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«68 Latz auch Vereine gemeinschaftlich einen Ausflug machen, Latz sie „abends froh nach Hause kehren und segnen Fried' und Frtedenszeiten". Das Bild des Spazierganges im „Faust" ist gar reizvoll, wenn „aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, aus Handwerks- und Gewerbesban- den, aus dem Druck von Giebeln und Dächern, aus der Ströhen quetschender Enge" fröhliche Scharen sich durch Gälten und Felder ergießen. Aber das Bild dieser roten Sonntage trägt einen anderen Charakter. Die Arbeiter marseillaise gleicht so gar nicht einem frohen Jauchzen, und aus dem Wechselgeschrei der Menge klingt nicht harmlose Freude, sondern der Hah hervor. Man will formell in den Schranken des Gesetzes bleiben, aber man will dennoch provozieren, und man rechnet damit, dah schließlich auch Beamte keine Pagoden sind, sondern Nerven und Leiden schaft haben. Und wenn dann irgendwo der Säbel haut und die Flinte knallt, dann hat man erreicht, was man wollte, dann hat man einen unerschöpflichen neuen Stoff zur Agitation gewonnen. Denn einen anderen Zweck kann man wirklich nicht verfolgen. Frühere Veröffentlichung der Handelsverträge. Die vielfachen Unzuträglichkeiten, die sich aus einer verspä teten Veröffentlichung der Handelsverträge ergeben, haben dem Handelsvertragsverein erneut Veranlassung gegeben, in einer an den Herrn Reichskanzler gerichteten Eingabe hiergegen vorstellig zu werden. Es wird darin ausgeführt, daß dem Reichstage schon seit geraumer Zeit handelspoli tische Vorlagen so kurz vor der Beratung zuzugehen pflegen, daß es den Mitgliedern des Reichstages unmöglich sei, vor der ersten Lesung eine gründliche Prüfung des Inhalts der oft recht umfangreichen Drucksachen vorzunehmen. Noch schwieriger sei es in den meisten Fällen für die Vertretun gen von Handel und Industrie, rechtzeitig zu den Vorlagen Stellung zu nehmen. Auch der letzte Vertrag mit Portu gal sei erst am 3. Dezember v. I. dem Reichstage zugegan gen und schon am nächsten Tage auf die Tagesordnung ge fetzt worden. Natürlich könne ein so komplizierter Ver trag in einer Frist nicht durchgearbeitet werden, die kaum zu einer flüchtigen Kenntnisnahme ausreiche. Auch nach der amtlichen Veröffentlichung sei eine Beurteilung dieses Vertrages durch die beteiligten Kreise unnötigerweise da durch erschwert worden, daß nur eine ganz unzureichende Anzahl von Exemplaren gedruckt worden war. Sowohl Handelskammern wie einzelne Firmen hätten dem Han delsvertragsverein geklagt, daß es ihnen unmöglich gewesen sei, sich ein Exemplar zu verschaffen. Solche Unzuträglich keiten bedürften einer baldigen und dauernden Abhilfe, um so mehr, als sie sich auch bei früheren Gelegenheiten in der gleichen Weise bemerkbar gemacht hätten. Zeppelin als „Wahlstörer". Die AachenerStadt- r a t s w a h l am 20. November v. I., bei der das Zentrum mit einer Mehrheit von nur neun Stimmen siegte, ist vom Bezirksausschuß für ungültig erklärt worden. In der Hauptsache hat Graf Zeppelin den Anlaß zu der Un gültigkeitserklärung gegeben. Als dieser am Tage der Wahl mit dem „2 II" über Aachen erschien,hob der Wahl vorstand den Wahlakt auf die Dauer von 20 Minuten auf. Hierin erblickte der Bezirksausschuß einen Grund für die Ungültigkeitserklärung. — Ein politisches und kultur historisches Kuriosum! WetterlL in Paris. Französische Studenten bereiteten dem elsaß-lothringischen Abgeordneten Abbe Wetterle auf seiner Durchreise in Paris eine Sympathiekund gebung. Die Studenten statteten dem „kleinen Abbe" einen Besuch ab und überreichten ihm eine Bronzestatuc. Herr Wetterle schien durch die Aufmerksamkeit sehr ge rührt. — Der Abbe würde gut tun, doch gleich bei seinen französischen Freunden zu bleiben! Da wäre ihm und Deutschland geholfen. Koloniales. Der Bau der südweftafrikanischen Nord-Südbahn Windhuk—Keetmanshoop hat nach einer telegraphischen Meldung des stellvertretenden Gouverneurs soeben von Keetmanshoop aus begonnen. Oesterreich-Ungarn. MeLitoperation infolge der Annexion Bosniens. Der Finanzminister hat dem österreichischen Ab geordnetenhause eine Vorlage unterbreitet, durch die er zur Beschaffung eines Kapitals von 181 740009 Kronen im Wege der Kreditoperation ermächtigt wird. Das Ka pital ist hauptsächlich dazu bestimmt, den stark geschwächten Kaffenbeständen die Beträge wiederzuzuführen, die aus Anlaß der mit der Annexion Bosniens zusammenhängenden militärischen Vorbereitungen vorschußweise gezahlt wurden. Tie ungarische Wahlbewegung. Anläßlich der am Sonntag in Szegedin gehaltenen Programmrede des Grasen Tisza kam es zu großen Demonstrationen. Die sozialistischen Arbeiter empfingen ihn mit Abzugrufen und Rufen nach dem allgemeinen Wahlrecht. Tisza wurde aus der Menge mit faulen Eiern beworfen. Die Polizei trieb die Demonstranten auseinander. In Raczkeve kam es zu ernsten Zusammenstößen zwischen den Anhängern Kossuths und Justs. Großbritannien. Meine Begegnung König Eduards mit den Dreibund- «ouarchen. .Echo de Paris' dementiert die Nachricht, wonach eine Begegnung zwischen König Eduard und den Monarchen des Dreibundes in Aussicht genommen sei. Das Blatt hat ein Telegramm an den Sekretär König Eduards, Knolly, gerichtet, um Erkundigungen hierüber einzuziehen. Dieser sagte in seiner Antwort, daß er von einer solchen Begegnung nichts wisse und solchen Gerüchten auch keinen Glauben schenke. Zar Kinauzlage. Auf eine Anfrage im Unter Hause erklärte der Schatzkanzler Lloyd George, die Einbuße an Staatseinnahmen im laufenden Finanzjahr infolge der Ablehnung des Budgets werde annähernd auf 28500000 Pfund Sterling geschäht, aber man könne zurzeit nicht sagen, wieviel von diesem Verlust schließlich wieder ringe- bracht werden könne. Die Invasion im Kriegsspiel. Am Sonnabend spielte Lord Charles Beresford mit den ,Boy Scouts' Inva sion. Der Schauplatz der Operationen lag außerhalb Portsmouths. Die Boy Scouts halten die Aufgabe, die von derJnvafionsarmee in Automobilen ausgesandten Spione gefangen zu nehmen oder unschädlich zu machen. Dabei wurde mancher unschuldige Mensch, der zufällig einen Aus flug mit dem Automobil in die Nachbarschaft unternahm, angehalten und ohne Gnade nach dem Hauptquartier der Boy Scouts geschleppt. Die Spione spielten auch den Boy ScoutS bös mit; sie banden sie an Telegraphenstangen fest oder zogen ihnen die Stiefel aus, sodaß sie nicht leicht entwischen und Verstärkung herbeiholen konnten. Lord Beresford hatte gleichfalls die Rolle eines Spions der Jnvasionsarmee übernommen und es gelang ihm, drei ver schiedene Patrouillen von Boy Scouts .außer Aktion' zu setzen. Dann aber wendete sich das Kriegsglück. Beresford wurde von den Jungen gefangen genommen und mit seinem Automobil im Triumphe in Cosham eingebracht. Frankreich. Schnellerer Bau französischer Kriegsschiffe. .Eclair' meldet aus Brest: der Direktor der Marinebauten, Louis, hat beschlossen, daß die Panzerschiffe .Condorcet' und .Diterot', die augenblicklich in Saint Nazaire gebaut werden, früher, als ausbedungen, beendet werden müssen und bereits im Oktober