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„Weniger Protestantismus, mehr Evangelium!" so lautete das Mahnwort eines alten Kämpfers auf einer Generalversammlung des Protestantcnvereins, gleichsam sein Testament, mit dem er das Schwert nicdcrleqte. „Weniger Protestantismus/mehr Evangelium!" das ist's, was unserer Zeit, was unserer evangelischen Kirche not tut. Luther hat zu seiner Zeit gegen Rom seh: geeifert und wußte eS auch; denn Rom war damals das Haupthindernis für innere Er neuerung der Kirche und des Volkes. Aber der Kampf gegen Rom war nur Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck Das Alte mußte beseitigt werden, damit, bas Neue, was ja im Grande genommen das Uralte und^Ursprüngliche war, nämlich das lautere Wort Gottes in der Bibel, wieder zur Geltung kommen, und an den Herzen der Menschen seine sittlich erneuernde Kraft bewähren könne. Darauf aber kommt es an, auf die sittliche Erneuerung. Auch heute ist's wieder ähnlich, wie in den Tagen der Reformation! Viel wirkliche und zum Teil auch eingebildete Not herrscht in der Welt, viel Unzufriedenheit Da tauchen an den verschiedensten Stellen Propheten auf, die Abhilfe versprechen. Aber die Abhilfe kann nur kommen, wenn mit Reformen in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung dir innere und sittliche Erneuerung unseres Volkes Hand in Hand geht. Wer reformieren will, muß es wie Luther tun, muß von innen heraus reformieren. Das kann aber nur, wer selbst in Gottes Wort tief gegründet ist, auf dem Boden des Evangeliums steht und in Gott und unserem Heiland Jesus Christus seinen einzigen Trost und seine Stärke hat. Nur, wer so steht, dem kann es unter Gottes Beistand ge lingen. Weniger Protestantismus, mehr Evangelium! x Erziehung zur Politik. Es soll in den nachfolgenden Zeilen nicht der Versuch gemacht werden, einer unserer politischen Parteien besonders das Wort zu reden, sondern im Gegenteil nur der Punkt hervorgchoben werden, in dem sie alle einig sein müssen, sofern ein patriotisch, königstrcu gesonnener Mann in ihnen Platz finden kann. Nicht die oft nur in Nebendingen vor handenen Gegensätze zu vertiefen gilt es, sondern das ge meinsame Ziel zu betonen, wie man es wohl, ohne auf Widerspruch zu stoßen, zusammeofassen kann in den Worten: „Mit Gott für Kaiser und Reich." Es stände besser um unser öffentliches Leben, wenn man sich stets klar wäre, daß es etwas Gemeinsames gibt, dem alle staatserhnlienden Parteien dienen, wenn auch jede aus ihre Weise. Der Geist kleinlichen Haders, der unser öffent liches Leben nur zu oft beherrscht, würde dann nicht empor kommen, und unser Volk würde sich den großen nationalen Aufgaben, die unS eine ruhmreiche Vergangenheit aufgespart hat, besser widmen können. Nicht zu trennen, sondern zu sammeln, zu einigen gilt es die staatserhaltenden Männer, und zwar nach zwei Seiten: Erstens um das zu erreichen, auch mit Opfern an Gut und Blut, was das Vaterland, die nationale Ehre und das Wohl deS Volkes erheischen, und zweitens, um abzuwehren den Geist vaterlandsloser G sinnung, wie er in der Sozialdemokratie verkörpert ist. Doch auch hier wird es unsere Ausgabe sein, bei aller Schärfe gegen die zielbewußten Vertreter deS Umsturzes, von ihnen die große Menge der Betörten zu unierscheioen, die sich ihnen aus Mangel an eigenem Urteil als Mitläufer auschließen. Sie sind Söhne desselben Volkes, Blut von unserem Blute. Ueber dem Kampfe, den uns ihre