vorlage nach Maßgabe der Steuervertbeilnng gerecht sei, und sodann, ob damit gegen die kleinen.und mittleren Betriebe eine Pflicht erfüllt werde. Schon dadurch würden große Vortheile geschaffen. Nach dieser langen allgemeinen Empfehlung der Vorlage ver- thcidigte der Minister diese sodann gegen Angriffe des volks parteilichen Verbandsanwaltes der deutschen Genossenschaften vr. Krüger, der namentlich behauptete, daß ein künstliches Eingreifen des Staates in die Entwickelung durch die Mono- polisirung der kleineren Betriebe schlimmer sei, als das zu bekämpfende Nebel. Ihm gegenüber erklärte Herr v. Miquel, daß von Monopolen und staatlichen Eingriffen in die Ent wickelung keine Rede sei, daß die Absicht des Entwurfs sich vielmehr lediglich darauf richte, Angesichts der riesen haften Entwickelung der großen Unternehmungen auf dem Gebiete des Detailhandels einen Zustand zu ändern, der die Kleinen in der Concurrenz benachtheilige und den Großen eine ungerechtfertigte Begünstigung gewähre. Da der frei sinnige Redner besonders scharf die Mitheranziehung der Genossenschaften bekämpft hatte, betonte der Minister, daß für den Kleinbetrieb auf dem Lande wie in der Stadt die Genossenschaftsbildung die wesentlichste Grund lage der Erhaltung sei, daß deshalb eine den Ge nossenschaften feindselige Tendenz dem Vorschläge des Entwurfs nicht zu Grunde liegen könne, daß indessen die Ausdehnung der Besteuerung auf diejenigen Genossen schaften, die der Gewerbesteuer unterworfen sind, konsequenter und gerechter Weise nicht unterbleiben dürfe. — Einen über die Absichten der Vorlage weit hinausgehenden extremen Standpunct vertrat Namens der Centrumspartei der Abg. Roeren. Er will kein Steuergesetz, sondern ein Pro- hibitivgesetz, eine progressive Umsatzsteuer, die bei einer Grenze, wo der Umsatz eine „ungesunde" Hohe erreiche, die weitere Ausdehnung des Geschäfts unrentabel macht. Das Centrum wird dementsprechend in der Commission die Begrenzung der Steuer mit 20 Proc. des gewerbesteuerpflichtigen Ertrages zu streichen versuchen, die Staffelung über 2 Proc. deS Umsatzes fortzuführen, die AnfangSgrenze der Steuer auf 200 000 Umsatz herabzusetzen und die Besteuerung auch auf die Specialgeschäfte (die nur eine Waarengruppe führen) aus- zudehne» beantragen. Der Redner schien indessen von der Er reichung dieser Absichten die Zustimmung seiner Partei nicht ab hängig machen zu wollen, denn er erklärte, die Vorlage als einen „ersten Schritt" freudig zu begrüßen. Die grundsätzliche Stellung der Staatsregierung wurde demgegenüber vom Geh. Obersinanzrath Strutz noch einmal ausdrücklich dahin er läutert, daß eine im Sinne socialer Ausgleichung liegende, nach steuertechnischen Gesichtspuncten gerechtfertigte Maßregel beab sichtigt sei, aber nicht eine Prohibitivsteuer, die den Waaren- bäusern das Lebenslickt auSblasc. Eine Sonderbesteuerung der Specialgesckäste sei niemals von irgend einer Seite befürwortet worden. Auch der Handelsminister Brefeld griff in die Debatte mit der Warnung ein, man möge die Steuer in solchen Grenzen halten, daß sie nicht prohibitiv wirke, nicht eine an sich berechtigte wirthschaftliche Form unterdrücke. Innerhalb dieser Grenze werde die Regierung jeden dem Interesse des Kleinhandels wirklich dienenden Verbesserungs vorschlag in der Commissionsberathung dankbar begrüßen. Die Stellung der conservativen Partei wurde vom Abg. v. Brockbausen in einem zwischen der Vorlage und dem Centrumsstandpuncte vermittelnden Sinne genommen. Außerhalb dieser Linie lag die Stellung der national liberalen Partei, die, wie der Abgeordnete Hausmann ausführte, der Absicht der Vorlage