in Brest abgeliefert werden sollen. Infolgedessen sind dringende Instruktionen an die Werk stätten ergangen, daß die Arbeiten beschleunigt werden. Spanien. Der Abschluß des Budgets von 1909 ergibt einen Fehlbetrag von 30 Millionen. Orient. Neber dieBesprechungen des serbischen Ministers Milo- wanowitsch mit den türkischen Staatsmännern wurde türkischerseits ein halbamtliches Kommunique ausgegeben, welches ein außerordentlicher Ministerrat genehmigt hat. Das Kommunique besagt, bei den Besprechungen sei fest gestellt worden, daß die Politik der Türkei und Serbiens auf der Erhaltung des Status quo auf dem Balkan beruhe. Gleichzeitig ziele diese Politik auf die Entwickelung der wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen beider Länder. Friedliche Beilegung der türkisch-bulgarischen Grcuz- zwischenfälle. Die .Times' berichten aus Konstanti nopel: Die ottomanische Regierungskommission, die be auftragt war, die Untersuchung über die türkisch-bulgarischen Grenzzwischenfälle zu führen, ist zurückgekehrt. Die Pforte hat sich mit der bulgarischen Regierung in Verbindung gesetzt. Die Frage dürfte auf gütlichem Wege gen gelt werden. Ueber das Verhältnis der Türkei zu Bulgarien sind in London einander widersprechende Meldungen eingetroffen. So hat der Korrespondent des .Standard' in Belgrad elegraphiert, daß Bulgarien neues Kriegsmaterial über Varna einführe. Ferner liegt eine Meldung des Kon- tantinopeler Korrespondenten desselben Blattes vor, der aus guter Quelle erfährt, daß die bulgarische Regierung hre Truppen an der Grenze verstärkt und alle trategisch wichtigen Punkte besetzt. Die militärpflichtigen ungen Leuten werden eingezogen und mit Waffen versehen. Der Korrespondent fügt hinzu, man könne nur hoffen, daß die bestehenden Schwierigkeiten nicht durch neue Grenzfälle vergrößert werden. Der Vertreter der .Times' in Konstan tinopel erwähnt diese Gerüchte ebenfalls, empfiehlt aber, sie nur mit Vorsicht aufzunehmen. Die türkische Regierung habe mit der bulgarischen Verhandlungen angeknüpft, um alle Streitigkeiten aus der Welt zu schaffen. " Afrika. Die Frage der Verlängerung der Suezkanal-Kon- zesfion. Die Kommission der Generalversammlung in Kairo hat ihren Bericht über die Verlängerung der Suez kanal-Konzesston fertiggestellt und sich gegen die Ver längerung ausgesprochen. Der Bericht muß aber noch von der Generalversammlung beraten werden, und die Regierung ist nicht an deren Votum gebunden. Neue Aktion des „tollen Mullah". Der Somali- Mullah hat sich in den letzten Tagen wieder unangenehm bemerkbar gemacht, denn er überfiel den englandfreundlichen Stamm der Burog, tötete 40 von ihnen und nahm ihnen 3000 Kamele ab. Amerika. Der Riesenstreik von Philadelphia. Der Chef des Sicherheitsdienstes in Philadelphia machte^ bekannt, daß der Aufforderung des Verbandes der syndizierten Arbeiter zum Generalstreik weniger als zwanzigtausend Arbeiter Folge geleistet haben. Die Arbeiterführer geben die Zahl der jetzt im Ausstand Befindlichen auf 125 000 an. Der Bürgermeister von Philadelphia erklärte, daß der Sym pathiestreik der in den Diensten der Stadtverwaltung stehenden Leute beendigt sei. Slratztuunruheu in Columbien. In Bogota, der Hauptstadt von Columbien, kam es zu Straßenunruhen, bei denen die amerikanische Gesandtschaft mit Steinen beworfen wurde. Den Anlaß zu den Straßen unruhen gab ein Streit zwischen dem Direktor der in amerikanischem Besitz befindlichen Straßenbahn und einem Polizeibeamten. Der Direktor wurde verhaftet. Der Pöbel suchte die Wagen