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Bezugspreis: Monatlich 1 Mart. Einzelpreis: 10 Pfennige. Anzeigenpreis: Die Sgespallene Pelilzeiie oder deren Naum 15 Pfennige, in geeigneten Fällen Ermähigung. Schwieriger Satz entsprechend teurer. Reklamen: Die 3gcspaltene PelitzeUe 50 Pfennige. Dienstag, de» 5. Jnli 1910, abends. 1ÄV. Jahrgang. Verordnungsblatt der KreiShauptmannschaft Bautzen als Konsistorialbehörde der Oberlaufitz. Amtsblatt der Amtshauptmannschaften Bautzen und Löbau, des Landgerichts Bautzen und der Amtsgerichte Bautzen, Schirgiswalde, Herrnhut und Bernstadt, des HauptzoUamts Bautzen, ingleichen der Stadträte zu Bautzen und Bernstadt, sowie der Stadtgemeinderäte zu Schirgiswalde und Weißenberg. Organ der Handels- und (Kewerbekammer zu Zittau. Erscheinungsweise, Täglich abends mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. »chriftleitung und Geschäftsstelle: Bautzen, Innere Lauenstrahe 4. Fcmfprecher: Nr. 51. — Drahtnachricht: Amtsblatt, Bautzen. Ar. ISS. Tas Wichtigste «am Tage. * Seine Exzellenz Graf v. Könneritz, der frühere lang jährige Präsident der Ersten sächsischen Kammer, ist gestern g e - st o r b e n. * In der elsah-lothringischen Verfassungs frage ist durch eine Besprechung der maßgebenden Persönlich keiten zwischen Reichs- und Landesregierung eine Einigung erzielt worden. * Das M i l i t ä r l u f t s ch i f f „öl III" ist gestern abend kriegsmäßig ausgerüstet zu einer Fahrt nach Eotha ausge stiegen. Heute morgen ist das Luftschiff bei Riesa (Elbe) gelandet. Die Weiterfahrt nach Eotha erfolgt morgen, Mittwoch. * Graf Zeppelin äußert sich in einem offenen Briefe an die Deutsche Luftschiffahrts-Aktien-Gesellschaft Uber die Katastrophe der „Deutschland". * Die Teilnehmer der Zeppelinschen arktischen V o r e x p e d i t i o n sind in Bergen eingetrossen. * Ein schweres Eisenbahnunglück hat sich in Nord amerika unweit Dayton (Ohio) ereignet. 38 Tote sind bereits geborgen. * Wetteraussicht für Mittwoch: Etwas wärmer, zeitweise Regen, später aufheiternd. * Ausführliches Uebe au endeie, Stelle Der Ministerwechsel in Preutzen. Während die Parteien der immer „entschiedener" wer denden Linken dem gegenwärtigen Reichskanzler all fingerslang ansinnen, daß er zurücktreten soll, hüllt sich zu allen entrüsteten Anrufungen Herr v. Bethmann Hallweg in Schweigen und — erneuert sein ganzes Ministerium, ohne der Oeffentlichkeit auch da nur die Möglichkeit vielen Ratens zu lassen, vorher. Natürlich bchagt das sehr vielen Blättern auch wieder nicht, obwohl sie sonst jeder Vorgang da oben schon um deswillen freut, weil man sich und die Leser ein Weilchen damit beschäftigen kann. Der Kanzler sollte doch auch der ihn kritisierenden Presse den Glauben lasten, daß er alle ihre Angaben gründlich durchüberlegt habe, bis er sich zu einer Aenderung entschloß. So etwas gebietet die einfachste Klugheit in den Tagen der siebenten Großmacht, und Herr v. Bethmann Hollweg muß sich manche ernstliche Änrempelung gefallen lasten, weil er nach dieser Seite keinerlei Rücksicht üben will . . . Wir müssen gestehen, daß uns seit dem Altmeister Bis marck das Wesen noch keines Kanzlers so erfreulich an- mutete wie das des Herrn v. Bethmann, der sich in der kurzen Zeit seiner Amtsführung — wie man aus den Blättern der Linken ersehen kann — aus dem weltfremden Philosophen zum Kleber, dann zum Schweiger und endlich zu dem Manne weiter entwickelt hat, der seinen Minister kollegen um der Behauptung der eigenen Stellung willen mit gröblichster Rücksichtslosigkeit begegnet. Unsere Zeit ahnt im allgemeinen nicht, wie die große Presse alles öffentliche Tun schwächt und in seiner Wir kung lähmt. Wohl gibt es auch Wege, sich