principiell nicht entgegen ist', aber eine Verständigung auf der Grund lage wünscht und für möglich hält, daß die Umsatzsteuer ganz aus dem Gesetze eliminirt wird. Die freisinnige Ver einigung vertrat der Abgeordnete Gothein, der gegen die Vorlage namentlich die Möglichkeit der Umgehung geltend machte und von Verhandlungen unterrichtet sein wollte, die bierüber schon jetzt zwischen Waarenhausinhabern und ihren Baumeistern geführt würden. Heute wird die erste Be rathung vermuthlich zu Ende geführt werden. Nach dem „Berl. Tagebl." hat sich die politische Situation im Reiche in den letzten Tagen „zweifellos nicht unbedenklich zugespitzt". DaS Blatt des Herrn Moffe sagt auch, wieso und warum: „In parlamentarischen Kreisen sprach man schon am Sonnabend von der Auslösung als von einer ziemlich sicheren Thatsache. Wenn nun auch diese Ausfassung vielleicht etwas stark pessimistisch gefärbt ist, so ist es doch Thatsache, daß das Centrum über die Gemeindewahtrechtsvorlage in hohem Grade verstimmt ist und daß diese Stimmung sich auch unwillkürlich auf die augenblickliche Beurtheilung der Flottenvorlage überträgt. Es hieß sogar, das Centrum sei nicht gewillt, in der Commission den Referenten zu stellen Von anderer Seite wurde diese Nachricht jedoch für nicht begründe: erklärt. Wenigstens hatte der Abgeordnete Müller-Fulda, der als Referent von dem Vorsitzenden der Budgetcommission in Aussicht genommen war, bisher die Uebernahme noch nicht abgelehnt." Was mit dieser widerspruchsvollen Auslassung bezweckt wird, ist nicht klar. Soll sie dazu dienen, die Verstimmung des Centrums zu nähren, so wird sie voraussichtlich das Gegen- theil erzielen. Denn das Centrum weiß sehr wohl, daß cs- im Falle der Auflösung Einbußen zu verzeichnen haben würde, und wird sich also nicht verhetzen lassen. Das Gleiche gilt hoffentlich von den Mitgliedern des Bundes der Land- wirthe, bei denen die „Deutsche Tagesztg." fortgesetz: Stimmung gegen die Flottenverstärkung zu machen such: In seiner letzten Nummer schreibt das Blatt u. A.: „In landwirthschastlichen Kreisen mehren und vertiefen sich die Bedenken gegen die Vorlage. Das ist bedauerlich, aber uu- bestreitbar. Unter den Zuschriften, die uns über diesen Gegenstand zugehen, kommt eine bedingt slottenfreundliche auf mindestens ei» Dutzend flottengegnerischer .... Das Hauptbedenken der land- wirthschaftlichen Kreise bleibt bestehen, daß die Flotte als „Weizenflotte" gedacht, geplant und für nothwendig ge halten werde. Wir haben alles Mögliche gethan, um das Bedenken zu zerstreuen (?!); unsere Bemühungen haben leider wenig Erfolg gehabt, weil sie von „Officiösen" und Flottenprofessoren vereitelt wurden." Die „Officiösen" und „Flottenprofessoren" müßten offenbar die Versicherung abgeben, daß nach dem Jahre 1007 kein aus ländischer Weizen mehr in Deutschland zugelassen werden soll. Dadurch würden diejenigen „Bemühungen" für die Flotten verstärkung unterstützt werden, welche man — aus den Unter redungen des Herrn vr. Hahn mit Herrn Szmula kennt. Es müssen Gründe sehr dringlicher Art sein, welche die franzüsischc Regierung bestimmen, den Berthctdtgungs anstaltc» auf Madagaskar einen so bedeutenden Umfang zu verleihen und sie in einem so beschleunigten Tempo vor zunehmen, daß man sogar vor einer Zuwiderhandlung gegen vas Gesetz von 1893 über die Verwendung französischer Truppen in den Colonien nicht zurückschreckt. Als ein Deputirter die Regierung hierüber zur Rede stellte, trat der Minister präsident Waldeck-Rousseau mit der überraschenden Erklärung hervor, die Regierung habe gebieterischen Nothweudigkeiten gehorchen müssen; im Augenblick der Formation