der Straßenbahn zu zerstören und bewarf dann das Gebäude der amerikanischen Gesandtschaft mit Steinen. Das Personal der Gesandtschaft konnte sich in Sicherheit bringen. Später wurde die Ruhe wieder hergestellt. Bei Ler brafilanischen Präfideuteuwahl sind für Marschall Hermes da Fonseca im ganzen 365918, für Barbosa174 300 Stimmen abgegeben worden. Im Staat Sao Paulo erhielt Hermes nur 25541, Barbosa dagegen 86018 Stimmen. — Die .Zivilpartei' beschuldigt die Gegner des Wahlbetrugs und behauptet, daß eine Wahlprüfung zu Gunsten Barbosas ausfallen würde. Lord Rothschild-London sandte an Hermes ein ausführliches Glückwunschtelegramm. — In einer in Rio. Grande do S u l gehaltenen Rede versicherte Hermes, er werde ein treuer Diener des Staates sein und die Regierung energisch, aber mit ruhiger Ueberlegung führen. / / / Unpolitische Nachrichten. Hof ««d Gesellschaft. König Friedrich August ist gestern, Dienstag, von Korfu nach Pola abgereist. K ch * Der Kaiser in Wilhelmshaven. Der Kaiser unternahm am gestrigen Dienstag von 10 Uhr ab Besichtigungen auf der Kaiserlichen Werft unter Führung des Oberwerst-Di» rettors Konteradmirals D i ck und in Begleitung des Prin zen Heinrich und des Eroßherzogs von Oldenburg, der gegen 10 Uhr in Wilhelmshaven eingetroffen war. Besichtigt wurden die neuen Schiffsbauten, einige neue technische Einrichtungen, sowie die Fortschritte der neuen Hafenanlagen. — Hierauf begab sich der Kaiser mit dem Prinzen Heinrich und dem Eroßherzog von Olden burg gegen 1 Uhr zum Admiral Grafen von Baudissin zum Frühstück. Die Besichtigungen wurden nachmittags fort gesetzt. König Eduard von England hat gestern, Dienstag, vormittag in Paris dem Präsidenten Falliöres einen halbstündigen Besuch abgestattet, den Präsident Fallieres am Nachmittag erwiderte. Hierauf empfing der König den Prinzen Georg von Griechenland. König Gustav von Schweden hat gestern, Dienstag, von Stockholm aus seine Reisenach dem Süden angetreten. Das Ziel der Reise istCapMarti n. Doch wird sie erst in Schonen bis 15. Mürz und dann in Karls ruhe unterbrochen, wo gegenwärtig die Königin weilt. Eine große Menschenmenge brachte am Zentralbahnhofe dem König, der zum ersten Male nach seiner Krankheit in der Mitte seines Volkes erschien, lebhafte Kund gebungen dar. Der König reist im Auslande inkcmnito und wird nur von dem ersten Hofmarschall, dem Leibarzt, einem Adjutanten und seinem Privatsekretär begleitet. Oertliches. (Nachdruck unserer OrtginalarNkel nur mit deulUcher Quellenangabe „Barchener Nachr." gestatter.) Bautzen, 9. März Orgelkonzert in Ler Petrikirche. Im Anschluß an di« Orgelprobe, die Herr Prof. Karl Straube aus Leipzig, der vom Konsistorium beauftragte Sachverständige in Orgel bausachen, gestern, Dienstag, an der neuerbauten Orgel in unserer Petrikirche vorgcnommen hatte, fand ein Konzert statt, in dem Prof. Straube das gewaltige Orgelwerk der Gemeinde vorführte. Straube ist der gefeiertsten Oig lvirtuosen einer, im Vollbesitze aller Technik, durch und durch f.instnniger Musiker — also eine Berühmtheit ersten Ranges. Und die Orgel zu St. Petri gilt als ein Meisterwerk unsres einheimischen Orgel- baumeisters Eule, sowohl hinsichtlich ihrer technischen An lagen und Einrichtungen, als auch ganz besonders im Hinblick auf Stimmen klang und Stimmen glanz. An ihr wird Mozart s Wort zur Wahrheit, daß die Orgel die Königin unter allen Instrumenten sei. Ihr mächtiger Ton, ihre mannig faltigen Klangfarben geben ihr die Kraft, sich einem viel stimmigen Orchester ebenbürtig zur