eine gefügige Presse zu schaffen, die ihrem Heros willig das Fegefeuer erspart und ihn nach seinem Scheiden geradewegs in die Ruhmeshalle der Göttlichen schickt; Herr v. Bethmanns Vorgänger hat das bekanntlich verstanden. Aber dann ist ein Mann auch mit seinem Tun an die Neigungen seiner Lobpreisler gekettet. Uns gefällt ein Kanzler bester, der selbstbewußt auf das Lob der Presse verzichtet und ihren Tadel — dem er natürlich nicht entrinnen kann — mit Ge lassenheit erträgt, wenn er sich nur selbst auf rechtem Wege fühlt und vor allen Dingen weiß, daß sein Wollen größer ist als das Verständnis derer, die ihn tagaus, tagein mit ihren Maßstäben messen. Es scheint, als trüge Herr v. Bethmann solches Emp finden und solches Bewußtsein in sich. Ein anderer wird nicht in kurzer Zeit sein Ministerium erneuern, während das eine Parteienlager schon nach seinem Skalpe krächzt und das andere zum wenigsten nicht recht klar sieht, was es von ihm denken soll. Ein anderer wurstelt ein wenig weiter, gebärdet sich, als ob die Hirsekörner, die er wälzt, Erdbälle wären, und überlegt sich währenddessen, daß auch ein gewesener Kanzler noch immer eine ganz gute Figur macht. Solcherart ist also Herr Bethmann Hollweg nicht. Er hat offenbar Mut und Vertrauen zu seinem Wollen und zu seiner Kraft. Wenn unsere Zeit irgend etwas nötig hat, so ist es ein solcher Mann, der nach keiner Seite eine Schablone dar stellt, durch welche die politischen Parteien ihren Willen pausen können. Wenn uns irgend ein Mann dienen kann, so ist es ein solcher, der an sein Wollen und an seine Auf gabe glaubt und der festen lleberzeugung ist, es könne ihn nichts hindern, die vorgesteckten Ziele zu erreichen. Möchte es ,ihm gelingen, seinen neuen selbstgewählten Mitarbei tern den gleichen Glauben einzuflötzenl Nichts kann kleinlicher sein, als nun die neuen Mi nister in der Oeffentlichkeit an Hand ihrer bisher etwa be kannt gewordenen Parteistellung nach Gran und Unze ab zuwiegen. Denn auf Grund ihrer früheren Parteistellung sind sie nicht gewühlt. Sonst hätte es der Kanzler leicht gehabt, selbst einen Parteimann im gleichen Sinne zu spie len und sich die betreffende Partei aus solche Weise zum Mitlaufen durch Dick und Dünn zu verpflichten. Niemand wird aber so etwas vom gegenwärtigen Leiter unserer Reichsgeschäfte behaupten können. Man weiß von ihm nichts weiter, als daß er ein gesinnungsklarer, tiefdenken der und im besten Sinne deutscher Mann ist. Das wird er auch bei seinen neuen Mitarbeitern gesucht haben. Und wir hoffen, daß er's bei ihnen finde. Dann wird sein Mini sterium bald wieder ein Gesicht tragen, eine Körperschaft mit Persönlichkeitseigenschaften sein. Politische Nachrichten. Deutsches Reich. Konservative Versammlung zu Leichnam. Sonntag, den 3. Juli, nachmittag, fand im Gasthofe zu Leichnam eine konservative Versammlung statt. Da der Hauptredner erst eine Stunde später erscheinen konnte, nahm die Versammlung anstatt um 3, erst um 4 Uhr ihren Anfang. Inzwischen hatten sich recht viele kleinere Land wirte und Gutsbesitzer aus den benachbarten Dörfern ein gefunden, von den größeren, selbständigen Kntsbezirken der nächsten Umgebung war allerdings niemano zu bemerken. Der Einberufer, Herr Landwirt Fröhlich- Göveln, er öffnete unter einleitenden Worten die Versammlung und erteilte Herrn Generalsekretär Kunze vorn konservativen Londesoerein für das Königreich Sachsen das Wort zu dem angekllndigten Thema: „Konservativ oder liberal?" Die Ausführungen des geschickten Redners waren klar und leichtverständlich. Er beleuchtete zunächst die letzten Steuergejetze und bedauerte, daß die beabsichtig ten Steuern auf elektrisches Licht, auf den Umsatz der Groß