Partei ausdrängi, dmfen wir nie vergessen, daß der schönste Sieg für uns ist, die Mißleiteten über die verderblichen Ziele der Umsturzparlei aufzuklären und aus ihrer Verirrung zurück zuführen zu den grundlegenden Wahrheiten des politischen Lebens, die wir zusammengefaßl haben in den Worten: „Mit Gott für Kaiser und Reich." Noch mehr gilt diese Selbstbeherrschung und Sclbst- beschränkung naturgemäß, wo das Verhältnis zum Auslande in Betracht kommt. Hier muß der besondere Partetstand- punkt des einzelnen noch mehr zurücktreten und als alleinige Richtschnur für unser Verhältnis zu den anderen Mächten das Wohl des eigenen Landes in den Vordergrund rücken. Es darf gar keinen anderen Leitfaden für unsere nationalen Neigungen und Abneigungen geben als diesen, und wer sich dem nicht fügen kann und fügen will, der handelt gegen das Wohl deS Vaterlandes, das ihm himmelhoch über allem Parteivorteil stehen muß. Selbstverständlich kann sich jeder über das, was in anderen Ländern vorgeht, eine eigene Meinung bilden. Aber er darf nicht verlangen, daß sein Urteil maßgebend sei für die Haltung, die Deutschland zu diesen Mächten einzu- nehmrn hat. Kein Land wird sich derartige EinmischungS- gelüste von anderer Seite gefallen lassen. Die natürliche Folge einer solchen Politik wäre, daß wir uns ohne Not Feinde machen und darüber den Blick verlieren für diejenigen Beziehungen zu anderen Mächten, die uns nützlich sind. Das weiß keiner besser als Kaiser Wilhelm II., wie seine unlängst im Bremer Ratskeller gehaltene glänzende Rede bewiesen hat. Auch in der Politik können wir viel von unserm Kaiser lernen. Iß da» noch protestantisch? Die „Germania" kann sich einmal wieder zur Abwechselung auf das abfällige Urteil „eines Protestanten" über den Evangelischen Bund stützen. Gü handelt sich um den evangelischenRcichötagsabgeordneten ColShorn (Welfe), der den Wahlkreis Mellc-Düpholz verteilt und überdies sich dem Zentrum als Hospitant angeschloffen hat. Dieser einer recht viel, fettigen Weltanschauung zuneigende deutsche Reichstagsabgeord nete hatte bereits vor einem Jahr die evangelischen Wähler des Kreises gewarnt, dem Evangelischen Bunde bctzutrelen. Jetzt wird eine Ansprache bekannt, die er in Neuenkirchen gegen den Evangelischen Bund gerichtet hat. Ganz nach dem Muster seiner katholischen Freunde wirft sich hier Herr ColShorn zum Ketzer- rieh ter auf und beanstandet den angeblichen Mangel an Be- kenntniSireue bet einem Teile der Mitglieder des Evangelischen Bundes. Unwillkürlich fragt man sich da, woher dem Herrn, der den Verordnungsblatt der Kreishauptmannschaft Bautzen zugleich als ttonsistorialbehörde der eberlausitz. A m t s ö latt der Amtshauptrnannschaften Bautzen und Löbau, des Landgerichts Bautzen und der Amtsgerichte Bautzen, Schirgiswalde, Herrnhut und Bernstadt, des Hauptzollamts Bautzen, ingleichcn der Stadttäte zu Bautzen und Bernstadt, sowie der Stadtgemeinderäte zu Schirgiswalde uud Weißenberg' Organ der Handels- « nd G e w c r b e k a m m e r zu Zittau. Verantwortlicher Redakteur Arno Zschuppe (Sprechstunden wochentags von 10—11 und von 3—4 Uhr). — Telegramm-Adresse: Amtsblatt Bautzen. Fernsprcchanschluß Nr. 51. Tttt Banpener Nachrichten erscheinen, mit NuSn-chme der Sonn- und Festtage, läqlich abends. Preis des vierteljährlichen Abonnements 3 Jnscrtionsgebühr für den Raum einer Petit- -rpatizeiie gewöhnlichen Seche» 15. S, in geeigneten hatten unter Gcwähnmg non