der Ver- stärkungsabtheilung sei keine Marinetruppe verfügbar gewesen. Dem naheliegenden Einwand, daß man ja hätte warten können, bis die Verfügbarwerdung von Marinetruppen eine Verletzung des Gesetzes von 1893 unnöthig machte, begegnete der Ministerpräsident mit dem Hinweise, daß, wenn die Kammer einen Aufschub der Hinaussendung von Verstär kungen verlangen sollte, die Regierung für die entstehende Ver zögerung keine Verantwortung übernehmen könne. Damit war für jeden, der zwischen den Zeilen lesen konnte und wollte, genug gesagt; die vom Deputirten Pourquery bean tragte und vom Ministerpräsidenten genehmigte Rcsolutiou wegen Respectirung des Gesetzes von 1893 bedeutet nichts wie eine nothdürftig verklausulirte parlamentarische Genehmigung der getroffenen Regierungsmaßnahmen. Es bleibt also dabei, daß die Organisation der Bertheidigung Madagaskars den Charakter der Dringlichkeit hat, und daß dieselbe nicht nach ter Richtschnur der formalen gesetzlichen Feuilleton. Hans Eickstedt. Roman in zwei Bänden von Anna Maul (M. Gerhardt). Nachdruck verboten. Bald nach der Hochzeit seiner älteren Cousine war Hans Eick- stedt hierher übergesiedelt. Seine Mutter war selbst gekommen, in der geräumigen, freundlichen Giebelstube die weißen Vorhänge an den Fenstern aufzustecken, sie hatte einen Blumenstrauß ayf die alte Commode unter den Spiegel gestellt, den Schreibtisch in das beste Licht rücken lassen und mit der Frau des Verwalters überlegt, was der Herr Doctor zu Frühstück und Mittag be kommen solle. Es behagte ihm hier ausnehmend und er meinte manchmal, er sei eigentlich zum Landwirth geboren. Die friedliche Gleich mäßigkeit des Pflügens, Säens und Erntens, fast unmittelbar an die Urzustände der Menschheit anknüpfend, war ihm sym pathisch. Er stand früh auf und machte einen raschen Gang durch die Felder, bevor er sich an seinen Schreibtisch setzte. Und wenn er durch seine beiden geöffneten Fenster in die Kronen der Bäume und weit über die fruchtbare Ebene mit ihren Feldern und Wqsdern hinaussah und das Girren der Tauben, das Brüllen der Kühe, das eintönige Raffeln der Dreschmaschine und die Zurufe der Leute in ihrem heimischen Platt hörte, all' diese ländlichen Geräusche, die wie das Plätschern und Murmeln eines ruhig fließenden Baches zusammengingen, so kam er in seine beste Arbeitsstimmung. Er war fleißig gewesen in diesen dritthalb Monaten, und es war ihm geglückt. Er fühlte alle seine Kräfte entfesselt, er lebte und athmete in einer leuchtenden Atmosphäre frohkräftiger Begeisterung, die ihn hob und trug und von der übrigen Welt sonderte. Es gab keine Schranken, keine Unmöglichkeiten mehr. Er fühlte sich auf der Höhe des Lebens, das Herz von Liebe und Hoffnung geschwellt, seiner selbst gewiß und sanft umgeben von zärtlicher Liebe, die an ihn und seinen Stern glaubte. Das,neue Drama war vollendet, und Hans war damit zu frieden. Er fühlte, es war ihm gelungen, zu körperlichen Ge bilden zu gestalten, was er in sich Irug, es war mehr als eine anständige Anfängerarbeit, es war ein Werk von Wucht und Bedeutung geworden, das er jetzt, losgelöst, wie es war, von seinem Ach. mit einem wunderlichen Gefühl von Staunen und Ehrfurcht betrachtete, wie eine Mutter ein Kind, das sie geboren, und in dem sie einen Keim göttlicher Herkunft gewahrt. Er legte seine Papiere zusammen und trug sie auf seine Stube. Jetzt mochte die Feder vorläufig ruhen. Diese Woche gehörte seiner Mutter, die letzte, in der er sie noch ganz für sich allein hatte, denn in acht bis zehn Tagen wurde der Guts herr von seiner Badereise zurllckerwartet. Hans stand an seinem Fenster und überlegte. Er war ein