mühlen, sowie die Sekt- und Jnseratensteuer und der Kohlenaussuhrzoll von Liberalen und Sozialdemokraten abgelehnt worden seien. Was blieb dann anders übrig, um die Finanzkalamität aus der Welt zu schaffen, als auf die Steuern auf Bier, Streichhölzer usw. zuzukommen. Diese Steuern hätten allerdings Entrüstung bei den So zialdemokraten hervorgerufen, die sie als einen Raubzug auf die Taschen des armen Mannes bezeichnet. Als an dieser Stelle des Vortrags von den anwesenden, wenigen Sozialdemokraten lebhafte Zurufe erfolgten, entgegnete der Redner schlagfertig: „Ja, warum haben Sie denn den Liberalen mitgeholfen, den Ansturm auf die Taschen des reichen Mannes abzuschlagen, indem Sie den Kohlenaus fuhrzoll, die Sekt-, Licht-, Umsatz- und Jnseratensteuer ab lehnten!?" Nach reichlich einstündigem, interessanten Vortage trat eine kurze Pause ein, während der sich Herr August Förster, Vorsitzender der organisierten Ar beiter-Ortsgruppe Großdubrau, und Herr Lehrer Schnei- der-Lommerau zum Wort meldeten. Die darauf fol gende Debatte war kurz und sachlich, nur Herr Schnei der streifte etwas weitliegende, in den Rahmen der Ver sammlung nicht recht passende Fragen. Herr Landtags abgeordneter Sobe dankte in kurzen Worten für seine Wahl und versprach, wenn es gewünscht würde, ein andermal gern wieder kommen zu wollen. Hierauf schloß Herr Fröh lich den öffentlichen Teil der Versammlung, welche lebhaft, aber dank seiner taktvollen Leitung, ohne jede unliebsame Störung verlief. Durch Namenszeichnung sich sofort ent schließender Zuhörer wurde noch der A n f a n g z u einer konservativen Vereinigung gemacht. Die wei teren Schritte wird ein provisorisch gewähltes Komitee von Vertrauensmännern unternehmen, deren Vorsitz Herr Fröhlich vorläufig annahm. Exzellenz vr. Graf v. Könneritz -s. Einer Drahtnach richt aus Wurzen zufolge, die wir bereits gestern durch Aushang bekanntgaben, ist gestern, Montag vormittag >410 Uhr, Se. Exzellenz 0r: Graf v. K L n n e r itz - Lossa, der frühere Präsident der Ersten sächsischen Ständekammer sanft und friedsam gestorben. Mit diesem Trauerfäll hat ein an Arbeit, Erfolgen und Ehren reiches Leben seinen Abschluß gefunden, das Leben eines Mannes; der seinem Könige und seinem Vaterlände an vielen Stellen und auf verantwortungsreichen Posten wertvolle Dienste geleistet hat. Richard Graf von Könneritz war am 29. Juli 1828 als Sohn des Wirtl. Geh. Rats Hans v. Könneritz zü Erd mannsdorf t. Sa. geboren. Nach Ablegung der Maturi tätsprüfung in Freiberg, bezog er 1846 die Universität Leipzig und machte im Jahre 185V den Akzeß beim Land ¬ gericht Bautzen. In dieser Zeit trat er zu den „Bautzener Nachrichte n" in engere Beziehung, in dem er bei der Redaktion unserer Zeitung mehrere Monate als Volontär tätig war. Noch im hohen Alter erinnerte sich der nunmehr Verewigte oft und gern dieser Zeit. Nach Ableistung der verschiedenen Prüfungen wandte er sich der Diplomatenlaufbahn zu. Er wurde zunächst Gesandt schaftssekretär in Berlin, 1853 Geschäftsträger in Han nover, 1862 Ministerresident in Brüssel, 1864 bis 1867 war er Gesandter in Petersburg und dann mehrere Jahre säch sischer Gesandter an den süddeutschen Höfen, bis er sich 1874 in das Privatleben zurückzog. Schon im folgenden Jahre jedoch wurde er durch das Vertrauen des Königs in die Erste sächsische Kammer berufen, wo er bald hervortrat' und 1877 in das Direktorium gewählt wurde, in dem er als Sekretär tätig war, bis ihn König Albert im Jahre 1891 zum Präsidenten der Ersten Kammer ernannte unter gleichzeitiger Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Titel Exzellenz. Dieses hohe Amt bekleidete der Verstorbene bis zum Schlüsse der Session 1903/04. Dann