Rabatt; Mem-, Tabellen- und anderer ichwieriqer Sah entsprechend tenrcr. Rnchwcisgebnhr siir ,ede An,eiqr and Mcrtton 2<> Psg.. für briefliche J-iir Aufnahme vtM -luzcigeu uud Nrklamru an lwstillttnttr Stelle wird seine -tnautic ilbernvmmctt. Nur bis früh tO l!hr eingcheude ^uferate finden noch in dein abends erscheinenden Blatte Aufnahme. "WAI Inserate nehmen die Gejchänsstell. des Blattes und die Annoneenbureaus an, desgleichen die Herren Walde in Löbau, Claus, in Weidenberg, Lippi,sch ir. Schirgiswalde, Gustav KrSling in Bernstadt, Buhr in Nnnchsbain bei Oflnv, Reusmcr in Ober-Emmers-ars und non L'"d^„on in Nr. 253. Montag de« 80. Oktober, abends. 1905. Des Reformationsfestes wegen erscheint die nächste Nr der Bautzener Nachrichten Mittwoch, den l. November l90-> abends. Kirchenkollekte. Das evangelisch-lutherische Landeskonsistorium hat durch eine in Nr. 8 des dies jährigen Veroidnungsblattes abgedruckten Verordnung vom 5. dieses Monats für de« 23. Sonntag «ach Trinitatis, — 26. November (Totenfest) — dieses Jahres eine allgemeine Kirchenkollekte für den Kirchenbau in Kipsdorf angeordnct. Die evangeliich-lutherischen Pfarrämter der Oberlausitz werden angewiesen, die Kollekte nach vorheriger, am 22. Sonntag nach Trinitatis, sowie am Tage der Kollekte selbst zu bewirkender Abkündigung zu veranstalten. Der Ertrag der Kollekte ist unter Beobachtung der Vorschriften der Verordnung des evangelisch-lutherischen Landeskonsistoriums vom 19. Oktobcr19O3 (Verordnungsblatt 1903 Seite 86 flgde.) bis spätestens den 5 Dezember 19V5 an die Kaffe der unterzeichnete« Königlichen Kreishauptmannschaft einzuscnden. Bautzen, am 26. Ok ober 1905. die Königliche Kreishauptmannschaft als Konsistorialbehörde. Huudesperre. Nach einer Mitteilung der k. k. Bczirkshauptmanuschaft Schluckeuau ist am 25. d. Mls. in den Gemeinden Ober- und Niedereinsiedel und Labendau ein Hund ohne Maulkorb und Sleueimarke, unbekannter Herkuust, frei umher gelaufen und in Oberetnsiedel getütet worden. Der Hund ist mit der VvIIva» behaftet gewesen. Die über den Ort Stetnigtwolmsd ors verhängte Hundespcrre wird daher bis mit 25. Januar 1906 verlängert. Ba Upen, am 29. Oktober NWS. Königliche Amtsbauptmannschaft. Einkommen- und Organzungöstener-Dettaratton auf das Jahr 1906. Den steuerpflichtigen Personen, denen Aufforderungen zur Deklaration ihres Einkommens und ergänzungS- steuerpflickiigeu Vermögens sür die Einkommen- und Ergänzungssteuer-Eioschätzung aus daS Jahr 1S06 nicht zugestellt werden, steht es nach 8 48 der Ausführungsverordnung zum Einkommensteuer Gesepe vom 24. Juli 1900 und 8 16 der Ausführungsverordnung zum Ergänzungssteuergesepe vom 2. Juli 1902 frei, Deklarationen über ihr Einkommen und ergünzungSstcuerpflichtiges Vermögen bis zum 2«. November 1905 bet der unterzeichneten Behörde einzureichen. Die Formulare hierzu werden »neutgelllich bei unserer Stadthauptkasse verabsolgt. GieiLz'ilig werden alle Vertreter von Personen, die unter Vormundschaft oder Pflegschaft stehe«, sowie alle Berlreicr von juristtichen Personen lSüftungen, Anstalten, eingetragene Genossenschaften, Aktien- gefellschasten, Kommandttgefellfchaften aus Aktien, Gesellschaften mti bcschiänkter Haftung, Berggewerkschasten w.), sowie die Vertreler von sonstigen mit dem Recht« des Bermögenserwerbes ausgestatteten Persouenverciuen und Vermögensmassen ausgefordert, sür die von ihnen Vertretenen, soweit diese ein steuerpflichtiges Einkommen