Seite zu stellen, denn der stretchende Ton der Violinen, der sanfte Flötenton und das Schmettern der Trompeten gelangt zu beinahe täuschender Wiedergabe. So großartig und vielgestaltig auch das moderne Orchester auftritt, so hat die Orgel in ihrer Entwicklung jener Vervollkommnung stand gehalten, und man sieht eS ihr in ihrem modernen Gewände nicht an, daß sie die sehr plebejische Abstammung vom Dudelsack und der Pm flöte aufzuweiscn hat. Befonders seitdem der Orgelton, der bisher kein unvermitteltes An- und Abschwellcn zulicß, durch Schwellapparate nach der Sette der Intensität hin willkürlicher Veränderungen unter worfen ist, also gewissermaßen eignes Leben erhalten hat, seit dieser Zeit ist die Entwicklung des Orgelbaues zu einer ganz bedeutenden Höhe gelangt. Von berufener Seite werden wir ausführlicher über die Orgel der Petrikirche zu lesen bekomrtien, sodaß wir auch nach dieser Seite des Rein-Technischen hin daS Meisterwerk Eules bewundern können. — Herr Prof. Straube trug der zahlreich erschienenen Gemeinde Werke von Max Reger, Franz Liszt und Johann Sebastian Bach vor. Mit diesen Tonwcrken hörten wir die Kunst der berufensten Orgel tondichter. Regers Werk: Phantasie und Fuge, ox. 46 über L-^-O-S ist eine gewaltige Huldigung dieses modernen Großen vor den Größten, dem Meister aller Meister, dem Künder höchster Kunst, von I. S. Bach. RegerS Werk ist durchweg kunstvoll. Ausgestattet mit allen kontrapunklischen Feinheiten, die nicht allein auf dem Papiere blenden, sondem vor allem auch in ihrer akustischen Wirkung vollkommen klar zur Geltung kommen, vermag dies Werk in seiner Größe der Anlage, in der Vielseitigkeit der Harmonik, in seiner gewaltigen Steige rung, in der bedeutsamen AusdruckSfähigkeit alles das im hellsten Lichte darzustellen, was der Schöpfer empfindet bei Gedenken und Sichversenken in den Namen und den Geist Bach s. Bei aller Modernität der Harmonik und Theorettk wirkt Regers Werk unmittelbar, und kein einziger Hörer kann sich dem BanneSkreis entziehen, in den ihr Regers gewaltige Tonsprache drängt. Liszts Variationen über den Lasso oov- tinuo des ersten Satzes der Kantate Bach S: „Weinen, Klagen, Sorgen, Jagen, Angst und Not, find des Christen Tränen boot" bieten den geistreichen indivtdmllen Zug Lisztscher Musik, die mit den farbenprächtigen Reizen des OrchcsterS bet aller Freiheit der Form nach Maßgabe der ideellen Vorstellung und der klanglichen Wirkung arbeitet. Die herrlichen Stimmen des Orgelwerkes in ihrer Vt.lseitigkeit bezüglich des Ton» charakters und der Tonstärke kamen hier unter Straubes Händen ebensoklarund deutlich zurGeltung, als wie bei Regers Schöpfüng die elementare Gewalt und vollendete Kraftfülle der Euleschen Orgel. Die Gegenüberstellung von Reger und Liszt ließ deut lich erkennen: hier das Schwelgen in Reichtum und Ueppig» keit der Farben bei blendend virtuoser Ornamentik, ein Taumel in atemloser Verzückung — dort die glaubensstarke Macht, die unbändige Gewalt, die „vernunfttragende Kraft" protestan tischer Musik. Den Beschluß brachte Johann Sebastian Bach selbst. Die O-äur Tovosts mit ^äsgio und Fuge, sowie die 0-woL kassaoaglia zeigten Straube als vollendeten Bachspieler, der wie kein anderer wohl — dazu berufen ist, die reichmr Schätze Bachscher Musik zu heben und in klingendes Gold auszugemünzen. Prof. Straube hat uns gestern das Meister werk EuleS vorgeführt in seiner ganzen Schönheit und Größe. Wir können stolz darauf sein, Zeuge davon gewesen zu sein, wie es ein Meister zu tönendem Leben erweckte. V.