schied er aus der Ersten Kammer aus, um sich völlig vom öffentlichen Leben zurückzuziehen. Graf von Könneritz hat in den letzten 30 Jahren noch zahlreiche andere hohe Aemter bekleidet. So war er Vorsitzender des Landessynodalaus- schustes, Präsident des Landeskulturrates, Vizepräsident des deutschen Landwirtschaftsrates usw. Ferner ist er noch Dompropst des Domkapitels zu Meißen und Vorsitzender der Kreisstände des Leipziger Kreises gewesen. Die König liche Landesuniversirät Leipzig ehrte ihn im Jahre 1899 durch Verleihung der Würde eines Lr. jur. bvovris causa. Mit Graf Könneritz ist einer unserer bedeutendsten sächsi schen Diplomaten heimgegangen, dessen große Verdienste um unser Land von allen Kreisen dankbar anerkannt wer den. Als Mensch war der Verewigte geliebt und geschätzt wegen seiner sich stets gleichbleibenden großen Liebens würdigkeit. Im persönlichen Verkehr war er der Typus des Kavaliers der alten Schule, der jeden, der das Glück hatte, mit ihm in unmittelbaren Verkehr zu treten, durch den Charme seiner Persönlichkeit bezauberte. Seine Tüchtigkeit, sein Freimut und zugleich seine Leut seligkeit gaben seinem Namen auch in BUrgerkreissn einen guten Klang. Trotz der Grafenkrone war Könneritz ein echter V o l k s k o n s e r v a t i v e r; die Stadt Wurzen ehrte ihn seinerzeit durch Verleihung des Ehren bürgerrechts. Zunehmende Gebresten zwangen den Hoch betagten zur Niederlegung aller seiner Ehrenämter. In stiller Zurückgezogenheit hat der hochverdiente Greis den Spätabend seines arbeitsreichen Lebens auf Schloß Lossa verlebt. Er ruhe in Frieden! Der Fall Langhammer zieht sich seeschlangenartig durch die Oeffentlichkeit. Kaum ist die Sache einmal von der Bildfläche verschwunden, taucht sie von neuem auf. Vor kurzem hatte der Vorstand des nationalliberalen Vereins in Chemnitz sich einstimmig dem Urteil der Fraktion, wonach Langhammers Verhalten in der Tiag-Affäre nicht einwandfrei gewesen, angeschlossen. Eine am Sonntag einberufene Mitgliederversammlung des Vereins sollte dieses Votum bestätigen, allein nachdem Langhammer sein Verhalten dargelegt und im Anschluß hieran eine längere, oftmals stürmische Diskussion stattgefunden hatte, wurde nachts 2 Uhr eine Resolution angenommen, die, wie gestern bereits kurz gemeldet, dem Abg. Lang hammer das Vertrauen auch in der Tiag- Angelegenheit ausspricht. Der Vorstand, der natürlich gegen diese Resolution war, verließ vor der Ab stimmung den Saal. Damit ist der Krach im national liberalen Verein fertig. — Ein Zwischenfall, der sich wäh rend der Versammlung zutrug, macht übrigens von sich reden. Ein Vereinsmitglied machte auf die Anwesenheit von Vertretern des konservativen „Chemn. Tagebl." aufmerksam und protestierte dagegen. Der Vertreter dieser Zeitung, der nachweislich auch eine schriftliche Einladung zu dieser Versammlung erhalten hatte, verließ darauf die V e r s a m m l u n g. In der folgenden Nummer er klärte das genannte Blatt, daß es in dem Vorgänge eine gröbliche Verletzung des Gastrechts und eine Brüskierung der gesamten Presse erblicke. Wohin solle es denn kommen, wenn sich Vertreter der Presse beim Besuche von Versamm lungen nicht mehr auf ordnungsgemäß ausgestellte Legi timationen verlasten könnten. Generalleutnant von Liebert gegen die Chemnitzer „Volksstimme". Vor dem Schöffengericht Chemnitz sollte am Donnerstag die Beleidigungsklage des Vorsitzenden des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie, Herrn v. Liebert, gegen den verantwortlichen Redakteur der „Volksstimme", Bartels, der kürzlich wegen Beleidi gung des Landtagsabgeordneten Langhätztme« zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt wurde, verhandelt werden.