Narr gewesen, nicht zum Mittagessen nach Perkitten hinüberzu reiten. Die Arbeit war nicht daran schuld; er war mit der Flinte über der Achsel in den Feldern umhergelaufen, hatte Nachmitags ein paar Briefe geschrieben. — Ob er der Mutter den Willen that und heute gleich drüben blieb? — Sie hatte gescholten, weil er ihr nur die Abende gönne. Als ob das anders möglich war, so lange seine Arbeit ihn beherrschte. Die forderte Einsamkeit, Vertiefung — aber er wollte die Mutter schon schad los halten. Hans zündete gemächlich eine neue Cigarre an und fing an, seine Papiere zusammenzupacken. Das Manuscript des „Eisen königs" war schon drüben. Die Mutter hatte es mit ihrer schönen klaren Schrift ins Reine geschrieben und dabei ordentlich studirt. Ein rechtes Herz konnte sie nicht dazu fassen. Manches erschreckte sic, erschien ihr zu craß und radikal. Trotzdem flößte ihr das Ganze große Bewunderung ein, und sie war keineswegs urtheilslos. Die letzten Conceptbogen wollte er in die Tasche stecken für sie. Und sobald die Abschrift fertig war, sollte sie nach Berlin wandern. Im Umhergehen wechselte er seinen Anzug, warf einen Blick durch das Fenster und bemerkte auf dem Feldweg, der zumeist den Verkehr mit dem Hauptgut vermittelte, ein sich näherndes Gefährt. Bald erkannte er das offene Wägelchen mit einem Schimmel und einem Rappen davor, das Leibgespann seines Onkels, das dieser gern zu seinen Jnspectionsfahrten innerhalb seiner Grenzen benutzte und das auch seiner Mutter zur Ver fügung stand. Und sie war es auch! Schon von Weitem erkannte Hans ihren grauen Staubmantel und ihren blauen Schirm. Er sprang die Treppe hinab und eilte ihr entgegen. Sie ließ halten, stieg, auf seine Schulter gestützt, aus und hieß den Kutscher nach dem Hof hinauffahren, aber nicht ausspannen. Dann küßte sie ihren Sohn, nahm seinen Arm und ging langsam mit ihm im Schatten der hohen Baumwand, die den Garten begrenzte, auf dem grasbewachsenen Rain des Feldweges auf und nieder. Hans hatte früher seine Mutter kurzweg für die schönste Frau der Welt gehalten, und noch heute betrachtete er mit stolzem Wohlgefallen ihre anziehende Erscheinung. Etwas matronenhaft war sie seit dem Tode ihres Gatten geworden, aber ihre Ge sundheit hatte sich im letzten Jahre gekräftigt, und die weiche Fülle und Rundung der Formen stand ihrem feingebauten Körper gut. Ihr kastanienbraunes Haar hatte nur an den Schläfen einen leichten Silberton bekommen, ihre schönen blauen Augen, die Augen ihres Sohnes, blickten wieder heiter, zuweilen strahlend, munter und voll inniger Zärtlichkeit, wenn sie die seinen suchten. Sie verstand sich mit vornehmer Einfachheit und doch in einer Weise zu kleiden, daß die Vorzüge ihrer Farben und Formen ins Licht gestellt wurden. Heute war sie ganz besonders hübsch. Ihre Wangen hatten mehr Farbe, ihr Auge einen feuchten Schmelz, der es noch wärmer und seelenvoller machte als es an sich war. Sie schien bewegt, ihr Ausdruck wechselte zwischen sonniger Heiterkeit und beklommener Unsicherheit. „Jetzt komme ich Dich holen, Du Einsiedler", rief sie. „Wie Du Dich hier versessen und vergrübelt hast. Nichts hab' ich von Dir gehabt oder so gut wie nichts dies ganze Vierteljahr. Ja, man hat nicht umsonst einen Sohn, der eines Tages ein berühmter Mann sein wird. Nicht wahr, wie heißt es im Taffo? — Denn wenn die Nachwelt mitgenießen soll, So muß des Künstlers Mitwelt sich bescheiden." „Taffo — natürlich!" sagte Hans mit einer Grimasse. „Unter dem thun wir es nicht. Weißt Du was, Mutter? Ich freue mich kindisch auf diese acht Tage mit Dir allein. — Weißt Du noch, früher in den Ferien, wenn Du im ganzen Hause