uud ergänzuugssteuerpflichitgeS Vermögen haben, Deklaration«» bei der unterzeichneten Behörde auch dau« einzuretchen, wenn ihnen keine besondere Aufforderung zugestellt wird. Wer zur E'gänzungssteuer beitragspflichtig ist, ist aus 88 2, 3 und 5 des «»gezogenen Ergänzuugs- steuer-Gesetzes ersichtlich. Baupeil, am 28 Oktober 1905. Der Stadtrat. vr. Kacubler, Oberbürgermeister. Wzl. Zum Rcformationsscst. Es geht durch unsere Zeit das Streben, gewisse in die Woche fallende Festtage abzusHaffen. Während wan auf der einen Seite neue Feiertage schaffen will, wie den „Welt- feiertag" am 1. Mai, während man nicht nur Tage, sondern Wochen, ja Monale hindurch in unsinnigen, nutzlosen Streiks die Arbeit luhen läßt, während man sich nicht scheut, zu den alten Volksfesten immer wieder neue Feste zu eifii.deu, welche dem Volke Zeit und Geld rauben, man denke nur an die Heimatfeste — sind den Leuten die alten kirchlichen Feste ein Dorn im Auge, sobald sie mitten in die Woche fallen. Man will sie abschaffen und für die Arbeit rekla mieren. Zunächst ist es das Epiphanienfrst und drr erste Bußtag, gegen die sich die Agitation richtet. Sie sollen aus den nächsten Sonntag verlegt werden, wie es bereits in Preußen und anderen Ländern der Fall ist. Aber sind sie einmal gefallen, dann kommt das Reformationsfest an die Reihe, gegen welches sich dieselben Gründe geltend machen lassen. Sachsen feiert das Reformationsfest als besonderen Festtag, und es hat guten Grund dazu; denn es ist dir Wiege der Reformation. Und es gibt wohl, die hohen kirchlichen Feste, Weih nachten, Ostern und Pfingsten ausgenommen, kein Fest, welches unserem Volke so ans Herz gewachsen wäre, und welches mit solcher Innigkeit und Begeisterung in unserem Lande gefeiert wird, und zwar von den Angehörigen der verschiedensten ktichlichen Richtungen, wie gerade das Re formationsfest. Was aber würde aus dem Reformations- fcste weidrn, wenn es auf den nächsten Sonntag verlegt würde? Es würde allmählich aus dem Volksbewußtsein verschwinden, wie die Aposteltage, das Johanntsfest, das MichaeliSfest u. a. aus dem Volksbewußtsein verschwunden sind, und kaum drr Name würde als schwache Erinnerung übrig bleiben! Nein, die Tat, die am 31. Oktober 1517 geschehen ist, ist es wert, daß ihrer immer und immer wieder gedacht wird, und wie jeder Mensch seinen Geburtstag feiert im dankbaren Aufblick zu Gott, so hat auch die evangelisch lutherische Kirche das Recht und die Pflicht, ihren Geburts tag zu feiern und sich dankbar der Segnungen zu erinnern, vir ihr aus dem Werke der Reformation zugrfloffen sind. Dabei hardelt es sich nicht sowohl darum, den alten Gegensatz zwischen Katholisch und Protestantisch immer wieder hervorzukehren, wiewohl einem faulen Frieden und einer Ueberkleisterung der einmal vorhandenen Gegensätze durchaus nicht das Wort geredet werden soll, und in unserer Zeit noch weniger als je; sondern eS handelt sich darum, daß wir das Reformationiwerk in uns täglich und stündlich fort setzen und uns erneuern müssen durch stete Schärfung deS Gewissens und festere Begründung im Glauben, bis wir gar nicht anders können, als daß wir mit Luther immer wieder von neuem protestieren gegen alle uns zugemuteten Irrlehren, mögen sie nun von Rom oder Babel, von Buddha oder von Nietzsche kommen, und unS immer fester gründen auf dem einigen Grund- und Eckstein, der gelegt ist zum Heil in Zeit uud Ewigkeit, welcher ist Jesus Christus.