und Garten gesucht wurdest, bis wir endlich zusammen von einer Streife durch den Wald nach Hause kamen, mit nassen Füßen, hungrig, wilde Hopfenranken um die Schultern und Farnkraut büschel in den Händen." „Ja, der Vater ist manches Mal böse geworden, wenn ich zur Unzeit fehlte", sagte Frau Eickstedt, lächelnd und seufzend. „Es war aber doch zu schön", fuhr Hans fort. „Unsere berühmt,. Argo, auf der wir uns zu Entdeckungsfahrten ein schifften, mit gehörigen Butterbröden für die Seereise. Weißt Du noch, wie wir uns einmal im Rohrwinkel festfuhren? Und ich ins Wasser sprang, um uns flott zu machen?" „Was hab' ich da für Angst ausgestanden! Wie ich Dich wieder an Bord holen mußte, pudelnaß, wie Du warst, und der Kahn beinahe umschlug, und mein neues Batistkleid von oben bis unten mit grünem Schlamm bespritzt! Ich konnte es nicht mehr anziehen, und der Vater mochte mich so gern darin." Sie lachten zusammen bei diesen und anderen Erinnerungen. Endlich sagte Frau Eickstedt: „Hör' 'mal, Hans, ich muß Dich nur vorbereiten. Es wird Dir nicht lieb sein, aber — das kommt davon, wenn man Alles auf die lange Bank schiebt. Dein Fleiß ist schuld daran, und Du mußtest darin ganz Deinem Sinn folgen, aber nun sei auch nicht schlimm, wenn Dir etwas gegen den Strich geht." Onkel Rudolf ist nämlich schon hier. Er überfiel uns heute Morgen ganz heimtückisch, es hätte ihm passiren können, daß er in ein Chaos von Reinmachcrei hinein gerathen wäre, ich war nur froh, daß das beseitigt und Alles in Ordnung war." Trotz der Vorbereitung machte Hans ein finsteres Gesicht. Die Ueberraschung war ihm noch viel unangenehmer, als er zeigen mochte. „Was focht ihn denn an?" fragte er. „Er wollte doch nach Venedig." „Ja^bis Venedig ist er auch gerade gekommen. Einen Tag war er dort, dann that es ihm leid, all' die Herrlichkeiten allein zu genießen — er bekam es mit dem Heimweh — na kurz — von schnellen Entschlüssen ist er, wie Du weißt — er setzte sich auf und kam mit dem nächsten Zuge nach Hause. Er sieht — un berufen! — vortrefflich aus und fühlt sich auch ganz frisch." Hans pfiff leise durch die Zähne. „Heimweh! Einen Tag in Venedig!" murrte er. Er war voll stillen Ingrimms, und die Vereitelung seiner ersehnten Feiertagsfreude schien etwas Unüberwindliches. Was hatte er von der Mutter, wenn sie nicht für ihn allein da war? Dann konnte er ebenso gut hier bleiben. — Arbeit und immer wieder Arbeit! — Die Arbeit und die Einsamkeit ekelten ihn plötzlich an. „Er ist der Herr!" sagte er mit ironischer Ergebung und fuhr dann halblaut heftig fort, indem er stehen blieb und den Arm seiner Mutter fester an sich drückte: „Wie lange soll diese Sklaverei dauern! Wie lange sollen wir es von den Launen und Einfällen Fremder abhängig machen, ob wir uns sehen dürfen oder nicht?" „Aber, Hans, wie redest Du!" erwiderte Frau Eickstedt mit liebevollem Vorwurf. „Als ob Onkel Rudolf als Fremder zwischen uns stände! Ich hoffe und wünsche so sehr, daß Du ihm jetzt, wenn Du nach Perkitten übersiedelst und freien Kopf und freie Zeit hast, innerlich näher treten wirst —" „Nein, Mutter, gieb Dir keine Mühe deshalb. Offen ge standen — ich komme lieber nicht nach Perkitten. Ohnehin muß ich bald nach Berlin zurück." „Aber, Hans!" Die Augen der Frau Eickstedt füllten sich langsam mit Thränen. „Ist das recht? — Nach Allem, was Onkel Rudolf für uns gethan hat — und in so einzig zart fühlender Weise?" „Ich weiß ganz genau, was ich von ihm zu halten habe, und was ich ihm Deinetwegen schuldig bin, Mutter. Aber ich muß in Berlin meines Stückes wegen Schritte thun, und zwar mög
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